Geschichte am Mittwoch

Programm WS 2016/17

Ort: Universität Wien, Institut für Geschichte, Universitätsring 1,  1010 Wien, Hörsaal 45
Zeit: Mittwoch, 18.30 s.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Martina Fuchs
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

5. Oktober 2016

Hadwiga Schörner (Wien): Emil Reisch (1863–1933): Der unbekannte Professor

Moderation: Johannes Feichtinger 

Abstract:
Der Altertumswissenschaftler Emil Reisch, Professor für Klassische Archäologie an der Universität Wien von 1898 bis 1933, ist mit Abstand der unbekannteste unter den Vertretern dieses Faches. Im Vortrag soll den Gründen dafür nachgegangen werden, denn seine Karriere war geradezu vorbildlich: Studium der Altphilologie und Klassischen Archäologie in Wien, 1885 Promotion, 1886 Lehramtsprüfung für Alte Sprachen, drei Jahre Staatsstipendiat für die Habilitation 1889 mit einer venia legendi für „Archäologie und die Realfächer der Klassischen Philologie“, 1890 Ruf (a. o. Prof.) nach Innsbruck, 1898 schließlich Ruf (o. Prof.) an die Universität Wien, und übernahm hier 1910/11 das Dekanat und 1916/17 das Rektorat. Zusätzlich dazu wurden ihm weitere Aufgaben und Ämter übertragen, wie 1910 Direktor des Österreichischen Archäologischen Institutes, Obmann dreier Kommissionen an der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften sowie der Zentralkommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale. Unter seinen Publikationen übersteigt allerdings die Zahl der Grabungs- und Jahresberichte jene der Monographien bei weitem. Auch wenn die umfangreichen organisatorischen Aufgaben ihm neben seiner Arbeit als Universitätsprofessor am Archäologisch-Epigraphischen Seminar und Leiter der Archäologischen Sammlung sicherlich Zeit für Forschung und Publikation geraubt haben, konnte er auf ein umfangreiches, durchaus auch internationales Netzwerk zurückgreifen und die Zahl seiner Schüler übersteigt jene seines Vorgängers bei weitem.

Zur Person:
Hadwiga Schörner promovierte 2001 in Klassischer Archäologie an der Universität Jena und arbeitet auch forschungsgeschichtlich, derzeit am Lise-Meitner-Projekt „Brüche, Neuorientierung, Kontinuität: das Fach ‚Klassische Archäologie’ an der Universität Wien von 1898 bis 1951“.

 

12. Oktober 2016 

Laurin Blecha (Wien): Geschichtspolitik in Nicaragua von 1979 bis 1990

Vorstellungsvortrag als Bewerbung für ein Lektorat am IfG

Moderation: Berthold Molden

Abstract:
Mit der nicaraguanischen Revolution (1979-1990) begann unter der Führung der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) eine umfassende Umstrukturierung der nicaraguanischen Gesellschaft: sozialemanzipatorische Programme, sowie außenpolitische und ökonomische Neuausrichtungenprägten die 1980er Jahre. Die FSLN versuchte aber auch einen historischen Bruch mit der Zeit davor (der Familiendiktatur der Somozas) herzustellen und begann die Narrative der nicaraguanischen Geschichte zu beeinflussen und zu verändern. Die Geschichtsschreibung sollte dazu beitragen, dass Projekt der SandinistInnen historisch zu unterfüttern, zu legitimieren und zu konsolidieren.
Der Vortrag, der auf einem Dissertationsprojekt beruht, befasst sich mit den Geschichtsinterpretationen in der Zeit der sandinistischen Revolutionsregierung. Die Geschichtspolitik dient in dieser Arbeit als Analysekategorie von Verflechtungen von Geschichte und Politik. Da Nicaragua aber nicht als Einzelfall für sich steht, ist es notwendig den Blick auf andere Länder der Hemisphäre zu richten, wie etwa auf Argentinien, Chile, El Salvador oder Guatemala, die in denen in den letzten Jahrzehnten, die Forschungsfelder der Erinnerungs- und Geschichtspolitik mit neuen Ansätzen und Debatten über den Umgang mit der/den eigenen Vergangenheit(en) beeinflussen konnten.

