Justiz und Gerechtigkeit
Tagung, Wien, 9. - 10. November 2000

Abstracts der Referate

Gerhard Ammerer und Alfred Stefan Weiß

"...damit sie im Arrest nicht schimmlicht werden..." Gerechtigkeitsvorstellungen und deren Umsetzung im Rahmen der Strafrechtspaxis anhand der Zucht- und Arbeitshäuser von Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt

Für etwa 2002 planen wir die Herausgabe einer Publikation über sämtliche Zucht- und Arbeitshäuser im Gebiet des heutigen Österreich. Solche gab es in Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Linz, Salzburg und Wien. Neben kurzen Abrissen zur Gründung und Entwicklung dieser Institutionen sollen inhaltlich vor allem zwei Aspekte besonders berücksichtigt werden: 1. Der Alltag in den Anstalten, 2. Die Diskurse während der letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts um Raumaufteilung, Kost, Hygiene, medizinische Betreuung, die Besserungsfähigkeit der Insassen und die Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Reintegration. Insbesondere dieser Punkt 2 soll im Vortrag überblicksmäßig behandelt werden. Als Quellen wurden dafür Anstaltsordnungen, Behördenschriftverkehr, Pläne, Insassenverzeichnisse sowie das aufgeklärte Schrifttum analysiert.
Die zeitgenössischen Diskurse drehten sich unter anderem um die Erreichung der Strafziele, um Prävention und Besserung. Die aufgeklärte Kritik wies neben materiellen Mißständen in den Anstalten vor allem auf die Ambivalenz der gängigen Gerechtigkeitsvorstellungen inclusive deren Umsetzung sowie auf die generelle Unmöglichkeit der Läuterung der Häftlinge in diesen Häusern hin, eine Tatsache, die von den durchführenden Organen offenbar nicht gesehen wurde. Die von Edwin H. Sutherland entwickelte "Theorie der differentiellen Kontakte", die besagt, daß die Bereitschaft zum kriminellen Verhalten mit der Häufigkeit und Intensität der Kontakte mit Verbrechern korreliert, wurde bereits von kritischen Beobachtern um 1775 wahr- und vorweggenommen, die darauf hinwiesen, daß die Büsser "durch andere boßhaffte Mitgenossen der Straffe, öfters nur zu Übelthaten mehr angefrischet, und abgerichtet werden." Die Rückfallshäufigkeit gab diesen recht. Neben den Diskussionen, wie daran etwas zu ändern sei, sowie den tatsächlich eingeleiteten Maßnahmen, wollen wir versuchen, auch die Seite der Betroffenen zu beleuchten. Wie reagierten die Sträflinge auf die Haftbedingungen? Gab es Renitenz, Strategien der Anpassung und Unterordnung oder das Gefühl der völligen Ohnmacht gegenüber der Strafmaschinerie, die bis hin zur Flucht in den Selbstmord führen konnte?
Die massive zeitgenössische Gefängniskritik führte schließlich zu verschiedenen Neuerungen, auch normativen, vor allem naturrechtlich orientierten Änderungen. Nicht zuletzt durch das Patent zur "Milderung der Kriminalstrafen" 1790 und verschiedene andere Verordnungen wurde das Straf- und Gefängnissystem und somit die Situation der Sträflinge zumindest partiell verbessert.


Susanna Burghartz

Justiz - Gerechtigkeit - Geschlecht. Überlegungen zu einem schiefen Dreieck

Über die Wechselwirkungen von "Gericht und Geschlecht" ist in den letzten Jahren in der historischen Kriminalitätsforschung mit Erfolg diskutiert worden. Geschlecht hat sich dabei sowohl als soziales Merkmal wie auch als analytische Kategorie bewährt, ohne daß die entsprechenden konzeptuellen Möglichkeiten bereits ausgeschöpft wären.
Mindestens drei Blickwinkel, die zugleich unterschiedliche Zugänge implizieren, haben sich dabei als interessant erwiesen:
Zunächst läßt sich nach der unterschiedlichen Präsenz von Männern und Frauen vor Gericht fragen - eine vermeintlich harmlose Frage, die jedoch weitreichende Konsequenzen zeitigen kann. Thematisiert wurden geschlechtsspezifisch unterschiedliche Labelingkonzepte in der Zuschreibung von kriminellem Verhalten, wie das Gendering von Kriminalität selbst, das auf unterschiedlichen Rollenkonzepten für Frauen und Männer und ihnen zugrunde liegenden Stereotypen von Weiblichkeit und Männlichkeit basiert, aber auch mit verschiedenen Handlungsräumen der Geschlechter korrespondiert. Gefragt wurde ebenso nach der unterschiedlichen Justiznutzung durch Männer und Frauen und deren Implikationen für systematisch unterschiedliche Machtchancen.
Zugleich hat sich Gericht als ein wichtiger gesellschaftlicher Ort für die Konstruktion von Geschlecht erwiesen. Geschlecht ist damit im Gerichtszusammenhang sowohl Voraussetzung von Zuschreibungsprozessen wie auch deren Produkt. Zudem ist die Kategorie Geschlecht auf vielfältige Weise relational mit der Konstruktion anderer sozialer Kategorien verbunden.
Darüber hinaus erlauben Gerichtsquellen als "Fenster zur Geschichte" Lebensräume, Handlungsmuster und Wahrnehmungsweisen von Männern und Frauen ebenso wie die gesellschaftliche Arbeit an der Konstruktion von Geschlecht in Bereichen zu thematisieren, die sich sonst dem historischen Zugriff weitgehend entziehen. Sie werden so Teil einer geschlechtergeschichtlichen Gesellschaftsgeschichte jenseits der disziplinierenden Obrigkeiten.
Angesichts dieses mittlerweile recht offenen Forschungsfeldes bringt die Begriffstrias "Justiz - Gerechtigkeit - Geschlecht" eine Gewichtsverlagerung, die zum einen die insitutionell normierende Ebene betont, zum anderen die Meta-Frage nach Wertung aufwirft. Die Produktivität dieser Verschränkung von institutionellen, normativ-regulierenden und analytisch-konzeptuellen Begriffen soll im Vortrag mit besonderem Augenmerk auf die Frühe Neuzeit diskutiert werden.


Ralf Peter Fuchs

Recht und Unrecht im Verfahren Lackum - Ein Kriminalfall mit Widerhall

"Generaliter injuria dicitur omne quod non iure fit" - Bereits der im Corpus Juris Civilis mitgeteilte Grundsatz weist darauf hin, daß insbesondere Injurienprozesse bedeutende Einblicke in Rechts- und in weiterem Sinne Gerechtigkeitsvorstellungen frühneuzeitlicher Menschen geben können. Diese Prozeßart war die reguläre, von der Jurisprudenz vorgezeichnete Form für Auseinandersetzungen um die Ehre. Im Verfahrensdiskurs wurde aber sehr häufig daneben auch das Recht als komplementäre Kategorie angesprochen. Ich werde über einen Fall referieren, auf den ich in meinen Untersuchungen über Injurienverfahren vor dem Reichskammergericht bislang nur kurz eingehen konnte, der aber m.E. eine eingehendere Erörterung verdient, weil er dies besonders deutlich macht:
Es geht um einen Fall des ausgehenden 16. Jahrhunderts, der zunächst als Kriminalprozeß in der westfälischen Grafschaft Mark begann, als solcher in der Region für Aufsehen sorgte und letztlich als Injurienprozeß vor dem RKG anhängig gemacht wurde. 1594 wandten sich die Hinterbliebenen des wegen Mordes hingerichteten Familienoberhauptes Georg Lackum an das oberste Reichsgericht. Sie baten das RKG darum, die territoriale Obrigkeit dazu zu verurteilen, den auf dem Rad verwesenden Körper ihres Vaters bzw. Ehemanns unverzüglich für ein ehrliches Begräbnis freizugeben und der Familie 40000 Goldgulden als Ausgleich für die durch den Vollzug der Todesstrafe erlittene Schmähung zu bezahlen. Die Hinrichtung des vermögenden Kramers Georg Lackum war erfolgt, nachdem er für schuldig befunden worden war, seinen mit dem Gesetz des öfteren in Konflikt geratenen Neffen Johan von der Ruer ermordet zu haben. Im Verfahren zur Aufdeckung der Tat waren verschiedene Wege, vom Zeugenverhör über die Bahrprobe bis zur Folter beschritten worden. In der Haft war zudem ein ebenfalls unter Verdacht geratener Sohn des Georg Lackum umgekommen.
Von den vom Reichskammergericht eingezogenen Abschriften der Vorprozeßakten bis hin zum eigentlichen RKG-Prozeß lassen sich die Schwierigkeiten bei der Suche nach Rechtssicherheit in einem Fall nachvollziehen, in dem Unsicherheiten und Brüche des frühneuzeitlichen Rechtssystems in besonderer Weise hervortraten.
Dabei wurden Diskurse um "Recht" auf mehreren Ebenen geführt:
a) im Austausch von Verfahrensaspekten zwischen den Regierungsräten und dem Amtmann sowie dem örtlichen Richter,
b) im Diskurs zwischen der örtlich/territorialen Obrigkeit und der betroffenen Familie und deren Anwalt,
c) im Versuch regionaler Kräfte, unter ihnen der Gemeinde zu Wetter, Adeligen und Geistlichen der Umgebung, auf das Verfahren einzuwirken,
d) in den zur Wahrheitsfindung abgehaltenen Zeugenverhören,
e) in der Bitte um Gerechtigkeit seitens der Parteien vor dem Reichskammergericht.
Die in den gerichtlichen Auseinandersetzungen präsentierten, teilweise sehr gegensätzlichen Vorstellungen von "Recht" scheinen Niklas Luhmanns Versuch, Recht als ein System zu definieren, das die Individuen dazu befähigt, eindeutig zu wissen, "mit welchen Erwartungen man sozialen Rückhalt findet, und mit welchen nicht", erheblich in Frage zu stellen. Vielmehr ergibt sich über die sich in den Quellen offenbarende Vielschichtigkeit die Möglichkeit, sehr unterschiedlichen Semantiken des frühneuzeitlichen Rechtsbegriffes nachzugehen. Für den Vortrag ist daran gedacht, über den Fall Lackum ein Modell der unterschiedlichen Bedeutungsebenen zu entwickeln:
So läßt sich bereits in einem ersten groben Überblick festhalten, daß die Historische Kriminologie und die Rechtsgeschichte - etwa auch bei Anwendung des Begriffes "Verrechtlichung" - zu differenzieren haben zwischen einem Rechtsbegriff, der auf die Verfahrenstechniken zugeschnitten ist und die "richtige" Form der Konfliktbearbeitung bzw. Wahrheitssuche beinhaltet. Daneben läßt sich innerhalb dieses professionellen Diskurses eine Ebene erkennen, in der der rhetorischen Ausgestaltung von Sachverhalten seitens der Anwälte und Parteien Raum gegeben wurde. Dem läßt sich wiederum das Verhalten von Parteien und Zeugen, "Wahrheit" und "Recht" über die Art und Weise des "Erzählens vor Gericht" zu konstruieren, gegenüberstellen. Daß daneben auch die Aussetzung des geregelten Verfahrens in das frühneuzeitliche Rechtsverständnis integriert war, zeigen die Gnadengesuche seitens der betroffenen Personen. Schließlich offenbart sich ein weiterer Bezugsrahmen in der Infragestellung obrigkeitlichen Verhaltens, das durch die Anrufung höherer Instanzen einschließlich des Reichsgerichts ermöglicht wurde. "Recht" wurde hier als ein elementarer Anspruch auf Rechtsschutz seitens der Untertanen eingefordert, der in der rechtsgeschichtlichen Forschung als ein Schutz von "Freiheitsrechten" (Jürgen Weitzel) charakterisiert worden ist.


