Barthel
Beham: Karl V. Seit der Kaiserwahl und
nicht einmal im Kontext der Kaiserkrönung von 1530 war in Deutschland ein
Bedarf an neuen grafischen Blättern mit einem Bildnis Kaiser Karl V. entstanden.
Nur in Druckschriften wurde sein Porträt als Titelblattschmuck oder in
anderen Formen eingebracht. Erst mit dem zweiten Aufenthalt des Kaisers in Deutschland,
vor allem nach dem Reichstag zu Augsburg (1530), entstand Interesse an neuen
Bildern. Es konnte 1531 von Barthel Beham befriedigt werden. Der Hofmaler des
bayerischen Herzogs Wilhelm IV. schuf zwei aufeinander bezogene Kupferstiche
von Kaiser Karl V. und von seinem Bruder Ferdinand I., dem neuen römischen
König.[1]
Wer den Auftrag erteilte, ist unbekannt. Seine Grundlagen bildeten Studien,
die Beham im Juni 1530 während des Aufenthalts der Brüder in München
anfertigen konnte. Welchen Wert dem Bildnis Karls Zeitgenossen und Nachwelt
zusprachen, belegen nicht zuletzt Nachstiche, so auch später im wirkungsträchtigen
Werk von 1604 des Benedictiners Prudencio de Sandoval zu Geschichte, Leben und
Werk des Kaisers. [2]
Beide Bildnisse sind im Dreiviertelprofil vor dunklem Grund eingebracht, die
Blicke einander zugewandt und damit ebenso formal aufeinander bezogen wie durch
die Intitulatio in den Bildinschriften am jeweils unteren Bildrand. Beide Porträts
erscheinen von vorne beleuchtet und zeigen Kaiser und König jeweils „im
hellsten Licht“ (Heusinger). Sie sind datiert 1531, das heisst nach der
Wahl und Krönung Ferdinands zum römischen König.
Das Brustbild zeigt Karl mit kleinem schwarzen Barett und über einem schwarzen
Wams eine kostbare Schaube aus Samt mit goldenen Stickereien. Als einziges Zeichen
seines politisch hochstehenden Ranges und seiner gesellschaftlichen Bedeutung
trägt er das Goldene Vlies am schlichten Band. Das Bildnis strahlte uneingeschränkt
Würde und damit die Majestät des Kaisertums aus. Karl wird am unteren
Bildrand in einem lateinischen Distichon als Spross der Götter gerühmt:
PROGENIES. DIVVUM. QVINTVS. SIC. CAROLVS. ILLE / IMPERII. CAESAR. LVMINA. ET.
ORA. TVLIT. / AET(ATIS). SVAE. XXXI / ANN(O). M.D. XXXI.[3]
Diesen Pentameter hat Heusinger so übersetzt: Göttlichem Stamme entsprossen
trägt Karl V. / Kaiser des Reiches dieses Antlitz und diese Züge /
Im Alter von 31 Jahren im Jahre 1531. Die starke Ausstrahlung von Würde
legitimierte Karl und sein Kaisertum auch ohne entsprechende Herrschaftssymbole
und Zeichen, wie sie der Holzschnitt eines anonymen Meisters von 1532 zeigte.[4]
Diese Sicht des Kaisers war frei von Anspielungen auf die bereits offenkundig
gewordenen religiösen Probleme. Auch wurden die beiden Bildnisse nicht
im Dienste der habsburgischen Propaganda gefertigt, dennoch wirkten sie –
vielleicht ungewollt - in ihrem Sinne. Das grafische Bildnis des Kaisers in
der Mitte seines Lebens lässt sich als ein repräsentatives Porträt
einstufen, das ohne Bedenken rezipiert werden konnte. Mit diesem Kaiser als
‘Staatsoberhaupt der Deutschen‘ konnte sich fast jedermann identifizieren.
