Geschichte am Mittwoch

Programm SS 2016

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.30 s.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Petra Svatek
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

9. März 2016

Kurt Bednar: Penfield - Amerikas unterschätzter letzter Botschafter am Wiener Kaiserhof
 

Moderation: Josef Ehmer

Abstract: Der letzte amerikanische Botschafter am Wiener Hof (1913-1917) hat von Zeitgenossen kein gutes Zeugnis erhalten und wurde von der Nachwelt dann bald vergessen. Dieses Schicksal ist unverdient. Er war wie viele andere Diplomaten nicht auf das vorbereitet, was kam. Er kam nicht nach Wien, um reich zu werden; mit seinem privaten Vermögen, das freilich seine Frau in die Ehe gebracht hatte, unterstützte er die Leiden der Bevölkerung im Krieg. In die Friedensbemühungen Wilsons war er nur am Ende eingeschaltet, als es galt, Wien von Berlin zu trennen. In mehreren Besprechungen mit Außenminister Czernin versuchte Penfield, den Abbruch der Beziehungen zu verhindern, der durch den U-Boot-Krieg der Deutschen drohte. In Washington harrte der Österreicher Tarnowski, den Wien als Nachfolger Dumbas vorgesehen hatte, des Empfangs durch Wilson. Dazu kam es aber nicht mehr. So mußte Penfield unter schwierigen Verhältnissen weichen. Er stand im regen Kontakt mit wichtigen Politikern in Amerika, etwa Colonel House, und sandte lange und interessante Berichte aus Wien an seinen Dienstgeber, Außenminister Lansing, für die er auch von Wilson gelobt wurde. Nebenbei brachte sich seine Frau in Wien ein, versuchte Deutsch zu lernen und half karitativ.   

Zur Person: Kurt Bednar wurde in Wien am 29. Dezember 1950 geboren und promovierte zum Dr. jur. 1974 und zum Dr. phil. (Geschichte) 2012 an der Universität Wien. Er verfasste bis jetzt drei Bücher und viele Fachbeiträge zu rechtlichen und nun auch zu historischen Themen, war beruflich u.a. Unternehmer und ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für das HdG NÖ. 


16. März 2016

Jovan Pešalj: Grenze und Migranten im achtzehnten Jahrhundert

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Anton Tantner

Abstract: The control of migrants on external borders is today standard practice. The power to determine who is allowed to enter is considered to be a part of state sovereignty. In the eighteenth century Europe this was common. Most states did not checked migrants on their external boundaries. One notable exception was the Habsburg Monarchy, which already in the early eighteenth century organized a sanitary cordon on its border with the Ottoman Empire.  All travelers coming from the Ottoman territory had to go to official border crossings, where their details were written down and where they were sent to undergo quarantine. It was forbidden to cross elsewhere. The border was guarded day and night. This regime was in force until the mid-nineteenth century. The formal reason for its existence was to prevent the spread of plague epidemics from the Ottoman Empire. The lecture takes a closer look at this border mobility control regime. It examines why and how were migration controls introduced in this part of Europe; why they took the form of border controls; what factors and circumstances made an early introduction possible. It studies the role played by the Ottoman Empire, the state on the other side of the borderline, in the mobility control regime; as well as the role of the migrants. It attempts to understand how effective were the controls and could we find in the present border control regimes some elements that are similar.

Zur Person: Jovan Pešalj is a researcher in the project Habsburg Mobility Control of Ottoman Migrants, funded by the Austrian Science Fund (FWF), and a doctoral candidate at the History Institute, Leiden University.



6. April 2016

Irene van Renswoude: Forbidden knowledge: censorship and cultural regulation in premodern Europe (500-1550)

Moderation: Petra Svatek

Abstract:  Catalogues and lists that prescribed which books were good to read and which ones should be rejected circulated long before the Index of Forbidden books (1559). The question remains to what extent the warnings and prohibitions of such lists were followed in practice. In this Vortrag I examine how heretical texts and other dangerous books were transmitted from ca. 400 to 1100. In spite of occasional calls to burn and destroy the writings of heretics, we still have copies of texts that were considered unorthodox or transgressive at the time. Were these texts preserved untouched, or were they submitted to some form of censorship? The Vortrag will conclude with a foray into the later middle ages and the early modern period to see how the dangerous and heretical texts of late antiquity and the early middle ages were received after 1100 when, along with a rise of literacy, cultural practices to regulate reading became more stringent.

