Richard Schrodt
Die neue Rechtschreibung – ein Ziel in Sicht
Erschienen in: Hans-Werner Eroms / Horst Haider Munske (Hgg.): Die Rechtschreibreform: Pro und Kontra. Berlin 1997, S. 209-217.
reform der rechtschreibung
ich bin gegen eine reform der rechtschreibung von solchem ausmass dass alle die bücher, die auf alte weise gedrukkt sind, schwer lesbar werden. die grossen buchstaben sollte man aber nur für namen und für die fürwörter in der anrede verwenden. (auch für den satzanfang nicht; da genügt der punkt und ein abstand.) die aussprache sollte in der rechtschreibung berücksichtigt werden. ich würde schreiben: er sang so dass man ihn hören konnte, sodass man wusste, in welcher stimmung er war. liebe darf man nicht libe schreiben und toll nicht tol. fisik scheint mir in ordnung, wase nicht. wer ins teater geht sollte einen zilinder aufsezzen können, aber mystik sollte er nicht vorgesezzt bekommen, lieber farsen. razion liest sich für mich nicht übel, aber razio geht nicht und nazion ist undenkbar, da habe ich einen schokk bekommen. lassen wir also lieber auch die rationem.
Bertolt Brecht, Schriften zur Politik und Gesellschaft (Gesammelte Werke Bd. 20), Frankfurt/Main 1967, S. 333f. (entstanden als Reaktion auf einen Beitrag von Wolfgang Steinitz in der Berliner "Wochenpost" Nr. 2, 1955.)
Diese Vorschläge für eine Rechtschreibreform sind zweifellos nicht nur originell, sondern geradezu revolutionär – jedenfalls dann, wenn man sie mit den Rechtschreibreformen vergleicht, die uns in der nächsten Zeit bevorstehen. Es ist schon erstaunlich, mit welchen Änderungen Brecht einverstanden wäre: Die Großschreibung am Satzanfang hält er für unnötig, tz wird vereinfacht, ck durch kk ersetzt, Fremdwörter gerade aus dem Bildungswortschatz dürfen weitgehend der deutschen Schreibweise angeglichen werden, und das immerhin zu einer Zeit, wo man vielleicht noch mit dem zilinder ins teater, also mit dem Zylinder ins Theater, gehen konnte. Dass razio doch ein wenig seltsam aussieht, mag verständlich sein, und die Schreibung nazion hatte damals vielleicht noch deutlich ein politisch belastetes Aussehen. Erstaunlich ist auch, dass Brecht offensichtlich nicht glaubte, dass nach einer solchen Reform die alten Bücher schwer lesbar werden. Das Vertrauen auf die Möglichkeiten einer sehr weit gehenden Reform war bei Brecht erstaunlich groß.
Ein ähnliches Vertrauen wäre heute wohl undenkbar, wenn man den Aufruhr über die Rechtschreibreform bedenkt. Dabei sind die aktuellen Reformen auf diesem Gebiet recht gering, jedenfalls mit dem verglichen, womit Brecht einverstanden gewesen wäre. Sie beziehen sich vor allem auf die Regelformulierung und auf Gebiete, die früher nicht eindeutig geregelt waren. Einschneidende Neuerungen gibt es vor allem bei der Zusammen-/Getrenntschreibung und bei der Groß-/Kleinschreibung (im Folgenden mit "GkS" abgekürzt). Wichtig ist auch noch die neue ß-Regelung, die sich deutlich auf die Länge des vorangehenden Vokals bezieht. Die Änderungen im Bereich der Interpunktion mögen der Anzahl der Regeln nach recht deutlich ausfallen, aber sie sind es nicht, weil man im Wesentlichen die Interpunktion auch nach den herkömmlichen Regeln setzen kann – wenn man das will. Die Worttrennung, über die man tatsächlich heftig diskutieren kann, wird heute meist durch Textprogramme erledigt: Deren Trennungsalgorithmen sind viel besser geworden als zur Zeit des Aufkommens der Textverarbeitung. Das zeigt jeder Zeitungsvergleich mit den alten Ausgaben. In der Handschrift nützt man normalerweise ohnehin nur einen Teil der Trennmöglichkeiten aus. Alles in Allem: Wenn in der Öffentlichkeit von einem "Reförmchen" die Rede ist, dann scheint das zunächst einmal durchaus berechtigt. Man kann auch öfters Aussagen hören und lesen wie etwa "Wenn schon eine Reform, dann eine eingehendere." Gemeint ist meist die Einführung der (gemäßigten) Kleinschreibung und manchmal auch eine Vereinfachung der Laut-Buchstaben-Beziehung, etwa bei der Längebezeichnung von Vokalen. Solche Aussagen führen dann meist auch zu weiterer Kritik: Es lohnt sich nicht umzulernen; die Änderungen sind so gering, dass sie eben deswegen besonders schwer zu beachten sind; die Kosten für die Einführung der reformierten Schreibungen sind unverhältnismäßig hoch usw. Auch Befürworter einer Reform können auf diese Weise die Rolle des Gegners spielen.
