Geschichte am Mittwoch - vergangene Semester

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Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 2007/08

 

10. Oktober: Anton TANTNER (Wien)
Buchpräsentation: „Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie - oder: Wer ist die Nummer 1?“
Kommentar: Wolfgang Pircher
Moderation: Edith Saurer

Abstract: Anlass dieser Folge von „Geschichte am Mittwoch“ ist das Erscheinen des Buchs „Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie“ im Rahmen der am Institut für Geschichte herausgegebenen Reihe „Wiener Schriften zur Geschichte der Neuzeit“. Im Zentrum des Bands steht die Einführung der Hausnummerierung und „Seelenkonskription“ – das heißt einer Volkszählung – in den westlichen Provinzen der Habsburgermonarchie in den Jahren 1770-1772; monatelang durchstreiften damals Beamte und Militärs die Dörfer, Märkte und Städte, zogen von Haus zu Haus, befragten die darin wohnenden Subjekte und trugen ihre Angaben in Tabellen ein, was nicht ohne Probleme vor sich ging.
Am Beginn der Präsentation geht der Autor auf die Vorgeschichte dieser Aktion ein, behandelt die bereits im 17. Jahrhundert einsetzenden so genannten „Judenkonskriptionen“, die Erfassung der Protestanten und Protestantinnen im Zuge der Gegenreformation sowie die „policeylichen“ Hausbeschreibungen zum Zwecke der Bekämpfung der Bettlerinnen und Bettler. Anschließend kommentiert Wolfgang Pircher das Buch. Abgeschlossen wird die Veranstaltung mit einer Präsentation von Aufnahmen jener historischer Hausnummern, die die Nummer 1 verpasst bekamen. Denn merke: „Alle gleichen Cäsar, keiner möchte in Rom der zweite sein.“ (Louis-Sébastien Mercier)
Zur Person: Anton Tantner, geb. 1970, Mitarbeiter des FWF-Projekts „Europäische Adressbüros in der Frühen Neuzeit“, Homepage mit „Galerie der Hausnummern“ und Publikation: Tantner, Anton: Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie. (=Wiener Schriften zur Geschichte der Neuzeit; 4). Innsbruck/Wien/Bozen: Studienverlag, 2007.
Publikationsverzeichnis: http://tantner.net; Weblog: http://adresscomptoir.twoday.net

 

17. Oktober: Paulus RAINER (Wien) - in Kooperation mit dem IEFN
„Der kaiserliche Schatz bei den Kapuzinern. Die Stiftung der Kaiserin Anna (1585–1618)“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Neben der kaiserlichen Geistlichen Schatzkammer in der Hofburg bestand in Wien seit 1626 ein zweiter kaiserlicher Sakralschatz, der im Unterschied zu ersterem vor allem von den weiblichen Mitgliedern der Kaiserhauses bestiftet wurde. Seinen Ursprung hatte dieser in einer Stiftung der Kaiserin Anna (1585-1618), die in ihrem Testament neben der Erbauung des Kapuzinerklosters am Neuen Markt auch die Überbringung ihrer umfangreichen und bedeutenden Sammlung kostbar gefasster Reliquien und liturgischer Geräte in dieses Kloster verfügte. Heute bildet dieser Bestand mit knapp 400 Objekten einen wichtigen Teil der Geistlichen Schatzkammer und ist so Teil der Sammlungen des Kunsthistorischen Museums. Dieser Vortrag will Ergebnisse eines aktuellen Forschungsprojektes des KHM präsentieren und einen Einblick in eine laufende Dissertation (Fachbereich Kunstgeschichte) zu eben diesem Schatzbestand liefern.
Zur Person: 1994–1999 Diplomstudium Kunstgeschichte in Innsbruck und Wien; seit 2006 Dissertationsstudium Kunstgeschichte in Wien; seit 1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museumsbereich (MAK Wien, Apic Cremona, KHM Wien); seit 2004 im Kunsthistorischen Museum Wien, derzeit Mitarbeiter am Forschungsprojekt „Der kaiserliche Schatz bei den Kapuzinern. Forschungen zur kunst- und kulturhistorischen Bedeutung“ (Finanzierung: Jubiläumsfonds der ÖNB)

 

24. Oktober: Georg GRÜNBERG (Wien) - Gastprofessor am IfG für „Zeitgeschichte Lateinamerikas“ in diesem Semester
„Fließende Identitäten und Einforderung von Anerkennung: indianische Hochschüler in Lateinamerika“
Moderation: Martina Kaller-Dietrich

Abstract: Die Frage nach der Identität wird entscheidend wichtig, wenn die Sicherheit einer selbstverständlichen Zugehörigkeit schwindet und eine Neukonstruktion notwendig macht, die Grundlage für Selbstsicherheit bieten soll. Dies ist in erhöhtem Maß relevant, wenn es sich um junge Menschen handelt, die aus einer Situation der Diskriminierung herauswachsen und Zugang zum Ort der Eliten schlechthin gewinnen: an die Universität. Dann wird der Kampf um Anerkennung, mitten in fließenden Identitäten, zum wichtigsten Motiv, Wissenschaft zu betreiben, um gleichzeitig dem Bedürfnis nach Selbstbestätigung, historischer Anerkennung und der Teilhabe am globalen Wissen nachzukommen.
Erfahrungen des Vortragenden mit indianischen Studenten an Universitäten in Guatemala, Nikaragua und Brasilien und mit dem Modell einer interkulturellen Lehre und Forschung bilden die Grundlage für diese Reflexion.
Zur Person: geb. 1943 in Wien, Studium der Ethnologie in Wien und Sao Paulo, Univ. Assistent an der Universität Bern, Gastprofessor an der FLACSO, Guatemala 2000 – 2002, Professor an der URACCAN, Nicaragua, 2002 – 2006, Lektor an der Universität Wien, Konsulent für Entwicklungszusammenarbeit und Mitarbeiter am österreichischen Lateinamerikainstitut.

 

 

7. November: Johan SCHIMANSKI (Tromsø) und Ulrike SPRING (Wien)
„Die Quarneroli am Nordpol.” Österreichisch-ungarische Identitäten und arktische Fähigkeiten
Moderation: Marianne Klemun

Abstract: Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition von 1872-1874 war ein Medienevent, das zum Ausgangspunkt für einen umfassenden Medienkomplex wurde. Dieser artikuliert sich über eine Kette von Repräsentationen, die aus Remedialisierungen und Rekontextualisierungen besteht, in denen kontinuierlich und bis in die Gegenwart Aspekte der Expedition neu verhandelt und interpretiert werden. Die Expedition wurde über Narrativen erzählt, die weniger von den tatsächlichen Erlebnissen in der Arktis als vom politischen Tagesgeschehen in der Monarchie bzw. der Nachkriegszeit geprägt waren. Ein Beispiel: Fähigkeiten, die die Mannschaft zum Überleben in der Arktis benötigte, wurden in den Zeitungen von 1874 zum Symbol für die kulturelle Überlebensfähigkeit der Monarchie. In den letzten Jahrzehnten hingegen werden die kulturellen Identitäten der Expeditionsmitglieder zunehmend zur Bekräftigung nationalistischer Ideologien eingesetzt. Unser Ausgangspunkt ist folglich, dass Diskurse über die Arktis als eine Projektionsfläche für zentrale Topoi in der europäischen Kultur, z.B. Kultur versus Natur, oder Identitäten (Klasse, Ethnie, Geschlecht, Nation etc.) fungieren. In diesem Vortrag zeigen wir dies am Beispiel der Matrosen der Expedition, die aus dem Gebiet des heutigen Kroatien sowie aus Triest kamen. Unser Fokus liegt auf den verschiedenen Identitäten, die ihnen in der Rezeption bis in die Gegenwart zugeschrieben wurden.
Zu den Personen: Johan Schimanski, seit 1998 Associate Professor in Allgemeiner Literaturwissenschaft an der Universität Tromsø. Dr.art. 1997 an der Universität Oslo mit einer Arbeit über Genre und Nationalismus in walisischsprachiger Literatur. Seit 2005 Co-Leiter des Forschungsprojektes „Arktische Diskurse” sowie der Arbeitsgruppe für Grenzpoetik an der Universität Tromsø. Gastprofessor in Grenzstudien an der Universität Glamorgan/Morgannwg (2006). Forschungsschwerpunkte: Postkolonialismus, Grenzen in der Literatur, Science Fiction, Diskursanalyse. Etliche Publikationen, zuletzt: Crossing and Reading. Notes Towards a Theory and a Method (Nordlit Nr. 19, 2006); Border Poetics De-Limited (hg. gem. mit Stephen Wolfe, 2007).
Ulrike Spring, zur Zeit Kuratorin am Wien Museum. Dr.phil. 2000 am Institut für Geschichte der Universität Wien zum Thema Sprache und Nationalismus in Norwegen und Irland um 1900. Forschungsaufenthalte an den Universitäten Oslo, Dublin, Lancaster, IFK Wien. Mitarbeit in internationalen Forschungsprojekten. Gastforscherin im Projekt ”Arktische Diskurse” an der Universität Tromsø (2007). Forschungsschwerpunkte: Identität, Tourismus, Mobilität, Nationalismus. Etliche Publikationen, zuletzt: The Linear City. Touring Vienna in the Nineteenth Century (in: Mobile Technologies of the City, Hg. Mimi Sheller & John Urry, 2006); Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit (hg. gem. mit Wolfgang Kos und Wolfgang Freitag, 2007).

 

14. November: Daniela BEYER (Wolfenbüttel/Wien) - in Kooperation mit dem IEFN
„Hoch, schwer und gehaim Sachen“? Zum Verhältnis zwischen Geheimen Rat und Reichshofrat in der Regierungszeit Ferdinands I. (1526–1564)
Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Nach dem Tod Kaiser Maximilians I. 1519 fand eine Umstrukturierung der obersten Verwaltungsinstitutionen statt. Die 1526/27 gefundene Lösung blieb in ihren Grundzügen bis in die Regierungszeit Maria Theresias erhalten. Zu diesen Verwaltungsinstitutionen gehörte neben dem Hofrat auch ein Geheimer Rat, die sowohl für das Reich als auch für die erbländischen Angelegenheiten zuständig waren. Die Hofordnungen der Jahre 1527 und 1537 und die Hofratsordnung von 1541 legen Zeugnis davon ab, wie der Behördenaufbau in etwa strukturiert war. Diesen Texten lässt sich auf den ersten Blick keine präzise Kompetenzverteilung zwischen Hofrat und Geheimen Rat entnehmen. Betrachtet man den Aufbau der genannten Hofordnungen jedoch genauer, fällt auf, dass der Geheime Rat in der Hofordnung von 1537, anders als im Hofordnung von 1527, nicht mehr erwähnt wird. Die Ordnungen würden dann den beiden Gremien durchaus nicht dieselben Geschäfte zuweisen, so dass nach wie vor von einem Vorrang des Geheimen Rates in politischen Angelegenheiten und einer Kompetenzabgrenzung zwischen Geheimen Rat und Hofrat auszugehen wäre. Die Überlieferung im Archiv des Reichshofrates im Haus-, Hof- und Staatsarchivs bietet eine Möglichkeit, dieser Frage nachzugehen. In der Reihe der reichshofrätlichen Resolutionsprotokolle haben sich nicht nur Protokolle aus den Sitzungen des Reichshofrates erhalten, sondern auch einige wenige Bände zu der Arbeit des Kaiserlichen Geheimen Rates. Der direkte Vergleich dieser Aufzeichnungen für ein Stichjahr – das Jahr 1560 – kann dazu beitragen, die Frage nach der Kompetenzabgrenzung zwischen Geheimen Rat und Reichshofrat König bzw. Kaiser Ferdinands I. zu beantworten.
Zur Person: Jus-Studium in Göttingen, Beschäftigung mit der Geheimen Rat Ferdinands I. im Rahmen ihrer Dissertation (in Vorbereitung). Nach Beendigung des Referendariats in Lüneburg (Juni 2007) in Wien Mitarbeiterin von Eva Ortlieb im Projekt über „Die Formierung des Hofrates unter Karl V. und Ferdinand I“ (Leitung: Univ.-Prof. Dr. Werner Ogris).

 

21. November: John BOYER (Chicago)
„Private Research Universities and the Development of Higher Education in America: The University of Chicago Since 1892“
Moderation: Margarete Grandner

Abstract :The emergence of modern, privately endowed research universities is one of the most distinctive features of the history of higher education in the United States after the American Civil War. One of the basic structural tensions embedded within all of the large U.S, research universities is the relationship between undergraduate education and doctoral-level research and teaching. The history of the University of Chicago, founded in 1890-92 by John D. Rockefeller, offers a fascinating example of the ways by which one university has sought to negotiate these tensions over the last century by constructing a unique program of general education on the collegiate level. This lecture will discuss several facets of the early history of the University of Chicago--its organizational structure, the cultural ethos and professional backgrounds of the early faculty, and its dependence on the philanthropy of the Rockefeller family--and then explore how the structure of undergraduate education that was developed at the University of Chicago in the 1930s has influenced and shaped the larger intellectual culture and the competitive institutional position of the University as a whole in the later twentieth century.
Zur Person: John Boyer: Geb.in Chicago 1945, Doktoratsstudien (Ph.D. 1975) und wissenschaftliche Laufbahn an der University of Chicago, gegenwärtig Martin A. Ryerson Distinguished Service Professor of History, and Dean of the College, University of Chicago. Zählt zu den bedeutendsten Spezialisten der österreichischen Geschichte in den USA. Bücher (Ausw.): Political Radicalism in Late Imperial Vienna: Origins of the Christian Social Movement 1848-1897, 1981; Culture and Political Crisis in Vienna: Christian Socialism in Power, 1897-1918, 1995; mehrere Monographien zur Geschichte der University of Chicago.

 

28. November: Gerald STOURZH (Wien)
Buchpräsentation: „From Vienna to Chicago and Back
Essays on Intellectual History and Political Thought in Europe and America”
John Boyer (Dean of the College, and Professor of Modern History, The University of Chicago): „Introducing Gerald Stourzh’s ‘From Vienna to Chicago and Back’“
Gerald Stourzh: „Was ich mit diesem Buch bezweckte“
Moderation: Thomas Fröschl

Zum Buch: Das hier präsentierte Buch, im Sommer 2007 in Chicago erschienen, enthält 14 Essays in englischer Sprache, die der Verfasser im Zeitraum von 53 Jahren – zwischen 1953 und 2006 – veröffentlicht hat. Alle Essays mit einer Ausnahme wurden in englischer Sprache geschrieben. Die Essays sind nicht chronologisch, sondern thematisch in vier Sektionen gegliedert: Anglo-American History; Austrian History, Imperial and Republican; The Tocquevillian Moment; On the Human Condition. Diesen Essays ist eine autobiographische Einführung vorangestellt, „Traces of an Intellectual Journey“, die den intellektuellen Werdegang des Verfassers, Persönlichkeiten, die ihn als Autoren oder als Lehrer beeinflusst und beeindruckt haben, die Bedeutung der in Chicago verbrachten Jahre und einen Überblick über die Hauptthemen seines wissenschaftlichen Werkes zu skizzieren versucht.
Zu den Personen: Gerald Stourzh, geb. in Wien 1929, Studien an den Universitäten Wien, Clermont-Ferrand, Birmingham und Chicago. In den Fünfzigerjahren Research Associate an der University of Chicago, 1962 Habilitation in Neuerer Geschichte in Wien, 1964-1969 Professor für Neuere Geschichte mit bes. Berücksichtigung Nordamerikas an der Freien Universität Berlin, 1969-1997 Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien; Forschungsaufenthalte 1967/68 in Princeton, 1976 in Cambridge; seit 1997 emeritiert. Bücher (Auswahl): Benjamin Franklin and American Foreign Policy, 1954; Alexander Hamilton and the Idea of Republican Government, 1970; Die Gleichberechtigung der Nationalitäten in der Verfassung und Verwaltung Österreichs1848-1918, 1985; Wege zur Grundrechtsdemokratie, 1989; Um Einheit und Freiheit: Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1945-1955, 1998 (erg. Neuaufl. 2005).
John Boyer, geb. in Chicago 1945, Doktoratsstudien (Ph.D. 1975) und wissenschaftliche Laufbahn an der University of Chicago, gegenwärtig Martin A. Ryerson Distinguished Service Professor of History, and Dean of the College, University of Chicago. Zählt zu den bedeutendsten Spezialisten der österreichischen Geschichte in den USA. Bücher (Auswahl): Political Radicalism in Late Imperial Vienna: Origins of the Christian Social Movement 1848-1897, 1981; Culture and Political Crisis in Vienna: Christian Socialism in Power, 1897-1918, 1995; mehrere Monographien zur Geschichte der University of Chicago.

 

5. Dezember: Josef KÖSTLBAUER (Wien)
„Das Harvard Seminar on Atlantic History – Geschichte und Bedeutung eines wissenschaftlichen Forums“
Kommentar: Thomas Fröschl
Moderation: Birgitta Bader-Zaar

Abstract: Das Atlantic History Seminar wurde 1995 von Bernard Bailyn, dem „spiritus rector“ der Atlantischen Geschichte in den USA, ins Leben gerufen. Es ist findet seither alljährlich statt und bietet einer kleinen Gruppe junger WissenschafterInnen internationaler Herkunft die Möglichkeit, sich über verschiedene inhaltliche Zugänge oder Aspekte atlantischer Geschichte auszutauschen. Erklärtes Ziel des Seminars ist die Schaffung einer Gemeinschaft von „atlantischen Historikern“ und damit letztlich auch die Etablierung dieses Forschungsgebiets innerhalb der scientific community. Das ist in den vergangenen zwölf Jahren sehr erfolgreich gelungen – wie eine stetig wachsende Zahl von Publikationen und der zunehmend internationale Charakter der involvierten Historikergemeinschaft zeigt. Anlass genug, dieses Beispiel eines nachhaltig wirksamen intellektuellen Forums vorzustellen und bei dieser Gelegenheit das Konzept der Atlantic History zu erläutern und seinen Einfluss auf die gegenwärtige Geschichtsschreibung – nicht nur in den USA – näher zu beleuchten.
Zur Person: Studium der Geschichte, Kunstgeschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Forschungsstipendien in New Orleans und Berlin. Mitarbeit an verschiedenen Projekten am Institut für Geschichte in Wien. Arbeitet an einer Dissertation über den Vergleich imperialer Grenzgebiete im spanischen und britischen Kolonialreich.

 

 

12. Dezember: Oswald BAUER (Augsburg) - in Kooperation mit dem IEFN
„Die Georg Fuggerischen Erben und die Fuggerzeitungen (1568–1605): Frühneuzeitliche Nachrichtensammlungen als Mittel zum Zweck oder Freizeitbeschäftigung?“
Moderation: Herwig Weigl

Abstract: Octavian S. Fugger (1549–1600) und Philipp E. Fugger (1546–1618), die Georg Fuggerischen Erben, haben über 30 Jahre lang Nachrichten gesammelt und jahrgangsweise zu Bänden binden lassen, die sog. Fuggerzeitungen. Doch ist trotz einiger Forschung weder geklärt, welche Inhalte die Nachrichten der Fuggerzeitungen haben, noch zu welchem Zweck die Nachrichten gesammelt wurden. Diese Fragen sollen auf der Grundlage neuester Forschung diskutiert und (teilweise) beantwortet werden.
Zur Person: 1998–2005 Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Geschichte an der Universität Wien. Abschluss des Studiums mit einer Arbeit über „Pasquille in den Fuggerzeitungen“, anschließend Bakkalaureat Publizistik zum Thema „Europäische Öffentlichkeit“. Seit Oktober 2005 Doktorand im Graduiertenkolleg „Wissensfelder der Neuzeit“ am Institut für Europäische Kulturgeschichte (Augsburg, Deutschland).

 

 

9. Jänner: Philipp BLOM (Wien)
„Schwindel-Jahre. Das Erleben der sozialen Veränderung und die frühe Moderne in Europa 1900-1914“
Moderation: Thomas Angerer

Abstract: Zu keiner Zeit in der europäischen Geschichte haben sich Gesellschaft, Wissenshorizonte und Wirtschaft radikaler und rasanter verändert als in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Innerhalb von wenig mehr als einem Jahrzehnt schufen Urbanisierung und Industrialisierung neue Lebensformen und ein neues Lebensbewusstsein in Europa und den USA, das sich in einem Gefühl der extremen Beschleunigung aller Lebensbereiche ausdrückte. Wissenschaftliche Neuerungen, die Faszination mit Geschwindigkeit und die erste Welle der feministischen Agitation prägen diese Epoche und hinterließen deutliche Spuren in der Kunst der Avantgarde und im politischen Denken, vom grenzenlosen Optimismus bis hin zur Verweigerung der Moderne und der Revolte der Irrationalität in Kunst und Politik.
Zur Person: Dr. Philipp Blom ist freier Historiker und Schriftsteller. Nach Studien der Philosophie, Judaistik und modernen Geschichte in Wien und Oxford lebte und arbeitete er in London und Paris, bevor er sich erneut in Wien niederließ. Sein letztes historisches Werk ist „Das vernünftige Ungeheuer“ (Frankfurt, 2004), eine Geschichte der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert.

 

 

16. Jänner: Marcel SCHUMACHER (Köln) - in Kooperation mit dem IEFN
„Von Wien nach Paris. Paris als Reiseziel habsburgischer Architekten nach 1715“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Als Johann Bernhard Fischer von Erlach seinen Sohn 1719 in Pariser Baubüros studieren lässt, bietet sich zum ersten Mal einem Baumeister des Kaiserhofes die Möglichkeit, die Residenzen des stärksten Konkurrenten unter den europäischen Souveränen aus der Nähe zu begutachten. Ludwig XIV. war 1715 nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges verstorben und damit die Pariser Hofkunst vorübergehend entpolitisiert. Zwischen 1715 und 1728 reisen daher zahlreiche Baumeister der Fürstenhöfe des Römischen Reiches Deutscher Nation in die französische Hauptstadt. Viele studieren im Umkreis des premier architecte du roi, Robert du Cotte, entdecken aber auch die jungen Ornamentzeichner wie Jules-Marie Oppenord. In diesem Zeitraum verschränken sich die klassizistische Tradition der bâtiments du roi und die Entstehung einer neuen ornamentalen Raumkunst. Joseph Emanuel Fischer von Erlach konnte während seiner Studienjahre in Rom, Paris und London die Europäischen Bautraditionen miteinander vergleichen; wie weit registrierte er die sich in Paris ankündigenden Veränderungen? Da über seinen Parisaufenthalt wenig überliefert ist, sollen im Vortrag die Studienzeichnungen des Architekten Anselm Franz Ritter zu Groenesteyn aus Mainz ermöglichen, vielleicht einen anderen Blickpunkt auf das Werk des Wiener Baumeisters zu erlangen. Ein Ausblick auf den Studienaufenthalt des Brünner Architekten Franz Anton Grimm zwanzig Jahre später wird deutlich werden lassen, wie selektiv Pariser Architekturmoden in Wien wahrgenommen wurden.
Zur Person: Studium der Architektur, Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik in Aachen, Berlin, Rom und Basel; 2003 Magisterarbeit über ein Italienskizzenbuch des französischen Bildhauers Jean Dedieu, seitdem Dissertation bei Andreas Beyer (Basel) über „Paris – Knotenpunkt kulturellen Transfers. Die Entstehung des Kunstmetropole aus dem Blick reisender Architekten zwischen 1660 und 1730“; Stipendiat der Studienstiftung; 2004/05 Forschungsaufenthalt in Paris.

 

23. Jänner: Martin KNOLL (Regensburg)
„Schreiben und Schweigen über Natur. Vom umweltgeschichtlichen Quellenwert historisch-topographischer Literatur der Frühen Neuzeit“
Moderation: Verena Winiwarter

Abstract: Historisch-topographische Literatur erfreute sich in der Frühen Neuzeit großer Popularität. Ihre Gattungsgeschichte in dieser Zeit ist eng verwoben mit Übergangs- und Formationsprozessen, deren Bedeutung in der verfassungsgeschichtlichen, aber auch in der kunst-, wissenschafts- und umwelthistorischen Forschung betont wird. Man denke an die Entwicklung frühmoderner Staatlichkeit oder aber die viel beschworene ‚scientific revolution’ des 16. und 17. Jahrhunderts und nicht zuletzt an den engen, oft genug personalen Zusammenhang zwischen der sich methodisch formierenden Geographie und Kartographie auf der einen sowie der Landschaftskunst auf der anderen Seite.
Der Vortrag nimmt seinen Ausgangspunkt bei Werken der bayerischen Landesbeschreibung (Merian, Ertl, Wening). Meist stehen menschliche Siedlungen im Mittelpunkt der Texte und Illustrationen solcher historisch-topographischer Werke: Städte, Schlösser, Klöster etc. Informationen über die natürliche Umwelt werden dem Leser vorwiegend in Bezug auf diese Siedlungen und die dortigen Lebensbedingungen vermittelt. Daraus abzuleiten ist die Frage nach der Konzeptualisierung des Verhältnisses Gesellschaft – natürliche Umwelt. Im Vortrag wird der umwelthistorische Quellenwert der historisch-topographischen Literatur diskutiert. Dabei kommt u. a. die rhetorische Abhängigkeit der Thematisierung oder Nicht-Thematisierung naturaler Faktoren von den jeweiligen Darstellungsinteressen zur Sprache. Auch ein möglicher diachroner Wandel des Stellenwerts von Informationen zur natürlichen Umwelt gegenüber historisch-dynastischen Wissensbeständen ist zu diskutieren. Gewinnen naturwissenschaftlich-statistische Aspekte gegenüber diesen kulturell-traditionalen Motiven an Bedeutung und wie ist dies – aus umwelthistorischer Perspektive und mit Blick auf die umwelthistorische Analyse der Quellengattung – bewerten?
Zur Person: Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Regensburg, Magisterexamen 1997, Staatsexamen für das gymnasiale Lehramt 1998, Promotion 2003 mit einer Arbeit über die landesherrliche Jagd Kurbayerns im 18. Jahrhundert. 2001-2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Regensburg, 2004-2007 Wissenschaftlicher Assistent ebendort. Seit 1. Oktober 2007 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Neuere Geschichte/Schwerpunkt Stadt- und Umweltgeschichte der Technischen Universität Darmstadt. Laufendes Habilitationsprojekt: „Studien zum Bild von Territorium, Siedlung und Umwelt in der historisch-topographischen Literatur der Frühen Neuzeit.“ Zusammen mit Verena Winiwarter Autor des Studienbuchs „Umweltgeschichte. Eine Einführung“ (2007). http://www.iff.ac.at/umweltgeschichte/home.php

 

 

30. Jänner: Annabelle BÖTTCHER (Wien/Berlin) – Gastprofessorin am IfG für „Begegnung islamisch geprägter Kulturen in Europa“ in diesem Semester
„Die Schia in Deutschland und Österreich“
Moderation: Marlene Kurz

Abstract: Durch die politischen Entwicklungen im Libanon, im Irak und im Iran ist der schiitische Islam ins Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Obgleich Schiiten unter den weltweit 1,2 Mrd. Muslimen nur etwa 10-15% darstellen, beunruhigt das erstarkende schiitische Selbstbewusstsein im Nahen und Mittleren Osten sowohl die Mehrheit sunnitischer Muslime als auch Nichtmuslime.
In Deutschland und Österreich gibt es grob geschätzt etwa 5% Schiiten vor allem libanesischer, irakischer, iranischer und afghanischer Herkunft sowie eine Reihe von Konvertiten. Die meisten schiitischen Muslime haben sich aus politischen oder ökonomischen Gründen im deutschsprachigen Raum niedergelassen und hegen häufig starke Anbindungen an ihr Herkunftsland und ihre jeweilige religiöse Autorität. Daher ist schiitischer Islam ethnisch und national stark fraktioniert.
In diesem Vortrag sollen vor allem auf die historische Entwicklung und die strukturellen Eigenheiten des schiitischen Islam in Deutschland und Österreichs eingegangen werden.
Zur Person: Studium der Islamwissenschaften, Politikwissenschaften, Jura und Semitistik an den Universitäten Toulouse, München, Freiburg i.Br. und Damaskus. Magister 1993, Promotion 1998, Habilitation 2006. Forschungs- und Lehrtätigkeiten am Institut Français d’Etudes Arabes de Damas (Damaskus), Université Saint Joseph (Beirut), Orient-Institut (Beirut), Sorbonne (Paris), Harvard University (Cambridge, MA) und Freie Universität (FU) Berlin. Seit 2006 Privatdozentin am Institut für Islamwissenschaft der FU-Berlin sowie Consultant von internationalen Organisationen.

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im SS 07

 

7. März: Daniel BERTSCH (Münster/Westfalen)
„Der österreichische Diplomat Anton Prokesch von Osten (1795-1876) und der Islam“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Anton Prokesch von Osten versuchte vorurteilslos die vielfältige Kultur des Osmanischen Reiches zu verstehen. Von seinen diplomatischen Posten in Athen und Konstantinopel aus vermittelte er ein Bild des Orients, das gängigen Ansichten der Zeit widersprach. Es war ihm ein Anliegen, darüber zu schreiben, dass der Mensch des Orients kein Barbar, sondern hoher kultureller Errungenschaften fähig sei und dass der Osmane keiner Bevormundung eines fortschrittsgläubigen Europa bedürfe. Durch die Beschäftigung mit den Religionen des östlichen Mittelmeerraums gewann Prokesch-Osten Einsichten in die Funktion der osmanischen Gesellschaft. Sein Verständnis des Islam sicherte ihm konkurrenzloses Vertrauen an der Hohen Pforte. Während in Europa nach dem Krimkrieg ein von Fanatismus und Barbarei gekennzeichnetes Feindbild „des Mohammedaners“ verbreitet und zur Rechtfertigung imperialistischer Politik funktionalisiert wurde, hielt Prokesch-Osten dem Westen ein Gegenbild von sozialer Gesittung und Toleranz entgegen. Wie sich seine Anschauungen vom Islam entwickelten und wie die Wahrnehmung der islamischen Welt im Europa des 19. Jahrhunderts aussah, möchte der Vortragende vorstellen.

Zur Person: Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Byzantinistik, Völkerkunde und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms - Universität Münster, an der Universität Ioannina (Griechenland) und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Franziskaner und Kapuziner in Münster. Magisterexamen 1997, Promotion 2002 mit einer Arbeit über Anton Prokesch von Osten. DAAD-Stipendiat in Wien und in Graz. Seit 1999 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Byzantinistik der Westfälischen Wilhelms - Universität Münster.

 

 

14. März: Karin ZELENY (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Giorgiones "Drei Philosophen’: eine philologische Entschlüsselung“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Giorgiones Gemälde mit den drei Philosophen gilt als eines der rätselhaftesten der Renaissance. Ihre Kleidung ist auffällig: Der Sitzende lässt sich durch sein Gewand als Grieche oder Christ einordnen. Der zweite trägt einen Turban – ein Moslem? Der dritte ist durch gelbe Kleidung als Jude gekennzeichnet. Die bisherige Sicht der Wissenschaft ist gespalten: Wollte Giorgione auf den Dialog mit dem Islam und dem Judentum anspielen? Oder sind drei konkrete antike Philosophen abgebildet? Aber welche? Mit Hilfe von antiker und humanistischer Literatur lässt sich das Rätsel schlüssig lösen.

Zur Person: Studium der Klassischen Philologie, Mittel- und Neulatein in Wien, Diplomarbeit (im Rahmen der ÖAW-Kommission für antike Literatur): Die Göttin Hekate in den Historiae deorum gentilium des Lilius Gregorius Gyraldus, unter bes. Berücksichtigung der Rezeption Hekates in humanistischen Handbüchern und Kommentaren des 16. Jh.; Dissertation: Itali Modi – Akzentrhythmen in der lateinischen Dichtung der augusteischen Zeit. Lektorin im Kunsthistorischen Museum.

 

21. März: Martin GIERL (Göttingen - dzt. Gastprofessor am Institut für Geschichte in Wien)
„Wissenschaftsprojektemacherei, Computer und der Staat: Sprats Royal Society, Swifts Lagadian Academy und Leibniz’ Königlich-Preußische Sozietät“
Moderation: Edith Saurer

Abstract: Um 1700 waren die Wissenschaften auf dem Weg. Es ist die Zeit der „wissenschaftlichen Revolution“ hin zur „experimentellen Philosophie“ und zum empirischen Wissen. Die Wissenschaften sollten praktisch werden, hieß es. Es war die Zeit der Akademien, eine Zeit unglaublicher Projektemacherei – und vieles davon ist Realität geworden und Grundlage unserer Lebenswelt. Der Vortrag skizziert mit Sprat, Swift und Leibniz frühaufklärerische Vorstellungen von Wissensorganisation und ihren praktischen Hintersinn im Utopischen, in den Akademien und für den Staat. Man entblöde sich nicht, die Sonne wieder aus den Gurken ziehen zu wollen, schrieb Swift. Alles beruht auf Null und Ein, antwortete Leibniz darauf.

Martin Gierl – zur Person: „Zunächst habe ich mich für den Zusammenhang von Geschichte und Dissens interessiert, dafür wie Konflikte kommuniziert werden und wie dabei Gruppen, Identitäten und Verhaltensmuster entstehen. Daraus ist meine Dissertation Pietismus und Aufklärung. Theologische Polemik und die Kommunikationsreform der Wissenschaft am Ende des 17. Jahrhunderts’ entstanden. Dann habe ich mich für den Zusammenhang von Geschichte und Konsens interessiert, dafür wie Pläne, Planung, Zustimmung und Geltung entstehen, wie Geschichte als Institutionalisierungsprozess funktioniert. Hieraus ist die Habilitation Geschichte und Organisation. Institutionalisierung als Kommunikationsprozess am Beispiel der Wissenschaftsakademien um 1900’ entstanden. Ich habe am Max Planck Institut für Geschichte, Göttingen, am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin, am European University Institute, Florenz, an der Clark Library, Los Angeles, an der Universität Göttingen sowie an der FU-Berlin gearbeitet.“

 

28. März: Árpád von KLIMÓ (Berlin - dzt. Gastprofessor am Institut für Geschichte in Wien)
“Die Habsburgermonarchie und die Nationale Meistererzählung. Österreichische, slowakische, tschechische und ungarische historiographische Identitätskonstruktionen in vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Perspektive“
Moderation: Gernot Heiss

Abstract: Seit dem 19. Jahrhundert entstanden in Europa miteinander konkurrierende oder sich anderweitig aufeinander beziehende nationale historische Meistererzählungen. Vor allem im intellektuellen Umfeld der Nationalbewegungen verfestigten sich solche narrative Grundstrukturen, die als abgehobene Metaebene der konkreten Texte über Geschichte zu verstehen sind. Sie bezogen sich auf ältere, dynastische oder adlig-ständische Muster ebenso wie sie auch Ideen der Französischen Revolution oder der Romantik aufnahmen. Die vier innerhalb der Habsburgermonarchie sich entwickelnden nationalen Meistererzählungen, die sich auf die österreichische, slowakische, tschechische und ungarische Geschichte bezogen, standen in einem sehr engen wechselseitigen, teilweise geradezu komplementären Verhältnis zueinander. Im Vortrag werde ich dieses Beziehungsgeflecht im Bezug auf einige den Meistererzählungen eigene Identitätskonstruktionen und Exklusionen analysieren.

Zur Person: geb. 1964 in Heidelberg, 1995 Promotion im Rahmen des Berliner Graduiertenkollegs "Gesellschaftsvergleich in ethnologischer, historischer und soziologischer Perspektive", 1996-1999 Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und des Collegium Budapest, 2001. Habilitation Freie Universität Berlin, 1999-2003 Wiss. Mitarbeiter
Humboldt-Universität Berlin, 2004 Visting Professor International University Bremen, seit 2004 Projektmitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Veröffentlichungen: "Ungarn seit 1945" (Göttingen 2006), "Rausch und Diktatur" (Hg.
zus. mit Malte Rolf, Frankfurt/M. 2006), "Nation, Konfession, Geschichte. Zur nationalen Geschichtskultur Ungarns im europäischen Kontext (1860-1948)" (München 2003), "Staat und Klientel. Administrative Eliten in Preußen und Italien (1860-1918) (Vierow 1998).


18. April: Marko DEISINGER (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Giuseppe Tricarico, Kapellmeister der Kaiserin Eleonora II. Leben und Werk (1623–1697)“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Mit der Publikation mehrerer um 1650 in Rom gedruckter Werke trat der aus Gallipoli (Apulien) stammende Komponist Giuseppe Tricarico ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Ende 1654 ging er zusammen mit Kardinal G. B. Spada, dessen Kapellmeister er war, von Rom nach Ferrara. Dort übernahm Tricarico den Kapellmeisterposten in der Accademia dello Spirito Santo, blieb aber gleichzeitig im Dienst des Kardinals, der für drei Jahre das Amt des päpstlichen Legaten in der Stadt ausübte. Im August 1657 wurde Tricarico an den Wiener Kaiserhof berufen, um die neu gegründete Hofkapelle der Kaiserin-Witwe Eleonora II. zu leiten. In seiner fünfjährigen Amtszeit schrieb er Kirchenmusik, Sepolcri, Oratorien, weltliche Kantaten und Opern. Einige seiner Werke sind Kaiser Leopold I. gewidmet, dessen Liebe zur Musik die Kaiserin mit musikalischen Unterhaltungen unterstützte. Ende 1662 legte Tricarico sein Amt nieder und trat die Heimreise nach Gallipoli an.

Zur Person: Studium der Geschichte in Klagenfurt und der Musikwissenschaft in Wien, Promotion 2004, Titel der Dissertation: Giuseppe Tricarico, Maestro di Cappella della Maestà dell’Imperatrice. Eine Untersuchung zu Leben und Werk des Komponisten in Wien (1657–1662) mit besonderer Berücksichtigung der „Opere a cappella“. 2005–2007 Forschungsstipendien des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur am Historischen Institut beim Österreichischen Kulturforum in Rom, Thema: Giuseppe Tricarico (1623–1697).

 

 

25. April: Sonia HORN (Wien)
„Continuum Medicum. Ein virtuelles Archiv für die Geschichte
des Gesundheitswesens in Mitteleuropa.“
Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Im Rahmen von zahlreichen Initiativen wird in verschiedenen Kulturinstitutionen – etwa in regionalen Museen – auf das Alltagsleben der Bevölkerung Bezug genommen. Der Umgang mit Gesundheit und Krankheit ist dabei ein wichtiges und interessantes, allerdings auch sehr komplexes Thema. Vielfach finden sich in kleinen Archiven und Museen schriftliche und dingliche Quellen – etwa Testamente, Gerichtsakten, Kauf- oder Heiratsverträge –, die jedoch kaum zugänglich sind. Diese ergänzen die in größeren Archiven vorhandenen seriellen Quellen und verbinden in Listen genannte Menschen mit tatsächlichen Schicksalen. Im Internet können diese verstreuten Quellen zusammengeführt und aufbereitet werden, sodass sich eine Informationsplattform ergibt, die für verschiedenste Fragestellungen genützt werden kann. Der heutige Grenzraum zwischen der Tschechischen Republik, Österreich und Ungarn war in der Geschichte ein in vielfacher Hinsicht zusammenhängender, aber auch getrennter Bereich mit hoher Migration. Dies ist auch der Grund dafür, dass Quellen zur Alltagsgeschichte den Archiven und Museen in verschiedenen Staaten zu finden sind, was deren Benützung jedoch erschwert. Ziel des Projektes Continuum Medicum ist es, Quellen, die den alltäglichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit veranschaulichen, im virtuellen Raum zusammen zu führen, zu erschließen und mit Erklärungen zu versehen, um diese für verschiedene Zielgruppen zugängig zu machen. Partner im Projekt „Continuum Medicum“ sind die Abteilung für kulturelles Erbe der Medizinischen Universität Wien, das Archiv der Karlsuniversität Prag und die Erzabtei Pannonhalma.

Zur Person: Studium der Medizin an der Universität Wien (Dr. med.), Studium der Geschichte an der Universität Wien (Mag. phil., Dr. phil.). 1983-1989 studentische Mitarbeiterin in tumordiagnostischen und mikrobiologischen Projekten der 2. Chirurgischen und der 1. Medizinischen Universitätsklinik Wien, 1989-1995 drittmittelfinanzierte Assistentin am Institut für Geschichte der Universität Wien, anschließend Turnusärztin, 2002-2004 Gastprofessorin am Lehrstuhl für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der ELTE Budapest, 2003-2006 Herta Firnberg Stipendiatin am Institut für Geschichte der Medizin der medizinischen Universität Wien, 2004 Habilitation im Fach „Geschichte der Medizin“ (ao. Univ.-Prof.); 2004, 2005 und 2006 Visiting Scholar Department for History and Philosophy of Science, Univ. Cambridge. Seit Oktober 2006 Kulturgüterbeauftragte der medizinischen Universität Wien und Leiterin der Abteilung für kulturelles Erbe.