Zur Person:
Laurin Blecha (geb. 1988) ist Doktorand am IfG. Sein Forschungsschwerpunkt umfasst Erinnerungs- und Geschichtspolitiken in Zentralamerika, mit dem Schwerpunkt auf Nicaragua. Im WS 2015/16 war er DAAD-Stipendiat und Gastwissenschaftler am Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin.

 

19. Oktober 2016:

Tomáš Murár (Prag): The Royal Representation as/and the Artistic Visualization. Theoretical Approach toward Some of the 17th Century Coronations and Their Visualizations in Engravings

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract:
Royal representation finds its peak in the act of coronation as in the main and the most important part of the king's or emperor's reign. In the 17th century we can find a lot of these sovereign, who lost or (and) retrieve their kingdoms or empires and they needed to assure their position in the reclaimed or uncertain land. To be able to do that, they mostly used their „royal representation“ as the main instrument to declare their right to rule. This need for representation of the king's right to rule, shown through the spectacle of the visualization of the act of coronation, is possible to find for example in Stuarts' England as well as in the Habsburg monarchy with their fight for ruling in Bohemian kingdom in the beginning of the 17th century.
The lecture will aim at this problematic of the royal representation through the artistic visualization with the question of the relevance of the act of coronation itself over its representation in artistic mediums. The thesis is developed mainly on the example of engravings for the official festival book devoted to the processions and coronation of the King Charles II of England from 1662. This approach is framed for the most part by a theory of the royal representation by Louis Marin, theory of the king's body and its role and transformations in the sovereignty by Ernst Kantorowicz and by the theory of the visual representation and inter-mediality by W. J. T. Mitchell.

Zur Person:
Tomáš Murár ist Mitarbeiter am Institut für Kunstgeschichte der Karls-Universität in Prag tätig. Ausgewählte Vorträge: „Barock als der Stil im Konzept Vojtěch Birnbaums“, Prag, Vortrag für Klub Za starou Prahu, März 2014; „The Entertainment of His Most Excellent Majestie Charles II. Wenzel Hollar und die Krönung Karls II. Stuart, Der Tagung Ars Linearis, Prag, Nationalgalerie, April 2014; „Kunstwollen: The Transfer and Precarious Survival of an Artistic–Theoretical Concept in Czech Art History on the 20th Century“, Der Tagung Übertragende Lektüren, Karls-Universität in Prag und Universität Erfurt, Februar 2014; „Memoria et monumentum: Das Barockprinzip in der Theorie Vojtěch Birnbaums“, Der Tagung Paragone 2015. Masaryk-Universität in Brünn, Mai 2015.


9. November 2016 

Günther Steiner (Wien): Geschichte der Sozialversicherung in Österreich

Moderation: Ernst Bruckmüller

Abstract:
Wann wurde die Sozialversicherung in Österreich eingeführt? Diese Frage lässt sich nicht mit einem Datum beantworten. Während (Fabriks)arbeiter bereits 1888/89 eine Kranken- und Unfallversicherung erhielten, kam die Pensionsversicherung für Angestellte 1907, jene für Arbeiter erst mit der Übernahme der deutschen SV-Gesetze 1939. Die Selbständigen in Gewerbe und Landwirtschaft wurden überhaupt erst in den 1950er und 1960er Jahren voll integriert – unter heftigem Widerstand der Betroffenen, der sich mit dem Empfang der Leistungen jedoch sehr bald legte. Damit wurde die Sozialversicherung von einem Teil der „Arbeiterfrage“ zum Merkmal des Wohlfahrtsstaats. Die „Bäuerinnenpension“ kam 1992, Kinderbetreuungsgeld und Familienhospizkarenz sind Errungenschaften der letzten Zeit.
Die Geschichte der Sozialversicherung ist sehr dynamisch, ideologisch mitunter hoch aufgeladen, abhängig von sozioökonomischen Entwicklungen, und diese gleichzeitig beeinflussend, eine der langsamen Schritte. Sie ist keine lineare der stetigen Verbesserungen. Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre führte zu massiven Kürzungen. Spätestens seit Anfang der 1980er Jahre erfolgten vor dem Hintergrund steigender Arbeitslosigkeit und Lebenserwartung erste einschneidende Veränderungen im Pensionssystem, die sich in den Pensionsreformen der 1990er und 2000er Jahre fortsetzten. Wiewohl die Schöpfer des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes von 1955 dieses als überholtes Provisorium bezeichneten, ist es bis heute in seinen Grundstrukturen in Kraft.
Überblicksmäßig möchte dieser Vortrag die Geschichte der Sozialversicherung in Österreich anhand markanter Meilensteine vor ihrem politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Hintergrund nachzeichnen.

