GLOBALGESCHICHTE an der UNIVERSITÄT WIEN
GLOBAL HISTORY at the UNIVERSITY of VIENNA
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Themen

Die Themen der Globalgeschichte umfassen

* politische Geschichte
* Wirtschafts- und Sozialgeschichte
* Kultur- und Alltagsgeschichte in zahlreichen Facetten.

Die folgende Liste ergibt sich aus den Schwerpunkten des Lehrangebots an der Universität Wien. Sie dient den Studierenden bei der Auswahl eines Schwerpunkts für den sechsstündigen thematischen (überregionalen) Vertiefungsblock im Modul Globalgeschichte:

Das internationale System, seine Akteure, Bestandteile (Staaten, Kolonien, Reiche …) und Entwicklung

Europäische Expansion; Kolonialismus; Imperialismus; Interessenssphären; internationale Organisationen; Staatsbildung; Nationalstaatsbildung; zwischenstaatliche Beziehungen; Souveränität, Hegemonie, Abhängigkeit; Geopolitik; sub- und supranationale Beziehungen und Herrschaftsformen; Raumkonzepte; Völkerrecht; internationales Recht, internationale Verträge; Minderheitenschutz; internationale NGO’s; staatliches Gewaltmonopol; Tribalisierung und Mafiasierung von Macht, strukturelle Gewalt; Grenzen (Verschiebungen; Funktionen, multiple Grenzen; Grenzmanagement); das neue US-amerikanische „Imperium”; EU und/oder europäische Nationalstaaten; regionale, transterritoriale, … politische Entitäten; etc.


Erläuterungen zu Das internationale System, seine Akteure, Bestandteile (Staaten, Kolonien, Reiche …) und Entwicklung

Das Zeitalter der europäischen Expansion seit dem 15./16. Jahrhundert setzte grundsätzliche Veränderungen in den Beziehungen zwischen den verschiedenen politischen Entitäten sowie Prozesse der Staatsbildung bzw. Territorialisierung von Herrschaft in Gang, die schließlich den gesamten Globus einbeziehen sollten. Die Tendenzen zu nach innen vereinheitlichender Staatsbildung konzentrierten sich dabei zunächst auf die Zentren des globalen Systems; dies ging auch hier mit Prozessen der Ausgrenzung oder Marginalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen einher. Zugleich stand die Vereinheitlichung und Territorialisierung von Herrschaft in den Zentren in unauflöslichem Zusammenhang mit der europäischen Expansion und der Durchsetzung einer sehr viel stärker und vielfältiger ausgrenzenden und marginalisierenden „rule of difference” in den formell oder informell beherrschten Regionen.

Das „kurze” 20. Jahrhundert stand dann im Zeichen der Globalisierung der Nationalstaatsbildung und der Schaffung von zunehmend global agierenden internationalen Institutionen und Regulationsmechanismen. Das so entstehende internationale System wurde als Summe der den gesamten Globus bedeckenden Territorialstaaten und ihrer Beziehungen zueinander verstanden. Alternative Regulierungen und Praktiken grenzüberschreitender Beziehungen, die in anderen Weltregionen seit Jahrhunderten bestanden hatten, wurden nun endgültig verdrängt. Die (teilweise) formale Gleichrangigkeit der Staaten der Welt im internationalen System des 20. Jahrhunderts verband sich jedoch mit veränderten Mechanismen zur Durchsetzung globaler Hegemonial- und Machtansprüche.