Im Anschluss lädt das Team von "Continuum medicum," zu einem Glas Wein aus den Kellereien der Erzabtei Pannonhalma ein.

 

 

2. Mai: Heide DIENST (Wien)
Moderation: Edith Saurer

Achtung: Geändertes Thema!

„Sic igitur iste Heinricus dictus, Joch sam mier Got’ factus est primus dux Austrie“.
Zum Transfer bayerischer Errungenschaften nach (Nieder-)Österreich um die Mitte des 12. Jahrhunderts und zur historiographischen und politischen Verarbeitung der Ereignisse vom September 1156 in Österreich bis zur Gegenwart.

Manches von dem, was der bayerische Herzog Heinrich (1141-1156) in seinem Herzogtum und in dessen Hauptstadt Regensburg kennen und schätzen gelernt hatte, verpflanzte er in das kleine neue Herzogtum, wie etwa Münzprägung, Stiftung eines Klosters für „Schotten“mönche und Anlage einer Burg im Areal des alten Römerlagers Vindobona, wichtige Elemente für die allmähliche Stadt- und Residenzwerdung von Wien. Anhand von Bild- und Textbeispielen werden diese Tatsachen veranschaulicht werden. Das zweite Hauptaugenmerk ist auf die historiographische Verarbeitung und ideologischen Besetzung der Vorgänge von 1156 gerichtet, Vorgänge, deren Wahrnehmung und interpretatorische Vereinnahmung für aktuelles Selbstverständnis und für aktuelle Ideologien in Österreich durch Jahrhunderte durch das Privilegium maius bzw. den Maius-Komplex geprägt war und zum Teil heute noch ist. Einzelne Aspekte dieses umfangreichen Fragenkomplexes werden in Quellenanlysen in dem Vortrag zur Sprache kommen.

 

 

9. Mai: Benjamin SCHELLER (Berlin)
„Wo einstmals die Judayca war“. Räume und Identitäten konvertierter Juden und ihrer Nachkommen im spätmittelalterlichen Süditalien.
Moderation: Dana Cerman-Stefanova

Abstract: Um das Jahr 1292 kam es auf dem süditalienischen Festland zu einem Ereignis, das einen Einschnitt in der Geschichte Europas bedeutete, dennoch aber auf keiner Zeittafel zur europäischen Geschichte zu finden ist: zur ersten Massenkonversion von Juden zum Christentum. Der Vortrag fragt nach den Konsequenzen dieser Massenkonversion für Räume und Identitäten der Konvertiten und ihrer Nachkommen und nach den Wechselbeziehungen zwischen Räumen und Identitäten. Dabei geht es vor allem um die Frage, inwiefern räumliche Ordnungen und ihr Wandel die Inklusion der Konvertiten und ihrer Nachkommen in bzw. ihre Exklusion aus der christlichen Gesellschaft auf der einen Seite widerspiegelten, auf der anderen Seite aber auch produzierten.

Zur Person: Studium der mittleren und neueren Geschichte, der Soziologie und Politologie an den Universitäten Frankfurt am Main, an der Freien Universität und an der Humboldt-Universität Berlin 1990-1995. Promotion im Fach Mittelalterliche Geschichte 2002 mit einer Arbeit zum Thema: „Memoria an der Zeitenwende. Die Stiftungen Jakob Fuggers des Reichen vor und während der Reformation (ca. 1505 bis 1555)“ (erschienen 2004). Seit 2002 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Mittelalter I (Prof. Borgolte) am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. Derzeit Gastwissenschaftler als Fedor-Lynen Stipendiat der Alexander von Humboldt Stiftung am Centro Interdipartimentale di Studi Ebraici, Università degli Studi di Pisa. Gegenwärtiges Forschungsprojekt: „Zwischen Inklusion und Exklusion: Konvertierte Juden und ihre Nachkommen im Königreich Neapel des späten Mittelalters (1292 bis 1514)”

 

 

16. Mai: Studierende des Forschungsseminars an der Universität Wien / Institut für Geschichte (Wien) –
in Kooperation mit dem IEFN

„Der Wiener Hof im Spiegel der Zeremonialprotokolle“
Moderation: Irmgard Pangerln, Martin Scheutz und Thomas Winkelbauer

Abstract: Das Leben am Wiener Kaiserhof ist in vielen Bereichen erstaunlich schlecht erforscht, sodass etwa nicht klar ist, wie man bei Hof im 17. und 18. Jahrhundert Weihnachten feierte, wie Geburtstage begangen wurden oder wie man die Feste der (alten und neuen) Landesheiligen sowie der länderübergreifenden „Staatsheiligen“ (Joseph von Nazareth, Johannes von Nepomuk) beging. Auf der Grundlage der seit 1652 geführten und im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv aufbewahrten Zeremonialprotokolle, in denen der protokollarische Ablauf bei Hof schriftlich und mitunter sogar bildlich festgehalten wurde, wird diesen und anderen Fragen exemplarisch nachgespürt. Im Mittelpunkt eines aus einem Forschungsseminar an der Universität Wien hervorgegangenen Bandes der Reihe „Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte“, der beim Jour fixe präsentiert wird, stehen unter anderem die folgenden Themen: höfische Kommunikation und Repräsentation; die Öffentlichkeit des Hofes und das Zeremoniell bei Prozessionen, Schautafeln, Kirchgängen usw.; die differenzierte Beteiligung der einzelnen Hofämter; die Kommunikation von Hof und Untertanen; die Zeichenhaftigkeit des höfischen Handelns; etc. In einem umfangreichen Quellenanhang werden erstmals die Instruktionen für die Inhaber verschiedener Hofämter (vom Obersthofmeister abwärts) sowie mehrere Ordnungen (Kammerzutrittsordnungen, Hofklagsordnungen/Hoftrauerordnungen) etc. ediert und damit der internationalen Hofforschung zugänglich gemacht.

Zu den Personen: Johanna Atzmannstorfer, Studium: Geschichte (Diplom); Adam Christian, Studium: Geschichte (Diplom); Philipp Dittinger, Studium: Geschichte (Diplom); Ruth Frötschel, Studium: Geschichte (Diplom); Michaela Kneidinger, Studium: Geschichte (Diplomstudium) und Slawistik (Tschechisch); Hansdieter Körbl, Studium: Geschichte (abgeschlossenes Diplom), derzeit Doktoratsstudium, abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften; Irene Kubiska, Studium: Geschichte (Diplom) und Romanistik (Spanisch, mit Erasmus-Semester in Spanien); Ines Lang, Studium: Geschichte (Diplom); Stefan Seitschek, Studium: Geschichte, klassische Archäologie, Alte Geschichte/Romanistik (Spanisch); Karin Schneider, Studium: Geschichte (abgeschlossenes Diplom), Ausbildungslehrgang am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, abgeschlossene Dissertation, interimistische Leiterin des Archivs Tulln; Christina Schmücker, Studium: Mittlere und Neuere Geschichte, Erziehungswissenschaft, Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde (Gastsemester in Wien im Rahmen des Sokrates-Austausches aus Bonn); Anna-Katharina Stacher-Gfall, Studium: Germanistik und Geschichte; Roland Starch, Studium: Geschichte (Diplom); Bettina Weisskopf, Studium: Geschichte und Sozialkunde/Geographie und Wirtschaftskunde, Geschichte (Diplom); Dagmar Weltin, Studium: Geschichte (Diplom); Astrid Wielach, Studium: Geschichte (Diplom), Bakkalaureat Hungarologie; Jakob Wührer, Studium: Geschichte (Diplom), Magisterstudium „Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft, Geschichtsforschung“

23. Mai: Gerhard DREKONJA (Wien)
"Raus mit den großen alten weißen Männern - oder wer darf wie über die Dritte Welt schreiben?"
Moderation: Edith Saurer

Abstract: Der Vortragende verwendet die Kontroverse um die (indianisch-guatemaltekische) Nobelpreisträgerin Rigoberta Menchú, um über die neuesten Entwicklungen in der Lateinamerika- und Dritte-Welt-Forschung zu referieren, wo eine junge Generation eine radikale Kritik an der kanonisierten Wissenschaftlichkeit der metropolitanen Führungsuniversitäten vorbringt. Da der Vortragende selber zu den "alten weißen Männern" gehört, flicht er seinen eigenen - mäandernden - Weg, auf der Basis einer langen intellektuellen Vagabondage in Lateinamerika, mit ein.

Zur Person: Gerhard Drekonja, geboren 1939 in Kornat im Lesachtal in Kärnten, Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien, der Cornell-Universität (als Fulbright Stipendiat) und dem Institut für Höhere Studien. In den 1960er, 1970er und teilweise 1980er Jahren verschiedene Tätigkeiten in und über Lateinamerika, als Korrespondent, Entwicklungsexperte, Risk-Analyst und Forscher. Professor an der Universidad de los Andes in Bogotá, Gastprofessor an der Florida International University, "Research Associate" der University of Pittsburgh. Co-Direktor des Ludwig Boltzmann - Instituts für Lateinamerika-Forschung. Seit 1990 Ordinarius für "Außereuropäische Geschichte" an der Universität Wien. Zuletzt erschien sein editorischer Text "Havanna: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft" (LIT Verlag März 2007).

Im Anschluss an den Vortrag von Herrn Prof. Gerhard Drekonja (ca. 19:45 Uhr) lädt das Insitut für Geschichte zu einem kleinen Empfang im Institut für Geschichte im 2. Stock ein.

 

30. Mai: Camilla PRELLER (Wien)
“Mapuche-Indianer vs. Benetton – Die Debatte um das Museo Leleque in Patagonien“
Moderation: Gerhard Drekonja

Abstract: Seit etlichen Jahren steht die Renaissance der Indigenen Lateinamerikas, die inzwischen auch Argentinien erreicht hat, im Brennpunkt des allgemeinen Interesses der Südamerikaforschung. Auch die Mapuche im patagonischen Süden besinnen sich (wieder) auf ihre Identität, was konsequenterweise zu Reibepunkten zwischen den Kulturen führt. Im Zentrum meiner Analyse steht die mehrschichtige, konfliktive Beziehung zwischen den Mapuche und der italienischen Firma Benetton. Die „Estancia Leleque“, der Großgrundbesitz des inzwischen transnationalen Konzerns, befindet sich auf ehemaligem Mapucheland, das die Indigenen – medienwirksam inszeniert – zurückzuerhalten versuchen. Besonders konfliktär ist die Institution des Museo Leleque auf der gleichnamigen Estancia, eine Art Kristallisationspunkt der unterschiedlichen Ideologien und Selbstverständnisse. Denn unter dem Titel „Patagonia – its history“ interpretiert Benetton die Geschichte der Region und spannt den Bogen von den frühen indigenen Wurzeln zur Ära der patagonischen Pioniergesellschaft im frühen 20. Jh.; allerdings aus seiner Perspektive. Wie stellt das Museum die Mapuche dar? Was wird erzählt und was nicht? Inwiefern wird das Museum von den Mapuche und von Vertretern der alternativen Geschichtsschreibung Argentiniens kritisiert? All dies sind Fragen, denen ich in meinem Vortrag Kontur und Interpretation angedeihen lassen werde.

Zur Person: Studium an der Universität Köln von 2001 bis 2004 (Regionalwissenschaften für Lateinamerika); Auslandssemester in Perugia (“Lingua e cultura italiana“) und Salamanca, 2004 Studienwechsel nach Wien (Internationale Entwicklung); im Herbst 2006 eine zweimonatige Forschungsreise nach Patagonien zum Thema „Mapuche vs. Benetton – Identitäten, Territorialitäten und Konflikte in Chubut, Argentinien“; Studienabschluss voraussichtlich 2007.

 

6. Juni: Martin STEFANIK (Bratislava)
„Kriminalität im mittelalterlichen Pressburg“
Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Eine interessante Quelle für die Erforschung der „Unterwelt“ im späten Mittelalter bietet das sog. „Aechtbuch“ aus den Jahren 1435–1519. Das älteste Gerichtsbuch der Stadt Bratislava/Preßburg enthält insgesamt 49 Gerichtsfälle, wovon 48 Straffälle sind. Da es meistens um Mehrfachtäter ging, beinhalten diese Gerichtsfälle 238 Straftaten verschiedenster Art: von Raubmord bis zu Ehebruch und Blutschande, Brandstiftung oder Falschspiel. Am häufigsten (154 mal) sind Raubüberfälle und Diebereien vertreten. Man kann auch die Anfangsformen organisierter Kriminalität beobachten. In zahlreichen Fällen ist es möglich, das weitere Schicksal der weggenommenen Gegenstände zu verfolgen.

Zur Person: Studium des Archivwesens und der Geschichte. 1998 Magister-Abschluss, 2000 Rigorosum, 2003 Doktorats-Abschluss. Seit 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Historischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften. Lehrtätigkeit: 2001/2002 an der Philosophischen Fakultät der Komenius-Universität Bratislava; 2004/2005 Gastdozent für Slowakische Geschichte an der Albert-Ludwigs Universität Freiburg/Breisgau.

 

 

13. Juni: Matteo Burioni (Basel) - in Kooperation mit dem IEFN
„Vasaris ‚rinascite’: Wiedergeburt der Kunst und Bändigung des Bildes?“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Im Vortrag soll die Breite des Renaissance-Begriffes bei Vasari ausgelotet werden: denn „rinascita“ ist keineswegs nur ein historiographischer Terminus, er wird auch mit theologischen Untertönen „risuscitare", mit anthropologisch-naturwissenschaftlichen Anklängen „vivacità“, „vita“ und er ist zudem mit dem memoria- und fama-Gedanken verknüpft. Die Vorstellungen von „Wiedergeburt“ sind also vielfach und in die frühneuzeitlichen Konzepte von Leben, Nachleben, Wiedergeburt und Wiederauferstehung eingebettet. Hier soll angesetzt und gefragt werden, ob Vasari eine konstitutive „Nachträglichkeit“ der Bilder thematisiert (etwa in dem Sinne von Warburgs Nachleben oder Didi-Hubermans „Anachronismus“) oder ob er diese „Nachträglichkeit“ nur durch eine Historisierung „gezähmt“ hat (dies ist die These von Didi-Huberman).

Zur Person: Studium der Kunstgeschichte und Soziologie in Frankfurt am Main und Pisa; 2003–2005 Doktorandenstipendium am Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck-Institut); Promotion 2005 mit einer Arbeit über die Künstlerbiographie der Renaissance; seit Oktober 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Basel im Nationalen Forschungsschwerpunkt Bildkritik.

 

 

20. Juni: Pieter M. Judson (Swarthmore College)
“Ort der Nationsbildung oder der bitteren Enttäuschung? Die Sprachgrenze um 1900”
Moderation: Margarete Grandner

Abstract: In the decades before 1914, nationalists in Imperial Austria labored to transform linguistically mixed rural regions into politically charged language frontiers. They hoped to remake local populations into polarized peoples, and their villages into settings for the kind of political conflict that dominated institutions in the rest of Imperial Austria. But nationalists were often bitterly frustrated by bilingual villagers who preferred cultural mixing and who remained stubbornly indifferent to nationalism well into the 20th century. Using examples from several rural regions, including the Böhmerwald and Südsteiermark, I trace the nationalist struggle to consolidate the loyalty of local populations behind nationalist causes. Whether German, Czech, or Slovene, the nationalists faced unexpected difficulties in their attempt to make nationalism relevant to local populations, and to bind people permanently to one national community. I examine several strategies developed by nationalist activists, from the founding of minority language schools to the importation of colonists from other regions, from projects to modernize rural economies to the creation of local tourism industries. Nevertheless, by 1914, I argue that nationalists had largely failed in their project to nationalize local populations.

Zur Person: Dr. Pieter M. Judson is Professor of History at Swarthmore College (Philadelphia), Editor of the „Austrian History Yearbook“, and author of „Guardians of the Nation: Activists on the Language Frontiers of Imperial Austria“ (2006). He received his Ph.D. from Columbia University in 1987. He has written books and articles on 19th-century liberalism, on the history of gender, on the rise of tourism, and on nationalism and anti-Semitism in the period 1880-1945. His 1996 book „Exclusive Revolutionaries: Liberal Politics, Social Experience, and National Identity in the Austrian Empire 1848-1914“ won prizes from the American Historical Association and the Austrian Cultural Forum. His book „Wien brennt! Die Revolution 1848 und ihr liberales Erbe“ (1998) commemorated the 150th anniversary of the Revolutions of 1848 in Austria. Judson is also the co-editor with Marsha Rozenblit of the book „Constructing Nationalities in East Central Europe“ (2004). Judson has twice received Fulbright Fellowships to Vienna, and in 2000 he was a fellow at Vienna’s Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK). He has also received fellowships from the German Marshall Foundation and the American Academy in Berlin. He serves on the editorial boards of the journals „Central European History“ and „Contemporary Austrian Studies“ and as an advisor to the „Österreichischer Wissenschaftsfonds“.

 

27. Juni: Christian HOLTORF (Berlin) – in Zusammenarbeit mit der ÖAW / Institut für Mittelalterforschung
„Die Beschleunigung der ‚Ströme’: Warum rauschen Telegrafenkabel unter Wasser?“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Die ersten telegrafischen Unterseekabel führten im Vergleich zu Landdrähten zu einem unerwarteten Effekt: Sorgsam telegrafierte Signalströme kamen beim Empfänger als Kauderwelsch an. Um das Rauschen der Kommunikation zu beseitigen, war ein neues physikalisches Verständnis von Elektrizität erforderlich, das nicht mehr von der Kontinuität der Stromleitung ausging, sondern auf der feldtheoretischen Regulation ihrer Geschwindigkeit beruhte. Die Beseitigung des telegrafischen Rauschens zeigt modellhaft, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts Technologien entwickelt wurden, die Kontrolle über die auf vielen Feldern spürbaren Beschleunigungsprozesse gewinnen sollten. Die neuen Techniken wurden durch den Wandel von sprachlichen Zuschreibungen unterstützt: Während der Verlegung der ersten transatlantischen Telegrafenkabel ist ein Übergang von einem mit Metaphern des Blutkreislaufs verbundenen Nachrichtenverkehr zur temporeichen Informationsübermittlung analog zu Nervenbahnen zu erkennen. Der Vortrag fragt, was die Elektrophysik des Atlantikkabels zur Beschleunigung der Gesellschaft beigetragen hat und ob der Nachrichtenstrom zuerst an der falschen Körpermetapher gescheitert ist.

Zur Person: Christian Holtorf, geboren 1968. Studium der Geschichte, Philosophie und Psychologie in Marburg und Berlin. Seit 2000 Wissenschaftlicher Referent am Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Promovierte am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin über das erste transatlantische Telegrafenkabel. Letzte Veröffentlichungen: (Hg. mit Claus Pias): Escape! Computerspiele als Kulturtechnik, Köln/Weimar 2006 (in Vorbereitung); Die Modernisierung des nordatlantischen Raumes: Cyrus Field, Taliaferro Shaffner und das submarine Telegraphennetz von 1858, in: A. Geppert, U. Jensen, J. Weinhold (Hrsg.): Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert, Bielefeld 2005.

 

7. März: Daniel BERTSCH (Münster/Westfalen)
„Der österreichische Diplomat Anton Prokesch von Osten (1795-1876) und der Islam“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Anton Prokesch von Osten versuchte vorurteilslos die vielfältige Kultur des Osmanischen Reiches zu verstehen. Von seinen diplomatischen Posten in Athen und Konstantinopel aus vermittelte er ein Bild des Orients, das gängigen Ansichten der Zeit widersprach. Es war ihm ein Anliegen, darüber zu schreiben, dass der Mensch des Orients kein Barbar, sondern hoher kultureller Errungenschaften fähig sei und dass der Osmane keiner Bevormundung eines fortschrittsgläubigen Europa bedürfe. Durch die Beschäftigung mit den Religionen des östlichen Mittelmeerraums gewann Prokesch-Osten Einsichten in die Funktion der osmanischen Gesellschaft. Sein Verständnis des Islam sicherte ihm konkurrenzloses Vertrauen an der Hohen Pforte. Während in Europa nach dem Krimkrieg ein von Fanatismus und Barbarei gekennzeichnetes Feindbild „des Mohammedaners“ verbreitet und zur Rechtfertigung imperialistischer Politik funktionalisiert wurde, hielt Prokesch-Osten dem Westen ein Gegenbild von sozialer Gesittung und Toleranz entgegen. Wie sich seine Anschauungen vom Islam entwickelten und wie die Wahrnehmung der islamischen Welt im Europa des 19. Jahrhunderts aussah, möchte der Vortragende vorstellen.

Zur Person: Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Byzantinistik, Völkerkunde und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms - Universität Münster, an der Universität Ioannina (Griechenland) und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Franziskaner und Kapuziner in Münster. Magisterexamen 1997, Promotion 2002 mit einer Arbeit über Anton Prokesch von Osten. DAAD-Stipendiat in Wien und in Graz. Seit 1999 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Byzantinistik der Westfälischen Wilhelms - Universität Münster.

 

 

14. März: Karin ZELENY (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Giorgiones "Drei Philosophen’: eine philologische Entschlüsselung“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Giorgiones Gemälde mit den drei Philosophen gilt als eines der rätselhaftesten der Renaissance. Ihre Kleidung ist auffällig: Der Sitzende lässt sich durch sein Gewand als Grieche oder Christ einordnen. Der zweite trägt einen Turban – ein Moslem? Der dritte ist durch gelbe Kleidung als Jude gekennzeichnet. Die bisherige Sicht der Wissenschaft ist gespalten: Wollte Giorgione auf den Dialog mit dem Islam und dem Judentum anspielen? Oder sind drei konkrete antike Philosophen abgebildet? Aber welche? Mit Hilfe von antiker und humanistischer Literatur lässt sich das Rätsel schlüssig lösen.

Zur Person: Studium der Klassischen Philologie, Mittel- und Neulatein in Wien, Diplomarbeit (im Rahmen der ÖAW-Kommission für antike Literatur): Die Göttin Hekate in den Historiae deorum gentilium des Lilius Gregorius Gyraldus, unter bes. Berücksichtigung der Rezeption Hekates in humanistischen Handbüchern und Kommentaren des 16. Jh.; Dissertation: Itali Modi – Akzentrhythmen in der lateinischen Dichtung der augusteischen Zeit. Lektorin im Kunsthistorischen Museum.

 

 

21. März: Martin GIERL (Göttingen - dzt. Gastprofessor am Institut für Geschichte in Wien)
„Wissenschaftsprojektemacherei, Computer und der Staat: Sprats Royal Society, Swifts Lagadian Academy und Leibniz’ Königlich-Preußische Sozietät“
Moderation: Edith Saurer

Abstract: Um 1700 waren die Wissenschaften auf dem Weg. Es ist die Zeit der „wissenschaftlichen Revolution“ hin zur „experimentellen Philosophie“ und zum empirischen Wissen. Die Wissenschaften sollten praktisch werden, hieß es. Es war die Zeit der Akademien, eine Zeit unglaublicher Projektemacherei – und vieles davon ist Realität geworden und Grundlage unserer Lebenswelt. Der Vortrag skizziert mit Sprat, Swift und Leibniz frühaufklärerische Vorstellungen von Wissensorganisation und ihren praktischen Hintersinn im Utopischen, in den Akademien und für den Staat. Man entblöde sich nicht, die Sonne wieder aus den Gurken ziehen zu wollen, schrieb Swift. Alles beruht auf Null und Ein, antwortete Leibniz darauf.

Martin Gierl – zur Person: „Zunächst habe ich mich für den Zusammenhang von Geschichte und Dissens interessiert, dafür wie Konflikte kommuniziert werden und wie dabei Gruppen, Identitäten und Verhaltensmuster entstehen. Daraus ist meine Dissertation Pietismus und Aufklärung. Theologische Polemik und die Kommunikationsreform der Wissenschaft am Ende des 17. Jahrhunderts’ entstanden. Dann habe ich mich für den Zusammenhang von Geschichte und Konsens interessiert, dafür wie Pläne, Planung, Zustimmung und Geltung entstehen, wie Geschichte als Institutionalisierungsprozess funktioniert. Hieraus ist die Habilitation Geschichte und Organisation. Institutionalisierung als Kommunikationsprozess am Beispiel der Wissenschaftsakademien um 1900’ entstanden. Ich habe am Max Planck Institut für Geschichte, Göttingen, am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin, am European University Institute, Florenz, an der Clark Library, Los Angeles, an der Universität Göttingen sowie an der FU-Berlin gearbeitet.“

 

28. März: Árpád von KLIMÓ (Berlin - dzt. Gastprofessor am Institut für Geschichte in Wien)
“Die Habsburgermonarchie und die Nationale Meistererzählung. Österreichische, slowakische, tschechische und ungarische historiographische Identitätskonstruktionen in vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Perspektive“
Moderation: Gernot Heiss

Abstract: Seit dem 19. Jahrhundert entstanden in Europa miteinander konkurrierende oder sich anderweitig aufeinander beziehende nationale historische Meistererzählungen. Vor allem im intellektuellen Umfeld der Nationalbewegungen verfestigten sich solche narrative Grundstrukturen, die als abgehobene Metaebene der konkreten Texte über Geschichte zu verstehen sind. Sie bezogen sich auf ältere, dynastische oder adlig-ständische Muster ebenso wie sie auch Ideen der Französischen Revolution oder der Romantik aufnahmen. Die vier innerhalb der Habsburgermonarchie sich entwickelnden nationalen Meistererzählungen, die sich auf die österreichische, slowakische, tschechische und ungarische Geschichte bezogen, standen in einem sehr engen wechselseitigen, teilweise geradezu komplementären Verhältnis zueinander. Im Vortrag werde ich dieses Beziehungsgeflecht im Bezug auf einige den Meistererzählungen eigene Identitätskonstruktionen und Exklusionen analysieren.

Zur Person: geb. 1964 in Heidelberg, 1995 Promotion im Rahmen des Berliner Graduiertenkollegs "Gesellschaftsvergleich in ethnologischer, historischer und soziologischer Perspektive", 1996-1999 Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und des Collegium Budapest, 2001. Habilitation Freie Universität Berlin, 1999-2003 Wiss. Mitarbeiter
Humboldt-Universität Berlin, 2004 Visting Professor International University Bremen, seit 2004 Projektmitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Veröffentlichungen: "Ungarn seit 1945" (Göttingen 2006), "Rausch und Diktatur" (Hg.
zus. mit Malte Rolf, Frankfurt/M. 2006), "Nation, Konfession, Geschichte. Zur nationalen Geschichtskultur Ungarns im europäischen Kontext (1860-1948)" (München 2003), "Staat und Klientel. Administrative Eliten in Preußen und Italien (1860-1918) (Vierow 1998).


18. April: Marko DEISINGER (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Giuseppe Tricarico, Kapellmeister der Kaiserin Eleonora II. Leben und Werk (1623–1697)“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Mit der Publikation mehrerer um 1650 in Rom gedruckter Werke trat der aus Gallipoli (Apulien) stammende Komponist Giuseppe Tricarico ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Ende 1654 ging er zusammen mit Kardinal G. B. Spada, dessen Kapellmeister er war, von Rom nach Ferrara. Dort übernahm Tricarico den Kapellmeisterposten in der Accademia dello Spirito Santo, blieb aber gleichzeitig im Dienst des Kardinals, der für drei Jahre das Amt des päpstlichen Legaten in der Stadt ausübte. Im August 1657 wurde Tricarico an den Wiener Kaiserhof berufen, um die neu gegründete Hofkapelle der Kaiserin-Witwe Eleonora II. zu leiten. In seiner fünfjährigen Amtszeit schrieb er Kirchenmusik, Sepolcri, Oratorien, weltliche Kantaten und Opern. Einige seiner Werke sind Kaiser Leopold I. gewidmet, dessen Liebe zur Musik die Kaiserin mit musikalischen Unterhaltungen unterstützte. Ende 1662 legte Tricarico sein Amt nieder und trat die Heimreise nach Gallipoli an.

Zur Person: Studium der Geschichte in Klagenfurt und der Musikwissenschaft in Wien, Promotion 2004, Titel der Dissertation: Giuseppe Tricarico, Maestro di Cappella della Maestà dell’Imperatrice. Eine Untersuchung zu Leben und Werk des Komponisten in Wien (1657–1662) mit besonderer Berücksichtigung der „Opere a cappella“. 2005–2007 Forschungsstipendien des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur am Historischen Institut beim Österreichischen Kulturforum in Rom, Thema: Giuseppe Tricarico (1623–1697).

 

 

25. April: Sonia HORN (Wien)
„Continuum Medicum. Ein virtuelles Archiv für die Geschichte
des Gesundheitswesens in Mitteleuropa.“
Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Im Rahmen von zahlreichen Initiativen wird in verschiedenen Kulturinstitutionen – etwa in regionalen Museen – auf das Alltagsleben der Bevölkerung Bezug genommen. Der Umgang mit Gesundheit und Krankheit ist dabei ein wichtiges und interessantes, allerdings auch sehr komplexes Thema. Vielfach finden sich in kleinen Archiven und Museen schriftliche und dingliche Quellen – etwa Testamente, Gerichtsakten, Kauf- oder Heiratsverträge –, die jedoch kaum zugänglich sind. Diese ergänzen die in größeren Archiven vorhandenen seriellen Quellen und verbinden in Listen genannte Menschen mit tatsächlichen Schicksalen. Im Internet können diese verstreuten Quellen zusammengeführt und aufbereitet werden, sodass sich eine Informationsplattform ergibt, die für verschiedenste Fragestellungen genützt werden kann. Der heutige Grenzraum zwischen der Tschechischen Republik, Österreich und Ungarn war in der Geschichte ein in vielfacher Hinsicht zusammenhängender, aber auch getrennter Bereich mit hoher Migration. Dies ist auch der Grund dafür, dass Quellen zur Alltagsgeschichte den Archiven und Museen in verschiedenen Staaten zu finden sind, was deren Benützung jedoch erschwert. Ziel des Projektes Continuum Medicum ist es, Quellen, die den alltäglichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit veranschaulichen, im virtuellen Raum zusammen zu führen, zu erschließen und mit Erklärungen zu versehen, um diese für verschiedene Zielgruppen zugängig zu machen. Partner im Projekt „Continuum Medicum“ sind die Abteilung für kulturelles Erbe der Medizinischen Universität Wien, das Archiv der Karlsuniversität Prag und die Erzabtei Pannonhalma.

Zur Person: Studium der Medizin an der Universität Wien (Dr. med.), Studium der Geschichte an der Universität Wien (Mag. phil., Dr. phil.). 1983-1989 studentische Mitarbeiterin in tumordiagnostischen und mikrobiologischen Projekten der 2. Chirurgischen und der 1. Medizinischen Universitätsklinik Wien, 1989-1995 drittmittelfinanzierte Assistentin am Institut für Geschichte der Universität Wien, anschließend Turnusärztin, 2002-2004 Gastprofessorin am Lehrstuhl für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der ELTE Budapest, 2003-2006 Herta Firnberg Stipendiatin am Institut für Geschichte der Medizin der medizinischen Universität Wien, 2004 Habilitation im Fach „Geschichte der Medizin“ (ao. Univ.-Prof.); 2004, 2005 und 2006 Visiting Scholar Department for History and Philosophy of Science, Univ. Cambridge. Seit Oktober 2006 Kulturgüterbeauftragte der medizinischen Universität Wien und Leiterin der Abteilung für kulturelles Erbe.

Im Anschluss lädt das Team von "Continuum medicum," zu einem Glas Wein aus den Kellereien der Erzabtei Pannonhalma ein.

 

 

2. Mai: Heide DIENST (Wien)
Moderation: Edith Saurer

Achtung: Geändertes Thema!

„Sic igitur iste Heinricus dictus, Joch sam mier Got’ factus est primus dux Austrie“.
Zum Transfer bayerischer Errungenschaften nach (Nieder-)Österreich um die Mitte des 12. Jahrhunderts und zur historiographischen und politischen Verarbeitung der Ereignisse vom September 1156 in Österreich bis zur Gegenwart.

Manches von dem, was der bayerische Herzog Heinrich (1141-1156) in seinem Herzogtum und in dessen Hauptstadt Regensburg kennen und schätzen gelernt hatte, verpflanzte er in das kleine neue Herzogtum, wie etwa Münzprägung, Stiftung eines Klosters für „Schotten“mönche und Anlage einer Burg im Areal des alten Römerlagers Vindobona, wichtige Elemente für die allmähliche Stadt- und Residenzwerdung von Wien. Anhand von Bild- und Textbeispielen werden diese Tatsachen veranschaulicht werden. Das zweite Hauptaugenmerk ist auf die historiographische Verarbeitung und ideologischen Besetzung der Vorgänge von 1156 gerichtet, Vorgänge, deren Wahrnehmung und interpretatorische Vereinnahmung für aktuelles Selbstverständnis und für aktuelle Ideologien in Österreich durch Jahrhunderte durch das Privilegium maius bzw. den Maius-Komplex geprägt war und zum Teil heute noch ist. Einzelne Aspekte dieses umfangreichen Fragenkomplexes werden in Quellenanlysen in dem Vortrag zur Sprache kommen.

 

 

9. Mai: Benjamin SCHELLER (Berlin)
„Wo einstmals die Judayca war“. Räume und Identitäten konvertierter Juden und ihrer Nachkommen im spätmittelalterlichen Süditalien.
Moderation: Dana Cerman-Stefanova

Abstract: Um das Jahr 1292 kam es auf dem süditalienischen Festland zu einem Ereignis, das einen Einschnitt in der Geschichte Europas bedeutete, dennoch aber auf keiner Zeittafel zur europäischen Geschichte zu finden ist: zur ersten Massenkonversion von Juden zum Christentum. Der Vortrag fragt nach den Konsequenzen dieser Massenkonversion für Räume und Identitäten der Konvertiten und ihrer Nachkommen und nach den Wechselbeziehungen zwischen Räumen und Identitäten. Dabei geht es vor allem um die Frage, inwiefern räumliche Ordnungen und ihr Wandel die Inklusion der Konvertiten und ihrer Nachkommen in bzw. ihre Exklusion aus der christlichen Gesellschaft auf der einen Seite widerspiegelten, auf der anderen Seite aber auch produzierten.

Zur Person: Studium der mittleren und neueren Geschichte, der Soziologie und Politologie an den Universitäten Frankfurt am Main, an der Freien Universität und an der Humboldt-Universität Berlin 1990-1995. Promotion im Fach Mittelalterliche Geschichte 2002 mit einer Arbeit zum Thema: „Memoria an der Zeitenwende. Die Stiftungen Jakob Fuggers des Reichen vor und während der Reformation (ca. 1505 bis 1555)“ (erschienen 2004). Seit 2002 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Mittelalter I (Prof. Borgolte) am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. Derzeit Gastwissenschaftler als Fedor-Lynen Stipendiat der Alexander von Humboldt Stiftung am Centro Interdipartimentale di Studi Ebraici, Università degli Studi di Pisa. Gegenwärtiges Forschungsprojekt: „Zwischen Inklusion und Exklusion: Konvertierte Juden und ihre Nachkommen im Königreich Neapel des späten Mittelalters (1292 bis 1514)”

 

 

16. Mai: Studierende des Forschungsseminars an der Universität Wien / Institut für Geschichte (Wien) –
in Kooperation mit dem IEFN

„Der Wiener Hof im Spiegel der Zeremonialprotokolle“
Moderation: Irmgard Pangerln, Martin Scheutz und Thomas Winkelbauer

Abstract: Das Leben am Wiener Kaiserhof ist in vielen Bereichen erstaunlich schlecht erforscht, sodass etwa nicht klar ist, wie man bei Hof im 17. und 18. Jahrhundert Weihnachten feierte, wie Geburtstage begangen wurden oder wie man die Feste der (alten und neuen) Landesheiligen sowie der länderübergreifenden „Staatsheiligen“ (Joseph von Nazareth, Johannes von Nepomuk) beging. Auf der Grundlage der seit 1652 geführten und im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv aufbewahrten Zeremonialprotokolle, in denen der protokollarische Ablauf bei Hof schriftlich und mitunter sogar bildlich festgehalten wurde, wird diesen und anderen Fragen exemplarisch nachgespürt. Im Mittelpunkt eines aus einem Forschungsseminar an der Universität Wien hervorgegangenen Bandes der Reihe „Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte“, der beim Jour fixe präsentiert wird, stehen unter anderem die folgenden Themen: höfische Kommunikation und Repräsentation; die Öffentlichkeit des Hofes und das Zeremoniell bei Prozessionen, Schautafeln, Kirchgängen usw.; die differenzierte Beteiligung der einzelnen Hofämter; die Kommunikation von Hof und Untertanen; die Zeichenhaftigkeit des höfischen Handelns; etc. In einem umfangreichen Quellenanhang werden erstmals die Instruktionen für die Inhaber verschiedener Hofämter (vom Obersthofmeister abwärts) sowie mehrere Ordnungen (Kammerzutrittsordnungen, Hofklagsordnungen/Hoftrauerordnungen) etc. ediert und damit der internationalen Hofforschung zugänglich gemacht.

Zu den Personen: Johanna Atzmannstorfer, Studium: Geschichte (Diplom); Adam Christian, Studium: Geschichte (Diplom); Philipp Dittinger, Studium: Geschichte (Diplom); Ruth Frötschel, Studium: Geschichte (Diplom); Michaela Kneidinger, Studium: Geschichte (Diplomstudium) und Slawistik (Tschechisch); Hansdieter Körbl, Studium: Geschichte (abgeschlossenes Diplom), derzeit Doktoratsstudium, abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften; Irene Kubiska, Studium: Geschichte (Diplom) und Romanistik (Spanisch, mit Erasmus-Semester in Spanien); Ines Lang, Studium: Geschichte (Diplom); Stefan Seitschek, Studium: Geschichte, klassische Archäologie, Alte Geschichte/Romanistik (Spanisch); Karin Schneider, Studium: Geschichte (abgeschlossenes Diplom), Ausbildungslehrgang am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, abgeschlossene Dissertation, interimistische Leiterin des Archivs Tulln; Christina Schmücker, Studium: Mittlere und Neuere Geschichte, Erziehungswissenschaft, Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde (Gastsemester in Wien im Rahmen des Sokrates-Austausches aus Bonn); Anna-Katharina Stacher-Gfall, Studium: Germanistik und Geschichte; Roland Starch, Studium: Geschichte (Diplom); Bettina Weisskopf, Studium: Geschichte und Sozialkunde/Geographie und Wirtschaftskunde, Geschichte (Diplom); Dagmar Weltin, Studium: Geschichte (Diplom); Astrid Wielach, Studium: Geschichte (Diplom), Bakkalaureat Hungarologie; Jakob Wührer, Studium: Geschichte (Diplom), Magisterstudium „Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft, Geschichtsforschung“

23. Mai: Gerhard DREKONJA (Wien)
"Raus mit den großen alten weißen Männern - oder wer darf wie über die Dritte Welt schreiben?"
Moderation: Edith Saurer

Abstract: Der Vortragende verwendet die Kontroverse um die (indianisch-guatemaltekische) Nobelpreisträgerin Rigoberta Menchú, um über die neuesten Entwicklungen in der Lateinamerika- und Dritte-Welt-Forschung zu referieren, wo eine junge Generation eine radikale Kritik an der kanonisierten Wissenschaftlichkeit der metropolitanen Führungsuniversitäten vorbringt. Da der Vortragende selber zu den "alten weißen Männern" gehört, flicht er seinen eigenen - mäandernden - Weg, auf der Basis einer langen intellektuellen Vagabondage in Lateinamerika, mit ein.

Zur Person: Gerhard Drekonja, geboren 1939 in Kornat im Lesachtal in Kärnten, Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien, der Cornell-Universität (als Fulbright Stipendiat) und dem Institut für Höhere Studien. In den 1960er, 1970er und teilweise 1980er Jahren verschiedene Tätigkeiten in und über Lateinamerika, als Korrespondent, Entwicklungsexperte, Risk-Analyst und Forscher. Professor an der Universidad de los Andes in Bogotá, Gastprofessor an der Florida International University, "Research Associate" der University of Pittsburgh. Co-Direktor des Ludwig Boltzmann - Instituts für Lateinamerika-Forschung. Seit 1990 Ordinarius für "Außereuropäische Geschichte" an der Universität Wien. Zuletzt erschien sein editorischer Text "Havanna: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft" (LIT Verlag März 2007).

Im Anschluss an den Vortrag von Herrn Prof. Gerhard Drekonja (ca. 19:45 Uhr) lädt das Insitut für Geschichte zu einem kleinen Empfang im Institut für Geschichte im 2. Stock ein.

