Richard Schrodt
Fatale germanisten fummeln falsch an der deutschen sprache! Über rechtschreibung als ideologie
Erschienen in: informationen zur deutschdidaktik 15/2, 1991, 22-41.
1. Agenten der Ungebildeten und Schwachsinnigen,
akademische Sprachwüteriche, amtliche Macher, Anal-phabeten, ängstliche Ignoranten, arbeitsscheue Kaffeehaussitzer, arglose Tröpfe, Bildungsrevolutionäre, Blödmänner, böswillige Ketzer, Bolschewisten, Demagogen, Deutschapostel, Dumme, die den Ton angeben, einbrechende Barbaren, Fanatiker, fanatische Sektierer, fatale Germanisten, Feinde unserer Kultur, Fortschritts-Philister, Gefrierfach-Idioten, geistig unterbelichtete Gehirne, gut organisierte Gruppen Halbgebildeter, Handlanger des US-Imperialismus, Herrenreiterkaste von elitären Schriftgelehrten, hochbezahlte Besserwisser, Idioten, innerlich unbefriedigte Personen, Jakobiner, Klassenfeinde, Kleinschreib-Advokaten, Kleinschreibfimmler, Kleinschriftapostel, Klugbedeuter, Kommunisten, Kommunistenfeinde, Kommunistensäue, Kosmopoliten, linke Ideologen und Wissenschaftler, linke steigbügelhalter, linke Wichser, Linksfaschisten im Dienst, linksorientierte Revoluzzer, Mannheimer Vereinsmeier, Mechanisten und Sprachmechaniker, Orthographie-Planierer, orthographische Bolschewisten, Pazifisten, propagandisten einer ostzonenortografi, radikale Elemente, radikale Reformwüteriche, Rechtschreibungssektierer, Reformfanatiker, reformwütige Lehrer, revolutionäre Pedanten, Revoluzzer, Schneider, Schreckensgewalttäter(innen), Schreckensweiber, schwachsinnige Ignoranten, selbstverliebte Ignoranten, Simplifikateure, Sprachingenieure, Sprachrevoluzzer, Sprachtöter, technische Puristen und Simplifikatoren, Umfunktionierer mit Vollbart, universitäre Selbstbeschäftiger, Utilitaristen, Veränderer um des Veränderns willen, Verbrecher, Verschwörer, voreilige Sprachexperten, Wichtigtuer, Wortbildstürmer, Worttechniker, Wortwüteriche ...
2. greifen in die Individualität des Einzelnen ein,
sind klüger als die Alten, vergewaltigen den Volksgeist, nivellieren alles in moderner Weise, vergreifen sich selbstmöderisch an der deutschen Sprache, machen das ganze Volk nach unten 'gleich', fördern die 'negative Auslese', schädigen das gesamte Deutschtum, schnippeln das Sprachkleid auf einen Lendenschurz für Basutoneger zurecht, vernichten die Schrift in ihrer Grundlage, laborieren an der deutschen Krankheit des Weltverbesserns, vernichten einen nationalen Wert, schaffen Eselsbrücken für geistig Minderbemittelte, fördern durch eine mechanisch eingeleitete Primitivierung unseren Kulturverfall, überantworten eine Jahrhunderte alte Schriftkultur der Vernichtung, führen die Stotterer- und Stammler-Schrift ein, verlieren die Ehrfurcht vor Gott und der Schöpfung, verhunzen Sprache und Schreibung nach dem Bedürfnis von Sext-Quint-Quartanern, unkundigen Ausländern und unbegabten Inländern, nehmen an einer von Dunkel umhüllten Bewegung teil, erniedrigen die Worte zu roten Bällchen am Zählrahmen, geben dem schnellwüchsigen Analphabetentum, dieser sozialen Siegerrasse unserer Tage, diesen Schmarotzern an der Niederlage und dem kulturellen Absturz unseres immer noch bejammernswerten Volkes eine weitere Chance, sich noch sicherer zu tarnen, dienen der Vulgarisierung und Primitivierung des ganzen Volkes, fördern die Verarmung und Verkümmerung des ganzen Denkens, bewirken das Absinken des geistigen Standes eines ganzen Volkes, vereinen kosmopolitische Nivellierungstendenzen mit einer krampfhaften Sucht nach Primitivität, merzen auch die bescheidenen Reste von national Charakteristischem aus unseren Briefen und Manuskripten aus, beseitigen die Schranken zwischen dem lallenden und dem sprechenden Menschen, erschweren das Lesen der marxistischen Klassiker, fördern die vereinfachte Sprechweise und Sprache, so daß die Menschen bald mit einem halben Dutzend Worten oder Krächzern auskommen würden, wie die Raben, handeln aus krankhafter Geltungssucht, rütteln an den Grundpfeiler unserer geistigen Existenz, pressen die Sprache in eine Art Industrienorm, bewirken den Dadaismus in der Rechtschreibung, dienen der Faulheit und Bequemlichkeit der Unbegabten, erleichtern dem Pöbel das Schreiben, lassen das Gemeine über das Geistige triumphieren, tun den ersten Schritt zu einer politischen Umwälzung, bewirken den Untergang unserer Kultur, passen die Klugen und Fleißigen an die Faulen und Blöden an, wollen mit dem Trick der Orthographie "reinen Tisch", sprich, Revolution machen, lassen das Gemeine über das Geistige triuphieren, sammeln sich ums linke Bildungsbanner und tragen dazu bei, einen regelrechten Bürgerkrieg anzuzetteln, treiben öffentliche Unzucht mit der deutschen Sprache, radieren die Kenntnisse der Geschichte als Korrektur für Zukunftsversprechungen aus, gestalten die Sprache primitiver, führen den Doofspeak ein, damit Tünnes und Schäl ob ihrer schichtenspezifischen Ausdrucksweise keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber etwelchen noch nicht nivellierten Dichtern und Denkern mehr haben, wiegeln die öffentliche Meinung auf, zerst@Tren die bürgerliche Ordnung, führen die sozialistische Gesellschaft ein, spielen mit gezinkten Karten, verplempern Steuergelder, setzen vor allem ältere Leute in helle Aufregung, erklären die Rechtschreibsünde für eine Tugend und das Falsche für richtig, beuten die Mitmenschen aus, fummeln falsch an der deutschen Sprache ...
