Geschichte am Mittwoch

Programm SS 2017

Ort: Universität Wien, Institut für Geschichte, Universitätsring 1,  1010 Wien, Hörsaal 45
Zeit: Mittwoch, 18.30 s.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Martina Fuchs
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

 

8. März 2017

Maximilian Maurer (Wien): Mehr als schöne Ansichten? Bernardo Bellottos Wiener Vedutenserie (17591760) als Bildergeschichte

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit in Kooperation mit Geschichte am Mittwoch

Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract:
Wie es die jüngste Debatte um den durch Bauvorhaben gefährdeten „Canaletto-Blick“ anschaulich belegt, prägen die Wiener Ansichten des venezianischen Vedutenmalers Bernardo Bellotto (1722–1780), auch Canaletto (d. J.) genannt, bis heute das öffentlichkeitswirksame Bild des „historischen Wien“. Dessen ungeachtet ist über den Entstehungskontext und die Programmatik der 16 Wiener Gemälde (1759/60) nahezu nichts bekannt. Die bisherige Forschung hat vor allem die Auswahl der abgebildeten Plätze und Gebäude auf ein übergreifendes Thema hin befragt und in den Kontext der habsburgischen Repräsentation gestellt. Der Vortrag wird dagegen – beziehungsweise zumindest in Ergänzung dazu – argumentieren und zur Disposition stellen, dass auch im Bildpersonal eine gewichtige Bedeutungsebene für das Verständnis der Wiener Serie angelegt ist. Ein akribischer Blick auf die Bildkomposition und auf einzelne, immer wiederkehrende Figuren wird zeigen, dass Bellottos Gemälde eine Handlung erzählen und sich als Bildergeschichte verstehen lassen.

Zum Vortragenden:
Maximilian Maurer studierte Geschichte und Publizistik an der Universität Wien und befindet sich derzeit im Masterstudium der Geschichtsforschung, historischen Hilfswissenschaften und Archivkunde. Forschungsinteressen: Kultur- und Sozialgeschichte insbesondere frühneuzeitlicher Städte und Fürstenhöfe beziehungsweise der höfischen Gesellschaft sowie das Wiener Hofquartierwesen.

 

22. März 2017 

Stephan F. Mai (Wien): „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie…?“ Das frühneuzeitliche Völkerrecht im Spannungsfeld von Theorie und Praxis

Moderation: Dorothea Nolde

Abstract:
Es ist der Stoff für einen Roman: Der Diplomat Abraham de Wicquefort (1606–1682) soll im Alter von 79 Jahren aus seinem Gefängnis in Den Haag ausgebrochen sein, und zwar in den Kleidern seiner Tochter. Am Celler Hof, wo er Zuflucht fand, verfasste Wicquefort daraufhin die zwei Bände des „Ambassadeur et ses Fonctions“ (1681/82), dann verstarb er und wurde in der dortigen Stadtkirche beigesetzt. Bis heute gilt der „Ambassadeur“ als wichtiges völkerrechtliches Werk. Doch was können wir aus den Schriften Wicqueforts über die frühneuzeitliche Diplomatie erfahren?
Die kulturelle Wende führte zu neuen Perspektiven in der Diplomatiegeschichte. Die Forschung widmet sich seit einiger Zeit verstärkt den diplomatischen Akteuren und ihren sozialen Netzwerken. Auch die symbolische Kommunikation wird am Beispiel des Zeremoniells erforscht. Bisher wenig Beachtung erfuhr jedoch das Völkerrecht. Am Beispiel eines Sonderfalls – der diplomatischen Immunität des Gesandten – soll im Vortrag die Bedeutung des Völkerrechts dargestellt werden: Das Völkerrecht schützt den Gesandten vor gewaltsamen Übergriffen, legitimiert sein Handeln und begrenzt es normativ.
Dass die akteurszentrierte Perspektive für die Völkerrechtsgeschichte neue Erkenntnis bietet, soll am Leben und am Werk Wicqueforts beleuchtet werden: Wie beeinflusste biographische Erfahrung das Völkerrecht, und wie sollten wir konsequenterweise das Zusammenspiel völkerrechtlicher Theorie und Praxis denken?

