Richard Schrodt

 

Die neue Rechtschreibung – ein guter Schritt in die falsche Richtung? Ein Erlebnisbericht.

 Erschienen in: Erziehung und Unterricht 7, 1996, 521-528 (in der html-Fassung einige kleine Änderungen als Ersatz für die nicht darstellbaren phonetischen Zeichen)

 

 

1. Die Regeln der bisher geltenden Rechtschreibung wurden bekanntlich in der sogenannten 2. Orthographischen Konferenz in Berlin am 17. und 18. Juni 1901 beschlossen. Wichtig für die Normierung der Rechtschreibung ist auch die Vereinigung der 8. Auflage 1915 des "Orthographischen Wörterbuchs der deutschen Sprache" von Konrad Duden mit dem Buchdruckerduden ("Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache"). Seit dieser Zeit hat sich an den Rechtschreibregeln nichts Wesentliches mehr geändert. Konrad Duden, dessen Name zum Markenzeichen für die Rechtschreibung geworden ist, war selbst mit dem Ergebnis dieser Konferenz nicht zufrieden: Nach der Vereinheitlichung sei nun erst eine Reform zur Herstellung einer besseren und einfacheren Rechtschreibung in Angriff zu nehmen – so hat er sich im Vorwort zur 7. Auflage seines Wörterbuchs ausgedrückt. Tatsächlich sind schon bald nach der Konferenz manche Reformvorschläge vorgebracht worden. Nerius1 führt bis 1975 13 Vorschläge in Auswahl an. Die meisten davon propagierten eine grundsätzliche Kleinschreibung (einer sogar eine vollständige), in vielen wurde weitgehende Eindeutschungen von Fremdwortschreibungen vorgeschlagen. Bekannt wurden davon vor allem die "Stuttgarter Empfehlungen" von 1954, die immerhin in eine Kolumne der Programmzeitschrift "HörZu" eindringen konnten. Ich habe in meiner Jugend diese Zeitschrift selbst regelmäßig gelesen und erinnere mich noch gut an die Ausgabe, in der diese Kolumne zum letzten Mal publiziert wurde – sie sei von der Leserschaft weitgehend abgelehnt worden, hieß es da (in meiner Erinnerung). Konrad Duden forderte im Sinn der liberalen Ideen der Revolution von 18482 eine Rechtschreibung für alle. Im Vorwort zu seiner "Zukunftsorthographie"3 schreibt er: "Sie sollte ein praktisches Werk für den Gebrauch des ganzen Volkes schaffen [...]. Freunde, viel Freunde muß sie ihrem Werk zu gewinnen suchen, und zwar in allen Schichten des Volkes, oben, unten und in der Mitten [...]." Rechtschreibung für alle, nicht nur für die Gelehrten und Gebildeten – das war sein Ziel.4 So muß die Frage erlaubt sein: Sind wir diesem Ziel durch die jetzt beschlossene Rechtschreibreform näher gekommen oder sind wir von ihm womöglich noch weiter weg als zuvor?

 

2. Über die Problematik der bisher geltenden Rechtschreibung ist schon viel geschrieben und gesagt worden, und zur aktuellen Reform gibt es ebenfalls schon genug kritische Stellungnahmen. Das alles soll hier nicht wiederholt werden. Doch es mag vielleicht interessant sein, einige Probleme aus persönlicher Sicht zu erläutern: aus der Sicht eines Betroffenen, der sich zwar mit Fragen der Rechtschreibung auch (am Rand) wissenschaftlich auseinandersetzt, diese Fragen aber für die eigene Schreibpraxis nicht für sonderlich relevant hält und sich Freiheiten herausnimmt, wo es nur geht (und wo man es nicht sofort bemerkt). Als private Schreibung habe ich für mich die gemäßigte Kleinschreibung eingeführt und den Ersatz des ß durch ss. Ich propagiere sie und wende sie überall an, wo ich kann. Meine Texte in geläufiger Rechtschreibung sind nur das Resultat oberflächlicher Anpassungen an institutionelle Erwartungen und kompromißlerischer Einstellungen, wenn mir andere Sachen wichtiger sind als die Ablehnung, die vielleicht meine Privatschreibung provozieren könnte. – In Velm fand am 13. und 14. Mai 1996 eine Konferenz mit dem Thema "Die Umsetzung der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung in die Unterrichtspraxis" statt, wo ich einen Teil des Berichts der Arbeitsgruppe "LehrerInnenbildung und Erwachsenenbildung" zu verfassen hatte. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Bericht in reformierter Orthografie zu schreiben, ohne allerdings das Regelwerk in allen Einzelheiten genau gelernt zu haben. Das Semesterende naht, die Zeit ist knapp, und es gibt viele wichtigere Dinge zu erledigen – daher habe ich den Bericht ziemlich hastig verfaßt und nur sehr flüchtig korrigiert. Sorgfältiger waren zwei KorrektorInnen (das feministische I ist hier wichtig, siehe die Anmerkung), die sich berufsbedingt viel intensiver mit der neuen Schreibung befaßt haben.5 Ich habe neben einigen stilistischen Ungeschicklichkeiten zwei "Fehler" gemacht (ein tatsächlicher Fehler und etwas, das ich nicht als Fehler betrachte), die ich im Folgenden kurz erläutern will.