3. Es gibt verschiedene begriffe von ideologie,
von denen einer in der alltagssprache wohl am meisten verbreitet ist: ideologie als denken bzw. bewusstsein, das als wissenschaftlich oder politisch falsch nachgewiesen werden kann. Ursache für diese falschheit sind politische interessen, die durch das ideologische bewusstsein entweder verdeckt und verschleiert oder aber gerechtfertigt werden sollen. Dieses von einer kritischen bzw. negativen wertung bestimmte konzept beruht auf der aufklärerischen forderung nach ideologiefreiheit. Man kann aber auch ideologie als geistiges aussagesystem betrachten, mit dem gesellschaftlich-politische systeme stabilisiert werden und das daher eine für das einzelmenschliche sozialverhalten wichtige entlastungsfunktion hat. In einer wertneutralen fassung kann man mit ideologie die funktionen eines durch gesellschaftliche strukturen geprägtes oder mitgeprägtes denken für diese gesellschaft verstehen, also ein normativ wirkendes denken (Lieber 1985: 14ff). Allen diesen ideologiebegriffen ist die opposition zur wissenschaftlichen weltauffassung gemeinsam: Auch wenn sie sich auf wissenschaftliche argumente beziehen, so erscheinen sie nur als rechtfertigungsgrund, und die für das wissenschaftliche erkennen grundlegende offenheit gegenüber änderungen und weiterentwicklungen wird zu gunsten einer dogmatischen verfestigung bestimmter inhalte, die oft zur glaubenssache werden und wesentlich zur stabilisation sozialer machtverhältnisse eingesetzt werden, verdrängt (Barion 1974: 60ff). Die oben zitierten ausdrücke für die rechtschreibreformer, ihre anhänger und ihre tätigkeit machen es leicht, die unterschiede zwischen diesen ideologiebegriffen zu überwinden: Zweifellos handelt es sich in wertneutraler sicht um geprägtes oder mitgeprägtes denken, ebenso zweifellos dient es aber auch zur gesellschaftlich-politischen stabilisierung. Jahrzehntelange sprachwissenschaftliche forschung hat erwiesen, dass alle diese befürchtungen völlig unbegründet sind - insofern kann auch der beweis geführt werden, dass es sich um ein "falsches" bewusstsein handelt. Ich erspare mir hier einen weiteren wiederaufguss von entsprechenden linguistischen untersuchungen: Sie sind weitgehend bekannt, gelten als wissenschaftlich fundiert und sind zudem bibliografisch gut erfasst. Der ideologische charakter dieser zitate ist erwiesen. Andere fragen bleiben, von denen einige besprochen werden sollen.
4. Die rechtschreibung in den zeitungen
Alle zitate sind zwei dokumentationen über leserbriefe und artikeln entnommen, die zu themen der rechtschreibreform in deutschen zeitungen erschienen (Küppers 1984 [abgekürzt: K + seitenzahl], Zabel 1989 [abgekürzt: Z + seitenzahl]), einiges kommt auch aus Glück/Sauer (1990); der titel meines aufsatzes ist eine kombination von zitaten aus den ersten beiden absätzen. Ich habe nur die bezeichnungen für die rechtschreibreformer und ihre anhänger in originalorthographie alfabetisch geordnet und die formulierungen für ihre absichten geringfügig normalisiert. Die ersten belege stammen aus dem jahr 1880, als der preussische kultusminister Robert von Puttkamer ein regelbüchlein für die schulen einführte, das im wesentlichen den bayrischen und berliner regelbüchern entsprach und dadurch dem phonetischen prinzip Rudolf von Raumers verpflichtet war. Schon damals, in der heftigen reaktion Bismarcks ("sprachkonfusion"), zeigen sich elementare ideologische vorstellungen (ich nenne sie künftig "ideologeme"), die auch heute noch immer wieder auftauchen (rechtschreibung = sprache); zudem ging es noch um die wütend bekämpfte einführung der lateinischen lettern. Die letzten belege kommen aus leserbriefen, die durch einen artikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 19. juli 1988 inspiriert wurden. In diesem artikel mit dem titel "Werden wir demnächst Keiser statt Kaiser schreiben?" hat der sprachwissenschaftler Gerhard Augst ein regelwerk zur orthographiereform (Kommission 1988) besprochen, das zum damaligen zeitpunkt noch nicht erschienen war und ohne einverständnis des autors vorher publiziert wurde. Um den "Keiser" ging es dann vor allem, die anderen nicht so auffälligen reformvorschläge wurden vergleichsweise wenig beachtet. Dieses reizwort wurde in überschriften geradezu zum symbol der rechtschreibreform: "Wenn der Keiser küsst oder Meis isst...", "Es ist etzend, wenn der Keiser Bot fehrt", "Am 'Keiser' die Finger verbrannt" usw. - das alles sind "Doitsche Gräuel", daher "Duden ade?" (Z 218). Nach beobachtungen der Gesellschaft für deutsche Sprache wurde der "Keiser" sogar zum "Schreckenswort des Jahres [1988]". Der geistige umkreis, aus dem der grossteil dieser zitate kommt, muss wohl nicht besonders erläutert werden: Es ist ein oftmals extremer konservatismus, verbunden mit einer abendlandsuntergangsstimmung und einem elitären bewusstsein. Die geschichte dieser einstellung kann hier nicht näher beschrieben werden. Erste hinweise auf ähnliche haltungen finden sich schon bei Quintilian im 1. jh. n. Chr., wo der gute sprachgebrauch aus der übereinstimmung der gebildeten abgeleitet wird, und im Deutschen bei Gottsched (K 42); in dieselbe richtung weisen auch die ansichten vom sprachverfall, etwa bei Oswald Spengler ("Der Untergang des Abendlandes", bd. 2, kap. 2/2) und Hugo von Hofmannsthal. Wichtig scheint mir der aufweis einiger grundlegender motive, die zu ideologischen einstellungen führen. Einige davon sollen hier kurz besprochen werden.