Zum Vortragenden:
Stephan F. Mai ist seit 2015 Praedoc-Universitätsassistent am Institut für Geschichte der Universität Wien. Er studierte an der Universität Heidelberg Geschichte und Romanistik. In seinem Dissertationsprojekt „Immunität! Biographische Erfahrung und diplomatische Theoriebildung bei Abraham de Wicquefort (1606–1682)“ widmet er sich seit 2014 einem Teilaspekt der Völkerrechtsgeschichte, namentlich der diplomatischen Immunität.

 

27. März 2017

Kären Wigen (Stanford): Entering „Asia“: Imagining Continents in the Early Modern World through Japanese Eyes

Achtung! Der Vortrag von Frau Wigen findet am MONTAG, dem 27. 3. 2017, im Lesesaal der Fachbereichsbibliothek Geschichtswissenschaften im Universitätshauptgebäude statt.

Moderation: Marianne Klemun  

Abstract:
The idea of Asia as a continent was introduced to the Chinese and their neighbors by the Jesuits in the 1600s. But how did East Asians see themselves in early modern times? Drawing mainly on woodblock prints from the 17th to the early 19th centuries, this visually rich lecture surveys how Japanese mapmakers crafted their own imaginative syntheses of Confucian cartography, Buddhist cosmology, and European geographical categories.

Zur Vortragenden:
Kären Wigen is the Frances and Charles Field Professor of History at Stanford University. The co-author, with Martin Lewis, of The Myth of Continents: A Critique of Metageography (1997), her most recent books are, as author, A Malleable Map: Geographies of Restoration in Central Japan, 1600-1912 (2010), and, as co-editor, Cartographic Japan: A History in Maps (2016).

 

5. April 2017

Daniel Luger (Wien): Das spätmittelalterliche Supplikenwesen am römisch-deutschen Herrscherhof (1440–1493)

Moderation: Christian Lackner

Abstract:
Das vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank geförderte Forschungsprojekt hat sich zum Ziel gesetzt, die zahlreichen aktuellen Forschungsdiskussionen insbesondere der Frühneuzeitforschung zum Supplikenwesen als wichtigstem „Kommunikationskanal“ zwischen Herrschaft und Untertanen aufzugreifen. Das Projekt zielt darauf ab, die mittelalterlichen Wurzeln des Supplikenwesens im römisch-deutschen Reich auf Grundlage einer umfassenden Quellenerschließung und -analyse zu untersuchen und damit eine wesentliche Forschungslücke zu schließen.
Die Analyse der erschlossenen Suppliken erfolgt in einem ersten Schritt aus hilfswissenschaftlich-quellenkundlicher Perspektive, um Fragen nach Entstehung, Niederschrift und Einbringung von Suppliken am habsburgischen Hof zu behandeln. Mithilfe einer summarischen Analyse der sozialen und landschaftlichen Herkunft der Supplizierenden sowie der Inhalte der Suppliken werden Umfang und Reichweite dieses „Kommunikationskanals“ zwischen Herrschaft und Untertanen untersucht. Überdies wird auf der Basis von Erledigungsvermerken sowie mithilfe ergänzender Quellen die Erledigung von eingereichten Bittschriften am römisch-deutschen Herrscherhof während des gewählten Untersuchungszeitraumes behandelt.
Der zweite Blickpunkt der Auswertung bezieht sich stärker auf textliche Aspekte und biographische Auswertungsmöglichkeiten der erschlossenen Schriftstücke. Obwohl der Gebrauch von stereotypen bzw. kodifizierten Formeln und Argumentationsstrategien stets berücksichtigt werden muss, ermöglicht die Analyse von Suppliken dennoch einen Blick auf ansonsten quellenmäßig kaum greifbare biographische Aspekte sowie auf konkrete Probleme und Nöte der Petenten.