 

3.1. Mein häufigster Fehler war die Fehlschreibung ss für ß in den Wörtern (Wortformen) grosser, stösst und grösseren (für richtig großer, stößt, größeren). Die wahrscheinlichste Ursache ist, soweit ich mich selbst richtig beobachten kann, eine Übergeneralisierung einer inneren Transponierungsregel: "Ersetze alle ß durch ss nach kurzem Vokal". Möglicherweise hat auch meine Privatschreibung mitgewirkt, vielleicht im Sinn "Normalfall = ss". Tatsächlich gehört das ß unbestrittenermaßen zu den unnötigsten Buchstaben, die man sich nur denken kann. Abgesehen von linguistischen und besonders grafematischen Gründen wird das durch die Schweizer Regelung eindeutig erwiesen. Es ist schade, daß sich Österreich nicht einfach an die Schweizer Schreibung anschließen kann. Dazu kommen noch äußere Gründe, die aber dennoch neuerdings immer wichtiger werden: Unsere deutschen Sonderbuchstaben passen nicht in die amerikanisierte Welt der Computersprache, und das betrifft auch die Umlautzeichen. Es kann vorkommen, daß Dateien, in deren Namen solche Zeichen vorkommen, nicht in den Inhaltsverzeichnissen mancher Programme aufgelistet werden oder in ihrem Namen seltsame Zeichen erhalten, sodaß man sie nicht aufrufen kann. Wenn das Konvertierungsprogramm nicht funktioniert, gibt es auch Probleme bei den e-mail-Botschaften. Das ist vielleicht auch der Grund, warum der ORF nicht ÖRF heißt und sich die ÖMV (Österreichische Mineralölverwaltung) in OMV umtaufen ließ. Vielleicht können wir unser Land auch einmal in Osterreich umtaufen, wenn wir das Millennium hinter uns gebracht haben – oder vielleicht gleich besser in Austria, denn schließlich ist ja auch schon die Abkürzung für unsere Währung von ÖS auf ATS geändert worden. Bloß die Aussprache ist noch ein wenig hinderlich, aber auch hier könnte man sich einiges einfallen lassen. Doch zurück zum Ernst der Rechtschreibung.

 

3.2. Im § 25 der "Amtlichen Regelung" heißt es: "Für das scharfe (stimmlose) [s] nach langem Vokal oder Diphthong schreibt man ß, wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt." Die neue ss-ß-Regelung ist zweifellos eine bedeutende Vereinfachung gegenüber der alten Regel. Man braucht zwar noch eine Ausnahmeregel für die 2. Person Singular bei Verben und für die Superlativendung, doch sind diese Ausnahmen durch ihre Beschränkung verständlich und verstärken die Schemakonstanz. Doch eben diese Schemakonstanz kann auch übergeneralisiert werden: Wer weiß, daß wissen mit ss geschrieben wird, wird vielleicht auch (er) weiss schreiben wollen, vor allem dann, wenn er weiß, daß auch das ss in (er) genoss und (er) floss am Wortende stehen kann. Man muß sich eben einprägen, daß ein Diphthong mit einem langen Vokal gleichwertig ist und so die Schemakonstanz stören kann. Die Frage ist nur, ob alle Schreiber und Schreiberinnen diese Gleichwertigkeit nachvollziehen können und nicht vielleicht doch glauben bzw. fühlen, daß ein Diphthong auch kurz sein kann, besonders, wenn er wie in der österreichischen Umgangssprache relativ flach ist und noch dazu betont. Dazu kommt noch die allgemeine Problematik, daß wir kein stimmhaftes s haben und sich das bekannte Minimalpaar reisen – reißen bei uns nur durch Lenis und Fortis unterschieden ist. Nun kann bei Fortisaussprache (reißen) der Diphthong kürzer "gefühlt" oder "erlebt" werden als bei reisen, besonders dann, wenn man versucht, sehr deutlich zu sprechen.6 Solche Versuche wird man vielleicht gerade dann machen, wenn man durch die Beobachtung der eigenen Aussprache entscheiden will, wie man diese Wörter schreibt. Wenn man das aber tut, "gibt es" plötzlich lange und kurze Diphthonge, und gerade nach einem kurzen Diphthong kommt das ß – und schon ist ein Schritt zur endgültigen Verwirrung geschehen. Es ist dabei nicht sonderlich wichtig, wie genau phonetisch dieser Unterschied beschrieben werden kann; es ist sogar unwichtig, ob sich dieser Unterschied phonetisch überhaupt beschreiben läßt. Wichtig ist nur, daß der einzelne Sprecher (bzw. die Sprecherin) ein psychisches Lautbild hat, das am leichtesten mit den Begriffen "Länge – Kürze" beschrieben werden kann. Denn nur dieses Lautbild ist ja dem Schreiber oder der Schreiberin als Grundlage für die vom Regelverständnis geforderte Laut-Buchstaben-Zuordung zugänglich. Es mag natürlich sein, daß die richtige Schreibung am einfachsten mit Wortlisten gelernt wird, sodaß dieses knifflige Problem gar nicht auftritt. Wenn das aber tatsächlich so ist, dann muß man sich fragen, warum nicht gleich statt der problematischen Laut-Buchstaben-Zuordnung vermehrt die Wortlistenmethode propagiert wird.

