Richard Schrodt

 

Der aufstand der zuspätgekommenen

Erschienen in: Die Furche

 

Eine geballte ladung an schwachsinn hat uns der "Spiegel" im heft nr. 42 präsentiert. Willig aufgenommen, kommentiert, neu aufgekocht, mit würzigen zutaten versehen kommt er nun auf den mittagstisch der verschreckten sprachfreunde: Die speise ist endgültig verdorben, es muss ein neuer koch her, und die alten rezepte sind ja doch das wahre! Es geht natürlich gleich um die deutsche sprache, um nichts weniger als das, und es geht ums ganze. "Wahrnehmbarer sprachverfall" sagen die einen, "orthographie-terroristen" sagen die anderen. "News" legt noch ein schäuferl nach und präsentiert uns unter anderen einen veritablen professor und poeten dazu, der meint, man könne sprache nicht planieren und einebnen, das führe immer zur verarmung. Der professor und poet wird den unterschied zwischen planieren und einebnen schon kennen, anderen wird er möglicherweise weniger geläufig sein, aber das sind halt die dummen, und denen darf man es nicht leicht machen, sie sollen sich ruhig mit der rechtschreibung abquälen, das schärft den verstand, fördert den klaren kopf und erhöht die frustrationstoleranz. So würde sich vielleicht unser p&p nicht ausdrücken wollen, aber die richtung stimmt, und aus dieser richtung weht auch der wind in manchen leserbriefspalten, und abendland und untergang. Es ist schon kurios, wenn einer behauptet, ihm fallen die haare wegen der rechtschreibreform aus, wenn er auch so schon wenig hat.

So sei es denn wieder einmal gesagt: Die deutsche sprache kann gelesen, aber auch gesprochen werden, sie wird stenographiert und gemorst, sie kann getrommelt und geklopft werden - und sie bleibt immer noch die deutsche sprache. Die schreibung ist nur ihr gewand, und das gewand ist hier so wie auch beim menschen: Es passt nie ganz richtig, umhüllt nie den ganzen körper, ist nicht immer praktisch und funktionell und enthält so manche überflüssige stücke. Wie würde unser gewand ausschauen, wenn es tatsächlich nur funktionell und praktisch sein müsste? Vielleicht wie die schreibung in vielen mittelalterlichen deutschen handschriften oder wie die schreibung in sprachen, die erst spät verschriftet wurden, wie etwa im litauischen und armenischen. Mögen auch die mittelalterlichen dichter oft schwer mit den lateinischen buchstaben gerungen haben, unsere feinheiten der gross- und kleinschreibung und manche anderen probleme blieben ihnen erspart, und meist war die schreibung der aussprache näher als heute. Auch die interpunktion war damals besser, denn die gab’s einfach nicht, bis auf reimpunkte am versende. Die geschichte der vertreibung aus dem paradies der schreibung ist zugleich auch ein stück deutsche kulturgeschichte, und jede kultursprache muss ihren frieden mit institutionen, normen, werten und gesellschaftlichen einstellungen finden - und manchmal findet sie ihn eben nicht. Dann versammeln sich agenten der ungebildeten und schwachsinnigen, arbeitsscheue kaffehaussitzer, böswillige ketzer, bolschewisten, hochbezahlte besserwisser, geistig unterbelichtete gehirne, radikale reformwüteriche und umfunktionierer mit vollbart, und sie vergewaltigen den volksgeist, schnippeln das sprachkleid auf einen lendenschurz für basutoneger zurecht, schaffen eselsbrücken für geistig minderbemittelte, verlieren die ehrfurcht vor gott und der schöpfung, erleichtern dem pöbel das schreiben, treiben öffentliche unzucht mit der deutschen sprache, nehmen an einer vom dunkel umhüllten bewegung teil, zerstören die bürgerliche ordnung, führen die sozialistische gesellschaft ein ... das sind alles wörtliche zitate aus leserbriefen und zeitungsartikeln. Doch es geht nicht um die jetzt diskutierte reform, sondern es sind die reformvorschläge aus dem zeitraum von 1880 bis 1988 gemeint. Nein, es ist kein druckfehler: Schon 1880, als der preussische kultusminister Robert von Puttkamer ein regelbüchlein für die schulen einführte, konnte man solche sprüche lesen. Seitdem sind diese sprüche nicht anders geworden.