 

30. Mai: Camilla PRELLER (Wien)
“Mapuche-Indianer vs. Benetton – Die Debatte um das Museo Leleque in Patagonien“
Moderation: Gerhard Drekonja

Abstract: Seit etlichen Jahren steht die Renaissance der Indigenen Lateinamerikas, die inzwischen auch Argentinien erreicht hat, im Brennpunkt des allgemeinen Interesses der Südamerikaforschung. Auch die Mapuche im patagonischen Süden besinnen sich (wieder) auf ihre Identität, was konsequenterweise zu Reibepunkten zwischen den Kulturen führt. Im Zentrum meiner Analyse steht die mehrschichtige, konfliktive Beziehung zwischen den Mapuche und der italienischen Firma Benetton. Die „Estancia Leleque“, der Großgrundbesitz des inzwischen transnationalen Konzerns, befindet sich auf ehemaligem Mapucheland, das die Indigenen – medienwirksam inszeniert – zurückzuerhalten versuchen. Besonders konfliktär ist die Institution des Museo Leleque auf der gleichnamigen Estancia, eine Art Kristallisationspunkt der unterschiedlichen Ideologien und Selbstverständnisse. Denn unter dem Titel „Patagonia – its history“ interpretiert Benetton die Geschichte der Region und spannt den Bogen von den frühen indigenen Wurzeln zur Ära der patagonischen Pioniergesellschaft im frühen 20. Jh.; allerdings aus seiner Perspektive. Wie stellt das Museum die Mapuche dar? Was wird erzählt und was nicht? Inwiefern wird das Museum von den Mapuche und von Vertretern der alternativen Geschichtsschreibung Argentiniens kritisiert? All dies sind Fragen, denen ich in meinem Vortrag Kontur und Interpretation angedeihen lassen werde.

Zur Person: Studium an der Universität Köln von 2001 bis 2004 (Regionalwissenschaften für Lateinamerika); Auslandssemester in Perugia (“Lingua e cultura italiana“) und Salamanca, 2004 Studienwechsel nach Wien (Internationale Entwicklung); im Herbst 2006 eine zweimonatige Forschungsreise nach Patagonien zum Thema „Mapuche vs. Benetton – Identitäten, Territorialitäten und Konflikte in Chubut, Argentinien“; Studienabschluss voraussichtlich 2007.

 

6. Juni: Martin STEFANIK (Bratislava)
„Kriminalität im mittelalterlichen Pressburg“
Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Eine interessante Quelle für die Erforschung der „Unterwelt“ im späten Mittelalter bietet das sog. „Aechtbuch“ aus den Jahren 1435–1519. Das älteste Gerichtsbuch der Stadt Bratislava/Preßburg enthält insgesamt 49 Gerichtsfälle, wovon 48 Straffälle sind. Da es meistens um Mehrfachtäter ging, beinhalten diese Gerichtsfälle 238 Straftaten verschiedenster Art: von Raubmord bis zu Ehebruch und Blutschande, Brandstiftung oder Falschspiel. Am häufigsten (154 mal) sind Raubüberfälle und Diebereien vertreten. Man kann auch die Anfangsformen organisierter Kriminalität beobachten. In zahlreichen Fällen ist es möglich, das weitere Schicksal der weggenommenen Gegenstände zu verfolgen.

Zur Person: Studium des Archivwesens und der Geschichte. 1998 Magister-Abschluss, 2000 Rigorosum, 2003 Doktorats-Abschluss. Seit 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Historischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften. Lehrtätigkeit: 2001/2002 an der Philosophischen Fakultät der Komenius-Universität Bratislava; 2004/2005 Gastdozent für Slowakische Geschichte an der Albert-Ludwigs Universität Freiburg/Breisgau.

 

 

13. Juni: Matteo Burioni (Basel) - in Kooperation mit dem IEFN
„Vasaris ‚rinascite’: Wiedergeburt der Kunst und Bändigung des Bildes?“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Im Vortrag soll die Breite des Renaissance-Begriffes bei Vasari ausgelotet werden: denn „rinascita“ ist keineswegs nur ein historiographischer Terminus, er wird auch mit theologischen Untertönen „risuscitare", mit anthropologisch-naturwissenschaftlichen Anklängen „vivacità“, „vita“ und er ist zudem mit dem memoria- und fama-Gedanken verknüpft. Die Vorstellungen von „Wiedergeburt“ sind also vielfach und in die frühneuzeitlichen Konzepte von Leben, Nachleben, Wiedergeburt und Wiederauferstehung eingebettet. Hier soll angesetzt und gefragt werden, ob Vasari eine konstitutive „Nachträglichkeit“ der Bilder thematisiert (etwa in dem Sinne von Warburgs Nachleben oder Didi-Hubermans „Anachronismus“) oder ob er diese „Nachträglichkeit“ nur durch eine Historisierung „gezähmt“ hat (dies ist die These von Didi-Huberman).

Zur Person: Studium der Kunstgeschichte und Soziologie in Frankfurt am Main und Pisa; 2003–2005 Doktorandenstipendium am Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck-Institut); Promotion 2005 mit einer Arbeit über die Künstlerbiographie der Renaissance; seit Oktober 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Basel im Nationalen Forschungsschwerpunkt Bildkritik.

 

 

20. Juni: Pieter M. Judson (Swarthmore College)
“Ort der Nationsbildung oder der bitteren Enttäuschung? Die Sprachgrenze um 1900”
Moderation: Margarete Grandner

Abstract: In the decades before 1914, nationalists in Imperial Austria labored to transform linguistically mixed rural regions into politically charged language frontiers. They hoped to remake local populations into polarized peoples, and their villages into settings for the kind of political conflict that dominated institutions in the rest of Imperial Austria. But nationalists were often bitterly frustrated by bilingual villagers who preferred cultural mixing and who remained stubbornly indifferent to nationalism well into the 20th century. Using examples from several rural regions, including the Böhmerwald and Südsteiermark, I trace the nationalist struggle to consolidate the loyalty of local populations behind nationalist causes. Whether German, Czech, or Slovene, the nationalists faced unexpected difficulties in their attempt to make nationalism relevant to local populations, and to bind people permanently to one national community. I examine several strategies developed by nationalist activists, from the founding of minority language schools to the importation of colonists from other regions, from projects to modernize rural economies to the creation of local tourism industries. Nevertheless, by 1914, I argue that nationalists had largely failed in their project to nationalize local populations.

Zur Person: Dr. Pieter M. Judson is Professor of History at Swarthmore College (Philadelphia), Editor of the „Austrian History Yearbook“, and author of „Guardians of the Nation: Activists on the Language Frontiers of Imperial Austria“ (2006). He received his Ph.D. from Columbia University in 1987. He has written books and articles on 19th-century liberalism, on the history of gender, on the rise of tourism, and on nationalism and anti-Semitism in the period 1880-1945. His 1996 book „Exclusive Revolutionaries: Liberal Politics, Social Experience, and National Identity in the Austrian Empire 1848-1914“ won prizes from the American Historical Association and the Austrian Cultural Forum. His book „Wien brennt! Die Revolution 1848 und ihr liberales Erbe“ (1998) commemorated the 150th anniversary of the Revolutions of 1848 in Austria. Judson is also the co-editor with Marsha Rozenblit of the book „Constructing Nationalities in East Central Europe“ (2004). Judson has twice received Fulbright Fellowships to Vienna, and in 2000 he was a fellow at Vienna’s Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK). He has also received fellowships from the German Marshall Foundation and the American Academy in Berlin. He serves on the editorial boards of the journals „Central European History“ and „Contemporary Austrian Studies“ and as an advisor to the „Österreichischer Wissenschaftsfonds“.

 

27. Juni: Christian HOLTORF (Berlin) – in Zusammenarbeit mit der ÖAW / Institut für Mittelalterforschung
„Die Beschleunigung der ‚Ströme’: Warum rauschen Telegrafenkabel unter Wasser?“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Die ersten telegrafischen Unterseekabel führten im Vergleich zu Landdrähten zu einem unerwarteten Effekt: Sorgsam telegrafierte Signalströme kamen beim Empfänger als Kauderwelsch an. Um das Rauschen der Kommunikation zu beseitigen, war ein neues physikalisches Verständnis von Elektrizität erforderlich, das nicht mehr von der Kontinuität der Stromleitung ausging, sondern auf der feldtheoretischen Regulation ihrer Geschwindigkeit beruhte. Die Beseitigung des telegrafischen Rauschens zeigt modellhaft, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts Technologien entwickelt wurden, die Kontrolle über die auf vielen Feldern spürbaren Beschleunigungsprozesse gewinnen sollten. Die neuen Techniken wurden durch den Wandel von sprachlichen Zuschreibungen unterstützt: Während der Verlegung der ersten transatlantischen Telegrafenkabel ist ein Übergang von einem mit Metaphern des Blutkreislaufs verbundenen Nachrichtenverkehr zur temporeichen Informationsübermittlung analog zu Nervenbahnen zu erkennen. Der Vortrag fragt, was die Elektrophysik des Atlantikkabels zur Beschleunigung der Gesellschaft beigetragen hat und ob der Nachrichtenstrom zuerst an der falschen Körpermetapher gescheitert ist.

Zur Person: Christian Holtorf, geboren 1968. Studium der Geschichte, Philosophie und Psychologie in Marburg und Berlin. Seit 2000 Wissenschaftlicher Referent am Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Promovierte am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin über das erste transatlantische Telegrafenkabel. Letzte Veröffentlichungen: (Hg. mit Claus Pias): Escape! Computerspiele als Kulturtechnik, Köln/Weimar 2006 (in Vorbereitung); Die Modernisierung des nordatlantischen Raumes: Cyrus Field, Taliaferro Shaffner und das submarine Telegraphennetz von 1858, in: A. Geppert, U. Jensen, J. Weinhold (Hrsg.): Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert, Bielefeld 2005.

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 06/07

 

11. Oktober: Alexander KÄSTNER (Dresden) – in Kooperation mit dem IEFN
„da […] über die Beerdigung derer vorsetzlichen Selbstmörder die Consistoria cognosciren wollen“. Normen und Praxis bei Suizidfällen im frühneuzeitlichen Kursachsen
Moderation: Susanne Hehenberger


Abstract: Selbsttötungen wurden in der Frühen Neuzeit differenzierter beurteilt als weithin angenommen; mithin galten nicht alle „Selbst-Mörder“ als verdammt. Diesen Befund der neueren Forschung aufgreifend wird der Vortrag die Entwicklung von Normen zum Suizid in Kursachsen nachzeichnen. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass Normen immer in komplexen Wechselbeziehungen zu einem bestehenden konkreten Wissens-, Erfahrungs- und institutionellen Hintergrund stehen. Der Vortrag wird das Augenmerk exemplarisch auf Genese und Implementierung eines Mandates „wegen der auf wahnwitzige und melancholische Personen zu führenden Obsicht, und des Verfahrens bey freventlichem Selbstmord“ (1779) legen.
Zur Person: Studium Geschichte und Gemeinschaftskunde für das höhere Lehramt an Gymnasien an der Technischen Universität Dresden 1999 bis 2005; Juli 2005 Erstes Staatsexamen/ Thema der Staatsexamensarbeit: „Das Leid der Frommen und die Verzweiflung der Sünder. Suizid und Suizidversuche in Kursachsen 1547–1756“. Seit September 2005 tätig als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit der TU-Dresden

18. Oktober: Markus VÖLKEL (Rostock)
„Das Netzwerk der Retrospektive.
Vorschau auf eine künftige Globalgeschichte der Historiographie.“

Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract: Immer noch besteht das 'Gedächtnis der Menschheit' in der Regel aus 'Texten'. Das, was davon noch mündlich ist, wächst unaufhaltsam in die Textform hinein. Es scheint nunmehr an der Zeit zu sein, die historiographischen Texte alle Regionen und Zeitschichten zu registrieren und in ihrem Zusammenhang, ihren gemeinsamen Konstitutions- und Rezeptionsformen darzustellen. Da 'Geschichtsschreibung' als eine Zone zwischen 'Literatur' und 'Wissenschaft' anzusehen ist, kann eine globale Geschichte der Geschichtsschreibung nicht darauf verzichten, ihren Gegenstand in den Kontext von Literatur- und Wissenschaftsgeschichte einzubetten. So entsteht allmählich ein globales, für den Vergleich geeignetes Feld in dem künftig ein zunehmend vorurteilsfreier Dialog der historischen Kulturen und 'Gedächtnisse' möglich sein wird.
Zur Person: Jahrgang 1953; Studium der Geschichte, Philosophie und Anglistik in Tübingen 1973/75; Studium der Geschichte und Philosophie in München 1975/83; Promotion im Fach Neuere Geschichte 1983 bei Prof. Hans Schmidt und Arno Seifert mit einer Arbeit über die "Historische Skepsis" (Pyrrhonismus) in Deutschland; 1984/5 Arbeit am Stadtarchiv Augsburg (Ausstellung "Elias Holl"); 1985/90 wiss. Assistent und DFG-Habilstipendiat am Deutschen Historischen Institut in Rom; 1991 Habilitation über "Römische Kardinalsfamilien des 17. Jahrhunderts" in Augsburg (Prof. W. Reinhard); 1991/94 Lehrstuhlvertretungen an der LMU in München; 1992/3 Forschungsstipendiat in Wolfenbüttel; 1994 Berufung auf die Professur für "Europäische Geistesgeschichte und historische Methodologie" an der Universität Rostock. – Forschungsschwerpunkte: Europäische Historiographiegeschichte der Neuzeit (16.-19. Jh.); italienische und westeuropäische Sozial- und Kulturgeschichte; Europäische Hofkultur; Geschichte und Praktiken der Gelehrsamkeit (res publica literaria). – Arbeitsbereiche: Europäische Geistesgeschichte und Historische Methodologie. Die Europäische Geistesgeschichte befasst sich mit dem Entstehen, der Entwicklung und dem Verschwinden von Ideen, Theorien, individueller wie kollektiver Leitvorstellungen (Repräsentationen wie Diskurse) in Europa seit dem Mittelalter und entwickelt ihren Gegenstand im heutigen kulturhistorischen Paradigma. Sie zeigt, wie eine bestimmte Form des Denkens und Empfindens konkretes Handeln beeinflusst hat und umgekehrt von ihm geprägt wurde. Die Historische Methodologie kann als Wissenschaftslehre vor allem der Geschichtsforschung gelten; sie untersucht, kritisiert und systematisiert die Theorie und Praxis des Faches und sorgt damit sowohl für die Eingliederung der Geschichtswissenschaft in die allgemeine Wissenschaftstheorie als auch für die Festigung ihrer besonderen Methoden.

25. Oktober: Wolfgang BURGDORF (München)
„Ein Weltbild verliert seine Welt.
Der Untergang des Alten Reiches und die Generation 1806“

Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract: Der Vortrag bietet eine gänzlich neue Interpretation eines bekannt geglaubten Sachverhalts. Anders als bislang behauptet, ist das Alte Reich 1806 keineswegs „sang- und klanglos“ untergegangen, sondern mit vernehmlichem Getöse, begleitet von den Klagen der Zeitgenossen in allen Teilen Deutschlands. Zudem zeigt der Vortrag, wie Restriktionen der Kommunikation und die Schrecken eines neuen Krieges die Klagen über den Untergang des Reiches erst erstickten und dann in weite Ferne rückten. Ferner geht es um die Tabuisierung des Reichsendes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die gleichzeitigen Versuche der Kompensation und Sublimierung des Reichsverlustes.
Zur Person: Wolfgang Burgdorf studierte Geschichte, Sozialwissenschaften, Philosophie und Pädagogik in Bochum; 1995 Promotion im Fach Geschichte. Nach dem Studium 1991 zunächst Assistent für Mittelalterliche Geschichte in Hamburg; 1992-93 Stipendiat des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz; danach Assistent für Neuere Geschichte in Bochum seit 1996 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität München. 2005 Habilitation in München und seitdem Privatdozent. Publikationen hauptsächlich zur Verfassungsgeschichte des Alten Reiches, zur Aufklärungs- und Akademiegeschichte, zur Frage des nationalen und des europäischen Bewusstseins seit dem Beginn der Neuzeit, zum Untergang der Reichskirche, zur Wahrnehmung verschiedener Völker seit dem Spätmittelalter, zu den Beziehungen Europas und der Türkei. Letzte Monographie: „Chimäre Europa“ Antieuropäische Diskurse in Deutschland (1648-1999), Bochum 1999. Zudem liefert Wolfgang Burgdorf regelmäßig Beiträge für den Rundfunk und für das Feuilleton, z. B. für Die Zeit oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Letztere sind vielfach nachgedruckt und in andere Sprachen übersetzt.


8. November: Verena MORITZ und Hannes LEIDINGER
"Momente, die die Welt verändern". Zur Bedeutung des Ereignisses in der Geschichte.
Podiumsdiskussion mit Gerhard Jagschitz, Erich Klein, Hannes Leidinger, Else Rieger und Karl Vocelka mit Präsentation der Buchneuerscheinung "Die Nacht des Kirpitschnikow" (Wien 2006)

Moderation: Martina Fuchs

Abstract: Die Veranstaltung beginnt mit einer kurzen Lesung aus der Titelgeschichte
des Buches. Es liest Mag. Else Rieger, Autorin und Lektorin des Deuticke-Verlages und Mitarbeiterin des bm:bwk. An die ausgewählten Textpassagen knüpfen sich einige Fragen zur Ereignisgeschichte. Dazu hält der Buchautor Dr. Hannes Leidinger ein Impulsreferat, wo es um das Verhältnis zwischen "Struktur" und "Ereignis" geht sowie um die Bedeutung einer "kurzen Dauer" aus gesellschaftlicher und wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive. Mit der Frage, welche Zugänge zur Problematik des Augenblicks in der Geschichte gefunden werden können, wie Ereignisse definiert oder analysiert werden (semantisches bzw. Medienereignis, Bruch, Kontinuität bzw. kontrafaktische Überlegungen, Aspekte der historischen Biographik, "Ereignistypen", "Faktizität" des Ereignisses, Sinnzusammenhänge und Handlungsabläufe, "kurze Dauer", "Hauptereignisse" und "historische Zeitschichten") leitet Leidinger zu einer Podiumsdiskussion über. An der Diskussion beteiligt sich auch Univ. Prof. Dr. Karl Vocelka, der das "Ereignis" aus kultur- bzw. mentalitätengeschichtlichem Blickwinkel sowie aus der Sicht längerfristiger Entwicklungen seit der Frühen Neuzeit betrachtet und dabei nicht zuletzt auf die Leitgedanken der sogenannten "Annales"-Schule eingeht. Wie sich die "Knotenstruktur" der Geschichte im zeithistorischen Kontext ausnimmt, welche "Hauptereignisse" des 20. Jahrhunderts ins Auge zu fassen sind, wird Univ. Prof. Dr. Gerhard Jagschitz behandeln. Schließlich nimmt Dr. Erich Klein an der Diskussion teil. Klein, Journalist, Buchautor und Übersetzer hat sich u.a. in einer Radio-Rezension ausführlich mit der "Nacht des Kirpitschnikow" befasst.
Zu den Personen: Verena Moritz und Hannes Leidinger, beide geb. 1969, Historiker, Mitarbeit an mehreren wissenschaftlichen Projekten zur Entwicklung Mittel- und Osteuropas
im 20. Jahrhundert, zahlreiche Publikationen zur Geschichte Russlands und Österreichs, der Habsburgermonarchie und der Kommunistischen Internationale.

 

15. November: Elisabeth ZINGERLE (Graz) – in Kooperation mit dem IEFN
„Die Edition des Schriftverkehrs der Grazer Nuntiatur 1599–1602“

Moderation: Andrea Sommer-Mathis

Abstract: Eine Nuntiatur in Graz? Sie bestand von 1580–1622 in der innerösterreichischen Hauptstadt und war als ständige Vertretung des Papstes vor Ort mit kirchlichen aber auch militärischen und politischen Aufgaben betraut. Die insgesamt sechs Grazer Nuntien standen im regelmäßigen schriftlichen Kontakt zum päpstlichen Staatssekretariat. Eben dieser Schriftverkehr, bestehend aus Weisungen und Berichten – angereichert mit ergänzenden Schriftstücken – stellt eine vielfältige Quelle dar, die detaillierte Einblicke in die grundlegenden politischen, kirchlichen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Fragen der Zeit auf regionalem und lokalem Niveau vermittelt. Die in Arbeit befindliche Volltextedition befasst sich mit vier Jahren der Nuntiatur Girolamo Portias, der als Nuntius von 1592–1607 ungewöhnlich lange in Graz residierte und die „heiße“ Phase der innerösterreichischen Gegenreformation als Beobachter, aber auch als aktiv Beteiligter miterlebte.
Zur Person: Studium der Geschichte/Sozialkunde und Deutschen Philologie in Graz, Sponsion 2001; 2001–2003 Lehrtätigkeit am Privaten Gymnasium der Ursulinen in Graz; 2003–2006 insgesamt 22 Monate Stipendiatin am Historischen Institut beim Österreichischen Kulturforum in Rom für die Arbeit an der Edition des Schriftverkehrs der Grazer Nuntiatur 1599–1607; seit 1. Juni 2006 Projektmitarbeiterin an der Historischen Kommission der ÖAW (gefördert durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank)


22. November: Max Paul FRIEDMAN (Florida State University)
„The Function of Anti-Americanism in Transatlantic Relations during the Vietnam War“

Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Successive U.S. administrations tried and failed to elicit substantial European support for the American military effort in Vietnam. Instead, European responses ranged from tepid official statements of support to open resistance. This dissent, manifested privately and publicly by Europeans in official and unofficial contexts, was characterized by U.S. officials as anti-Americanism: an irrational stance rooted in age-old prejudice and hostility to America and American values. Was anti-Americanism the source of opposition to the war in Vietnam? This paper analyzes European records, including declassified documents, to try to understand the perspective of those who criticized American policies. Rather than prejudices and the classic anti-American tropes one encounters in literature and propaganda of the far right and far left throughout the twentieth century, these records indicate sober assessments of politico-military conditions and an acute sense of the historical experience of colonialism. Anti-Americanism appears to have served an important function in transatlantic relations, not as a generator of opposition to U.S. policies, but as a distorting concept that led U.S. officials to falsely ascribe conflicting opinions to irrationality, preventing them from listening to critiques from their NATO allies and weighing them on their own terms. This study has important implications for similar divergences over international affairs in the twenty-first century.
Zur Person: Max Paul Friedman is Associate Professor of History at Florida State University. In recent years he has been an Alexander von Humboldt Fellow and a Jürgen Heideking-Fritz Thyssen Fellow at the Universität Köln. A practitioner of international history, he has done archival research in France, Germany, Great Britain, Italy, Switzerland, Argentina, Brazil, Colombia, Costa Rica, Ecuador, Guatemala, Mexico, and the United States. His first book, Nazis and Good Neighbors: The United States Campaign against the Germans of Latin America in World War II (Cambridge University Press, 2003), won the Herbert Hoover Book Prize in U.S. History and the A.B. Thomas Book Prize in Latin American Studies, and a chapter won the Amos Simpson Prize in European History. He is writing a book about anti-Americanism and U.S. foreign policy.

 

29. November: Angelika SCHASER (Hamburg)
„Jede Seele ist wie ein Gefangener, der selber sein Schloss sprengen muss“. Zu den Um- und Aufbrüchen in den autobiographischen Texten Elisabeth Gnauck-Kühnes
(Vortrag im Rahmen der Forschungsplattform "Neuverortung der Frauen- und Geschlechtergeschichte im veränderten europäischen Kontext: Vernetzung - Ressourcen - Projekte")

Moderation: Edith Saurer

Ausgehend von den neueren religions- und konfessionsgeschichtlichen Arbeiten, die durch die provokante These Olaf Blaschkes vom langen 19. Jahrhundert als dem „zweiten konfessionellen Zeitalter“ nochmals Auftrieb erhalten haben, ist davon auszugehen, dass auch im säkularisierten Zeitalter die religiöse Einstellung, der Glaube und die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft einen größeren Stellenwert für das Individuum besaßen, als ihnen in der modernen Sozialgeschichtsschreibung bislang zugestanden wurde. Welche Bedeutung religiöse Konversionen für das Personkonzept von Konvertiten haben konnten, soll am Beispiel der bekannten Frauenrechtlerin und Sozialreformerin Elisabeth Gnauck-Kühne (1850-1917) untersucht werden.
Angelika Schaser, seit 2001 Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und seit 2004 Projektleiterin in der DFG-Forschergruppe 530 „Selbstzeugnisse in transkultureller Perspektive". Ihre Forschungsschwerpunkte liegen zur Zeit im Bereich der Frauen- und Geschlechtergeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Bei den Konversionen im säkularisierten Zeitalter handelt es sich um ein neues Projekt.
Publikationen u. a.: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft (= L´Homme Schriften, Bd. 6), Köln, Weimar 2000; Käte Hamburger. Zur Aktualität einer Klassikerin. Hg. zusammen mit Johanna Bossinade (= Querelles, Bd. 8), Göttingen 2003; Erinnerungskartelle Zur Konstruktion von Autobiographien nach 1945, Hg., Bochum 2003; Frauenbewegung in Deutschland 1848-1933, Darmstadt 2006.

 

6. Dezember: Herbert KLEINLERCHER (Wien)
„Europäische Monarchie-Projekte in der Neuen Welt, 1807 – 1867“

Kommentar: Thomas Fröschl
Moderation: Birgitta Bader-Zaar

Abstract: Die Emanzipation der spanischen und portugiesischen Kolonien in der Neuen Welt betraf nicht nur ihre europäischen Mutterländer sondern berührte auch die Interessen der führenden europäischen Mächte. In der „Südamerikanischen Frage“ engagierten sich nach dem Ende der napoleonischen Kriege neben Großbritannien vor allem die Mitglieder der Heiligen Allianz, Russland, Frankreich, Österreich und Preußen, die, in Verfolgung des „Legitimitätsprinzips“, zunächst vehement für die Aufrechterhaltung des Kolonialstatus eintraten. Dabei spielte nicht nur die Politik der Wiederherstellung/Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der europäischen Mächte eine maßgebliche Rolle sondern auch die Befürchtung, dass die republikanische Verfassungsform der Vereinigten Staaten, die sie sich in der Neuen Welt durchzusetzen begann, das Ende der europäischen Monarchien bedeuten könnte. Mit den Monarchie-Projekten in Lateinamerika verfolgten die europäischen Monarchien das Ziel die gebietsmäßige Ausdehnung der Vereinigten Staaten und die Ausbreitung des republikanisch-demokratischen Systems durch einen „cordon sanitaire“ konstitutioneller Monarchien zu verhindern. Während des Kampfes zur Erreichung der Unabhängigkeit ging die Initiative zur Errichtung von Monarchien in vielen Fällen auch von der kreolischen Elite aus, die glaubte, mit der monarchischen Regierungsform und dem Prestige, das einem Monarchen von der Bevölkerung entgegen gebracht wurde, die bestehende Anarchie überwinden zu können.
Zur Person: 1962 Abschluss des Studiums an der Hochschule für Welthandel in Wien. Berufstätigkeit als Mitarbeiter eines internationalen Konzerns. Nach dem Ende der Berufstätigkeit Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Wien. Diplomarbeit zum Thema „Die Habsburgermonarchie und die Vereinigten Staaten, 1815-1861“.

 

13. Dezember: Alfred WEISS (Salzburg) – in Kooperation mit dem IEFN
„Josephinismus in Salzburg? Das Beispiel der kirchlichen Reformtätigkeit“

Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Obwohl der Begriff Josephinismus nicht bloß auf die staatskirchlichen Reformen der theresianisch-josephinischen Regierungszeit eingeengt werden soll, erscheint es sinnvoll, die Frage nach einem derartigen Modell im Erzstift Salzburg gerade anhand der planmäßig durchgeführten Erneuerung im religiös-kirchlichen Bereich zu stellen. In Salzburg regierte seit März 1772 der in Wien geborene Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo, der dank des Einflusses Maria Theresias bereits 1761 zum Bischof von Gurk ernannt worden war. Trotz seiner Verbundenheit zu und zugleich Abhängigkeit von Österreich gelang es ihm, einen eigenen Regierungsstil zu entwerfen.
Zur Person: Studium der Geschichte und Sozialkunde, Philosophie, Pädagogik und Psychologie (Lehramt) in Salzburg, Doktorat 1993, Assistenzprofessor am Fachbereich Geschichts- und Politikwissenschaft der Universität Salzburg seit 2001, Forschungsschwerpunkte: Österreich in der Frühen Neuzeit, Geschichte der Armut und der Kriminalität, Regionalgeschichte.

 

10. Jänner: Sandra EDER (Baltimore/Wien)
„The Birth of Gender. „Hermaphroditen“ Forschung am Johns Hopkins Spital in den frühen 1950er Jahren und die Entstehung des Genderbegriffs.“

Moderation: Andrea Griesebner

Abstract: Um 1955 prägte ein Team von ÄrztInnen, EndokrinologInnen und PsychologInnen an der Klinik für pädiatrische Endokrinologie des Johns Hopkins Spitals (Baltimore, USA) erstmals den Begriff „Gender Role.“ Im Zuge ihrer Arbeit mit Kindern mit ambivalenten Geschlechtsmerkmalen bzw. „Hermaphroditen“ kamen sie zu dem Schluss, dass das Geschlecht, in dem die Kinder jeweils erzogen werden sollten, unabhängig von hormonellen und genetischen Faktoren gewählt werden konnte. Die „Gender Role“ ihrer PatientInnen war letztlich nicht von biologischen Faktoren abhängig. Diese Neukonzeption von Geschlecht wurde jedoch nicht vorrangig vom Interesse an der biologischen Differenz von Männern und Frauen vorangetrieben, sondern von den großen Fragen der zeitgenössischen Psychologie und Biomedizin. Eine genauere Analyse der Arbeiten von Dr. John Money, Leiter des psychologischen Teams zeigt, dass Schlüsselthemen wie die Beziehung von Körper und Geist, die Forschungsausrichtung nachhaltig beeinflussten. „Hermaphroditen“, die einen großen Gegensatz zwischen körperlichem Geschlecht und „Gender Role“ zeigten, schienen ideal für die Erforschung der Beziehung von Körper und Geist. Zusätzlich wurde die Forschung von den klinischen Notwendigkeiten (Diagnose, Behandlung) und dem tagtäglichen Umgang mit PatientInnen nachhaltig beeinflusst. Die Entstehung des Genderbegriffs muss daher im Kontext mit diesen theoretischen und praktischen Herausforderungen verstanden werden.
Zur Person: Sandra Eder, Mag.a Phil. am Institut für Geschichte der Universität Wien und MA in American Studies an der Columbia University (New York), wo sie als Fulbright Stipendiatin war. Zur Zeit Ph.D. Candidate am Institut für Medizingeschichte der Johns Hopkins University, Baltimore, USA, und Forte Stipendiatin. Lehraufträge in Wien und Baltimore; Forschung zur Sexualitäten- und Geschlechtergeschichte, speziell zu Sexualität und Geschlechtsdifferenz in der amerikanischen Biomedizin.

 

17. Jänner: Martin KRUMMHOLZ (Prag) – in Kooperation mit dem IEFN
„Kavaliersreisen und Mäzenatentum der Grafen Gallas“

Moderation: Friedrich Polleross

Abstract: Der Aufstieg der zuvor ziemlich unbedeutenden Trienter Adelsfamilie Gallas hängt eng mit den gesellschaftlichen und historischen Gegebenheiten der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zusammen. Die Vermögensgewinne des Generals Mathias Gallas wuchsen direkt proportional zu dessen steiler Militärkarriere – beide auf Kosten Albrechts von Wallenstein. Die in Böhmen ansässigen Nachkommen des Generals verkauften die alten Trienter Besitztümer und vermehrten den neuen böhmischen Grundbesitz systematisch, sodass dieser seinerzeit zu den größten adeligen Dominien Böhmens gehörte. Der Vortrag wird vor allem den Kavaliersreisen der drei böhmischen Generationen der Grafen Gallas gewidmet sein. Die erste betrifft die zwei Söhne des General Mathias Gallas – Franz Ferdinand (1635–1697) und Anton Pankraz (1638–1695, Reise 1657/59), die zweite den künftigen kaiserlichen Diplomaten Johann Wenzl Gallas (1669–1719, Reise 1688/91) und die dritte den letzten männlichen Angehörigen der Familie, den Grafen Philipp Joseph 1703–1757, Reise 1722/23). Der Vortrag stellt ein Kapitel meines Dissertationsprojektes „Die Grafen Gallas. Barock-Kavaliere und Mäzene (1630–1757)“ dar, in dem die unterschiedlichen Karrieretypen der einzelnen Personen und die Residenzstruktur der Gallaschen Familie analysiert werden sollen.
Zur Person: Studium der Kunstgeschichte an der Karlsuniversität in Prag sowie an den Universitäten in Florenz und Wien; 2005 Rigorosum (PhD.), Univerzita Karlova, seither Postgradual-Studium der Kunstgeschichte. Berufliche Tätigkeiten u. a. im Archiv der Hauptstadt Prag sowie im Institut für Kunstgeschichte der Akademie der Wissenschaften. Dissertation: Die Grafen Gallas als Kavaliere und Kunstmäzene. Publikationen (Auswahl): Kalvárie života a díla Vilíma Amorta, in: Umení 2004, 372–381; Wachovy plány a puvodní dispozice Clam-Gallasova paláce, in: Zprávy památkové péce 2005, 344–351; Obrazová sbírka Jana Václava Gallase, in: Umení 2005, 273–285.

24. Jänner: Raffaella SARTI (Università degli Studi di Urbino)
Käthe-Leichter-Gastprofessorin am Institut für Geschichte
Moderation: Edith Saurer

Der echte Diener. Zur Geschichte des häuslichen Dienstes in Europa ab 17. Jahrhundert
1697 wurde in der italienischen Stadt Bologna eine Bruderschaft von Dienstboten gegründet. Bald agierte sie wie eine Zunft, die alle Dienstboten der Stadt in der Öffentlichkeit vertrat. Obwohl ihr nur relativ wenige Diener angehörten, legte sie fest, wer als Diener galt. Während die Bruderschaft im 18. Jh. im Hinblick auf Mitgliederzahlen und auf ihre Rolle in Bologna zunahm, erfuhr sie im 19. Jh. allmählich einen Niedergang, der am Ende des 19. Jh. zu ihrem Verschwinden führte. Die Gründe für ihren Niedergang lagen darin, dass die Bruderschaft an einem „altmodischen“ Konzept des Dieners festhielt. Beispielsweise wurden weibliche Dienstboten nie als Mitglieder angenommen – eine Entscheidung, die in der Epoche der Verweiblichung des häuslichen Personals unvermeidbar negative Konsequenzen haben sollte. In dem Vortrag wird die Geschichte der Bruderschaft von Bologna als Zugang zu einer vergleichenden Geschichte des häuslichen Dienstes in Europa behandelt. Besondere Aufmerksamkeit wird sich dabei auf jenen Prozess richten, der das Dienen zu einer typisch weiblichen Arbeit werden ließ. Es wird auch ein Blick auf die Entwicklung im 20. Jh. geworfen.
Zur Person: Studium in Bologna, Turin und Florenz; 1998-2000 Marie Curie Fellow in Paris und danach membre associé am Centre des Recherches Historiques in Paris; ab 2001 Forscherin an der Universität Urbino. Publikationen: Vita di casa. Abitare, mangiare e vestire nell'Europa moderna (Roma-Bari, Laterza, 1999), übersetzt in verschiedenen Sprachen, unter denen English: Europe at Home. Family and Material Culture 1500-1800 (New Haven-London, Yale University Press, 2002); Patrie e Appartenenze, hg. von M. Palazzi, R. Sarti u. S. Soldani (Genesis. Rivista della Società Italiana delle Storiche, I, 2002/1); Servizio domestico, migrazioni e identità di genere in Italia dall'Ottocento a oggi, hg. von J. Andall u. R. Sarti (Polis. Ricerche e studi su società e politica in Italia, XVIII, 2004/1); Proceedings of the Servant Project, hg. von S. Pasleau u. I. Schopp, mit R. Sarti (Liège, Éditions de l'Université de Liège, 2006); Nubili e celibi tra scelta e costrizione (secc. XVI-XIX), hg. von M. Lanzinger u. R. Sarti, (Udine, Forum, 2006, im Druck).

 

31. Jänner: Nicolas ROBIN (Jena)
„Zur Theoretisierung der wissenschaftlichen Kommunikation in der Botanik um 1800“

Moderation: Marianne Klemun

Abstract: Die Entstehung der Botanik als wissenschaftliches Fach mit Akteuren, Zielstellungen und Werken geht auf die Zeit um 1800 zurück. Ihren theoretischen Ursprung fand die Botanik in der Lehre der Materia medica sowie in den ersten Schritten der biologischen Empirie. Ihre soziologische Struktur stützte sich auf die intellektuellen Strömungen der Aufklärung und der République des Lettres. Amateure, Dilettanten und Fachbotaniker konnten sich in einer europäischen Austauschkultur entfalten, in der ein reger Transfer von Wissen, Erfahrung und Material stattfand. Aufgrund dessen gehen wir davon aus, dass in der Zeit um 1800 die Kommunikation der Hauptkatalysator des Entstehungsprozesses der botanischen Theorien war und gleichzeitig die fachliche Positionierung der botanischen Praxis in der europäischen institutionellen Wissenschaftslandschaft vorantrieb. Ich möchte im Folgenden die Räume des Wissens und der botanischen Kommunikation von den botanischen Gärten bis hin zu den exotischen Naturlandschaften beschreiben. Indem ich auf den Begriff der wissenschaftlichen Kommunikationsverdichtung und die Idee einer Wahrnehmungskultur zurückgreife, versuche ich darüber hinaus ein dynamisches Bild der Wissenschaft zu zeichnen.
Zur Person: geb. 1977, 1999 Mag., Biologe der Université de Paris VI, 2000 Dipl. Museologe des Museum National d’Histoire Naturelle Paris, 2000-2003 Doktorand im Fach Geschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales Paris, 2003 Promotion mit einer Dissertation über die Geschichte der botanischen Netzwerke um 1800, Biographie des Naturforschers J.-B. Mougeot (1776-1858). Seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller Universität Jena und Autor mehrerer Aufsätze über die Geschichte der Botanik um 1800.

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im SS 06

 

8. März: Andreas GUGLER (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Ein kaiserlicher Haushalt“

Moderation: Karl Vocelka

Abstract: 1747 unter Maria Theresia gegründet, war die Mobiliendirektion bis zum Ende der Monarchie für die Ausstattung der kaiserlichen Schlösser mit Möbeln zuständig. Nach 1918 wurde das Mobiliendepot vereinigt mit verschiedenen Hofdienststellen wie der Silber- und Tafelkammer, der Hofküche- und Zuckerbäckerei, dem Hofkeller und der Wäschekammer. Seit den 1920er Jahren sind Teile der Sammlungen in zwei Museen für die Öffentlichkeit zugänglich. Bis heute ist die Institution jedoch auch repräsentativer Ausstatter der Republik Österreich – vom roten Teppich bis zum Staatsbankett.
Zur Person: Studium an den Universitäten Marburg/Lahn und Wien: Volkskunde, Kunstgeschichte und Pädagogik; 1993 Mag. phil.; Diplomarbeit (Volkskunde): Glasveredlung zwischen Tradition und Innovation. 1997–1999 Projektmitarbeit: Studien zu den Festen an den Habsburgerhöfen der Frühen Neuzeit; 1995–2003 freier Mitarbeiter in den Museen des Mobiliendepots Wien, seit 2003 Mitarbeiter in der wissenschaftlichen Leitung des Mobiliendepots.

 

15. März: René TEBEL (Wien)
„Zum Quellenwert von Schiffsdarstellungen auf Karten aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit“

Moderation: Herwig Weigl


Abstract: Schiffsdarstellungen bilden einen auffälligen Bestandteil der nicht-geographischen bildlichen Ausgestaltung alter Karten. Ihr dekorativer Charakter und die zahlreichen stereotypen Abbildungen auf Karten des 17. Jahrhunderts verdecken dabei, dass Schiffsdarstellungen in der europäischen Kartographie des Mittelalters und der Frühen Neuzeit als Teil der Karteninformation fungierten. Sie boten dem Kartenautor die Möglichkeit, sein Publikum mit allgemein bekannten maritimen Sachverhalten oder sogar mit vertiefenden Informationen zu versorgen. Eine Kernfrage dieses Vortrages wird es sein, festzustellen, inwieweit nun der Kartenautor die Information auf den angesprochenen Kundenkreis ausrichtete und welche Möglichkeiten der Auswertung sich hieraus für Historiker und Historikerinnen ergeben.
Zur Person: René Tebel ist Univ. Ass. am Institut für Geschichte der Universität Wien.