5. Einige ideologeme
Die gleichsetzung von sprache und schrift ist wohl das wichtigste ideologem für die reformgegner, und sie wird auch häufig ausdrücklich angeführt. Die rechtschreibreform führt zwangsläufig zu einer zur stenographie verstümmelten, ihres historischen ausdrucksreichtums beraubten sprache (K 126); "Die Sprache lebt, und darum darf ihr keine Gewalt angetan werden." (Z 103); "Sprach-'Vereinfachungen' sind grundsätzlich abzulehnen, [...]" (Z 111); deshalb werden die reformierer zu sprachtötern (Z 227). Dass die schrift ein sekundäres symbolsystem ist, ist eine sprachwissenschaftliche trivialität und muss wohl nicht näher erläutert werden. Zweifellos gibt es rückwirkungen der schrift auf die gesprochene sprache, v.a. in form von überkorrekter aussprache, aber solche fälle sind randphänomene und haben für das sprachliche funktionieren keinerlei bedeutung. Als folge dieses ideologems erscheint die ansicht, die rechtschreibreform sei eine "Veränderung der Grammatik" (Z 91). An diesem punkt zeigt sich deutlich, dass sich in den reaktionen auf reformvorschläge in den leserbriefen eine art "volkslinguistik" spiegelt, die - das muss einmal gesagt sein - sehr oft jeder wissenschaftlichen grundlage entbehrt. Formen der "volkswissenschaft" sind auch in kulturgesellschaften für das alltägliche leben wichtig. Solche auffassungen orientieren sich meist an sinnlich wahrnehmbaren erscheinungen oder an einfachen kausalverhältnissen; sie ermöglichen eine einfache und zureichende orientierung in der umwelt des menschen. Auf diese weise kann die sonne problemlos auf- und untergehen, und der mond darf durchaus eine leuchtende scheibe sein - die astronomie hat wenig auswirkung auf unser alltägliches leben: Eher ist es schon die astrologie, die mit mythischen deutungen das menschliche schicksal in das kosmische geschehen einordnet. Ein schönes beispiel für volkslinguistische vorstellungen ist der leserbrief eines mannes aus Oberhausen: "Unser daß hat nicht im geringsten mit unseren drei artikeln "der", "die" und "das" zu tun - es ist ein absolut eigenständiges Wortgebilde, das nur rein zufällig aus den Buchstaben d, a und ß besteht." (Z 119) Es ist daher auch nicht erstaunlich, dass gerade die rechtschreibung als prototypisch sinnlich wahrnehmbares phänomen zur sprache schlechthin erklärt wird. Eine subtilere ausprägung der volkslinguistik findet sich in der behauptung, dass und aus zwei sätzen nicht einen macht (Z 156) - das gegenteil ist der fall (Müller 1985: 169ff).
6. Die kluge sprache und der volksgeist
Erstaunlich ist aber, dass auch fachwissenschaftler nicht vor solchen ansichten gefeit sind. So erklärt ein renommierter philosoph (Kampits 1979, 207f), dass "Schrift und Sprache in einem wesenhaften Zusammenhang" stehen. Grammatiker und philologen "reduzieren und geringschätzen [die sprache], will man sie im Reichtum ihrer Strukturen und Gesetzmäßigkeiten, ihrer Vielfalt und ihres historischen Gewachsenseins allein unter dem Aspekt des Machbaren stellen." Sie ist "nicht etwas, mit dem sich dekretorisch umgehen, über das sich - mit welchen Begründungen auch immer - einfach verfügen läßt". Zustimmend wird Rosenstock-Huessy zitiert, der erwägt, ob die sprache klüger wäre als der, der sie spricht; natürlich kommt Wilhelm von Humboldt zum zug, und auch Ludwig Wittgenstein kann sich nicht wehren, zitiert zu werden. Das entsprechende volkslinguistische zitat: "Sprach-"Vereinfachungen" sind grundsätzlich abzulehnen, denn die Sprache ist mehr als ein primitives Kommunikationsmittel." (Z 111)
Hier weht der wind aus der romantisch-idealistischen sprach"wissenschaft", und von dort kommt auch die identifizierung der sprache mit dem volksgeist. Nationale gesichtspunkte haben bei der ablehnung einer rechtschreibreform schon immer eine bedeutende rolle gespielt (K 197f). Das war auch in der ehemaligen DDR so (Klute 1974: 35f). Rechtschreibreform führt zum heimatverlust: "Die Muttersprache ist wie die Landschaft, in die man hineingeboren wird, etwas Angestammtes, eine Heimat, aus der niemand vertrieben werden darf [...]." (Z 30) Das bedürfnis nach nationalen symbolen kann absurde und groteske formen annehmen. Wir erinnern uns noch an den vom maler Hundertwasser angefachten nummerntafelstreit: Gerade einer, der die alternative lebensweise bis zum plumpsklo verficht, hat da geglaubt, den Österreichern ihre nationalnummerntafel retten zu müssen. Doch zurück zur rechtschreibung. Landmann (1974: 44): "Daß heute in Deutschland von vielen der Verzicht auf die Großschreibung der Substantive gefordert wird, ist ein Symptom dafür, daß der deutsche Geist seine weltgeschichtliche Rolle ausgespielt hat." Nun ist es nicht mehr weit zu den vergewaltigern des volksgeistes und zu den nivellierern nach unten usw. (oben 2.). Was ist nun die sprache mehr als kommunikation? Es ist hier kein platz für eine erörterung aller verzweigungen derartiger ansichten von der Sapir-Whorf-theorie bis hin zur inhaltbezogenen sprachwissenschaft. Dass hier ideologeme am werk sind, zeigt aber schon die ausdrucksweise: Da finden sich essentialistische wortverwendungen, pseudo-deskriptive aussagen und leerformeln (Salamun 1988: 21ff), die sonst v.a. im bereich der politischen verbalstrategien vorkommen. Was ist die klugheit der sprache? Was ist der wesenhafte zusammenhang von sprache und schrift? Was ist die ewig sich wiederholende arbeit des geistes an der sprache? Was kann hier überhaupt unter "sprache" verstanden werden? Hier wimmelt es nur so von metaphern und reifizierungen, die die gemeinte sache selbst verdunkeln. Das ist auch der grund dafür, dass sich die moderne linguistik erst gar nicht mehr um einen begriff von "sprache" bemüht (z.b. Stechow/Sternefeld 1988: 26). Doch, auch abgesehen von diesen sprachphilosophischen erwägungen: Gerade die schrift gehört zweifellos zum "machbaren". Das wird 1. durch faktische reformen, die es immer schon gegeben hat, und 2. durch die vielen zeugnisse von schrifterfindungen und -einführungen eindeutig erwiesen. Die ausdrucksweise des "machbaren" denunziert ja selbst schon alle fälle, in denen sprachänderungen gesellschaftlichen bedürfnissen entsprechen - und so etwas gibt es, nicht nur in der schreibung: formen von sprachlenkungen z.b., die die sprachliche gleichberechtigung von mann und frau herstellen.
