Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechtergeschichte
Archiv Neunziger Jahre

Wie ein Blick in das Vorlesungsverzeichnis zeigt, ist die Frauen- und Geschlechtergeschichte seit Mitte der achtziger Jahre zu einem wichtigen Forschungsschwerpunkt des Instituts für Geschichte geworden. Im Frühjahr 1993 richtete das Wissenschaftsministerium zudem drei der lange diskutierten Koordinationsstellen ein:  Koordinationstelle Wien, heute Projektzentrum Genderforschung,  die Koordinationstelle Linz und  die Koordinationsstelle Graz.

Kolloquium zur Frauen- und Geschlechtergeschichte

Die steigende Anzahl an spezifischen Lehrveranstaltungen, die auch eine Vielfalt an Diplomarbeiten und Dissertationen im Bereich der Frauen- und Geschlechtergeschichte nach sich zogen, ebenso wie die zunehmende Ausdifferenzierung des Forschungsfeldes, bewirkten eine Ausweitung unserer Aktivitäten. Um die Kommunikation mit an Frauen- und/oder Geschlechtergeschichte interessierten AbsolventInnen (insbesondere LehrerInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen) auch nach Studienabschluss aufrecht zu erhalten, organisierten wir ein monatliches Kolloquium zur Frauen- und Geschlechtergeschichte.
Im Studienjahr 1992/93 präsentierten Nachwuchswissenschaftlerinnen ihre aktuellen Forschungsprojekte. In der Vortragsreihe "Geschlechterverhältnisse(n) auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens" referierten im Wintersemester 1993/94 Wissenschaftlerinnen aus ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken über historische und aktuelle Entwicklungen der Geschlechterbeziehungen in Bosnien, Serbien, Slowenien, Makedonien und Kroatien. Im Studienjahr 1994/95 präsentierten insbesondere Historikerinnen aus den anderen österreichischen Bundesländern ihre aktuellen Forschungsarbeiten. Ziel des Kolloquiums im Studienjahr 1995/96 war es dagegen, die Diskussions- und Kommunikationsprozesse zwischen historisch arbeitenden Wissenschaftlerinnen der unterschiedlichsten Disziplinen anzustoßen bzw. zu intensivieren.
Das Bedürfnis vieler TeilnehmerInnen nach stärker zeitlich konzentrierten und thematisch fokussierten Diskussionen aufgreifend, sind wir ab dem Studienjahr 1996/97 von der monatlichen Struktur des Kolloquiums abgegangen. Neben Einzelvorträgen - so präsentierten etwa im Juni 1997 Gertrud Grilz-Seger, im Oktober 1997 Sabine Frühstück und im November 1998 Ela Hornung ihre Forschungen - organisierten wir Workshops und thematisch orientierte Ringvorlesungen.

Workshops

1995: Über Fragen der Partikular- bzw. Mikrogeschichte diskutierten im Dezember 1995 Gianna Pomata (Bologna/USA), Claudia Ulbrich (Berlin), Michaela Hohkamp (Berlin) und Edith Saurer (Wien).

1996: Den "Be-Deutungen des Körpers im neuzeitlichen Europa" war der Workshop mit Londa Schiebinger (USA) und Maren Lorenz (Hamburg) im Oktober 1996 gewidmet, welchen wir gemeinsam mit dem Karl Renner-Institut veranstalteten.

1997: Als Erinnerung an 100 Jahre Frauenstudium organisierten wir im April 1997 den Workshop: Die ersten Studentinnen In und ZWISCHEN Zürich/Basel/Prag/Wien. Hana Havelkova (Prag), Waltraud Heindl (Wien) und Regina Wecker (Basel) skizzierten die Erfahrungen der ersten Studentinnen der genannten Universitäten.

Forschungsgespräche

1993: mit Genoveffa Palumbo (Istituto Universitario Orientale, Napoli) über Sündendarstellungen in Katechismen des 16. Jahrhunderts.

1994: mit Monica Richarz (Hamburg) über das Hamburger Institut für die Geschichte des deutschen Judentums.

1996: mit Noriko Wakao und Yuji Wakao (beide Japan) über Frauengeschichte in Japan.