 

 

29. März: Alessandro CATALANO und Katrin KELLER
„Die Tagzettel des Kardinals Ernst Adalbert von Harrach (1598-1667). Dimensionen und Schwerpunkte eines Forschungsprojektes“

Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Kardinal Ernst Adalbert von Harrach (1598-1667), Sohn eines bedeutenden Wiener Hoffunktionärs und über 40 Jahre Erzbischof von Prag, war ein Mann mit ausgeprägtem Informationshunger und eben solchem Mitteilungsbedürfnis. Seine geradezu unstillbare Neugier auf die neuesten Meldungen aus der römischen Kurie, von den Kriegschauplätzen seiner Zeit und aus den Gerüchteküchen des Wiener Hofes ebenso wie auf Meldungen von Geburt, Hochzeit und Tod in der adligen Gesellschaft in Wien und Prag ließen ihn zu einem dankbaren Abonnenten zahlreicher Zeitungen und zu einem der wohl produktivsten Briefeschreiber seiner Generation werden. Seine Position im Zentrum eines ausgedehnten Korrespondenznetzes war untrennbar verbunden mit der Produktion und Versendung eigener „Tagzettel“ in italienischer und deutscher Sprache, in denen er Mitteilungen über seinen Tagesablauf mit Informationen aus den verschiedensten Bereichen von Politik, Militär, Kunst und adliger Gesellschaft kompilierte und seinen Korrespondenten und Korrespondentinnen in Rom, Prag, Wien und anderswo zugänglich machte. Seit Juli 2005 befasst sich ein Forschungsprojekt am Institut für Geschichte der Universität Wien mit dieser einzigartigen Quelle; der Vortrag wird inhaltliche Schwerpunkte und Funktionen der Tagzettel sowie die Ziele des Forschungsvorhabens genauer beschreiben.
Zu den Personen: Alessandro Catalano, Slawist und Historiker, 2002 Promotion in Rom, seit 2003 Mitherausgeber der Internet-Zeitschrift eSamizdat, Forschungsschwerpunkte: Geschichte Böhmens, Kulturtransfer (Italiener in Mitteleuropa), Adel in der Frühen Neuzeit
jüngste Publikationen: Sole rosso su Praga. La letteratura ceca tra socialismo e underground (1945-1959). Un’interpretazione (Rom 2004); La Boemia e la riconquista delle coscienze. Ernst Adalbert von Harrach e la Controriforma in Europa centrale (1620-1667) (Rom 2005).
Katrin Keller, Historikerin, Dozentin am Institut für Geschichte, Forschungsschwerpunkte: Adel und Hof in der Frühen Neuzeit, Frauen der höfischen Gesellschaft, Geschichte Sachsens jüngste Publikationen: Hofdamen. Amtsträgerinnen im Wiener Hofstaat des 17. Jahrhunderts (Wien 2005); Katrin Keller / Martin Scheutz / Harald Tersch (Hg.), Einmal Weimar - Wien und retour. Johann Sebastian Müller und sein Wienbericht aus dem Jahr 1660 (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 42, Wien-München 2005)

 

5. April: Renate SCHREIBER (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Erzherzog Leopold Wilhelm. Eine biographische Annäherung“

Moderation: Karl Vocelka

Abstract: 1665 erschien die erste – und bisher einzige – Biographie zu Erzherzog Leopold Wilhelm (1614–1662), verfasst wurde sie vom Jesuiten Nicolo Avancini. Dieses hagiographische Werk prägt bis heute die Beurteilung der Person Leopold Wilhelms. Erzherzog Leopold Wilhelm wurde von seinem Vater, Kaiser Ferdinand II., bereits als Kind zum (mehrfachen) Bischof eingesetzt. Zweimal übertrug ihm sein Bruder, Kaiser Ferdinand III., im Dreißigjährigen Krieg den Oberbefehl über die kaiserlichen Truppen. Neun Jahre übernahm er im Auftrag des spanischen Königs Philipp IV. die Statthalterschaft in den Spanischen Niederlanden. In dieser Zeit trug er in Brüssel eine der bemerkenswertesten Kunstsammlungen zusammen, die sich – zum großen Teil bis heute – im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet. Nach dem Tod seines Bruders stand er – kurzfristig – als dessen Nachfolger zur Debatte. Wie fasste er seine geistlichen Ämter auf? Wie erfolgreich war seine militärische Laufbahn? Besaß er innerhalb der Familie Habsburg politischen Einfluss? Nach intensiven Recherchen in verschiedenen Archiven habe ich versucht, anhand zahlreicher Briefe und anderer Quellen, eine aktuelle Sicht auf den Erzherzog, dem nahezu unbekannten Mitglied des Kaiserhauses, zu ermöglichen.
Zur Person: Studium der Geschichte und Theaterwissenschaft an der Universität Wien (Sponsion 1998, Promotion 2001). Publikation: „ein galeria nach meinem humor“ – Erzherzog Leopold Wilhelm, Wien 2004 (Schriftenreihe des Kunsthistorischen Museums 8).

 

 

26. April: Jérôme SEGAL (Paris/Wien)
“Die Informationstheorie im Spannungsfeld zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg“

Moderation: Mitchell ASH (Institut für Geschichte)
Kommentar: Albert MUELLER (Institut für Zeitgeschichte)


Abstract: Während die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften trotz aller Rufe nach Interdisziplinarität heute immer breiter wird, hatte der Zweite Weltkrieg eine Konstellation geschaffen, in der eine junge wissenschaftliche Theorie eine Annäherung der "two cultures" begünstigte: die Informationstheorie. Sie belebte die alte Idee von der Einheit des Wissens wieder. Ihre Ursprünge liegen in den 1920er Jahren und in drei wissenschaftlichen Bereichen: der Physik, der Statistik und der Telekommunikation. Der Krieg wirkte als Katalysator, denn er verband Personen, Interessen und Fördermittel. Geisteswissenschaften wie die Psychologie oder die Linguistik spielten bei der Entwicklung der Informationstheorie zu dieser Zeit eine wichtige Rolle. Philosophische Bewegungen wie der Strukturalismus waren von diesem Kontext sehr geprägt. Um ein einheitliches „Weltbild" zu formen, fehlte es aber an einer Institutionalisierung. Seit den Siebzigerjahren gibt es Bestrebungen, den kybernetischen Ansatz weiterzuführen, wobei die wissenschaftliche Legitimation dieser Arbeiten umstritten ist. Für den Wissenschaftshistoriker stellt sich die Frage, was der Prüfstein für die Wissenschaftlichkeit dieser Arbeiten sein könne und ob er überhaupt berufen ist, Urteile über wissenschaftliche Arbeiten zu fällen.
Zur Person: geb. 1970, 1993 Dipl.-Ing. der Ecole Centrale de Lyon,1995-1998 Doktorand im Fach Geschichte an der Universität Lyon 2 und am Centre-Marc-Bloch (Berlin). 1998 Promotion an der Universität Lyon 2 mit einer Dissertation über die Geschichte der Kybernetik. 1999-2000 Post-Doc am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin) in der Abteilung von Hans-Jörg Rheinberger, dort Forschungen über die Geschichte von Visualisierungstechniken in der Biologie am Beispiel der Proteinfaltung. Seit 2000 Dozent (maître de conférences) am IUFM in Paris und seit 2001 Forscher am Centre Cavaillès (Ecole Normale Supérieure, Paris). - Autor eines Buchs und von über 20 Aufsätzen (abrufbar unter http://jerome-segal.de).

 

3. Mai: Arno STROHMEYER (Bonn/Gastprofessor am IfG im SS 2006)
„Die Konstruktion des Anderen: Fremdwahrnehmungen von Diplomaten in Europa im 16. und 17 Jahrhundert“

Moderation: Alfred Kohler

Abstract: Die rasche Veränderung der Welt, die Globalisierung, der weltumspannende Massentourismus und transnationale Migrationsbewegungen führen gegenwärtig zu einer Inflation an Fremdwahrnehmungen. Diese sind allerdings kein Spezifikum unserer Zeit, denn es handelt sich um eine Grunderfahrung menschlicher Existenz. Mit der Frage, wie die Menschen in der Frühen Neuzeit Fremdheit erlebten, beschäftigt sich die Forschung schon seit längerer Zeit. Sie blickt dabei besonders auf Reiseberichte, Emigrationswellen und die Perzeption der Neuen Welt. Kaum Aufmerksamkeit schenkte sie jedoch Diplomaten, obwohl diese zu dem sehr kleinen Teil der Bevölkerung zählten, der aufgrund seiner großen geographischen Mobilität tiefgehende kulturelle Brüche zu bewältigen hatten.
Zur Person: Studium der Geschichte und Ethnologie an der Universität Wien; 1992 Promotion 1992, anschließend Mitarbeiter in verschiedenen Forschungsprojekten (seit 1996 in Deutschland), und 2003 Habilitation an der Universität Bonn. Lehraufträge an den Universitäten Bonn, Halle a. d. Saale, Leipzig und Wien. – Forschungsschwerpunkte: Politische Kultur, Internationale Beziehungen und Diplomatiegeschichte des 16.-19. Jahrhunderts mit den Raumbezügen Habsburgermonarchie, Heiliges Römisches Reich, Ostmitteleuropa und Europa.

 

 

10. Mai: Frank BECKER (Münster/Gastprofessor am IfG im SS 2006)
„Der 'Vorgeschobene Posten’ als 'Verlorener Posten’? William Howard Russell und die britische Berichterstattung vom Krimkrieg“

Abstract: Mit dem Krimkrieg beginnt ein neues Zeitalter der Kriegsberichterstattung. Viele Zeitungen entsenden eigene Korrespondenten auf den Kriegsschauplatz, die sich dort relativ frei bewegen können. Eine Zensur ihrer Reportagen findet kaum statt. Die Printmedien bringen ausführliche Berichte, die gefällig erzählt sein dürfen. William Howard Russell ist der bekannteste Pionier dieser Form der Kriegsberichterstattung gewesen. Seine Arbeit und ihr Resonanzraum, die britische Öffentlichkeit, stehen folglich im Mittelpunkt des Vortrags. Dabei soll erstens herausgearbeitet werden, welchen Wahrheitsbegriff die Berichterstattung aus dem Krimkrieg besaß und welche Techniken der Abbildung von Realität sie entwickelte. Zweitens geht es um die Frage, inwiefern sich die neuen Formen der öffentlichen Darstellung und Thematisierung des militärischen Konflikts in eine neue Deutungskultur des Krieges einfügten, die dem Aspekt der „nationalen Identifikation“ größeren Raum verschaffte. Im Krimkrieg entwickelten sich die strukturellen Voraussetzungen für eine solche „nationale Identifikation“, die zwar hier noch keine dominierende Rolle spielten, aber auf die mediale Inszenierung der Nationalkriege der Folgezeit voraus wiesen. Dabei kam auch der Bildberichterstattung durch Einblattdrucke und Illustrierte Zeitschriften eine große Bedeutung zu.
Zur Person: Studium der Geschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Münster. Promotion in einem Graduiertenkolleg zur Historischen Konfliktforschung 1992. 1993/94 Postdoktoranden-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit 1995 Wissenschaftlicher Assistent und Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Münster. Habilitation 1998. Seither Forschungsprojekte zur Kolonialgeschichte (Deutsche Forschungsgemeinschaft) und zur Geschichte von Körperkultur und Sport im 20. Jahrhundert (Krupp Stiftung). Lehrstuhlvertretungen in Münster (2004) und Trier (2005).

 

 

17. Mai: Guido HINTERKEUSER (Berlin) – in Kooperation mit dem IEFN
„Der deutsche 'Reichsstil’ um 1700 – nur eine kunsthistorische Erfindung?“

Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: In seinem berühmten Aufsatz von 1938 „Die politische Bedeutung des deutschen Barocks (Der „Reichstil“)“ konkretisiert Hans Sedlmayr den noch jungen Begriff, indem er ihn mit der politischen Situation in Wien zwischen 1680 und 1705 verknüpft, die er durch ein erstarkendes Reichsbewusstsein gekennzeichnet sieht. Seine eindrücklichste Gestalt habe der Reichsstil in Fischer von Erlachs Entwurf für Schönbrunn gefunden. Die heutige Kunstgeschichte hat Sedlmayrs Theorie „als Wunschbild der 1930er Jahre“(Hellmut Lorenz) abgetan. Doch womöglich ist dieses Diktum nicht weniger zeitbedingt als Sedlmayrs Erklärungsmodell.
Zur Person: Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Italianistik in Köln, Bonn, Florenz und Berlin. 2002 Promotion an der Berliner Humboldt-Universität mit einer Arbeit zum Thema „Andreas Schlüter und das Berliner Schloss“. 1998–2003 tätig in diversen Schlösserstiftungen. Seit 2004 Mitarbeit bei der Erstellung der Rekonstruktionspläne für den geplanten Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Seit 2005 Lehrauftrag an der Berliner Humboldt-Universität.

 

 

24. Mai: Michael HOCHEDLINGER und Anton TANTNER (Wien)
„Von den Klagen des Volcks. Die Habsburgermonarchie am Vorabend der josephinischen Reformen“

Moderation: Martin Scheutz

Abstract: In den Jahren 1770/72 bereisen die Offiziere des Mitregenten Josephs II. die westlichen Gebiete der Habsburgermonarchie; sie sind ursprünglich damit beauftragt, eine Volkszählung – die so genannte Seelenkonskription – sowie eine Hausnummerierung durchzuführen, doch schon bald werden ihre Aufgabengebiete erweitert: Sie sollen die Klagen des Volcks notieren, Berichte verfassen über die soziale und wirtschaftliche Lage in den einzelnen Ländern. Faszinierende Dokumente sind es, die dabei entstehen und die geradezu als Ausgangspunkt der josephinischen Reformen betrachtet werden können. Michael Hochedlinger und Anton Tantner haben diese so genannten „Politischen Anmerkungen“ ediert und werden auf dieser Grundlage einen Einblick in die inneren Verhältnisse der Habsburgermonarchie zur Zeit Maria Theresias und Josephs II. liefern. Edition zum Vortrag: Hochedlinger, Michael/Tantner, Anton (Hg.): „der größte Teil der Untertanen lebt elend und mühselig“. Die Berichte des Hofkriegsrates zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Habsburgermonarchie 1770–1771. (=Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs; Sonderband 8). Wien/Innsbruck/Bozen: Studienverlag, 2005
Zu den Personen: Michael Hochedlinger, geb. 1967, 1995-1999 Referatsleiter in der Forschungsabteilung des Heeresgeschichtlichen Museums, seit 1999 Bestandsgruppenleiter im Österreichischen Staatsarchiv, 2002 Gastprofessor University of St. Andrews, Schottland.
Anton Tantner, geb. 1970 in Wien, im SS 2006 IFK-Auslandsstipendiat in Paris; Homepage mit „Galerie der Hausnummern“ und Publikationsverzeichnis: http://tantner.net; Weblog: http://adresscomptoir.twoday.net

 


31. Mai: Teresa FRISCH-SOTO (Wien)
„Geschichte des Widerstandes in Lateinamerika im Lichte der neuen Regierungen Südamerikas“.

Moderation: Alfred Kohler

Abstract: Der Widerstand in Lateinamerika hat eine über 500jähriger Geschichte. Von den zahlreiche Rebellionen gegen die spanische Krone im XVI, XVII und XVIII Jahrhundert, über die Unabhängigkeitskriege im XIX, bis zu den Guerillas des XX Jahrhunderts, versuchten die Völker Lateinamerikas gegen das Joch des Imperialismus zu kämpfen. Im Zuge des Demokratisierungsprozesses ab den 70er Jahren und nicht zuletzt wegen der Niederlage des meist bewaffneten Widerstandes, wurden Regierungen gewählt, welche auf institutionellem Wege die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und Souveränität realisieren wollen. Manche Versuche, wie der von Salvador Allende in Chile, wurden blutig beendet, andere Länder wurden durch wirtschaftliche Sanktionen, Isolierung und politische Einmischung in der Enge getrieben. Nun scheint der Trend nach linkspopulistischen und sozialistisch gesinnten Regierungen in Südamerika als der Ausbruch einer neuen Epoche am Kontinent, in der wieder versucht wird, im Rahmen des Kampfes gegen den Neoliberalismus und die Globalisierung; ein besseres Leben für die Mehrheiten zu schaffen. So in Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Venezuela und Uruguay.
Zur Person: Teresa Frisch-Soto, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin am Institut für Geschichte der Universität Wien, Studium der Soziologie und Fächer Kombinationen an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos sowie auf der Akademie der Angewandte Kunst in Lima, Peru. Studium der Geschichte in Wien. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wissenschaft und Kunst in Wien, beauftrag mit der Aufbau einer Dokumentationsstelle für Frauenforschung. 1998 Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Karl-Franzens- Universität Graz. Arbeitsschwerpunkt ist die Geschichte Lateinamerikas des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere die Ideengeschichte des Kontinents. Zahlreiche Publikationen über das Thema.

 


7. Juni: Alexandra COOK (Hong Kong)
„Die Herbarien von Jean-Jacques Rousseau: ein Philosoph wirbt für die Botanik“

Moderation: Marianne Klemun

Abstract: Während seines Exils in der Schweiz (1763-65) fing der Genfer Philosoph an, die Botanik zu lernen, und zwar nach dem Muster des schwedischen Naturwissenschaftlers Carl von Linné (1707-1778). Als einer der bekanntesten Philosophen des 18. Jahrhunderts erregte diese Begeisterung Rousseaus für die Botanik großes Aufsehen unter den Zeitgenossen; seine Verehrer bevorzugten Pflanzenstudien, nur um sich dem großen Mann anzunähren.
Rousseau bezeichnete sein Botanisieren als lässig und „paresseux“, aber diese Beschreibung stimmte nicht ganz. Der Botanik widmete Rousseau viel Zeit und Mühe, und er hinterließ mehrere einmalige Herbarien, davon sind noch einige in Montmorency, Chaalis, Paris und Zürich vorhanden. Diese Herbarien wurden sorgfältig und liebevoll angefertigt, sie wurden als eine Art Werbung für die Botanik den Freunden des Philosophen, wie etwa Lamoignon de Malesherbes und Julie Willading-Boy de la Tour, geschenkt. Rousseau beschäftigte sich mit dieser mühevollen Arbeit, weil er erstens glaubte, dass die Botanik vernachlässigt wurde, und zweitens, dass diese Wissenschaft einen moralischen Wert im dekadenten Zeitalter besäße. Er fand ein wichtiges Vorbild in Linné, der 1751 in seinem Werk Philosophia Botanica die Meinung äußerte, ein Herbarium sei besser als irgendein Bild und jedem Botaniker notwendig.
Zur Person: Dr. phil. Alexandra Cook (Jahrgang 1960) studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Philosophie an Wellesley College, der Universität von Virginia und der Cornell Universität. 2000 Veröffentlichung einer kritischen Übersetzung der botanischen Schriften Rousseaus ins Englische (The Collected Writings of Rousseau, Bd. 8, völlig neu nach Prüfung mehrerer Quellen bearbeitet). Sie hat auch mehrere wissenschaftlichen Artikel über Rousseaus Beziehung zur Botanik veröffentlicht; zur Zeit ist ein Buch über die botanische Tätigkeit des Genfer Philosophen (Jean-Jacques Rousseau als Botaniker) in Vorbereitung, die erste vollständige Untersuchung dieses Themas seit dem Werk von Albert Jansen (1885). Derzeit ist sie als Assistant Professor an der Universität von Hong Kong tätig.

 

14. Juni: Gerhard AMMERER und Alfred Stefan WEISS (Salzburg)
„Strafe, Disziplin und Besserung. Österreichische Zucht- und Arbeitshäuser von 1750 bis 1850“ (Buchpräsentation)

Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Im Anschluss an die Forschungen von Hannes Stekl aus den 1970er Jahren und unter Berücksichtigung der neuen Forschungsaspekte der Kriminalitätsgeschichte haben wir in den letzten Jahren gemeinsam mit Elke Hammer-Luza, Helmut Beneder und Martin Scheutz an einem Projekt über die österreichischen Zucht- und Arbeitshäuser gearbeitet, wobei wir neben einem Überblick über die Entwicklung der einzelnen, sehr unterschiedlichen Institutionen vor allem zwei Aspekte besonders untersucht haben: Zum einen den Alltag der Zuchthausinsassen (Arbeit, religiöse Übungen, Speisepläne, Kleidung, Hygiene, Strafen, Belohnungen etc.), zum anderen den um 1800 geführten Gefängnisdiskurs und dessen Auswirkungen in der Praxis (Gesetze und deren Umsetzung, Neuerungen).
Unser Vortrag gliedert sich in drei Teile: Buchvorstellung (Gerhard Ammerer), das Wiener Zucht-, Arbeits- und Strafhaus (Martin Scheutz), Quellen zur österreichischen Zuchthausgeschichte (Alfred Stefan Weiß).
Zu den Personen: Gerhard Ammerer, geb. 1956 in Salzburg, Studium der Geschichte und Sozialkunde, Germanistik und der Rechtswissenschaften, Promotion zum Dr. jur. et Dr. phil. und Anstellung als Universitätsassistent 1985, Habilitation für das Fach Österreichische Geschichte 2000, Ernennung zum ao. Univ.-Prof. 2001, Forschungsschwerpunkte: Österreichische Geschichte der Frühen Neuzeit, Kriminalitätsgeschichte, Geschichte der Minderheiten, regionale Wirtschaftsgeschichte.
Alfred Stefan Weiß, geb. 1964 in Schwanenstadt (OÖ.), Studium der Geschichte und Sozialkunde, Philosophie, Pädagogik und Psychologie in Salzburg, Doktorat 1993, Assistenzprofessor am Fachbereich Geschichts- und Politikwissenschaft seit 2001, Forschungsschwerpunkte: Österreich in der Frühen Neuzeit, Geschichte der Armut und der Kriminalität, Regionalgeschichte.

 

 

21. Juni: Brigitte RATH (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
“Das Lobbüchlein der Weiber“

Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Der Text, der zwischen 1573-1588 in Köln von einer anonymen Autorin in der Tradition der "Querelle des femmes" verfasst wurde, blieb bisher völlig unbeachtet. Die im Text besprochenen Themen werden analysiert und im Kontext anderer Texte interpretiert.
Zur Person: Studium der Geschichte und Soziologie in Graz und Wien, zahlreiche Publikationen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte zu den Themen: Prostitution, Alltagsgeschichte von Ordensfrauen im Spätmittelalter, Kriminalität in der Frühen Neuzeit.

 

 

28. Juni: Anna L. STAUDACHER (Wien)
“Die jüdischen Konvertiten in Wien 1748-1914: Der Übertritt zum Christentum“

Moderation: Gerald Stourzh

Abstract: Etwa 14.000 Juden mögen in Wien im Zeitraum 1748 bis 1914 die Taufe angenommen haben - keine Zwangstaufen, jedoch unter massivem gesellschaftlichen und politischen Druck. Bis zum Jahr 1868 - den Interkonfessionellen Gesetzen - kam die Taufe einem Einbürgerungsverfahren gleich - Juden galten als Fremde. Mit der Taufe waren staatsbürgerliche Rechte, vor allem Rechtssicherheit verbunden. Von der Jahrhundertwende bis hin zum 1. Weltkrieg war ein jüdischer Namen existenzgefährdend - ein Recht auf Namensänderung hatten nach dem Hofkanzleidekret vom 5. Juni 1826 nur Konvertiten: Jüdische Eltern stellten Namensänderungsgesuche für ihre Kinder, nach mehrmaliger Abweisung traten sie selbst und ihre Kinder über: Nicht zur römisch-katholischen Kirche sondern zum Protestantismus. Der Übertritt zur katholischen Kirche war mit einer ehrenrührigen Abschwörungsformel verbunden, welche jene Religionsgemeinschaft diffamierte, der man zuvor angehört hatte, was in gleicher Weise Protestanten, Muslime und Juden betraf. In der Annahme der protestantischen Taufe kam zudem - ohne jedwede Abschwörungsformel - auch die Zuordnung zum deutschen Kulturkreis zum Ausdruck. - Zu diesen 14.000 kommen noch etwa 3000 zwangsgetaufte Kinder - Kinder aus jüdischen Unterschichten, die zur Aufnahme ins Wiener Findelhaus bis zum Februar des Jahre 1868 getauft wurden, zumeist uneheliche Kinder jüdischer Dienstboten, getauft im Wiener Gebärhaus, in den Pfarren der Inneren Stadt und der Vororte Wiens, von wo sie in das Wiener Findelhaus gebracht wurden. Es waren keine ausgesetzten Kinder, vielmehr mussten sie ins Findelhaus abgegeben, da ihre Mütter sogleich nach der Niederkunft wieder in den Dienst zu treten hatten. Zur Person: Studium der Geschichte in Wien, der Politologie und Romanistik in Lausanne und Genf, Mitglied des Institutes für Österreichische Geschichtsforschung, seit 1989 Lektorin am Institut für Geschichte an der Univ. Wien, Projektleiterin einiger Projekte des Fonds zur wissenschaftlichen Forschung zur Geschichte der Juden in Österreich-Ungarn (Datenbank und Biographische Sammlung). Seit 1996 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften - für die Austrian Jewish Biography dem Institut Österreichisches Biographisches Lexikon zugeordnet. Venia Legendi 2000 mit der Habilitationsschrift: Wegen jüdischer Religion - Findelhaus. Zwangstaufen in Wien 1816-1868. Autorin der Konvertitenreihe im Verlag Peter Lang, bisher erschienen: Wegen jüdischer Religion Findelhaus (2001), Jüdische Konvertiten in Wien 1782 - 1868 (2002), Jüdisch-protestantische Konvertiten in Wien (2004) - in Vorbereitung steht die vierte Folge - Jüdische Konvertiten in Wien. Der Übertritt zur katholischen Kirche 1868 - 1908 (1914) in Wien. - Weitere Publikationen: http://homepage.univie.ac.at/Anna.Staudacher

 

Falls Sie in Zukunft keine Zusendungen von "Geschichte am Mittwoch" erhalten wollen, bitten wir Sie, ein Email mit dem Betreff "Abmeldung" an veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at zu senden.

 Organisation und Planung: Thomas Fröschl

Weitere Veranstaltungen
Vorträge der vergangenen Semester

Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 05/06

 

 

5. Oktober 2005 – Alexander HECHT (Wien)
Audiovisuelle Quellen in der Geschichtswissenschaft
Moderation: Karl Brunner

Abstract: Fotografie, Radio, Film und Fernsehen werden in ihrer Bedeutung als Quellen für die Geschichtsforschung immer noch unterschätzt. Zugleich wird die Masse an audiovisuellem Material fast schon unübersehbar. Höchste Zeit also, sich Gedanken über die Auswertung und Interpretation dieses Quellenbestandes im Rahmen der Geschichtswissenschaft zu machen. Wo können bereits bewährte Methoden der Quellenkritik übernommen werden und wo müssen neue Wege der Quelleninterpretation gefunden werden? Zusätzlich soll auch der Frage nachgegangen werden, warum so viele HistorikerInnen den audiovisuellen Massenmedien als Verbreitungsplattform für die Ergebnisse ihre Forschung misstrauen.
Zur Person: geboren 1974 in Wien, Studium der Geschichte und Romanistik (Französisch und Italienisch) an der Universität Wien, Sponsion 1998, Master of Advanced Studies nach Abschluss des Ausbildungskurses am Institut für Österreichische Geschichtsforschung 1998, Promotion 2005 mit einer Arbeit über die audiovisuelle Quellenkunde; seit Juni 1998 Mitarbeiter der Abteilung „Dokumentation und Archive“ des ORF, Dokumentar, Redakteur und Projektmanager für internationale Projekte; seit 2003 Lektor für Mediengeschichte an der Universität Wien

12. Oktober 2005 – Katharina SIMON MUSCHEID (Bern)
"Und welches weib verhuret auff den wein ist, die schleusst allen thugenden die thür zu" Geschlechterordnung, Tugend und Alkoholdiskurs im Mittelalter (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Die mittelalterlichen „Alkoholdiskurse“ widerspiegeln geschlechtsspezifische Wertvorstellungen und Rollenzuschreibungen. Sie liefern insbesondere theologisch und sozial begründete Argumentationsketten gegen das weibliche Trinken. Der von Kirche und Gesellschaft geforderte weibliche Tugendkatalog legt großen Wert auf Mäßigkeit beim Essen und Trinken. Die mittelalterlichen Hausbücher thematisieren „Frau und Alkohol“ in drei Bereichen: als theologisch-moralischen Diskurs, als medizinisch-diätetische Ratschläge; als lebensweltlich-praktische Hinweise für die Konservierung von Wein (Hauswirtschaft).
Zur Person: Studium der Geschichte (Mittelalters und Neuzeit), der Lat. Philologie, der Ur- und Frühgeschichte in Basel. 1982–1989 wissenschaftliche Assistentin. 1986 Promotion bei Prof. F. Graus (Basler Handwerkszünfte im Spätmittelalter). 1999 Habilitation bei Prof. R. C. Schwinges in Bern (Die Dinge im Schnittpunkt sozialer Beziehungsnetze, 14.–16. Jh.). Privatdozentin in Bern. Lehraufträge und Lehrstuhlvertretungen in Bern, Zürich, Freiburg (CH), Luzern.


19. Oktober 2005 – Martina KALLER-DIETRICH/ David MAYER/ Ursula PRUTSCH/ Barbara REISNER (Wien)
Präsentation der Lerneinheiten des Projektes „Lateinamerika-Studien Online“ (LASON) zu Geschichte und Politik Lateinamerikas (ACHTUNG!! "Die Veranstaltung findet ausnahmsweise im HS 23, Juristenstiege, 1. Stock statt.")
Moderation: Gerhard Drekonja

Abstract: Lateinamerika-Studien Online (LASON), das vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (BMBWK) im Rahmen der Initiative Neue Medien in der Lehre (NML) gefördert und am Österreichischen Lateinamerika-Institut verankert wurde, bietet didaktisch aufbereitete Inhalte zu lateinamerikanischen Themen für Lehrende und für Studierende an. Das Ziel besteht in der Schaffung eines virtuellen Lernraumes. Die Lernmaterialien aus den Bereichen Kultur, Geschichte/Politik, Natur und Wirtschaft, die einen interdisziplinären Pool an Wissensinhalten im Netz darstellen, wurden mit der Software Mind Manager erstellt, sind frei zugänglich und miteinander verlinkt. Im Rahmen des Moduls Geschichte/Politik gestaltete Martina Kaller-Dietrich die Lerneinheit „Mais – Ernährung und Kolonialismus in Lateinamerika“, zusammen mit David Mayer „Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert . Ein historischer Überblick“ und zusammen mit Studierenden der Geschichte „Tierra y Libertad. Die Landfrage in Mexiko im 19. und 20. Jahrhundert. Exkursion des Instituts für Geschichte der Universität Wien, WS 2002“. Ursula Prutsch erstellte eine Lerneinheit zu „Brasilien 1889-1985. Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur.“ Barbara Reisner betreute die technische Umsetzung der Lerneinheiten.
Zu den Personen: Martina Kaller-Dietrich, ao.Univ.Prof. Dr., Professorin für neuere Geschichte an der Universität Wien, Forschungsschwerpunkte Globalgeschichte, Ernährungsgeschichte, Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert, Entwicklungstheorien, Projektkoordination der Lerneinheit Politik/Geschichte von LASON David Mayer, Mag.; Studium Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien; Assistent in Ausbildung am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universtität Wien, Mitarbeit am Projekt LASON; Übersetzer von Immanuel Wallersteins „Modern World System III“; Forschungsschwerpunkte Geschichte sozialer Bewegungen (insbes. Lateinamerikas); Ursula Prutsch, Mag. Dr., Gastprofessorin für Neuere Geschichte an der Universität Wien, Mitarbeit an der Lerneinheit Politik/Geschichte von LASON, Forschungsschwerpunkte: Geschichte Lateinamerikas 19. und 20. Jahrhundert, Beziehungen USA - Lateinamerika, Migration, Kulturtransfers Barbara Reisner: Mag., Studium der Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie, seit 2001 am Lateinamerika-Institut beschäftigt, hier u.a. Projektmitarbeiterin bei „Lateinamerika-Studien Online“ (LASON) und „ÖKU Online“ (Ökonomie, Kultur, Umwelt).

9. November 2005 – Sigrid WADAUER (Salzburg)
Mobilität als Zusammenhang von Praktiken (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: „A vagrant – a person without a domicile – gives trouble not only to the police but also to definitions of migration.“ (Charles Tilly). Der Wohnsitz(wechsel) ist zentraler Anhaltspunkt für Migrationsforschung. Nicht zufällig, denn Migrationsforschung entstand im und steht in Zusammenhang mit staatlicher Politik und Verwaltung. Der Vortrag diskutiert Mobilität als einen Zusammenhang von Praktiken von unterschiedlicher Wirksamkeit: von Praktiken, die verschiedene Formen, mehr oder minder mobil/sesshaft zu sein, unterscheiden und hierarchisieren. Unter welchen Bedingungen und in welchen Zusammenhängen sind also Mobilität und Sesshaftigkeit Zwang, Stigma, Abenteuer, Tugend oder Bereicherung? Was ist daran modern, oder aber traditionell und überkommen?
Zur Person: Dr. Phil., Studium der Geschichte in Wien. Forschungsarbeiten zu Autobiographik und Mobilität im Handwerk, Berufsverboten und Entlassungen im Nationalsozialismus, Erwerbsarbeit und Mobilität im Österreich der Zwischenkriegszeit. Seit 2004 Hertha Firnberg-Stelle am Fachbereich Geschichts- und Politikwissenschaft der Universität Salzburg. Publikationen: Die Tour der Gesellen. Handwerk und Biographie vom 18. und bis zum 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M., New York 2005.

16. November 2005 – Hubert WEITENSFELDER (Wien)
„Römlinge“ und „Preußenseuchler“. Konservative, Liberale und der Kulturkampf in Vorarlberg, 1860 bis 1914
Moderation: Rupert Klieber

Abstract: Trotz der frühen Industrialisierung Vorarlbergs und der damit verbundenen Entstehung einer Fabrikarbeiterschaft wie auch einer überwiegend liberalen Schicht von Fabrikbesitzern dominierte in diesem Kronland das konservative (später christlichsoziale) Lager die Politik. Liberale (später Deutschnationale) und Sozialdemokraten waren eher schwach vertreten. Der Vortrag basiert auf mehrjährigen Forschungen und thematisiert anhand einer Reihe von Beispielen die vielfältigen Konfliktfelder zwischen den klerikalen „Kasinern“ und den Liberal-Deutschnationalen, wobei die Letzteren bisher in der Geschichte dieser Region kaum dargestellt wurden. Zur Sprache kommen Auseinandersetzungen um Aspekte der katholisch dominierten Kultur (z.B. Zivilehe, Zivilbegräbnis, Feuerbestattung), Ergebnisse der Naturwissenschaften und literarischer Geschmack (Darwin und der Darwinismus, der Bregenzerwälder Dichter Franz Michael Felder), öffentliche Aufführungen und Auftritte (Theater, Kinematograph, Vorträge), Körperkultur (Tanz, Turnen, Kleidung), der Kampf um die Schule und die Vorherrschaft an den Universitäten, Ausprägungen des Antisemitismus in beiden weltanschaulichen Lagern sowie die wichtige Funktion konstruierter „Geschichten“ für die jeweiligen Anhänger (Jesuiten, Freimaurer, „moderne Sagen“). Weitere Anliegen sind die Einordnung dieser oft sehr lokal bzw. regional geführten Auseinandersetzungen in den Kontext anderer Kronländer und der Versuch, die kleinen Ereignisse und Gesten als Elemente einer allgemeinen „Grammatik“ des Kulturkampfs zu begreifen.
Zur Person: Hubert Weitensfelder, geb 1959 in Dornbirn, Studium in Innsbruck und Graz, in den 1990er Jahren freischaffender Historiker, Univ.Doz. am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, betreut den Sammlungsbereich „Handwerkliche und industrielle Produktionstechnik“ am Technischen Museum Wien. Forschungsschwerpunkte der letzten Jahre: Regional- und Technikgeschichte im 18. bis 20. Jahrhundert (Vorarlberg, Quecksilberbergbau, österreichische Erfinder).

 

 

23. November 2005 – Petra GENTZ-WERNER (Berlin)
Wer schrieb Alexander von Humboldts Kosmos? Über die Arbeitsmethoden eines Genies
Moderation: Mitchell Ash

Abstract: 1845, als der erste Band erschien, war Humboldt bereits 76 Jahre alt. Als der zweite Teil der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war er 78, beim vierten schließlich 89. Der fünfte Band, der ein Fragment und im Wesentlichen das von dem Philologen Eduard Buschmann geschaffene Register enthält, erschien postum. In den ersten zwei Bänden entwarf Humboldt ein „Naturgemälde“, zwei weitere Bände sind neuen Erkenntnissen in Astronomie und den Geowissenschaften gewidmet. Ein fast Neunzigjähriger, der das Weltwissen seiner Zeit auf dem Gebiet von Geologie und Astronomie zusammenfasst? Das macht neugierig und misstrauisch zugleich. Wie schwer Humboldt die Arbeit am Ende fiel, wird durch seine Korrespondenz bestätigt. So hatte er einem Freund schon 1847 geschrieben, dass an die 30 Bücher wegen seiner „lästigen Arbeit zum Cosmos“ ständig bei ihm auf Stühlen aufgeschlagen lägen. Später klagte er, besonders Band III nehme seine Kraft in Anspruch. Der Vortrag basiert auf einer Analyse der Humboldtschen Zettelkästen zum Kosmos, die in seinem Nachlass erhalten geblieben sind. Sie sind die Grundlage für eine Analyse seines Netzwerks und der umfangreichen Hilfe, die er von den bedeutendsten Wissenschaftlern seiner Zeit bekommen hat – Gelehrte haben ihn mit Informationen versorgt, mit ihm über den Titel diskutiert, mehrfach die Druckfahnen korrigiert.
Zur Person: Petra Werner, Privatdozentin an der TU Berlin, Mitarbeit in der Alexander-von-Humboldt-Forschungsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin (frühere Preußische Akademie); Studium der Biochemie in Leipzig, Promotion zur Metabolismusforschung von Fungiziden; Habilitation 1990 zur Sauerstoffatmungstheorie Otto H. Warburgs (Nobelpreis 1931). Nach 1990 Arbeit im Forschungsbereich „Wissenschaftliche Neuvorhaben“ der Max-Planck-Gesellschaft, ab 1994 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften; zahlreiche Arbeiten zu A. v. Humboldt; mehrfache Vortrags- und Forschungsaufenthalte in den USA, Australien, Estland und Japan; Spezialgebiete: Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Publikationen (Auswahl): Ein Genie irrt seltener/Otto Heinrich Warburg- ein Lebensbild in Dokumenten. Weinheim/Berlin 1991, 397 S.; Die Gründung der Königlichen Biologischen Anstalt auf Helgoland und ihre Geschichte bis 1945. Helgoländer Meeresuntersuchungen, Vol. 47 (Suppl.) (1993) 182 S.; Otto Warburg und das Problem der Sauerstoffaktivierung, Marburg 1996, 387 S.; Vitamine als Mythos/ Dokumente zur Geschichte der Vitaminforschung Berlin 1998, 346 S.; Der Heiler. Tuberkuloseforscher Friedrich Franz Lothar Friedmann. Berlin 2000, ca. 300 S. ; Himmel und Erde. Alexander von Humboldt und sein Kosmos. 2004.

