marc wittmann / ernst
pöppel
Neurobiologie des Lesens
In: Bodo
Franzmann et al., Handbuch Lesen, München 1999, S. 224-236 (ohne
Literaturangaben)
Für den
Lesenden ist das Lesen einzelner Wörter oder eines Textes wie ein Kinderspiel,
meist können wir ohne Anstrengung die Bedeutung eines Textes erfassen. Beim
Lesen transzendieren wir die aufs Blatt gedruckten Zeichen, wir gleiten fast
unmerklich in eine Welt aus abstrakten Gedanken oder tiefen Gefühlen. Die Sinnentnahme
aus Texten, die auf der erfahrungsweltlichen Ebene so mühelos gelingt, ist
deshalb naturwissenschaftlich noch lange nicht erklärt. Wenn man den Prozeß des
Lesens zum neurobiologischen Untersuchungsgegenstand wählt, zeigt sich, daß
hier ein äußerst komplexes Geschehen vorliegt.
. Diese
lassen sich gliedern in Systeme der 1. Reizaufnahme (Wahrnehmung), 2.
Bearbeitung (Lernen, Gedächtnis, Assoziation), 3. gefühlsmäßige Bewertung
(Emotionen) und 4. willentliche Aktionen (Motorik, Absichten) (Pöppel 1989).
Anders ausgedrückt: Durch Augenbewegungen geleitet, gelangen optische Reize in
Form von Buchstaben auf die Netzhaut des Auges (die Retina), wo sie umgewandelt
werden, um dann als neuronale Information in verschiedene Teile des Gehirns
geschickt zu werden. Es kommt beim bewußten Erkennen gelesener Worte zur
Sinnentnahme, worauf wir etwa mit Zuneigung oder Abneigung reagieren können. Es
wird dann neues Wissen, semantisches und bildhaftes, durch Speicherung im
Gedächtnis aufgebaut, welches wiederum Grundlage dafür wird, wie wir neu zu
lesende Texte auffassen und bewerten. Dieses durch Lesen errichtete
Wissensgebäude kann letztendlich Teil unserer Persönlichkeit werden und ist von
der Datenquelle, der Ausgangsbasis in Form von Buchstaben, zwar weit entfernt,
doch davon abhängig.
1. Von der Reizaufnahme und der Kontrolle der
Augenbewegungen beim Lesen
. Es
geht um die Kontaktstelle der äußeren und der inneren Welt, die bekanntlich
Störungen unterworfen sein kann. Wenn beispielsweise die Rezeptoren in der
Netzhaut fehlen oder aufgrund einer genetischen Erkrankung verlorengehen (z.B.
Retinitis pigmentosa), dann fehlt der lesende Zugriff auf die Welt, oder er
bricht zusammen, so wie er gelernt worden war. Es kann dann aber versucht
werden, oft durch mühsame Anstrengung, einen anderen Sinneskanal, den Tastsinn,
zum Lesen zu nutzen (über die Tastschrift).
Wenn wir
lesen, dann richten wir jenen Punkt im Auge, der die beste Sehschärfe hat, auf
die Worte, die im gegebenen Augenblick im Zentrum des Bewußtseins stehen.
Dieser Punkt, die Fovea centralis in der Netzhaut, ist ein anatomisch speziell
gekennzeichneter Bereich, in dem die Sinneszellen (ausschließlich Zapfen) besonders
dicht angeordnet sind. Die anatomischen Bedingungen bestimmen also, wo wir beim
Lesen hinschauen. Wie wesentlich dieser schärfste Punkt der Sehleistung für das
Lesen ist, merken Patienten mit Störungen in diesem zentralen Bereich. Die Peripherie
der Netzhaut ist viel weniger leistungsfähig, um Leseinformation aufzunehmen.
Die Netzhaut als Eingangstor des Lesens ist aber eine komplexe und vor allem
auch inhomogene Struktur, die über dem Thalamus mit dem visuellen Cortex im Hinterhauptlappen der
Großhirnrinde in Verbindung steht.