7. Kulturverfall durch rechtschreib-reform
Die rechtschreibung als ausdruck des geistes, was oder wer immer das auch sein mag: Da wird natürlich jede rechtschreibreform zum kulturverfall. "Die Sprache lebt, und darum darf ihr keine Gewalt angetan werden. Sie ist das wichtigste Kulturerbe [...]." (Z 103) "Die Rechtschreibreform sehe ich als einen Rückschritt in eine niedere Kulturstufe." (Z 123) "Das ist keine Reform, sondern eine gezielte Kulturzerstörung." (Z 128) Wer den kulturverfall absichtlich herbeiführen will, ist ... s. oben 1. Die politische ideologie ist gleichgültig: Neben den kommunisten stehen die kommunistenfeinde - doch das linke lager eignet sich zur anschwärzung mit abstand am besten. Es ist merkwürdig: Niemand glaubt, durch eine rechtschreibreform dem geist, was oder wer immer das auch sein mag, auf die sprünge helfen zu können. Das ist doch immerhin eine logische möglichkeit - man denke etwa an die ideale sprache der logischen positivisten. Statt dessen sind dunkle mächte am werk, die die sprache mitsamt ihren trägern in den abgrund ziehen. Sie vertreiben uns aus unserer geistigen heimat, der sprache (Z 21). Sind einmal keine sektierer und sonstigen bösewichte am zug, kommen geradezu rührende erklärungsversuche zustande wie etwa: "Hier muß wohl auf das allgemeine Nachlassen der Kraft, geschichtliche Zeichen, noch festzuhalten hingewiesen werden." (Z 235; die interpunktion in zitaten ist original). Hier wird das tragische gefühl der heimatlosigkeit zur existentiellen unbehaustheit - das ekel vor der "plastikwelt" ist das gleiche wie vor der deformierung unserer rechtschreibung (Z 120). Wieder wirkt sich die fatale gleichsetzung schrift = sprache unheilvoll aus. Dass änderungen der schrift nichts mit der sprache zu tun haben, zeigt z.b. die schreibreform in der Türkei (ersatz der arabischen durch die lateinische schrift). Übrigens, was die sprache selbst, d.h. hier den grammatischen bau, betrifft: Die historische sprachwissenschaft versucht, sprachveränderungen als regelhafte, auf universalen gesetzlichkeiten beruhende entwicklungen zu erklären. Das ist in vielen fällen durchaus gelungen. Ein allgemeines nachlassen der kraft ist nirgendwo auffindbar - im gegenteil: Gerade die veränderungen erweisen, metaphorisch gesprochen, die anpassungsfähigkeit des sprachlichen ausdrucks an die kommunikativen erfordernisse.
8. Kulturverlust und kulturbruch
Mit der befürchtung eines niedergangs hängt auch die furcht vor kulturverlust und kulturbruch zusammen. Das ist ein schon altes argument, welches in der geschichte der rechtschreibreformen immer wieder vorgebracht wurde: Nach einer solchen reform werden unsere klassiker unlesbar, auch die schriften von Karl Marx. Da nützt es nichts, wenn man auf die erfolgreiche rechtschreibreform in Dänemark verweist, wo die klassiker immer noch gelesen werden. Wie haben aber unsere klassiker wirklich geschrieben? Hans Glinz (1987) zeigt es am beispiel eines briefes von Johann Wolfgang von Goethe an frau von Stein am 30. november 1779, der so aufschlussreich ist, dass sich ein vollständiger abdruck lohnt:
Ihre erste Weimarer Worte erhalt ich hier und freue mich Sie wieder meine Nachbaarinn zu wissen, und dass Ihnen der Schreibtisch Vergnügen macht. Glauben Sie mir ich halt ihn auch für kostbaar und muss, denn seit Anfang dieses Jahrs hab ich mich beschäfftigt ihn zusammenzutreiben, alles selbst ausgesucht, aufgesucht, davon viel Aneckdoten zu erzählen wären, bin offt vergnügt von Ihnen weg zum Tischer gegangen weil etwas im Werck war das Sie freuen sollte, das nicht auf der Messe erkauft, das von seinem ersten Entwurf meine Sorge, meine Puppe, meine Unterhaltung war. Wenn Freundschafft sich bezahlen lässt; so dünckt mich das die einzige von Gott und Menschen geliebte Art. Also meine beste - Verzeihen Sie mir diese Rodomondate! Ich werde verleitet Sie auf den eigentlichen Preis des Dings zu weisen, da Sie nur einen Augenblick an einen andern dencken konnten.
Schon zu Goethes zeit hat es rechtschreib-regelbücher gegeben. Im vergleich zu ihnen zeigt sich eindeutig: Goethe - rechtschreibung mangelhaft. Auch die gross- und kleinschreibung ist durcheinander (meine beste - meine Beste in anderen briefen). Der dichter selbst wird in den erstausgaben bald Goethe, bald Göthe geschrieben, von der interpunktion ganz zu schweigen. Individuelle abweichungen gibt es bei dichtern auch noch später und auch sonst: Im Mozart-jahr kennt wohl jeder die abenteuerliche schreibweise unseres salzburger meisters - wo doch schon der kleine Wolferl so ein genie war.
Die kulturbruch-auffassung konnte erst dadurch aufkommen, dass man die schreibung unserer klassiker-ausgaben für die originalschreibung hielt. Man vergisst leicht, dass die schreibung meist von sekretären (denen diktiert wurde), druckern oder späteren korrektoren und herausgebern stammt, die - oft, aber nicht immer eingestanden - die originalschreibung dem heutigen bzw. zu ihrer zeit geltenden gebrauch mehr oder weniger behutsam angepasst haben. Wissenschaftliche editionen kehren immer mehr zur originalorthographie zurück. So sollte es auch bei leseausgaben sein: Niemand kann ernsthaft behaupten, dass die originalschreibung ein unüberwindbares hindernis für das textverständnis ist. Nach meiner auffassung ist das gegenteil wahr: Die originalschreibung weist uns darauf hin, dass wir es mit einem historischen text zu tun haben, wie auch die sprachformen selbst manchmal ungewöhnlich sind. Sie zeigt uns, dass wir gelegentlich in der grammatik und vor allem im wörterbuch nachschlagen müssen, um den sinn richtig zu verstehen.Der kulturbruch kann nicht durch blosse orthographische anpassung beseitigt werden: Er muss vom leser erkannt und behoben werden. Erfreulicherweise werden immer mehr ausgaben in autornaher fassung gedruckt (vgl. dazu am beispiel Heines Zinke 1974).
9. Gleichartigkeit und einheitlichkeit
Eine folge der kulturbruch-auffassung ist die forderung nach völliger gleichartigkeit und einheitlichkeit der rechtschreibung. Sie hat in der geschichte der deutschen rechtschreibung eine unheilvolle rolle gespielt, konnte man doch mit dieser forderung eine konsequente und vollständige reform bisher verhindern - immer war irgendein staat gerade dagegen oder am entscheidungsprozess nicht beteiligt. Es lohnt sich, der gleichartigkeitsforderung etwas nachzugehen. Glinz (1987: 30) bemerkt zu diesen ansprüchen, dass sie "sich in historischer Sicht als recht jung und keineswegs eindeutig an die kulturelle Höhe einer Epoche gebunden [erweisen]; noch viel mehr gilt das von den Ansprüchen der Schreiber und der Empfänger von Privatbriefen, auch in menschlich wie literarisch hochkultivierten Kreisen." Dagegen Drosdowski (1987: 21): "Wer heute für eine nicht streng normierte Rechtschreibung eintritt, sich den Individualismus in der Schreibung etwa in den Briefen Wolfgang Amadeus Mozarts oder der Mutter Goethes zum Vorbild nimmt, der verkennt, daß sich die Zeiten grundlegend gewandelt haben. 1870 lebten über 60% der Bevölkerung in Deutschland auf dem Lande in Dörfern und Städten unter 2000 Einwohnern, 97% der Kinder besuchten ausschließlich die Volksschule, und es gab über 10% Analphabeten. Für die Bewältigung vieler beruflicher und gesellschaftlicher Aufgaben war die Beherrschung der Schriftsprache und der Orthographie nicht notwendig. Wir aber leben heute in einer kulturell und technisch hochentwickelten Zeit, und ohne eine normierte Standardsprache, zu der eben auch eine verbindlich geregelte, einheitliche Rechtschreibung gehört, ist unsere moderne Industrie- und Massengesellschaft nicht denkbar." Das wirkt, auch wegen der prozentangaben und der anderen zahlen, überzeugend und eindeutig. Bei näherer betrachtung erweist sich diese ansicht allerdings wieder als eine summe von ideologemen. Das auch eine kulturell hochentwickelte zeit ohne rigide rechtschreibnormierung auskommen konnte, hat das Goethe-zitat gezeigt. Wie steht es also mit der technischen entwicklung, mit unserer industrie- und massengesellschaft?