Zur Person:
Guenther Steiner, geb. 1973 in Bruck/Mur, Politikwissenschafter und Sozialhistoriker, Dr. phil. 2003, Publikationen zur Entwicklung der österr. Sozialversicherung, u. a.: 60 Jahre ASVG (2015), Friedrich Hillegeist in der österr. Sozialversicherung (2013). 

16. November 2016

Michael Prokosch (Wien) / Larissa Rasinger (Wien): Bürgerbücher in österreichischen Städten – eine wichtige Quelle zur österreichischen Stadtgeschichte ab dem Spätmittelalter

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Martin Scheutz 

Abstract:
Ab dem Spätmittelalter liegen für diverses österreichische Städte sogenannte Bürgerbücher vor, welche die neuaufgenommenen Bürger einer Stadt verzeichnen. Diese bislang für österreichische Städte kaum untersuchte Quellengattung (mit Ausnahme von Salzburg und Graz), die Forschungsgeschichte, das Auswertungspotential der Quellengattung, aber auch die von Stadt zu Stadt unterschiedliche Anlage stehen im Zentrum des heutigen Abends. An zwei Fallbeispielen aus der Frühen Neuzeit, dem ältesten Bürgerbuch von Linz und dem Wiener Bürgerbuch aus dem späten 17. Jahrhundert, werden die Forschungskontexte dieser seriellen Quellengattung vorgestellt. Dynamiken und Krisen der Bürgeraufnahme, aber auch Schattierungen des Bürgerrechtes (etwa Bürger und Mitbürger) gelangen dadurch ins Blickfeld der HistorikerInnen. Der Abend bietet eine Präsentation eines Themenheftes der aktuellen Ausgabe der „Pro Civitate Austriae“.

Zu den Personen:
Larissa Rasinger, MMag.a. (Masterarbeit zu Knut von England); Masterstudium Geschichtsforschung (Masterarbeit zu einem Jahrtagskalender des Wiener Schottenstiftes aus dem Jahr 1515), Mitarbeiterin des Archivs des Wiener Schottenstiftes.
Michael Prokosch, Mag. (Masterarbeit zu Testamenten in Pressburg/Bratislava); Masterstudium Geschichtsforschung (gegenwärtig Masterarbeit zum ältesten Bürgerbuch von Linz), unter anderem Mitarbeiter an der Kuffner-Sternwarte in Wien.

  

23. November  2016

Sandra Kobel (Salzburg): Storytelling in Museen am Beispiel der Ausstellung „Erzähl mir Salzburg!“ oder Über das Erzählen von Geschichte(n)?! 

Moderation: Johannes Mattes

Abstract:
Die Ausstellung „Erzähl mir Salzburg!“ des Salzburg Museum, die anlässlich des Jubiläums
„200 Jahre Salzburg bei Österreich“ im April 2016 eröffnete, gibt Einblicke in die Kunst und Kulturgeschichte Salzburgs im Zeitraum zwischen 1816 und 2016. In 12 Themenbereichen können sich die BesucherInnen der/den Geschichte(n) aus unterschiedlichen Blickwinkeln und anhand unterschiedlicher Erzählformen annähern. Mittels der Methode des „Storytelling“ und im Zusammenspiel von kollektiven Überlieferungen und individuellen Erzählungen entsteht ein „Kaleidoskop der Geschichte“, das letztlich auch den Umgang mit Geschichte reflektiert.
Im Vortrag wird die Methode des Storytellings anhand von „Erzähl mir Salzburg!“ reflektiert:
Wie können Geschichten im Raum erzählt werden? Welche Möglichkeiten gibt es, einen Erzähl- und Handlungsstrang herzustellen, der für die BesucherInnen nachvollziehbar ist und gleichzeitig genug Spielraum für freie Assoziationen bietet? Welche Rolle spielt die Ausstellungsgestaltung für die Dramaturgie einer Ausstellung? Und: Inwiefern kann die Geschichtsvermittlung die Methode des Storytellings und den multiperspektivischen Ansatz des „Erzählens von Geschichte(n)“ für sich nutzbar machen?