Kurt Löcher zählt es zusammen mit dem seines Bruders Ferdinand „zu
den vollendetsten ihrer Zeit“. Dieser Wertung schliesse ich mich uneingeschränkt
an. Wenn auch nach Löcher das Bildnis des Kaisers vornehmlich als ein Zeichen
bayerischer Loyalität dienen sollte, hätte es doch zusammen mit dem
Bildnis des römischen Königs, wenn die Zeit ein ‘Amtsstubenbildnis
des Reichsoberhauptes‘ gekannt hätte, zweifelsfrei dieser Aufgabe
gerecht werden können. Für einen solchen Zweck weniger geeignet erscheinen
- zumindest heute - die von Prachtentfaltung strotzenden Holzschnitte von 1530
und 1532 des Augsburgers Christoph Amberger, obschon seine Bildgestaltung nachgeahmt
wurde.[5] Beide Bildnisse zeigen den Kaiser als Halbfigur,
wobei offenbar Ambergers gemaltes Porträt des Kaisers als Vorlage gedient
hat. Besonders 1530 sollten kaiserliche Hoheit und Machtfülle durch die
Umrahmung unterstrichen werden. Etwa zur gleichen Zeit entstand ein Kupferstich
von Christoffel Bockstorffer.[6] Er stellte Karl gemeinsam
mit seinem Bruder Ferdinand in standesgemäß reicher Bekleidung, geschmückt
mit Collane und Goldenem Vlies, in dekorativer Umrahmung dar. Damit wird abermals
der Bildnistyp des Doppelbildnisses benutzt, der die habsburgischen Brüder
in ihrer Bedeutung für das Reich und zugleich in ihrer hierarchischen Ordnung
darstellt. [7]
Rainer Wohlfeil, Hamburg
[1] Abb. 1 und 2.: Barthel Beham, Kupferstich
Kaiser Karl V., 208 x 138 mm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, abgebildet
in: Werner Hofmann (Hg.), Köpfe der Lutherzeit, München 1983., S.
80f. Nr. 23; dto. Kupferstich König Ferdinand I, 205 x 131 mm, a.a.O.,
Hier nach Wien, Albertina Kupferstichkabinett *** Zu dem Bildnis s. Kurt Löcher,
Barthel Beham. Ein Maler aus dem Dürerkreis, München – Berlin
1999, 123–126‚ Kaiser Karl V. und andere Bildnisstiche‘ mit
Abb. 101. Rainer Wohlfeil, Grafische Bildnisse Karls V. im Dienste von Darstellung
und Propaganda, in: Alfred Kohler – Barbara Haider – Christine Ottner
(Hg.), Karl V. 1500 – 1558. Neue Perspektiven seiner Herrschaft in Europa
und Übersee, Wien 2002, S. 21 – 56, hier S. 37f. Christian von Heusinger,
Karl V. von Gossaert, in: Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien, Bd. 2,
Wien 2001, S. 9 – 72, hier S. 39ff. mit Nachweis älterer Literatur
in Fussnote 159. Bei Heusinger, S. 39, Abb. 24 und 25 aus Braunschweig, Herzog
Anton-Ulrich Museum, Kupferstichkabinett, illuminiert und mit Gold gehöht.
[2] Historia de la vida y hechos del emperador Carlos V, maximo,
fortissimo rey cathólico de España y de las Indias, islas y tierra
firme del mar oceano por el maestro fray Prudencio de Sandoval, su coronista,
obispo de Pamplona, 1604ff., 3 Bde Madrid 1955/56. Stich auch in Madrid, Biblioteca
Nacional, IH 1709-6. Der Nachstich zeigt neben unwesentlichen Abweichungen in
Teilen der Bekleidung eine andere Textanordnung und die zusätzliche Inschrift
‚Imperium Oceano: famam qui terminat astra?‘, abgebildet in: Grabados
alemanes de la Biblioteca Nacional (siglos XV – XVI), 2 Bde, Madrid 1997,
hier Bd. 1, S. 144f. Nr. 196. Zum Hexameter s. Heusinger, S. 40, Fussnote 159.
[3] Übersetzung Löcher: ‘Abkömmling der
Götter, wies des Reiches Kaiser Karl V. im 31. Lebensjahr im Jahr 1531
solche Ausstrahlung und solche Züge auf‘. Die Wiedergabe der Inschrift
weist bei Löcher irrtümlich die Jahreszahl XXIX auf.
[4] Anton Woensam (?), Holzschnitt, 184 x 132 mm, in: Madrid,
Biblioteca Nacional, IH 1709-8. Herkunft nach Paéz Rios, Iconografía
1, Madrid 1966, 473 unter 1709-8, aus: Friedrich de Nausea, Homiliarum Centuriae
tres, Köln 1532.
[5] Christoph Amberger, Holzschnitt, 426 x 264 mm, 1530, abgebildet
in: Kaiser Karl V. (1500-1558),. Macht und Ohnmacht Europas = Katalog, Bonn–Wien
2000, S. 310, Nr. 142. Christoph Amberger, Öl auf Lindenholz, 667 x 500
mm, in: Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie, Kat. Nr. 556, abgebildet
in: Hugo Soly (Hg.), Charles Quint 1500 – 1558. L’empereur et son
temps, Anvers 1999 = Katalog Gent, S. 406.
[6] Christoffel Bockstorffer, Kupferstich, 20,3 x 27,8 cm,
in: Madrid, Biblioteca Nacional, IH 1709-9, abgebildet in: Los Austrias. Grabados
de la Biblioteca Nacional, Madrid 1993, S. 57 Nr. 40, und in: Grabados alemanes
1, S..176 Nr. 271.
[7] Dazu s. Heusinger, a.a.O., S. 40f., Fussnote 162.