Zum Vortragenden:
Daniel Luger ist Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und wurde 2014 an der Universität Wien zum Dr. phil. promoviert. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind die Entwicklung des habsburgischen Hofes und der landesfürstlichen Verwaltung im späten Mittelalter, die Entwicklung der Reichsgerichtsbarkeit im 15. Jahrhundert sowie die Rezeption des Humanismus nördlich der Alpen. Herr Luger ist gegenwärtig als Postdoc-Universitätsassistent am Institut für Geschichte der Universität Wien tätig.

 

26. April 2017

Eva Seemann (Zürich): „Ich habe ein alten Diener, oder Dienerl verloren, den Zwergen, den Kristel“. Zur Stellung von Kammerzwergen am frühneuzeitlichen Wiener Hof

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit in Kooperation mit Geschichte am Mittwoch

Moderation: Julia Gebke

Abstract:
Die Vorliebe von Fürsten, sich mit außergewöhnlich kleinen Menschen, mit „Zwergen“ zu umgeben, gilt als Charakteristikum der frühneuzeitlichen Hofkultur. Nicht nur am Kaiserhof waren „Zwerge“ fester Bestandteil des Hofpersonals, wo sie, so nimmt man an, als Narren und Spaßmacher der Unterhaltung der Hofgesellschaft dienten. Eine „Zwergin“ oder einen „Zwerg“ zum eigenen Gefolge zu zählen, gehörte spätestens im 16. Jahrhundert zu den impliziten Ansprüchen an eine standesgemäße Hofhaltung. Die Erforschung dieses Phänomens liefert wertvolle Hinweise auf den höfischen Umgang mit körperlicher (beziehungsweise „verkörperter“) Differenz. Gleichwohl hat sich die historische Forschung bisher allenfalls am Rande für diese Personengruppe interessiert. Wie die Kleinwüchsigen an den Hof kamen, welche Ämter und Positionen sie bekleideten und welche Aufgaben und Handlungsmöglichkeiten sie hatten, lässt sich bisher nur ansatzweise ermessen. Der Vortrag nähert sich diesen Fragen aus körper- und sozialgeschichtlicher Perspektive und stellt erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes vor, das die Lebens- und Karrierewege von Hofzwergen an drei deutschsprachigen Fürstenhöfen untersucht. Im Fokus stehen dabei vor allem die „Kammerzwerge“ am Kaiserhof zwischen ca. 1550 und 1760, die als langjährige Begleiter, Diener und Vertraute der Fürstenfamilie sichtbar werden.

Zur Vortragenden:
Eva Seemann ist wissenschaftliche Assistentin am Historischen Seminar der Universität Zürich. Sie arbeitet an einer Dissertation zum Thema „Privilegierte Kuriositäten? Hofzwerge an deutschsprachigen Fürstenhöfen des 16. bis 18. Jahrhunderts.“

 

3. Mai 2017

Jakob Lehne (Wien): „An instrument of civilisation“ – Der Krimkrieg als erster Krieg im Namen der Zivilisation

Moderation: Miloš Vec

Abstract:
Der Krimkrieg (1853–1856) gilt seit langem als erster moderner Krieg, der technologisch wie geopolitisch eine neue Ära einleitete. Zum ersten Mal berichteten Kriegsfotografen und Reporter einem sensationshungrigen Publikum, beinahe in Echtzeit, von neuen gepanzerten Kriegsschiffen und von Grabenkämpfen, die sich auf hunderten von Kilometern erstreckten. Mit dem Ende der Heiligen Allianz, das durch den Kriegsausbruch besiegelt wurde, kam es zu ebenso großen politischen Veränderungen, die auch einen Paradigmenwechsel in der Kriegsrechtfertigung nach sich zogen. Seite an Seite kämpften osmanische, französische und britische Truppen für die „Zivilisation“, einem Wort, das sich nicht nur zum ersten Mal in offiziellen Erklärungen fand, sondern auch in europäischen Parlamenten und in der Öffentlichkeit heftig debattiert wurde. Während konservative Beobachter dem neuen Krieg im Namen der „Zivilisation“ skeptisch gegenüberstanden, sahen liberalere Kreise die Auseinandersetzungen auf der Krim und die sie begleitende Rhetorik als positives Ergebnis inner-europäischer Freiheitsbestrebungen. Dieser Vortrag versucht, den Aufstieg der „Zivilisation“ zu einem Schlüsselwort der Geopolitik nachzuzeichnen, Reaktionen und Debatten in Preußen, im Vereinigten Königreich und Frankreich zu untersuchen und resümierend die dauerhaften Veränderungen, welche die neue Rhetorik der „Zivilisation“, sowohl im Bereich der internationalen Beziehungen wie des internationalen Rechts hervorbrachte, zu analysieren.