Derzeit beobachten wir eine ganze Reihe von Veränderungen im Verhältnis des internationalen Systems zu seinen Bestandteilen und Akteuren und auch Neuerungen im Bereich der wissenschaftlichen Konzeptualisierungen dieser Verhältnisse. Einige Wissenschaftler meinen eine Schwächung der Rolle der Nationalstaaten und der zwischenstaatlichen Beziehungen und/oder eine Multiplikation der beteiligten Akteure (über die Nationalstaaten hinaus) zu beobachten. Wieder andere fokussieren auf die sich wandelnden Funktionen und Konstruktionen von Raum und Territorialität als physische Grundlagen des internationalen Systems. Als Beispiele für diese Wandlungsprozesse werden Wandlungen von Charakter und Rolle internationaler Institutionen im internationalen System, die Entfaltung bzw. Verstärkung von nicht staatsvermittelten und auch nicht zwischenstaatlichen Formen der Regulierung globaler Beziehungen oder auch die Politik der „humanitären Intervention” angeführt.
Diese und ähnliche Entwicklungen verweisen zweifellos auf tiefgreifende Veränderungsprozesse im internationalen System. Zugleich aber ist unverkennbar, dass es zum Teil die früheren Theorien der internationalen Beziehungen selbst waren, die auf zu enggeführten Konzepen beruhten und so dazu beigetragen haben, die Rolle des Nationalstaates und der Terriorialität zu stark hervorzuheben. Dies gilt sogar für die Epoche nach 1945, als diese beiden Bausteine des internationalen Systems tatsächlich eine Schlüsselrolle spielten. Jüngere Forschungen, die auf diesen Einsichten aufbauen, haben daher nicht nur zu neuen Konzeptualisierungen der Gegenwart, sondern auch der Vergangenheit des internationalen Systems beigetragen. Auf diese Weise sind theoretische und historische Studien von tatsächlich globaler Relevanz über die Vergangenheit und Gegenwart des internationalen Systems entstanden. Diese Forschungen beschäftigen sich etwa mit der Rolle des Völkerrechts für Konzeptualisierung und Praxis kolonialer Expansion, mit Kultur als historischem Baustein der internationalen Beziehungen oder mit der Auseinandersetzung internationaler Akteure mit globaler Ungleichheit.

Wissens- und Glaubenssysteme, Religion, Säkularisierung, Rationalisierung


Weltlichkeit und Transzendenz; Konstruktion von „Religion” als eigenständigem Lebensbereich; Religionsphilosophie; Religionsvergleich; Weltreligionen, Konfessionen; Kirchen und Religionslehre; vergleichende Kirchengeschichte; Kirchenpolitik; kirchliches und weltliches Recht; Religion als Machtfaktor; Religionskriege; Kreuzzüge; Inquisition; Mission; Wissen und Macht; Säkularisierung und (materialistische, idealistische, aufklärerische …) Glaubenskritik; Prädestination und menschliche Gestaltungsfreiheit; Fundamentalismen (religiöse, weltanschauliche, wissenschaftliche … ); Wissens- und Glaubenskonkurrenz; Aufklärung vs. Religion; Nationalismus vs. Religion; Mythen; Mystik; Kulte; Sekten; etc.


Erläuterungen zu Wissens- und Glaubenssysteme, Religion, Säkularisierung, Rationalisierung

Im modernen Europa wurden Glauben, Ritual und Religion meist als Privatangelegenheit betrachtet. Relevanz für die Gestaltung von Gesellschaft und Politik wurde demgegenüber nur den säkularen Wissenssystemen zugesprochen, die das Selbstverständnis der europäischen Moderne prägten, auf dem Konzept rationaler Welterkenntnis beruhten und, wie es hieß, zur Fortentwicklung der modernen Zivilisation beitrügen. In globalgeschichtlicher Perspektive und insbesondere im Zivilisationsvergleich wird demgegenüber deutlich, dass Glauben, Religion, Ritual und Wissen in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen in unterschiedlicher Beziehung zueinander standen und stehen, dass Wissensproduktion überall, also auch in den westlichen Gesellschaften, kontextgebunden ist, und dass Glaubenssystemen und Ritualen in der Organisation des menschlichen Zusammenlebens über Zeit und Raum hinweg große, wenn auch wandelbare Bedeutung zukam und zukommt.