Soviel von majonäse, tunfisch, delfin, jogurt, hämorriden und katarr war schon lange nicht zu lesen, wie wenn die ganze welt eben nur aus diesen dingen bestünde - es könnte einem geradezu schlecht davon werden. Die presse erlebt einen boom von pseudo-sprachwissenschaftlichen auslassungen: Die neue schreibung "quäntchen" sei unberechtigt, weil nicht die verwandtschaft mit "quant" und "quantität" entscheidend sei, sonder die herkunft von "quent", einem alten deutschen gewicht. Das ist brav in den wörterbüchern gestöbert, aber wer kennt wirklich das "quent"? Sicher nicht die faulen, blöden und dummen, die eine einfache rechtschreibung haben wollen. "(Ver)bläuen" gehört natürlich auch nicht zu "blau", sondern es ist mit "pleuelstange" verwandt und leitet sich aus einer wortsippe mit der bedeutung "stossen" her. Immerhin gibt es oft blaue flecke ... In der reform wird eben versucht, an alltagssprachliche wortverwandtschaften anzuknüpfen. So schlecht ist das nicht. Aber vieles an der aktuellen reform ist tatsächlich fragwürdig und halbherzig, und wer beim schreiben nachzudenken beginnt, der hat meist schon verloren: dänken, weil gedanke? schänken, weil (die) schank? sänden, weil (der) versand? Ableitung, wo ist deine grundform? Und wo wird im deutschen sprachraum in der alltagssprache ä tatsächlich anders als e ausgesprochen? Fragwürdig und halbherzig ist aber vieles deswegen, weil die boulevardpresse mit ihrem gesunden menschenverstand und mit ihrer achtung der überkommenen werte manche kernweichen politiker mit klein geschriebenen heiligen vätern und letzten ölungen ins innerste trifft, auch wenn alles schon damals nicht wahr war. Manches ist aber ein eindeutiger fortschritt; so sind immerhin viele unsinnige gross- und kleinschreibungsprobleme ausgeräumt worden, und an der zeichensetzung hat sich ebenfalls einiges geklärt. Die gemässigte kleinschreibung konnte man leider nicht durchsetzen und das ß nicht abschaffen. So geht es aber, wenn die schreibung zum politikum wird.

Respekt gebührt den schriftstellern wie Ernst Jandl, die die reform ablehnen, weil sie zu wenig weiterbringt, respekt auch denen wie Hans Magnus Enzensberger, die auf ihre manuskripte schreiben "nicht nach duden!" Respekt schliesslich auch denen, die das obrigkeitliche regulieren ablehnen und auf ihre persönliche schreibweise bestehen. Sie alle müssen sich auf dem markt bewähren, und nicht jedem ist es gegeben, wie Stefan George eine persönliche schreibung zur poetischen ausdruckskraft reifen zu lassen. Aber alle, die sich angesichts dieses reförmchens schämen und von unerträglicher nivellierung sprechen, müssen sich gefallen lassen, nach elitärem standesdünkel zu riechen, auch wenn sie das vielleicht nicht wollen. Und alle, die das innerste nach seinem gewand beurteilen, mögen bedenken, dass ihre urteile auch vorurteile sein können. Tatsächlich ist die diskussion um die rechtschreibrefom weitgehend nichts anderes als die folge eines kulturkampfes. Da wird auf den sack eingedroschen, wenn der esel gemeint ist, und die rechtschreibreform samt ihren befürwortern ist ein trefflicher sack. Die deutsche sprache freilich ist wohl dann am schönsten und wirksamsten, wenn sie direkt in die herzen der menschen eindringt, ganz ohne orthographie.