  30. November - Susan Zimmermann (Wien/Budapest)
Hausarbeit, Frauenbewegung und die Konflikte um die Zukunft der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Moderation: Edith Saurer

Die Auseinandersetzung mit dem Problem der Hausarbeit und der Haushaltsreform stellte für die verschiedenen Strömungen der sozialdemokratischen wie bürgerlichen Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts keineswegs einen der ‚großen’ Bereiche der Aktivitäten und Diskurse dar. Dennoch lassen sich gerade anhand der Analyse dieser Auseinandersetzung, und ihrer Leerstellen, zentrale Dimensionen der Selbstverortung der Frauenbewegung in den Konflikten um die Zukunft der modernen Gesellschaft herausarbeiten. Im Problemfeld Hausarbeit verbanden sich Fragen der ungleichen geschlechtspezifischen Arbeitsteilung auf das innigste mit Fragen der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit in bezahlte und unbezahlte, kommodifizierte und nicht (unmittelbar) kommodifizierte, erwerbs- und versorgungsorientierte Tätigkeiten und deren ungleicher Beziehung zueinander. Einig waren sich alle Flügel der Frauenbewegung in der Wahrnehmung der zeitgenössischen Lage der Frauen als Gefangene in einem Zwischenland geschlechtspezifisch unvollständiger oder verzögerter Modernisierung, und in der Wahrnehmung dieser Modernisierung als unvermeidlich oder erstrebenswert. Zutiefst uneinig waren sich die Protagonistinnen darin, welchen Beitrag die 'nachholende Modernisierung’ der Frauen zur (Um-)Gestaltung dieser Moderne leisten sollten. Dies hing zentral mit den Unterschieden in der Bewertung des Beitrags der versorgungsorientierten Tätigkeiten zur Gestaltung dieser Moderne und mit den Visionen über deren Zukunft im Rahmen dieser Moderne zusammen.
Susan Zimmermann ist Professor of History an der Central European University (Budapest), am Department of History sowie am Department of Gender Studies, und Gastprofessorin für Österreichische Geschichte an der Universität Wien, wo sie seit vielen Jahren auch im Modul Globalgeschichte bzw. im Bereich der Theorien der Geschichte und der Ringvorlesungen Außereuropäische Geschichte unterrichtet. Ihre Interessen liegen in der vergleichenden politischen und Sozialgeschichte der Habsburgermonarchie mit den Schwerpunkten soziale Politik und politische Bewegungen, und in der Geschichte transnationaler Beziehungen und Arbeitsteilungen mit dem Schwerpunkt Internationalismen im 19. und 20. Jahrhundert. In jüngster Zeit ist erschienen: The Challenge of Multinational Empire for the International Women’s Movement: The Case of the Habsburg Monarchy, in: Journal of Women’s History 17 (2005) 2.

 

 

  7. Dezember 2005 – Ingrid MATSCHINEGG (Krems)
Geschichte spinnen. Möglichkeiten und Herausforderungen netzbasierter Forschung und Lehre (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Unumstritten ist der Erfolg der sog. „neuen Medien“ in der Arbeitspraxis von HistorikerInnen. Wir nutzen das Netz, um an aktuelle Informationen und digitale Ressourcen zu gelangen. Demgegenüber besteht bei der Erstellung von Online-Materialien und Lerninhalten für das Internet noch Distanz. Zu den zukünftigen Herausforderungen zählt es, geeignete Forschungsinfrastrukturen zu schaffen, um verteiltes Wissen zu erschließen. Im Vortrag werden Erfahrungen und Probleme – wie etwa stärkere User-Einbindung, zielgruppengerechte Produktion von Wissensinhalten oder die Möglichkeiten kollektiver Schreibprozesse im Internet – anhand von gegenwärtig laufenden kulturwissenschaftlichen Pilotprojekten (mit zeitlichem Schwerpunkt Spätmittelalter/Frühe Neuzeit) aufgezeigt.
Zur Person: Studium der Geschichte und Germanistik. Lektorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Mitarbeiterin in Forschungsprojekten zur Sozial- und Alltagsgeschichte in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Langjähriger Arbeitsschwerpunkt: Computergestützte Methoden in den Geschichtswissenschaften. Seit 2001 am Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Krems tätig.

 

14. Dezember 2005 – Verena OFNER (Wien)
Der historische Roman: Eine „Zwittergattung“ im Spannungsfeld zwischen Literatur und Geschichtsschreibung? – Grundprobleme des Genres am Beispiel der Exilliteratur
Moderation: Martina Fuchs

Abstract: Seit seinem ersten Erscheinen am Ende des 18. Jahrhunderts ist der historische Roman fortwährend einer Legitimationsdebatte über Berechtigung, Sinn und Zweck der Gattung unterworfen. Literaturkritiker beanstandeten die Verwendung geschichtlicher Fakten im literarischen Werk, wodurch sie die natürlichen Grenzen der Dichtkunst verletzt sahen. Die Historiker wiederum bezweifelten die historische Objektivität der Gattung und bezichtigten den historischen Roman der Geschichtsfälschung und bewussten Täuschung der Leser. Ist der Geschichtsroman also ein „unrechtmäßiger Zwitter“ zwischen literarischer Fiktion und historischen Fakten? Neue Ansätze zur Beurteilung finden sich erst im 20. Jahrhundert, ausgelöst durch einen wahren Boom des Genres während der Exilzeit. Viele Autoren (Heinrich Mann, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, Robert Neumann etc.) wandten sich, vor allem am Beginn des Exils, der umstrittenen Gattung zu. Und auch nun brandete die Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Werke hoch: Sollten sie als Flucht vor den Problemen der Gegenwart oder doch als scharfe Zeitkritik mittels der Geschichte gewertet werden? Über die (bis jetzt sehr spärliche) literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem historischen Roman, über seine Probleme und sein Potential soll im Vortrag ein kurzer Überblick gegeben werden.
Zur Person: Verena Ofner, Mag. phil., Studieum der Germanistik und Geschichte an der Universität Wien (1997-2004), Diplomarbeit zum Thema „Die historischen Romane Robert Neumanns. Eine Analyse“. Seit 2004 Lehrtätigkeit in den Fächern Deutsch und Geschichte am BG/BRG Hollabrunn und am BG/BRG Stockerau.

11. Jänner 2006 – Andreas KAPLONY (Zürich/ Wien)
Das Verkehrsnetz Zentralasiens: Raumgliederung in der mittelalterlichen arabisch-islamischen Geographie
Moderation: Marlene Kurz

Abstract: Zur Zeit schließe ich eine Untersuchung ab, wie die arabischen und persischen Geographen Handel und Verkehr auf einem Teilstück der Seidenstrasse, nämlich in Zentralasien darstellen. Die Fülle der Angaben der Geographen über Import- und Exportprodukte, Entfernungen, Verwaltungseinheiten usw. ist überwältigend. Dabei gehen sie streng geographisch vor: sie behandeln Region für Region, Ort für Ort, verweisen aber häufig auf Parallelen in anderen Regionen und Orten. Im Laufe meiner Arbeit habe ich diese Datenflut in Text und etwa 100 Karten festgehalten – die Visualisierung hat mir sehr geholfen, manche Zusammenhänge zu sehen. In meinem Referat werde ich vorstellen, wie diese alten Geographen den Raum mit den Elementen Landschaft (z.B. Fruchtland, Steppe und Gebirge), Verkehrsknotenpunkte (etwa Städte und Militärklöster), Strassen (Überlandstrassen und Zubringer) und Warenfluss (etwa Sklaven, Felle und Edelmetalle) gliedern.
Zur Person: geb. 1960, 1986-1990 Assistent am Historischen Seminar Zürich, Abt. Alte Geschichte. 1990-1995 Assistent am Institut für Islamwissenschaft Bern. 1994 Promotion in Allg. Geschichte/Arabischer Sprache und Literatur über muslimisch-byzantinische Diplomatie in den Jahren 639-750. 1995-1998 Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds, 2 Jahre Forschungsaufenthalt in Jerusalem. 2001 Habilitation in Islamwissenschaft über den Haram (Tempelberg) von Jerusalem (324-1099). 2001 Forschungsstipendiat der Gerda Henkel-Stiftung und Leiter des E-Learning-Projektes „Arabic Papyrolog School“ (www.ori.unizh.ch/aps). Seit 2004 Ass.Prof. für Islamwissenschaft am Orientalischen Seminar Zürich. Forschungsschwerpunkte: arabische Papyri, arabisch-persische Geographie und Karthographie, Handel und Verkehr auf der Seidenstrasse.

18. Jänner 2006 - Hans-Georg HOFER (Freiburg i.B.)
"Kriegsneurosen. Die Wiener Psychiatrie und der Erste Weltkrieg".
Moderation: Christa Hämmerle

Abstract: In den vergangenen Jahren sind im Zuge kulturgeschichtlicher Herangehensweisen an den Ersten Weltkrieg verstärkt medizin- und körperhistorische Themen bearbeitet worden. Dabei sind auch die Psychiatrie und die „Kriegsneurosen“ in den Fokus der Weltkriegsforschung gerückt. An den Körpern zitternder Soldaten wurde der moderne, industrialisierte Krieg auf eine zutiefst erschreckende Weise deutlich. Gleichzeitig war die Psychiatrie als neue medizinische Spezialdisziplin aufgerufen, diese Phänomene zu benennen, zu erklären und zu behandeln. Hier setzt dieser Vortrag an: Die bisherige Forschung hat – der Studie des Psychoanalytikers Kurt Eissler folgend – die Wiener Psychiater im Wesentlichen als inkompetente und inhumane Therapeuten qualifiziert, die Soldaten mit elektrischen Strömen folterten und zu neuerlichem Frontdienst zwangen. In meinem Vortrag möchte ich zunächst diese moralisch-retrospektive Deutung problematisieren. Das oft zitierte Diktum von den „Maschinengewehren hinter der Front“ (Freud) ist für eine historische Einschätzung der Rolle der Wiener Psychiater nur wenig brauchbar, da es aus dem Kontext jener Deutungskämpfe über die „Wahrheit“ der Kriegsneurosen stammt, die im Krieg und in der Nachkriegszeit zwischen Psychiatern und Psychoanalytikern losbrachen. Wie aber ist mit der Historizität von psychischen Erkrankungen im Ersten Weltkrieg umzugehen? Worüber sprechen wir, wenn wir von „Kriegsneurosen“ sprechen? Und wie kann die Wiener Psychiatrie im Ersten Weltkrieg unter Berücksichtigung kulturhistorischer und komparativer Perspektiven neu bestimmt werden? Auf diese Fragen soll im zweiten Teil des Vortrages eingegangen werden.
Zur Person: Studium und Promotion (Geschichte) an der Karl-Franzens-Universität Graz. 1999/2000 Junior Fellow am IFK in Wien, seit 2000 Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Freiburg. 2004 bis 2005 Visiting Fellow am Centre for the History of Science, Technology and Medicine, University of Manchester. Monographie: Nervenschwäche und Krieg. Modernitätskritik und Krisenbewältigung in der österreichischen Psychiatrie (1880-1920). Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2004.

25. Jänner 2006 – Ralph DOBLER (Rom)
Die Cappella Cerri in Il Gesù - Religion und Repräsentation in der römischen Mutterkirche der Jesuiten (in Kooperation mit dem IFN)

Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Der Vortrag wird die Ausstattung und die Ikonographie der Cappella Cerri in der römischen Mutterkirche der Jesuiten vorstellen. Form und Inhalt werden aus dem sozialen Kontext ihrer Entstehung heraus erklärt. Hierbei ist zu zeigen, wie sich die verschiedenen, teils komplementären Intentionen der beteiligten Parteien und die entsprechenden Funktionen des kleinen Sakralraums auf die Dekoration auswirkten. Aufgrund einer günstigen gesellschaftlichen Konstellation konnten in der Familienkapelle die Spiritualität der Jesuiten und die Selbstdarstellung der Stifter in außergewöhnlicher Weise in Einklang gebracht werden.
Zur Person: Studium der Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Religionswissenschaft an den Universitäten Tübingen, Venedig und Berlin (FU). 2000 Magister Artium. 2001-2003 Doktorandenstipendiat der Bibliotheca Hertziana und Mitglied der Forschungsgruppe "Strategien frühneuzeitlicher Repräsentation". Promotion 2004 an der FU Berlin. Seit Juli 2004 wissenschaftlicher Assistent an der Bibliotheca Hertziana - Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte

 

 Organisation und Planung: Ursula Prutsch

Weitere Veranstaltungen
Vorträge der vergangenen Semester

Geschichte am Mittwoch (GaM) im SS 05


 

2. März - Elke SEEFRIED (Augsburg)
„Reich“ und „Stände“. Ideen und Wirken des deutschen politischen Exils in Österreich 1933-1938
Moderation: Gernot Heiß

Abstract: Österreich diente zwischen 1933 und dem „Anschluss“ 1938 als Refugium für deutsche Emigranten, die vor dem Nationalsozialismus flohen. Dem hat die geschichtswissenschaftliche Forschung bislang wenig Beachtung geschenkt. In diesem Vortrag, der auf einer vor kurzem abgeschlossenen Dissertation basiert, soll zum einen Österreich als „Exilland“ verortet, also Umfang und Struktur der Emigration sowie die Asylpolitik des „Ständestaates“ in den Blick genommen werden. Die entscheidende Signifikanz des politischen Exils in Österreich liegt, dies ist unübersehbar, in der überproportionalen Repräsentanz der katholischen und konservativen Emigration, die im österreichischen katholischen „Ständestaat“ eine gleichsam kongeniale Operationsbasis vorfand. Diese Erkenntnis leitet zum zweiten Fokus hin: In einem ideengeschichtlichen Ansatz werden langfristige Traditionslinien und zentrale politische Vorstellungen des katholischen und konservativen Exils untersucht. Gruppenbiographische Längsschnittanalysen widmen sich deshalb den politischen Ideen der Emigranten aus dem katholischen, konservativen und konservativ-revolutionären Milieu, der Umformung dieser Ideen durch den Aufenthalt in Österreich und dem politischen Wirken der Emigranten im „Ständestaat“. Zwei Leitideen, die sich eng mit dem Exilland Österreich verbanden, rücken ins Zentrum der Betrachtung: Übernational, national oder nationalistisch aufgeladene Konzepte eines mitteleuropäischen Reiches sowie die Idee einer „ständischen Ordnung“ als Ergänzung oder Alternative zum demokratischen Parlamentarismus prägten sowohl den konservativen politischen Diskurs der späten Weimarer Republik als auch das Denken des deutschen Exils in Österreich; zugleich vermengten sie sich mit konservativen Denkmustern der späten Ersten Republik und des „Ständestaates“. Katholisch-konservativen Emigranten gelang es so, in der antinationalsozialistischen publizistischen Landschaft des „Ständestaates“ eine bedeutsame Rolle zu spielen.
Zur Person: Dr. phil, M.A., Diplom-Betriebswirtin (FH), Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Augsburg, nach dessen Abschluss Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Politikwissenschaft und Geschichte der Frühen Neuzeit an den Universitäten Augsburg und Erlangen; 2004 Promotion an der Universität Augsburg mit der Dissertation „‚Reich’ und ‚Stände’. Ideen und Wirken des deutschen politischen Exils in Österreich 1933-1938“. Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte (Universität Augsburg). Seit Oktober 2004 Bearbeiterin des Briefbandes „Im politischen Abseits (1933-1945)“ der Edition „Theodor Heuss. Stuttgarter Ausgabe“.

 

16. März - Christa HÄMMERLE (Wien)
Fragile Beziehungen? Militär’ und Zivil’ im Zeitalter der Allgemeinen Wehrpflicht (Österreich-Ungarn, 1868 bis 1914)
Moderation: Edith Saurer

Abstract:
In meinem Vortrag wird es vor allem um eine geschlechtergeschichtliche Analyse von Naht- und Bruchstellen des Verhältnisses zwischen Militär und Zivilbevölkerung gehen. Dieses Verhältnis blieb in Österreich-Ungarn auch nach der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht und den damit einhergehenden, im frühen 20. Jahrhundert kulminierenden gesellschaftlichen Militarisierungsprozessen, ein äußerst konfliktreiches – nicht nur aufgrund der zunehmenden nationalistischen Tendenzen gegen das gemeinsame k. (u.) k. Heer, das immer häufiger auch gegen innenpolitische Unruhen und Streiks eingesetzt wurde. Wie gestaltete sich, abgesehen davon, etwa das damalige Stellungs- und Einquartierungswesen, woran die lokalen Gemeinden und die politischen Behörden maßgeblich mitwirkten? Und wie verhielten sich aktiv dienende Soldaten ihren Selbstzeugnissen und Militärgerichtsakten zufolge in ´zivilen´ Kontexten, sei es während eines selten genug gewährten Heimaturlaubes, sei es in den Wirtshäusern der Garnison? Welchen ´Ruf´, welches Ansehen hatten sie, wie stand es außerhalb der Kasernen um die Akzeptanz ihres militärisch-männlichen Habitus, wie um ihre Gewaltbereitschaft? Können jene Männer, die ´gedient´ haben und damit innerhalb ihres Altersjahrganges bis zum Ersten Weltkrieg eine Minderheit blieben, dennoch als Repräsentanten einer mittels der Allgemeinen Wehrpflicht durchgesetzten Hegemonie militarisierter Männlichkeit gelten?
Zur Person: Dozentin für Neuere Geschichte und Frauen- und Geschlechtergeschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien; Mitbegründerin und Mitherausgeberin von „L´Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft“ sowie der „´Homme Schriften. Reihe zur Feministischen Geschichtswissenschaft“; Co-Leiterin der „Sammlung Frauennachlässe“ am Institut für Geschichte.
U. a. zahlreiche Lehrveranstaltungen und Publikationen zu Militär, Krieg und Geschlecht im 19. und 20. Jahrhundert; 2002/03 Durchführung eines vom Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung in Österreich subventionierten Forschungsprojektes zum Thema "Die allgemeine Wehrpflicht zwischen Akzeptanz und Verweigerung: Militär und Männlichkeit/en in der Habsburgermonarchie (1868 - 1914/18)" (P 15234).

 

9. März - Susanne HEHENBERGER/ Paulus RAINER/ Helmut Trnek (Wien)
„Knochenarbeit“. Der Bestand der geistlichen Schatzkammer in Wien in wissenschaftlicher Bearbeitung (in Kooperation mit dem IEFN)

Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Der Vortrag berichtet über ein seit März 2004 im Kunsthistorischen Museum laufendes, durch den Jubiläumsfonds der Nationalbank finanziertes Projekt, dessen Ziel es ist, den Gesamtbestand an Reliquiaren und liturgischem Gerät in der Wiener Geistlichen Schatzkammer wissenschaftlich aufzuarbeiten. Dabei werden Stilkritik, Ikonographie und kunsthandwerkliche Analyse durch Fragen nach Provenienz, Gebrauch und kultureller Bedeutung der betreffenden Objekte ergänzt. Durch eine katalogmäßige Erfassung und disziplinübergreifende Bearbeitung sollen so im Sinne von Grundlagenforschung die Voraussetzungen für weiterführende historische und kunsthistorische Untersuchungen bereitgestellt werden.
Zu den Personen: Susanne Hehenberger, geb. 1974, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Wien und Trier. 2001-2003 DOC-Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2003 promoviert. Universitätslektorin und Mitarbeiterin am Projekt Geistliche Schatzkammer in Wien. Forschungsschwerpunkte: Sexualitäts-, Kriminalitäts-, Kultur- und Geschlechtergeschichte in der Frühen Neuzeit.
Paulus Rainer, geb. 1972, studierte Kunstgeschichte in Innsbruck und Wien; 1998-2004 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im MAK - Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, Wien tätig. Mitarbeiter am Projekt Geistliche Schatzkammer in Wien. Forschungsschwerpunkte: neuzeitliche Ornamentik, Kunstgewerbe / angewandte Kunst.
Helmut Trnek, geb. 1942, studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Geschichte an der Uni Wien, Promotion 1974; 1970-76 an der Österreichischen Galerie sowie der Bundeskunstförderung tätig. Seit 1976 Kustos an der Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe (heute: Kunstkammer) sowie der Schatzkammer, 2002 Ernennung zum Direktor. Forschungsschwerpunkte: Kunst des Mittelalters, sowie Untersuchungen zum geistesgeschichtlich fundierten Wandel der höfischen Sammeltätigkeit anhand des habsburgischen Inventarbestands unter besonderer Berücksichtigung der Exotica.

 

6. April – Ernst LANGTHALER (Wien)
Zweierlei Agrarwende: Bäuerliche Gesellschaft in einer Gebirgs- und einer Flachlandregion 1880-2000

Moderation: Ernst Brückmüller

Abtract: Der Vortrag behandelt die „große Transformation“ österreichischer Agrargesellschaften im 20. Jahrhundert im Kleinen, am Beispiel zweier natur- und sozialräumlich unterschiedlicher Regionen in den niederösterreichischen Voralpen und im niederösterreichischem Flach- und Hügelland. Ein mikrohistorischer Ansatz leitet die qualitative und quantitative Interpretation mündlicher, schriftlicher und bildlicher Quellen an. Agrargesellschaftliche Transformationen allein durch äußere Bedingungen erklären und verstehen zu wollen, greift zu kurz: denn die „Agrarmodernisierung“ des 20. Jahrhunderts scheint auch durch die inneren Bedingungen regionaler Agrargesellschaften beeinflusst. Neben den natur- und sozialräumlichen Strukturen in den Regionen haben auch die alltäglichen Praktiken regionaler Akteure Einfluss darauf, welche Traditionen und Innovationen vor Ort wirksam werden – und welche nicht. Im regionalen Vergleich werden, trotz mancher Gemeinsamkeiten, zwei unterschiedliche Wege der „Agrarwende“ im 20. Jahrhundert – die Differenzierung zwischen ackerloser Viehwirtschaft („Hörndlbauer“) und viehloser Ackerwirtschaft („Körndlbauer“) – erkennbar.
Zur Person: Diplom- und Doktoratsstudium Geschichte und Fächerkombination an der Universität Wien, Graduiertenkolleg „Historische Anthropologie“, 1999-2002 Mitarbeit an diversen Forschungsprojekten (u.a. FWF, Historikerkommission der Republik Österreich, Forschungsschwerpunkt „Kulturwissenschaften/Cultural Studies“), seit 2002 Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte des ländlichen Raumes, Lehrbeauftragter an der Universität Wien und an der Universität für Bodenkultur Wien.

 


13. April – Birgit KLEIN (Duisburg)
Tradition und Innovation: Jüdische Erbinnen in der Frühen Neuzeit (in Kooperation mit dem IEFN)

Moderation: Barbara Staudinger

Abstract: Das jüdische Erb- und Ehegüterrecht beruht auf antiken Grundlagen, die das männliche Geschlecht begünstigen. Im Laufe der Jahrhunderte kollidierten indes die antiken Normen zunehmend mit der sozialen Wirklichkeit. Da die Normen aufgrund jüdischer Rechtsprinzipien nicht verändert werden konnten, suchte man diese durch Verträge zu unterlaufen, die den Vermögenstransfer zwischen den Generationen und Geschlechtern den neuen Erfordernissen entsprechend regelten. In der Transferpraxis spiegeln sich die wandlungsfähigen Vorstellungen über Beziehungen und Rollen von Mann und Frau sowie Jung und Alt wider.
Zur Person: Dr. phil., Studium der Judaistik, Ev. Theologie und Klassischen Philologie in Heidelberg, Jerusalem, Bonn, Düsseldorf und Duisburg. Wiss. Mitarbeiterin 1993-1996 am Institut für Judaistik, Berlin, 1996-1998 im Fach Jüdische Studien, Duisburg, 1998-2001 im deutsch-israelischen DFG-Projekt "Germania Judaica IV". 2001-2004 Lise-Meitner-Habilitationsstipendiatin des Landes Nordrhein-Westfalen mit einem Projekt zum jüdischen Ehegüterrecht in der Vormoderne.

 

 

20. April – Walter POHL (Wien)
Ursprungserzählungen und Gegenbilder: ‚germanisches’ und ‚archaisches’ Frühmittelalter

Moderation: Karl Brunner

Abstract: Das dunkle‘ Frühmittelalter hat in der Moderne vielerlei ideologische Bedeutungen angenommen, denen jeweils historiographische Meistererzählungen entsprechen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde nach ethnischen oder staatlichen, ständischen oder kirchlichen Ursprüngen gesucht, die Identität stifteten und in denen die folgende Entwicklung bereits angelegt war. Heute geht es eher um die Frage nach der Entwicklung der westlichen Zivilisation insgesamt, für die das Frühmittelalter gleichsam den Urzustand markiert, aus dem Schriftlichkeit und Staatlichkeit, Wirtschaftsaufschwung und Zivilisationsprozess erst langsam hervortraten. Das frühe Mittelalter dient dabei als archaisches Gegenbild, dessen Urtümlichkeit in den zeitgenössischen Sozial- und Kulturwissenschaften häufig überzeichnet wird. In der Mediävistik werden verbreitet aus ethnologischen Vergleichsbeispielen Paradigmen für ein archaisch verstandenes Mittelalter abgeleitet. Der Vortrag wirft die methodische Frage nach dem Erkenntniswert dieser Meistererzählung vom ‚archaischen‘ Frühmittelalter auf.
Zur Person: Univ.Doz.Dr. Walter Pohl ist Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und lehrt mittelalterliche Geschichte an der Universität Wien. Er ist wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Wittgenstein-Preisträger 2004. Bücher u.a.: „Die Awaren“ (1988), „Die Germanen“ (2000), „Werkstätte der Erinnerung – Montecassino und die langobardische Vergangenheit“ (2001), „Die Völkerwanderung“ (2002).

 

 

27. April - Georg CAVALLAR (Wien)
Die Diskussion(en) über das Fremdenrecht in der Naturrechtstradition der Frühen Neuzeit

Moderation: August Reinisch

Abstract: Seit Francisco de Vitorias (1486-1546) berühmter Vorlesung De Indis über die Rechtmäßigkeit der spanischen conquista gibt es in der Naturrechtstradition bis in das 19. Jhdt. eine mehr oder weniger ununterbrochene Diskussion über das, was heute als Fremdenrecht bezeichnet wird. Vitoria hatte zugunsten der Spanier nur zwei Argumente als diskussionswürdig erachtet: erstens die - modern formuliert - humanitäre Intervention und zweitens die rechtliche Erlaubnis, als Individuum fremde Länder zu besuchen, mit den dortigen Einwohnern Beziehungen aufzunehmen und sich niederzulassen (das Reise- und Gastrecht bzw. ius peregrinandi). Bereits seine Schüler, noch mehr aber protestantische Autoren nach Vitoria setzten sich kritisch mit diesen Argumenten auseinander; es entstand eine fruchtbare Diskussion, die neben der Frage nach der Rechtmäßigkeit der europäischen Expansion auch politische, kulturelle und ökonomische Aspekte mit einschloß.
Zur Person: Univ.-Doz. Dr. Georg Cavallar unterrichtet Geschichte, Englisch, Psychologie und Philosophie am Wiener Wasagymnasium. Habilitation über das Fremdenrecht und die Idee einer internationalen Gemeinschaft im Natur- und Völkerrecht der Frühen Neuzeit am Institut für Geschichte der Universität Wien 2003, Lehrauftrag im Rahmen der Europastudien Wien.
Forschungsschwerpunkte: Kants politische Philosophie, Geschichte des Völkerrechts.


4. Mai – Patrick GEARY (Los Angeles)
Carolingian Models of Perfection

Moderation: Karl Brunner

The only contemporary, systematic account of the Carolingian Court is the De Ordinatione Palatii written by Hincmar of Reims in 853, almost forty years after the death of the ruler whose court Hincmar pretends to describe. The treatise has long been recognized as less an accurate description of the actual organization, personnel, and functioning of the Carolingian court (in any case, Hincmar was only eight years old when Charlemagne died and had no personal experience of the court, although he was deeply involved in court politics during the reigns of Louis the Pious and Charles the Bald) than an ideologically charged imaginative evocation of an ideal court. Thus the De Ordinatione Palatii is one of a number of Carolingian texts that, while pretending to describe central institutions of imperial governance and culture, are a complicated mixture of description, learned discourse, imaginative construction, and meditation. I propose to examine in my paper how Carolingians imagined ideal institutions by comparing this meditation on an ideal royal court with the equally complicated "Saint-Gall Plan," a diagram for the ideal Carolingian monastery, and the "Capitulary de villis," a fiscal text that describes the ideal royal estate. My intention is less to separate the "real" from the "fictional" in these very different documents than to suggest characteristic ways that Carolingian intellectuals within and on the periphery of court power and culture meditated on and represented complex human institutions.
Die Wahl des Themas erfolgte auch im Hinblick auf kulturgeschichtliche Ansätze, die in einem in diesem Jahr anlaufenden interdisziplinären und internationalen Projekt, an dem auch Barbara Schedl und Karl Brunner mitarbeiten, zur virtuellen Realisierung des St. Galler Klosterplanes ausprobiert werden.
Zur Person: Patrick Geary studied medieval history and philosophy at the Université catholique de Louvain in Belgium and received his doctorate in medieval studies from Yale University. He has held professorships at Princeton University, the University of Florida, the University of Notre Dame, and the University of California, Los Angeles where he is professor of medieval history and has served as visiting professor at the University of Vienna, the Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, and the Central European University. His research focuses on the social and cultural history of Western Europe in the early and central Middle Ages. His publications include Furta Sacra: Thefts of Relics in the Central Middle Ages Princeton, Princeton University Press, 1978. Revised edition 1991.; Aristocracy in Provence: The Rhone Basin at the Dawn of the Carolingian Age.
University of Pennsylvania Press, Philadelphia; Anton Hiersemann Verlag, Stuttgart, 1985; Before France and Germany: The Creation and Transformation of the Merovingian World, Oxford University Press, New York, 1988; Living with the Dead in the Middle Ages, Ithaca, Cornell University Press, 1994. Phantoms of Remembrance: Memory and Oblivion at the end of the first Millennium, Princeton University Press, 1994;The Myth of Nations: The Medieval Origins of Europe. Princeton: Princeton University Press, 2002; and with Gerd Althoff and Johannes Fried, Medieval Concepts of the Past: Ritual, Memory, Historiography, Cambridge, Cambridge University Press, 2002. Women at the Beginning: Origin Myths from the Amazons to the Virgin Mary will appear with Princeton University Press in 2005.

 

 

11. Mai - Garrett SHELDON (University of Virginia, Wise)
The Political Philosophies of the Early American Republic: Jefferson and Madison

Moderation: Georg Cavallar

Abstract: Historical scholarship in the past 30 years in the United States has identified three primary theoretical influences on the founding ideology of the American republic: (1) British (Lockean) liberalism; (2) Classical Republicanism; and (3) Protestant (Calvinist) Christianity. Two of the leading Founders of the American Revolution and republic, Thomas Jefferson, the author of the Declaration of Independence, and James Madison, the “Father” of the U.S. Constitution, combine these aspects of Early American political thought in differing ways that influence subsequent American Political Theory into the 21st century.
Zur Person: Garrett Ward Sheldon is The John Morton Beaty Professor of Political Science at the University of Virginia College at Wise in the USA. He is author of “The Political Philosophy of Thomas Jefferson” (Johns Hopkins University Press 1991), “The Political Philosophy of James Madison” (Johns Hopkins University Press 2001), “The History of Political Theory” (Peter Lang 1988), “Religion and Politics” (Lang 1990) and editor of “Encyclopedia of Political Thought”. He has lectured at Oxford University, Moscow University, Princeton, Rutgers, and Regent University.

 

18. Mai – Daniela HACKE (Zürich)
Sprechen über konfessionelle Differenzen. Zur politischen Kommunikation in der Eidgenossenschaft in der Frühen Neuzeit (in Kooperation mit dem IEFN)

Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Wie wurde in der Eidgenossenschaft des 17. Jahrhunderts konfessioneller Dissens in einen politischen Konsens überführt? Dieser Frage geht der Vortrag anhand ausgewählter Konflikte um die liturgische Ausstattung und Nutzung von Kirchenräumen (die in einigen Gemeinden der Grafschaft Baden beiden Konfessionen für ihre religiöse Praxis offen standen) und konfessionellen Polemiken nach. Der Vortrag akzentuiert die soziale Praxis kommunikativen und verständigungsorientierten Handelns, die sich bei den Mehrebenenkonflikten aus dem aktiv genutzten Auslegungsspielraum des Zweiten Landfriedens von 1531 ergab.
Zur Person: Studium in Hamburg und Bologna; 1997 Promotion in Cambridge (Prof. Peter Burke), Ehekonflikte im Venedig der FNZ, gleichzeitig Kollegmitglied des DFG-Graduiertenkollegs: Die Renaissance in Italien und ihre europäische Rezeption (Bonn);
1998 Postdoktorandin in dem interdisziplinären und kulturwissenschaftlich orientierten DFG-Graduiertenkolleg "Geschlechterdifferenz & Literatur" der Ludwig-Maximilians-Universität München; 1999-2002 Wiss. Assistentin bei Prof. Dr. Bernd Roeck (Zürich); seit April 2002 Projekt des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) (Arbeitstitel): Konfession, Politik, Kultur: Konfessionskonflikte und politisches Handeln in der Eidgenossenschaft: Die Grafschaft Baden (ca. 1580-1680)

 


25. Mai 2005 –Herbert Matis / Dana Štefanová (Wien)
Adelige Wirtschaftsaktivitäten und Aufklärung. Das Beispiel der sog. „Schwarzenberg Bank (1787-1813)“

Moderation: Andreas Resch

Abstract: Die Bedeutung der sog. „Schwarzenberg Bank“ („k.k. Wiener oktroyierten Commerzial-, Leih- und Wechselbank“) für die Unternehmens- und Bankengeschichte wurde bisher kaum untersucht. Im Mittelpunkt des Vortrags steht in mikrohistorischer Perspektive der Geschichte eines Unternehmens die Frage nach den Entscheidungsmechanismen über die Geschäftsstrategien dieser Bankinstitution. Dies wird nicht nur in Bezug auf Entscheidungsbefugnisse bei Bankeigentümern und Beschäftigten untersucht, sondern auch im Hinblick auf die bevorzugte Art von Finanzgeschäften oder die Wahl von Klienten. Ein besonderes Augenmerk wird – aufgrund der Eigentumsstruktur der Bank - auf die Motivation der Besitzer, eine Bankinstitution zu gründen, gerichtet.
Zur Person: Herbert Matis geboren 1941, 1965 Doktorat, Universität Wien, seit 1972 Ordinarius an der Wirtschaftsuniversität Wien. 1997-2000 Vizepräsident des FWF und Abteilungspräsident für die Geistes- und Sozialwissenschaften. 1994 Geschäftsführer d. Kardinal Innitzer Studienfonds, 1985-2003 Leiter d. Ludwig Boltzmann Instituts für wirtschaftshistorische Prozeßanalyse, seit 1998 Dozent am Internet MBA-Programm Educatis, Schweiz, 1988 Visiting Bye Fellow Robinson College, Cambr. UK, 2001 Senior Schumpeter Fellow, Center for European Studies, Harvard University, Cambridge MA. 2002 Advisory Board Webster University, Vienna branch ab 1. 10. 2003 Vizepräsident der Österr. Akademie der Wissenschaften, 2004 Vorstandsmitglied der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. 1988 korr. Mitglied d. Österr. Akademie d. Wiss., 1995 wirkl. Mitglied der Österr. Akad. d. Wiss., corr. Fellow Royal Historical Society, UK., ord. Mitgl. d. Academia Scientiarum et Artium Europeae.
Zur Person: Dana Stefanova geboren 1971, Studium der Geschichte und Germanistik (Univerzita J. E. Purkyne, Ústí nad Labem, Tschechischen Republik). 1995-1999 Doktoratsstudium in Wien am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Rahmen eines Bertha von Suttner –Stipendiums des Österreichischen Akademischen Austauschdienstes (ÖAD) zum Thema: „„Erbschaftspraxis und Handlungsspielräume der Untertanen in einer gutsherrlichen Gesellschaft. Die Herrschaft Frýdlant in Nordböhmen, 1558-1750”. Mitarbeiterin des FWF-Projektes "Schwarzenberg Bank, 1787-1830" (Projektleiter O.Prof. H. Matis, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Wirtschaftsuniversität Wien).Zahlreiche Forschungsaufenthalte im Ausland, u. a. an der University of Cambridge. Juli 2003-September 2004 Academic Visitor am Department of Economic History, London School of Economics and Political Science. Seit 2002 Univ.Ass. am Institut für Geschichte der Universität Wien.

 



1. Juni - Stefan EMINGER (St. Pölten)
Gewerbepolitik und gewerbliche Organisationen in Österreich 1929-1938

Moderation: Karl Haas

Abstract: „Das Gewerbe“ galt im Österreich der Zwischenkriegszeit als Kernschicht der Christlichsozialen Partei und später des diktatorischen Regimes Dollfuss-Schuschnigg. Seinen Repräsentanten wurde vielfach pauschal eine rückwärtsgewandte, „antimodernistische“ Ideologie unterstellt, was die Gewerbetreibenden dann auch zu Hauptadressaten der „Ständeideologie“ des Regierungssystems 1934-1938 habe werden lassen. Neuere Forschungen zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Sie verweisen auf die Inhomogenität „des Gewerbes“ und lenken den Blick auf die Fraktionskämpfe zwischen den verschiedenen Gewerbegruppen. Verbandspolitik sollte stets auch als Distinktionsstrategie begriffen werden; als permanentes Bemühen zur Schaffung oder Aufrechterhaltung eines Modells des „richtigen Gewerbetreibenden“ mit hegemonialem Anspruch innerhalb dieser Berufsgruppe. Neben einer Strukturierung der verschiedenen Gewerbegruppen im Österreich der Zwischenkriegszeit wird es auch um Fragen der unterschiedlichen Formen der Interessenvermittlung, der verschiedenen ordnungspolitischen Vorstellungen und der politischen Wanderbewegungen im Gewerbe zur Zeit der Weltwirtschaftskrise gehen. Das wechselvolle Verhältnis von Gewerbetreibenden zum Nationalsozialismus vor und nach dem NS-Parteiverbot wird ebenso Thema sein wie eine Einschätzung der vom Dollfuß-Schuschnigg-Regime groß propagierten Mittelstandspolitik.
Zur Person: Stefan Eminger, Mag. phil., Dr. phil., geb. 1967, Diplom- und Doktoratsstudium der Geschichte an der Univ. Wien, seit 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Niederösterreichischen Landesarchiv und im Niederösterreichischen Institut für Landeskunde in St. Pölten, Lehraufträge am Institut für Zeitgeschichte der Univ. Wien. Forschungsschwerpunkte: Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Ersten Republik Österreich, Nationalsozialismus, Regionalgeschichte, Zwangsarbeit in „Niederdonau“.



8. Juni – Birgit HITTENBERGER (Wien)
Paraguay: Das „Archivo del Terror“ und dessen Rolle in der Aufarbeitungsdebatte über das Stroessner-Regime (1954-89)

Moderation: Teresa Frisch-Soto

Abstract: Nur drei Jahre nach dem Sturz des letzten paraguayischen Diktators Alfredo Stroessner, der damals die noch längste Diktatur des Kontinents innehatte, fand man das Archiv der politischen Polizei des gestürzten Regimes, das inzwischen als „Archiv des Schreckens“ bekannt ist. Dieses Aktenmaterial, das unter anderem Menschenrechtsverbrechen und die Repressionsmaschinerie des Regimes dokumentiert, brachte einen neuen Wind in die Aufarbeitungsdebatte Paraguays und löste eine heftige Diskussion über begangene Verbrechen und deren Aufklärung aus. Inzwischen, zwölf Jahre nach dessen Entdeckung, konnte unter anderem durch dieses Archiv, das öffentlich zugänglich gemacht wurde, einerseits zwar Aufarbeitungsarbeit geleistet werden, andererseits wurden aber auch viele Hoffnungen enttäuscht. Der Vortrag gibt kurz einen Einblick über den Inhalt des „Archiv des Schreckens“ und greift die Frage auf, welche Aufarbeitungsfunktion es leistet bzw. nicht leistet.
Zur Person: Studium der Geschichte und Spanisch an Universität Wien (1997-2003), insgesamt fünfmonatiger Studienaufenthalt (Universidad Nacional de Asunción) und Forschung für Dissertation in Paraguay (2003 und 2005), Mitarbeit an einem Projekt des Boltzmann Instituts für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen (2004)

 

 

15. Juni – Gerti LANGER-OSTRAWSKY (Wien/St. Pölten) (in Kooperation mit dem IEFN)
Von "ehelicher lieb und treu" und der "helffte des Vermögens". Ehegüterrecht und Heiratsstrategien im Erzherzogtum Österreich unter der Enns im 17. und 18. Jahrhundert (in Kooperation mit dem IEFN)

Moderation: Andrea Griesebner

Abstract: Der Vortrag stellt Heiratsverträge als Quellengattung an der Schnittstelle zwischen Rechtsgeschichte und Wirtschafts-, Sozial- und Geschlechtergeschichte dar. Es geht in der Analyse um Rechtsnormen - Heiratspraxis - Macht und Beziehungen in der Ehe. Zentrale Punkte dabei: Veränderungen der Rechtsnormen vom "alten Landsbrauch" bis zu den Kodifikationen des 18. Jahrhunderts; Praxis des zentralen Arrangements der Eheschließung; Ehefrauen und Ehemänner: Herkunft-Vermögen-Macht; "eheliche lieb und treu" - allgemeine Verpflichtung oder Vermögens-Substitut?
Zur Person: Studium der Wirtschafts- und Sozialgeschichte (Univ. Wien), Absolventin des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; Lehrbeauftragte am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Seit 1983 Archivarin im NÖ Landesarchiv .Schwerpunkte Geschlechter/-Rechtsgeschichte, NS- Euthanasie. Öffentlichkeitsarbeit. 1998 Ausstellung "spurensuche". frauengeschichte im archiv im NÖLA; 2004 Ausstellung "Der rote Strich des Zensors". Textbücher, Libretti und Kabarett-Texte 1850-1926 im NÖLA.