So betrachtet wird, zum einen, die Wissensproduktion selbst ebenso wie der Glauben und die Religion zum Objekt historischer und kontextualisierender Analyse. „Anderen” Formen des Wissens und des Glaubens wird dabei nicht von vornherein ein nachrangiger Status zugeschrieben. Die Geschichte des Denkens der europäischen Moderne, der asiatischen und der afrikanischen Zivilisation (und anderer Denksysteme) wird auch als Geschichte des Ringens um Vorherrschaft gelesen. Dabei stehen sowohl interne Auseinandersetzungen um dominantes Wissen wie auch die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Glaubens- und Wissenssystemen im Zentrum des Interesses. Für die nicht-europäischen Wissens- und Glaubenssysteme war die Konfrontation mit der sich entfaltenden globalen Dominanz der europäischen Denkweisen unausweichlich. Ausgehend von diesen Einsichten tritt in der Forschung an die Stelle des scheinbaren Dualismus von Aufklärung einerseits und Glaubens- und Wissenssystemen mit (offen) transzendenten Bezügen andererseits die Untersuchung der komplexen, oft konflikthaften, und historisch wandelbaren Beziehungen zwischen verschiedenen Glaubens- und Wissenssystemen.

Zum anderen eröffnet sich ein anderer Blick auf die Rolle von Religion und Weltanschauung für die Gestaltung von gesellschaftlichen Verhältnissen und globalen Beziehungen und Auseinandersetzungen. Religiöse Überzeugungen und Glauben als Antriebskräfte globaler wie lokaler Machtpolitik und als Ausdrucksformen widerständiger Identitäten erscheinen nicht mehr einfach als „irrational” (und damit als „unpolitisch” oder „vorpolitisch” bzw. der politischen Auseinandersetzung nicht zugänglich) oder als „falsches Bewusstsein” (das durch politische Aufklärung einfach zu korrigieren sei). Umgekehrt drehen sich Debatten um rationale Politikbegründung nicht länger um die Frage „richtig oder falsch” und derartige Begründungen werden nicht länger umstandslos als einzig relevant bzw. überlegen eingestuft. Vielmehr werden Glaubens- und Wissenssysteme als individuelle und kollektive Bezugspunkte von Machtpolitik und Widerstand erkennbar und damit einer weniger voreingenommenen und integrativeren historischen und sozialen Analyse zugänglich.

Kulturkontakt, Transfer, Interaktion

Transnationale Öffentlichkeit; Eurozentrismus; Aufeinanderbezogenheit von (post-)kolonialer und europäischer Kultur und Identität; kulturelle Hegemonie, kulturelle Hierarchie, Dominanzkulturen, Kulturpolitik als Machtpolitik; Kulturen des Widerstands und der Kampf um Repräsentation und Anerkennung; Identitätspolitik; Kultur - „Zivilisation” - „Barbarei”; Orientalismus; Okzidentalismus; Kulturen auf Reisen; Kulturen des Wissens; Zusammenstoß der Kulturen oder Interaktion und Wandel der Kulturen?; kulturelle und/oder materielle Differenz?; von kultureller Vielfalt zur Globalkultur?; Medienstrategien und Medienpolitik; Multikulturalismus und seine Alternativen; etc.


Erläuterungen zu Kulturkontakt, Transfer, Interaktion

Je stärker sich die Globalgeschichte mit der Untersuchung räumlich gebundener Geschichte in globaler Perspektive befasst, desto größere Bedeutung gewinnt die Frage, welche Rolle für die Gestaltung solch „lokaler” Geschichte der Interaktion mit dem Globalen und/oder dem „Anderen” zukommt. Die Wahrnehmung des Wissens, der Wahrnehmungsweisen und des Handelns Anderer, vermittelt durch das Medium gemeinsamer Öffentlichkeiten, Reisen und andere Formen der direkten und indirekten Kommunikation, Gründung von und Mitarbeit in internationalen Netzwerken und Organisationen, etc., beeinflussten und beeinflussen in hohem Maße das Handeln von Entscheidungsträgern, von örtlichen wie staatlichen Bürokratien, und von sozialen Bewegungen überall in der Welt. Einerseits waren und  sind bestimmte Muster der interkulturellen Interaktion eng mit dem Streben nach der Begründung und/oder der Aufrechterhaltung globaler Wertehierarchien, mit dem Streben nach der Begründung von Ausgrenzung und/oder Marginalisierung verknüpft. Andererseits lieferte und liefert der Blick nach außen bzw. auf globale Wertesysteme und „Designs”, auf internationale Konventionen, etc. lokalen sozialen Bewegungen und Interessengruppen auch gute Dienste bei der Formulierung und Vertretung eigener politischer Anliegen.