Die
visuelle Information ist in dem Stimulationsmuster der aktivierten Rezeptoren
enthalten, wobei so unterschiedliche Reizqualitäten wie Farbe, Helligkeit, Form
oder auch Bewegung für den Wahrnehmungseindruck übermittelt werden müssen. Zwei
neuronale Leitungsbahnen sind dabei identifiziert worden, die an der
raumzeitlichen Auflösungsfähigkeit des Betrachteten beteiligt sind. Die
magnozelluläre Leitungsbahn (die Zellen dieser Bahn werden kurz M-Zellen
genannt) verarbeiten die Aktivität von Photorezeptoren über der gesamten
Retina, während die parvozelluläre Leitungsbahn (bestückt mit P-Zellen)
Informationen aus den zentralen Anteilen der Retina (vor allem aus fovealen und
parafovealen Bereichen) weiterleitet. Diese beiden Leitungsbahnen unterscheiden
sich funktional: Die elektrophysiologische Weiterleitungsrate der
M-Leitungsbahn ist deutlich schneller als die der P-Leitungsbahn, M-Zellen
können deshalb auch stärker von sich schnell bewegenden Stimuli angesprochen
werden. Die P-Zellen hingegen haben eine höhere räumliche Auflösungsfähigkeit
von Umgebungsreizen. Zusammenfassend kann man sagen, daß Reize mit niedriger
räumlicher Komplexität und hoher zeitlicher Frequenz die M-Leitungsbahn
ansprechen, Reize mit hoher räumlicher Komplexität und niedriger zeitlicher
Frequenz die P-Leitungsbahn aktivieren (Lehmkule 1993).
Auf
welche Weise sind nun die beiden Leitungsbahnen am Leseprozeß beteiligt? Wenn
wir lesen, vollführen unsere Augen typische Blicksprünge (Sakkaden) über die
Zeilen hinweg zu bestimmten Punkten, die ganz kurz fixiert werden, wobei die
Größe dieser Blicksprünge einerseits von der Struktur der Buchstaben,
andererseits aber auch vom Inhalt des Gelesenen abhängig ist. Diese Sakkaden
werden durch ein im Gehirn weiträumig verteiltes okulomotorisches Netzwerk
gesteuert, welches automatisch oder unter Willkürkontrolle funktioniert (Büttner/Büttner-Ennever 1988).
Lesen zeichnet sich durch ein Wechselspiel aus Fixationen und Sakkaden aus. Während
einer Fixation kann die
Form und das Muster eines Reizes, der auf die Fovea stabil projiziert wird,
durch das P-System effizient verarbeitet werden, was durch die funktioneile
Eigenschaft der hohen räumlichen Auflösungsfähigkeit gewährleistet wird. Die
M-Zellen verarbeiten dabei noch grob Information über die Raumlage von Stimuli
auf der Retina, was wichtig ist, um okulomotorisch einen relevanten Reiz auf
der Fovea zu plazieren (Lehmkule 1993).
Nach
einer bestimmten Theorie ist nun das zeitliche Wechselspiel der Aktivität
beider Leitungsbahnen entscheidend für das Gelingen des Leseprozesses
(Breitmeyer 1980, 1993): Aufgrund der elektrophysiologischen Eigenschaften der
P-Leitungsbahnen würde nämlich das während einer Fixation entstandene Abbild des betrachteten
Textteils bis zur nächsten Fixation überdauern, was eine Überlagerung der
auf-einanderfolgenden Bilder zur Folge hätte. Durch die abrupt erfolgende
Sakkade aber entsteht eine plötzliche Veränderung des Retinabildes, was durch
die zeitlichen Eigenschaften der M-Leitungsbahnen schnell registriert wird,
woraufhin die noch andauernde Aktivität im P-System unterdrückt wird. Durch die
aufeinanderfolgenden Fixationen und Sakkaden werden somit abwechselnd die P-
und die M-Zellen aktiviert. Entscheidend dabei ist also das Funktionieren und
die korrekte zeitliche Abstimmung der beiden Prozeßkomponenten. In Studien
konnte nachgewiesen werden, daß viele Menschen mit spezifischen
Leseschwierigkeiten ein Defizit in der Sensitivität der M-Leitungsbahnen
aufweisen, was sich u.a. in einer Beeinträchtigung der zeitlichen
Auflösungsfähigkeit zeigt (Lovegrove/Williams 1993). Vorstellbar ist, daß diese
Personen wegen der Funktionsbeeinträchtigung des M-Systems die einzelnen
Fixa-tionsabbilder nicht als eindeutig zeitlich getrennt wahrnehmen, sondern
daß es zu Überlagerungen kommt, die das Lesen erschweren.