 

3.3. Das Problem der vokalischen Länge und Kürze muß aber viel grundsätzlicher gesehen werden. Bekanntlich ist schon seit mehreren Jahrzehnten strittig, ob Quantitätsgegensätze bei den deutschen Vokalen vorhanden sind, und wenn ja, welche und wieviele es sind. Otmar Werner7 hat die Forschungslage vom Standpunkt der Phonologie und aus der Sicht der 70er Jahre sehr übersichtlich zusammengefaßt. Seither sind, soweit ich das beurteilen kann, keine wesentlich neuen Aspekte dazugekommen. Abgesehen von speziell phonologisch-theoretischen Erwägungen, wie der Frage, ob man die Längen mit Diphthongen oder mit dem Zusatz eines eigenen Längungsphonems beschreiben soll, weist auch die phonologische Diskussion auf die Problematik der phonetischen Grundlage für die Quantitätsunterscheidung. Neben der geläufigen Beschreibung mit Länge – Kürze kommen noch die Merkmale Gespanntheit – Ungespanntheit, offen – geschlossen, schwach- und starkgeschnittener Akzent, fester – loser Anschluß in Frage. Dazu kommt noch eine Begrifflichkeit, die sich auf das Silbengelenk oder den Silbenschnitt bezieht (in der Tradition von Trubetzkoy und Martinet; neuerdings gewinnt diese Sichtweise wieder mit Bezug auf die Rechtschreibung engagierte Anhänger, doch gibt es phonetische Argumente dagegen8). Wenn man den phonometrischen Untersuchungen von Zwirner9 trauen darf, sind die Quantitätsgegensätze bei den Vokalen im Nordwesten und Südwesten des deutschen Sprachgebietes am größten, im Bairischen (und Oberschlesischen) hingegen so schwach, daß sie kaum mehr wahrnehmbar sind. Das bedeutet natürlich nicht unbedingt, daß überhaupt kein Gegensatz mehr vorhanden sein muß – er kann in der Vokalqualität (Öffnungsgrad) bestehen, und es ist sogar denkbar, daß die Folgekonsonanz der eigentliche Träger dieses Gegensatzes ist. Man muß sich allerdings fragen, ob die Bezeichnung (vokalische) "Länge – Kürze" im Regelwerk tatsächlich gerechtfertigt ist, ob sie nicht doch nur eine Reminiszenz an traditionelle Ausdrucksweisen ist. Es ist wohl kein Zufall, daß neuere Arbeiten diesen Gegensatz mit den Begriffen "gespannt – ungespannt" belegen. Dieses Begriffspaar hätte sogar den Vorteil, an das Artikulationsgefühl anzuknüpfen. Außerdem findet es sich auch in der Duden-Grammatik.

 