Die Gleichzeitigkeit und Unterschiedlichkeit bestimmter sozialer und kultureller Entwicklungen in höchst ungleichen Kontexten und mit dementsprechend divergierenden Folgen läßt sich häufig erst unter Einbeziehung komplexer Transfer- und Interaktionsprozesse hinreichend erklären. Die langfristige Entwicklung kulturellen Selbstverständnisses und kultureller Praktiken war und ist häufig ebenso sehr von der Berührung und Auseinandersetzungen mit anderen Kulturen geprägt  wie vom Kampf um die Gestaltung eigener Symbolsysteme und um gesellschaftlichen Wandel vor Ort. Die Entstehung des modernen europäischen kulturellen Selbstverständnisses etwa war mit der Erfahrung der Religionskriege zweifellos ebenso untrennbar verknüpft wie mit der Erfahrung von Eroberung und Unterwerfung im Kontext der europäischen Expansion. Die Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts ihrerseits entlehnten zentrale Topoi des europäischen und von Europa aus globalisierten Selbstverständnisses (Nation, individuelle Freiheit und Gleichheit, internationale Sozialstandards …), um ihren eigenen Bestrebungen nachhaltigen Ausdruck zu verleihen. Sie passten diese Topoi ihren eigenen Bedürfnissen an, und die Verwendung/Anpassung dieser Topoi formte das Selbstverständnis, die Gestalt und die Politik dieser Bewegungen.

Krieg und Frieden

Militär- bzw. Verteidigungsbündnisse; internationale Friedensordnungen; Friedenslogiken (z.B. Frieden durch „Abschreckung”, durch „atomares Gleichgewicht”, durch globalen Ausgleich …); Kriegslogiken (Angriffskriege, Verteidigungskriege, völkerrechtliche Bestimmungen; militärische und außenpolitische Doktrinen); Kriegsursachen; Kriegsfolgen (Flucht und Vertreibung; Völkermord; Grenzverschiebungen, internationale Neuordnung …); Waffenproduktion und Waffenhandel; Militarismus; Verhältnis zwischen innerem (sozialen) Frieden und äußerem Frieden (Abwesenheit von Krieg); Kriegsformen (Weltkriege, regionale, lokale Kriege, Unabhängigkeitskriege, „Kalter Krieg”, Bürgerkriege, Handelskriege, Stellvertreterkriege, „low intensity warfare”, Guerillakriege, …); Waffen- und Militärsysteme; Friedensbewegungen, Anti-Kriegsbewegungen; etc.


Erläuterungen zu Krieg und Frieden

Kriegs- und Friedenspolitiken üben entscheidenden Einfluss aus auf das Schicksal von Völkern, (Volks-)Gruppen und Ethnien, auf kurz- und langfristige gesellschaftliche und politische Entwicklungen, auf die Formung, Veränderung und Herausforderung globaler Machtverhältnisse. Diese Politiken beschäftigen sich unter anderem mit Fragen der militärischen Intervention, der Kriegsführung, der Friedensverträge und des internationalen „peece keeping”. Ungleiche und ungerechte globale Machtverhältnisse und globale Ungleichheit überhaupt waren und sind eine beständige Quelle kriegerischer Auseinandersetzungen im großen wie im kleinen Maßstab. Die Entwicklung von immer neuen Waffensystemen und militärischem Wissen und die globale Konkurrenz um deren Verfügbarkeit (Handel, Spionage, parallele bzw. alternative Forschungsanstrengungen …) sind von großem Einfluss auf die Formen kriegerischer Auseinandersetzung und die Rolle kriegerischer bzw. militärischer Auseinandersetzung im Prozess historischen Wandels.