Zur Person:
Sandra Kobel MA: studierte Kunstgeschichte an der Universität Salzburg und ist seit 2013
als Kultur- und Kunstvermittlerin im Salzburg Museum tätig (zuständig für Konzeption, Planung und Durchführung von Vermittlungsprogrammen für Erwachsene, Jugendliche und Kinder).

 

30. November  2016

Johannes Feichtinger (Wien): Die Österreichische Akademie der Wissenschaften, der Nationalsozialismus und die Folgen 

Moderation: Heidemarie Uhl

Abstract:
Der Nationalsozialismus stellte für die Akademie der Wissenschaften in Wien eine Zäsur mit Folgen dar. Ab 1938 in den NS-Machtapparat verstrickt, gelang es ihr nach 1945 weitgehend bruchlos ein wesentlicher wissenschaftspolitischer Akteur zu bleiben. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Systemwettbewerbs entwickelte sie sich ab Mitte der 1960er-Jahre zum größten außeruniversitären Forschungsträger in Österreich. Im Vortrag wird dieser Transformationsprozess der Akademie von einer traditionellen Gelehrtengesellschaft zu einer Art Forschungsakademie nachgezeichnet. Das Augenmerk richtet sich auf (1) Veränderungen der Akademie nach dem „Anschluss“, (2) auf ihre Tätigkeit in den sieben Jahren NS-Herrschaft, (3) auf Entnazifizierung und restaurative Erneuerung, (4) auf ihre Restrukturierung und (5)internationale Drehscheibenfunktion im Kalten Krieg. Die zentralen Fragen lauten: Welche Akteure waren für die Entwicklung von einer in den Nationalsozialismus involvierten Gelehrtengesellschaft zu einer in Ost und West angesehenen Forschungsakademie maßgeblich? Wie groß waren ihre Handlungsspielräume? Und welche Leitvorstellungen wurden für die Struktur der Akademie sowie einer ausdifferenzierten Forschungslandschaft in Österreich prägend?
 

Zur Person:
Johannes Feichtinger ist Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Koordinator des Forschungsschwerpunkts Kulturen des Wissens) und im WS 2016/17 Gastprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Wien. Er hat sich hier 2011 für Neuere Geschichte habilitiert.

 

14. Dezember 2016:

Joëlle Weis (Wien): Wir sind die Geschichten, die wir über uns zu erzählen vermögen – Selbstdarstellung und Identitätskonstruktionen in der Gelehrtenrepublik am Beispiel Johann Friedrich Schannats (1683 – 1739) 

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Anton Tantner

Abstract:
Aus dem Herzogtum Luxemburg stammend, Sohn eines Arztes, Jurist, Katholik, Mitglied der Gelehrtenrepublik, Historiker, Antiquar – die Biographie Johann Friedrich Schannats liefert viel Material, um eben diesen Gelehrten, um den es in diesem Vortrag gehen soll, zu beschreiben. Doch wie adäquat beziehungsweise aussagekräftig sind diese Zuschreibungen wirklich? Um einer historischen Person und deren Identität – und somit auch Lebenswelten – auf die Spur zu kommen, sollten wir weiter gehen. Die wirklichen Fragen, die uns interessieren müssen, sind doch wohl eher:  wie hat Schannat sich selbst gesehen? Wie wollte er gesehen werden? Wie haben seine Zeitgenossen ihn tatsächlich wahrgenommen und wie wollen wir ihn heute wahrnehmen?
Als spannendes Untersuchungsfeld dient in diesem Fall die Gelehrtenrepublik. In regem Briefverkehr miteinander stehend, tauschten Gelehrte sich hier über ihre Arbeit, ihr Leben und ihre Kollegen aus, ganz nach dem Motto „lesen und gelesen werden“. Dass es in diesem Kontext zu Selbst- und Fremdzuschreibungen von Eigenschaften kommt, sowie Strategien der Selbstdarstellung offen gelegt werden, scheint offensichtlich. So werden vor allem die Briefe, aber auch Werke und gelehrte Journale, zu wertvollen Quellen für die Untersuchung von Identitätskonstruktionen und Praktiken des „impression-managements“ innerhalb der frühneuzeitlichen Gelehrtenwelt.
 