Eine
weitere Theorie, welche die Befunde einer Dysfunktion des magnozellulären Systems
berücksichtigt, bezieht die anatomischen Verbindungen der M-Zellen zu
posterioren Anteilen des parietalen Cortex ein (Stein/Walsh 1997). Dieser Teil
des Großhirns ist wesentlich an der Kontrolle von Augenbewegungen und
räumlicher Aufmerksamkeit beteiligt - wichtige Komponenten beim Lesen. Durch
eine funktio-nelle Beinträchtigung des magnozellulären Systems, das an der
Kontrolle der Augenbewegungen entscheidend Anteil hat, könnte die binokulare Fixation
destabilisiert
werden. Resultat solch einer Störung wäre, daß die Abbilder der Buchstaben,
welche die zwei Augen zunächst unabhängig voneinander einfangen, vom Leser
nicht deckungsgleich wahrgenommen werden könnten, was zu einer Verzerrung des
zu lesenden Textes führen würde. Unabhängig von den Theorien und empirischen
Befunden, die sich auf das Funktionieren der beiden Leitungssysteme beziehen,
kann eine Beeinträchtigung der willkürlichen Steuerung von Augenbewegungen in
der experimentellen Situation bei Kindern mit Lese-Rechtschreibschwäche
festgestellt werden (Biscaldi/Fischer/Aiple 1994): Auf das Lesen bezogen
könnten fehlerhafte Blicksprünge zu einem erschwerten Lesefluß führen, was sich
dann in Auslassungen oder falschen Leseergebnissen manifestieren würde.
Insbesondere scheint die Fähigkeit, Sakkaden bei plötzlich auftauchenden
Reizen unterdrücken zu können, von Wichtigkeit zu sein. Kinder mit
Lese-Rechtschreibschwächen konnten im Vergleich zu im Lesen unauffälligen
Kindern ihre Blicksprünge bei in der Peripherie auftauchenden Stimuli schlechter
unterdrücken; sie zeigten also Schwierigkeiten in der Willkürkontrolle ihrer
Blickbewegungen (Fischer/Biscaldi/Hartnegg 1998).
2.
Zentrale Verarbeitungsmechanismen des Gehirns
Um den
Leseprozeß als Ganzes unter neurowissenschaftlicher Sichtweise zu verstehen,
müssen einige Sachverhalte über zentrale neuronale Verarbeitungsmechanismen,
insbesondere auch über Sprache, dargestellt werden. Das Wissen um die Organisation
mentaler Funktionen stützt sich hauptsächlich auf zwei Methoden, die komplementär
eingesetzt werden: 1. Die Erfassung von Defiziten bei Patienten mit eng
umschriebenen Gehirnverletzungen aufgrund äußerer Einwirkung oder aufgrund
eines Schlaganfalls. 2. Die Aufzeichnung von Hirnaktivität mit modernen
bildgebenden Verfahren, während Probanden Aufgaben durchführen, so z.B. eine
Rechenaufgabe bewältigen oder dargebotene Wörter lesen. Bei diesen
computerunterstützten Verfahren handelt es sich um MEG
(Magnetoenzephalographie) zur Erfassung kurzfristiger elektrischer
Veränderungen im Gehirn; um MRI (Kernspintomographie; engl. magnetic résonance imaging) zur strukturellen Beschreibung und neuerdings auch zur
funktioneilen Diagnostik (fMRI); um PET (Positronen-Emissions-Tomographie) zur
Erfassung chemischer Veränderungen und zur Beschreibung dynamischer Prozesse
im Energieverbrauch oder in der Durchblutung des Gehirns. (Einen Überblick zu
neuro-radiologischen Aktivierungsstudien bei der Erfassung sprachlicher
Leistungen, insbesondere auch beim Lesen, geben Ackermann/Wildgruber/Grodd
1997.)
Eine
wesentliche Erkenntnis, die mit Hilfe dieser Verfahren gewonnen wurde, ist, daß
beim Lesen, wie auch bei anderen komplexen kognitiven Operationen, gleichzeitig
verschiedene Areale des Gehirns aktiv sind. In diesen über das Großhirn verteilten
Arealen werden Teil-Komponenten des komplexen Vorgangs bearbeitet, die - zu
einem Ganzen integriert - z.B. Lesen ausmachen. Dabei können mindestens fünf
Teil-Kompetenzen beim Verständnis von Sprache unterschieden werden: 1. Die lexikalische,
2. die semantische, 3. die syntaktische, 4. die sprachlautliche und 5. die
prosodische Kompetenz (vgl. dazu auch Damasio/Damasio 1992).
Beim
Lesen kommt natürlich noch die orthographische Kompetenz hinzu, also das
Vermögen, Buchstaben in Wörtern korrekt zu verarbeiten. Diese scheinbar so
triviale Aufgabenstellung kann aber für manche Patienten mit einer bestimmten
Form von Lesestörung (der reinen Alexie) nur mit großer Mühe verbunden sein.