Die Refom ist, das ist wohl heute unumstritten, auf halbem Weg stehen geblieben. Warum das so ist und warum das vielleicht heute nicht anders geschehen konnte, das muss man wohl sozialwissenschaftlich begründen. Ich sehe hier Zusammenhänge mit der herrschenden politischen Kultur, mit einer symbolischen Politik, die zunehmend den Raum der politischen Aktionen bestimmt. Über die sozialpsychologischen Ursachen dieser Symbolisierung und Mythisierung der Politik mögen uns die Fachwissenschaftler belehren; sie seien hier einfach als Tatsache hingenommen. Die Tatsache ist: Nicht die inhaltliche Seite eines politischen Problems entscheidet, sondern "mehr oder weniger suggerierte Überzeugungen, die gegenüber empirischen Widerlegungen immun sind. Im letzteren Fall wird das Faktische und Beobachtbare einfach geleugnet und verdrängt [...]. Das Mythische und Unbeobachtbare dagegen wird öffentlich bekräftigt und geglaubt, da es allgemeine Zustimmung hervorruft." (Edelman 1990: S. 76) Wo die Äußerlichkeit zum Zeichen des Wahren wird, werden Änderungen im Äußerlichen zum Zeichen des Abfalls von der Wahrheit. Dazu kommen noch eine von den Medien geschürte Angst vor einem Kulturverlust, dessen genaues Ausmaß und dessen genauer Inhalt im Unklaren bleibt, und verschiedene Elemente einer konservativen Ideologie, die für die Reformgegnerschaft immer schon kennzeichnend waren. Ich habe das in einer eigenen Arbeit ausführlich belegt (Schrodt 1995), auch im Bereich der Rechtschreibreformen (Schrodt 1991), und will hier nichts wiederholen. Aus dieser Sicht besteht das größte Problem der Rechtschreibreform darin, dass es den Reformern bisher nicht gelungen ist, der Öffentlichkeit darzulegen, dass auch diese Hälfte des Weges eine gute Hälfte ist und wenigstens in die richtige Richtung führt. Das soll nicht als Vorwurf verstanden werden: Vielleicht konnte auch die notwendige Öffentlichkeitsarbeit nicht gelingen, eben weil die herrschende politische Situation und die Medienlandschaft dagegen steht. Die erfolgreiche Reform in Dänemark zeigt deutlich, dass in einer anderen Situation (politische Distanzierung von Deutschland) eine weiter gehende Reform möglich gewesen wäre.
Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Die andere Geschichte lässt sich anhand zweier Beispiele erzählen, die in den vorangegangenen Textanschnitten vorkommen, und einiger weiterer Beispiele, die ich den folgenden Text einbaue. Kenner und Kennerinnen der neuen Rechtschreibung werden schon bemerkt haben, dass ich in manchen Fällen gegen die neuen Rechtschreibregeln verstoßen habe. Sie sind vielleicht nicht ALLEN aufgefallen, und es mag vielleicht auch unmoralisch sein, ALLE Leser/innen zu unfreiwilligen Versuchspersonen zu machen, doch jetzt wird eines der Beispiele klar sein: Es handelt sich um das Wort alles. Wenn man es ohne ausführliche sprachwissenschaftliche Begründung zu formulieren versucht, so kann ein wichtiger Punkt in der reformierten Rechtschreibung etwa so formuliert werden: Alles, was (nach irgendeinem Kriterium) als Nomen verstanden werden kann, wird groß geschrieben. Die vieldiskutierte vermehrte Großschreibung sollte, wenn sie vernünftig sein soll, auch zu einer konsequenteren Schreibung führen. Das ist nun offensichtlich nicht gelungen: In der Wendung alles in allem müssen alle Wörter klein geschrieben werden, ebenso dann, wenn allen etwas auffällt. Man muss nicht Sprachwissenschaft studiert haben, um zu erkennen, dass das Pronomen hier in der syntaktischen Funktion eines Nomens steht (im Gegensatz zur Fügung alle Leser, wo dies nicht der Fall ist), weil man immer das Pronomen durch ein Nomen oder durch eine nominale Wortgruppe ersetzen kann: Die Fehler sind Sprachliebhabern/allen Lehrern/den Korrektoren aufgefallen. Bei der Wendung alles in allem gerät man vielleicht ein wenig ins Grübeln; aber nach längeren Grübeln wird man wahrscheinlich auch hier eher auf nominale Geltung entscheiden. Man wird hier an Wendungen wie A/alles in Butter oder A/alles in Ordnung denken. Wenn man das Wort in der Wendung mein Ein und Alles nach den neuen Regeln groß schreiben soll, so kann man sich fragen, warum man nicht auch hier groß schreiben darf. Das zweite Beispiel sei gleich angefügt: Wenn es um die GkS geht, dann darf man nach den neuen Regeln nur großschreiben und kleinschreiben, muss also jedenfalls beide Wörter zusammenschreiben (und nicht zusammen schreiben), ebenso die weitergehende Reform; nur anhand und an Hand sind nach Bertelsmann entgegen § 39 (3) des amtlichen Regelwerks freigestellt (und nicht frei gestellt). Duden erlaubt nur anhand.
An diesen beiden Beispielgruppen kann man gut erkennen, wohin der halbe Weg der Reform geführt hat. Besonders deutlich ist das bei der GkS: Weil die gemäßigte Kleinschreibung nicht durchgesetzt werden konnte, hat man versucht, die wichtigsten Problemfälle durch vermehrte Großschreibung zu lösen. Das ist durchaus konsequent und darf nicht polemisch als Zeichen der Wankelmütigkeit der Reformer verstanden werden, sondern als ein gut gemeinter Versuch, es den Schreibenden leichter zu machen. Nur wäre dieser Versuch erst dann wirklich konsequent gewesen, wenn alle Arten von (grammatischen) Nominalisierungen groß geschrieben werden. Das ist nun nicht geschehen. Die bisher geltende Rechtschreibung ist in vielen Bereichen nicht ein Produkt reiner Willkür, sondern die Folge einer Schreibentwicklung, die man geradezu systematisch nennen könnte, weil sie sich – im Gegensatz zu der jetzt eingeführten Reform – konsequent an den Bedürfnissen der LeserInnen orientiert. Man hat diese Art von Konsequenz möglicherweise bisher nicht ausreichend gewürdigt, und es ist zweifellos ein Verdienst des jüngst erschienen Buches von Horst Haider Munske (1997), an mehreren Punkten auf diese Konsequenz aufmerksam zu machen. Bei unserem Beispiel der Pronomina zeigt sich, dass es vor der Orthografiereform von 1901 Schreibtendenzen gab, die Pronomina in substantivischer Geltung groß zu schreiben (Ewald 1995). Pronomina sind eben nach einer bekannten Definition "Begleiter und Stellvertreter des Nomens". Die Möglichkeit der substantivischen Geltung gehört sozusagen zu ihrer Charakteristik als Wortart. Daher ist die Großschreibung als Substantiv nur konsequent, und man kann dem neuen Regelwerk den Verwurf nicht ersparen, diese Konsequenz nicht wenigstens durch eine kann-Bestimmung aufgenommen zu haben. Ob diese kann-Bestimmung im § 57 (3) steckt, scheint mir angesichts der zitierten Beispiele und des Verweises auf § 58 (4) fraglich.