Zur Person: Irene van Renswoude is a postdoctoral research fellow at the Huygens institute in Den Haag, a research institute of the Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences. Her research interests include rhetoric, book culture, free speech and censorship. At present, she is teaching in Vienna as a guest professor at the Institut für Geschichte.


13. April 2016

Géza Palffy: Eine vergessene Quellenserie der Habsburgerforschung: Der Ehrenspiegel des Hauses Österreich und die Forschung der Stephanskrone

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Über die früheste authentische Darstellung der ungarischen Stephanskrone entstanden in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe von Theorien. Der Vortrag macht darauf aufmerksam, dass diese Darstellung im berühmten Ehrenspiegel des Hauses Österreich erhalten blieb, der vom Geschichtsschreiber der Stadt Augsburg, dem Genealogen und Heraldiker Clemens Jäger um die Mitte des 16. Jahrhunderts verfasst wurde. Anhand einer in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek entdeckten Petition Jägers ist es mit Sicherheit feststellbar, dass das früheste Kronenbild zwischen 1553 und 1561 in Augsburg entstand. Deren Vorbild war das am Wiener Hof aufbewahrte ungarische Hoheitszeichen selbst, es entstand nämlich sehr wahrscheinlich auf die Bestellung des Hofhistoriographen Wolfgang Lazius als Arbeit des Kupferstechers Hans Sebald Lautensack. Das Zustandekommen der Kronendarstellung war daher Resultat eines außerordentlichen Zusammenwirkens von Augsburger und Wiener Historikern, Wappenkennern und Kupferstechern. Anhand der Kronen- und anderen Darstellungen präsentiert wird auch eine neue Entstehungsgeschichte der fast vergessenen Quellenserie der Habsburgerforschung, nämlich der drei – in Wien und Dresden erhaltenen, im ausgehenden 16. Jahrhundert am Innsbrucker erzherzoglichen Hof kopierten – illuminierten Abschriften des heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München verwahrten Originalexemplars des Ehrenspiegels.

Zur Person: Prof. Dr. Géza Pálffy ist wissenschaftlicher Beirat am Institut für Geschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest. Autor von mehr als 20 Bänden zur Geschichte Ungarns und der Habsburgermonarchie im 16. und 17. Jahrhundert.


20. April 2016

Karen Hagemann: Umstrittenes Gedächtnis. Die Antinapoleonischen Kriege und ihre deutsche Erinnerung, 1806-2013

Gefördert vom Dekanat der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät

Moderation: Christa Hämmerle

Abstract: Im Jahr 2013 wurde im deutschen Sprachraum das 200jährige Jubiläum der “Befreiungskriege” von 1813-15 gefeiert, die der Höhe- und Endpunkt des alliierten Kampfes gegen Napoleon waren. DieZeit der Anti-Napoleonischen Kriege besetzte lange eine Schlüsselposition in der deutschen Geschichtsschreibung und der nationalen Erinnerungskultur. Das Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren hat das kollektive Gedächtnis an diese Kriege geformt. Zu diesen gehörte neben der zeitgenössischen Erfahrung und Wahrnehmung, die sich durch erhebliche regionale und soziale Unterschiede auszeichnete und bereits heftig umkämpft war, die sich wandelnde politische Kultur, die Ausbildung der akademischen Geschichtswissenschaftund ihr Anspruch auf historische Deutungshoheit, der Einfluss des expandierenden Literaturmarktes sowie ein wachsendes breites Interesse des Lesepublikums an (Zeit)geschichte, das durch  verschiedene Medien bedient wurde. Darüberhinaus wurden die umstrittenen Erinnerungen durch das Zusammenspiel von Differenzkonstruktionen wie Geschlecht, Klasse, Ethnizität, Konfession und Region geprägt. Während im kommunikativen Gedächtnis, die zeitgenössische Wahrnehmung noch stark die Erinnerung mitbestimme, löste sich diese im kulturellen Gedächtnis mehr und mehr von den Ereignissen. Der Vortrag untersucht den Prozess der umkämpften Erinnerungskonstruktion im deutschen Sprachraum bis zum Ersten Weltkrieg exemplarisch an einem Schlüsselereignis der „Befreiungskriege“, der Leipziger Völkerschlacht von Oktober 1813, und fragt, wie konkurrierende Diskurse und kulturelle Praktiken die Wahrnehmung und kollektive Erinnerung beeinflussten; wie sich diese Erinnerungen mit der Zeit veränderten; und welche Faktoren diese Veränderungen formten.