10. Noch mehr ideologeme
1. ideologem - industriegesellschaft: Da gibt es zunächst drollige rechtschreib- und grammatikfehler in den gebrauchsanleitungen mancher japanischer erzeugnisse, die der verbreitung dieser sachen bisher nicht geschadet haben. Weiters gibt es viele beispiele von absichtlicher regelverletzung, besonders in werbetexten - aber sie sind ja erlaubt, weil sie eben absichtlich sind und einem bestimmten ausdrucksbedürfnis entsprechen. Wer die augen offen hält und z.b. inschriften u. dgl. auch zur geschriebenen sprache rechnet, wird so manches nicht vom duden erlaubte finden. Wer aufgrund der falschen schreibung die tafel "Achtung Dachlawiene" nicht beachtet, ist selbst schuld. 2. ideologem - massengesellschaft: Vor einigen jahren wurde in Österreich die zeitung "Der Standard" eingeführt. Der erste jahrgang wimmelte nur so vor rechtschreib- und beistrichfehlern, von den falschen abteilungen des satzcomputers nicht zu reden; erst später wurde es besser. Weder damals noch heute hat das der verbreitung dieser zeitung geschadet; mir sind nicht einmal besonders bissige leserbriefreaktionen bekannt, auch nicht in anderen zeitungen. Also: Entweder sind diese fehler den lesern gar nicht aufgefallen, oder die lesergemeinschaft hat sich als toleranter erwiesen als Drosdowski. 3. ideologem - standardsprache, von Drosdowski auch schriftsprache genannt: Drosdowski müsste als herausgeber und bearbeiter der duden-grammatik selbst am besten wissen, wie zweifelhaft ein solcher begriff ist. Dazu muss man nicht erst die zahlreiche fachliteratur zu diesem thema wälzen - die vielen (erlaubten!) varianten in der duden-grammatik sind ein eindeutiger beleg. Die standardsprache ist ein phänomen, das über allen wassern schwebt, weil es von keinem deutschen sprachteilhaber wirklich ganz getroffen werden kann, weder in der geschriebenen form und schon gar nicht in der gesprochenen form. Besonders auffällig sind natürlich regionale unterschiede, die sich nun einmal nicht wegleugnen lassen. Der grazer germanist Rudolf Muhr führt schon seit jahren einen entschlossenen kampf für eine eigenständige österreichische sprache - ein wenig übertrieben, wie mir scheint, aber jedenfalls mit ernstzunehmenden linguistischen argumenten. Solche regionalismen zeigen sich am deutlichsten im wortschatz. Sie können natürlich zu verständnisschwierigkeiten führen, behindern normalerweise aber nicht die verbreitung von literarischen erzeugnissen. Ich habe in den letzten jahren mit grossem vergnügen fast alles vom schweizer schriftsteller Hermann Burger gelesen - auf beinahe jeder seite mancher werke finden sich dialektausdrücke, und es gibt nichteinmal ein glossar. Vieles wird aus der textumgebung verständlich, manches bleibt zweifelhaft, doch: Auch ohne den griff zu einem schweizerischen idiotikon wird die lust am lesen nicht getrübt.
Die Probleme liegen woanders. Sie sind quantitativer art und betreffen die zahl der rechtschreibänderungen. Die einführung der gemässigten kleinschreibung und änderungen z.b. im bereich der besonders inkonsequenten e/ä- und v/f-schreibungen würden das schriftbild zweifellos stark verändern. Dass solche änderungen das lesen nicht erschweren würden und auch nicht zu einem kulturbruch führen müssen, kann hier nicht ausgeführt werden. Aber darum geht es gar nicht: Die gegenwärtig diskutierten rechtschreibreformvorschläge beschränken sich auf die beseitigung der ärgsten inkonsequenzen und sind dermassen geringfügig, dass sie bei normalen texten kaum auffallen werden. Das zei
gen die beiden fassungen (gegenwärtig gültige und reformierte orthographie) eines märchens, die Wolfgang Mentrup gegenüber gestellt hat (der Spiegel vom 14. november 1988, wieder abgedruckt in Z 166). Obwohl so ziemlich alle änderungstypen vorkommen, bleibt der text gut lesbar - das gilt übrigens auch für manche mehr oder weniger böswillige radikalorthographische texte, die bei Zabel abgedruckt sind. Aus diesen änderungen argumente gegen die rechtschreibreform abzuleiten, ist zweifellos unberechtigt.