3.4. Das sieht wie ein Streit um Worte aus, und man könnte dem entgegenhalten, daß dieser Unterschied eben doch besteht, gleichgültig, wie er benannt wird. Doch so einfach verhält es sich nicht: Es gibt deutliche Anzeichen dafür, daß dieser Gegensatz zunehmend schwindet. Essen10 zitiert Untersuchungen über Berliner Sprecher, bei denen sich herausstellt, daß bei jugendlichen Sprechern der Unterschied zwischen kurzen und langen Vokalen geringer ist als bei älteren Sprechern; eine ähnliche Untersuchung gibt es sogar für das Ungarische. Bei Karl Luick11 findet sich folgende Bemerkung: "Der richtigen Verteilung und deutlichen Artikulation der Vokalquantitäten, die bei uns so häufig vernachlässigt werden, ist die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die scharfe Scheidung von Kürzen und Längen bildet einen durchgehenden Zug unserer Lautgebung, der die allgemeine Klangwirkung der Sprache sehr stark beeinflußt. Verwaschene Quantitäten machen den Eindruck des Unklaren, ja Verlotterten." Man kann diese Stelle auch so verstehen, daß der Unterschied zwischen den vokalischen Quantitäten schon zur Zeit Luicks in der gesprochenen Sprache vernachlässigt wurde. Ähnlich verhält es sich ja mit anderen sprachpflegerischen Bemerkungen, von Karl Kraus bis zu Rudolf Wustmann.12 Man könnte nun meinen, daß die Kürzung der in der Standardaussprache geforderten vokalischen Länge und wohl auch die Tendenz zur halblangen Realisierung von Kurzvokalen eine spezifisch österreichische Erscheinung13 ist, wobei sich natürlich die Frage nach der normativen Geltung und der Kodifizierung einer österreichischen Standardlautung stellt. Aber diese Tendenzen finden sich auch im Norden, wie ja schon der Hinweis auf die Berliner Sprecher oben zeigt.14 Die ausführlichsten Bemerkungen dazu finden sich allerdings nur in neueren Arbeiten. Elmar Ternes15: "Es gibt – besonders im norddeutschen Sprachraum – Ausspracheformen, bei denen die Länge der Vokale entweder ganz schwindet oder in eine positionsbedingte Abhängigkeit gerät (z. B. abhängig von der Art des folgenden Konsonanten). Ein Minimalpaar wie Mitte – Miete lautet dann in engerer phonetischer Transkription [... leider: phonetische Zeichen kennt das html-Format nicht!]." Ob diese Aussprache als regional zu werten ist oder noch als normgemäß, will der Autor nicht diskutieren; jedenfalls wird eine solche Tendenz als vorhanden festgestellt. Die folgenden Bemerkungen sind so aufschlußreich, daß es sich lohnt, sie ungekürzt zu zitieren: "In beiden Sprachen [dem Englischen und dem Niederländischen] stellt sich das gleiche Problem wie im Deutschen: Bestimmt die Quantität der Vokale deren Qualität oder umgekehrt? Beide Sprachen zeigen in einer älteren Sprachform (z. B. Altenglisch) einen Zustand, bei dem eindeutig die Quantität distinktiv ist. Der Übergangsprozeß, der dann einsetzte, ist in beiden Sprachen weiter fortgeschritten als im Deutschen. Möglicherweise ist er sogar schon weitgehend abgeschlossen. Jedenfalls hat man bei der phonologischen Beschreibung im Laufe der letzten Jahrzehnte den Umschwung vollzogen und zieht heute für beide Sprachen Darstellungen des Vokalsystems vor, bei denen die Qualität bestimmend ist und die Quantität geschwunden oder nur noch positionsbedingt ist. Dabei scheint der neue Zustand im Englischen schon stabiler zu sein als im Niederländischen. Möglicherweise haben wir es hier mit einem phasenverschobenen Prozeß zu tun, der im Englischen gerade abgeschlossen wurde, im Niederländischen kurz vor dem Abschluß steht und sich im Deutschen eher noch im Anfangsstadium befindet. Dazu paßt geographisch, daß er in Norddeutschland schon weiter fortgeschritten ist als in Süddeutschland."

3.5. Es ist daher durchaus plausibel, daß die Vokalqualität das bestimmende Merkmal ist, vor allem dann, wenn man die sprachgeschichtliche Entwicklung der deutschen Lautung berücksichtigt. Man könnte nun deshalb das Merkmal "vokalische Länge" einfach durch "gespannt" ersetzen – dann würde sich zwar eine andere Darstellung des Phonemsystems ergeben, aber die Unterscheidung selbst würde in anderer Form erhalten bleiben. Für die Frage der Rechtschreibung wäre das alles nicht relevant, denn man müßte eben nur konsequent alle Hinweise auf vokalische Länge durch "Gespanntheit" ersetzen. Tatsächlich aber zeigt sich sofort, daß der so beschriebene Kontrast bei den hohen Vokalen nur im Norden und bei den mittleren Vokalen nur im Norden und Süden deutlich ist. Bei den tiefen Vokalen ist er kaum hörbar, besonders bei kurzem und langem a (Bann – Bahn). Dazu kommt noch das Eindringen der Umgangslautung mit ihren Lautschwächungen in die Standardaussprache: "Die Grenze zwischen dem Standard und der Umgangslautung ist im normativen Sinne durchlässiger geworden (als sie etwa zu Siebs’ Zeiten war), und die "bürgerliche Sprechsprache", die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hatte, die aber noch die Kultur der Weimarer Republik der zwanziger und dreißiger Jahre kennzeichnete, ist seit 1950 einem neuen Sprechstil ausgewichen."16 Man muß eben damit rechnen, daß in der Umgangslautung der Unterschied zwischen gespannten (langen) und nicht-gespannten (kurzen) Vokalen verschwindet. Kürzungen der Vokallänge in der Umgangslautung hat man schon lange beobachtet. Sie kommen zunächst vor allem bei Funktionswörtern vor (Artikel, Konjunktionen), erreichen aber in den Prestoformen alle Silben, die keinen besonderen Akzent (Kontrastakzent) tragen. Dazu wieder ein Zitat von Gottfried Meinhold17: "Die interessantesten Schwächungserscheinungen bietet der Vokalismus. Die Veränderung von der vollen Vokallänge (bei vielen Wörtern) über die Kürze bzw. halbe Länge zur Öffnung und – bei einigen nur – zur Reduktion ist eine häufige Erscheinung. Vor allem der quantitative Abbau ist nicht auf den angeführten Wortschatz beschränkt, sondern überall dort anzutreffen, wo Akzententzug oder Beschleunigung – oder beide zusammen wirken. Die deutschen Langvokale wären somit – zugespitzt formuliert – als eine quantitativ instabile Gruppe zu betrachten, die auch in gewissen qualitativen Grenzen (bis zur Öffnung geschlossener Vokale) variabel ist."