Die GkS war nun freilich auch bisher problematisch geregelt, und die vermehrten Großschreibungen beseitigen wenigstens die bekannten Rechtschreibfallen wie (alt) in bezug/mit Bezug, neu nur mehr in/mit Bezug. Doch bleibt der § 58 im neuen Regelwerk (Kleinschreibung von Adjektiven, Partizipien und Pronomen in formaler Substantivierung) für mich ein Ärgernis und damit ein Kandidat für eine zukünftige Regelumgestaltung. Natürlich kann man jeden Punkt dieser Regel sprachwissenschaftlich motivieren. Man könnte etwa meinen, durch den Verweis auf ein Substantiv in der syntaktischen Umgebung würde ein Partizip gewissermaßen in seiner substantivischen Geltung geschwächt, sodass die Kleinschreibung dadurch gerechtfertigt werden könnte; als Beispiel sei die im Regelwerk angeführte Satzfolge Der Verkäufer zeigte mir seine Auswahl an Krawatten, die gestreiften und gepunkteten gefielen mir am besten. angeführt. Nur ist diese Verweismöglichkeit ein kategorielles Merkmal jedes substantivischen Partizips, gleichgültig, ob ein Bezugssubstantiv in der Nähe steht oder nicht (außerdem kann man noch immer fragen, wie groß die Entfernung zum Bezugssubstantiv sein darf – dazu steht nichts Genaues im Regelwerk). Substantivische Partizipien bezeichnen gegenständlich Gedachtes durch ein charakterisierendes Merkmal. Sie beziehen sich somit auf eine Klasse von Gegenständen, welche genau dieses Merkmal haben, mehr wird nicht genannt (also z.B. bei die Gepunkteten die Menge aller gepunkteten Gegenstände). Den konkreten gegenständlichen Bezug muss man sich erst aus der Textumgebung und/oder aus dem Weltwissen erschließen. Natürlich können die Gestreiften und die Gepunkteten auch etwas ganz Anderes bedeuten, etwa Pilze, Käfer oder vielleicht sogar Verkäufer, nur ergäbe sich mit diesen Bedeutungen kein Gesamtsinn der Satzfolge. Die abstrahierende Bezeichnungsleistung ist für diese Wortklasse charakteristisch (auf ihre Gründe gehe ich hier nicht näher ein). Aus einem Abstraktum kann freilich immer durch Spezifizierung der Klassenmerkmals (Bedeutungsverengung) ein Konkretum werden (die Gefallenen [Soldaten]). Man kann das an den Beispiellssätzen im Regelwerk ausprobieren: Dünne Bücher lese ich in der Freizeit, dicke im Urlaub/Dicke sind bessere Liebhaber. Natürlich passt der Liebhaber-Satz nicht besonders gut zum vorangehenden Satz; aber ein denkbarer Zusammenhang lässt sich immerhin finden (er sei der Phantasie bzw. Fantasie des Lesers/der Leserin überlassen). Wenn man im Krawatten-Satz die Partizipien groß schreibt, wird es kaum ein Missverständnis geben. Es bleibt dabei: Die Wortartkategorie auf Grund von textsemantischen Bezügen zu definieren ist problematisch, besonders für eine Schreibregel. Ähnliches gilt auch für Adjektive und Pronomen. Der § 58 des Regelwerks bleibt also ein Ärgernis.