11. Deutsche gründlichkeit - leider verlorengegangen
Ich habe bisher das wohl wichtigste ideologem erst erwähnt, die ansicht, dass die schrift (und die sprache) nur für elitäre schichten voll zugänglich sein soll; angehörige anderer schichten müssten sich dem elitären sprach- und schreibgebrauch anpassen. Diese auffassung ist zur genüge oben 1. und 2. dokumentiert; weiteres belegmaterial findet sich im anhang zu Augst (1974). Die dummen geben den ton an (Z 136): Das ist die grundformel solcher befürchtungen. Man soll es den leuten nur ja nicht zu leicht machen. "Schüler dürfen sich freuen. Sie werden künftig nicht mehr sitzenbleiben." (Z 108) In diesem zusammenhang sind auch die bekannten bildungswerte im spiel: erziehung zur gewissenhaftigkeit, treue im kleinen, stärkung des willens und der konzentrationsfähigkeit, festigung des verantwortungsgefühls, sinn für wahrheit und ordnung (K 150). In diesem sinn gilt die grossschreibung als vorzügliche denkschulung. Hier findet sich besonders viel groteskes und absurdes, so etwa die auffassung, dass die kompliziertheit der geltenden rechtschreibung ein willkommenes "Gehirntraining" für den "Arbeitersohn" sei (K ebd.). Ableitungen dieses ideologems zeigen sich in der hohen bewertung der rechtschreibung im berufsleben (dazu Hoberg 1985): Die beherrschung der rechtschreibung als zeichen für lernbereitschaft und als selektionsinstrument wird noch immer gefordert. Eine typische meinung aus einem industrieunternehmen ist etwa: "An der Rechtschreibleistung erkennt man eine gute Allgemeinbildung, sie ist ein Bildungsgradmesser und verleiht Prestige." Oder, als pessimistische kurzformel: "Deutsche Gründlichkeit - leider verlorengegangen." (Ruth 1985: 25) Die lage ist hoffnungslos: Wenn es bisher nutzlos war, mit wissenschaftlichen argumenten gegen solche einstellungen aufzutreten, wird es wohl auch weiterhin nutzlos sein. Die rechtschreibung ist eben bequem abprüfbar, und man sieht gleich, mit wem man es zu tun hat. Hier ist eine falsche sicht der kausalzusammenhänge besonders verbreitet. Natürlich kann die beherrschung der rechtschreibung mit dem bildungsgrad (besser: mit der schulbildung) zusammenhängen, doch ein eindeutiger schluss auf intelligenz und kreativität lässt sich nicht ziehen - eher auf die qualität der schule, des curriculums und/oder der deutschlehrer. Es mag gerade in diesem bereich besonders schwer sein, alle relevanten faktoren auseinanderzuhalten; dazu kommen auch noch persönlichkeitsbezogene merkmale wie die sozialisation usw. Auch dazu gibt es genügend untersuchungen; doch mit wissenschaftlichen argumenten lassen sich eben keine ideologeme beseitigen.
12. Ideologeme und werthaltungen
Ideologeme haben immer bestimmte gründe: Sie entsprechen bedürfnissen und gesellschaftlichen werthaltungen, die selbst nur soziologisch beschrieben werden können. Das thema "rechtschreibung als ideologie" wäre nur unvollständig getroffen, wenn diese gründe nicht besprochen werden. Doch hier bewegt sich der sprachwissenschaftler auf einem dor
nigen pfad: Wenngleich es zur rechtschreibproblematik selbst eine überfülle an literatur gibt, sind gerade diese gründe kaum untersucht. Zudem wäre es die aufgabe einer fächerübergreifenden studie, hier klarheit zu schaffen: soziologie, psychologie (genauer: sozialpsychologie), kulturgeschichte müssten an diesem projekt beteiligt werden. Ich kann daher nur einige hinweise geben, die sich auf belegbares material stützen und auf leicht nachprüfbaren fakten beruhen.
Zunächst zum eben erwähnten elitären bewussstsein. Hier drängt sich ein böser verdacht auf: Die, welche die rechtschreibung ausreichend beherrschen, haben naturgemäss wenig interesse an änderungen. Immer kann das, was man selbst im gegensatz zu den anderen kann, den eigenen status befestigen und erhöhen (dazu Kutalek 1972: 101f und Hoberg 1983: 125f). Das gilt vor allem für leute, bei denen die beherrschung der rechtschreibung ein wichtiger teil der beruflichen tätigkeit ist, und das sind vor allem journalisten und lehrer. So ist es gar nicht erstaunlich, dass gerade von dieser seite die meisten befürchtungen kommen und dass sich besonders manche zeitungen entschieden gegen die rechtschreibreform wehren. Man wird natürlich kaum ein explizites eingeständnis aus diesem personenkreis erwarten, aber immerhin habe ich einen beleg gefunden, der zumindest die existenz dieser haltung belegt: In einer leserbefragung antwortet ein 15-jähriger schüler, dass ihn die neuen regeln stören würden, "weil wir sie jetzt ja schon alle gelernt haben". (Z 117) Also ist diese annahme wohl doch etwas mehr als eine böswillige unterstellung.
13. Rechtschreibung als sittengesetz
Das ideologem der rechtschreibung als kulturgut lässt sich letztlich vielleicht auf tiefenpsychologische faktoren zurückführen. Dazu Lotte Schenk-Danzinger (1972: 120): "Das Gebot der Sprach- und Schreibrichtigkeit kann als Teil des Über-ichs, des Gewissens eine Verfestigung erfähren. Es kommt zu einer Verabsolutierung der diesbezüglichen Gebote, so daß es dem Betreffenden erscheint, als ob gar nichts anderes möglich wäre. Der Rechtschreibfanatiker verliert völlig jede Distanz, die man gegenüber dem zufälligen und willkürlichen Charakter der Rechtschreibung eigentlich haben müßte. [...] Rechtschreibregeln werden in derselben Weise verabsolutiert wie unsere Sittengesetze." Auch dazu gibt es belege aus leserbriefen und zeitungsartikeln. "[Rechtschreibnormen] sind Konventionen, die die Sprachgemeinschaft eher unbewußt getroffen hat und die, nach ihrer Herausbildung, als Regeln festgehalten und an diese Gemeinschaft zurückgegeben werden." (Z 93) Schon allein die metaphorische ausdrucksweise und die her verwendeten leerformeln weisen auf den mythischen ursprung der rechtschreibung hin, die geradezu zum teil eines allgemein verbindlichen sittengesetzes umgedeutet werden kann. Rechtschreibreformen verstossen gegen das sittengesetz und bewirken orientierungslosigkeit im ethischem bereich: "Freilich, wenn die Reform sich an den Fehlerquellen orientiert, ist das etwa so, als wenn im Straßenverkehr nicht mehr die Temposünder bestraft werden, sondern die anste(ä)ndigen Fahrenden." (Z 101) In diesem zusammenhang gehört auch die berufung auf eine mythische sprachlogik, die die richtigkeit der sprache und womöglich auch des denkens für alle zeiten garantiert - ein bekanntes ideologem vieler sprachkritiker. "Ich möchte jedenfalls eines nicht: in einer Kultur leben, in der sich der Sprachgebrauch von logischen Strukturen und historischen Wurzeln entfernt." (Z 134) Die mythische urzeit, in der sich sprache und denken in völliger harmonie befinden und mit den grundwerten des menschlichen lebens übereinstimmen, kann geradezu als symbol für die instanz des über-ichs gedeutet werden. In sprachwissenschaftlicher sicht ist eine solche aussage haarsträubender unsinn: Der sprachgebrauch entfernt sich immer von historischen wurzeln, sonst wäre jeder sprachwandel von vornherein ausgeschlossen, und die logischen strukturen bleiben als funktionelle konstanten gerade im sprachwandel erhalten. Doch das ist nicht irgendwer, der so etwas schreibt: Er wird als "sachkundiger Mann" und "Präsident des 'Deutschen Lehrerverbandes', zugleich [an einem gymnasium] unterrichtend tätig" vorgestellt. Soweit kann die ausrottung der historischen sprachwissenschaft aus der lehrerausbildung führen.