 

3.6. Soviel zur problematischen Laut-Buchstaben-Zuordnung. Es wäre freilich ungerecht, dieses Problem allein den neuen Rechtschreibregeln anzulasten. Tatsächlich betrifft es natürlich auch die bisher geltende Schreibung. Man muß aber bedenken, daß zur Jahrhundertwende die bürgerliche Sprechsprache eben noch weitgehend als Standard gelten konnte, wenigstens bei den Gebildeten. Wenn das heute anders ist, wenn also heute auch bei den gebildeten und berufsmäßigen Sprechern die Umgangslautung eigentlich schon zum Standard gehört, dann hat sich in diesem Punkt eben etwas geändert. Dazu kommt noch die Diachronie: Wenn sich die Aussprache des Deutschen tatsächlich in eine Richtung verändert, die das Englische schon erreicht hat, dann bezieht sich auch die Neuregelung auf Aussprachenormen, die – wenn nicht schon heute, dann wohl sicher in der Zukunft – im konkreten Sprechverhalten keine Grundlage haben. Und es ist ja gerade das konkrete Sprechverhalten des Einzelnen, das, wenn es eine Schreibung für alle sein soll, die Grundlage für Vokalschreibung sein müßte. Andernfalls müßte man erwarten, daß jeder oder jede Schreiber/in neben sich immer ein Aussprachewörterbuch liegen hat, das womöglich im noch größeren Maß der Gefahr der Versteinerung einer schon längst obsoleten Norm unterliegt. Man denke hier nur an die unselige Geschichte des Aussprachewörterbuchs von Siebs samt seiner Beiblätter. Hier wäre ein entschiedener Schritt in die richtige, weil sprachgeschichtlich und sprachsoziologisch fundierte Richtung notwendig gewesen – oder man hätte die normative Grundlage der Vokallängebezeichnung klar herausstellen müssen und darlegen müssen, daß die fraglichen Regel der Laut-Buchstaben-Zuordnung von einer Aussprachenorm ausgehen, die von niemandem praktiziert wird.

 

4.1. Meine anderen Fehler sind weniger auffällig und wohl auch in der Sicht des neuen Regelwerks weniger gravierend als die ss/ß-Schreibung. Ich haben über Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache und über nicht-lateinische Schriftsysteme geschrieben; es geht also um die Getrennt-/Zusammen-Schreibung und die Schreibung mit dem Bindestrich. In diesem Punkt ist das amtliche Regelwerk so unübersichtlich, daß man nur auf bessere Formulierungen in den praktischen Regelwerken hoffen kann. Mein Fall wird unter § 36 geregelt: "Substantive, Adjektive, Verbstämme, Adverbien oder Pronomen können mit Adjektiven oder Partizipien Zusammensetzungen bilden. Man schreibt sie zusammen." Beispiele: angsterfüllt, denkfaul, einfach, irreführend, blaugrau, bitterernst usw. Nach meiner naiven Schreiberauffassung ist nicht-lateinisch, wie immer man das schreiben soll, eine Zusammensetzung. Die Duden-Grammatik18 gibt mir Recht: Es sind "Wörter, die ohne zusätzliche Ableitungsmittel aus zwei oder mehreren selbständig vorkommenden Wörtern gebildet sind". Meist ist der erste Bestandteil das Bestimmungsglied, der zweite das Grundwort, das die Wortart der ganzen Phrase festlegt. Beide Teile sind im Kompositum nicht umstellbar, und es gibt einen Betonungsbogen mit Haupt- und Nebenakzent. Alles das ist bei meinen Beispielen vorhanden, und ich bin daher berechtigt, sie als "Zusammensetzungen" zu verstehen. Ich weiß natürlich, daß es bei Zusammensetzungen mit Verben allerlei Sonderregeln gibt, aber die interessieren mich nicht, denn meine Beispiele sind nun einmal keine Verben, sondern Adjektive. Mein Fall ist also genau der § 36. Ich bin ganz genau und sehe mir auch die Erläuterungen zu § 36 an. Die Fälle mit verbaler Grundlage übergehe ich, sie betreffen mich nicht. Der erste Bestandteil ist weder eine Ableitung auf -ig, -isch, -lich, noch ein (adjektivisches) Partizip, noch ist er erweitert oder gesteigert bzw. kann erweitert oder gesteigert werden (es gibt keine überhauptnicht-deutsche Muttersprache und kein nichter-lateinisches Schriftsystem), im Gegensatz etwa zu dicht behaart, wo man sich immer ein noch dichteres und besonders dichtes Haar vorstellen kann. Ich hätte also, so muß ich dem Regelwerk entnehmen, nichtlateinisch usw. zusammen schreiben müssen. Aber ich nehme mir die Freiheit heraus, den Bindestrich nach § 45 "zur Hervorhebung einzelner Bestandteile" zu setzen, denn ich will ja eben betonen, daß es mir um die Komplementärgruppe von Fällen geht. Also darf ich doch nicht-lateinisch schreiben! Ich lese aber in den Erläuterungen weiter und finde dort unter E2 zu § 36 genau meinen Fall angeführt: "Lässt sich in einzelnen Fällen [...] zwischen § 36 und § 36 E1 keine klare Entscheidung für Getrennt- oder Zusammenschreibung treffen, so bleibt es dem Schreibenden überlassen, ob er sie als Wortgruppe oder als Zusammensetzung verstanden wissen will, zum Beispiel nicht öffentlich (Wortgruppe)/nichtöffentlich (Zusammensetzung). Ich darf also doch zusammen schreiben – und mir die Freiheit herausnehmen, einen Bindestrich zur Verdeutlichung zu setzen. Ich darf aber auch getrennt schreiben – ich darf, aber ich will nicht, und das Regelwerk erlaubt mir mein Nicht-Wollen. Hier hat mich mein KorrektorInnenkomitee eindeutig zu Unrecht gemaßregelt.19