Zur Getrennt-/Zusammenschreibung gibt es eine ebenso ausführliche sprachwissenschaftliche Debatte, auf die ich hier nicht näher eingehen will. Die Grundproblematik besteht darin, dass Wörter aus der syntaktischen Umgebung des (verbalen) Prädikats mit dem Prädikat verschmelzen und im Lauf der Sprachgeschichte eine semantische Einheit bilden ("Univerbierung"). Das ist keine spezifische Tendenz des Deutschen, sondern kann als allgemeine Gesetzlichkeit für jede Sprache gelten (diachronisches Universale). Spezifisch für das Deutsche mag sein, dass diese Tendenz auch in der Schreibung ausgedrückt wird oder werden soll. Die Reformer haben offensichtlich gegen diese Tendenz entschieden. Die Kritiker der Reform behaupten, dass durch die Außerachtlassung der Univerbierungstendenz in der Schreibung die Bedeutungsgruppen mancher Verben zu wenig deutlich werden und damit ein wichtiges grafisches Differenzierungsprinzip wegfällt. Sie übersehen aber, dass diese Univerbierungen als allgemeines Prinzip auch dort vorkommen, wo sie auch jetzt und künftig nicht bezeichnet wird. So besteht zwischen Geld haben und Pech haben ein gewaltiger Unterschied, der sich unter Anderem auch dadurch zeigt, dass man Geld besitzen kann, nicht aber Pech (außer vielleicht ein Teerarbeiter, der sich nebenbei etwas abgezweigt hat). Dennoch bleibt auch nach der Reform das Pech hier groß geschrieben. Man kann also keineswegs davon ausgehen, dass die Ergebnisse der Univerbierung im Deutschen überall in der Schreibung ausgedrückt werden. Ebenso ist es klar, dass Bedeutungsdifferenzen nicht immer auch durch Schreibunterschiede bezeichnet sind. Also ist die grafische Bezeichnung von semantischen Unterschieden, die sich durch Univerbierungen eingestellt haben, keineswegs ein allgemeines Rechtschreibprinzip, an dem man fest halten müsste, zumal es auch hier normalerweise zu keinen Missverständnissen kommt – was der Leser/die Leserin wohl soeben erfahren hat (festhalten muss leider noch immer zusammen geschrieben, pardon: zusammengeschrieben) werden.
Natürlich kann man die syntaktisch-semantischen Bedingungen von Univerbierungen recht gut erkennen. Dadurch werden auch mögliche Fälle von Zusammenschreibung nachvollziehbar, sodass sie für den Schreibenden kein Problem (und damit nach der Ansicht mancher Reformgegner kein Anlass für eine Rechtschreibreform) sind. Man kann das besonders deutlich bei den Adverbien erkennen. "Richtige" Adverbien werden jedenfalls getrennt geschrieben: eine Wand schnell streichen, im Gegensatz zu eine Wand blau/glatt streichen. Blau bzw. glatt bedeutet nicht "auf blaue/glatte Art und Weise", sondern "mit dem Resultat, dass die Wand nun blau/glatt ist." Diese Resultativbegriffe sind syntaktisch eigentlich keine Adverbien, sondern adjektivische Objektsprädikative: Sie bezeichnen eine Eigenschaft des Objekts (die Wand ist blau/glatt). Es besteht hier die Tendenz der Zusammenschreibung blaustreichen, glattstreichen. Soll man diese Tendenz in der Schreibung beachten? Dann müsste man freilich jede Resultativbildung womöglich auch als Lexikoneintragung aufnehmen, und das würde zu einer enormen Vermehrung des deutschen Wortschatzes führen – oder, genauer gesagt, der Wörterbucheintragungen, denn der Wortschatz selbst wird nicht vermehrt, weil es ja in diesen Fällen keine Bedeutungsunterschiede gibt, die durch eine unterschiedliche Schreibweise wie glatt machen/glattmachen bezeichnet werden könnten. Anders verhält es sich in Fällen wie groß schreiben/großschreiben, wo man ja tatsächlich sowohl die Art und Weise des Schreibens als auch das Resultat, einen (oder mehrere) Großbuchstaben, verstehen kann. Wenn man das mit dem Unterschied zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung beschreibt, so ist das nur sehr ungenau ausgedrückt.