14. Rechtschreibung als über-ich
Die rechtschreibung als teil des über-ichs erklärt auch nach Schenk-Danzinger (1972: 120f) die haltung mancher schriftsteller: Das vom klangbild gelöste schriftbild erhält einen hohen symbolwert im sinn der emotionalen repräsentanz. "Schriftbilder sind für den verbal orientierten Menschen magische Zeichen, insofern als sie die ganze Fülle der mit dem Sinn der Wörter assoziierten cognitiven und emotionalen Bedeutungen repräsentieren. [...] Dabei muß uns jedoch klar sein [...], daß es sich hier um Verfestigungen durch frühe Lernprozesse handelt. [...] Alle Argumente für das Beibehalten der Rechtschreibung sind Rationalisierungen einer emotionellen Barriere." (hervorhebungen im original) Die haltung mancher angesehener schriftsteller hat tatsächlich eine traurige rolle für die rechtschreibreform gespielt. Thomas Mann, Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt opponierten gegen die "Stuttgarter Empfehlungen" des jahres 1954, wobei hier eine möglicherweise bewusste fehlinformation über das ausmass der änderungsvorschläge im spiel war. In der presse wurde dann die ablehnung der rechtschreibreform nicht mit argumenten, sondern mit autoritäten begründet. (K 121f) Der hohe symbolwert der schrift und der direkte zusammenhang mit ethischen vorstellung kommt auch in einer bemerkung des schriftstellers György Sebestyén zum ausdruck: "Als einzige Sprache der Welt hat das Deutsche das volksbildnerische Zeichensystem der großen Anfangsbuchstaben der Hauptwörter entwickelt und dadurch der von Lessing postulierten Gleichsetzung von Ordnung und Moral entsprochen. Die Abschaffung dieser humanistischen Errungenschaft wäre aus kulturhistorischer Sicht ein Angriff auf die Tradition des deutschen Humanismus." (Sebestyén 1979: 293) Die grossbuchstaben als zeichen für ordnung und moral, alles zusammen der deutsche humanismus, und das ganze hinein in die deutsche volksbildung! Kein weiterer kommentar. In dieses kapitel kommt noch das problem des normbedarfs, das hier nur erwähnt werden kann (dazu Landsteiner 1990) - es hat psychologische und soziologische grundlagen. Der normbedarf lebt sich gerade am duden aus. "Ich bin immer dagegen, wenn irgendwie alles liberalisert wird. Denn dann fragt sofort das graphische Gewerbe an: Sollen wir hi-naus oder hin-aus trennen?" (Drosdowski, Z 83). Der duden wirkt hier als beruhigungsmittel gegen die variantenfurcht.
15. Der pedant und sein trugschluss
Ich habe oben 5. verschiedene ideologeme erwähnt, die sich als volkslinguistische anschauungen präsentieren. Hier scheint mir etwas am werk zu sein, das Jacob Grimm in seinem akedemievortrag "Über das pedantische in der deutschen sprache" 1847 beschrieb (Grimm 1864: 328f): "In der sprache aber heiszt pedantisch, sich wie ein schulmeister auf die gelehrte, wie ein schulknabe auf die gelernte regel alles einbilden und vor lauter bäumen den wald nicht sehen; [...]." Der pedant "wird seiner schwindsüchtigen frau nicht eselsmilch, nur eselinnenmilch zu trinken anrathen, [...]". Gipfel der pedantischen unart ist nach Grimm bekanntlich die substantivgrossschreibung (350f). Nur glaube ich nicht, dass der persönliche charakter des pedantischen die letzte ursache solcher anschauungen ist. Vielmehr scheint mir hier ein trugschluss vorzuliegen, der auch anderswo wirkt und den man etwa so beschreiben kann: Was formal verschieden ist, muss auch inhaltlich verschieden sein - und umgekehrt. Wahrscheinlich ist das bekannte Fregesche beispiel der beiden bezeichnungen für den planeten Venus, abendstern und morgenstern, so zu sehen: Ohne astronomische kenntnisse schliesst man aus der verschiedenheit des auftretens des planeten, dass es sich auch um verschiedene himmelskörper handeln muss. Dieser schluss ist nun durchaus gerechtfertigt, denn in den meisten fällen führt er ja tatsächlich zu einer begründeten erkenntnis. Es gibt aber eben auch fälle, wo die unvollkommenheit der alltagswissenschaftlichen erkenntnisfähigkeit zu einem falschen resultat führt. Überdies könnte man so jede wortart durch eine eigene schreibung formal kennzeichnen, die verben durch fraktur, die adjektive kursiv ... Absurd? Nicht so absurd, dass einer den kursivsatz von adjektiven ernstlich vorgeschlagen hat (Landmann 1974: 44/anm. 1).
In der volkslinguistik gibt es verschiedene ausprägungen dieses trugschlusses. Die wichtigste lässt sich auf eine formel bringen: Was verschieden geschrieben wird, muss auch verschiedenes bedeuten - und umgekehrt. "Es besteht sehr wohl ein Unterschied zwischen 'richtigstellen' und 'richtig stellen'." (Z 131) Dieser unterschied besteht tatsächlich; er hängt allerdings nicht von der verbalen fügung, sondern von der art des objekts ab: Abstrakte begriffe, meist sachverhalte und aussagen, werden richtig dargestellt, d.h. berichtigt, während konkrete gegenstände richtig irgendwo hingestellt werden - hier ist auch eine ortsergänzung notwendig. Im zusammenhang mit abstrakten objekten entspricht dieser wendung wie auch in anderen fällen eine usualisierte metapher. Es wäre aber nun tatsächlich pedantisch, wenn man bei usualisierten metaphern überall eine zusammenschreibung des infinitivs mit dem adverb verlangt: Der semantische unterschied ist durch das objekt und durch die verbale valenz hinreichend klar ausgedrückt, und der oder die schreibende müsste sich jedesmal überlegen, ob das verb metaphorisch gebraucht wird oder nicht - und das kann man nicht einmal von germanisten verlangen. Pedantische differenzierungen gibt es sonst vor allem im bereich des wortschatzes. Hier hat sich Karl Hirschbold in seinen sprachglossen und auch in seinen büchern besonders hervorgetan. Leider sind spitzfindigkeiten wie die unterschiede zwischen gleichzeitig - zugleich und scheinbar - anscheinend auch von anderen aufgegriffen worden, die es eigentlich besser wissen müssten. Ein griff zum grossen Deutschen Wörterbuch der brüder Grimm hätte hier gezeigt, dass schon immer beide wörter in beiden bedeutungsbereichen gebraucht wurden.