Diese Patienten sehen zwar die Schrift, sie können aber die einzelnen
Buchstaben und auch die Wörter als Ganzes nur sehr schwer erfassen
(Woods/Pöppel 1974, Huber/Poeck/Springer 1991). Diese Form von Alexie tritt
auf bei Verletzungen des linken Hinterhauptlappens, des Bereiches der
Großhirnrinde, der an der Analyse des visuellen Inputs beteiligt ist. Man weiß,
daß verschiedene Nervenzellverbände im visuellen Cortex auf bestimmte Orientierungen von
Liniensegmenten reagieren (Hubel/Wiesel 1985). Da die Nervenzellen mit
unterschiedlichen Eigenschaften aber räumlich voneinander getrennt sind, stellt
sich natürlich die Frage, wie aus der räumlich getrennten Repräsentation der
Liniensegmente die Wahrnehmung eines „A" im Gegensatz zu einem „H"
möglich wird.
Hypothetisiert
wird zur Zeit ein kortikaler Mechanismus, bei dem zeitlich synchron auftretende
40-Hz-Schwingungen reziprok miteinander verbundene, räumlich verteilte
Funktionsareale binden könnte (Singer 1993). Eine zeitliche Bindungsfunktion,
welche die Repräsentationen der Liniensegmente zu einem ganzen Buchstaben
„binden" würde, wäre daher vorstellbar. Aber unabhängig davon, wie die
neuronalen Mechanismen der Buchstabenwahmehmung dort ablaufen, ist ein intakter
linksseitiger visueller Kortex Bedingung für das Erkennen der Schrift.
Letztendlich können mindestens zwei linkshemisphärische Areale angenommen
werden, die, falls beeinträchtigt, zu verschiedenen Formen von Alexie führen:
1. Im Hinterhauptlappen (führt zur reinen Alexie; tritt also ohne
Schreibstörung, der Agraphie, auf, s.o.), 2. im Gyrus angularis, Teil des
Scheitellappens. Dieses Areal wird auch als Schriftsprachzentrum bezeichnet.
Eine Verletzung dieser Region kann zu einer schweren Form von Alexie mit
einhergehender Agraphie führen (Benson 1985).
Wenn wir
lesen, dann sind die erwähnten Teil-Kompetenzen stets gefordert, müssen die
neuronalen Repräsentationen gleichzeitig aktiv sein. Parallel zu diesen Aktivitäten
gibt es solche in jenen Bereichen, in denen Information gespeichert sind, denn
Gelesenes ist immer bezogen auf schon Vorhandenes; ohne Gedächtnis können wir
nicht lesen, was sich in einfachster Weise im Buchstabenwissen ausdrückt, aber
auch auf der abstrakten Ebene des Wissens gilt, denn eine Information wird
immer bezogen auf schon im Gedächtnis repräsentiertes Wissen. Des weiteren ist
neuronale Aktivität hervorgehoben in Bereichen, die die gefühlsmäßige Bewertung
besorgen; es gibt kein geistiges Geschehen, das nicht von vornherein
eingebettet ist in eine emotionale Bewertung (Pöppel 1993,
Wittmann/Eisenkolb/Perleth 1997), die sich auf der Erlebnisebene im Interesse
oder Desinteresse am Gelesenen widerspiegelt.
Abgesehen
von den Studien an Patienten mit umschriebenen Verletzungen des Gehirns werden
mit bildgebenden Verfahren an gesunden Personen die Areale der Großhirnrinde
identifiziert, die mit den linguistisch beschreibbaren Teil-Kompetenzen-eine
der großen Herausforderungen für Dichter und Schriftsteller. Prosodische Information
wird vor allem durch die niedrigeren Frequenzen des Sprachsignals transportiert
und dabei im Gehirn dominant rechtshemisphärisch verarbeitet (Ivry /Lebby
1998).
Beim
Lesen kommt natürlich noch die orthographische Kompetenz hinzu, also das
Vermögen, Buchstaben in Wörtern korrekt zu verarbeiten. Diese scheinbar so
triviale Aufgabenstellung kann aber für manche Patienten mit einer bestimmten
Form von Lesestörung (der reinen Alexie) nur mit großer Mühe verbunden sein.
Diese Patienten sehen zwar die Schrift, sie können aber die einzelnen
Buchstaben und auch die Wörter als Ganzes nur sehr schwer erfassen
(Woods/Pöppel 1974, Huber/Poeck/Springer 1991). Diese Form von Alexie tritt
auf bei Verletzungen des linken Hinterhauptlappens, des Bereiches der
Großhirnrinde, der an der Analyse des visuellen Inputs beteiligt ist. Man weiß,
daß verschiedene Nervenzellverbände im visuellen Cortex auf bestimmte Orientierungen von
Liniensegmenten reagieren (Hubel/Wiesel 1985). Da die Nervenzellen mit
unterschiedlichen Eigenschaften aber räumlich voneinander getrennt sind, stellt
sich natürlich die Frage, wie aus der räumlich getrennten Repräsentation der
Liniensegmente die Wahrnehmung eines „A" im Gegensatz zu einem „H"
möglich wird.