Klaus Graf

Justiz und Erinnerung in der Frühen Neuzeit

Der Vortrag versucht verschiedene Diskussionskontexte fruchtbar aufeinander beziehen. Da ist zum einen die historische Kriminalitätsforschung mit ihren kaum noch übersehbaren Einzelbeiträgen, zusammengefasst jüngst im Sammelband "Kriminalitätsgeschichte". In diesem Werk findet sich auch eine längere Studie des Referenten zur Erinnerungskultur der Strafjustiz, an die angeknüpft werden kann (auch online: http://www.uni-koblenz.de/~graf/strafj.htm). Zum anderen sind mehr oder minder empirisch ausgerichtete Forschungen zu nennen, die sich mit dem Konzept "Erinnerungskultur" auseinandersetzen. Und es gibt eine Reihe von Beiträgen in unterschiedlichen Disziplinen zu Fragen der Tradierung von Wissen bzw. Erzählungen über Strafjustiz. Es gibt rechtshistorische Arbeiten zu "Rechtssagen", etwa über unschuldig Verurteilte, und Studien der volkskundlichen Erzählforschung (vor allem von Rudolf Schenda): Diese haben sich frühneuzeitliche literarische Vermittlungswege von Justiz-Exempla, die in didaktischer Absicht in der Kompilationsliteratur verbreitet wurden, vorgenommen. Zu nennen ist auch die Publizistik-Forschung, die dem medialen Widerhall von spektakulären Verbrechen gilt. Hinzu kommen Befunde zur städtischen Traditionsbildung und zu "Rechtsaltertümern" und ihrer Deutung. Erwähnt sei nur die von Wolfgang Schild jüngst behandelte "Eiserne Jungfrau", die im Kontext von Schauer-Erzählungen über das Vehmgericht Bedeutung erlangte. In diskursgeschichtlichem Zugriff soll versucht werden, Chancen und Grenzen der Erforschung von Justiz-Erinnerungen zu erörtern.


Susanne Hehenberger

"...habe In der Teuffl verführt, und gemeint lindrung zu haben". Anmerkungen zu einem Sodomieprozeß (Pöggstall 1698/99)

Sodomie war in der Frühen Neuzeit nicht nur ein mit der Todesstrafe bedrohtes Delikt, sondern wurde auch als Sünd wider die Natur betrachtet. Während es für andere Länder (besonders: Deutschland, England, Frankreich, Spanien, die Niederlande, Italien und die Schweiz) bereits recht gute Studien zu jenen strafrechtlich verfolgten Handlungen gibt, die während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit unter Begriffen wie Unkeuschheit wider die Natur oder Sodomia subsumiert wurden, fehlt es in Österreich noch an einschlägigen Untersuchungen. Sodomie wird zwar gelegentlich im Rahmen mikrohistorischer Arbeiten thematisiert, oder findet in rechtshistorischen Studien eine beiläufige Erwähnung, doch gibt es meines Wissens nach keine historischen Forschungen, die sich für den österreichischen Raum explizit und systematisch damit auseinandersetzen. Das hat wahrscheinlich einen praktischen Grund: die Archivsituation ist in Österreich vergleichsweise schlecht. Akten sowie Protokollbücher hoher und niederer Gerichtsbarkeit aus der Frühen Neuzeit sind nur in Ausnahmefällen über einen längeren Zeitraum geschlossen überliefert. Wenn zudem berücksichtigt wird, daß Sodomie (aufgrund der Schwere des Delikts) nur einen geringen Anteil der tatsächlich gerichtlich verfolgten Kriminalität ausmacht, wird augenscheinlich, daß die Suche nach Quellen mitunter langwierig und wenig erträglich ist. Bei meinen Recherchen im Niederösterreichischen Landesarchiv (NÖLA) stieß ich jedoch auf einen Sodomieprozeß, der nicht nur vergleichsweise umfangreich dokumentiert ist, sondern sich auch durch zwei Aspekte besonders auszeichnet: die Art der Anklage und das hohe Alter des Angeklagten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Prozessen, die ich bislang im OÖLA und NÖLA gefunden habe, in welchen Sodomie nur einen unter mehreren Vorwürfen/Anklagepunkten darstellte, wird Georg Dörffl einzig und allein wegen seiner sexuellen Handlungen mit einer Kuh angeklagt. Zudem hebt sich der Prozeß von manchen anderen ab, weil der Angeklagte zum Zeitpunkt seiner Verhaftung ein betagter Mann von 75 Jahren ist.
Bevor ich näher auf diesen Fall eingehe, ist es notwendig, den normativen Rahmen abzustecken, in dem dieser Prozeß stattfand. Ich werde das vor allem hinsichtlich der strafrechtlichen Konzeption des Delikts Sodomie tun. Danach werde ich das Quellenmaterial und den Prozeßverlauf unter Berücksichtigung ihrer Lückenhaftigkeit skizzieren. Die daran anschließenden quellenkritischen Bemerkungen sollen vom Fallbeispiel ausgehend, aber auch bezugnehmend auf andere Sodomieprozesse auf Probleme verweisen, die sich bei der Auseinandersetzung mit frühneuzeitlichen Kriminalquellen ergeben (können). Im letzten Teil soll versucht werden, Anregungen aus den (durchaus nicht immer klar voneinander abgrenzbaren) Forschungsfeldern Sexualitätsgeschichte, Kriminalitätgeschichte und Geschlechtergeschichte aufzugreifen und für die Analyse der strafrechtlichen Verfolgung von Sodomie im österreichischen Raum zu nutzen.


Maria Heidegger

Wahrnehmung und Bewertung von Justiz und Gerechtigkeit durch die Presse: Über das Schwurgericht im Kronland Tirol 1850 bis 1852.

"Die öffentlichen Schwurgerichte werden nächstens ins Leben treten und wir begrüßen sie in Tirol als alte Bekannte" (Innsbrucker Zeitung Nr. 87 vom 17.4.1850).

Das Geschworenengericht wurde auch in Tirol als Errungenschaft der Revolution von 1848 gefeiert, mehr noch aber als Fortsetzung einer alten Tradition. Die Kodifizierung eines neuen Strafprozessrechtes hatte zu den Kernforderungen der 1848er-Bewegung gezählt. Verlangt wurde die Abkehr vom Inqusitionsprozess und die Verwirklichung der Prinzipien des bereits in der Französischen Revolution geforderten Anklageprozesses: Öffentlichkeit, Mündlichkeit und Unmittelbarkeit des Verfahrens, freie Beweiswürdigung, Trennung der Rolle des Richters von der des Klägers, Schutz der Beschuldigten im Prozess sowie Beteiligung des Volkes (genauer eines kleinen Teiles der Bevölkerung) an der Rechtsprechung durch Geschworenengerichte. Auf der Grundlage der oktroyierten Märzverfassung von 1849 trat in Österreich 1850 die erste reformierte Strafprozessordnung in Kraft. Nach französischem Vorbild übernahm nun eine neue Justizbehörde, die Staatsanwaltschaft, die Funktion der Anklage und Geschworenengerichte wurden für alle schweren Verbrechen und die meisten politischen Delikte zuständig. Der Richter entschied unmittelbar nach freier Würdigung der Beweise, die Verhandlungen waren mündlich und öffentlich.
In Innsbruck wurde im November 1848 die erste Liste für das neue Geschworenengericht veröffentlicht, am 7. Jänner 1851 wurden im kleinen Redoutensaal erstmals Schwurgerichtssitzungen "unter riesigem Zudrange" eröffnet. Zunächst fehlte jegliche Erfahrung mit dem neuen Rechtsinstitut, schon bald wurden aber Fälle, in denen gerade Frauen massiv betroffen waren, Fälle von Notzucht oder Kindsmord, unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Journalisten waren von Beginn an dabei und berichteten ausführlich über diese öffentlichen Ereignisse. Doch bereits bevor sich Schwurgerichte in der Praxis erproben konnten, wurden sie in Österreich - anders als in den meisten deutschen Ländern - durch die neoabsolutistische Politik bereits 1852 (Strafprozessordnung von 1853) wieder abgeschafft. Das alte im Prinzip ungerechte Strafverfolgungssystem wurde in etwas abgeminderter Form wieder eingeführt und erst mit dem Ende des Neoabsolutismus reformiert (Strafprozessordnung von 1873).
Mein Referat konzentriert sich auf die Jahre 1850 bis 1852 und versucht auf der Grundlage der Medienberichte über Schwurgerichtsprozesse eine quellenkritisch behutsame Interpretation der öffentlichen Wahrnehmung und Bewertung von Justiz und Gerechtigkeit im Kronland Tirol. Die Presse berichtete relativ ausführlich über die Schwurgerichtssitzungen an den fünf Gerichtshöfen erster Instanz in Innsbruck, Bozen, Trient, Rovereto und Feldkirch. Zeitungsberichte gestatten Informationen über Täter, Opfer, Tatumstände. Doch selbstverständlich gibt die Presse keine objektiven Fallbeschreibungen, vielmehr bewertet sie Kriminalität und konstruiert geschlechtsspezifische Täterbilder. Sie lobt oder tadelt die öffentlichen Auftritte, Erscheinung, Aussagen, Plädoyers und Entscheidungen der verschiedenen Akteure des Schwurgerichts, zu denen nicht zuletzt auch das Publikum gehört.