Die Erscheinungsformen und politisch-gesellschaftlichen Gehalte von „Krieg” und „Frieden” sind historisch wandelbar und vielfältig. So stellt sich zum Beispiel das Verhältnis zwischen dem Krieg mit der „Waffe in der Hand” und dem „Krieg mit anderen Mitteln” in verschiedenen Regionen der Erde unterschiedlich dar und hat sich historisch immer wieder gewandelt. Frieden kann als umfassender gesellschaftlicher und geopolitischer Ausgleich bzw. Kompromiss, als Abwesenheit bzw. Kontrolle von Gewalt, oder auch als Befriedung bzw. Unterdrückung gesellschaftlicher und politischer Konflikte durch machtpolitische Drohgebärden und militärische Überlegenheit aufgefasst werden. Lokale Kriege können als Stellvertreterkriege interpretiert werden, Weltkriege als imperialistische Kriege, der „Kampf gegen den Terrorismus” als neue Form globaler Kriegsführung. Bürgerkriege können zum Ausgangspunkt internationaler Konflikte werden, internationale Konflikte bzw. Konfliktstrategien enormen Einfluss auf die Dynamik lokaler Konflikte und Kriege ausüben.

Klasse, “Rasse”, Geschlecht & Co.

“Rassen”-, Klassen- und Geschlechterbeziehungen und -ordnungen (im Vergleich, in Beziehung zueinander, im historischen Wandel); geschlechtsspezifische gesellschaftliche Arbeitsteilung; „Rassentrennung”, Apartheid; Klassenunterdrückung, Ausbeutung der Arbeit; andere Kategorien der Differenz wie zum Beispiel staatsbürgerliche Rechte, Alter, globale Unterschiede im Zugang zu Macht, Ressourcen, Lebenschancen, …; Gleichheit, Ungleichheit, Differenz, Hierarchie, Asymmetrie; Einschluss und Ausschluss; Sexismus; Rassismus; Natur und Kultur; Universalismus und Partikularismus; Gewalt entlang von Klassen-, „Rassen”- und Geschlechterlinien; Klasse, „Rasse” und Geschlecht als Grundlagen sozialer Gruppenbildung; Systeme, in denen sich Unterdrückung entlang dieser Kategorien miteinander verzahnt; Konstitution des Subjektes, Identitätszuschreibungen; variable und multiple Identität; Dominanzbeziehungen, Subversion und Widerstand; doppelte und dreifache Marginalisierung und Unterdrückung; ambivalente und widersprüchliche Klassen-, „Rassen”- und Geschlechterpositionen; sexuelle Beziehungen über „Rassen”- und Klassengrenzen hinweg, …; heterodoxe, die jeweiligen dualistischen Zuschreibungen in Frage stellende Geschlechts-, Klassen- und „Rassen”-Identitäten und -Politiken; gesellschaftliche, biologische Differenz und Differenz als Konstruktion; etc.


Erläuterungen zu Klasse, “Rasse”, Geschlecht & Co.

Global wie lokal lassen sich seit Jahrhunderten gleichermaßen Tendenzen zur Gleichmachung und Gleichbehandlung der Menschen (Homogenisierung) wie zur immer neuen Produktion von Ungleichheit (Differenzierung) entlang der Trennlinien von gesellschaftlichem Status bzw. zwischen Klassen, „Rassen” und Geschlechtern beobachten. Auf der einen Seite steht die aufklärerische Idee, dass alle Menschen gleich geboren, die Individuen grundsätzlich gleich sind, und ihre Identität eindeutig ist. Auf der anderen Seite werden den Einzelnen im Kontext ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Stellung bestimmte Klassen-, „Rassen”- und Geschlechterzugehörigkeiten in sich wandelnden Variationen und Kombinationen zugeschrieben. Diese Differenzierungen gehen häufig mit asymmetrischen und hierarchischen Beziehungen zwischen und innerhalb von Klassen, „Rassen” und Geschlechtern einher.

Jüngere Forschungen haben sich daher um ein „Zusammendenken” von Klasse, “Rasse”, Geschlecht und anderen Kategorien der Differenz als konstitutiv für die Formung gesellschaftlicher Beziehungen und kultureller Verhältnisse bemüht. Sie haben diese Kategorien etwa als Vektoren wissenschaftlicher Analyse konzeptualisiert, die gleichzeitig und interaktiv zur Anwendung kommen.