Zur Person: Karen Hagemann ist James G. Kenan Distinguished Professor of History an der University of North Carolina, Chapel Hill. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Moderne Deutsche, Europäische und Transatlantische Geschichte und die Geschlechtergeschichte. Ihre neuesten Publikationen sind: War, Demobilization and Memory: The Legacy of War in the Era of Atlantic Revolutions (mit Alan Forrest und Michael Rowe, 2016); Revisiting Prussia’s Wars Against Napoleon: History, Memory and Culture (2015); „Gleichberechtigt? Frauen in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft“, in: Zeithistorische Forschungen Heft 1/2016, 108-135 (online verfügbar).


27. April 2016

Gwendolyne Knight: Human Transformation in Early Medieval Irish and Anglo-Saxon Hagiography

Moderation: Diarmuid Ó Riain

Abstract: Transformation ist ein häufig vorkommendes Thema in der Hagiographie des frühmittelalterlichen Irlands und Englands. Transformation kann sowohl spirituell als auch konkret physisch geschehen: Man kann zum Beispiel von einem Ungläubigen zu einem Gläubigen verwandelt werden, aber es gibt auch Fälle in denen die Gestalt eines Menschen zu der eines Tieres geändert wird. Im Vortrag werde ich unterschiedliche Tendenzen dieser Fälle des Gestaltwechsels beschreiben und analysieren. Dazu werden die Beziehungen zwischen dem Gestaltwechsel eines Menschen und dem eines Dämons oder Engels untersuchen. Daneben werde ich auch die Beziehungen zwischen Gestaltwechsel und anderen Typen von Transformation, diskutieren. Dabei ergeben sich unter anderem folgende Fragen: Welche Unterschiede zwischen irischen und englischen, oder zwischen lateinischen und volkssprachlichen Texten, sind zu sehen? Wird Gestaltwechsel als etwas ‚Übernatürliches’ präsentiert, und wenn ja, mit welchem Ziel? Schließlich möchte ich untersuchen, ob Gestaltwechsel und Konversion als zwei Seiten desselben Phänomens zu verstehen sind?

Zur Person: Doktorandin am Centrum för medeltidsstudier, Institut für Geschichte, Universität Stockholm mit Roger Andersson und Cordelia Heß als Betreuer bzw. Betreuerin. Sie ist auch Gastdoktorandin an der Universität Wien mit Thomas Ertl als Betreuer. Arbeitstitel der Dissertation:  Broken Order: Shapeshifting as Social Image in the Medieval North. Publikation in Vorbereitung: Sinning in Sleep: The Responsibility of the Anglo-Saxon Dreamer for Erotic Dreams.
 

4. Mai 2016

Jan D. Braun: Sprache, Karte, Landschaft, Raum: Dialektgeographie als Thema der Wissenschaftsgeschichte

Moderation: Petra Svatek

Abstract: Grundlage des Vortrages ist die projektierte wissenschaftshistorische Dissertation des Vortragenden, wobei sich die Arbeit mit der Dialektologie des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt: mit der Mundartforschung an der Wiener Wörterbuchkanzlei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Im Zentrum steht die „Verräumlichung der Sprache“; der epistemische Zusammenhang von Raum und Sprache in der deutschen Dialektologie des 20. Jahrhunderts. Diese „Verräumlichung“ geht auf eine Innovation innerhalb der Mundartforschung Ende des 19. Jahrhunderts zurück, nämlich auf die Sprachgeographie und auf das Kartographieren von Dialekten. Diese Praxen bestimmten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Dialektologie, wobei sie oft mit (geo-) politischen Raumkonzepten korrelierten.
Die Wiener Wörterbuchkanzlei untersuchte bairische Mundarten in Österreich, sammelte diese und gab sie in Wörterbüchern heraus, gleichzeitig war aber auch die dialektkartographische Expertise eine wichtige Ausrichtung der Kanzlei.
Die Dialektkartographie besitzt neben mitunter politisierten Raumkonzepten einen weiteren Aspekt: eine Potenzierung von Zeichenhaftigkeit. Nicht nur wurde Sprache in ihrer Dialektalität erforscht, sondern diese wurde mithilfe einer weiteren Zeichenart, der Karte, visualisiert, was auf das Vorhandensein verschiedener Zeichensysteme hinweist.
Der Vortrag soll ein Plädoyer für eine wissenschaftshistorische und kartographiehistorische Behandlung von Dialektgeographie darstellen.