Pavel Himl

Erfundene Hölle? Machtrepression und Konstruktion von "Übernatürlichem" in der Frühen Neuzeit. Eine Überlegung anhand böhmischer Fallbeispiele

Seitdem die HistorikerInnen die Justizquellen für die Erforschung der Lebenswelt von Angehörigen der Unterschichten (wieder)entdeckt haben, werden sie u.a. mit der Kritik an deren "Realitätsbezug" und Aussagekraft konfrontiert. (Es ist begreiflich, dass diese Kritik bzw. das diesen Forschungen entgegengebrachte Unverständnis besonders in den Ländern mit einer starken politisch- und sozialhistorischen Tradition wie gerade Tschechien auf fruchtbaren Boden fallen.) Genauso, wie die Kritiker ihre Vorwürfe aber meist nur generell erheben, so ist es auch wenigen ForscherInnen gelungen, die die Informationsverzerrung betreffenden Kritikpunkte gründlich auszuräumen. Da die Entwürfe und Konzepte, die die verschiedenen Stufen des Gerichtsprozesses bzw. dessen Verschriftlichung dokumentieren würden, in der Regel fehlen und meist nur die Reinschriften der Verhöre erhalten sind, muss sich ihre Analyse oft darauf beschränken, den nicht näher feststellbaren (Autoren)Anteil des Schreibers/Richters an den Formulierungen (und Inhalten?) dieser Schriftstücke einzuräumen.
Ein möglicher Ausweg besteht für die Forschenden darin, die Verhörsprotokolle als einen Ausschnitt aus der mit Meinungsbeeinflussung und Macht verbundenen kommunikativen Handlung aller am Konflikt Beteiligten zu betrachten. Damit werden (laut C. Ginzburg) die Missverständnisse, scheinbare Ungereimheiten im Textlauf, aber auch die Spuren der Renitenz, Suggestion und Anpassung als historische Fakten in die Darstellung einbezogen. Diese Perspektive setzt natürlich eine detaillierte Kenntnis des jeweiligen Untersuchungsverfahrens sowie die möglichst komplexe soziale Verortung der involvierten Personen voraus und impliziert somit einen mikrohistorischen Ansatz. Dies lässt sich jedoch nicht in jedem einzelnen Fall einer gerichtlichen Auseinandersetzung durchführen.
In meinem Beitrag soll daher versucht werden, die Ausgangspositionen und Handlungsspielräume der in einen Besessenheits- bzw. Magievorfall einbezogenen Personen zu umreissen. Die Niederschriften der Verhöre sowie die begleitende Überlieferung werden daraufhin befragt, ob und inwieweit die Verhörenden und Verhörten eine gemeinsame Sprache finden konnten bzw. in welchem Umfang es bei der Gerichtsverhandlung zu einer Meinungsbeeinflussung oder gar zur Akkulturation kam. Mit anderen Worten: es wird der Frage nachgegangen, ob allein die Akten eines konkreten Falles es ermöglichen, dem Ursprung verschiedener Vorstellungen von (aus unserer Sicht) Übernatürlichem nachzuspüren. Im Kontext des frühneuzeitlichen Gerichtsverfahrens wäre es auch interessant zu überlegen, ob gerade bei den Fällen, in denen es zum Aufeinandertreffen unterschiedlicher Vorstellungswelten kam, die (sprachliche) Verständigungskluft zwischen den Verhörenden und Verhörten etwa tiefer war als beispielsweise im Fall der Eigentums- oder Körperkriminalität. Die Ausgangspositionen der an einer amtlichen Auseinandersetzung Beteiligten sollen auch unter dem Gesichtspunkt der höchst komplexen herrschaftlichen (darunter eben auch gerichtlichen) Gewalten, die die böhmischen Obrigkeiten über ihre Untertanen auszuüben beanspruchten, beleuchtet werden. Eine besondere Aufmerksamkeit wird dabei gerade auch der Kommunikation der sozial und kulturell ungleich gestellten Partner und deren schriftlicher Fixierung gewidmet.


Thomas Just

Spital - Obrigkeit - Untertanen. Herrschaft und Konflikt im Jurisdiktionsbereich des Wiener Bürgerspitals im 17. Jahrhundert

Das Wiener Bürgerspital stellt als eine vom hohen Mittelalter bis zu seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1941 ohne Unterbrechung existierende Einrichtung die einzige durchgehend die Jahrhunderte überdauernde städtische Institution in Wien dar. Das überlieferte Archivmaterial des Spitals bietet durch seine Menge und Vielfalt verschiedene Möglichkeiten, alltagsgeschichtliche, wirtschaftsgeschichtliche und kriminalitätshistorische Fragestellungen zu bearbeiten. Die mittelalterliche Geschichte des Spitals ist durch die Dissertation von Brigitte Pohl-Resl bereits hervorragend erforscht und zugänglich. Anders sieht hingegen die Forschungslage für die Frühe Neuzeit aus. Bis auf die Arbeiten von Helmut Bräuer, der sich bei seinen Forschungen über Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds I. vor allem auf Quellenmaterial des Wiener Bürgerspitals stützte, ist der reichhaltige Archivbestand bisher wenig genutzt worden.
Ausgestattet mit umfangreichem Wirtschaftsgut, war die Grundherrschaft des Wiener Bürgerspitals eine der größten im Wiener Raum in der Frühen Neuzeit. Als Grundobrigkeit über Penzing, den Unteren Werd und den Spittelberg übte das Spital die Patrimonialgerichtsbarkeit über seine Untertanen aus. Die Archivalien des Wiener Bürgerspitals bieten daher als einzige für den Wiener Raum die Möglichkeit, Konfliktregelungen und Streitbeilegungen zwischen den Bürgern der verschiedenen heute im Wiener Stadtgebiet befindlichen Ortschaften zu untersuchen. Die vor dem "Grundstubengericht" des Bürgerspitals abgehandelten Streitfälle betrafen vor allem Beleidigungen, Ehestreitigkeiten, verschiedene Wirtschaftsdelikte (meist im Zusammenhang mit Weinbau), Raufereien und kleinere Diebstähle. Diese wegen "ihrer Häufigkeit geradezu als Leitfossilien bei der Analyse der Niedergerichtsbarkeit anzusehenden Delikte" sollen in Hinblick auf die von der Leitung des Bürgerspitals verfolgten Strategien der Konfliktbeilegung und Konfliktbewältigung untersucht werden. Darüber hinaus bietet sich anhand dieser Quellen auch die Möglichkeit, Strategien und Konzepte der Stadt Wien zur Durchsetzung und Wahrung ihrer Interessen in den betroffenen Ortschaften zu untersuchen. Diese unterstanden zwar nicht direkt der Herrschaft des Wiener Stadtmagistrats, durch die Organisation des Bürgerspitals, dessen Leitung jeweils ein Mitglied des Inneren und des Äußeren Rats der Stadt bildeten, bestand für die Stadt hier jedoch die Möglichkeit für direkte und indirekte Einflußnahme. Gerade in Gemeinden mit alten Rechtstraditionen kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den Interessen der Herrschaft und der Gemeinden.


Peter Klammer

"In Unehrn beschlaffen" Fornikationsdelikte im Rahmen der kirchlichen Gerichtsbarkeit im frühneuzeitlichen Salzburger Lungau

Der Vortrag beschäftigt sich mit Ehebrechern und Fornikanten im Rahmen der kirchlichen und weltlichen Gerichtsbarkeit (laufende Dissertation bei Prof. Dopsch, DDr. Ammerer). In meinem geplanten Beitrag möchte ich mich aus zeitlichen Gründen auf Fornikanten und die kirchliche Gerichtsbarkeit beschränken.
Die natürliche Abgeschlossenheit des Lungau bedingte im Spätmittelalter eine Sonderstellung dieses Gebietes in der Salzburger Kirchenorganisation. Dieser Umstand führte zur Einführung eines Archidiakonat-Kommissariats. Mit dem Amt des Commissars wurden lange Zeit der Pfarrer von Mariapfarr, später jener von Tamsweg betraut. Der jeweilige Commissar fungierte nicht nur als Visitator der restlichen Pfarreien und Vikariate - er leitete auch das Kirchengericht, das für Ehe-, Eheversprechungs- und Alimentationsklagen zuständig war. Die Protokolle eben dieses Gerichts - allein zwischen 1628 und 1684 wurden 550 Fälle verhandelt - stellen die Grundlage meines Referates dar.
Folgende Fragestellungen sollen behandelt werden:
.) Wie funktionierte dieses Gericht, das hauptsächlich von Dienstboten beansprucht wurde?
.) Was war das spezifisch Kirchliche an dieser Institution?
.) Kann dieses Gericht als typisches Frauengericht (den Großteil der Klagen brachten Frauen vor) gesehen werden?
.) Kann von einer geschlechtsspezifischen Rechtssprechung ausgegangen werden?
.) Wie verliefen die Beziehungen dieses Gerichts zum weltlichen Pflegegericht?
.) Wie vollzog sich der Wandel dieser Gerichtsinstitution vom 17. zum 18. Jahrhundert?
.) Welche Unterschiede zeigen sich im Vergleich mit Kirchengerichten anderer Territorien?