16. Wie sich auch die wissenschaft(lerInnen) irren kann (können)
Nicht nur ideologeme behindern eine schon längst überfällige rechtschreibreform, sondern auch falsche wissenschaftliche behauptungen. Wissenschaftliche irrtümer gehören nicht zu meinem thema; da sie aber oft nicht erkannt und ernst genommen werden, will ich wenigstens zwei davon kurz anführen: 1. Die ß-schreibung soll reformiert werden. Der wechsel von ß und ss verschwindet, ß steht nur mehr und immer nach langem vokal und diphthong. Die konjunktion daß verliert ihr ß und wird mit dem artikel gleich geschrieben. Das alles ist zweifellos ein fortschritt, trotz der vielen unkenrufe wegen der konjunktion. Warum gibt es aber dann überhaupt noch ein ß? Dieser lästige buchstabe kann ohne schaden verschwinden, die Schweiz ist hier das vorbild - dass ss statt ß damit auf einem historischen zufall beruht, tut nichts zur sache. Leider wird die ss/ß-schreibung wieder mit der vokallänge in verbindung gebracht: Nach kurzem vokal soll ss stehen, nach langem vokal ß. Dabei wird übersehen, dass in einem grossen gebiet des deutschen sprachraums (jedenfalls Bairisch und Oberschlesisch) kein unterschied zwischen vokalischer kürze und länge besteht, sondern es gibt einen unterschied in der artikulationsstärke des s (vgl. die kurze zusammenfassung der forschungslage bei Werner 1972). Da die rechtschreibregel, wie könnte es hier anders sein, auf der aussprache beruht, ist sie somit auch nach einer reform in den genannten gebieten nicht nachvollziehbar und bleibt daher schwierig wie zuvor. Auch das spricht für ss und gegen ß. 2. Die rechtschreibung baut auch nach der reform auf dem laut- und stammprinzip auf; Drosdowski (1987: 34) nennt das sogar "eher eine Linie der Vernunft". Von vernunft kann aber überhaupt nicht die rede sein, denn es wird vom schreiber verlangt, die zusammengehörigkeit mit historisch-etymologisch verwandten wortformen zu beurteilen. Nun haben sich aber viele wörter semantisch schon so weit von ihren historischen verwandten entfernt, dass diese zusammengehörigkeit nur sprachhistorikern verständlich sein wird: Ein widerspruch zum prinzip "rechtschreibung für alle". Hier häufen sich auch historische zufälle und sonstige inkonsequenzen. Leider beseitigt auch die geplante reform nicht das stammprinzip: ä/äu muss statt e/eu dann geschrieben werden, wenn ein stammverwandtes wort mit a/au vorhanden ist. Das fordert zur schreibung verbläuen heraus, wegen der blauen flecke - ätsch, falsch geraten: gotisch bliggwan zeigt, dass das verb nichts mit blau zu tun hat, sondern zu einer ausgestorbenen wurzel mit der bedeutung "schlagen"; bekannt ist die pleuelstange mit oberdeutschem lautstand. Also bitte immer ein etymologisches wörterbuch benützen, z.b. den handlichen "Kluge", 19 x 24.5 cm, 1.75 kg - den hat man doch zu hause.
17. Was kann man wissen? Was soll man tun? Was darf man hoffen?
Von den vier - hier unpersönlich formulierten - hauptfragen der philosophie sollen zum schluss diese drei kurz aufgeriffen werden. Die vierte (Was ist der mensch?) bleibt für unser thema nicht relevant, obwohl eine ideologische antwort "Der mensch ist, wie er schreibt" aus den oben 1. und 2. zusammengestellten zitaten entnommen werden kann. Auch die frage, was man wissen kann, mag hier unbeantwortet bleiben: Wir wissen über die rechtschreibung sehr viel, heute viel mehr als noch vor einigen jahrzehnten, doch dieses wissen allein führt noch nicht zu einem fortschritt. Auch wenn es im vergleich zu den grossen fragen der menschheit eine übertreibung ist: Nirgendwo ist das grosse projekt der aufklärung so offensichtlich und gründlich gescheitert wie auf dem gebiet der rechtschreibung. Was man hoffen darf, weiss ich nicht - auf eine rechtschreibreform im jahre 2001, weil dann das 90. todesjahr Konrad Dudens mit dem 100. jahr der II. Orthographischen Konferenz zusammenfällt? (ein gedanke von Gerhard Augst). Den inhalt meiner hoffnung kann ich mit den worten von Hans Glinz (1987: 35, ähnlich auch Glinz 1985: 62) beschreiben: "Und noch schöner wäre es, wenn wir wenigstens einen Teil der Rechtschreib-Toleranz wieder erreichen könnten, die vor gut 200 jahren in der schriftlichen Kommunikation zwischen Goethe und Frau von Stein vorhanden war." Doch das ist natürlich wieder einmal eine utopie. Solange die rechtschreibung als willfähriges mittel zur beurteilung der geistigen reife und fähigkeiten herangezogen wird, kann sich wohl nichts ändern. "Correctes Schreiben gilt ebenso als ein Erfordernis der Bildung wie reine Hände. Wenn einem Volk der Begriff der correcten Orthographie abhanden kommt, so ist es gerade so, als wenn ihm der Gebrauch der Seife abhanden käme." (Wilhelm Scherer zur orthographiekonferenz von 1876, nach K 67). Die wichtigste frage ist freilich: Was soll man tun? Ideologien kann man nicht mit wissenschaft begegnen. Solange sich politiker ängstlich von manchen zeitungsschreibern beeinflussen lassen, solange der deutsche (und österreichische usw.) pedant am werk ist und wissenschaftlichkeit nur in knochentrockenem stil, in allerumständlichster weise formuliert und mit peinlicher vermeidung jeder persönlichen ausdrucksweise gelten lässt, werden auch selbsternannte sprachpolizisten jede rechtschreibrevolution niederknüppeln. Ideologien kann nur mit aktionismus begegnet werden, und das heisst hier: Sich die freiheiten, die die gralshüter der rechtschreibung planmässig weggeregelt haben, wieder nehmen. Man muss ja nicht gleich alles anders machen - kleinigkeiten wie die gemässigte kleinschreibung und ersatz des ß durch ss tun es auch und behindern nicht das verständnis des geschriebenen. Dazu wäre freilich ein reformiertes regelwerk sehr hilfreich. Weiters sollten verleger und herausgeber die autoren ermutigen, ihre beiträge in reformierter schreibung zu veröffentlichen. Was die neue rechtschreibung braucht, hat schon Konrad Duden 1876 in seiner "Zukunftsorthographie" ausgedrückt (nach Glück/Sauer 1990: 183): "Freunde, viele Freunde muß sie ... zu gewinnen suchen, und zwar in allen Schichten, oben, unten und in der Mitten."
Quellen:
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