Zur Person:  Jan David Braun ist seit 2013 Gastforscher am Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie an der ÖAW und seit November 2015 Doktorand im Bereich der Wissenschaftsgeschichte. Betreut wird die Dissertation von Prof.in Dr.in Carola Sachse, Zweitbetreuer ist PD Dr. Manfred Glauninger.
 

11. Mai 2016

Alexander Cors: Eine Frage der Loyalität. Spanische Herrschaft im multiethnischen Louisiana, 1762–1803

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Als Spanien 1762 von Frankreich die Kolonie Louisiana erhielt, ging es der Regierung in Madrid vor allem darum, die Minen Neuspaniens vor Angriffen aus den britischen Territorien Nordamerikas zu schützen. Dazu galt es, das nur spärlich besiedelte Mississippi Tal zu einer Barriere (‚barrera‘) zu formen. Um dieses Ziel zu erreichen, argumentierten reformwillige Amtsträger in Louisiana und Spanien für eine Lockerung der strengen Migrationsbestimmungen und für eine aktive Anwerbung auch ausländischer Siedler. So fanden sich in Louisiana bald neben Franzosen, Kreolen und Deutschen auch Spanier, vertriebene Akadier, Briten, haitianische Flüchtlinge und anglo-amerikanische Siedler. Diese Diversität barg in den Augen der Kolonialadministration aber auch Risiken. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Rechtstraditionen und Herrschaftsverständnisse konnte, das hatte die Rebellion von 1768 eindrücklich gezeigt, zu gefährlichen Spannungen führen. Der Vortrag beleuchtet den Diskurs der Gouverneure und Provinzkommandanten, die im Austausch untereinander und mit ihren übergeordneten Stellen in Kuba und Spanien das Verhältnis verschiedener ethnischer Gruppen zur spanischen Herrschaft einzuschätzen und zu beeinflussen suchten. Die Frage, die sie in diesem Zusammenhang umtrieb, war: Wer stand loyal zur Krone und welche Gruppen musste man besonders im Auge behalten?

Zur Person: Alexander Cors studierte Geschichte und Geographie in Augsburg und Wien. Nach einem einjährigen Aufenthalt an der Emory University in Atlanta studiert er derzeit Historische Wissenschaften und Interdisziplinäre Europastudien an der Universität Augsburg.


18. Mai 2016

Yfaat Weiss: 8. Gerald Stourzh-Vorlesung zur Geschichte der Menschenrechte und der Demokratie: Totenruhe im Niemandsland: Menschenwürde und staatliche Souveränität am Britischen Militärfriedhof auf dem Skopusberg zu Jerusalem

Moderation: Thomas Angerer

Abstract: Die Rechte von nicht repatriierten Kriegsgefallenen sind im humanitären Völkerrecht kodifiziert. Im Zentrum steht das Menschenrecht auf Würde. Gleichwohl stehen solche Rechte in einem Spannungsverhältnis zum Prinzip der staatlichen Souveränität. Mittels eines mikrohistorischen Zugangs sucht sich der Vortrag dieser Spannung anhand eines ebenso besonderen wie paradigmatischen Falls zu nähern: dem Militärfriedhof des britischen Commonwealth auf dem Jerusalemer Skopus-Berg. Die Gräber gefallener Empire-Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg liegen in einer Enklave, die im Gefolge des 1948 geführten Palästinakrieges zwischen Israel und Jordanien strittig blieb und zunächst von der UNO reguliert wurde. In nächster Nähe befinden sich die ersten Gebäude der Hebräischen Universität – und das arabische Dorf Issawiya. Israelische Souveränität, arabische Präsenz und internationale Regelungen geraten in Widerstreit.