Hypothetisiert
wird zur Zeit ein kortikaler Mechanismus, bei dem zeitlich synchron
auftretende 40-Hz-Schwingungen reziprok miteinander verbundene, räumlich
verteilte Funktionsareale binden könnte (Singer 1993). Eine zeitliche
Bindungsfunktion, welche die Repräsentationen der Liniensegmente zu einem
ganzen Buchstaben „binden" würde, wäre daher vorstellbar. Aber unabhängig
davon, wie die neuronalen Mechanismen der Buchstabenwahmehmung dort ablaufen,
ist ein intakter linksseitiger visueller Kortex Bedingung für das Erkennen der
Schrift. Letztendlich können mindestens zwei linkshemisphärische Areale
angenommen werden, die, falls beeinträchtigt, zu verschiedenen Formen von
Alexie führen: 1. Im Hinterhauptlappen (führt zur reinen Alexie; tritt also
ohne Schreibstörung, der Agraphie, auf, s.o.), 2. im Gyrus angularis, Teil des
Scheitellappens. Dieses Areal wird auch als Schriftsprachzentrum bezeichnet.
Eine Verletzung dieser Region kann zu einer schweren Form von Alexie mit
einhergehender Agraphie führen (Benson 1985).
Wenn wir
lesen, dann sind die erwähnten Teil-Kompetenzen stets gefordert, müssen die
neuronalen Repräsentationen gleichzeitig aktiv sein. Parallel zu diesen Aktivitäten
gibt es solche in jenen Bereichen, in denen Information gespeichert sind, denn
Gelesenes ist immer bezogen auf schon Vorhandenes; ohne Gedächtnis können wir
nicht lesen, was sich in einfachster Weise im Buchstabenwissen ausdrückt, aber
auch auf der abstrakten Ebene des Wissens gilt, denn eine Information wird
immer bezogen auf schon im Gedächtnis repräsentiertes Wissen. Des weiteren ist
neuronale Aktivität hervorgehoben in Bereichen, die die gefühlsmäßige Bewertung
besorgen; es gibt kein geistiges Geschehen, das nicht von vornherein
eingebettet ist in eine emotionale Bewertung (Pöppel 1993,
Wittmann/Eisenkolb/Perleth 1997), die sich auf der Erlebnisebene im Interesse
oder Desinteresse am Gelesenen widerspiegelt.
Abgesehen
von den Studien an Patienten mit umschriebenen Verletzungen des Gehirns werden
mit bildgebenden Verfahren an gesunden Personen die Areale der Großhirnrinde
identifiziert, die mit den linguistisch beschreibbaren Teil-Kompetenzen
assoziiert sind. Im visuellen Kortex konnten dabei - komplementär zu den
Studien an den hirnverletzten Patienten mit Alexie - funktionale Bereiche
identifiziert werden, die an der orthographischen Verarbeitung beteiligt sind.
Mit einer PET-Untersuchung an gesunden Probanden, die schriftliches Material
dargeboten bekamen, konnten seitliche Anteile des linken Hinterhauptlappens mit
der Verarbeitung von Buchstaben in Verbindung gebracht werden, während mittlere
Anteile des linken Hinterhauptlappens mit der Verarbeitung der Form von ganzen
Wörtern assoziiert waren (Petersen/Fox/Snyder/Raichle 1990).
Lautsprachliches
Prozessieren beim Lesen geschieht in temporofrontalen Bereichen (also dem
Schläfen- und dem Stirnlappen), wobei insbesondere mehrere Stellen des
Frontallappens eine tragende Rolle spielen (eine fMRI Studie hierzu bei Pugh/Shaywitz
/ Shaywitz / Constable / Skudlarski / Fulbright / Bronen / Shankweiler / Katz /
Fletcher/Gore 1996). Der Temporallappen gilt als „Multifunktionszentrum",
das nicht nur an lautsprachlicher und semantischer, sondern auch an
orthographischer Informationsverarbeitung beteiligt ist. Die zentrale
Bedeutung des Temporallappens für das Lesen wird aus vielen Studien
ersichtlich, die belegen, daß viele Personen mit Legasthenie morphologische und
funktionelle Unterschiede zu Vergleichspersonen in diesem Gebiet aufweisen
(eine Übersicht geben Warnke/Wewetzer/Grimm 1998).