Edith Kohl

Kriminalität in der Herrschaft Stadl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Alle Kriminalfälle, die unter den Polizeiakten des Herrschaftsarchivs von Stadl aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts greifbar waren, gehören zur "petite delinquénce", also zu kriminellen Handlungen, die Bagatellcharakter aufwiesen und nach zeitgenössischem Terminus als "Polizey=Uibertretungen" klassifiziert wurden.
Dies manifestiert sich deutlich bei den sogenannten "frauenspezifischen Verbrechen und Vergehen". Das Gericht nimmt zwar bei allfälligem Verdacht oder aufgrund einer amtlichen Anzeige eine genaue Tatbestandsaufnahme vor und führt die Untersuchung gewissenhaft durch, ist aber nicht nur gewillt, den Aussagen der Angeklagten Glauben zu schenken und die Indizien für sie sprechen zu lassen, sondern zeigt sich sogar bemüht, entlastende Momente zu finden und Milderungsgründe hervorzuheben, wobei die Motive und das sozioökonomische Umfeld steigende Relevanz und Beachtung erfahren und das Urteil sowie die Strafbemessung entscheidend beeinflussen. Entweder wurden kurze Arreststrafen verhängt, um den Existenzerwerb der Verurteilten nicht zu beeinträchtigen, oder es wurde die Arreststrafe überhaupt in eine körperliche Strafe abgeändert und die Frauen mit einigen "Ruthenstreichen" gezüchtigt und anschließend entlassen.
Das Gros der gerichtlich aufgenommenen und abgehandelten Fälle machen Raufereien, "Excesse" und Ehrenbeleidigungen, die mitunter Hand in Hand gingen, aus. Streiten, Raufen und Lärmen, entweder im Gasthaus oder auf der Straße, diente häufig der Selbstbestätigung und stellte ein legitimiertes Männlichkeitsritual dar. Da sich bei diesen "Zusammenrottungen" keine Anzeichen von politischer oder sozialer Rebellion ausmachen ließen, schrieb das Gericht derartige Auftritte bloß dem Übermut der (betrunkenen) Jugend zu und beurteilte sie dementsprechend milde.
Allenthalben macht sich bei Männern und Frauen ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein bemerkbar, die sich gegen ungerecht empfundene Zumutungen und Anordnungen der Behörden in Form verbaler und tätlicher Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit Luft verschafften, und bei denen sich sowohl Männer mit Frauen als auch der Bauer mit seinem Gesinde solidarisierten. Die Beschwerden und Vorschläge aus der Bevölkerung wurden von der Stadlerischen Behörde angehört, geprüft und gegebenenfalls berücksichtigt.
Die Bezirksobrigkeit, die einen gütlichen Ausgleich zwischen den Kontrahenten anstrebte, verstand sich weniger als richtende denn als schlichtende Instanz. Jedoch bei Beschwerden wegen Gewalttätigkeiten und Mißhandlungen im familiären Bereich stand sie eher auf Seiten der mit patriarchalischer Autorität ausgestatteten Parteien. Eine Veränderung zeichnet sich insofern ab, als z. B. Dienstboten gegen ihre Dienstherrn vor Gericht zogen oder Mütter für ihre vom Lehrer mißhandelten Kinder bei der Obrigkeit Beschwerde einlegten.
Bei der Beurteilung und Strafbemessung der (wenigen) tatsächlich verhandelten Fälle von Eigentumsverletzungen, bei denen vorwiegend Geld und Gebrauchsgegenstände, Textilien sowie Kleidungsstücke von eher geringem Wert entwendet worden waren, bezog man nicht nur den Wert des gestohlenen Gutes, sondern auch die Motive und das sozioökonomische Umfeld der Täter mit ein.
Milde kennzeichnete auch die Strafbemessung bei den "Unterschichtenspezifischen Vergehen": Delinquenten, die sich einer Dienstentweichung schuldig machten oder wegen Dienst- und Paßlosigkeit aufgegriffen wurden, kamen mit ein paar Stunden Arrest oder einigen Rutenstreichen davon, mußten aber damit rechnen, als potentielle Versorgungsfälle in ihre Heimatgemeinde abgeschoben zu werden.


Margareth Lanzinger

"... so fordert es auch die Billigkeit". Gerechtigkeitsvorstellungen in der Gemeindepolitik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts

Ausgangspunkt ist eine Mikrostudie zum Südtiroler Marktort Innichen im 18. und 19. Jahrhundert mit einem der Schwerpunkte auf den in der Gemeindepolitik tätigen Akteuren und den handlungsleitenden Konzepten, die den getroffenen Regelungen und gesetzten Maßnahmen zugrundeliegen. Gerechtigkeitsvorstellungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Justiz hat hier fallweise die Funktion einer Instanz, die Ausgehandeltes schriftlich festhält, in Evidenz hält und damit einklagbar macht, ist also nicht in dem Sinn eingebunden, daß sie die Gerechtigkeitsvorstellungen aus eigener Sicht mitdefiniert oder gar vorgibt.
Gerechtigkeitsvorstellungen werden punktuell bei der Festsetzung kommunaler Regelungen, hauptsächlich von Seiten des Gemeindeausschusses, faßbar, die mir für Ende des 18. und für das 19. Jahrhundert vorliegen. Dabei ist manchmal explizit angeführt oder erklärt, daß es sich um eine Maßnahme um der Gerechtigkeit willen handelt - in der Form des Titelzitats beispielsweise: "... so fordert es auch die Billigkeit ..." -, manchmal liegt eine solche Vorstellung auch nur implizit zu Grunde. Für die sporadisch aufzufindenden Beispiele soll ein breiterer Kontext erarbeitet werden, in dessen Zentrum Vorstellungen des kommunalen Zusammenlebens stehen. Allgemein kann gesagt werden, daß die kommunale Organisation hier grundsätzlich von der Idee des sogenannten "Gemeinwohls" bis weit in das 19. Jahrhundert hinein geprägt war, welche wiederum in einem engen Konnex zu Gerechtigkeitsvorstellungen zu sehen ist.
So lassen sich eine Reihe von Prinzipien ausmachen, die in diesem Sinne wirksam sind und einen Erklärungsrahmen für Gerechtigkeitsempfinden bieten können. Als Auffassung, die in diese Richtung geht, wäre etwa das Postulat zu nennen, daß kommunale Einrichtungen, die eben für die GemeindebewohnerInnen gedacht sind, von diesen auch mitgetragen werden müssen - z.B. die Koppelung der Brunnenabgabe, die von allen zu leisten ist, an die Nachtwächterbesoldung. Ein weiteres Prinzip sieht vor, daß Einzelnen für einen größeren Aufwand, den sie in Vertretung oder zum Wohle der Gemeinde als ganzer geleistet haben, eine Abgeltung wiederum von Seiten der Gemeinde als Entschädigung gebührt. Ein Ausgleich zwischen Nutzen und Lasten also, das Schaffen von Balance - ihrerseits Sinnbild für Gerechtigkeit - spielt bei alledem eine wichtige Rolle.


Jürgen Martschukat

"Düsterheit und Barbarey"? Erörterungen zum Verhältnis von Gewalt und Justiz im ausgehenden 18. Jahrhundert anhand des Falles der Hamburger Gattenmörderin Maria Katharina Wächtler

Im Februar des Jahres 1786 wurden an der Landstraße zwischen Hamburg und Lübeck Leichenteile gefunden, die dem seit einigen Tagen vermissten Hamburger Kaufmann Adolph Wächtler zugeordnet werden konnten. Schon bald darauf stand dessen Ehefrau unter dringendem Tatverdacht. Der folgende Prozess gegen Maria Katharina Wächtler erstreckte sich über nahezu drei Jahre, bevor er mit dem Vollzug des Todesurteils durch das Rad endete. Anhand des Falles Wächtler lässt sich das Verhältnis von Justiz und Gewalt im ausgehenden 18. Jahrhundert aufzeigen, als eine sich selbst als aufgeklärt definierende Kultur gewalthafte Handlungsweisen zunehmend als Indiz von "Düsterheit und Barbarey" erachtete. Auf der Basis von Justizakten und zeitgenössischen Schriften werde ich den Fall aus drei verschiedenen Perspektiven betrachten, die eine Ambivalenz des aufgeklärten Selbstentwurfes deutlich werden lassen.
Erstens zeigt sich im Verlauf des Verfahrens das Ringen der Justiz mit ihrem Selbstverständnis als Indikator bzw. treibende Kraft von Humanität und Vernunft. Die mutmaßliche Täterin verweigerte das Geständnis, und dies war im Rahmen der geltenden Rechtsordnung und des immer noch virulenten Rechtsverständnisses äußerst unbefriedigend. Der überaus brutale Mord verlangte nach schonungsloser und eindeutiger Aufklärung, und dies nicht zuletzt deshalb, weil "die Wächtlern" gegen geschlechtsspezifische Verhaltenskonventionen verstoßen hatte. Um ein Geständnis der als "bockig" bezeichneten Angeklagten zu erpressen, griff die Hamburger Justiz auf die Folter zurück, obschon die sogenannte "peinliche Befragung" im ausgehenden 18. Jahrhundert nicht nur als Kennzeichen einer barbarischen Kultur galt, sondern auch als unwirksames und sogar kontraproduktives Instrument zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit.
Zweitens verdeutlichen das Urteil selbst und insbesondere dessen Vollzug die ambivalente Beziehung von Justiz und Gewalt. Obgleich die Inszenierung eines gewalttätigen Strafspektakels von den Obrigkeiten nicht mehr als zeitgemäß, als unbedingt abschreckend und ordnungsstabiliserend erachtet wurde, schien die Art des Verbrechens eine schonungslose und exemplarische Bestrafung zu erfordern. Trotz mancher Bedenken wurde Maria Katharina Wächtler gerädert, die Bestrafung allerdings durch vorheriges heimliches Strangulieren der Verurteilten ,entschärft'.
Drittens lässt auch die Rezeption des Falles Wächtler ein vielschichtiges Verhältnis von moderner Kultur und Gewalt erkennen. Einerseits wurden in der öffentlichen Auseinandersetzung die Gewalttätigkeit nicht nur der Täterin, sondern auch der Justiz als Elemente ,vorzivilisierter' menschlicher Existenz angeprangert. Andererseits wurde der Fall Wächtler in einer bislang ungekannten Intensität medial aufbereitet. Zentrale Aussagen von Zeuginnen und Zeugen, Anklage- und Verteidigungsschriften sowie andere wichtige Prozessakten wurden gedruckt und publiziert, vierzehntägig wurde in einer Art Fortsetzungsserie über den Fall berichtet und zahlreiche Autoren taten ihre Erwägungen über die Persönlichkeiten Adolph und Maria Wächtlers, ihre Tat und deren Verhandlung kund. Die Berichte, die vordergründig in aufklärerischer Haltung verfasst waren und, so eine zeitgenössische Publikation, "an der Bildung unseres moralischen Characters einigen Antheil haben" sollten, dokumentieren nicht zuletzt aufgrund ihrer Detailfülle eine ausgeprägte Sensationslust und eine große Faszination an der stigmatisierten Gewalt - vor allem an der Gewalt von Seiten einer Ehefrau, die von den Zeitgenossen als "feurig" und schon immer "zu Ausschweifungen geneigt" beschrieben wurde. Die Verfasser der Berichte konnten sich eines neugierigen Publikums gewiss sein, das zudem immer dann zusammenströmte, wenn ein Blick auf die "Mannsmörderin Wächtler" geworfen werden konnte.