Die globalgeschichtliche Relevanz derartiger Forschungsansätze liegt nicht nur darin, dass sie ein adäquates Methoden- und Forschungsinstrumentarium für den Vergleich unterschiedlicher Sozialbeziehungen weltweit zur Verfügung stellen. Vielmehr weisen soziale und kulturelle Beziehungen und Verhältnisse, die auf diesen Differenzkategorien aufbauen, häufig bedeutsame globale Dimensionen auf. Dies gilt beispielsweise wenn es um die unterschiedliche Wertigkeit unterschiedlicher Staatsbürgerschaften im globalen Maßstab oder um die Verzahnung der Geschichte von Kolonialismus, Imperialismus und Entkolonialisierung mit der sogenannten „Rassenfrage” und dem gegen die nicht-weissen „Rassen” gerichteten Rassismus geht. Umgekehrt ist es aus globalhistorischer Perspektive unerlässlich, die Frage, welche Rolle globale Differenz und Ungleichheit bei der Formung sozialer und kultureller Beziehungen zwischen Klassen, Geschlechtern und „Rassen” vor Ort spielen, stets mitzudenken bzw. globale Ungleichheit als relevanten Analysevektor in die Untersuchung lokaler Verhältnisse einzubauen.

Die beschriebenen Forschungsansätze erlauben außerdem zu zeigen, dass und wie gesellschaftliche und symbolische Differenzierung und Homogenisierung entlang der verschiedenen Vektoren der Analyse historisch geworden und damit auch wandel- und veränderbar sind. Sie tragen somit zur radikalen „Denaturalisierung” bestehender Sozialverhältnisse bei. Sichtbar wird dabei unter anderem, dass und wie die moderne Konzeptualisierung des Individuums als frei und gleich geboren historisch in doppelter Weise beständig unterminiert und herausgefordert wurde und wird. Einerseits rückt das hartnäckige Fortbestehen von Dominanzverhältnissen (von durchaus wandelbarem Erscheinungsbild), die Geschlecht, „Rasse”, Klasse und andere Unterscheidungen zwischen sozialen Gruppen und Individuen zum Bezugspunkt haben, in den Blick. Andererseits wird aber auch sichtbar, welch flexible und multiple Strategien die einzelnen Individuen entwickeln, um mit ihren mehrschichtigen und zum Teil widersprüchlichen Erfahrungen zurechtzukommen, und wie aus diesen Erfahrungen widerständiges oder aufrührerisches Handeln geboren wird.

Soziale und politische Bewegungen

Befreiungsbewegungen; Arbeiterbewegung; Antisklaverei-Bewegung; Bauernbewegungen; Frauenbewegungen; Gewerkschaften; Friedensbewegungen; „Black Power”; „Pan-Afrkianismus”; „Dritte Welt”-Solidaritätsbewegungen; Alternativ- und Ökologiebewegung; neue soziale Bewegungen; Theologie der Befreiung; globalisierungskritische Bewegung, Globalisierungsgegner; Organisationsformen (Kaderparteien, Basisdemokratie, Selbstverwaltung; dezentrale und multiple Netzwerke, „Regenbogen-Koalitionen”; internationale Verbände …); Aktionsformen (Gewaltfreiheit, Militanz, Kampagnenorientierung, Themenorientierung, Störaktionen, Aufklärungsarbeit, Gegenveranstaltungen, Guerillakampf …); Zielorientierung (Systemtransformation; Reform; Revolution; Teilhabe am politischen System; Machtergreifung …); transnationaler politischer Protest, Transfergeschichte; Internationalismus; Zivilgesellschaft, NGO’s; soziale Identität; Erweiterung und Vielfalt des Begriffs des Politischen, etc.