Zur Person:
Joëlle Weis ist Doktorandin an den Universitäten Luxemburg und Wien und arbeitet gegenwärtig an ihrem Dissertationsprojekt „Johann Friedrich Schannat und die europäische Gelehrtenrepublik. Kommunikation, Praktiken und Identitäten kritischer Gelehrsamkeit an der Schwelle zur Aufklärung“.

 

11. Jänner 2017 

Christine Schneider (Wien): „Weilen jederzeit ratsam seine befreinten in derlei sachen zu consultieren…“. Die Familienkorrespondenz des Christoph Wilhelm von Thürheim (1661–1738)

Moderation: Martin Scheutz 

Abstract:
Der oberösterreichische Landeshauptmann Christoph Wilhelm von Thürheim (1661–1738) und vier seiner Geschwister pflegten jahrzehntelang einen intensivenBriefwechsel. Abhängig von Geschlecht, Geburtenfolge, sowie weltlichem bzw. geistlichem Stand hatten die verheirateten und unverheirateten Geschwister unterschiedliche Funktionen und Rollen innerhalb ihrer Herkunftsfamilie. Alle gängigen Möglichkeiten weiblicher und männlicher adeliger Lebensformen und Karrieren sind in der Familie vertreten.
Die Geschwister Thürheim suchten für sich und ihre zahlreichen Kinder Einkommen und Sozialprestige zu erlangen. Neben möglichst vorteilhaften Eheschließungen wurden Ämter und Funktionen am Wiener und Münchener Hof bzw. in der katholischen Kirche angestrebt. Auch die Nonne Isabella und der Domherr Otto Carl zeigten ein starkes Interesse an ihren Neffen und Nichten, wobei geschlechtsspezifisch die Beziehungen zwischen Tante und Nichten, bzw. Onkel und Neffen besonders eng waren. Der/ die Einzelne wurde in seinen/ ihren Karrierebestrebungen von den Verwandten unterstützt und sollte zukünftig die so gewonnene Position zum Nutzen der Familie anwenden. Das gemeinsame strategische Ziel, die gesellschaftliche Bedeutung der Familie Thürheim zu steigern, wurde dabei nicht in Frage gestellt.
Wechselseitige Hilfestellung und Gegenleistung prägten auch die Beziehungen innerhalb der weitverzweigten adeligen Verwandtschaft und Bekanntschaft.

Zur Person:
Christine Schneider, Dr. phil., Wien, Inhaberin des Projekts „Die Familienbriefe des oberösterreichischen Landeshauptmannes Christoph Wilhelm von Thürheim (1661-1738) (Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank).

 

18. Jänner 2017

Karoly Goda (Wien): „Dame, König, As, ...?“ Eine Spurensuche im visuellen & textuellen Kontext des bikonfessionell geprägten Wiens um 1580

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Thomas Winkelbauer 

Abstract:
Anfang des letzten Viertels des 16. Jahrhunderts verdichteten sich die konfessionell geprägten Auseinandersetzungen im Kontext des politisch-kulturellen Lebens der Stadt Wien. Diese Analyse versucht neben der Meisternarrative der Reformation, Gegenreformation bzw. katholischen Reform eine neue, von der italienischen „Microstoria“ (u.a. Carlo Ginzburg) inspirierte Leseart der Ereignisse um 1580 anzubieten. Mit der Hilfe des sog. semiotischen Lesens leistet der Vortrag eine historische Spurensuche um Indizien und Hinweise, welche die visuellen & textuellen religiösen Äußerungen der Zeitzeugen nicht als Mosaikteile einer konfessionellen Makronarrative sondern als Bausteine der zeitgenössischen Visionen der urbanen & religiösen Gemeinschaftsbildung interpretieren lassen.