1997: mit Tamara K. Hareven (University of Deaware) über The gender division of labour in the transition from cottage industry to factory und mit Luisa Accati-Levi (Triest/Venedig) über Antifeminismus und Antisemitismus.

1998: mit Brigitte Studer (Universität Bern) über Den Sozialstaat und die Normierung der Geschlechterbeziehungen am Beispiel der Schweiz.

1999: mit Karen Offen (Stanford University) über European Feminismus, 1700-1950. A political History

1999: mit Bärbel Kuhn (Saarbrücken) über "Hagestolz" und "Alte Jungfer". Ehelose in der bürgerlichen Gesellschaft der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

1999: mit Ann Snitow (New York) über Probleme und Chancen des Feminismus in Mittel- und Osteuropa

Ringvorlesungen

Der Krieg stand neuerlich im Zentrum einer Veranstaltungsreihe im Studienjahr 1996/97. Im ersten Teil der Ringvorlesung: Krieg und Geschlecht I: Vom Söldnerheer zum "modernen" Krieg: Männer und Frauen im Kriegswesen der Neuzeit präsentierten Vortragende aus Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz neue Detailstudien zur Frauen- und Geschlechtergeschichte von Krieg und Militär vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Ersten Weltkrieg. Die Vorträge im Sommersemester 1997 (Ringvorlesung: Krieg und Geschlecht II: Krieg als Geschlechterpolitik: Zum Verhältnis der Geschlechter im Nationalsozialismus) stellten am Beispiel des Nationalsozialismus Krieg als ein spezifisches Feld von Geschlechterpolitik zur Diskussion.

Gastaufenthalte

Auf Initiative der Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechtergeschichte war 1997 Luisa Accati-Levi (Triest/Venedig), im Februar 1998 Brigitte Studer (Bern) und im März 1998 Monika Mommertz (Berlin) mit Forschungsstipendien der Universität Wien zu Gast an unserem Institut.

Als Gastprofessorinnen am Institut für Geschichte konnten wir im Jahr 1993 Claudia Ulbrich (Berlin) und im Wintersemester 2000 - gemeinsam mit dem Institut für osteuropäische Geschichte - Kristina Popova (Blagoevgrad) gewinnen, als Käthe-Leichter-Gastprofessorinnen im Sommersemester 1999 Ute Gerhard (Frankfurt), und im Wintersemester 2000 Hanna Schissler (Hannover/Braunschweig).

Internationale Vorträge

Um auch Wissenschaftlerinnen aus dem benachbarten Ausland und aus den USA bzw. aus Kanada zu Gastvorträgen wie auch zur Teilnahme an Workshops einladen zu können, haben wir immer wieder die Kooperation mit anderen österreichischen universitären und außeruniversitären Instituten gesucht:

Mai 1994: Judith Butler (University of California, Berkely, USA): Identifikation und Phantasie. Zur Konstruktion von Geschlechterdifferenz.
In Kooperation mit der Wiener Koordinationsstelle für Frauenforschung, dem Karl Renner Institut und dem Institut für Romanistik

November 1994: Susanne Schölz (Universität Leipzig): Herr Wirt und Frau Wirtin. Kleinbürgerliche Lebenswege im Leipzig des 19. Jahrhunderts.

April 1995: Gerda Lerner (University of Wisconsin, Madison, USA): Unterschiede zwischen Frauen neu gefaßt: Geschlecht, Klasse, Ethnizität und Religion.
In Kooperation mit der Kulturabteilung der U.S. Botschaft.

Mai 1995: Joan Scott (Institute for Advanced Study, Princeton, USA), über Only Paradoxes to offer. French Feminists and the Rights of 'Man'.
In Kooperation mit dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen.

Oktober 1996: Londa Schiebinger (Pennsylvania State University, USA): Why Mammals are Called Mammals. Gender Politics in Eighteenth Century Science.
In Kooperation mit dem Karl Renner Institut.

November 1996: Elizabeth Faue (Wayne State University, Detroit, USA): Joan of Arc for the Laboring Classes: Women, Transclass Politics, and Labor Activism in the United States, 1900-1920.
In Kooperation mit der Arbeitsgruppe für Nordamerikanische Geschichte.