4.2. Ich habe leider aber auch von einer allgemeinverständlichen Form geschrieben, wo man doch allgemein verständlich schreiben soll. Im Wörterverzeichnis des Regelwerks finde ich einen Hinweis auf § 36 E1(1.2); schlage ich dort nach, finde ich die Getrenntschreibung unter Hinweis auf § 34 E3(2-6); schlage ich dort nach, so fallen die Nummern 3-6 weg, denn allgemein ist in dieser Verbindung nicht steigerbar, ist auch keine Ableitung auf -ig, -isch, -lich und ist auch weder Partizip noch Substantiv noch Verb. Es kommt also Nr. 2 in Frage – nein, es kommt nicht in Frage, denn ich bemerke, daß sich § 34 nur auf Zusammensetzungen mit Verben bezieht, und verständlich ist nun einmal kein Verb, sondern ein Adjektiv. Ich schlage nun unter den Regeln für das Adjektiv und das Partizip nach und bin wieder bei § 36. Nun muß ich zwischen Zusammensetzungen wie angsterfüllt und Wortgruppen wie abhanden gekommen unterscheiden. Den § 36 habe ich oben schon zitiert, und ich suche meinen Fall unter den dort beschriebenen Beispielgruppen – und finde ihn sofort, denn dort ist von Zusammensetzungen die Rede, "bei denen der erste Bestandteil für eine Wortgruppe steht" (angsterfüllt = von Angst erfüllt), und das betrifft klarerweise mich, denn was ist allgemeinverständlich Anderes als für die Allgemeinheit verständlich? Man entgegne mir nicht, daß ich den Teil allgemein aus der Zusammensetzung herausnehmen und so, wie er ist, substantivieren hätte sollen (wie in butterweich = weich wie Butter), denn das geht nicht immer: Ist das im Regelwerk erwähnte tropfnass wirklich nass wie ein Tropf, denkfaul = faul wie ein Denk? Nein, man muß hier die Wortart ändern und etwa formulieren nass wie wenn es tropft, faul zu(m) denken / in Bezug auf das Denken. Was machen wir mit sonnenarm? Natürlich nur arm an Sonnenschein, hier muß man sogar das Erstglied noch etwas verlängern, damit etwas Sinnvolles herauskommt. Wir können sogar an § 36 Nr. 6 denken, an Zusammensetzungen mit bedeutungsverstärkendem (oder bedeutungsminderndem) ersten Bestandteil, denn was tut allgemein Anderes als die Bedeutung von verständlich verstärken? Auch die dort erwähnte Reihenbildung gibt es (allgemeingültig, allgemeinverbindlich, natürlich nur nach meiner [und der bisher gültigen] Schreibung). Wir brauchen jetzt eine ausgefeilte Theorie, nach der wir bestimmen, welche Umformungen als Probe erlaubt sind und welche nicht20. In Wirklichkeit brauchen wir aber kein Rechtschreibregelwerk, das solche ausgefeilten Theorien braucht, oder genauer: Wir sollen sowas gar nicht brauchen müssen; denn das, was da formuliert wurde und in nächster Zeit nach und nach in irgendwelche didaktisierte Fassungen träufeln wird, ist weder allgemein verständlich noch allgemeinverständlich. Ich leugne nicht, daß sich die entsprechende Regel im Regelwerk findet, doch sie ist nicht für alle Anwendungsfälle einfach zu entdecken.

 