Zur Person:
Károly Goda (Mag. & Mag. ELTE: Geschichtswissenschaft und Archivistik; M.A. CEU: Mediävistik; Ph.D. ELTE: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte) forschte und lehrte zwischen 2004 und 2015 zur vergleichenden Landes- und Städtegeschichte des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen West- und Mitteleuropas an der Eötvös Loránd Universität (ELTE, Budapest, Ungarn) und an der Westfälischen Wilhelms-Universität (Münster, Deutschland) und er hatte zwischen 2013 und 2015 die PostDoc-Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters an der Palacký Universität (Olomouc/Olmütz, Tschechische Republik) inne. Seit seinem erfolgreich abgeschlossenen Dissertationsprojekt mit dem Titel "Die Führungsschichten Soprons/Ödenburgs im 15./16. Jahrhundert" forscht er zum Thema des Politischen & Religiösen in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtprozessionen Mitteleuropas. Als Mitglied des SFB-Clusters “Visions of Community” (FWF SFB F42) trägt sein PostDoc-Projekt den Titel “Communities of Solemn Processions and Festive Entries in Late Medieval Central European Residential Capital Cities”.

 

25. Jänner 2017 

Daniel Luger (Wien): Das spätmittelalterliche Supplikenwesen am römisch-deutschen Herrscherhof (1440-1493)

Moderation: Christian Lackner 

Abstract:
Das vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank geförderte Forschungsprojekt hat sich zum Ziel gesetzt, die zahlreichen aktuellen Forschungsdiskussionen insbesondere der Frühneuzeitforschung zum Supplikenwesen als wichtigstem „Kommunikationskanal“ zwischen Herrschaft und Untertanen aufzugreifen. Das Projekt zielt darauf ab, die mittelalterlichen Wurzeln des Supplikenwesens im römisch-deutschen Reich auf Grundlage einer umfassenden Quellenerschließung und -analyse zu untersuchen und damit eine wesentliche Forschungslücke zu schließen.
Die Analyse der erschlossenen Suppliken erfolgt in einem ersten Schritt aus hilfswissenschaftlich-quellenkundlicher Perspektive, um Fragen nach Entstehung, Niederschrift und Einbringung von Suppliken am habsburgischen Hof zu behandeln. Mithilfe einer summarischen Analyse der sozialen und landschaftlichen Herkunft der Supplizierenden sowie der Inhalte der Suppliken werden Umfang und Reichweite dieses „Kommunikationskanals“ zwischen Herrschaft und Untertanen untersucht. Überdies wird auf der Basis von Erledigungsvermerken sowie mithilfe ergänzender Quellen die Erledigung von eingereichten Bittschriften am römisch-deutschen Herrscherhof während des gewählten Untersuchungszeitraumes behandelt.
Der zweite Blickpunkt der Auswertung bezieht sich stärker auf textliche Aspekte und biographische Auswertungsmöglichkeiten der erschlossenen Schriftstücke. Obwohl der Gebrauch von stereotypen bzw. kodifizierten Formeln und Argumentationsstrategien stets berücksichtigt werden muss, ermöglicht die Analyse von Suppliken dennoch einen Blick auf ansonsten quellenmäßig kaum greifbare biographische Aspekte sowie auf konkrete Probleme und Nöte der Petenten.

Zur Person:
Daniel Luger ist Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und wurde 2014 an der Universität Wien zum Dr. phil. promoviert. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind die Entwicklung des habsburgischen Hofes und der landesfürstlichen Verwaltung im späten Mittelalter, die Entwicklung der Reichsgerichtsbarkeit im 15. Jahrhundert sowie die Rezeption des Humanismus nördlich der Alpen.