Zu einer
Übereinstimmung der Ergebnisse der oben erwähnten fMRI-Studie mit
Verletzungsstudien kommt es bei der Identifizierung der unteren Windung des
Frontallappens, die sich bei der Lautanalyse als besonders aktiviert zeigte:
Patienten mit Verletzungen in diesem Bereich haben Defizite bei der
Diskriminierung verschiedener sprachlicher Laute (Blumstein/Baker/Goodglass
1977). Auch Aktivierungsstudien, welche das „innere Sprechen" zum Gegenstand
haben komplementieren diese Befunde, da bei Probanden, die Worte „denken"
sollten, die untere frontale Hirnwindung und angrenzende Areale - auch hier mit
linksseitiger Dominanz - besonders aktiviert waren
(Yetkin/Hammeke/Swanson/Morris/Mueller/McAuliffe/Haughton 1995).
Anteile
der oberen und mittleren Windung des linken Temporallappens zeigten sich bei
der fMRI-Studie (Pugh/Shaywitz/Shaywitz/Constable/Skudlarski/Fulbright/
Bronen/Shankweiler/Katz/Fletcher/Gore 1996) beim semantischen Verarbeiten der
geschriebenen Wörter als am meisten spezialisiert. Auch hier stimmen die mit
dem bildgebenden Verfahren gewonnen Erkenntnisse mit Ergebnissen aus klinischen
Studien mit Gehirnverletzten überein, die zeigen, daß Aphasiker mit Verletzungsgebieten
des linken Schläfen- und Scheitellappens (Lobus temporalis und Lobus
pa-rietalis) Schwierigkeiten bei der Erkennung der Bedeutung von Einzelwörtern
haben (Hart/Gordon 1990). Interessanterweise konnten die bisher vorliegenden
Aktivierungsstudien keine Beteiligung des Gyrus angularis, über zahlreiche
Verletzungsstudien als Schriftsprachzentrum apostrophiert, nachweisen
(Ackermann/Wildgruber/Grodd 1997), eine Tatsache, welche die Abhängigkeit der
Ergebnisse und deren Interpretation von den eingesetzen Methoden deutlich macht.
Nicht
alle Schriften sind jedoch Buchstabenschriften wie die unsere, bei welchen mit
Hilfe eines Alphabets die sprachlichen Einzellaute (die Phoneme) notiert
werden; das Repräsentationsrepertoire im Chinesischen und Japanischen sieht
ganz anders aus (Miller 1993): Im Chinesischen steht ein spezifisches Zeichen
für ein Wort oder
3. Zeitliche Verarbeitungsmechanismen beim
Lesen
Jegliche
Aktivität erstreckt sich über die Zeit. Oftmals ist uns aber der Zeitfaktor gar
nicht bewußt; denn wir erkennen problemlos die zeitliche Ordnung von
Ereignissen oder können automatisch Handlungsabläufe zeitlich strukturieren.
In diesem Zusammenhang haben v. Steinbüchel
und Pöppel (1993) eine Klassifikation von Funktionen vorgenommen, die zum
Verständnis der erhobenen Phänomene beiträgt. Dabei wird zwischen
inhaltstragenden mentalen Funktionen wie Sprache, Gedächtnis oder
Handlungsplanungen und logistischen Funktionen wie Aktivation oder zeitlicher
Organisation unterschieden. Die logistischen Funktionen stellen dabei die Randbedingungen
dar, die mentale Funktionsfähigkeit erst ermöglichen; ohne ein ausreichendes
Aktivationsniveau und ohne die zeitliche Organisation neuronaler Prozesse
könnten mentale Vorgänge nicht gelingen. Eine Verlangsamung in der zeitlichen
Auflösungsfähigkeit könnte demnach eine Ursache für die manifesten Sprachprobleme
der Patienten mit Aphasie sein (der genaue Zusammenhang wird weiter unten dargestellt).
Eine
Verlangsamung des Lesens ist ebenfalls bei Patienten mit Störungen des visuellen
Kortex beobachtet worden (Pöppel/Shattuck 1974): Eine Schädigung des Gehirns
führte auch dann zu einer erheblichen Verlangsamung, wenn die Gesichtsfeldbeeinträchtigung
weit außerhalb jener Bereiche lag, die für das Lesen wichtig sind. Daraus
leitet sich ab, daß für das Lesen (wie für jede andere Tätigkeit) die
Integrität des ganzen Systems - in diesem Fall des visuellen Kortex -
erforderlich ist. Verlangsamung scheint stets mit lokalen Störungen zerebraler
Module einherzugehen,
was spezifische therapeutische Programme erfordert (s.u.).
.