Zur Person: Yfaat Weiss ist Professorin an der Hebräischen Universität Jerusalem und Direktorin des Rosenzweig Minerva Research Center for German-Jewish Literature and Cultural History. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich sowohl mit deutsch-jüdischer Geschichte und Kultur als auch mit Minderheiten – Juden in Mittel- und Osteuropa sowie Palästinensern in Israel. Erinnerungskultur und Minderheitenrechte bilden Schwerpunkte ihrer Arbeiten.


25. Mai 2016

Simon Hadler: Der vergessene Feind. Die Erinnerung an die Schweden vor Wien im Jahr 1645

Moderation: Johannes Feichtinger

Abstract:  Nach der vernichtenden Niederlage der kaiserlichen Truppen bei Jankau stand den schwedischen Truppen unter dem Kommando von Lennart Torstensson im Frühjahr 1645 der Weg nach Wien offen. Die Nachricht vom Herannahen des siegesgewohnten Feldherrn führte zu Panik in der Stadt. Tausende Bewohner, darunter die kaiserliche Familie, ergriffen die Flucht und Ferdinand III. ließ eine feierliche Prozession abhalten, um sich dem Beistand der Gottesmutter zu versichern. Hätte auch noch der Siebenbürger Fürst Georg Rákóczi das schwedische Unternehmen unterstützt, es wäre schlecht um Wien gestanden.
Weder die um sich greifende Furcht im Angesicht des Feindes, noch die Erfüllung des kaiserlichen Gelübdes mit der Errichtung einer Mariensäule oder eine Kapelle als lokaler Erinnerungsort konnten verhindern, dass diese bedrohliche Situation weitgehend in Vergessenheit geriet. Diese Entwicklung verwundert umso mehr, wenn man bedenkt, wie anhaltend und vielfältig andere  einstige militärische Kontrahenten funktionalisierbar waren und sind. Der Vortrag zeichnet zum einen die Konjunkturen und den Wandel der Erinnerung an die schwedische Gefahr vom 17. bis ins 20. Jahrhundert nach, zum anderen fragt er nach den Gründen, warum gerade dieser Gegner in Wien seine Sinn stiftende Funktion verloren hat.

Zur Person: Simon Hadler ist Post-Doc im IGK „Religiöse Kulturen“ an der LMU in München. Davor war er Projektmitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW sowie Doktorand im DK „Galizien“ an der Universität Wien.
 

1. Juni 2016

Felix Selgert: Die Politische Ökonomie des Aktionärsschutzes in Deutschland, 1870-1937


8. Juni 2016

Christoph Treiblmayr: Die „Menschenrechtsstadt Wien“ am Beispiel der Frühphase der österreichischen Homosexuellenbewegungen (1894–1971)

Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract: Nach einer jahrhundertelangen Geschichte der Verfolgung und Stigmatisierung von Homosexualität(en) wird die Anerkennung von Homosexuellenrechten als Menschenrechte in Österreich seit den 1990er Jahren zunehmend von einer breiteren Öffentlichkeit getragen. Damit korrespondiert ein klares Bekenntnis der Bundeshauptstadt Wien, sich als Menschenrechtsstadt für die Wahrung und Sicherstellung von LGBTI-Rechten einzusetzen. In der historischen Forschung besteht weitgehende Einigkeit, dass die Zweite Frauenbewegung wie auch die Schwulen- und Lesbenbewegung in Österreich, die sich im Laufe der 1970er Jahre allmählich herauszubilden begann, die Voraussetzungen für diese Enttabuisierung von homosexuellen Lebensentwürfen schufen. Wenig bekannt und erforscht sind jedoch die frühen Phasen der Homosexuellenbewegungen und des Kampfes um Menschenrechte für Homosexuelle in Österreich. Der Vortrag will als Werkstattbericht Teilergebnisse eines von der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) geförderten Projekts präsentieren. Vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen sollen Traditionslinien gezeigt werden, die bis zur ersten Petition gegen den „Homosexuellen-Paragraphen“ 129 Ib aus dem Jahr 1894 zurückreichen und in der Zeit des Nationalsozialismus zunächst ein jähes Ende fanden, bevor sie nach dem Zweiten Weltkrieg erneut aufgenommen wurden. Endpunkt der Betrachtungen ist das Jahr 1971, in dem das „Totalverbot“ homosexueller Handlungen fiel.