Manche Reformgegner (ich kenne tatsächlich nur wenige Reformgegnerinnen) behaupten, dass durch die vermehrte Getrenntschreibung ein bedeutender Teil "unseres deutschen Wortschatzes" verloren ginge. Dadurch würde die Sprache verarmen, jedenfalls aber die Ausdrucksfähigkeit der Schrift leiden. Auf den Gedanken, dass etwas verloren geht, was vorher nicht existiert hat, kommt man freilich nicht so leicht. Der Unterschied zwischen Resultativbegriff und Adverbialbegriff wird normalerweise schon durch die Verbbedeutung und mehr noch durch die Bedeutung des Adverbs bzw. Adjektivs bezeichnet. Dieser Unterschied gehört zu den allgemeinen grammatischen Bezeichnungsmöglichkeiten, die im Deutschen für eine bestimmte Wortart charakteristisch sind. Deshalb besteht auch keine Notwendigkeit, sie noch zusätzlich in der Schrift auszudrücken. Wörter wie tot oder glatt bezeichnen normalerweise einen Zustand oder ein Resultat, deshalb tendieren sie zur Univerbierung, im Gegensatz zu laut oder schnell. Andere Wörter wie heiser können sowohl als Adverbial als auch als Resultativum verstanden werden. Demnach könnte man zwischen dem Ergebnis heiserreden und der Folge für weitere Sprechhandlungen heiser reden unterscheiden. Das sieht gerade nach einem sinnvollen Schreibunterschied aus – ist es aber nicht, denn das Resultativum ist hier immer mit einem Reflexivpronomen verbunden (sich heiser reden). Auch hier gibt es praktisch keine Gefahr eines Missverständnisses, außer bei den von den Reformgegnern konstruierten Sätzen (sie erinnern an den berühmten gefangenen Floh der Kleinschreibungsgegnerschaft).
Ich halte daher die Reform in Richtung auf eine vermehrte Getrenntschreibung für vernünftig und sinnvoll, weil die möglichen Zusammenschreibungen keinen eigenständigen Ausdruckswert haben, der als zusätzliches Zeichen einer geschlossenen Klasse von Bedeutungsunterscheidungen notwendig wäre. Fälle wie fertigmachen – fertig stellen bekommt man dadurch auch nicht in den Griff, denn es gibt auch ein wörtliches fertig machen, das genau so wie die übertragene Wortgruppe resultativ verstanden wird. Man muss allerdings den Reformgegnern Recht geben, wenn sie auf die Problematik des § 34 hinweisen: Die Entscheidung, ob ein Adjektiv steigerbar oder erweiterbar ist, kann nicht in allen Fällen eindeutig getroffen werden. Adjektive, die sich nur auf zwei Zustände beziehen (tot, gerade), sind von sich aus nicht steigerbar, und oft ist es nicht klar, ob sich die Erweiterung nur auf das Adjektiv oder (auch) auf das Verb bezieht. Dem Bertelsmann-Wörterbuch gilt bis Montag als Erweiterung zu fertig und entscheidet daher (jedenfalls im roten Erläuterungskästchen, die Endung -ig würde an sich schon genügen) auf Getrenntschreibung fertig stellen, dann aber kann man auch am Dienstag tot schlagen. Hier wird man wahrscheinlich nicht um eine Neuformulierung herum kommen (oder herumkommen, wie man das eigentlich schreiben müsste).