Brita Pohl

"Wilde unbändige Leute". Zur Konstruktion von Rädelsführerschaft im 17. Jahrhundert

Der Passauer Untertanenprozess, der die Quellenbasis für meinen Vortrag liefert, dauerte von 1680 bis 1684. Die Quellen umfassen eine Fülle verschiedener Textsorten, die im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien und im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München archiviert sind. Sie reichen von Kommissionsprotokollen und Berichten der subdelegierten Kommission an den Reichshofrat über Interventionen des bischöflichen Hofrates und der Agenten der Untertanen bis zu Verhörprotokollen und Stellungnahmen der Beteiligten.
Ausgelöst wurde der Prozess durch eine im Sommer 1679 von Passauer Untertanen eingereichte Klagschrift mit zehn Gravamina-Punkten, die sich gegen den Fürstbischof von Passau, Sebastian von Pötting, ihren unmittelbaren Grundherrn, richteten. Die Zuständigkeit des Reichshofrates für die Schlichtung dieser Auseinandersetzung zwischen Herrschaft und Untertanen leitete sich aus der Formulierung der Klage als Petition an den Kaiser ab. Der Reichshofrat delegierte den Fall an den Bischof von Regensburg, der wiederum eine Kommission einsetzte. Während zunächst die Anweisung an die Kommission lautete, die Berechtigung der Klagen zu klären, und möglichst eine gütliche Einigung herbeizuführen, kam es im Laufe der Zeit zu einer zunehmenden Kriminalisierung der Untertanen, die im Einsatz kurbayerischer Truppen zur militärischen Exekution der ausstehenden Steuern kulminierte. Bereits in der bischöflichen Stellungnahme zu den Klagen der Untertanen vom Jänner 1680 wird die Forderung nach "exemplarischer Bestrafung" der "Rädelsführer" gestellt, die Untertanen wurden generell als rebellisch, halsstärrig und von Natur aus unregierbar gezeichnet.
Einige der Klagen wurden im Urteil des Reichshofrates von 1684 als ungerechtfertigt abgewiesen (vor allem die Klage über zu hohe Steuern), einige aber nicht. Georg Uhrmann, Mitglied eines der auf Befehl der Kommission gebildeten Gemeindeausschüsse, wurde als Rädelsführer zu einem Monat Schanzarbeit in Eisen und Banden verurteilt. Die verhältnismässig kurze Haft begründete der Reichshofrat im Urteil mit den bereits langen Gefängnisaufenthalten Uhrmanns während des Prozesses.
Auffällig ist, dass aus den vorliegenden Quellen, die auch die Basis des Reichshofratsurteils bildeten, keineswegs hervorgeht, worin die "Rädelsführerschaft" Uhrmanns bestanden habe. Uhrmann kann an der Verfassung der ursprünglichen Klagschrift nicht beteiligt gewesen sein - seine Gemeinde schloss sich erst 1680 den klagenden Untertanen an. Eine führende Rolle bei kollektiven Akten des Widerstands wird ebenfalls nicht deutlich. Die Kontexte, in denen Uhrmann in den Protokollen explizit genannt wird, stehen in Verbindung mit der Tätigkeit als "Ausschüsser", die vor allem in Reisen zum Reichshofrat bestanden.
Daraus ergab sich für mich die Frage nach der möglichen Bedeutung von "Rädelsführerschaft" in frühneuzeitlichen Urteilen in Untertanenprozessen generell. In der Protestforschung wird meist implizit davon ausgegangen, dass die verurteilten "Rädelsführer" eine besondere Rolle im Widerstand der Untertanen gespielt hätten. Die Möglichkeit einer mehr oder minder willkürlichen "exemplarischen" Verurteilung, auf die das Handeln des Verurteilten selbst wenig Einfluss hatte, wird kaum in Betracht gezogen.
Meine These, dass der verurteilte "Rädelsführer" keineswegs ein "Bauernkönig" war, der eine prominente Rolle im Widerstand einnahm, stützt sich unter anderem darauf, dass er in den Protokollen der Kommission als einer unter vielen erscheint, während Matthes Kinateder, ein anderer Bauer, explizit als "principal aufwickler" benannt wird.
Weitere Hinweise finden sich im Widerstand der Untertanen gegen die Bildung von Ausschüssen. Erst nach der Versicherung der Kommission, "man halte die ienige, so ein auschuss sind, wan nichts particulars wider sie vorkhome, für kheine rädlführer oder paurn könig", waren die Untertanen zur Bildung von Ausschüssen bereit.
Da die Frage nach der "Partikularität" des Handelns im vorliegenden Fall kein nennenswertes Ergebnis erbrachte, muss davon ausgegangen werden, dass die Strategie der Kriminalisierung der Untertanen durch die Herrschaft erfolgreich war. Aus der Gruppe derjenigen Untertanen, die aktiv die Interessen der Bauern vertraten, indem sie versuchten, grundherrliche Neuerungen abzuwehren, wurde ein Einzelner herausgegriffen. Ein Exempel wurde statuiert, und durch die Willkür der Verurteilung möglicherweise die gemeindliche Solidarität gebrochen.


Gerhard Sälter

Gerechtigkeit als Wertkategorie im frühneuzeitlichen Ordnungsdiskurs

Neben Frieden, Einigkeit und dem öffentlichen Wohl ist Gerechtigkeit ein Grundwert, der in der Frühen Neuzeit seitens der Obrigkeit als Grundlage ihrer Handlungen reklamiert wird. Die Berufung auf Gerechtigkeit als Motivation des eigenen Handelns findet sich in den Präambeln normativer Texte wie in der Korrespondenz innerhalb der Behörden. Sie unterstreicht die Integrität obrigkeitlichen Handelns und das Recht zur Normsetzung und sie begründet die Richtigkeit der erlassenen Normen wie die Pflicht der Adressaten zur Konformität. Die Berufung auf Gerechtigkeit dient offensichtlich der Legitmierung obrigkeitlichen Handelns und macht es darum lohnend, Gerechtigkeit in einem Kontext von Herrschaft zu untersuchen.
Aber auch bei den Adressaten normativer Texte, bei den Untertanen, war ein vergleichbarer Wertekatalog vorhanden, in dem Gerechtigkeit ebenfalls eine prominente Position einnahm. Auch bei ihnen wurde ein normativer Diskurs geführt, der sich zwar der gleichen Begriffe und Kategorien wie in den obrigkeitlichen Texten bediente, diese aber anders interpretierte. Es bestanden somit in der Frühen Neuzeit mehrere Traditionen des Diskurses, in denen Interpretationen und Bedeutungen solcher Kategorien formuliert und ausgetauscht werden konnten. Dem in Gesetzen, Verordnungen und Urteilen formulierten Diskurs standen eigenständige informelle Diskurse gegenüber, die vor allem innerhalb von lokalen Gemeinschaften in Dörfern und Stadtvierteln geführt wurden.
Gerechtigkeit wird dabei nicht als Zustand aufgefaßt. Sie und ähnliche Kategorien bildeten die normativen Eckpunkte in einem zwischen Obrigkeiten und verschiedenen Gruppen und Individuen geführten Ordnungsdiskurs, der um konkrete Normen, Rechte und Privilegien geführt wurde. Allerdings unterschieden sich Interessen, Bedeutungen und Inhalte, die von verschiedenen Akteuren mit diesen Kategorien verbunden wurden. Diese grundlegenden Wertkategorien waren aufeinander bezogen und stützten sich gegenseitig; gelegentlich wurden sie als synonym begriffen. Sie waren nicht im vorhinein definiert, sondern veränderten sich durch ihren Bezug auf die Konflikte, in denen sie Bedeutung erlangten. Deshalb war es möglich, sie mit jeweils veränderten Konnotationen auf jede konkrete Situation zu beziehen und anzuwenden. Ihre jeweils verbindlichen Interpretationen wurden im Verlauf der Konflikte zugeschrieben.
Untersucht werden Quellen des Gerichts und der Polizei von Paris an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, also einer für Verhältnisse der Frühen Neuzeit sehr großen Stadt.