Zur Person: Christopher Treiblmayr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei QWIEN – Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte sowie Lektor am Institut für Geschichte der Universität Wien, wo er an einer Habilitationsschrift zur Geschichte der Österreichischen Liga für Menschenrechte arbeitet. Zuletzt erschienen: Bewegte Männer. Männlichkeit und männliche Homosexualität im deutschen Kino der 1990er Jahre, Köln/Weimar/Wien 2015 (= L’Homme Schriften; Bd. 19).
 

15. Juni 2016

Ellinor Forster: Im Land der Grenzsäulen I bis CXXXVIII. Konfliktverdichtung im neu geschaffenen schlesischen Grenzraum 1742–1840

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Andrea Griesebner

Abstract: Nach dem Frieden von Berlin 1742 musste zwischen den nunmehr neu benannten Territorien Preußisch-Schlesien und Österreichisch-Schlesien eine sichtbare Grenze gezogen werden. Die abgeordneten Kommissäre schritten den Grenzverlauf innerhalb eines Monats sorgfältig ab, zeichneten, beschrieben und markierten ihn beidseitig mit je 138 Säulen, die neben der Nummer auch die jeweilige Kennzeichnung der herrschaftlichen Zugehörigkeit trugen. Die Konfliktanfälligkeit dieser neuen Trennlinie zeichnete sich schon sehr früh ab, indem bei der Grenzziehung nicht nur vermeintlich natürlichen Grenzen gefolgt werden konnte, sondern auch Dörfer, Weidegründe und Dominien durchschnitten wurden. Dies stellte allerdings nur das unmittelbarste Feld von Auseinandersetzungen dar. In der Folge verdichteten sich Konflikte und Problemlagen unterschiedlichster Ebenen in diesem Raum, messbar am Umgang mit den Grenzmarkierungen und Hoheitszeichen – die Auseinandersetzungen zwischen Österreich und Preußen, die Frage nach einer angemessenen Herrschaftsrepräsentation, die Reichweite von Verwaltungsbefugnissen und Nachbarschaftskonflikte. Durch die Nummerierung der Säulen und die ihnen zugeschriebene Bedeutung wurde zugleich der Raum umgeordnet und ihm in der Beschreibung eine neue Kategorie hinzugefügt.

Zur Person: Ellinor Forster, Dr. phil., Universität Innsbruck, Inhaberin einer Elise-Richter-Stelle (FWF) mit dem Habilitationsprojekt „Veränderung der Gesellschaft durch Regieren und Verwalten. Politische Kommunikation in den Territorien Ferdinands III. – Toskana, Salzburg, Würzburg 1790–1824.


22. Juni 2016

Veronika Helfert: „Mütter, ihr wisst, wo ihr stehen werdet!“ Frauen in der Österreichischen Revolution

Moderation: Christa Hämmerle

Abstract: Als die Habsburgermonarchie im Herbst 1918 regelrecht implodierte war die Staatsform, die nun entstehen sollte, alles andere als gewiss. Territorialkonflikte und Debatten um das genaue Aussehen der politischen Struktur prägten die ersten unmittelbaren Nachkriegsjahre. In meinem Vortrag gehe ich der Frage nach der Partizipation von Frauen in der Transformationsphase am und nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Österreich nach und stelle den Zusammenhang von Gewalt und Geschlecht in den politischen Prozessen dar. Besonderes Augenmerk lege ich auf die Strukturen der Rätebewegung und analysiere sie hinblicklich Fragen nach (revolutionärer) Männlichkeit, Intersektionalität und Citizenship.

Zur Person: Veronika Helfert, MMag.a, ist Universitätsassistentin für Neure Geschichte/Frauen- und Geschlechtergeschichte am Institut für Geschichte (Universität Wien) und arbeitet gegenwärtig an ihrem Dissertationsprojekt „Zur Frauen- und Geschlechtergeschichte der Rätebewegung in Österreich im europäischen Kontext, 1916/17–1924“. Aktuelle Publikation: Eine demokratische Bolschewikin. Ilona Duczynska Polanyi (1897–1978), in ÖZG 2/2015.