Erläuterungen zu Soziale und politische Bewegungen

Die Geschichte des Wandels von globalen Beziehungen und Konflikten, der Herausforderung, Umgestaltung und Überwindung von globalen Hierarchien und Asymmetrien, war und ist in hohem Maße vom mehr oder weniger organisierten Handeln einzelner Gruppen bzw. vom kollektiven Aktionismus bestimmter Bewegungen geprägt. Dies gilt auch für Aktivismus, der seine Ziele im lokalen oder nationalen Rahmen definierte. Die spezifische Gestalt der sozialen und politischen Bewegungen, die Art, wie sie bestimmte Interessen zum Ausdruck bringen, war dabei in hohem Maße von Handlungsspielräumen, Beschränkungen und Möglichkeiten geprägt, welche sich aus immer wieder wandelbaren globalen und lokalen Kräftekonstellationen ergaben. Dementsprechend vielgestaltig stellen sich die politischen und gesellschaftlichen Ziele und Visionen, die Organisations- und Handlungsformen der sozialen und politischen Bewegungen, die Formen von Kooperation und Konflikt untereinander, und die Art der Auseinandersetzung mit dem herrschenden System dar.

Die Komplexität dieser Bedingungen und Bezüge, das oftmalige Scheitern von Bewegungen, und der Wandel ihres Charakters in Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Begebenheiten, auf die sie Bezug nehmen müssen, haben die vielfältige wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit den Bewegungen unverkennbar geprägt. Manche Forschungen (und AktivistInnen) haben dabei die Frage in den Vordergrund gerückt, wie sich Bewegungen in einer gegebenen örtlichen Konstellation zur Klassenfrage und anderen Formen der Unterdrückung gestellt haben. Andere fragen eher danach, inwiefern ungleiche globale Beziehungen und Geopolitik die Politik der Bewegungen geprägt haben, und ob sich die Bewegungen (auch) gegen diese Verhältnisse gerichtet haben. Eine ganze Reihe von Schlüsseldebatten der global orientierten Forschung zu sozialen Bewegungen wird angetrieben von der keineswegs abgeschlossenen Auseinandersetzung um die analytische (und politische) Verbindung beider Herangehensweisen. Zahlreiche Beispiele können angeführt werden. So etwa ist es eine bis heute wissenschaftlich wie politisch umstrittene Frage, ob und inwieweit der Aufstieg der Arbeiterbewegung in den europäischen Industrienationen in der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg zur teilweisen Verlagerung ausbeuterischer Verhältnisse nach „außen” in Gestalt von Kolonialismus und Imperialismus beigetragen hat. Eine andere Debatte setzt beim Kampf um die Demokratisierung einzelner Länder an, der von vielen AktivistInnen als unverzichtbare Voraussetzung sozialer Emanzipation begriffen wird. Hier geht es um die Frage nach den analytischen (und politischen) Konsequenzen aus der Erfahrung, dass derartige Demokratisierungsbestrebungen von mächtigen internationalen Kräften immer wieder für die Erweiterung und Vertiefung von Freihandelskapitalismus (und -imperialismus) genutzt worden sind. Ein weiteres Beispiel ist die Geschichte der Antisklaverei-Bewegung. Die Debatte dreht sich in diesem Fall unter anderem darum, inwieweit sich der Aufstieg des Abolitionismus der sinkenden Rentabilität bzw. Rationalität der auf Sklavenarbeit basierenden Produktion verdankte und inwieweit die Bewegung selbst zu eben diesem Prozess beitrug. In jüngerer Zeit ist die Frage der Konzeptualisierung der Geschichte von Frauenbewegungen neu diskutiert worden. Es wurde unter anderem vorgeschlagen, Frauen-Aktivismus in peripheren Weltregionen und seitens marginalisierter Gruppen (und somit etwa gemischtgeschlechtliche Organisationsformen und nicht-frauenspezifische Zielsetzungen) gleichberechtigt einzubeziehen. Dies hat die Forschung stimuliert aber auch neue Debatten um die Einschätzung der historischen Rolle und des Charakters westlicher Frauenbewegungen ausgelöst bzw. vorangetrieben.