Martin P. Schennach

Militärgerichtsbarkeit in Tirol in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Während normative Quellen über das Justizwesen in den frühneuzeitlichen Söldnerheeren verhältnismäßig reichlich fließen und von der Forschung auch entsprechend beachtet werden, stehen wissenschaftliche Aussagen über die konkrete Handhabung der militärischen Gerichtsbarkeit, über die Art der strafrechtlich verfolgten Vergehen, über das Ausmaß der verhängten Strafen sowie über ihre Bedeutung als innermilitärisches Disziplinierungsmittel während des Untersuchungszeitraumes noch weitgehend aus. Die Betrachtung der Zustände in einem relativ kleinräumigen, jedoch wiederholt von Truppendurchzügen und -einquartierungen betroffenen Gebiet wie Tirol erlaubt hier interessante Aufschlüsse.
Zunächst tritt hier die Funktion der militärischen Gerichtsbarkeit als die eines (freilich unzureichenden) Regulativs im konfliktreichen Verhältnis zwischen der Tiroler Zivilbevölkerung und den Soldaten zutage. Dabei zeigt sich, daß den Offizieren im allgemeinen nur wenig an der strafrechtlichen Belangung ihrer Untergebenen lag, wenn es sich um Eigentumsdelikte, aber auch um Körperverletzungen oder Todschlag handelte. Schließlich war es durchaus im Interesse eines Regiments- und Kompanieinhabers, daß seine anderweitig nicht verproviantierten Einheiten ihre Versorgungsdefizite selbst beheben konnten, notfalls auch durch Gewaltanwendung gegenüber den Quartierwirten (wobei es sich wohlgemerkt nicht um feindliche Truppen, sondern um Tiroler landesfürstliche und verbündete spanische bzw. kaiserliche Soldaten handelte). Eng mit der oftmals laschen Strafpraxis der militärischen Obrigkeiten hängt ein weiteres Phänomen zusammen, daß während des Untersuchungszeitraumes immer deutlicher greifbar wird: Das Eingreifen ziviler Stellen (namentlich des OÖ. Geheimen Rates) in die - formaljuristisch weiterhin autonomen und weisungsfreie! - Militärgerichtsbarkeit. Sei es, daß man die Prozeßführung und Urteilsfällung über straffällige Soldaten gänzlich an zivile Gerichte übertrug, sei es, daß man dem Obrist das Vorgehen und das zu fällende Urteil über malefizische Soldaten vorschrieb und dieser die entsprechende Bestrafung der Missetäter durch das Einreichen der Prozeßunterlagen belegen mußte.
Auch über die Strafpraxis lassen sich aufgrund der Quellen im Tiroler Landesarchiv aufschlußreiche Aussagen treffen. Der Trend ging dabei deutlich weg von Todes- und Leibesstrafen hin zu Vergleichen zwischen schädigendem Soldat und geschädigtem Unteran. Hier stand das Bestreben dahinter, angesichts des latenten Söldnermangels und der zunehmenden Rekrutierungsschwierigkeiten die Kampfkraft straffälliger Söldner zu erhalten. Ab den dreißiger Jahren wurden Todesurteile jedenfalls nur noch in Ausnahmefällen verhängt (z.B. über vermeintliche Rädelsführer bei Söldnermeutereien). Entsprechend "milde" fiel im übrigen auch die Bestrafung gefaßter Deserteure aus (in einem halben Jahrhundert läßt sich in Tirol nur ein verhängtes Todesurteil belegen!), was angesichts der Dimensionen dieses Problems überrascht und obwohl mehrfach eine stärkere, exemplarische Bestrafung von Fahnenflüchtigen diskutiert worden war.
Insgesamt demonstriert der Beispielfall Tirol sehr gut, in welchem hohen Maße die Militärgerichtsbarkeit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und besonders während des Dreißigjährigen Kreiges im Spannungsfeld zwischen militärischern Notwendigkeiten und den Erwartungen der Zivilbevölkerung stand - erstere legten eine eher nachlässige Handhabung der Strafverfolgung von Soldaten nahe, während in den Suppliken der Tiroler Untertanen ständig ein rigideres Vorgehen gegen straffällige Söldner gefordert wurde. Außerdem wird man die allmähliche Einschränkung der autonom ausgeübten Militärgerichtsbarkeit als wichtige Entwicklung hin zur Eingliederung des Militärs in das frühneuzeitliche Staatswesen klassifizieren müssen, die zwar immer noch zu Kompetenzstreitigkeiten führen konnte, am Ende des Dreißigjährigen Krieges aber schon deutlich faßbar wird.


Martin Scheutz / Harald Tersch

Das Gefängnistagebuch eines Salzburger Pflegers aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts

Der Pfleger Caspar Vogl aus Zell am See, der am 8. November 1606 in der Stadt Salzburg wegen angeblicher Teilnahme an einem Bauernaufstand im Pinzgau hingerichtet worden ist, hinterließ ein höchst interessantes Gefängnistagebuch über die Zeit seiner Inhaftierung auf der mächtigen Festung "Hohensalzburg". Der gegen den Pfleger Vogl vom Salzburger Erzbischof Wolf Dietrich angestrengte Prozeß findet in diesem zwischen 22. Juni und 7. November 1606 geführten Tagebuch immer wieder kurz seinen Niederschlag.
Der Bauernkrieg von 1525 hatte im Erzstift Salzburg eine latent immer vorhandene Angst der Obrigkeit vor Revolten und Aufruhr der Untertanen hinterlassen, sodaß der Erzbischof und der Salzburger Hofrat selbst bei geringsten Zeichen von Unruhe nahezu panisch reagierten. Als im Sommer 1606 eine landesweite Kommission zur Urbarsfeststellung auch in das Pinzgau kam, regte sich bei den Bauern, die nicht zu Unrecht eine Erhöhung der Abgaben aufgrund der revidierten Urbarfeststellung befürchteten, Widerstand gegen die erwarteten Abgabensteigerung. Das Gespenst der Verarmung taucht in ihren später vor Gericht protokollierten Aussagen auf: Sie würden "gleich gar sambt weib und kind von haus ins weite Feld getrungen". Der Pfleger Caspar Vogl hörte - nach eigenen Angaben - beim rituell gefeierten "Dreißigsten", dem dreißigsten Tag nach dem Tod des Zeller Pfarrers, erstmals von einer Supplik der Bauern an den Erzbischof und meldete diese ihm harmlos erscheinenden Supplikationsbemühungen, die von der Obrigkeit aber als beginnende Rebellion überzogen interpretiert wurden, nicht sofort an den Hofrat in Salzburg weiter. Die Informationen über die beginnenden Unruhen gelangten durch die Pfleger benachbarter Gerichte nach Salzburg und veranlaßten dort eine sofortige Entsendung von Truppen, welche den obrigkeitlich definierten Zustand von Recht und Ordnung rasch wieder herstellten. Der Zeller Pfleger Vogl mußte nach Salzburg reiten und sich gemeinsam mit den bäuerlichen Haupträdelsführern einem Gerichtsverfahren, das für ihn und zwei mitangeklagte Rädelsführer mit Todesurteilen enden sollte, stellen. Dieses drakonische Urteil über einen verdienten alten Pfleger läßt sich als Zuchtrute für die übrige Beamtenschaft des Erzstiftes und als Aufforderung zu höchster Loyalität gegenüber dem Erzbischof interpretieren.
Vogls in zweifacher Ausfertigung erhaltene Gefängnistagebuch belegt nicht nur die äußeren Haftbedingungen des Pflegers (Weinkonsum, wechselnde Aufenthaltsorte usw.), sondern läßt auch seine Strategie vor Gericht gut erkennen. Sein Gefängnistagebuch dient ihm auch als Rechtfertigung vor sich selbst und seinem, die eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen nicht verletzenden Handeln als Pfleger. In einem dem Tagebuch angeschlossenen Testament heißt es dann auch: "Hab ich was euch oder andern zu wider gethan, bit ich durch Gottes willen umb cristliche verzeichung." Die individuelle Vorstellung vom rechten Verhalten eines Salzburger Pflegers kollidierte mit den zentralistischen Vorstellung des Salzburger Hofrates und des Erzbischofs und kostete dem Pfleger in diesem aufsehenerregenden Prozeß schließlich auch das Leben.


Cornelia Schörkhuber-Drysdale

"...ich bitt dich Umb Gottes Willen, mein herr und frau bringen schirr umb einander ..."