5. Ich habe hier nur zwei Beispiele von Problemen aus eigenem Erleben herausgegriffen, und das ist zweifellos ungerecht. Aber diese Probleme sind meiner Meinung nach symptomatisch für die Geschichte der Rechtschreibreform: Aus der Furcht, irgendeinen Winkel auszulassen, und aus der Bestrebung, alles eindeutig zu regeln, wird ein Korsett gebaut, dessen Stäbe entweder ins Fleisch schneiden oder vom Körper doch ausgewölbt werden. Linguistisch ist das alles gut beschrieben, aber es nützt uns nichts, auch wenn wir noch so oft darauf hinweisen, daß aus blau machen irgendwann einmal blaumachen werden kann und daß blaumachen mit der Farbe nur mehr sehr metaphorisch etwas zu tun hat. Es nützt uns nichts, daß es also oft dort ein Kontinuum gibt, wo wir eine schöne Regel formulieren wollen, und, noch schlimmer: daß es für den Einen das Kontinuum gibt, für den Anderen aber nicht, weil einfach irgendein Pol gar nicht ins Blickfeld kommt. Es hätte nichts geschadet, etwas mehr Varianten zuzulassen, vor allem dort, wo sie nicht zum Unverständnis oder Mißverständnis führen. Durch das Geltenlassen von Varianten erkennt man, daß die Rechtschreibung "nur" das Kleid der Sprache ist und daß Freiheit im Umgang mit der Schrift oft auch nützlich sein kann. So eine Freiheit bestand jedenfalls zur Zeit der deutschen Klassik, und sie hat der deutschen Sprache und ihren Funktionen zweifellos nicht geschadet. So besteht die Gefahr eines neuen Fundamentalismus, der sich heute mehr als früher auf das Regelwerk beziehen kann und daher um so gefährlicher ist, und die neu aufkommende Kasuistik kann wieder dem Geschäft der Korrektoren und Schreibpuristen aus welchen Kreisen auch immer neue Nahrung verschaffen. Es wäre aber ungerecht, die verschiedenen Verbesserungen im neuen Regelwerk zu leugnen – Verbesserungen, die vor allem im Bereich der Regelformulierungen liegen. Die reformierte Rechtschreibung mag im Gesamten als das gelten, was die bisherige auch schon war: ein Menschenwerk, nicht makellos, aber wenigstens vergänglich ...

 

Ich danke Herrn Prof. Dr. Otto Back für freundliche Auskünfte und Hinweise auf problematische Formulierungen und Frau Mag. Evelyn Thornton für zusätzliche Korrekturen. Die Verantwortung für den Inhalt und für manche Fälle von persönlichen Schreibungen bleibt bei mir.

 Anmerkungen:

1 Dieter Nerius: Untersuchungen zu einer Refom der deutschen Orthographie. Berlin 1975, S. 78ff.

 2 Helmut Glück / Wolfgang Werner Sauer: Gegenwartsdeutsch. Stuttgart 1990, S. 183.

 3 Die Zukunftsorthographie nach den Vorschlägen der zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen Rechtschreibung berufenen Konferenzen. Leipzig 1876, S. 1 (Hervorhebungen im Original).

 4 Dazu eine Stelle aus S. 22: "Gegenüber der begrifflichen Unterscheidung gleich lautender Wörter durch verschiedene Schreibung verhält sich die schreibende Welt noch gleichgültiger. Ja, manche mögen den in der Schule mit saurem Schweiß eroberten Besitz nicht gern faren lassen. Das sind allerdings zumeist dieselben, die auch die Dehnungs=h samt dem th mit Schrecken schwinden und mit Entsetzen eine Orthographie im Anzug sehn, die "jeder" richtig handhaben kann, eine Orthographie "für den Pöbel", um mit einem großen Grammatiker zu reden. Sie empfinden bei der drohenden Entwertung ihres mühsam angeeigneten Besitzes ein änliches Gefül wie der aristokratische Besizer einer kostspieligen, zu Zeiten der "Privilegien des durchlauchtigsten Deutschen Bundes" angeschafften Bibliothek, wenn nun nach und nach für alle die Werke das Verlagsrecht ins Freie fällt und die bez. Bücher so wolfeil werden, daß "jeder" sich eine solche Bibliothek anschaffen kann."

 5 Ich danke sehr herzlich Evelyn Thornton und Herbert Fussy dafür, daß sie sich unwissentlich zu diesem Experiment hergegeben haben. Ein weiterer unzweifelhafter Kenner der neuen Rechtschreibung war so höflich, mir meine Fehler nicht mitzuteilen. Ein anderer, ebenso unzweifelhafter, Kenner der neuen Rechtschreibung hat nur die im Abschnitt 3 beschriebenen Fehler erkannt.

 6 Solche Quantitätsunterschiede werden auch manchmal phonetisch beschrieben. Vgl. dazu Pilch (unten Anm. 14), S. 257/Anm. 29.

 7. Phonemik des Deutschen. Stuttgart 1972, S. 24ff. Kritisches zu verschiedenen Umformulierungsversuchen der vokalischen Quantität (z. B. Dehnbarkeit – Undehnbarkeit) bei Julius Laziczius, Lehrbuch der Phonetik, Berlin 1961, S. 124ff.

 8. Werner (Anm. 7), S. 27f; Otto von Essen, Allgemeine und angewandte Phonetik, Darmstadt 1979 (5. Aufl.), S. 179f; Marthe Philipp, Phonologie des Deutschen, Stuttgart 1974, S. 19.

