Slavoj Zizek
Multikulturalismus, oder die kulturelle Logik des multinationalen Kapitalismus
Wir scheinen heute Zeugen der endgültigen Bestätigung jener These von Freud aus dem Unbehagen in der Kultur zu werden, wonach sich Thanatos nach jeder Durchsetzung des Eros umso machtvoller erneute Geltung verschafft. Genau zu jenem Zeitpunkt, zu dem wir aus Sicht der herrschenden liberalen Ideologie schlußendlich die "unreifen" politischen Leidenschaften (das Reich des "Politischen": den Klassenkampf und andere "überholte" entzweiende Antagonismen) hinter uns lassen und uns der postideologischen "reifen" und pragmatischen Welt der rationalen Verwaltung und des auf Verhandlung beruhenden Konsenses zuwenden, einer Welt bar jeder utopischer Impulse, in der die leidenschaftslose Verwaltung des Sozialen Hand in Hand geht mit einem ästhetisierten Hedonismus (dem Pluralismus der "Lebensstile"), genau zu diesem Zeitpunkt feiert das verbannte Politische eine triumphale Rückkehr, und zwar in seiner archaischsten Form, als blanker, roher, rassistischer Haß auf das Andere, der die rationale, tolerante Attitüde in einen Zustand absoluter Ohnmacht versetzt. Genau in diesem Sinn ist der zeitgenössische "postmoderne" Rassismus das Symptom des multikulturalistischen Spätkapitalismus, das die inhärente Widersprüchlichkeit des liberal-demokratischen ideologischen Projekts ans Licht bringt. Liberale "Toleranz" duldet das folkloristische, seiner Substanz beraubte Andere (wie etwa die Vielfalt "ethnischer Küchen" einer zeitgenössischen Metropole); doch jedes "wirkliche" Andere wird umgehend des "Fundamentalismus" bezichtigt, denn im Kern beruht "Andersheit" auf der Regulierung ihrer jouissance, d.h. das "wirkliche Andere" ist per definitionem "patriarchal", "gewalttätig", nie das Andere einer vergeistigten Weisheit und eines bezaubernden Brauchtums. Man ist versucht, dem alten Marcuseschen Begriff der "repressiven Toleranz" eine aktuelle Bedeutung zu verleihen, ihn neu aufzufassen als Toleranz des Anderen in seiner aseptischen, gutartigen Form, welche die Dimension des Wirklichen der jouissance des Anderen ausschließt.
Bio-Bibliographie Slavoj Zizek - english abstract
Kossek/Vorwort Bauböck Çinar Bhavnani (hooks) Julien Leuthardt
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