Insgesamt sieht es so aus als ob - aus der Perspektive der Globalgeschichte und der global studies -  das Verhältnis zwischen den konkreten Anliegen einer Bewegung (so zum Beispiel Geschlechtergleichheit oder nationale Unabhängigkeit) und der globalen Systemfrage noch eine ganze Weile im Zentrum konzeptueller und politischer Auseinandersetzungen stehen wird.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen und Beziehungen


Nord-Süd-Beziehungen; Ost-West-Beziehungen; Zentren und Peripherien; innere Peripherisierung, „globaler Süden”; Sklavenhandel; Freihandel; Protektionismus; autozentrierte Entwicklung; Handelsbeziehungen, „terms of trade”; globale und lokale wirtschaftliche Arbeitsteilung; Wirtschaftskrisen; Finanzsysteme (Währungspolitik, Verschuldung, Entschuldung); Wirtschaftstheorien; Wirtschaftsplanung („New Deal”, Marshall-Plan, Planwirtschaft …); Neoliberalismus, Post-Neoliberalismus; multinationale Konzerne; Wirtschaftshilfe, Entwicklungshilfe, bi- und multilateral; Produktionsweisen; Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme (Kapitalismus, Sozialismus …); gesellschaftliche Integration und Desintegration; Sozialtheorien; globale Ungleichheit, globale Polarisierung; internationale Sozialpolitik; Klassen, Kasten, Statusgruppen, Geschlecht, „Rasse”, „Stämme” …; Industrialisierung, Agrarisierung, postindustrielle Gesellschaft …; Formen der Arbeit, Arbeitsverhältnisse, und deren lokale, regionale, transnationale Kombination (geschützte und ungeschützte Lohnarbeit, Zwangsarbeit, Subsistenzarbeit, Sklavenarbeit; Wanderarbeit …); die Rolle des Staates und anderer Akteure bei der Gestaltung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen und Beziehungen; etc.


Erläuterungen zu Wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen und Beziehungen

Die Erforschung der Vergangenheit und Gegenwart globaler wirtschaftlicher Zusammenhänge konzentriert sich auf Strukturen, Mechanismen und (den qualitativen wie quantitativen) Wandel ungleicher materieller Austauschbeziehungen. SozialhistorikerInnen und SozialwissenschaftlerInnen, denen es um eine globale Perspektive zu tun ist, haben unter anderem nach der Wechselbeziehung zwischen dem Wandel dieser Austauschbeziehungen und der gesellschaftlichen Entwicklung in den Zentren und Peripherien selbst, also in hegemonialen wie in (ehemals) kolonialisierten bzw. dominierten Gesellschaften gefragt.

Die Aufgaben, die die „sichtbare” Hand von Staaten, internationalen Institutionen, und anderen Entscheidungsträgern und Akteuren gegenüber der „unsichtbaren” Hand des Marktes bei der Gestaltung internationaler wirtschaftlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Verhältnisse übernimmt, veränderten sich über Zeit und Raum. Das Verhältnis beider Seiten wurde immer wieder zum Bezugspunkt politischer und sozialer Auseinandersetzung. Das Zusammenspiel zwischen der Territorialisierung und Unterteilung politischer Macht (und insbesondere der Prozess der Aufgliederung zunächst Europas und dann der Welt in nationalstaatliche Einheiten) einerseits und die Transnationalisierung und „Grenzenlosigkeit” von Unternehmen und wirtschaftlicher Macht andererseits war und ist von großem Einfluss auf die Durchsetzung bzw. Zurückdrängung von Freihandel und Protektionismus, Wirtschaftsimperialismus und (Neo-)Kolonialismus, etc.

Zur Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen in den unterschiedlichen Weltregionen und innerhalb der einzelnen Länder oder politischen Entitäten sind komplexe und offene konzeptuelle Herangehensweisen entwickelt worden, die das Zusammenspiel lokaler Verhältnisse, Bedingungen, Spielräume und Interessen einerseits und sich wandelnder internationaler Konstellationen und Beziehungen sichtbar machen. Sie fragen beispielsweise nach den Gründen und Strukturen gesellschaftlicher Kohärenz bzw. Integration oder gesellschaftlicher Desintegration und Marginalisierung, oder nach den Varianten der Kombination verschiedener Formen von Arbeit und verschiedener Produktionsverhältnisse und ihren Ursuchen in den einzelnen Gesellschaften.