Bei der
Messung der auditiven Ordnungsschwelle gibt es interessante Alterseffekte. Bei
jungen Erwachsenen (zwischen 20 und 30 Jahren) wird üblicherweise ein Schwellenwert
zwischen 20 ms und 40 ms registriert. Bei älteren Erwachsenen mit einem
durchschnittlichen Alter von 50 Jahren wurden Ordnungsschwellen von ca. 60 ms
erhoben (v. Steinbüchel/Wittmann 1997). Es ist ein normaler Befund, daß ältere
Personen in Verhaltenstests weniger Punkte erzielen oder langsamer als jüngere
sind, wie aus altersabhängigen Normtabellen deutlich abzulesen ist. Nicht nur
im Erwachsenenalter verändert sich die zeitliche Auflösungsfähigkeit, sondern
sie entwickelt sich auch im Kindesalter. In einer Longitudinalstudie konnte
gezeigt werden, daß die Ordnungsschwelle bei Kindern im Alter zwischen sechs
und neun Jahren von einem recht hohen Wert kontinuierlich bis zu einem
niedrigeren Wert, der mit dem bei Erwachsenen vergleichbar ist, sinkt (Veit
1992). In einer groß angelegten Studie mit 110 Kindern zweiter Schulklassen,
die zwischen sieben und acht Jahre alt waren, wurde eine mittlere auditive
Ordnungsschwelle von 109 ms gemessen (v. Steinbüchel/ Wittmann /Landauer 1998),
ein Wert, der deutlich über dem der Erwachsenen liegt. Daraus kann man möglicherweise
schließen, daß die Entwicklung der Zeitverarbeitungsleistung mit der
Sprachentwicklung einhergeht.
Nun hat
man in Experimenten zur zeitlichen Ordnungsschwelle herausgefunden, daß
Patienten mil Aphasie (Tallal/Newcombe 1978, v. Steinbüchel/de Langen/Wittmann
1996), Kinder mit allgemeinen Sprachentwicklungsverzögerungen (Tallal/Piercy
1973, Kegel 1990) und speziell Kinder mit Lese-Rechtschreibschwächen (Tallal
1980, v. Steinbüchel/Wittmann/Landauer 1998) erhöhte zeitliche
Ordnungsschwellen aufweisen. Auch Erwachsene mit Dyslexie zeigen Schwierigkeiten bei der
feinzeitlichen Auflösungsfähigkeit von akustischen Reizen (Hari/Kiesilä 1996).
Theoretisch wird der Zusammenhang zwischen der grundlegenden Fähigkeit
zeitlicher Auflösungsfähigkeit von akustischen Reizen und der Wahrnehmung
gewisser Stopkonsonant-Vokal-Silben diskutiert (Miller 1990, v. Steinbüchel
1995, Bishop 1997). Diese lassen sich nämlich nur unterscheiden, wenn die
zeitlichen Charakteristika bestimmter spektraler Komponenten im Sprachsignal,
die Stimmeinsatzzeit repräsentierend identifiziert werden. Hypothetisiert wird
also, daß sich ein generelles Zeitverarbeitungsdefizit auch auf die zeitliche
Analyse des gehörten Sprachsignals auswirkt. Möglicherweise ist eine gestörte
Zeitverarbeitung des akustischen Systems eine Ursache für eine sich
entwickelnde Lese-Rechtschreibschwäche. Das grundlegende
Zeitverarbeitungsdefizit wirkt sich dann auch auf die Verarbeitungsleistung bei
den zeitkritischen Lauten aus, die dann auch für den schriftsprachlichen
Bereich nicht repräsentiert werden können. Es konnte nachgewiesen werden, daß
vor allem bei Kindern mit Legasthenie, die auch ein Defizit im Verständnis von
gesprochener Sprache haben, verschlechtert in der zeitlichen Verarbeitung sind
(Tallal/Stark 1982). Eine neuere Studie konnte ein Drittel der untersuchten
Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche als ebenfalls auffällig in der auditiven
zeitlichen Ordnungsschwelle identifizieren (v. Steinbüchel/Wittmann/Landauer
1998). Diese Befunde zeigen, daß man bei der Erklärung von so komplexen
Funktionen und ihren Störungen nicht monokausal argumentieren darf, daß
vielmehr verschiedene Faktoren wirken. Als ein Faktor unter anderen ist die
feinzeitliche Auflösungsfähigkeit sensorischer Information identifiziert.
Aus den
diagnostischen Erfahrungen heraus wurden Trainingsmethoden entwik-kelt, um die
erhöhten zeitlichen Ordnungsschwellen bei sprachauffälligen Personen zu
verbessern. Die zugrunde liegende Idee läßt sich dabei folgendermaßen formulieren:
Wenn ein Zusammenhang zwischen Zeitverarbeitung und Lautverarbeitung besteht,
kann eine durch ein Training verbesserte zeitliche Diskriminationsfähigkeit
auch zu einer Verbesserung in der Erkennung der zeitkritischen Silben führen.