 9. Eberhard Zwirner, Phonometrischer Beitrag zur Geographie der prosodischen Eigenschaften. In: Eberhard Zwirner / Kurt Zwirner: Grundfragen der phonometrischen Linguistik. Basel 1982 (3.Aufl. von "Grundfragen der Phonometrie"), S. 244-260; vgl. besonders die Karte der Quantitätsisophonen S. 259. "Die Betrachtung der Isophonenverteilung zeigt, daß wir im ehemals geschlossenen deutschen Sprachraum zwei Gebiete hoher Ortsquotienten haben – in der Nähe von Hamburg und im Südwesten, etwa in der Nähe des Schwarzwalds, während der Osten und Südosten niedrige Ortsquotienten zeigen, die insbesondere in Bayern fast den Wert 0 haben, so daß dort also praktisch eine phonologische Opposition der Quantität nicht mehr besteht." (S. 260) Zwirner nimmt an, daß die Verringerung der Ortsquotienten und damit die Einebnung des Quantitäsunterschieds vom Südosten des deutschen Sprachgebiets ausgeht. Er bezieht sich allerdings auf Unterhaltungssprache im Gegensatz zur Vorlesesprache und Vortragssprache (S. 250). Vgl. auch S. 249/Anm. 22 für einige ältere Arbeiten des Verfassers.

 10. (Anm. 8), S. 180.

 11. Deutsche Lautlehre mit besonderer Berücksichtigung der Sprechweise Wiens und der österreichischen Alpenländer, Leipzig-Wien 1932 (3. Aufl.), S. 71 (§130).

12. Übersicht: Richard Schrodt, Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter? Wien 1995, S. 121ff.

13. Leider gibt die Fachliteratur zu dieser Frage wenig fundierte Auskunft. Bei Günter Lipold, Die österreichische Variante der deutschen Standardaussprache, in: Peter Wiesinger (Hg.), Das österreichische Deutsch, Wien-Köln-Graz 1988, S. 31-54, finden sich S. 41 nur allgemeine Bemerkungen wie "Langvokale im Wort- und Silbeninneren können in der öA (österreichischen Aussprachevariante) auch gekürzt werden, wenn wenn diese Vokale nicht den Worthauptton tragen [...]. Länge und Kürze des Vokals sind in der öA in einigen Fällen anders verteilt als in der StL [Standardlautung] [...]." Michael Bürkle ist für den Bereich der unbetonten Silben zu teilweise anderen Ergebnissen als Lipold gekommen (zusammenfassend: Michael Bürkle, Österreichische Standardaussprache. In: Rudolf Muhr / Richard Schrodt / Peter Wiesinger (Hgg.), Österreichisches Deutsch. Wien 1995, S. 235-247, hier S. 238), die zeigen, daß in diesem Bereich die Vokallänge ohne Beschränkung auf spezifische Merkmale der Laut- und Silbenumgebung größtenteils schwindet. Weitere Bemerkungen bei Flemming Talbo Stubkjær, Überlegungen zur Standardaussprache in Österreich. In: Muhr/Schrodt/Wiesinger (s. oben), S. 248-268, bes. S. 259f: "Wir vermuten aber, daß im österreichischen Deutsch der Abstand zwischen den Polen ‘gespannt-ungespannt’ kleiner ist als im Deutschen." Dort auch der Hinweis zu den halblangen Kurzvokalen.

 14. Ein Hinweis auf den Verlust der Quantitätskorrelation in Nordostdeutschland findet sich schon bei Herbert Pilch, Das Lautsystem der hochdeutschen Umgangssprache. Zeitschrift für Mundartforschung 33, 1966, 247-266, hier S. 257.

 15. Einführung in die Phonologie, Darmstadt 1987, S. 96f.

 16. Heiki J. Hakkarainen, Phonetik des Deutschen. München 1995, S. 61. Hakkarainen verweist in einer Anmerkung auf Anne Betten, Stilphänomene der Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Wandel, Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim am 16. März 1994.

 17. Deutsche Standardaussprache. Jena 1973, S. 57. Vgl. dazu auch Gottfried Meinhold / Eberhard Stock, Phonologie der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig 1982 (2. Aufl.), S. 95f.

 18. Günther Drosdowski (Hg.), DUDEN – Grammatik der deutschen Gegenwartssprache, Mannheim 1995 (5. Aufl.), S. 420 (§ 734).

 19. Überdies ertappe ich mich dabei, das Wort Komitee gleich auch im Regelwerk nachzuschlagen: Ich denke immer wieder an lateinisch con + mittere und an englisch committee, leider weniger an französisch comité, wahrscheinlich deswegen, weil sich das deutsche Fremdwort in der Schreibung doch schon deutlich vom Französischen entfernt hat. Ob ich (Jhg. 1948) jemals noch einen Rechtschreib-Duden erleben werde, der auch Kommittee erlaubt?

 20. In der 2. Auflage der "Deutschen Rechtschreibung. Vorschläge zu ihrer Neuregelung", Tübingen 1993, finden sich im Kommentar S. 144 sogar als einer "die Regeln und Fallgruppen übergreifende[n] Grundsätze" der Hinweis auf nicht steigerbare und nicht erweiterbare Bestandteile wie müßiggehen, weil nicht möglich *sehr müßig gehen und *müßiger gehen. Wenn man diesen Grundsatz auf die Partizipien und Adjektive übertragen kann, dann ist m. M. *sehr allgemein verständlich und *allgemeiner verständlich genauso gut oder schlecht.