 

 

22. Juni - Helmut REIMITZ (Wien)

Francos partes Germaniae vel Galliae non solum potestati, sed etiam suo nomini subiugasse. Zur Vergegenwärtigung von Raum und Konstruktion von Identität in der Karolingerzeit
Moderation: Walter Pohl

Abstract: Der Raum fränkischer Herrschaft, seine Zentren und seine Entwicklung in der Geschichte sind in der Historiographie der Karolingerzeit häufig recht unterschiedlich beschrieben. Lange Zeit wurde das in der modernen Forschung als Ausdruck der Schwierigkeiten frühmittelalterlicher Autoren gesehen, sich „richtig“ im geographischen Raum zu orientieren und vielfach mit dem Verlust geographischer Kenntnisse, besonders kartographischer Techniken der Raumauffassung im frühen Mittelalter, verbunden. Doch haben neuere Arbeiten darauf aufmerksam machen können, daß eine solche Abstraktion räumlicher Verhältnisse weder für Antike und Spätantike noch für das frühe Mittelalter vorauszusetzen sind. Ebenso wie die Geographie des römischen Imperiums waren auch die darauf aufbauenden geographischen Ordnungen des frühen Mittelalters vor allem von den jeweiligen politischen und sozialen Machtverhältnissen strukturiert. Nach dem Untergang des römischen Reichs im Westen änderten sich daher weniger die kognitiven Grundlagen der Raumwahrnehmung, sondern vor allem die politischen und sozialen Relationen, die sie strukturierten. Nicht der Verlust geographischer Kenntnisse wird durch die aus dem frühen Mittelalter überlieferten Texte dokumentiert, sondern verschiedene und besonders in der karolingischen Historiographie häufig konkurrierende – Versuche, eine sich ständig wandelnde Welt zu begreifen und zu ordnen.
Zur Person: Studium der Geschichte und Publizistik- und Kommunikationswissenschaften and der Universtität Wien, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (Staatsprüfung 1998), Promotion 1999, seit 1999 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Insitut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, seit dem Sommersemester 2000 Lektor am Institut für Geschichte der Universität Wien. Grenze und Differenz im frühen Mittelalter (hg. mit Walter Pohl), 2000; d) (Hrsgg.), The Transformation of Frontiers from Late Antiquity to the Carolingians (Hg. mitWalter Pohl und Ian N. Wood) 2000; The Construction of Communities in the Early Middle Ages – Texts, Resources and Artefacts (Hg. mit R. Corradini u. M. Diesenberger) 2002.

 


29. Juni 2005 – Peter HASLINGER (Wien/München)
Die Grenzen des Eigenen und des Fremden: Debatten über das nationale Territorium in Ungarn, den böhmischen Ländern und der Tschechoslowakei 1880-1938

Moderation: Peter Urbanitsch


Abstract: Im Vortrag sollen Territorialvorstellungen in den tschechischen und ungarischen politischen Diskursen für die Zeit der späten Habsburgermonarchie und für die Zwischenkriegszeit vergleichend bilanziert werden. Dabei wird nicht nur ein Überblick über die Argumente geboten, mit denen Wissenschaft, Publizistik und Politik vor dem Ersten Weltkrieg das historische Ungarn und die böhmische Länder als eigennationale Territorien begriffen. Beleuchtet wird auch die Frage der sehr unterschiedlichen Bezugnahme auf die anderssprachige Bevölkerung innerhalb der historischen Grenzen und die geopolitische Selbstverortung innerhalb und jenseits Österreich-Ungarns. Im Umfeld der Friedensverhandlungen 1919/20 wird dann die argumentativ-politische „Herstellung“ des eigenen nationalstaatlichen Territoriums analysiert, vor allem am Beispiel der Argumentation der tschechoslowakischen Delegation zur Grenzziehung gegenüber Österreich und Ungarn. Abschließend sollen die Folgewirkungen verdeutlicht werden, die Revolutionen, Staatengründungen und Grenzveränderungen auf die Debatten und die Politik in Ungarn und der Tschechoslowakei nach 1920 ausübten. Im Zentrum steht hierbei die slowakische Frage. Der tschechoslowakischen Führung gelang es nicht, einen tschechoslowakischen nationalen Narrativ zu konzipieren und durchzusetzen, und verschiedene publizistische Kreise wirkten sogar in Richtung einer „Orientalisierung“ der Slowakei. In Ungarn hingegen entfaltete sich eine rege Publizistik und eine spezifische Festkultur, welche für die Rückgliederung der Slowakei und eine Wiederherstellung der historischen Grenzen eintraten – mit Argumenten, die unter dem Schlagwort „Frieden von Trianon“ zum Teil bis heute präsent geblieben sind.
Zur Person: Studium in Wien und Budapest, Sommeruniversitäten in Prag und Debrecen, visiting scholar an der University of California Berkeley und der Stanford University. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien (1990-1995), an der Universität Freiburg i. Br. (1997-2001) und am Collegium Carolinum, Forschungsstelle für die böhmischen Länder in München (seit 2001), 1996/97 Leiter der Außenstelle Budapest des Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts. Forschungsschwerpunkte: Geschichte der Habsburgermonarchie und Ostmittel- und Südosteuropas im 19. und 20. Jahrhundert, Nationalismus-, Regionalismus- und Ethnizitätsforschung, Kommunikations- und Diskursgeschichte; Thema der Habilitationsschrift: Imagined territories – Nation und Territorium im tschechischen politischen Diskurs 1889-1938.


Organisation und Planung: Ursula Prutsch

Weitere Veranstaltungen
Vorträge der vergangenen Semester

 

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 04/05

 

 

 

6. Oktober 2004 – Berthold MOLDEN (Wien)
„Guatemala zwischen Wahrheit und Kommission: Die Erforschung der Bürgerkriegsgeschichte als neuer Schauplatz alter Konflikte“

Berthold UNFRIED (Wien) „Historikerkommissionen und 'Wahrheitskommissionen’ seit den 1990er Jahren“
Moderation: Martina Kaller-Dietrich

Abstract: 1996 ging in Guatemala der opferreiche innere Krieg zu Ende, seit 1999 liegen die Berichte zweier sogenannter Wahrheitskommissionen vor, und doch gibt es weiterhin keine konsensuelle Einschätzung dieser Periode. Wer ist nach Bürgerkriegen oder Diktaturen berufen, die Vorgeschichte des Konfliktes zu erzählen und den Hergang der Verbrechen zu analysieren? Dieses Problem beschäftigt seit den Erfahrungen Südafrikas, Argentiniens und anderer Transitionsländer auch die angewandte Geschichtswissenschaft. Angesichts der kniffligen Frage „Was ist Wahrheit?“ begibt sich die historische Forschung auf das schlüpfrige Terrain emotionsgeladener Nachkriegspolitik. Aus den Erkenntnissen und Analysen dieser Untersuchungen werden Argumente im Verteilungskampf der gesellschaftlichen Neuordnung oder gerichtlicher Initiativen gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher. Guatemala als Fallbeispiel eines historiographischen Grenzganges zwischen Wissenschaft und Politik.
Zur Person: geboren 1974, studierte Geschichte an der Universität Wien. Mitarbeiter der Österreichischen Historikerkommission. 2001-2003 DOC-Stipendiat der Akademie der Wissenschaften, mit einer Arbeit zur Geschichtsdebatte der guatemaltekischen Nachkriegsgesellschaft. Forschungsschwerpunkt: Analyse konkurrierender Geschichtsnarrative.

Berthold UNFRIED:
Abstract: Seit Anfang der 1990er Jahre sind Restitution und Entschädigung von Vermögensverlusten, welche durch die nationalsozialistische Judenverfolgungspolitik verursacht wurden, ein in der Öffentlichkeit der USA und Europas präsentes Thema. Nachdem es sich um Sachverhalte handelt, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen, sind Historikerinnen und Historiker als Experten aufgerufen. Sie geben Expertisen in Historikerkommissionen, sind als Berater von Regierungen, Organisationen, Anwälten und Unternehmen in Restitutionsangelegenheiten tätig. Gleichzeitig ist klar, dass das politische Fragen sind, die historisch argumentiert, aber politisch entschieden werden. Darin besteht kein großer Unterschied zu den sogenannten „Wahrheitskommissionen“, die ebenfalls seit den 1990er Jahren und meist nach dem Muster der südafrikanischen „Wahrheitskommission“ (1994-2003) eine eben vergangene Diktaturerfahrung bearbeiten. Diese Entwicklungen werfen Fragen nach möglichen Gründen der Konjunktur von Historiker- und Wahrheitskommissionen sowie zu der Rolle von HistorikerInnen und anderen Experten zwischen dem wissenschaftlichen Ideal nach „Wahrheitserforschung“ – und nicht selten Parteinehmender -Expertise auf.
Zur Person: geb. 1960, Dozent für Sozialgeschichte am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, wissenschaftlicher Mitarbeiter an Forschungsinstituten in Österreich, Frankreich und der Schweiz, zuletzt Mitarbeiter der Österreichischen Historikerkommission zur Erforschung von „Arisierungen“ und Restitution von Unternehmen. Forschungsschwerpunkte der letzten Jahre zur Kulturgeschichte des Stalinismus, zu Praktiken institutionalisierter Selbstthematisierung und zu sozialen Rahmen kollektiver Erinnerung; aktuell zu Vermögensrestitution und Entschädigung im internationalen Vergleich.

 

13. Oktober 2004 – Peter RAUSCHER (Wien)
„’Ganze Dörffer voll Juden in Oesterreich.’ Zur Geschichte der niederösterreichischen Landjuden im 17. Jahrhundert“
(in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: In jüngster Zeit rückte die Geschichte der Juden in der Frühen Neuzeit verstärkt in das Interesse der Forschung. Dabei fand das jüdische Leben auf dem Land, in Dörfern und Kleinstädten, zunehmende Aufmerksamkeit. Früher als in den meisten anderen Teilen des Alten Reichs entwickelte sich in Österreich unter der Enns in der 1. Hälfte des 17. Jhs. eine Vielzahl jüdischer Siedlungen auf dem Land. Auf Basis der aktuellen Ergebnisse des Forschungsprojekts „Austria Judaica“ am Institut für Geschichte der Juden in Österreich analysiert der Vortrag die Lebensbedingungen der niederösterreichischen Landjuden.
Zur Person: Studium der Geschichte und Germanistik in Erlangen, Tübingen, Passau und Wien. 2001 Dr.phil.; 1999-2002 Mitarbeit am Forschungsprojekt „Die kaiserlichen Finanzen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts“ (Universität Wien, Institut für Geschichte); seit 2002 Mitarbeit am Forschungsprojekt „Austria Judaica“ (Institut für Geschichte der Juden in Österreich); Lektor an der Universität Wien. Forschungen: Heiliges Römisches Reich, Habsburgermonarchie, Finanz- und Verfassungsgeschichte, Jüdische Geschichte in der Frühen Neuzeit.

 

20. Oktober 2004 – Barbara SCHEDL (Wien)
„Das ehemalige Dominikanerinnenkloster in Tulln. Eine Selbstinszenierung des Habsburgerkönigs Rudolf I.“

Moderation: Ralph Andraschek-Holzer

Abstract: Die Politik König Rudolfs I. ist von Historikern und Geschichtsschreibern aller Epochen beurteilt und gewürdigt worden. Das Wirken des Habsburgers als kunstfördernder Mäzen, die Frage nach königlichen Bildstiftungen und seine Rolle als Bauherr wurden bislang für das Herzogtum Österreich kaum untersucht, obwohl es nicht wenige Baumonumente und Kunstwerke gibt, die in den ehemaligen babenbergischen Ländern mit Rudolf I. in Verbindung zu bringen sind. Wohl ist vieles nur mehr fragmentarisch erhalten oder gar zerstört, doch etliche Bildquellen, Berichte von Zeitgenossen und archäologische Funde helfen, ein Bild von der oft postulierten rudolfinischen Bescheidenheit zu vermitteln, so dass dieser Beitrag eine Zusammenschau wagt. Ausgehend von gewichtigen Maßnahmen, die der Habsburgerkönig zur Imagebildung seiner Dynastie in Wien setzte, soll die - fast überdimensionale - königliche Klosterkirche in Tulln im Mittelpunkt des Vortrages stehen. Die innovative Raumstruktur mit einer einzigartigen Ausstattung hatte für die architekturhistorische Entwicklung in Österreich Signalwirkung.
Zur Person: Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, 1995 Promotion, von 1993-2002 Mitarbeiterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Universitätslektorin an der Universität Wien, von 2001-2003 wissenschaftliche Mitarbeit an einem EU-Projekt zum Thema „Benedictine Monastery Plan“ im Rahmen von „Kultur 2000“, seit 2003 Charlotte Bühler – Habilitationsstipendium (FWF) über „Die ehemaligen Frauenklöster des Mittelalters in Wien“. Forschungsschwerpunkte: (Kloster)Architektur des Mittelalters und deren Rekonstruktion mittels neuer Medien.

 

27. Oktober 2004 - Waltraud BAYER (Wien)
„’Eine Traktorenkolonne für einen Rembrandt’:Stalins Exporte verstaatlichter Kunstsammlungen bis 1938“

Moderation: Michael Wladika

Abstract: In der Zwischenkriegszeit sorgten die Dutzende „Russenauktionen“ in Westeuropa und den USA für Furore. Die sowjetische Regierung veräußerte, unter Hinweis auf die katastrophale Hungersnot im Land, wertvollstes Kulturgut aus vormals privaten Sammlungen, primär westliche bildende Kunst (Rembrandt, Rubens, van Dyck, van Eyck, Velasquez, Tizian, Cranach, Burgkmair, Van Gogh, Cézanne, Renoir), französische angewandte Kunst, Ikonen und Kultgegenstände und Bibliotheken. Vieles stammte aus den Zarenschlössern in und um St. Petersburg sowie aus adelig-großbürgerlichem Besitz. Gerichtsprozesse russischer Emigranten und Beschlagnahmen von Auktionsware waren die Folge. Mit dem Zweiten Weltkrieg gerieten die einst kontroversen Verkäufe in Vergessenheit. Im Zuge von Perestrojka und Glasnost einerseits und der Aufarbeitung der „arisierten“ Kunst (viele Kunden der „Russenauktionen“ waren Juden, deren Bestände u. a. in den Sammlungen Hitlers und Göring landeten) setzte international eine gezielte fachliche Aufarbeitung ein. Die jahrzehntelang tabuisierten Verkäufe werden vom offiziellen Russland heute zutiefst bedauert; Museen, staatliche Stellen und private Sponsoren engagieren sich nun in der Rückführung des nationalen Kulturguts, das namentlich in amerikanischen und westeuropäischen Museen Eingang (Louvre, British Museum, Stiftung Gulbenkian, Getty Museum, National Gallery of Art, Hillwood). Zuletzt geriet der Kauf der New Yorker Sammlung Forbes (Produktion Fabergé) durch einen Moskauer Oligarchen in die Schlagzeilen.
Zur Person: Historikerin, seit 1991 Forschungsprojekte am Institut für Geschichte, Graz, zu Themen der Kultur- und der Sozialgeschichte Russlands und der Sowjetunion (1850-1991), von 2001-2004 Hertha-Firnberg-Stelle (FWF) zum Thema private Kunstsammlungen in Russland und der UdSSR, Museen, inoffizieller Kunstmarkt. Buchpublikationen: Die Moskauer Medici: Der russische Bürger als Mäzen, 1850-1917 (Böhlau: Wien, Köln 1996); sowie, zuletzt, als Co-Autorin und Hg., Verkaufte Kultur. Die sowjetischen Kunst- und Antiquitätenexporte, 1919-38 (Peter Lang: Frankfurt u. a. 2001)

 

3. November 2004 – Robert Franz REBITSCH (Innsbruck)
„Rupert von der Pfalz – ein deutscher Fürstensohn im Dienst der Stuarts“

Moderation: Martina Fuchs

Abstract: Ruprecht (Rupert 1619-1682), Herzog von Cumberland und Pfalzgraf bei Rhein: Prinz Rupert war der Sohn des pfälzischen Kürfürsten Friedrich V. (der „Winterkönig“) und der Elisabeth Stuart, einer Schwester des englischen König Karls I. Nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg in Holland erzogen, musste er einige Jahre in Linz in kaiserlicher Haft verbringen. Während des Englischen Bürgerkrieges kämpfte er für seinen Onkel und wurde ein berühmter Reitergeneral und Oberbefehlshaber der royalistischen Streitkräfte. Nach der Niederlage Karls I. kehrte er auf den Kontinent zurück und übernahm den Rest der royalistischen Flotte, die von Cromwells Navy quer durch den Atlantik gehetzt wurde. 1659/60 war der Pfalzgraf für Kaiser Leopold I. als Kommandant im 1. Nordischen Krieg tätig. Nach der Restauration des Königtums 1660 erhielt er im zweiten und dritten Englisch-Niederländischen Krieg wichtige Kommandoposten und kämpfte gegen den berühmten Niederländer de Ruyter. Aber nicht nur als Militär stach Rupert hervor, er betätigte sich auch am englischen Überseehandel (Hudson Bay Company) und fiel als Erfinder und Künstler auf. Als solcher wurde er in die Royal Society aufgenommen. Der Vortrag soll die Person Ruperts und auch seine Tätigkeiten für die Habsburger näher beleuchten.
Zur Person: Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte: geb. 1968 in Brixlegg/Tirol; Studium der Geschichte und Philosophie/Pädagogik/Psychologie an der Universität Innsbruck; Mag. phil. 1996; Dr. phil. 2000; Dissertation `Tirol, Karl V. und der Fürstenaufstand von 1552" (publiziert Hamburg 2000); 1998/99: Unterrichtspraktikum. Lehrtätigkeit: Proseminar aus Geschichte der Neuzeit. Wissenschaftliches Mitglied des Beirats der Innsbrucker Historischen Studien, Mitglied des Arbeitskreises Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit. Theodor-Körner-Preis 2002; Projektbearbeiter an der Universität Wien; Forschungsschwerpunkte: Konfliktgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts, Biographien.

 

 

10. November 2004 – Theresia GABRIEL (Eisenstadt)
„Die Esterhazy-Kunstkammer“ (in Kooperation mit dem IEFN)

Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Die Esterházy-Schatzkammer ist die einzige, noch weitestgehend als Originalensemble aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts erhaltene Schatzkammer Europas. 1921 wurde ein Teil der Objekte nach Budapest in das Kunstgewerbemuseum gebracht, wo er bis 1945 ausgestellt war. Dieser Teil der Schatzkammer ist teilweise von den ungarischen Kollegen aufgearbeitet. Was aber bis dato fehlt, ist eine Gesamtbearbeitung der Schatzkammer von ihren Wurzeln bis in die Gegenwart. Das vollständig erhaltene räumliche Ensemble und die umfangreichen schriftlichen Quellen ermöglichen so die Systematik der Kunstkammer, die Intentionen des Sammlers, die Vorbildwirkung anderer Kunstkammern zu erörtern und die Esterházy-Schatzkammer in einen europäischen, zeithistorischen Kontext zu stellen.
Zur Person: 1993-1998 Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, 1998 Diplomarbeit „Der Stellenwert der Landschaftsmalerei in der Esterházyschen Bildergalerie und ihr Einfluss auf die Gestaltung des englischen Gartens unter Fürst Nikolaus II. Esterházy“; 2004 Postgraduate Lehrgang für Arts and Media am ICCM in Salzburg (Abschluss Juni 2004); seit 2003 Geschäftsführung der Burg Forchtenstein BetriebsgesmbH und Leiterin des gesamten Kulturbereiches der Esterházy Betriebe.

 

 

17. November 2004 - Friedrich IDAM (Hallstatt/Wien)
„Gelenkte Entwicklung. Industriearchäologie in Hallstatt“

Moderation: Gerhard Stadler

Abstract: Die Entwicklung der Bebauung des Marktes Hallstatt im UNESCO Welterbegebiet Hallstatt – Dachstein/Salzkammergut bildet den inhaltlichen Schwerpunkt der Forschungsarbeit. Da durch eine Brandkatastrophe in der Mitte des 18. Jahrhunderts die meisten lokalen schriftlichen Quellen verloren gegangen sind, stützt sich die Arbeit in erster Linie auf Materialien des Wiener Hof- und Finanzarchivs. Aus diesen äußerst reichen Beständen konnte eine umfangreiche Quellenedition vorgelegt werden, auf deren Grundlage neue und oft auch überraschende Erkenntnisse über städtebauliche Konzeptionen und bautechnische Entwicklungen gewonnen worden sind.
Zur Person: Totengräber in Hallstatt, Architekturstudium an der TU Wien. Promotion 2003 am Institut für Denkmalpflege und Industriearchäologie. Selbständige freiberufliche Tätigkeit als Bildhauer und Baukünstler. Entwurf und Ausführung von Aufgaben in den Bereichen Innenraumgestaltung, Gewerbe und Industrie. Mitarbeit am Forschungsprojekt Baudenkmäler der Technik und Industrie unter der Leitung von Univ. Prof. M. Wehdorn. Lehrtätigkeit an der HTBLA für Möbel und Innenraumgestaltung Hallstatt.

 

 

24. November 2004 – Catherine HOREL (Paris/Wien)
“Multikulturalismus in urbaner Umwelt. Nationale und soziale Vielfalt in den Metropolen der Habsburgermonarchie 1867-1914“

Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Der Schwerpunkt der Ausführungen liegt bei Kulturgeschichte. Dabei werden die Gesellschaftsstruktur, die Stadtplanung, die Stadtpolitik, Bildung und Kunst betrachtet. Es werden die Entwicklung der Stadtgesellschaft durch Multikulturalismus (Nationalitäten und Konfessionen, darunter die Juden), soziale Kategorien (Arbeiter, Frauen, Kinder, Arme, Roma) und Raumverteilung in Betracht gezogen. Der komparativen Dimension kommt eine besondere Bedeutung zu: nicht nur Metropolen wie Wien, Budapest und Prag sind von Interesse, sondern auch Städte mittlerer Größe, die aber eine wesentliche politische, kulturelle oder geographische Rolle spielen. Mit Berücksichtigung der Stadtplanung ist auch der Urbanismus, sind die sanitären Verhältnisse und die Funktion der Stadt als Repräsentation und Trägerin der Modernität gemeint. Dazu kommt selbstverständlich auch die Stadtpolitik in Frage: Opposition zwischen Stadt und Staat ist eine Konstante, aber auch innerhalb der Stadt, wenn neue Gruppen oder Parteien das Rathaus kontrollieren wollen. Städte sind Ort der Bildung und nehmen deshalb oft eine nationale Bedeutung ein. Die Stadt ist einerseits Bastei, andererseits Eroberungsziel.
Zur Person: Univ.Doz., Forschungsbeauftragte (erster Klasse) am Centre National de la Recherche Scientifique und beim Centre d’Ètudes Germaniques in Straßburg. Preisträgerin der Bronzemedaille des CNRS für das Jahr 1999. Gastprofessorin an der katholischen Universität Louvain-la-Neuve (Belgien) und im WS 2004/05 am Institut für Geschichte der Universität Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Habsburgermonarchie und den Beziehungen zu Frankreich., u.a. Juifs de Hongrie 1825-1849, problèmes d’assimilation et d’emancipation. Straßburg 1995; Histoire de Budapest, Paris 1999; Die Restitution des jüdischen Eigentums und die jüdische Renaissance in Mitteleuropa. Frankfurt a.M./Bern 2002.

 

 

1. Dezember 2004 – Ute PLANERT (Tübingen)
„Der Mythos vom Befreiungskrieg: Ein historiographischer Topos in der Kritik“

(in Kooperation mit der "Arbeitsgruppe für Frauen- und Geschlechtergeschichte")
Moderation: Christa Ehrmann-Hämmerle
ACHTUNG: ausnahmsweise Hörsaal 50

Abstract: Während der Mythos vom „Befreiungskrieg“ gegen Napoleon in Schul- und anderen Geschichtsbüchern noch immer überdauert, zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass die Erfahrungen der Mitlebenden je nach sozialer Lage, Geschlecht, Generation, religiöser Zugehörigkeit, Region oder auch politischer Überzeugung so sehr voneinander abwichen, dass nicht von einem gemeinsamen ‚Kriegserlebnis’ gesprochen werden kann. Traditionelle und regionale Loyalitäten sowie religiöse Bindungen überwogen landespatriotische oder gar nationale Einstellungen bei weitem. Kriegsbelastungen wurden so weit als möglich abgewehrt, gleich von welcher Seite sie kamen. Der in den männlichen Heldengedichten verherrlichte „Freiheitskampf“ von 1813-1815 erschien vielen Menschen im deutschen Süden und Südwesten nur als Possenspiel, dem sie nach Möglichkeit fern blieben. Der Wunsch nach einem Ende der ständigen Kriege darf nicht mit einer verbreiteten nationalen Haltung verwechselt werden. Erst durch das Ausblenden der vielfältigen und divergierenden Kriegserfahrungen zugunsten einer nationalistischen Deutung, wie sie am Anfang des 19. Jahrhunderts nur von einer bürgerlichen Minderheit vertreten wurde, konnte jener Mythos vom Befreiungskrieg entstehen, der im Vorfeld des antifranzösischen Kriegs von 1870/71 und vor dem ersten Weltkrieg eine so unheilvolle Rolle spielte.
Zur Person: Univ.Doz. für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen, Projektleiterin im dortigen Sonderforschungsbereich „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“. Zahlreiche Arbeiten zur Frauen- und Geschlechtergeschichte, Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte vom 18. bis 20. Jh, und zur Nationalismusforschung. Habilitation 2003 über die Erfahrungsgeschichte der Revolutions- und Napoleonischen Kriege im außerpreußischen Raum. Publikation u.a. : Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Göttingen 1998; (Hg.): Nation, Politik und Geschlecht. Frauenbewegungen und Nationalismus in der Moderne. Frankfurt a.M. 2000.

 

 

15. Dezember 2004 – Erhard CHVOJKA (Wien) ACHTUNG ABGESAGT!!!
„’Hat mich Gott en Enklein erleben lassen…’. Zur Entwicklung der Großeltern-Enkelkind-Beziehungen in der Frühen Neuzeit“ (in Kooperation mit dem IEFN)

Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern wurden von der Historischen Familienforschung bisher weitgehend ausgeklammert. Bei näherer Betrachtung lässt sich eine entscheidende Zäsur in der Qualität des Verhältnisses zwischen den beiden Generationen während der ersten Jahrzehnte des 18. Jhs. erkennen. Bis dahin waren alte Menschen im familialen Kontext in erster Linie als „alte Eltern“ konnotiert, danach entwickeln sich die normativen Grundlagen der modernen Großelternrollen im Rahmen der bürgerlichen Neukonzeption von „Familie“. Das Thema wird anhand von Ego-Dokumenten, bildlichen Quellen und demographischen Berechnungen beleuchtet.
Zur Person: 1984-1994 Studium der Geschichte in Wien und München; 1994 Dr. phil.; 1992 Forschungsaufenthalt an der „Cambridge Group for the History of Population and Social structure“; Mitarbeiter und Leiter mehrerer wissenschaftlicher Forschungsprojekte und Ausstellungen; 1995-1998 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Universität des Saarlandes (Saarbrücken): seit 2003 Direktor der Wiener Urania. Lehraufträge: Universität Saarbrücken (1995-1997); Universität Salzburg (1996/7), Universität Wien (seit 1999).

 

 

12. Jänner 2005 – Annelore RIEKE-MÜLLER (Berlin)
„Religion zwischen Konfessionalisierung als kulturellem Fundamentalprozess und Säkularisierung in der Frühen Neuzeit“

Moderation: Marianne Klemun

Abstract: Sozialdisziplinierung und Konfessionalisierung in der Frühen Neuzeit sind in der Geschichtswissenschaft seit Jahrzehnten erfolgreiche Forschungsperspektiven. Freilich haben sowohl der etatistische als auch der kommunalistische Ansatz bisher in erster Linie die politische Konfessionalisierung, die Kirchenzucht und die sozialnormative Formierung und Kontrolle der Gläubigen sowie die sakrale Architektur und Kunst im 16. und 17. Jahrhundert in den Blick genommen. Zudem fand die Vorstellung besonderen Widerhall, der Protestantismus dieser Zeit sei auf Bücher und auf die Schrift, der Katholizismus dagegen eher auf Bilder konzentriert gewesen. Im Zuge der Verwissenschaftlichung des Lebens und der Aufklärung sei es seit dem Ende des 17. Jahrhunderts zur Säkularisierung und zur Auflösung der Konfessionskulturen gekommen. Der Vortrag beschäftigt sich mit zwei Aspekten der Konfessionskulturen, die diese Annahmen in Frage stellen können: erstens mit der Position Luthers zum Bildgebrauch, den Dingen und den konfessionell begründeten Schlussfolgerungen daraus, zweitens mit der jüngst in der angelsächsischen Forschung mehrfach vertretenen Ansicht, die moderne (Natur)Wissenschaft des 17. Jhs sei der Ausfluss eines puritanischen Zuganges zur natürlichen Welt.
Zur Person: Studium der Geschichte und Geographie, 2001 Habilitation für Neuere und Neueste Geschichte, Privatdozentin an der Humboldt-Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: Kulturgeschichte, Geschichte der Biologie und ihrer Popularisierung vom 17. bis zum 19. Jh., Exotismus (Europa und die aussereuropäische Welt).

 

 

19. Jänner 2005 – Susanne RAU (Dresden)
„Das Kaffehaus am Markt oder Wie Getränke den öffentlichen Raum strukturieren“
(in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Was heute jeder weiß; dass man Neuigkeiten eher am Kaffeeautomaten erfährt oder dass wichtige Entscheidungen manchmal vor den entsprechenden Sitzungen in der Kneipe getroffen werden, galt in gewisser Weise auch schon für die Frühe Neuzeit. Nach Jürgen Habermas hat die historische Aufklärungsforschung die Rolle der Kaffeehäuser bei der Entstehung einer politischen Öffentlichkeit betont; Kaffee sei als das dem Geist der Aufklärung adäquate Getränk betrachtet worden. Am Beispiel der Stadt Lyon soll gezeigt werden, dass diese Charakterisierung nur zum Teil der zeitgenössischen Wahrnehmung entsprach. Im Rückgriff auf neuere sozialwissenschaftliche Forschungen zu „Raum“ soll danach gefragt werden, wie Orte, an denen das exotische Getränk ausgeschenkt wurde, „hergestellt“ wurden, welche Typen es gab, welche (entsprechenden) Funktionen sie erfüllten und wie sie binnen weniger Jahrzehnte ein Stadtbild verändern konnten.
Zur Person: Studium der Geschichte, Philosophie, Romanistik und Allgemeinen Rhetorik in Tübingen, Reims und Hamburg, 2001 Dissertation an der Universität Hamburg, publiziert u.d.T. „Geschichte und Konfession […]“, Hamburg/München 2002; z. Zt. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich 537 „Institutionalität und Geschichtlichkeit“ an der TU Dresden – Projekt über „Institutionelle Ordnungsarrangements öffentlicher Räume in der Frühen Neuzeit“ [vgl. unter Mitarbeiter www.gerd-schwerhoff.de] .

 

 

26. Jänner 2005 – Sabine VEITS-FALK (Salzburg)
„Pionierinnen oder Alibifrauen? Die ersten Gemeinderätinnen der Stadt Salzburg“

Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Im Salzburger Gemeinderat, bislang ein ausschließlich der „Männerwelt“ vorbehaltenes Terrain, waren erstmals im Dezember 1918 vier Frauen vertreten. Die ersten Mandatarinnen waren – wie in anderen Städten auch – fast ausschließlich in Bereichen tätig, die in das gängige Rollenbild passten, wie z.B. Armenwesen, Erziehung, Bildung und Kultur. Der Frauenanteil von 10 Prozent zu Beginn der Ersten Republik reduzierte sich allmählich, bis in den 1930er-Jahren nur mehr eine Frau vertreten war und der Nationalsozialismus den jungen Frauenrechten und bescheidenen Mitsprachemöglichkeiten von Frauen ein abruptes Ende setzte. Anhand der Biographien von drei Gemeinderätinnen – Schuldirektorin Alice Brandl (Sozialdemokraten), Unternehmerin Fanny Heilmayr (Großdeutsche) und „Private“ Maria Winkler (Christlichsoziale) – wird im Vortrag verdeutlicht werden, über welche Handlungsspielräume Frauen in der Stadtpolitik während der Ersten Republik verfügten.
Zur Person: Mag. Dr. phil., geb. 1967, Studium der Geschichte und Anglistik/Amerikanistik; 1993–2000 Forschungsassistentin am Institut für Geschichte der Universität Salzburg, seit 1996 Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg, 2000–2001 Mitarbeiterin im Salzburger Museum Carolino Augusteum, seit 2001 im Archiv der Stadt Salzburg beschäftigt; Forschungsschwerpunkte: Armutsgeschichte, Frauen- und Geschlechtergeschichte (bes. 18. und 19. Jh.), vergleichende Regionalgeschichte.

 

 

 

Organisation und Planung: Ursula Prutsch

Weitere Veranstaltungen
Vorträge der vergangenen Semester


Institut für Geschichte

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im SS 04


 

10. März 2004 - Steffen SIEGEL (Berlin)
“Wissen, das auf Bäumen wächst. Das Baumdiagramm als epistemologisches Dingsymbol im 16. Jahrhundert“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Anita Traninger

Abstract: Epistemologische Ordnung braucht Metaphern. Die heute allgegenwärtige Rede vom "Netz" oder "Netzwerk" hat dabei ältere Modelle abgelöst, die traditionell der botanischen Semantik entlehnt waren. Ausgehend von Deleuzes und Guattaris Kritik im Zeichen des "Rhizoms" soll die Entfaltung und visuelle Ausformulierung der Baummetaphorik und des Baumdiagramms als die visuelle wie konzeptuelle Chiffre des Ramismus in der 2. Hälfte des 16. Jhs. näher beleuchtet werden. Theodor Zwingers "Theatrum humanae vitae" (1565, 1586) wird dabei als eines der prominentesten Vertreter der ramistischen Methodik im Mittelpunkt stehen.
Zur Person: Studium der Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft sowie der Philosophie in Konstanz und Lyon (Lumière). Nach Forschungsaufenthalt in London seit 2002 Promotion am Institut für Kultur- und Kunstwissenschaft (Humboldt-Universität Berlin; Horst Bredekamp), Arbeitstitel: "Iconographia universalis. Visuelle Wissensordnung im 16. Jahrhundert". Weitere Forschungsschwerpunkte: diagrammatische Repräsentation, historische Visualisierungspraxis, Alexander von Humboldt.



17. März 2004 - Gabriele HAUG-MORITZ (Graz)
„Kriege und 'neue’ Medien im Reich der Reformationszeit: Das Beispiel des Schmalkaldischen Krieges, 1546/47“
Moderation: Alfred Kohler

Abstract: Der Schmalkaldische Krieg, ausgefochten zwischen Kaiser Karl V. auf der einen, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen sowie Landgraf Philipp von Hessen auf der anderen Seite samt ihrem jeweiligen politischen wie militärischen Anhang, markiert gerade in einer mediengeschichtlichen Perspektive den Höhepunkt einer ganzen Folge militärisch ausgefochtener Interessengegensätze im Reich der Reformationszeit. Der Vortrag wird in knappen Strichen den Krieg selbst vorstellen, um sich sodann ausführlich den von den Kriegsparteien mittels der „neuen“ Medien des Reformationszeitalters kommunizierten Deutungen des Krieges zuzuwenden. Dergestalt wird es nicht nur möglich sein, neue Einblicke in die seit der Zeit um 1520 entstehende massenmediale Öffentlichkeit des Reiches zu gewinnen, sondern auch die Bedingtheiten zu verstehen, auf denen noch die heutige Interpretation des Krieges als des „Urtyps“ eines frühneuzeitlichen Religionskriegs (Burkhardt) aufruht.
Zur Person: geb. 1959; Promotion (1989) und Habilitation (1999) an der Universität Tübingen; seit 2002 Arbeit an einem medien- und kommunikationsgeschichtlich ausgerichteten Forschungsprojekt (Fritz-Thyssen- Stiftung) zu den Kriegen im Reich der Reformationszeit (1542-1554); 2003 Gastprofessuren an den Universitäten Aix-Marseille und der Graz; im Januar 2003 Ruf an die Universität Graz auf die Nachfolge Grete Walter-Klingenstein. Forschungsschwerpunkte: frühneuzeitliche Sozial- und Verfassungsgeschichte, Medien- und Kommunikationsgeschichte, Reformationsgeschichte.

 

24. März 2004 - Daryle WILLIAMS (University of Maryland, USA)
"The Cultural Politics of Brazilian Nationhood, 1930-1964"
Moderation: Ursula Prutsch

Abstract: The talk with examine the dynamic interplay of cultural politics (politica cultural) and political culture (cultura política) of nation-making in modern Brazil, with special attention to competing authoritarian, nationalist, and populist impulses of state cultural policymaking under Getúlio Vargas (1930-1954), Juscelino Kubitshek (1955-1960), and João Goulart (1961-1964. The talk considers how the Brazilian state came to treat national culture a political problem, and how, in turn, national culture—popular and erudite— became a modality of political integration, participation, and exclusion. Firmly grounded in established debates about the political nature of Latin American populism, the talk engages the "cultural turn" in studies of nation and nationalism in Latin America.
Zur Person: Daryle Williams is Associate Professor of History at the University of Maryland, College Park. He received his Ph.D. at Stanford University in 1995. Daryle Williams is author of “Culture Wars in Brazil: The First Vargas Regime, 1930-1945” (Duke University Press, 2001, winner of the American Historical Association's John Edwin Fagg prize). He has authored several articles and book chapters on twentieth-century Brazilian cultural history. Recent research: cultural politics of World Heritage in Argentina, Brazil, and Paraguay, humanities computing, and the place of blackness in nineteenth-century Brazilian fine arts. He is currently Associate Editor of the Hispanic American Historical Review.

 

31. März 2004 - Workshop „Frontier-Geschichten “
Maureen DEVINE (Klagenfurt): „…and followed they did“: Women’s Perspectives on the Changing Frontier, und Josef KÖSTLBAUER (Wien): "Comparative Frontier-Studies“ - Sinn und Potential einer Beschäftigung mit Räumen am Rand
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract (Devine): Starting from the basic assumptions that 1) “the frontier” from its very beginnings has been a male-centered adventure story, and that 2) numerous male writers - from the earliest explorers and adventurers who kept diaries and wrote reports up to the novelists like James Fenimore Cooper - were very conscious of myth-making possibilities concerning the frontier, this paper first briefly reviews the research of the last three decades on the literature of frontier women, particularly regarding the different perceptions women had of the frontier and their specific contribution to frontier literature. Then turning to the contributions of basically two women, Caroline Kirkland and Eliza Farnham, who wrote extensively about their experiences on the frontier of the 1840s and 1850s, the paper discusses three characteristic tropes in women’s frontier writing of the mid-1800s: the “tradition of apologia” (Georgi-Findlay), frontier as garden motif, and the perception of Natives as a doomed race. Finally, raising the question of why the women’s perspective on the concept of the frontier still tends to be politely ignored in spite of the fact the fact that Anglo-European women “followed” on the frontier from earliest colonial times, one answer suggested is that the realities of frontier life for the vast majority of pioneers, male and female, could in no way compete with the already established myths, and in the 19th century it was the myth of the frontier, in the face of - and because of - its rapid demise, that was of overriding importance.
Abstract (Köstlbauer): Seit langem gilt die "Frontier" in der Geschichtsschreibung nicht mehr als exklusiv nordamerikanisches Phänomen. Instrumental für diese Wandlung war ein neues Verständnis von Frontier als Ort und Prozess der Interaktion einander fremder Kulturen sowie die starke Betonung komparativer Ansätze in der Frontier-Forschung. Doch während kontinuierlich erscheinende Publikationen die Faszination des Themas belegen, bleiben zentrale Fragen unbeantwortet, wie jene nach der historiographischen Legitimation des Frontier-Konzeptes bzw. nach der Sinnhaftigkeit seines Einsatzes bei der Untersuchung spezifischer historischer Situationen. Der Beitrag wird diese Punkte diskutieren und mögliche Antworten skizzieren.
Zu den Personen: Maureen Devine is Lecturer for American literature and American studies at the Department of English and American Studies, University of Klagenfurt (since 1975). Major research interests and teaching interests: Ecofeminism, Woman and Nature Writing, Native American Literature, American feminist writing of late 19th and 20th century; African American women writers and Native American women writers. Active in partnership programs at the University of Klagenfurt with American and Alpe-Adria universities. Major publications: The Embodyment of American Culture, ed. with Heinz Tschachler and Michael Draxlbauer (2003); Woman and Nature: Literary Reconceptualizations (1992); Women in Search of Literary Space, ed. with Gudrun Grabher (1991).
Josef Köstlbauer, Mag.phil., Studium der Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Mitarbeit an verschiedenen Projekten am Institut für Geschichte in Wien (www.pastperfect.at, Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/europaquellen, Geschichte Online). Arbeitet an seiner Dissertation über Metropole-Peripherie Beziehungen und Frontier Situationen in der atlantischen Welt, 1500-1800.