Und so wurden Probanden in der Fähigkeit, die zeitliche Reihenfolge von
Ereignissen zu identifizieren, trainiert. Einerseits konnte die kritische
Schwelle, bei der die Probanden die zeitliche Reihenfolge der Reize noch
erkennen konnten, herabgesetzt werden, andererseits verbesserte sich auch die
Lautunterscheidung bei zeitkritischen Stopkonsonant-Vokalsilben
(wie/da/und/ta/). Bei einer Studie an Patienten mit Aphasie konnte ein rein zeitkritisches
Training die Erfolge erzielen (v. Steinbüchel/ Wittmann/de Langen 1996, v.
Steinbüchel/Wittmann/Pöppel 1996). Eine Gruppe Aphasiker mit erhöhten
Ordnungsschwellen und Problemen in der Lautdiskrimination erhielt ein
achtwöchiges Ordnungsschwellentraining. Zwei weitere Gruppen mit Aphasikern,
die ebenfalls erhöhte Ordnungsschwellen und Defizite in der Lautwahrnehmung
(die Silben/da/und/ta/) aufwiesen, wurden in einer visuellen Diskrimina-tionsaufgabe oder einer
Tonhöhenunterscheidungsaufgabe trainiert. Nach Trainingsende konnten zwei
Effekte beobachtet werden: Nur die Patientengruppe, die das zeitkritische
Training erhielt, verbesserte sich in der Höhe der Ordnungsschwelle. Ebenfalls
nur in dieser Experimentalgruppe konnte eine Verbesserung in der Erkennung von
Stopkonsonant-Vokalsilben festgestellt werden. In einer weiteren Studie mit
Kindern mit entwicklungsbedingten Sprachstörungen konnten ähnliche Erfolge
eines zeitkritischen Trainings verzeichnet werden
(Merzenich/Jenkins/Johnston/Schreiner /Miller/Tallal 1996). Hier konnten
Erfolge nicht nur auf der Phonemerkennungsebene sondern auch auf komplexeren
linguistischen Ebenen verzeichnet werden. Diese Trainingserfolge belegen
erneut, wie grundlegend der zeitliche Verarbeitungsmechanismus für das
Funktionieren von Sprache ist. Außerdem wird deutlich, daß komplementär zum
bereits vorhandenen therapeutischen Interventionsinventar, das auf den
komplexen Sprachebenen wie dem Lexikon, der Semantik oder der Grammatik
ansetzt, die zeitliche Funktionsfähigkeit bei bestimmten Patienten oder
Klienten trainiert werden kann.
Während
der oben beschriebene zeitliche Gehirnmechanismus für die Verarbeitung im
Millisekundenbereich funktioniert, quasi die kleinsten zeitlichen Bausteine der
Wahrnehmung formiert, in dem er für den Betrachter festlegt, welche Ereignisse
vor welchen anderen stattfinden, gibt es auf einer anderen zeitlichen Ebene
wahrscheinlich einen Mechanismus, der die Elemente unserer Wahrnehmung in 2
bis 3 Sekunden-Intervalle strukturiert. Dieser Integrationsmechanismus wird zum
Beispiel bei der Analyse von gesprochener Sprache kann ein Intervall von dieser
Länge gemessen werden. Alle 3 Sekunden wird unmerklich eine kleine Pause
gemacht, ein weiterer Hinweis darauf, daß Sprechen der gleichen zeitlichen
Strukturierung unterworfen ist (Kowal/O'Connell/Sabin 1975).
Diese
zeitliche Segmentierung in etwa 3 Sekunden dauernde Intervalle hat vermutlich
auch eine Bedeutung für den Satzspiegel. Beim leisen Lesen, wenn also mit
sakkadischen Blicksprüngen die Zeilen abgetastet werden, wird bei üblichen Satzspiegeln
etwa 3 Sekunden je Zeile benötigt. Hier stellt sich die Frage, ob in der Entwicklung
des Drückens in den letzten Jahrhunderten ein implizites Wissen über die
menschliche Informationsaufnahme genutzt wurde. Für den Neurowissenschaftler
ebenfalls faszinierend ist die Tatsache, auf die bereits der Begründer der
Psychophysik Fechner (1860) hingewiesen hat, daß wir je Buchstaben 30 ms beim
Lesen ansetzen müssen. So spiegeln sich also grundlegende temporale Prozesse
unseres Gehirns im Leseprozeß unmittelbar wider. Ein Prozeß regelt unser Urteil
von zeitlicher Folge, der bei der Erkennung von sich in der Zeit schnell
ändernder Information wichtig ist. Ein weiterer Prozeß integriert Information
in subjektiven Zeitgestalten zum Erlebnis von bewußter Gegenwart.