In meiner Diplomarbeit beschäftigte ich mich mit der Möglichkeit der Trennung von Tisch und Bett im katholischen Oberösterreich des frühen 18. Jahrhunderts. Mittels einer qualitativen Analyse von Fallbeispielen wollte ich das frühneuzeitliche Eheleben in der bäuerlichen Bevölkerung beleuchten. Im Zentrum meines Interesses stand die Analyse der Brüche im ehelichen Leben, die sich hier als Ehetrennungsklagen und Ehestreitigkeiten präsentieren. Durch den fragmentarischen Charakter meiner Quellen wird jedoch nur ein begrenzter Ausschnitt des Ehelebens und der Ehestreitigkeiten - der Ausbruch der "Krise" und der damit verbundenen Anhängigmachung von Ehetrennungsklagen vor dem geistlichen (Konsistorium) und weltlichen Gericht - überliefert. Über die Lebensverhältnisse der Eheleute vor der "Krise" oder nach der Trennung geben meine Quellen nur sehr begrenzt Auskunft.
Ausgehend von den zwei Fallbeispielen versuchte ich der Frage nachzuspüren, was Rosina Peislin und Catharina Peterederin dazu veranlaßte, ihre eheliche Loyalität aufzugeben, vor das geistliche / weltliche Gericht zu treten und Anklage zu erheben. Um die krisenhaften Momente des ehelichen Lebens fassen zu können, bin ich daran gegangen, die wiederkehrenden Reibungspunkte, die in den Quellen sichtbar werden, in Konfliktfelder zu ordnen. Die zentralen Themen der ehelichen Animositäten und somit die krisenanfälligen Bereiche des ehelichen Zusammenlebens betrafen vor allem die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung der gegenseitig erwarteten Aufgaben im Bereich des "Hausens". Rosina Peislin und Catharina Peterederin erzählen von wirtschaftlicher Not und Bedrängnis, die durch die Härte und Pflichtverletzungen ihrer "Ehewürthen" herbeigeführt werden und ihnen das weitere gemeinsame "rechte hausen" verunmöglichen. Diese Streitigkeiten über Geld, Nahrung, Verstoß aus dem Ehebett, Untreue, Liederlichkeit und Nichterfüllung der an sie gerichteten Erwartungen als "gute Ehewürthin" führen immer wieder zu Beschimpfungen, Schlägen und körperlichen Attacken. Gewalt scheint für Rosina Peislin und Catharina Peterederin eine dominante Erfahrung und womöglich auch das entscheidende Motiv gewesen zu sein, daß sie gerichtlich gegen ihre Ehemänner vorgingen.
Durch die Vielfalt, Verworrenheit und Mehrperspektivität so mancher Anschuldigungen und Gegendarstellungen erwies sich eine chronologische Rekonstruktion der Fallgeschichten als schwierig. Das Besondere an "meinen" Quellen liegt vielmehr in der Vernetzung und der Dichte der Überlieferungen. Es werden verschiedenste Vorwürfe, Rechtfertigungen und Streitgründe aufgezählt und von den Erzählerinnen und Erzählern miteinander vernetzt. Es bleibt auch schlußendlich die Frage unbeantwortet, ob sich die Trennung von Tisch und Bett unter den gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen als eine "wirkliche" Option im Leben der Eheleute zu Beginn des 18. darstellte, denn obwohl das kanonische Eherecht die Trennung von Tisch und Bett vorsah, zeigte der Blick in die historische Praxis, daß diese Möglichkeit nur selten genutzt wurde.


Alexander Schunka

"will Zeuge den Sieg den Grafen lieber gönnen" - Vorstellungen von Gerechtigkeit und Herrschaft in Zeugenaussagen des 16./17. Jahrhunderts

Frühneuzeitliche Zeugenaussagen erfreuen sich als Quellengattung zunehmender Beliebtheit. Die Zeugenverhörsprotokolle, die durch das Reichskammergericht zur Absicherung bestimmter obrigkeitlicher Positionen im Streit zweier reichsunmittelbarer Herrschaften entstanden, lassen sich aufgrund ihrer klaren schematischen Gliederung sowohl seriell als auch qualitativ auswerten. Betrachtet man diese Quellen nicht ausschließlich in ihrem prozeßrelevanten Kontext, sondern als "Ego-Dokumente" (W. Schulze), dann geben sie Auskunft über die Sichtweisen und den Deutungshorizont unterer Schichten. Auf diese Weise kann man sich dem "Sozialen Wissensvorrat" (A. Schütz) frühneuzeitlicher Landbewohner annähern, die in der Regel selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen haben.
Der Vortrag soll sich mit der Quellengattung des Zeugenverhörs und ferner insbesondere mit spezifischen Vorstellungen von Herrschaft und Gerechtigkeit beschäftigen, wie sie die als Zeugen befragten frühneuzeitlichen Landbewohner im Verhör vertraten. Quellengrundlage sind die umfangreichen Verhörsprotokolle aus den Streitigkeiten der Grafen von Oettingen mit ihren Nachbarn in Bayerisch-Schwaben im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Verhört wurden vor allem Angehörige bäuerlicher oder unterbäuerlicher Schichten, die sich - explizit oder implizit - zu ihren Vorstellungen von guter Herrschaft und Gerechtigkeit äußerten. Lassen sich die Konflikte der beteiligten Herren (Grafen, Reichsritter) einerseits in den Kontext von Staatsbildung und rechtlicher Fixierung bestimmter Ansprüche einordnen, so zeigt sich andererseits in den Aussagen der Untertanen, daß für sie mitunter ganz andere Fragen eine hohe Bedeutung besaßen. Die Vorstellung, daß ein Herrscher vor allem dann ein guter Herrscher ist, wenn sich seine Herrschaft visualisieren und damit konkret erleben ließ, spielte eine entscheidende Rolle im Herrschafts- und Gerechtigkeitsempfinden der befragten Zeugen. Zugleich wirft diese Art der Herrschaftserfahrung ein Licht auf die Wissensverarbeitung und Erinnerung obrigkeitlicher Maßnahmen durch einfache ländliche Schichten. Loyalitäten zwischen Untertanen und Herren ließen sich mithin - so soll der Vortrag zeigen - gerade dann erzeugen, wenn die Untertanen glaubten, daß ihre Obrigkeit sich auf dieselben Wahrnehmungskategorien (Bourdieu) wie die Untergebenen einließ. Diese Fragen sollen konkret am Erlebnis von Hochgerichtsbarkeit, Kirchweihschutz sowie Jagd und Waldnutzung in den Zeugenaussagen thematisiert werden. Dadurch ergibt sich ein Bild, das auf der Basis historisch-anthropologischer Forschung das Ausmaß verdeutlicht, in dem Gerechtigkeitsvorstellungen und Herrschaftsdurchsetzung von der intellektuellen Verarbeitung durch die Beherrschten abhängen.


Arthur Stögmann

Der ist des Teufels, der einen Pfaffen begehrt. Pfarrer gegen Marktrichter im Weinviertler Markt Großkrut (1647/48).

Im Zentrum des Referats steht ein Konflikt zwischen Pfarrer und Marktrichter im Weinviertler Markt Großkrut (bis 1922 Böhmischkrut, Gb. Poysdorf) am Ende des Dreißigjährigen Krieges. Pfarrer Johannes Warendorfer verklagte den Marktrichter Matthias Schwarz wegen zahlreicher gotteslästerlicher, ketzerischer, antiklerikaler und hochverräterischer Äußerungen im Jahr 1647 vor der Niederösterreichischen Regierung, vermochte sich jedoch mit seinem Wunsch nach einer möglichst strengen, "exemplarischen" Bestrafung seines Kontrahenten nicht durchzusetzen.
Dieser "mikrohistorisch" beleuchtete Fall soll dazu dienen, die Probleme darzustellen, die bei den Versuchen zur Durchsetzung der Gegenreformation und der religiösen Disziplinierung um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Niederösterreich auftraten. Dabei sollen die politisch-administrativen, kirchenorganisatorischen und sozialen Hindernisse verdeutlicht werden, welche der lokalen Etablierung und Anerkennung der katholischen Pfarrseelsorge im Wege standen. In diesem Zusammenhang soll auch deutlich werden, daß die in der Forschung allgemein vertretene Ansicht, die Gegenreformation sei (v. a. infolge der einschlägigen Politik Kaiser Ferdinands II.) in Niederösterreich um 1650 längst erfolgreich abgeschlossen gewesen, einer entscheidenden Relativierung bedarf. Als Kriterium für die Auseinandersetzung mit der behaupteten Durchsetzung eines geschlossenen katholischen "Konfessionsstaates" in Niederösterreich anhand eines ausgewählten Fallbeispiels dient dabei weniger die herkömmliche Frage nach der möglichen Weiterexistenz von "Protestanten" in einem (re)katholisierten Umfeld, als jene, welche sozialen und ökonomischen Faktoren die "gelebte" Religiosität der nominell katholischen Laien prägten, und in welchem Ausmaß diese vor allem von Person und Verhalten des Pfarrers, seinem Rückhalt in der Gemeinde und seiner Unterstützung durch die lokale Obrigkeit abhängig war.


Peter Wettmann-Jungblut

Erziehung, Strafe und Kontrolle: 'Jugenddelinquenz' und strafrechtliche Intervention im preußischen Saargebiet, 1825-1850

Die 'Entdeckung' des gesellschaftlichen Problemfeldes Jugenddelinquenz und die Entwicklung eines speziell auf Jugendliche ausgerichteten Systems der sozialen Kontrolle und Fürsorge werden gemeinhin dem Einfluß von Reformern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zugeschrieben. Doch schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchte etwa Karl Freiherr von Stein zu Altenstein, der von 1817 bis 1840 das preußische Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten leitete, der angeblichen Zunahme jugendlicher Straftäter durch eine intensivierte Kontrolle der sozialen Umfelds von Kindern und Heranwachsenden sowie altersgemäße, auf moralische Erziehung zielende Sanktionen entgegenzuwirken. Auf seine Initiative hin waren zwischen 1826 und 1849 alle städtischen und ländlichen Polizeibehörden verpflichtet, den Provinzialregierungen über Vergehen und Verbrechen, "welche von Personen in frühem jugendlichen Alter" begangen wurden, Bericht zu erstatten.
Diese Berichte liefern nicht nur empirisches Material zur Quantifizierung der Kinder- und Jugenddelinquenz in einer frühindustriellen Region, sondern gewähren auch Einblicke in die Lebensverhältnisse von Unterschichtenkindern und dokumentieren die Entwicklung eines staatlichen Kontrollsystems, das die Wahrnehmung des Phänomens 'Jugenddelinquenz' teilweise erst ermöglichte und somit prägend auf die Diskussionen und Maßnahmen des späten 19. Jahrhunderts wirkte. Sie zeigen zum einen, daß sich die Formen des abweichenden Verhaltens der Jugendlichen - hauptsächlich illegales Kohleschürfen, Kohle-, Holz- oder Felddiebstähle - kaum von denen ihrer Eltern unterschieden; die zunehmende Kriminalisierung alltäglicher und 'normaler' Erwerbstätigkeiten ließ zwangsläufig fast alle Mitglieder vieler besitzlosen Tagelöhner- und Arbeiterfamilien mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Zum andern erwiesen sich die von ministerieller Seite bereits 1826 nahegelegten 'Ursachen' - uneheliche Geburt und alleinige Erziehung durch "leichtsinnige Mütter", ungenügender Schul- und Religionsunterricht, vagabundierende Lebensweise oder Arbeitsunwilligkeit aufgrund der frühen "Verführung zur Unkeuschheit" -, die staatliche Straf- und Erziehungsmaßnahmen wünschenswert und erforderlich gemacht hätten, als absolut wirklichkeitsfremd; die Nachforschungen der lokalen Beamten erbrachten kaum Beweise für solche negative Eigenschaften und Defizite der jugendlichen Gesetzesbrecher, sondern stellten fast ausnahmslos "Armut" und "Mangel an Brennmaterial" als alleinigen Grund ihres Verhaltens heraus.
Die 'Erfindung' des Schonraums Jugend an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bleibt ohne die Berücksichtigung der 'Entdeckung' des sie begleitenden, wenn nicht erst generierenden Phänomens Jugenddelinquenz schwerlich nachvollziehbar; spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich im Rahmen einer mehr und mehr empirisch-'wissenschaftlichen' Betrachtungsweise die Auffassung der Komplementarität von Jugend und Jugendkriminalität etabliert, was Jugend fortan als gefährdeten und zugleich gefährlichen Status erscheinen ließ. Frühe Reformer wie Altenstein gingen jedoch noch von der Uneinheitlichkeit von Jugend aus. Obwohl ihr idealtypisches, von religiös-bürgerlichen Werten geprägtes Modell des "frühreifen" Kriminellen aus der Unterschicht, den ein 'schlechtes' und 'verdorbenes' Milieu hervorgebracht hatte, später durch die Vorstellung einer jenseits aller schichtspezifischen Unterschiede gegebenen psychischen und physischen "Unreife" des heranwachsenden Menschen verdrängt wurde, half es dennoch mit, das bis heute bestehende Problemfeld Jugendkriminalität zu definieren und zu formen.