 

14. April 2004 - Pauline PUPPEL (Kassel)
“Frauen und Herrschaft - Juristische Diskurse und Rechtsnutzung“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Josef Pauser

Abstract: In der Frühen Neuzeit übten hochadelige Frauen legitim politische Macht aus, wenn sie als Stellvertreterin die Regierung für den abwesenden oder kranken Fürsten oder als Regentin für den unmündigen Thronfolger übernahmen. Der Vortrag fokussiert auf den frühneuzeitlichen juristischen Diskurs über vormundschaftliche Regentschaften, die die häufigste Form der Herrschaftsausübung (hoch-)adeliger Frauen im Deutschen Reich waren. Die rechtstheoretische Auseinandersetzung deutscher Juristen über die Legitimation des von der verwitweten Fürstin ausgeübten Rechtsinstituts wird an Beispielen aus den Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt vorgestellt.
Zur Person: Studium der Geschichte, Germanistik und Romanistik in Marburg/Lahn und Paris, seit 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Dr. Heide Wunder (Kassel), 2003 Dr. phil. ("Vormundschaftliche Regentschaften hochadeliger Frauen"); derzeit Post-Doc an der Universität Kassel. Forschungsschwerpunkte: Verfassungs- und Geschlechtergeschichte. Publikationen (Auswahl): Die Regentin. Vormundschaftliche Herrschaft in Hessen 1500-1700, Frankfurt/M. 2004 (im Druck).

 

21. April 2004 - Martha KEIL (Wien)
„Namhaft im Geschäft, unsichtbar in der Synagoge. Jüdische Frauen im Spätmittelalter“
Moderation: Karl Brunner

Abstract: Jüdische Frauen haben aufgrund mangelnder geistlicher Bildungseinrichtungen noch weit weniger Zeugnisse hinterlassen als ihre christlichen Zeitgenossinnen. Dennoch waren sie im öffentlichen Raum von Stadt und jüdischer Gemeinde äußerst präsent: Je nach Schicht und Vermögensstand wurde ein Drittel bis ein Zwanzigstel aller Darlehen von Frauen gewährt. Diese hohe Präsenz im Geschäftsleben eröffnete den Frauen rechtliche Freiheiten auf verschiedenen Gebieten. Ihre Bedeutung für die überlebensnotwendige Steuerleistung wuchs derart, dass manchen sogar bislang ausschließlich Männern vorbehaltene Gemeindeämter offen standen. - Kehrseite dieser erstaunlichen Entwicklung war der sukzessive Ausschluss aus dem religiösen und gemeinschaftlichen Ehrenraum schlechthin, der Synagoge. Mit der Errichtung von eigenen, architektonisch abgetrennten „Frauenschulen“ ab Anfang des 13. Jahrhunderts vollzog sich die endgültige Verbannung der Frauen aus dem Synagogenraum. Es stellt sich die Frage, ob nicht die Konzepte von Separierung und Klausur, die im Zusammenhang mit der christlichen religiösen Frauenbewegung virulent wurden, zu einem „Wettbewerb von Frömmigkeit“ zwischen jüdischer und christlicher Gesellschaft, Männern wie Frauen, geführt haben.
Zur Person: Dr. Martha Keil, geb. in Wien, Studium der Geschichte und Judaistik, Promotion 1988, ist stellvertretende Direktorin des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich (St. Pölten). 2002-2003 Charlotte-Bühler-Habilitationsstipendium des FWF zu diesem Thema.

 

28. April 2004 - Adelheid KRAH (München)
„Der aufständische Königssohn. Ein Beispiel aus der Ottonenzeit“
Moderation: Georg Scheibelreiter

Abstract: Aufständische Thronfolger gefährden im Mittelalter König und Reich. Das Charisma der Dynastie gerät dabei häufig in eine Zerreißprobe. Die Krise provoziert den Untergang. Ist sie beendet, beginnt die Historiographie, Personen und Ereignisse zu retuschieren, mit traditionellen Erklärungsmustern zu übertünchen und nach den moralisch-religiösen Vorgaben des aktuellen Herrscherbildes zu stilisieren. Die Wahrheit ist nicht Thema der Historiographen, wohl aber der Historiker. Wie lassen sich Ablauf und Problematik der Ereignisse rekonstruieren? Der Fall Liudolfs von Schwaben, Sohn Kaiser Ottos I., soll Wege und Grenzen der Quellenanalyse zeigen.
Zur Person: Dr. Adelheid Krah ist Univ.Doz. am Institut für Geschichte der Universität Wien; sie war zuvor am Institut für Deutsche Rechtsgeschichte sowie am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der Universität München; Habilitation 2002. Wichtige Publikationen: Absetzungsverfahren als Spiegelbild von Königsmacht (1987), Die Entstehung der Potestas Regia im Westfrankenreich (2000).

 

5. Mai 2004 - Andrea GRIESEBNER (Wien)
„Perspektiven der Geschlechtergeschichte"
Moderation: Karl Brunner

Abstract: „Gender History is here to stay“ (Lynn Hunt, 1998). Hervorgegangen aus der Frauengeschichte ist die Geschlechtergeschichte heute ein etabliertes Feld der Geschichtswissenschaften. Ihre Vertreterinnen und Vertreter haben nicht nur erfolgreich die Fragestellungen an die Vergangenheit erweitert, sondern sie haben wesentlich zur "Erneuerung" der Geschichtswissenschaften beigetragen. Die wichtigsten methodologischen wie theoretischen Debatten der letzten Jahrzehnte wurden von VertreterInnen der Geschlechtergeschichte mitangestoßen und vorangetrieben. In meinem Vortrag werde ich einige der mir zentral erscheinenden konzeptionellen Überlegungen zur Geschichtsschreibung in Erinnerung rufen und davon ausgehend nach den Perspektiven der Geschlechtergeschichte fragen.
Zur Person: Andrea Griesebner ao. Univ.Prof. für Neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien; 2002 Gastprofessorin an der Georgetown University, Washington DC. Ihre Forschungs-, Lehr-, und Publikationsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle zwischen Kultur-, Rechts-, Kriminalitäts-, Körper- und Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit sowie im Bereich der Theorie und Methodologie der Geschichtswissenschaft. Derzeit Vorbereitung einer Einführung in die feministische Geschichtswissenschaft.

 

12. Mai 2004
„Geschichte am Mittwoch“ findet in der Wiener Urania im Rahmen der „ Science Week 2004. zum Thema.„History goes public“ in der Wiener Urania statt. Ort: Wiener Urania, Uraniastraße 1, 1010 Wien. Zeit: 18.00 - 19.45 Uhr
Programm: Podiumsdiskussion zum Thema "Was wozu wissen? Bildung - gestern - heute - morgen"
Es diskutieren:
Mag. Dr. Eveline LIST (Institut für Geschichte)
Hofrat Dr. Günter SCHMID (Sir Karl-Popper-Schule Wien)
o. Univ.-Prof. Dr. Winfried STELZER (Institut für Geschichte)
ao. Univ.-Prof. Dr. Karl VOCELKA (Institut für Geschichte)
Moderation: o. Univ.-Prof. Dr. Alfred KOHLER

 

19. Mai 2004 - Thomas BUCHNER (Salzburg)
“Wiener und Amsterdamer Zünfte im Vergleich (17. und 18. Jahrhundert)“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Andreas Weigl

Abstract: Entgegen älterer Forschungsansichten, die von einem "Verfall" des Handwerks nach dem Mittelalter ausgingen, erlebte das Zunfthandwerk in der Frühen Neuzeit einen gesamteuropäischen Aufschwung. Im Rahmen des Vortrags wird anhand der Beispiele Wiens und Amsterdams das Zunfthandwerk zweier ökonomisch und gesellschaftlich sehr unterschiedlichen Regionen in der Frühen Neuzeit verglichen. Dabei wird insbesondere die Frage nach der Rolle von Zünften im gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext der verglichenen Städte, aber auch für Handlungsspielräume von Handwerkern verfolgt.
Zur Person: Geb. 1974, Dr. phil., Lektor und Forschungsassistent am Institut für Geschichte der Universität Salzburg. Forschungsschwerpunkte: Geschichte des Handwerks und der Zünfte im europäischen Vergleich, Geschichte der Arbeit, Traditionen der Wirtschaftsgeschichte. Publikationen (u. a.): (mit Robert Brandt, Hg.), Nahrung, Markt oder Gemeinnutz. Werner Sombart und das vorindustrielle Handwerk, Bielefeld 2004.

 

26. Mai 2004 - Alfred Stefan WEISS (Salzburg)
„Lebenswelt Bürgerspital. Alltag in Kärntner und Salzburger Institutionen, 1500-1850“
Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Seit mehr als drei Jahrzehnten interessiert sich die historische Forschung vermehrt für die Ausdrucksformen der so genannten geschlossenen Armenfürsorge und rückte damit auch die Lebensbedingungen der jeweiligen Insassen dieser Anstalten in den Mittelpunkt der Darstellung. Quellen wurden neu gelesen, teilweise erstmals entdeckt, sofern diese nicht noch im Verlauf des 20. Jahrhunderts der Vernichtung anheim fielen.
Die größten und damit wichtigsten Einrichtungen befanden sich in den Mittelstädten Klagenfurt und Salzburg, die annähernd 100 Personen zeitweise oder bis zum Lebensende versorgen konnten. Den wenigen Institutionen, die in Kleinstädten und Marktorten des Untersuchungsgebiets dezidiert den Namen Bürgerspital führten, kam aufgrund des beschränkten Platzangebots im Rahmen der Armenverpflegung nur eingeschränkte Bedeutung zu. Der Vortrag gliedert sich in zwei größere Teilbereiche: 1) Städtische und ländliche Bürgerspitäler - Gründungsgeschichte und jeweilige Bedeutung und 2) die Realität - das Leben in diesen Versorgungsanstalten.
Zur Person: Geb. 1964 in Schwanenstadt/OÖ., Studium der Geschichte und Sozialkunde, Philosophie, Pädagogik und Psychologie in Salzburg, Doktorat 1993; Assistenzprofessor am Institut für Geschichte der Universität Salzburg. Forschungsschwerpunkte: Österreichische Geschichte der Frühen Neuzeit, Geschichte der Armut und Kriminalität, Regionalgeschichte.

 

2. Juni 2004 - Workshop „Globalgeschichte an der Universität Wien“
Thomas FRÖSCHL (Wien), Andrea KOMLOSY (Wien)

Abstract: Globalgeschichte ist ein in den letzten Jahren immer größeres Interesse auf sich ziehendes Teilgebiet der Geschichtswissenschaft. Durch die Einrichtung eines Moduls wurde der Globalgeschichte auch in der Lehre an der Universität Wien entsprechendes Gewicht verschafft. Der Lehrplan zielt darauf ab, die Geschichte verschiedener Weltregionen und der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in diesen Weltregionen gleichrangig zu behandeln. Die Geschichte dieser Regionen und Gruppen wird dabei als Element und Ergebnis lokaler, regionaler, nationaler und globaler Tendenzen, Konflikte, Akteure und Interessen begriffen, die miteinander auf vielfältige und häufig hierarchische Weise verflochten sind. An die Stelle des gewohnten Eurozentrismus der Geschichtswissenschaft tritt damit eine multifokale Geschichtswissenschaft in globaler Perspektive. Das Modul vermittelt die spezifischen Methoden, Arbeitsweisen und Theorien der Globalgeschichte und betont die interdisziplinäre Vernetzung. Um dies zu gewährleisten, sind MitarbeiterInnen verschiedener sozial-, geistes- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen in die Organisation eingebunden.
Der Workshop richtet sich an Studierende und Lehrende im Umfeld des Moduls Globalgeschichte. Nach Ende des ersten Durchlaufs geht es um Evaluierung und zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten des Faches.
Zu den Personen: Thomas Fröschl, ao. Univ.-Prof. für Neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien. Schwerpunkte in der Forschung und Lehre: Geschichte der Atlantischen Welt, Brasiliens und besonders der USA. Andrea Komlosy, ao. Univ.Prof. für Wirtschaft- und Sozialgeschichte an der Universität Wien, Arbeitsschwerpunkte: Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Habsburgermonarchie und ihrer Nachfolgestaaten (18.-20. Jh.), Grenze und Grenzregionen, Theorie und Geschichte der Weltwirtschaft. Jüngste Veröffentlichungen: Grenze und ungleiche regionale Entwicklung. Binnenmarkt und Migration in der Habsburgermonarchie (Promedia Wien 2003) sowie Vom Weltgeist beseelt. Globalgeschichte 1700-1850, hg. mit Margarete Grandner (Wien 2003).

 

9. Juni 2004 - Martin SCHEUTZ (Wien)
Der „vermenschte Heiland“. Fußwaschungen am Wiener Kaiserhof der Neuzeit
Moderation: Rudolf Leeb

Abstract: Jährlich zu Gründonnerstag wurden bei Hof zwölf Männern und Frauen von Kaiser und „Kaiserin“ die Füße gewaschen und die Armen gespeist und neu eingekleidet. Die Herkunft dieses Rituals und dessen spezifische Ausprägung am Wiener Kaiserhof bilden den Gegenstand dieses Vortrages. Neben dem Ablauf soll die Herkunft der „gewaschenen und gespeisten“ Personen und die Rezeption dieser „barmherzigen“ Geste in der Öffentlichkeit bei Zuschauern und in der Zeitungsberichterstattung näher untersucht werden. „[D]as Allerdurchleuchtigste Ertz-Haus Oesterreich hat nach dem heutigen Beyspiel des vermenschten Heilandes sich von unfürdenklichen Jahren her der Armut zu Füssen gelegt“ wie das „Wiener Diarium“ 1742, in einem Krisenjahr der Monarchie, zu berichten weiß. Der Kaiser hielt dieses christomimetische und äußerst öffentlichkeitswirksame Ritual als imperialen Gestus und als Inbegriff der „Österreichischen Gottseeligkeit“ trotz der Ende des 18. Jahrhunderts erfolgten Einschränkung kirchlicher Zeremonien bis zum Ende der Monarchie bei.
Zur Person: Martin Scheutz, geb. 1967, ao. Univ.Prof. für Österreichische Geschichte an der Universität Wien, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien, Ausbildungslehrgang am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Habilitation für Neuere Geschichte 2001. Arbeitsgebiete: Historische Erforschung von Kriminalität, Selbstzeugnisse, Stadtgeschichte.

 



16. Juni 2004 - Michaela FENSKE (Göttingen)
“Marktkultur in der Frühen Neuzeit“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Der Vortrag stellt Ergebnisse einer am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen entstandenen Dissertation vor. Anhand des Jahr- und Viehmarktes der Stadt Hildesheim (im heutigen Südniedersachsen) werden Wirtschaft, Macht und Unterhaltung in den Blick genommen. Im Mittelpunkt stehen die sozialen Praktiken von Marktbesuchern und überwachender Obrigkeit. Sichtbar wird ein komplexes kulturelles System, in dem alle Beteiligten sich mit den vor Ort gegebenen Gegebenheiten zu ihren jeweiligen Bedingungen aktiv und kreativ auseinander setzten.
Zur Person: Studium der Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Mittleren und Neueren Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Göttingen und Tübingen; tätig in universitärer Forschung und Lehre, und im Wissenschaftsmanagements; Forschungen über politische Kultur und Wirtschaftsanthropologie der europäischen Vormoderne. Publikationen (Auswahl): Ein Dorf in Unruhe. Waake im 18. Jahrhundert. Bielefeld 1999 (Hannoversche Schriften zur Regional- und Lokalgeschichte 13).

 

23. Juni 2004 - Martina STEER (Wien)
„Das Mendelssohnjubiläum 1929 – ambivalentes Gedenken“
Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract: Moses Mendelssohns herausragende Stellung innerhalb des deutschen Judentums rührt von der Interpretation seiner Person und seines Werkes als Ursprung, Essenz und Symbol einer jüdischen Moderne her. So kann das Gedenken an Mendelssohns Geburtstag in den Jahren 1829, 1879 und 1929 als Indikator dafür gesehen werden, wie das deutsche Judentum eine solche Moderne bewertete und wo es sich im Verhältnis zur deutschen Gesellschaft sah. Das Jahr 1929 ist ein Meilenstein in der Geschichte der Weimarer Republik. Es leitete mit der großen Wirtschaftskrise nicht nur die letzte Phase der Weimarer Republik ein, im Jahr 1929 begann sich auch der Übergang zu einer nationalsozialistischen Herrschaft abzuzeichnen, mit der das postemanzipatorische Zeitalter sein Ende fand. In diesem Spannungsverhältnis zwischen bürgerlicher Gleichberechtigung und Antisemitismus, aber auch zwischen Liberalismus, Neo-Orthodoxie und Zionismus kristallisiert sich die Ambivalenz dieses Mendelssohnjubiläums heraus.
Zur Person: Martina Steer studierte Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Berlin, Rotterdam und München und promovierte 2002 mit einer Arbeit über die deutsch-jüdische Schriftstellerin Bertha Badt-Strauss. Danach war sie Gastwissenschaftlerin am Simon Dubnow Institut in Leipzig und ist seit Dezember 2003 Assistentin am Institut für Geschichte der Universität Wien.

 

30. Juni 2004 - Sergius Kodera
Der Renaissance Magier zwischen Nekromantie und inkompetenter Kuppelei
Kommentar: Wolfgang Schmale
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: 1460 und 1600 entstehen in Europa zahlreiche Abhandlungen, die (in bewusster Abhebung vom Volksglauben) Neuplatonische Magie aus der Antike als theoretische Grundlage für praktisches Handeln propagieren, der gebildete Magus als Erforscher und Beherrscher der Natur erlebt so eine oft beschriebene gesellschaftliche und intellektuelle Aufwertung. Der Vortrag kritisiert die romantisierend-überhöhte Darstellung dieser Personengruppe in der klassischen Forschungsliteratur (z.B. Frances Yates und Ioan Couliano) und versucht eine Beschreibung des Magus als eine in jeder Hinsicht prekäre, dezidiert männliche Übergangsfigur.
Im Anschluss und gleichzeitiger Abgrenzung von traditionellem Liebeszauber beanspruchten Intellektuelle wie Marsilio Ficino (1433-99), Giovanni Pico della Mirandola (1463-94), Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535) oder Giambattista della Porta (1535- 1615) für sich und ihre Kunst herausragende philosophisch- wissenschaftliche Kompetenz in der „Vermählung von Himmel und Erde“. Betrachtet man dieses Expertentum in Sexualmagie aus der Perspektive der Sokratischen Hebammenkunst (Theaetetus, 149A - 150 E) werden die Renaissance Magier jedoch rasch zu unfähigen Kupplern, die als Männer kein genuines Wissen über diese Kunst besitzen können.
Neben dieser, der eigenen Platonischen Tradition inhärenten Kritik ist die Rolle des Magiers auch gesellschaftlich prekär. Im Umgang mit weltlicher und kirchlicher Gerichtsbarkeit ist er selbst stets in Gefahr als Nekromant verurteilet zu werden, andererseits fungiert er (in der polemischen Abgrenzung der eigenen Kunst gegen ungebildete Zauberei im Volk) als Erfüllungsgehilfe eben dieser Institutionen.
Zur Person: Sergius Kodera hat in Wien Philosophie und Sinologie studiert und 1994 in Philosophie promoviert. Seither lehrt er am Institut für Philosophie der Universität Wien als externer Lektor mit Schwerpunkt Geistesgeschichte der Renaissance. 1997 bis 1998 war er Frances Yates Fellow und Erwin Schroedinger Stipendiat am Londoner Warburg Institute.
Neuere Veröffentlichungen:Giordano Bruno, Der Kerzenzieher, Candelaio (Übersetzung, Einleitung und Anmerkungen) Hamburg (Meiner) 2003 "Narcissus, Divine Gazes and Bloody Mirrors. The Concept of Matter in Marsilio Ficino.” In: Marsilio Ficino: his Theology, his Philosophy, his Legacy. (eds. Michael J.B. Allen and Valery Rees) Leiden (Brill) 2002: 285-306
“Masculine/Feminine. The Concept of Matter in Leone Ebreo's Dialoghi d' Amore.“ In: Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit 7 (2003) 481-517.

 

Organisation und Planung: Thomas Fröschl

 


Institut für Geschichte

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 2003/04

 

08.10. – Jonas FLÖTER (Leipzig)
„Friedrich Ferdinand von Beust (1809-1886) im Visier seiner politischen Gegner“

Präsentation des Buches von Jonas Flöter, Beust und die Reform des Deutschen Bundes, 1850-1866 (Böhlau: Köln-Weimar-Wien 2001) in Verbindung mit dem Verlag.
Ferner sprechen Stefan Malfèr und Anatol Schmied-Kowarzik.
Moderation: Alfred Kohler
Im Anschluss an die Veranstaltung lädt der Böhlau Verlag zu einem kleinen Umtrunk in die Räume des Instituts für Geschichte

Abstract: Der sächsische Außenminister Freiherr von Beust war unter den Politikern der deutschen Mittelstaaten der engagierteste konservative Reformer. Nach der Revolution 1848/49 trat er leidenschaftlich für die Erhaltung und föderale Weiterentwicklung des Deutschen Bundes ein. In drei großen Reformdenkschriften 1856, 1857 und 1861 sprach er sich für die Errichtung einer Volksvertretung beim Deutschen Bund und die Schaffung eines Bundesgerichts aus. Gemeinsam mit Österreich machte sich Beust für die Reform des föderalen mitteleuropäischen Staatenbundes stark. Er trat damit sowohl der nationalliberalen deutschen Einheitsbewegung als auch dem Expansionsstreben Bismarcks entgegen. Allerdings gelang es nicht, ein gemeinsames Reformprogramm der deutschen Mittelstaaten zu entwickeln. Folglich konnte der gewaltsamen kleindeutschen Einigungspolitik Bismarcks keine staatenbündische Alternative entgegengestellt werden.
Zur Person: geb. 1967, Studium der Geschichte, Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und Journalistik (Mag. phil. 1995 Wien, Dr. phil. 2001 Leipzig). 1996-1998 Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung, 1999 Forschungsstipendiat am Institut für Europäische Geschichte in Mainz; seit 2001 Projektstelle der Fritz Thyssen Stiftung, Köln, am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., Dresden. Forschungsschwerpunkte sind die Deutsche Verfassungs-, Politik- und Diplomatiegeschichte und die Deutsche Bildungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Österreichische Politik- und Diplomatiegeschichte des 19. Jahrhunderts.

 

15.10. – Anita TRANINGER (Wien)
„Tarnen und Täuschen. Improvisation, Bluff und hohles Geschwätz’ in frühneuzeitlichen Wissenschaftskulturen“
(in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Franz Eybl

Abstract: Im April 1619 kommt René Descartes auf der Durchreise in Dordrecht mit einem älteren Mann ins Gespräch. Dieser rühmt sich, über jede beliebige Materie eine volle Stunde lang sprechen zu können, eine weitere über ein anderes Thema, und so fort - zwanzig Stunden könne er am Stück deklamierend zubringen. Descartes hält ihn für einen Schwätzer, tauscht sich mit ihm aber über die Grundlagen dieser Fähigkeit aus: Es ist eine bestimmte Methode, die solche Stegreifrede ermöglicht, die ars lulliana. Der Vortrag stellt diese zwischen 1530 und 1720 viel beschriebene, ebenso bewunderte wie attackierte Diskurstechnik vor und situiert sie in Kontexten gelehrter Tätigkeit in der Frühen Neuzeit: der Universität, dem Hof, der Kanzel.
Zur Person: geb. 1969, Studium der Deutschen Philologie und Japanologie (Universität Wien); 1994-1996 Mitarbeiterin am Institut für Germanistik (Forschungsprojekt zur Ars memorativa; Leiter: Wolfgang Neuber); 1996-1997 Doktoratsstipendium der Österr. Akademie der Wissenschaften; 1998 Promotion; seit 2000 wiss. Mitarbeiterin und seit 2001 Geschäftsführerin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM). Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit.

 


22.10. – Gabor AGOSTON (Washington, DC; Gastprofessor am Institut für Geschichte der Universität Wien im Wintersemester 2003/04)
„Guns and Empire: Weapons Industry and Military Power in the Ottoman Empire, 1500-1800“.
Moderation: Andrea Griesebner


Abstract: The lecture is a short summary of some of the results of my Guns and Gunpowder for the Sultan to be published by Cambridge University Press. In the “gunpowder age” the adequate and steady supply of weaponry and military hardware was a sine qua non for states that wanted to achieve long-standing military prominence. The aim of the book is to understand the Ottoman weapons industry, the systems and methods by which the Sultans procured their armaments. Based on extensive research in the Turkish archives, the book offers new insights regarding the early success of an Islamic empire against its European adversaries and its subsequent failure. It also challenges and qualifies many of the sweeping statements in Eurocentric and Orientalist scholarship with regard to Ottoman (and Islamic) military technology and military capabilities. Of these, the notion of “Islamic conservatism,” the Ottomans’ supposed “technological inferiority,” as well as the Empire’s alleged insufficient production capacity and the putative Ottoman dependence on European imports, are given special attention in the lecture.
Zur Person: Ph.D. in History in 1994 (Hungarian Academy of Sciences), Doctor Universitatis 1986 (summa cum laude, Eötvös Loránd University, Budapest, Hungary). Asst. Prof. of Ottoman history at Georgetown University (Washington, DC, 1998-present); previously Associate Prof. at Eötvös Loránd University, Budapest and at the University of Pécs, Hungary.

 


29.10. – Thomas FRÖSCHL (Wien)
„Gibt es eine Geschichte der Amerikas?

Moderation: Ursula Prutsch

Abstract: Gibt es analog zu einer europäischen Geschichte auch eine gesamtamerikanische Geschichte? Ist es sinnvoll, diese Frage angesichts globalgeschichtlicher Herausforderungen anzugehen? Welches sind die übergreifenden historischen Erfahrungen, die den Nationalgeschichten der einzelnen Staaten der Neuen Welt gemeinsam sind und einen Vergleich mit Europa zulassen? Liegen die hemisphärischen Gemeinsamkeiten gar nur in der Kolonialgeschichte? Wie relevant ist der Gegensatz zwischen einer angloamerikanischen und einer lateinamerikanischen Welt? Wo hat in diesem Konzept das französisch geprägte Amerika seinen Ort? Wie kann die Vielfalt, wie können die Pluralitäten und Gegensätzlichkeiten in allen Teilen der Amerikas in eine mögliche Gesamtgeschichte der westlichen Hemisphäre integriert werden? Der Vortrag wird diese und andere Fragen thematisieren und versuchen, einige Antworten zu formulieren.
Zur Person: Thomas Fröschl, ao. Univ.-Prof. für Neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien. Schwerpunkte in der Forschung und Lehre: Geschichte der Atlantischen Welt, Brasiliens und besonders der USA.


05.11. – Teresa FRISCH-SOTO (Wien)
“Quo vadis Argentinien? Eine historische Analyse der gegenwärtigen Krise”

Moderation: Ursula Prutsch

Abstract: Der Vortrag analysiert die wichtigsten Abschnitte der Geschichte Argentiniens von der Unabhängigkeitsbewegung im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts bis zur Konsolidierung eines nationalen Projekts am Ende des selben Jahrhunderts. Es folgen Untersuchungen über die Auswirkungen der Weltkriege, besonders des 2. Weltkriegs.
Am Ende steht die Betrachtung der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, der Weg in den Niedergang des politischen und wirtschaftlichen Systems. In den einzelnen Abschnitten des Vortrags werden sowohl die bestimmenden historischen Phänomene untersucht, als auch das Versagen der politischen Eliten, welche die gegenwärtige neokoloniale Lage des Landes verursacht haben.
Zur Person: Teresa Frisch-Soto Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin am Institut für Geschichte: Studium der Soziologie und Fächerkombination in Lima, Perú und Geschichte in Wien. Arbeitsschwerpunkt: Geschichte Lateinamerikas des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere die Geschichte der geistigen Strömungen des Kontinents.

 

12.11. – Wolfgang TREUE (Duisburg-Essen)
„Sprache und interkulturelle Kommunikation auf Reisen durch das frühneuzeitliche Europa“
(in Kooperation mit dem IEFN) Moderation: Barbara Staudinger

Abstract: Ein zentraler Gegenstand von Reiseberichten ist die Erfahrung des Fremdseins, die je nach Route und persönlichen Voraussetzungen früher oder später einsetzen, abrupter oder sanfter verlaufen kann. Mit ihr beginnt die Notwendigkeit zu interkultureller Kommunikation, auf die der Reisende mit verschiedenen Strategien reagieren kann. Aneignung fremder Sprachen ist eine wichtige, aber nicht die einzige Möglichkeit, drohender interkultureller "Sprachlosigkeit" zu begegnen und soll daher im Zusammenhang mit anderen Zeichensystemen (Kleidung, Moral, Sitten etc.) dargestellt werden. Um einen geeigneten Bezugsrahmen zu erhalten, ist es sinnvoll, dabei auf allzu scharfe Kontraste wie Alte Welt/Neue Welt zu verzichten und die Untersuchung im wesentlichen auf europäische Reisende in Europa zu beschränken.
Zur Person: geb. 1963 in Bonn, Studium der Geschichte und Philosophie in München, Aix-en-Provence und Berlin, Promotion 1994 in Trier, wissenschaftlicher Mitarbeiter des deutsch-israelischen Forschungsprojekts Germania Judaica IV an der Universität Düsseldorf, Lehrtätigkeit an der Universität Duisburg-Essen; Publikationen im Bereich der jüdischen Geschichte, Medizingeschichte, Geistes- und Mentalitätengeschichte.

 


19.11. - Juraj SEDIVY (Bratislava)
"Schriftkultur im mittelalterlichen Pressburger Kapitel“

Moderation: Christoph Sonnlechner

Dieser Vortrag ist Teil des workshops "Historische Forschung bei den Nachbarn: Bratislava/Preßburg", das vom Institut für österreichische Geschichtsforschung (IföG) veranstaltet wird.

Abstract: Das Pressburger Kapitel war während des ganzen Mittelalters eine wahrhaft internationale kirchliche Institution. Mit dem Sitz im Grenzgebiet des Ungarischen Königreiches war es personell und kulturell stark mit dem Gebiet des heutigen Österreich verbunden. In einigen Perioden war auch der Einfluss der aus dem Königreich Böhmen stammender Kanoniker zu spüren. Die mittelalterliche Bibliothek des Kapitels war wahrscheinlich die größte auf dem Gebiet der heutigen Slowakei, ihre Kanzlei zählte ebenfalls zu den bedeutendsten auf dem Territorium. Besonders im Hochmittelalter war ihre kulturelle Tätigkeit fest mit der Geschichte der Stadtgemeinde von Pressburg verbunden und hat auf die Entfaltung der städtischen Verschriftung einen starken Einfluss ausgeübt. Es war in das System der glaubwürdigen Orte eingebunden, was eine relativ frühe Urkundenverschriftung unterstützte. In den wirtschaftlich und personell günstigen Perioden wirkte eine zeitlang auch das eigene Skriptorium.
Zur Person: Juraj Sedivy, geb. 1971 in Bratislava; studierte Geschichte und Archivwesen an der Comenius Universität in Pressburg (1996); Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (1995). Doktorat an der Comenius Universität (2002), wo er z.Zt. Assistent am Lehrstuhl für Archivwesen und Historische Hilfswissenschaften ist. Im Bereich des Mittelalters spezialisiert auf lateinische Paläographie und Kodikologie; daneben Beschäftigung mit der historischen Anthropologie (Auffassung von Fremden, Naturwahrnehmung). Er koordiniert das Projekt Latin Paleography Network - Central and Central-East Europe. Seine Publikationstätigkeit erstreckt sich auf die Slowakei, auf Österreich, Ungarn und die Tschechischen Republik.

 

26.11. – Ralph ANDRASCHEK-HOLZER (St. Pölten)
„Regionale Historiographiegeschichte am Beispiel klösterlicher Geschichtsforschung in Niederösterreich, 1600-2000“

Moderation: Helmuth Grössing

Abstract: In die Erforschung der österreichischen Historiographiegeschichte ist nach längerer Stagnation wieder Leben gekommen. So haben etwa Arno Strohmeyer (Bonn) und der Vortragende unabhängig voneinander das Potential des von Jörn Rüsen entwickelten Modells einer geschichtswissenschaftlichen Matrix auszuschöpfen getrachtet: Während Strohmeyer mit dem Rüsen-Modell auskommt, musste der Vortragende eine Adaptierung desselben vornehmen, welche einer stärkeren Durchdringung fachlicher Verfasstheit und lebensweltlicher Integration von Geschichtsschreibung auf regionaler Ebene Rechnung zu tragen versucht. In diesem Vortrag werden beide Modelle vorgestellt und die „adaptierte“ Fassung veranschaulicht; dies geschieht anhand eines Vergleichs zwischen zwei neueren Geschichtsforschern klösterlicher Provenienz: P. Friedrich Endl OSB (1857-1945) sowie Alphons Zák O.Praem. (1868-1931). Beide wirkten im Anschluss an haus- bzw. ordensspezifische Traditionen, die fortzusetzen sie bemüht waren; beide besaßen für ihre Arbeit zentrale persönliche Bezüge v.a. zu den Orten ihres Wirkens; beide schließlich bewiesen durch besondere Formen des Geschichte-Schreibens, Geschichte-Erlebens, ja -Mitgestaltens ein individuell zu bemessendes integriert sein in ihre Lebenswelt als Forscher und Geistliche.
Zur Person: Ralph Andraschek-Holzer geb. 1963 in Horn, NÖ. 1982-88 Studium der Deutschen Philologie und Kunstgeschichte (Mag., Dr., Promotion 1992), seit 1994 an der NÖ Landesbibliothek. Wissenschaftliche Ausstellungen und Vorträge, über 60 Publikationen zu diversen Themen der geschichtlichen Landeskunde. Forschungsschwerpunkte: Topographische Ansichten der Frühen Neuzeit, regionale Historiographiegeschichte und die historischen Klöster Österreichs.

03.12. – Eveline LIST (Wien)
„Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft“

Moderation: Birgitta Bader-Zaar

Abstract: Sigmund Freud entwickelte die Psychoanalyse zwar an der klinischen Arbeit, hat sich aber bald auch gesellschaftlichen Phänomenen zugewandt und in seinen kulturtheoretischen Schriften etwa über Krieg, Gesetz, Religion, Mythen und kollektive Erinnerung nachgedacht. Neu war die Analyse der Bindungen der Menschen an die Welt und untereinander als Entsprechung von Innenwelt und Außenwelt auf der Grundlage der Erkenntnisse über das mentale Funktionieren von Individuen und Kollektiven.
Wenngleich es einzelne herausragende Beispiele psychoanalytischer Geschichtsforschung gibt, war der effektive Einfluss der Psychoanalyse vor allem ein indirekter. Viele aktuelle historische Arbeiten wären ohne Psychoanalyse als Fragestellung überhaupt nicht denkbar und können freilich ohne sie auch nicht erschöpfend bearbeitet werden.
Zur Person: Eveline List Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin am Inst. f. Geschichte. Studium u.a. Psychologie, Geschichte, und Volkswirtschaft. Ausbildung in Psychoanalyse und Gruppenanalyse. Lehranalytikerin der IPA.
Forschungsschwerpunke: Psychoanalytische Geschichtsforschung und Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse.

 


10.12. – Irmgard WIRTZ (Bern/Wien)
„Die Bewältigung der Affekte. Grimmelshausen und die Ethikdebatte um 1650“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Die literaturwissenschaftliche Diskussion der Affekte im 17. Jahrhundert konzentriert sich auf das stoizistischen Modell in der Rezeption durch Lipsius, wie es in den barocken Tragödien zur Darstellung gelangt. Die theoretische Diskussion der Affekte in Rhetoriken und Ethiken gerät um 1650 jedoch in eine Definitionskrise, die keinen einheitlichen Konsens darüber zulässt, was die Natur der Affekte ist und wie diese zu gebrauchen sind. Die thomistischen und augustinischen Affektenmodelle werden in den Rhetoriken und Ethiken des 17. Jahrhundert breit rezipiert. Deshalb wird zu zeigen sein, wie diese die Affekte verstehen und welchen Gebrauch sie empfehlen. Wie die neoaristotelischen Affektenkonzepte für die Poetik des Romans nach 1650 produktiv wirksam werden, kann die Lektüre von Hans Jacob Christoff von Grimmelshausens erstem Roman zeigen.
Zur Person: Assistentin am Institut für Germanistik, Bern, Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik, Wien, Dissertation zu "Joseph Roths Fiktionen des Faktischen" (1997). Forschungsschwerpunkte: Nachlass Friedrich Dürrenmatts - Werkgenese und Interpretation; Rhetorik, Ethik und Poetik des Barockzeitalters. Publikationen zur schweizerischen und österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts (Dürrenmatt, Burger, Boesch, Kafka, Roth), zur Exilliteratur, zum spätbarocken Roman (Beer, Grimmelshausen, Ziegler und Kliphausen).

 

17.12. – Wolfgang HÄUSLER (Wien)
„Goethe-Zeit und Sanftes Gesetz. Bemerkungen zu Bildungsgeschichte und Naturwissenschaft“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: An einem Wendepunkt seiner Lehr- und Wanderjahre angelangt, möchte der Vortragende nicht Abschied von Forschung und Lehre nehmen, sondern in einer "Lebensabschnittsvorlesung" über die Wechselwirkung von Natur-Geschichte und Wissenschaftskultur sprechen. Dabei versteht sich "Goethe-Zeit" nicht als Zitierung einer klassischen Epoche, sondern als Erschließung eines neuen Zeithorizonts für ein genetisches Verständnis des Welt- und Menschenbildes. Die scheinbar naiven Fragen "Wie nennt man diesen Stein?" und "Was ist das?" erweiterten sich zu dem umfassenden naturhistorischen Problem: "Wie ist das alles geworden?" Metamorphose und Entwicklung wurden Leitmotive der Wissenschaft von der Geschichte der Erde und des Lebens, die sich als Geologie, Paläontologie und Biologie formierte. Diese neue Ordnung der Dinge im Prozess der Entdeckung der Welt und des Menschen zeichnete sich in Stifters "Bunten Steinen" und dem Postulat des "Sanften Gesetzes" ab. Schließlich wird zu prüfen sein, ob der Schlusssatz des "Nachsommer" - "...und jedes selbst das wissenschaftliche Bestreben hat nun Einfachheit Halt und Bedeutung" - noch in unserer Zeit Anspruch auf Geltung hat.
Zur Person: Wolfgang Häusler, geb. 1946 in St. Pölten, Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Wien, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 1970 Promotion zum Dr. phil. sub auspiciis praesidentis rei publicae, 1978 Habilitation, seit 1984 Ordentlicher Professor für Österreichische Geschichte. Forschungen und Veröffentlichungen zur österreichischen und Wiener Geschichte, namentlich des 19. Jahrhunderts, zur Landeskunde von Niederösterreich und zum Thema des Vortrages.

Anschliessend Gespräch bei Brot und Wein

 

07.01. – Anna L. STAUDACHER (Wien)
“Von Hand- und Todeszeichen.” Kreuzeln in Wiener Matriken und Protokollen, 18. und 19. Jahrhundert
.
Moderation: Winfried Stelzer

Abstract: Wer nicht schreiben konnte, setzte bis tief ins 19. Jahrhundert sein “Handzeichen” unter offizielle Schriftstücke: Kreuzeln, selten eines allein, zumeist drei. Diese Handzeichen hatten die Funktion einer Namensunterschrift: Von einem überwältigenden Formenreichtum in der Größe von einem Daumennagel, wurden sie zuweilen über Jahre konstant und flüssig gesetzt und sind bestimmten Personen zuzuordnen. Kreuzeln als Todeszeichen setzten Schreiber in den Findelhausprotokollen anstelle ihrer Paraphe. Diese Kreuzeln - gleichfalls von einem unglaublichen Formenreichtum - sind bestimmten Händen (Schreibern) zuzuordnen. Diese Kreuzeln, von ihrem Entstehungskontext gelöst, stark vergrößert in Bilderrahmen gesetzt - Kunstwerke, deren Ursprung niemand auch nur im entferntesten erahnen könnte.
Zur Person: Anna L. Staudacher, Universitätsdozentin am Institut für Geschichte. Studium der Romanistik und Geschichte in Wien und Lausanne; Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit der Austrian Jewish Biography dem ÖBL zugeordnet. Forschungsschwerpunkte: Jüdische Konvertiten in Wien 1782-1914.