November 1996: Susan C. Karant-Nunn (Portland State University, USA): Ritualveränderungen in der deutschen Reformation und die semiotische Unterdrückung des Gefühls.
In Kooperation mit dem Institut zur Erforschung der Frühen Neuzeit.

Jänner 1998: Ruth Roach Pierson (University of Toronto, Canada): Weiße Frauen und imperialistische/rassistische Wissensproduktion.
In Kooperation mit dem Institut für Wissenschaft und Kunst.

Mai 1998: Roger Chartier (École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris): On the Edge of the Cliff: History, Language, Practices.
In Kooperation mit dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften und mit der Arbeitsgruppe für westeuropäische Geschichte.

Dezember 1998: Ute Daniel (TU-Braunschweig): Kulturgeschichte und was sie nicht ist.

Juni 1999: Katrin Schmersahl (Universität Hamburg): "Weibskerle", "emancipierte Damen" und "conträrsexuelle Mannweiber". Zur medizinischen Konstruktion von Geschlecht im 19. Jahrhundert
Vortrag in Zusammenarbeit mit dem Stichwort. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung.

November 1999: Barbara Hoffmann (Kassel), Keine Frauen in der Politik der Frühen Neuzeit? Zur Überwindung von Engführungen durch die Kategorie Geschlecht

Internationales Symposium: Feminist Scholarly Journals. Women and Gender History

Ein weiterer wichtiger Baustein zur internationalen Vernetzung der Frauen- und Geschlechtergeschichte war das Ende Mai 1996 in Wien abgehaltene internationale Symposium: Feminist Scholarly Journals. Women and Gender History. An diesem Symposium haben über dreißig Vertreterinnen von nachstehenden Zeitschriften teilgenommen: Clio. Histoire, Femmes et Sociétés (Frankreich); Feministische Studien (Deutschland); Gender & History (England, USA); Jaarboek voor Vrouwengeschiedenis (Holland); L'Homme. Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft (Österreich); memoria. rivista di storia delle donne (Italien); Metis. Zeitschrift für historische Frauenforschung und feministische Praxis (Deutschland); NORA. Nordic Journal of Women's Studies (Skandinavische Länder) und Traverse. Zeitschrift für Geschichte. Revue d'histoire (Schweiz).

Internationale Sommerschule 1998: Frauen und Geschlechtergeschichte. Zur Geschichte des Paares. 18.-20. Jahrhundert

Vom 19.-28. Juli 1998 trafen sich vier Lehrende und einundzwanzig Studierende aus Österreich, Frankreich, Italien und Deutschland im Schlosshotel Drosendorf in Niederösterreich, um gemeinsam der Geschichte von "Paarbeziehungen" nachzuspüren. Ausgehend von ganz unterschiedlichen Quellengruppen (von Briefen über Testamente bis hin zu Trennungs- bzw. Scheidungsakten) wurde die jeweiligen Idealbildern wie auch die 'Paarwirklichkeiten' vom beginnenden 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart in den Blick genommen. Entlang des Generalthemas wurden Probleme, Theorien und Methoden der Frauen- und Geschlechtergeschichte in einem, die einzelnen Wissenschaftskulturen übergreifenden Kontext, diskutiert.

Teilgenommen haben: Univ. Prof. Angiolina Arru (Neapel), Univ. Prof. Marie Claire Hoock-Demarle (Paris), Univ. Prof. Karin Hausen (Berlin), Univ. Prof. Edith Saurer (Wien) und einundzwanzig DiplomandInnen und DissertantInnen der Technischen Universität Berlin, des Istituto Universitario Orientale Napoli, der Université Paris VII und der Universität Wien.

Erasmus-Sokrates Hochschulkooperationsprogramm Women's and Gender History

Um den Studierenden die Möglichkeit zu eröffnen, unterschiedliche Wissenschaftstraditionen und -kulturen im Bereich der Frauen- und Geschlechtergeschichte kennen zu lernen, miteinander zu vergleichen und produktiv zu verwerten, initiierte die Arbeitsgruppe ein Hochschulkooperationsprogramm: Women's and Gender History. Im Studienjahr 1997/98 konnten die ersten StudentInnen zwischen der Universität Wien, dem Istituto Universitario Orientale, Napoli; der Universität Paris VII und der TU-Berlin ausgetauscht werden.

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