Ich habe bisher nur einige wenige Problemfälle behandelt, ohne auf die sprachwissenschaftlichen Hintergründe genauer eingehen zu können. Diese Problemfälle gehören aber zu den meist diskutierten. Ich hoffe, gezeigt zu haben, dass sich auch hier die Reform auf dem richtigen Weg befindet, wenngleich sie tatsächlich nicht konsequent genug ist. In anderen Fällen bin ich mir nicht so sicher. So halte ich den Bezug auf die Vokallänge in der Laut-Buchstaben-Beziehung für problematisch, weil die Vokallänge in einem weiten Teil des deutschen Sprachraums im Schwinden begriffen ist und sich auch eine andere Terminologie anbietet (das habe ich genauer ausgeführt in Schrodt 1996). Fragen nach der Durchsetzbarkeit und nach der Akzeptanz des Regelwerks will ich nicht beantworten, dazu müsste man die politische, gesellschaftliche und ökonomische Situation im deutschsprachigen Gebiet berücksichtigen. Alles Andere wäre Kaffeesudleserei. Zu manchen Prinzipienfragen, wie etwa der nach Leser- oder Schreiberorientierung, gibt es m.M. ebenso wenig Begründetes zu sagen. Man muss vielleicht nur verbreiteten Vorurteilen entgegenwirken, etwa der Ansicht, dass man es den Lesern leichter machen müsste, weil heute viel mehr gelesen als geschrieben wird. Erstens waren die Schreiber schon immer bei Weitem in der Minderzahl, und mir ist nicht klar, wie man den angeblichen Quantitätsunterschied zu den früheren Verhältnissen empirisch belegen kann. Zweitens aber könnte man auch argumentieren, dass man es als Schreiberin (es sind natürlich auch die Schreiber gemeint) gerade deswegen leichter haben soll, damit eben nicht noch mehr Schreibängste die schon mühevolle und spärliche Produktion behindern. Solche Argumente, die nach Belieben auch ins Gegenteil gewendet werden können, sind Pseudoargumente und sollten in der seriösen Diskussion um die Rechtschreibreform nicht verwendet werden.
Wie man es auch dreht und wendet: Es mag wenig Gründe für diese Reform geben, aber es gibt zweifellos noch weniger Gründe gegen diese Reform. Daher muss man sie entschieden unterstützen, und man muss den Schreibenden dort, wo es mehrere begründete Entscheidungsmöglichkeiten gibt, auch entsprechende Freiräume gewähren. Ich jedenfalls werde auch neue Regeln, die ich für unbegründet halte, nicht beachten, und ich wünsche mir, dass die wenigen Freiräume, die auch nach der Reform offen stehen, auch ausgenützt werden. Die Reform müsste man nur dann ablehnen, wenn sie als endgültiges Regelwerk aufgefasst würde, das jeden weiteren Reformschritt unmöglich machen würde. Aber das ist nicht zu erwarten, und hier wenigstens mögen die Reformkritiker auch ihren Beitrag zur Rechtschreibvernunft geleistet haben.
Literatur:
Edelman, Murray (1990): Politik als Ritual, Frankfurt/New York.
Ewald, Petra (1995): Der Eine und der Andere – Zu einer wortartübergreifenden Großschreibungstendenz im 19. Jahrhundert. In: Ewald, Petra / Karl-Erst Sommerfeldt (Hgg.): Beiträge zur Schriftlinguistik. Festschrift zum 60. Geburtstag von Prof. Dr.phil. habil. Dieter Nerius. Frankfurt/Main 1995, 89-101.
Munske, Horst Haider (1997): Orthographie als Sprachkultur. Frankfurt/Main.
Schrodt, Richard (1991): Fatale germanisten fummeln falsch an der deutschen sprache! Über rechtschreibung als ideologie. Informationen zur Deutschdidaktik 16/2, 22-41.
Schrodt, Richard (1995): Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter? Wien.
Schrodt, Richard (1996): Die neue Rechtschreibung – ein guter Schritt in die falsche Richtung? Erziehung und Unterricht 7, 1996, 521-528.