14.01. – Jakob MICHELSEN (Hamburg)
„Gleichgeschlechtliche Sexualität im frühneuzeitlichen Hamburg“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Susanne Hehenberger

Abstract: Der Vortrag untersucht Lebensrealitäten, Wahrnehmungen und Verfolgungspraxis gleichgeschlechtlicher Sexualität im Hamburg der Frühen Neuzeit. Thematisiert werden insbesondere soziale Orte gleichgeschlechtlichen Sexes, Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Beteiligten, geschlechtsspezifische Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie die Frage von Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit obrigkeitlicher Sanktionen. Die Befunde werden vergleichend in Beziehung gesetzt zum bisherigen Forschungsstand zu frühneuzeitlicher Sodomie, auch außerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.
Zur Person: geb. 1964, Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. Veröffentlichungen zur Geschichte gleichgeschlechtlicher Sexualität sowie zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte (Ostforschung, Rassenkunde). Daneben Tätigkeiten als freier Journalist, als Korrekturleser und bei einem Universitätsverlag. Schreibt zurzeit an einer Magisterarbeit über gleichgeschlechtliche Sexualität im frühneuzeitlichen Hamburg.

 

21.01. – Christopher F. LAFERL (Wien)
„Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft – Anmerkungen zur Praxis an der Universität Wien“

Moderation: Thomas Fröschl


Abstract: Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft sind seit langer Zeit etablierte Disziplinen des universitären Lehr- und Forschungsbetriebes. In diesem Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, wie sehr sich diese beiden Gebiete überschneiden, ob die Literaturwissenschaft vielleicht überhaupt nur eine Subdisziplin der Geschichte ist wie auch die Sozial-, Wirtschafts- oder Diplomatiegeschichte, oder ob der Zugang zur Literatur vergangener Epochen aus einer Perspektive der Ästhetik nicht gänzlich anderer Natur ist als jener der historischen Wissenschaften. Schließlich soll der Frage nachgegangen werden, wie sich das Verhältnis zwischen Literatur- und Geschichtswissenschaft an der Universität Wien in den letzten Jahren gestaltet hat.
Zur Person: Christopher F. Laferl, ao. Univ. Prof. am Institut für Romanistik, Universität Wien, arbeitet zur spanischen und lateinamerikanischen Literatur- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit und des 20. Jahrhunderts. Neben der Romanistik studierte er Geschichte an der Universität Wien, absolvierte den Lehrgang des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und publiziert zur Geschichte der Habsburger im 16. Jahrhundert. Er war Gastprofessor an der University of Texas at Austin, der Universidade de São Paulo und der Universidade Federal da Bahia.

 

28.01. – Robin ARCHER (Oxford/Wien)
”Why is there No Labor Party in the United States? The Effect of Police and Military Repression in the Late Nineteenth Century”
Kommentar: Margarete Grandner
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: In the early 1890s American unions came close to establishing a labour party. Amidst the worst depression of the 19th century, they experienced a series of major industrial confrontations in which governments sided with employers and left them completely defeated. But the unions ultimately decided to reject any involvement in party politics. In subsequent years this position became firmly entrenched, and the United States became the only industrialised country without a labour-based political party. There are two conventional theses about the effect that state repression had on this outcome. According to the soft repression thesis there was so little repression in the United States that unions did not have a sufficient incentive to engage in political action. According to the hard repression thesis there was so much repression that unions were cowed into adopting an apolitical stance. This talk makes use of a ‘most similar’ comparison with Australia in order to examine which if either of these arguments in right.
Zur Person: Senior Research Fellow am Corpus Christi College, Oxford University, z.Z. Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien. Wichtigste Publikationen: Economic Democracy: The Politics of Feasible Socialism (Oxford 1995). Why is there no Labor Party in the United States? (Princeton 2004, im Druck).





Organisation und Planung: Thomas Fröschl

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im SS 2003

 

05.03.: Xavier VICAT: "Reisende wider Willen: Wien in den Erinnerungen französischer Emigranten, 1792-1825". Kommentar: Wolfgang Häusler. Moderation: Thomas Angerer

Abstract:
Die Eindrücke französischer Emigranten vom Wien des Vormärz sind vielfältig und großteils unerforscht. Unter welchen Umständen lebten diese Menschen? Welche Haltung nahm Österreich ihnen gegenüber ein? Wie nahmen sie die Stadt, wie die Wiener Gesellschaft wahr? Den Unterschieden innerhalb der höheren Gesellschaft und zwischen dem französischen und österreichischen Adel schenkt der Vortrag ein besonderes Augenmerk. Damit kann gezeigt werden, wie stark die französische Identität im Ancien Régime verankert ist. Das Ideal des Absolutismus bleibt aktuell, als wäre die Zeit 1789 stehen geblieben.
Zur Person: Dr. Xavier VICAT, Germanist und Historiker, geb. in Nancy, Promotion über Johann Peter Silbert (1788-1844) an der Sorbonne, Deutsch- bzw. Französisch-Lektor in Straßburg, Graz, St. Petersburg, lebt seit 15 Jahren in Wien und ist u.a. Französisch- Lektor am Institut für Übersetzer und Dolmetscher der Universität Wien. Forschungsschwerpunkt: Wiener Romantik und französisch-österreichische Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert.


12.03.: Tom BRÜSTLE (München): "Geschlechterperformanz und Sepulkralkultur. Zur Konstruktion von Männlichkeiten in frühneuzeitlichen Leichenpredigten". (In Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract: Anhand einer Reihe von ausgewählten Leichenpredigten des 16. und 17. Jahrhunderts aus dem bikonfessionellen, protestantisch-katholischen Augsburg sollen verschiedene Konstruktionen von Männlichkeit eruiert werden, wobei sowohl hegemoniale als auch deviante Männlichkeitsentwürfe vor dem Hintergrund des Konfessionsstreits zur Untersuchung gelangen. Neben den eigentlichen Trauerfeiern und der späteren Nutzung als Erbauungsliteratur tritt damit ein zusätzlicher öffentlicher Raum zu den vielfältigen Möglichkeiten, geschlechtsspezifische Handlungs- und Haltungsmuster sozial wirksam durchzusetzen. Insbesondere bei katholischen Trauerreden muss der Fokus über die rhetorische Überhöhung und kunst- wie kulturhistorisch zu analysierende Ausgestaltung auf die theatrale Inszenierung hin ausgeweitet werden.

 

19.03.: Christoph EGGER: "Basilisken und ägyptische Frösche. Alte und neue Theologie im bayerisch-österreichischen Raum im 12. Jahrhundert". Moderation: Meta Niederkorn

Abstract
: In der Geschichte des Mittelalters bedeutet das 12. Jahrhundert eine Umbruchszeit, in der wesentliche Weichenstellungen für die künftige Entwicklung Europas erfolgten. Zu diesen zählen ein oft mit dem Begriff “Scholastik” beschriebener Rationalisierungsschub in allen Bereichen des Wissens und, damit eng verbunden, die Entstehung der Universitäten. Die Zentren dieser Entwicklung - Westeuropa und Oberitalien - zogen Menschen aus ganz Europa an, die einen intensive Wissenstransfer gerade auch in Randbereiche wie das Gebiet des heutigen Österreich bewirkten. In meinem Vortrag möchte ich versuchen, diese Prozesse der Rezeption, Aneignung und Auseinandersetzung an einigen Beispielen aus dem Bereich der Theologie zu illustrieren, Hinweise auf beteiligte Personengruppen zu geben und nicht zuletzt auch die bei der Verfolgung einschlägiger Fragestellungen anzuwendenen Arbeitsmethoden in ihren Möglichkeiten und Grenzen vorzustellen.
Zur Person: Christoph Egger, Universitätsassistent, Institut für Geschichte / Österreichische Geschichtsforschung, 1984-1992 Studium der Geschichte in Wien, Mitarbeit an der Edition der Register Papst Innocenz' III. Die Beschäftigung mit dem Gegenstand des Vortrages wurde 1999-2002 im Rahmen eines APART- Stipendiums von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gefördert.

 

26.03.: Birgitta BADER -ZAAR: "Fremde und Grundrechte in den Vereinigten Staaten: Zur Bedeutung des Gleichheitsgrundsatzes im Fall chinesischer und japanischer Immigranten." Moderation: Margarete Grandner

Abstract: Die Beschäftigung mit der Immigrationsgeschichte von Chinesen und Japanern in die Vereinigten Staaten hat in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung genommen. Allerdings hat sich die Forschung im rechtsgeschichtlichen Bereich hauptsächlich für die spektakuläre Einwanderungspolitik, die auf Bundesebene 1882 mit dem Einreiseverbot für chinesische Arbeiter (Chinese Exclusion Act) begann, interessiert. Die alltäglichen Erfahrungen dieser Menschen mit den sie umgebenden Normen ist dagegen selten untersucht worden. Vor dem Hintergrund einer sich aus ökonomischen und kulturellen Differenzen entwickelnden Xenophobie soll hier ein Überblick über die Beschränkung der Grundrechte für diese Einwanderergruppen gegeben und der Frage nachgegangen werde, wie von juristischer Seite mit der Anwendung des Gleichheitsgrundsatzes auf Fremde umgegangen wurde.
Zur Person: Birgitta Bader-Zaar ist Universitätsassistentin am Institut für Geschichte und arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt über Ausländer und Grundrechte in Österreich und im internationalen Vergleich, von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1918.

02.04.: Buchpräsentation: Margareth LANZINGER: "Das gesicherte Erbe". Schnittstellen und Bruchlinien einer Verhinderungspolitik - Innichen 18./19. Jahrhundert. Moderation: Edith Saurer

Abstract: Die Präsentation meines Buches verfolgt einen für die Untersuchung zentralen thematischen Strang: eine Verhinderungspolitik, die das Vorgehen der lokalen Entscheidungsträger in zahlreichen kommunalen Belangen gekennzeichnet hat. Das ständische Bürgerrecht regulierte den Zuzug; der politische Ehekonsens hatte rigide Heiratsbeschränkungen zur Folge und ein faktisches ‚Hausbautabu' war über Jahrzehnte hinweg wirksam. Das daraus resultierende rigide soziale Klima blieb nicht ohne Konsequenzen auf Lebensperspektiven und Gestaltungsräume von Männern und Frauen. Deutliche Bruchlinien traten erst gegen Ende des 19. Jh. auf.
Zur Person: Margareth Lanzinger ist Universitätsassistentin (vertretungsweise) am Institut für Geschichte und arbeitet in den Bereichen Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie Historische Anthropologie. Die Themenschwerpunkte der zuletzt abgeschlossenen Forschungsprojekte waren: Namengebung (18. bis 20. Jh.) bzw. Witwen- und Witwerschaft im Kontext von vertraglichen Vereinbarungen (zweite Hälfte 18. Jh.).



09.04.: Hendrik ZIEGLER (Paris): "Le prince idolatre". Kritik am Herrscherbild unter Ludwigs XIV." (In Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Gegen einzelne Darstellungen Ludwigs XIV. erhoben bereits die Zeitgenossen teilweise heftigen Protest. Bisher fehlt eine systematische Zusammenstellung dieser das gesamte Regnum hindurch von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen vorgebrachten Einwendungen gegen Herrscherbild und Herrscherkult des Sonnenkönigs. Im Rahmen des
Vortrags soll v. a. auf das 1686 in Paris eingeweihte Standbild Ludwigs XIV. auf der Place des Victoires eingegangen werden, das für die Herausbildung einer öffentlich geführten Debatte über die angemessene Form königlicher Selbstdarstellung eine zentrale Rolle
zukommt. Die Protestnoten der habsburgischen und brandenburgischen Gesandten in ihren Auswirkungen auf die Umgestaltung des Denkmals sollen dabei im Mittelpunkt stehen.
Zur Person: Stipendiat der Gerda-Henkel-Stiftung am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris mit einem Habilitationsvorhaben über die "Kritik am Herrscherbild unter Ludwig XIV."; weitere Forschungsschwerpunkte: deutsch-französischer Kulturtransfer im 19. und frühen 20. Jh., v. a. der deutschen Rezeption des franz. Impressionismus und des Einflusses der dt. Museologie auf das Nachbarland.

 

30.04.: Katrin KELLER, Alexander SPERL: "Patronage und Klientel am Wiener Hof im 17. Jahrhundert - Ergebnisse eines Forschungsprojekts." Moderation: Gernot Heiß.

Abstract: Vorgestellt werden Ergebnisse eines Projektes, das seit mehr als zwei Jahren am Institut für Geschichte läuft und dessen zwei Bearbeiter unterschiedliche Schwerpunkte in methodischer wie inhaltlicher Hinsicht gesetzt haben. Gemeinsamer Ausgangspunkt ist, wie der Titel signalisiert, die Frage nach Stellenwert und sozialer Relevanz von Patronage in der Wiener höfischen Gesellschaft während der Regierungszeiten der Kaiser Ferdinand II. und Ferdinand III. Die Untersuchungen haben ergeben, dass sich soziale Praktiken wie Patronage und Klientelismus im weiteren Sinn am Wiener Hof auf drei Ebenen verfolgen lassen: 1. Auf der funktionalen, durch die Ämterordnung und -hierarchie gestalteten Ebene, die im Kern auf den fürstlichen Haushalt bezogen war. 2. Mit dieser eng verbunden und nur in methodischer Hinsicht davon zu trennen die Ebene der politischen Netzwerke, Parteien und Fraktionen, die räumlich und personell über den Hof hinausgriff. 3. Die Ebene der familialen Netzwerke, für die der Hof zum Zeitpunkt dieser Untersuchung ein zentraler Schauplatz der Auseinandersetzung um den Erhalt und die Steigerung ihrer materiellen und ideellen Ressourcen wurde.
Alexander Sperl stellt das Phänomen Patronage allgemein ins Zentrum und präsentiert zwei querschnittartige Netzwerkanalysen über den Hofstaat der Kaiser. Katrin Keller behandelt das Problemfeld Patronage und Geschlechterbeziehungen anhand höfischer Amtsträgerinnen in den Hofstaaten der Kaiserinnen.
Zu den Personen: Katrin Keller, seit 2001 Universitätsdozentin am Institut für Geschichte der Universität Wien, arbeitet seit Mai 2001 im Projekt. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Kulturgeschichte der höfischen Gesellschaft; Stadtgeschichte; Geschichte Sachsens.
Alexander Sperl arbeitet seit Herbst 2000 im Projekt Patronage und Klientelsysteme am Wiener Hof unter Leitung von Gernot Heiss. Forschungsschwerpunkte: Vormoderne Ökonomie- und Sozialtheorie; das Internet als kultur- und geschichtswissenschaftliches Publikationsmedium.

 

07.05.: Othmar HAGENEDER: "Die mittelalterliche Christenheit als Wertegemeinschaft". Moderation: Werner Maleczek.

Abstract: Die mittelalterliche Christenheit bildete eine Wertegemeinschaft auf religiöser Grundlage, in welcher der Papst eine oberste Entscheidungs- und Lenkungsbefugnis in Anspruch nahm, die auch, den jeweiligen Interessen der weltlichen Herrscher entsprechend, prinzipiell nicht bestritten wurde. Diese religiös-politische Struktur kann in etwa mit der Verfassung heutiger islamischer Staaten verglichen werden. Wenn auch die päpstliche, durch kirchliche Sanktionen gestützte Leitungsgewalt in ihren Zielen und Wirkungen bisweilen ziemlich problematisch blieb, so entwickelte sich doch im Rahmen dieser so verfaßten Wertegemeinschaft ein System von Normen und Regeln, das stabilisierend wirkte und zur allgemeinen Rechtssicherheit beitrug.
Zur Person: Othmar Hageneder wurde nach langjähriger Tätigkeit im OÖ. Landesarchiv 1976 als o.Univ.Prof. für Geschichte des Mittelalters und historische Hilfswissenschaften an die Univ. Innsbruck und 1980 an das Inst. f. Geschichte / Österreichische Geschichtsforschung der Univ. Wien berufen. Die Arbeit an der kritischen Edition der Register Papst Innocenz´ III. (1198-1216) dominiert auch nach der Emeritierung (1995) sein verfassungsgeschichtliches und diplomatisches Œuvre.

 

14.05.: Michael MALKIEWICZ (Salzburg): "Zum höfischen Tanz im 16. Jahrhundert. Eine Annäherung". (In Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Im Referat soll anhand einiger weniger, jedoch konkreter Beispiele aus Tanztraktaten des 15. und 16. Jahrhunderts der Einfluss der italienischen Villen-Architektur auf den höfischen Tanz um 1500 dargestellt werden. Dies betrifft natürlich auch die den Tanz begleitende Musik. Einer zunehmenden Symmetrisierung im Tanz entspricht die zunehmende Hinwendung zu symmetrischen (zumeist achttaktigen) Perioden in der Musik, wie sie in der europäischen (klassischen) Kunstmusik aber auch in der Popularmusik vom 16. Jahrhundert an bis heute dominant sind.
Zur Person: Violinstudium ("Mozarteum"), Musikwissenschaft/Theologie/Slawistik (Universität Salzburg); Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Rom; 1996-2002 Forschungsassistent "Sänger-Kastraten" (Freie Universität Berlin); ab 2002 Forschungsassistent "Ballettmusik des 18. Jhs." (Universität Salzburg); Lehrbeauftragter an der Jagiellonen-Universität (Krakau). Promotion über Fabritio Carosos Tanztraktat "Il Ballarino" (Venetia 1581).

 

21.05.: "ANTIAMERIKANISMUS - historische Perspektiven und aktuelle Dimensionen".

Podiumsdiskussion im Rahmen der "Science - Week" 2003.
Leitung und Moderation: Martin HAIDINGER, ORF-Radio, Wien

Impulsreferat: Thomas FRÖSCHL.
Weitere DiskutantInnen: Thomas ANGERER, Thomas FRÖSCHL,
Martina KALLER-DIETRICH, Marlene KURZ, Wolfgang SCHMALE.

ACHTUNG: Ort der Veranstaltung: Urania Wien, Uraniastr. 1, 1010 Wien, Mittlerer Saal
Zeit: 18.15 - 19.30 Uhr

 

28.05.: Marlene KURZ: "Midhat Pascha und die Tanzimat-Reformen im Osmanischen Reich, 1839-1876". Moderation: Birgitta Bader-Zaar

Abstract: Die westliche Historiographie des osmanischen 19. Jahrhunderts beruht vorwiegend auf westlichen Quellen, während der osmanische Diskurs bisher nicht in angemessenem Maße berücksichtigt wurde. Die Ergebnisse der bisherigen Forschungen zur Reformgeschichte des Osmanischen Reiches,
die eine Spaltung der osmanischen Gesellschaft in nach Europa orientierte, moderne Reformer und geistig erstarrte Konservative suggerieren, müssen sowohl im Hinblick auf diese Quellen als auch unter
Berücksichtigung der Ergebnisse der Orientalismuskritik kritisch überprüft werden. Als Untersuchungsgegenstand bietet sich hierfür die Biographie des osmanischen Reformpolitikers Midhat Pascha (1822-84) an, der einen wesentlichen Beitrag zur Neugestaltung der osmanischen
Provinzverwaltung, zur Schaffung eines osmanischen Bankenwesens und zur Gestaltung der ersten osmanischen Verfassung von 1876 geleistet hat.

Zur Person: Marlene Kurz, Universitätsassistentin am Institut für Geschichte, hat in Freiburg und Heidelberg Islamwissenschaft und Indologie studiert und arbeitet derzeit an ihrem Habilitationsprojekt
über die Geschichte der Tanzimat-Reformen im Osmanischen Reich.

 

04.06.: Rosemarie AULINGER, Erwein ELTZ, Silvia SCHWEINZER-BURIAN: Vorstellung des Editionsunternehmens "Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V." Moderation: Alfred Kohler

Zur Buchpräsentation: Die Edition der Deutschen Reichstagsakten, Mitte des 19. Jahrhunderts von Leopold von Ranke angeregt, wird von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München betreut. Die Akten der Reichstage des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation werden durch vier Reihen erschlossen: durch die Ältere Reihe (1376-1485), die Mittlere Reihe (Regierungszeit Maximilians I.) und die Jüngere Reihe (Regierungszeit Karls V.) sowie die Reichsversammlungen 1556-1662. Präsentiert werden die zuletzt erschienen bzw. im Druck befindlichen Bände der Jüngeren Reihe: Bd. 10 (Regensburg 1532), Bd. 12 (Speyer 1542), Bd. 15 (Speyer 1544) und Bd. 16 (Worms 1545).
Zu den Personen:
Rosemarie Aulinger, Erwein H. Eltz und Silvia Schweinzer-Burian sind seit 1975 bzw. 1978 Mitarbeiter(innen) der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und mit der Edition der Deutschen Reichstagsakten unter Karl V. befaßt.

 

11.06.: Albert SCHIRRMEISTER (Bielefeld): "Welche Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle - oder: Polemik als Mittel zur akademischen Etablierung". (In Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Diese Vorlesungsankündigung des Christian Thomasius von 1687/88 löste einen kalkulierten und seither berühmten Streit aus. Analysiert werden die von Thomasius vorgenommenen Traditionszuweisungen, die im Fortgang zum Gegenstand einer Kontroverse werden, mit Blick auf Medien und Publikum des Streits. Durch die Konstruktion der honnêteté als Ideal
für die Gelehrten denunziert Thomasius Streit und Kontroversen als Praktiken der Pedanten und diskreditiert sie für den galanten Gelehrten. Die Kontroverse wird durch die unterschiedlichen durch die hauptsächlichen Akteure in Anspruch genommenen Medien dissoziiert: Die Form des Streites ist hierdurch ebenso geprägt wie seine Folgen, die auf eine Trennung des Gelehrten vom Intellektuellen in seiner öffentlichen Rolle hinführen.
Zur Person: Studium Germanistik/Geschichte (Freiburg/Br. und Bielefeld), Auszeichnung mit dem Prix
Frédérique Brion; 2001/2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit (ZFN) an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/Main; 2002/2003 Postdoc-Stipendiat am Graduiertenkolleg "Sozialgeschichte von Gruppen, Schichten, Klassen und Eliten" (Universität Bielefeld); seit Juli 2002 Fellow des ZFN und Mitherausgeber der Zeitschrift "Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit".

 

18.06.: GaM entfällt wegen des ganztägigen Gedenksymposiums für Michael Weinzierl: "Bausteine auf dem Weg in die Moderne: Radikales Denken - Säkularisierung - Revolution".

Programm



25.06.: Richard PELLS (Austin, University of Texas; Fulbright Scholar am IfG): "From Modernism to the Movies: The Globalization of American Culture in the 20th Century". Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: The lecture will focus on the continuing impact of foreign, and especially European, cultures on America. It will offer two central arguments. First, the United States was and is as much a consumer of foreign intellectual and artistic influences as it has been a shaper of the world's entertainment and tastes. Yet second, it is precisely these foreign influences that have made America's culture so popular in Europe and elsewhere. American culture has spread throughout the world because it has always drawn on foreign styles and
ideas. Americans have then reassembled and repackaged the cultural products they received from abroad and retransmitted them to the rest of the planet. In effect, Americans have specialized in selling the fantasies and folklore of other people back to them.
Biographical Information: Richard Pells is Professor of History at the University of Texas, and currently a visiting Fulbright professor at the University of Vienna. He is the author of Radical Visions and American
Dreams: Culture and Social Thought in the Depression Years; The Liberal Mind in a Conservative Age: American Intellectuals in the 1940s and 1950s; and Not Like Us: How Europeans Have Loved, Hated, and Transformed American Culture Since World War II. Professor Pells has received fellowships from the
Rockefeller and Guggenheim Foundations, and from the Woodrow Wilson International Center for Scholars. In addition, he has held Fulbright chairs and visiting professorships at universities in Sao Paulo, Amsterdam,
Copenhagen, Sydney, Bonn, Berlin, Cologne.

Organisation und Planung: Thomas Fröschl

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 2002/03

 

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.00 c.t. - 20.00 Uhr

 

30.09 .: Verabschiedung von Wolfdieter BIHL und Johannes DÖRFLINGER. Moderation: Karl Vocelka (AUSNAHMSWEISE am MONTAG, Zeit und Ort wie die regulären GaM-Veranstaltungen!!!)

02.10.: Verabschiedung von Herwig WOLFRAM. Moderation: Karl Vocelka

09.10.: „Postkoloniale Kultur-Geschichten“: Präsentation und Diskussion des Heftes 1/2002 der „Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit“, herausgegeben von Martina KALLER-DIETRICH (Wien). In Zusammenarbeit mit dem StudienVerlag Innsbruck, den „Wiener Vorlesungen“ und dem Lateinamerika-Institut Wien. Es sprechen: Martina Kaller-Dietrich, Margarete Grandner und Wolfgang Dietrich. Moderation: Thomas Angerer

16.10.: Anna OHLIDAL (Leipzig/Prag) – „Katholische und protestantische Formierung in den Prager Städten, 1580-1630“ (in Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Thomas Winkelbauer

23.10.: Paul HEROLD (Wien) – „Was tun mit mittelalterlichen Urkunden? – Ein Versuch über Wirkungsweisen rechtsgeschichtlicher Quellen als Text und Realie.“ Moderation: Karl Brunner

30.10.: Catalin AVRAMESCU (Bukarest/Wien) –  „The Cruel Philosopher: Cannibalism in the History of Ideas“. Moderation: Wolfgang Schmale

06.11.: Buchpräsentation: Martina FUCHS (Wien) - „Karl V. Eine populäre Figur?“ und Präsentation der neuen Schriftenreihe „Geschichte in der Epoche Karls V.“ Moderation: Alfred Kohler
Die Veranstaltung findet im LESESAAL der Fachbibliothek statt, nicht im HS 45.

13.11.: Stephan STEINER (Wien) – „Gegner. Rebellion und Unterdrückung in der Herrschaft Paternion, 1733-1736“ (in Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Karl Vocelka

 20.11.: Sabine RUDISCHHAUSER (Wien) - „Wandel des Rechts und des kollektiven Rechtsbewußtseins: die Entstehung des Tarifvertrags aus der Sicht der ‚bürgerlichen Öffentlichkeit‘ in Deutschland und Frankreich, 1870-1919“. Kommentar und Moderation: Margarete Grandner

27.11.: Anton SCHARER (Wien) – Vorstellung des Buchprojekts: „Geschichte der Angelsachsen“. Moderation: Georg Scheibelreiter

04.12.: James C. COBB (University of Georgia, Athens; Fulbright-Gastprofessor in Wien) – „Making Sense of he American South?“. Moderation: Thomas Fröschl

11.12.: Oliver HOCHADEL (Wien) – „Der beste Draht zum Himmel. Die Einführung des Blitzableiters in Österreich am Ende des 18. Jahrhunderts" (in Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Karl Vocelka

18.12.: Thomas WINKELBAUER (Wien) - „Die habsburgischen Erbländer und das Heilige Römische Reich im16. und 17. Jahrhundert“. Moderation: Thomas Fröschl

08.01.: Gabriele SORGO (Wien) - „Märtyrer, Heilige, Individuen: Religiöse und säkulare Mannhaftigkeit“. Moderation: Wolfgang Schmale

15.01.: Helga PENZ (Wien/Herzogenburg) – „Archiv und Historiographie: Der Zusammenhang zwischen Schriftproduktion, Verwahrtradition und Geschichtskonstruktion am Beispiel österreichischer Stiftsarchive und ihrer Frühneuzeit-Bestände“ (in Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Susanne Claudine  Pils

22.01.: „Die Macht der Kategorien. Perspektiven historischer Geschlechterforschung“: Präsentation des Heftes 2/2002 der „Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit“, herausgegeben von Andrea GRIESEBNER und Christina LUTTER. In Zusammenarbeit mit dem StudienVerlag Innsbruck und den „Wiener Vorlesungen“.

29.01.: Workshop – „Geschichte Online: Internetgestützte Lehre und Online-teaching am Institut für Geschichte“. Moderation: Wolfgang Schmale

Organisation und Planung: ao.Univ.Prof.Dr. Thomas Fröschl

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im SS 2002

06.03.: Kim Siebenhüner (Freiburg i.Br.) – „Vielweiberei und Vielmännerei in Italien 1600-1750“ (in Kooperation mit dem iefn). Moderation: Karl Vocelka

13.03.: Veronika Hofer (Wien) – „Theatralische Inszenierungen zum Mensch-Tier- Verhältnis im Nationalsozialismus“. Moderation: Mitchell Ash

20.03.: Georg Scheibelreiter – „Heraldik als (Hilfs-)Wissenschaft. Zur Problematik eines Einführungsbuches für Studierende.“ Moderation: Anton Scharer

10.04.: Sabine Hoedl (Wien)/Barbara Staudinger (Wien) „Juden als Randgruppe der frühneuzeitlichenGesellschaft? Überlegungen zur Stellung der Wiener Juden zwischen Hofjudentum und Ghetto“ (in Kooperation mit dem iefn). Moderation: Karl Vocelka

17.04.: zwei Diplomarbeiten: Hannes Artens: „Privatunternehmen und staatliche Außenpolitik. Die USA imCaribbean Basin, 1898-1917“; Gregor Sloboda: „Homosexualität als Straftatbestand.Eintransatlantischer Rechtsvergleich USA-Europa, 1950-1995“. Moderation: Thomas Fröschl
Hinweis: Diese Veranstaltung wurde nicht abgehalten. Angesichts der dramatischen Situation an den Universitäten hatte die Österreichische Hochschüler(innen)schaft für den 17. April einen großen Informationstag im Zeichen des Entwurfs zum UG 2002 angesetzt - im Auditorium Maximum des Universitätshauptgebäudes hat es an diesem Tag um 18.oo Uhr eine große Hörer(innen)versammlung gegeben. Um den Studierenden die Möglichkeit an der Teilnahme an dieser Veranstaltung zu geben entfiel GAM am 17.04. aus Gründen der Solidarität mit der ÖH. Die Veranstaltung wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

24.04.: Workshop: „Netzwerke des Europabewußtseins und der europäischen Integration im 19. und 20. Jahrhundert“.
ACHTUNG ORTSWECHSEL: Der Workshop findet zur gewohnten Zeit im Seminarraum des Benediktushauses, Freyung 6 a, 1010 Wien, 4. Stock (Lift) statt.
Thomas Brendel (Frankfurt/Main): 19. Jahrhundert. Kommentar: Wolfgang Schmale; Brigitte Leucht (Wien): 20. Jahrhundert. Kommentar: Thomas Angerer. Moderation: Thomas Fröschl
Hinweis: Das Institut für Geschichte schließt sich nach einem einstimmigen Beschluss der Institutskonferenz vom 15. April der Stellungnahme der Geistes- und Kulturwissenschaftlichen Fakultät, der Erklärung des Vorsitzenden und des stellvertretenden Vorsitzenden des Senats der Universität Wien, der Stellungnahme der Österrreichischen Rektorenkonferenz und der Vorsitzenden der obersten Kollegialorgane sowie der UniversitätslehrerInnen der Universität vollinhaltlich an. Das Institut für Geschichte unterstütze die Protestaktionen der österreichischen Hochschülerschaft am Mittwoch, dem 17. April und beteiligt sich am Warnstreik am Mittwoch, dem 24. April.

08.05.: Anna L. Staudacher (Wien)– „Kaspar Säulenstein – den 5ten gefunden bei der Säule in der Stadt“. Zur Namensgebung von ausgesetzten Findelkindern in Wien und Umgebung (18./19. Jahrhundert). Moderation: Peter Csendes

15.05.: Robert Schlesinger (Wien) – „Die Emotionale Revolution – Keimzelle der Moderne. Zu einem neuen Buch und einem neuen Forschungsprojekt“. Kommentar: Edith Saurer. Moderation: Thomas Angerer

22.05.: Peter Rauscher/Julia Zangerl (Wien) – „Die kaiserlichen Finanzen unter Ferdinand I. und Maximilian II., 1556/58-1576“. Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Moderation: Friedrich Edelmayer

29.05.: Buchpräsentation: Martina Kaller-Dietrich – „Macht über Mägen. Essen machen statt Knappheit schaffen“. Moderation: Edith Saurer

05.06.: Workshop: „Das Kremser Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung als Partnerin der Universität.“ Vorgestellt von Karl Brunner (Krems) und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Moderation: Andrea Griesebner

12.06.: Workshop: „Lehre und Forschung zu Brasilien am Institut für Geschichte.“ Mit Beiträgen von Gerhard Drekonja, Thomas Fröschl und Ursula Prutsch. Moderation: Martina Kaller-Dietrich

 

Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 2001/02

10.10.: Susanne Akermann (Stockholm) - "Queen Christina’s Metamorphosis, her alchemical World Soul, and Fictional Gender Transformation" (in Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Karl Vocelka.

17.10.: Neue Buchreihen an den Instituten für Geschichte sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte: "Querschnitte - Einführungstexte zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte" - "Edition Weltregionen". Es sprechen Peter Feldbauer, Eduard Fuchs, Erich Landsteiner und Andrea Schnöller. Moderation: Friedrich Edelmayer und Margarete Grandner.

24.10.: Buchpräsentation des demnächst erscheinenden Bandes "Glanz und Untergang der höfischen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im habsburgischen Vielvölkerstaat" von Karl Vocelka (Wien) in der von Herwig Wolfram herausgegebenen, zehnbändigen Reihe "Österreichische Geschichte". Moderation: Thomas Fröschl.

07.11.: Präsentation der "Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit", Heft 1: "Österreich in Europa". Veranstaltung in Zusammenarbeit mit den "Wiener Vorlesungen"und dem StudienVerlag Innsbruck.

14.11.: Buchpräsentation "Historische Klöster in Niederösterreich". Es sprechen: Ralph Andraschek-Holzer (St. Pölten/Wien) über "Niederösterreichs Klöster - Annäherung an eine vergessene Vielfalt" und Thomas Aigner (St. Pölten) über die Publikationsaktivitäten des Diözesanarchivs St. Pölten. Moderation: Alfred Kohler. - Im Anschluß an den Vortrag lädt das Diözesanarchiv St. Pölten zu einem kleinen Imbiß.

21.11.: Petr Danék (Prag) - "Musik in den böhmischen Ländern in der frühen Neuzeit" (in Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Karl Vocelka.

28.11.: Militär und Geschlecht: Präsentation des Themenheftes "Soldaten" von L’Homme. Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft. Moderation: Christa Hämmerle.

05.12.: Florian Mildenberger (Wien) - "Sinn und Zweck der Kastration Homosexueller im Dritten Reich". Moderation: Wolfgang Schmale.

12.12.: Jakob Krameritsch (Wien) - "66 Jahre einer Zeitenwende. Ein Web-Projekt zum 16. Jahrhundert". Moderation: Wolfgang Schmale.

19.12.: Holger Gräf (Marburg/Lahn): "Die Schrecken des Krieges - Bilder vom Kriege aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges: Jacques Callot, Matthäus Merian und Valentin Wagner" (in Kooperation mit dem IEFN). Moderation: Karl Vocelka.

09.01.: Martin Schennach (Wien) - "Überlegungen zur Tiroler Kriegsgeschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit: Das ‚Landlibell‘ von 1511 als Tiroler Mythos?" Moderation: Martin Scheutz.

16.01.: Klara Löffler (Wien) - "Kritik - kritisch - kritisieren? Zur Diskussion eines Dilemmas im gesellschaftlichen Auftrag." Moderation: Marianne Klemun.

23.01.: Rainer Gries (Jena/Wien) - "‘Deinhard‘ oder ‚Rotkäppchen‘? Eine vergleichende Kulturgeschichte des Sektes in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR". Moderation: Wolfgang Schmale. - Im Anschluß an den Vortrag wird zum Sektvergleich je eine ostdeutsche und eine westdeutsche Marke gereicht werden.

30.01.: Alessandro Catalano (Rom) und Petr Mata (Prag) - "Welche historische Bedeutung kann für die heutige historische Sozialwissenschaft ein Kardinalstagebuch (Kardinal Harrach) aus dem 17. Jahrhundert haben?" - (in Kooperation mit dem IEFN und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) Moderation: Grete Walter-Klingenstein und Karl Vocelka.

Geschichte am Freitag SS 2001

 

  Zeit: Freitag,13-15 Uhr
  Ort: Seminarraum Geschichte (Universitätshauptgebäude Stg. VIII / 1. Stock)

09.03.:  Anna L. Staudacher: "Konvertitennamen in Wien, 1748-1868"

16.03.: Anton Tantner: "Vermischung ... vermeiden". Seelenkonskription, Häusernummerierung und "Vermischung" um 1770

23.03.: Rupert Klieber, Salzburg: "Bruderschaften in der Frühen Neuzeit"

30.03.: Anton van der Lem, Leiden: "Der Aufstand in den Niederlanden: Neue geschichtswissenschaftliche Perspektiven und  Zugänge"

06.04.: Gert Dressel / Nikola Langreiter: "Ist der Rand das Zentrum? Zur Identität von HistorikerInnen"

27.04.: Christoph Sonnlechner, "Umweltgeschichte. Der Zugang über Landschaft"

04.05.:  Bodo von Borries, "Zum Geschichtsbewußtsein deutscher Jugendlicher im Blick auf NS-Zeit und  Holocaust".

11.05.:  Wojciech Iwanczak, Kielce: "Anfänge der Kartographie in Polen."

18.05.:  Meta Niederkorn: "Bischof Virgil - Bischof/Erzbischof Arn - Erzbischof Adalram. Eine Zeit der Brüche oder der Kontinuität in der Geschichte Salzburgs"

08.06.:  Markus Reisenleitner, Edmonton: "Los Angeles: Von Ramona-Land zur Postmoderne"

22.06.: Thomas Fröschl/Arbeitsgruppe für nordamerikanische Geschichte (AGNA) - 3. Minisymposium: Vorstellung von zwei Diplomarbeiten: Christoph Schmetterer: "Das Kaisertum Österreich und der Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges, 1860/1861" und  Roman Puff: "Die USA und Österreich-Ungarn zwischen 1914 und 1917".

29.06.: Klaus Vetter, Wien/Berlin: "Deutsche Demokratische Republik, Bundesrepublik Deutschland, Österreich: Erinnerungen und Reflexionen"

Geschichte am Freitag WS 2000/01

Zeit: Freitag, 13-15 Uhr
Ort: Seminarraum Geschichte (Universitätshauptgebäude Stg. VIII / 1. Stock)

06.10.: Klaus Vetter: "Herrschende Eliten in gesellschaftlichen Umbrüchen: Wilhelm von Oranien und Friedrich August Ludwig von der Marwitz"

13.10.: Thomas Fröschl/Arbeitsgruppe für Nordamerikanische Geschichte (AGNA) - 2. Minisymposium: "Grenzerfahrungen - Grenzüberschreitungen". Christian Pribitzer und Josef Köstlbauer referieren über die Thematik ihrer abgeschlossenen Diplomarbeiten

20.10.: Arbeitsgruppe für Nordamerikanische Geschichte /AGNA): Buchpräsentation des Bandes 24 der "Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit: Nordamerikastudien. Historische und literaturwissenschaftliche Forschungen aus österreichischen Universitäten zu den Vereinigten Staaten und Kanada", hgg. Von Thomas Fröschl, Margarete Grandner und Birgitta Bader-Zaar

10.11.: Doris Byer: "Freiheit und Hybridität. Transkulturelle Lebensentwürfe in Essaouira/Marokko 1965-1995. Kommentar: Abderrazzak Benchaâbane, Maître de conférence, Universität Cadi Ayyad, Marrakech

17.11.: Sabine Veits-Falk : " Unterstützung oder Strafe ? Eine Analyse zweier Salzburger Gutachten zum Armenwesen im 18. Jahrhundert"

24.11.: Marianne Klemun: "Zeit- und Raumwahrnehmungen am Glockner anno 1800"

01.12.: Hanna Schissler: "Normalisierung als Projekt: Überlegungen zu den Geschlechterbeziehungen in der Bundesrepublik Deutschland in den langen fünfziger Jahren"

15.12.: Barbara Staudinger: "Topos und Vorurteil. Judenfeindschaft in Gerichtsquellen des 16. und 17. Jahrhunderts am Beispiel des Reichshofrates"

12.01.: Ursula Prutsch: "Machterhalt und Machtlegitimierung via Kulturpolitik am Beispiel der USA und Brasiliens, 1930-1945"

19.01.: Arbeitsgruppe Frauengeschichte: Gisela Bock: "Europäische Frauengeschichte"

26.01.: Wojciech Iwanczak, Kielce/Polen: "Polnische Forschungen über die historisch-geographische Umwelt im Mittelalter".


Institut für Geschichte