Monika Wienfort

Ländliche und bürgerliche Wahrnehmung von Recht und Unrecht in Preußen 1770-1848: ein Gegensatz?

Während dem Komplex Recht und Justiz in der Forschung zur Frühen Neuzeit in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit zuteil wird, setzt eine sozialgeschichtlich orientierte Rechtsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bislang vornehmlich politikgeschichtlich bestimmte Schwerpunkte, z.B. bei der Aufarbeitung des NS-Unrechts. Der geplante Beitrag soll versuchen, den viel beschworenen "Übergang" von der traditionalen zur bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts anhand von Beispielen aus der Rechtspraxis preußischer Patrimonialgerichte in den Blick zu nehmen. Dabei geht es nicht um spektakuläre Skandalprozesse, nicht um Kapitalverbrechen, sondern um Massendelikte wie (Holz)-diebstähle und um häufig vorkommende Zivilstreitigkeiten wie Nachbarschaftsauseinandersetzungen, Schuld- und Alimentationsprozesse. Vor den preußischen Patrimonialgerichten traten hier studierte Juristen, die um ihre Stellung als staatsunmittelbare Beamte im Kontext einer "bürgerlichen" Gesellschaft kämpften, einer zunehmend sozial differenzierten Landbevölkerung gegenüber, die Besitzrechte verteidigen oder sich einer Bestrafung entziehen wollte.
Die Untersuchung der Prozeßwirklichkeit der preußischen Patrimonialgerichte eröffnet die Möglichkeit, nach den unterschiedlichen Wahrnehmungen von Recht und Unrecht bei den Prozeßbeteiligten zu fragen. Die Richter besaßen mit dem in vieler Hinsicht traditional-ständisch orientierten "Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten" eine Handlungsanweisung, die sich allerdings in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als kaum noch den sozialen Verhältnissen angemessen erwies, überdies auch in der Strafpraxis einen weiten Handlungsspielraum eröffnete. Außerdem unterstanden sie einer strengen Beaufsichtigung durch die vorgesetzten Oberlandesgerichte, die eine kontinuierliche Berichterstattung über das Prozeßgeschehen vor Ort einforderten. Für die Landbevölkerung, die in ihren Extremen sowohl aus relativ wohlhabenden Bauern, Müllern und Krügern, als auch aus besitzlosen Knechten und Mägden bestand, ergibt sich die Möglichkeit, ihr Zusammentreffen mit der Justiz in der "Umbruchzeit" um 1800 genauer zu betrachten. Dabei wird besonderes Gewicht auf das Rechtsbewußtsein von Frauen in Alimentationsprozessen gelegt, in denen sie um Unterhalt für ihre nichtehelichen Kinder stritten. Schließlich soll nochmals nach der Überzeugungskraft von E.P. Thompsons einflußreicher Interpretation eines "moral economy-Denkens" der Unterschichten gefragt werden, das einer "bürgerlichen" Wahrnehmung liberalen Besitz- und "laissez faire" -Denkens entgegenstand.


Manfred Zollinger

Konkurrierende Gerechtigkeitsvorstellungen. Der portugiesische Amtsträger und das Spiel um die Öffentlichkeit. Ein Mordfall in Wien (1696).

Die Ermordung des kaiserlichen Kammerherrn Graf Halleweil 1696 unweit von Wien zog eine tiefgreifende Verstörung nach sich. Die Tat beherrschte sogleich den Diskurs der Hauptstadt und erregte vor allem deswegen europaweites Aufsehen, weil aufgrund der näheren Umstände alsbald der portugiesische Botschafter, ein Marquis d'Arronches, als Anstifter bzw. Urheber verdächtigt wurde. Als anerkanntes Indiz für den Zusammenhang galt eine hohe Spielschuld des Geschäftsträgers beim Grafen. Doch wie damals, so bleibt der Fall auch heute noch ungeklärt, und die zur Verfügung stehenden Quellen erlauben an dieser Stelle keine Lösung. Von besonderem Interesse für den Historiker sind deshalb die Rechtfertigungs-, Anklage- und Beschuldigungsstrategien, die alle zum Ziel hatten, die personale Integrität und sozialmoralische Ordnung wiederherzustellen. Es interessieren also weniger die Fakten des Mordes als die Reaktionen in bezug auf Gerechtigkeitskonzepte, Wahrheitsfindung, symbolische Sühne und Rache.
Sofort nach Bekanntwerden der Tat griffen mehrere Ebenen von Parteinahmen und Interventionen, Anklagen und Verteidigungen ineinander. Neben der Familie des Opfers war dies vor allem die Bevölkerung, die sich infolge des Gerüchts als bedrohlicher vorverurteilender "Pöbel" einschaltete (eingeschaltet wurde?) und quasi den kollektiven Ausdruck der manifesten Rache, der Sühne oder des Gerechtigkeitswillens verkörperte. Die aufgebrachte Menge schritt zu Aktionen, die den Botschafters und sein Gefolge in Gefahr brachten und die oberste Instanz in der Person des Kaisers - als Garant der Gerechtigkeit und des Völkerrechts - zum Eingreifen zwangen. Da eine Arretierung des Verdächtigen und eine gerichtliche Untersuchung wegen der Immunität des Botschafters an Ort und Stelle nicht möglich schien, Beweise für die Schuld oder Unschuld nicht zu erbringen waren und der Botschafter überdies aus Wien floh, da also die Rolle der Justiz von der Gesellschaft, der das Opfer entstammte, nicht wahrgenommen werden konnte, wurden indirekte Wege als alternative Sühneformen in einem breitgefächerten Gerechtigkeitsdiskurs beschritten. Publizistik, Geschichtsschreibung, Denkmäler und Gesetzgebung waren teils aktuelle, teils der Memorialkultur zugehörige Bereiche, die als Kompensation der Strafgerichtsbarkeit interpretiert werden können.
In die Lücke der Strafverfolgung drangen die Druckmedien. Formell sachlich, aber mit narrativen und spekulativen Elementen geschmückt, dramatisierten diverse deutschsprachige Publikationen das Ereignis als Lehrstück. Der Fall wird in der Polarisierung von Glück und Unglück, von Glanz und Elend mit der "Fallhöhe" des mutmaßlichen Täters zur moralischen Aburteilung instrumentalisiert. Daran änderten auch formelle gerichtliche Untersuchung, Freispruch und offizielle Rehabilitierung in Lissabon im Grunde nichts. Als Gegenschrift zu den bisherigen Publikationen bemühte sich eine gedruckte "Apologie", zugunsten des Marquis als Medium der Wahrheitsfindung zu wirken und den Weg zum "wahren" Täter zu weisen. Dieser wird der (gelehrten) Öffentlichkeit zwar tatsächlich mittels seines 1747 publizierten (authentischen?) Geständnisses bekannt gemacht, von der später erscheinenden deutschsprachigen Memorial- und Sensationsliteratur und in populären Geschichtswerken jedoch ignoriert. In ihnen wird die Geschichte weiterhin in der Fassung kolportiert, die den Botschafter als Anstifter bzw. Urheber der Tat darstellt. Damit schreiben diese Texte den nach der Tat entwickelten, mittelbaren Gerechtigkeitsdiskurs in der Öffentlichkeit fort und verlängern die Sühnebotschaft, nachdem alle anderen Zeichen der Erinnerung (die am Tatort errichtete Holzpyramide; der Grabstein) verschwunden waren.
Bemerkenswert ist der Rekurs auf die Tat durch die Gesetzgebung, die die Handlungsunfähigkeit der landesherrlichen Justiz in dieser Affäre bestätigt, indem sie ihn gleichzeitig auf eine andere Ebene verlegt. Kaum drei Monate nach dem Mord ergeht das erste kaiserliche Patent gegen das hohe Spiel und Glücksspiel. Das landesfürstliche Verbot als unmittelbare Reaktion auf das Verbrechen hat nicht nur die österreichische Glücksspielgesetzgebung auf lange Zeit geprägt, es ist auch ein Indiz dafür, wie der Weg des Gesetzes beschritten wurde als Versuch, die gestörte Ordnung symbolisch wiederherzustellen und - im Einklang mit den Aufgaben des Herrschers - Gerechtigkeit zu garantieren.


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