Zum Vortragenden:
Jakob Lehne wurde nach Studien am King's College London, der London School of Economics und der Humboldt Universität Berlin am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz mit einer Arbeit zur Geschichte des Begriffs der Zivilisation, und forscht im Bereich der Ideengeschichte der internationalen Beziehungen promoviert.

 

10. Mai 2017

Richard Bourke (London): Inventing Democracy

9. Gerald-Stourzh-Vorlesung zur Geschichte der Menschenrechte und der Demokratie 

Achtung! Die Vorlesung findet im HS 41, Universitätshauptgebäude, statt.

Moderation: Birgitta Bader-Zaar 

Zum Vortragenden:
Richard Bourke ist Professor für die Geschichte des politischen Denkens an der School of History, Queen Mary University of London, sowie Kodirektor des Centre for the Study of the History of Political Thought. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des politischen Denkens in der Aufklärung sowie politische Ideen der Antike und des 19. und 20. Jahrhunderts, wie auch die Geschichte Irlands.

Weitere Informationen folgen.

 

17. Mai 2017

Gernot Mayer (Wien): Ein ungebautes Doppeltheater. Überlegungen zu Theaterbau, Kulturpolitik und Urbanistik im Wien des 18. Jahrhunderts

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit in Kooperation mit Geschichte am Mittwoch

Moderation: Andrea Sommer-Mathis

Abstract:
Den Ausgangspunkt für diese Reflexionen bilden unpublizierte Entwürfe in der Architektursammlung der Albertina, die mit großer Sicherheit Nikolaus Pacassi zugeschrieben werden können. Die Grundrisszeichnungen, die auf Ideen des Staatskanzlers Wenzel Anton von Kaunitz basieren, zeigen zwei Varianten eines überaus groß dimensionierten Theaterbaus, der – eine unikale Lösung im 18. Jahrhundert! – zwei gleichrangige Bühnensäle beherbergen sollte. Den historischen Hintergrund für diese ungewöhnlichen Pläne stellt eine Brandkatastrophe dar, die am 3. November 1761 das Wiener Kärntnertortheater weitegehend zerstört und ein Menschenleben gefordert hat. Die Verwirklichung dieser Entwürfe hätte den Abriss eines Teils des Bürgerspitals nach sich gezogen, folglich einen wesentlichen Eingriff in die vorhandene städtische Struktur bedeutet. In weiterer Folge hätte das Doppeltheater nicht nur das alte Kärntnertor- sondern auch das Burgtheater ersetzt, was möglicherweise als Anstoß für die Vollendung der Hofburgfassade gedacht war, zu der es bekanntermaßen erst 100 Jahre später kam. Die Entwürfe stellen einen visuellen Beitrag zur damaligen Diskussion um Organisation und Finanzierung des Theaterwesens dar. In diesem Sinn können sie als ein Plädoyer für ein höfisch geleitetes und subventioniertes Theater verstanden werden.

Zum Vortragenden:
Univ. Assistent am Institut für Kunstgeschichte Wien der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: italienische und mitteleuropäische Kunst, Sammlungswesen und Kulturtransfer der Frühen Neuzeit. Dissertationsprojekt zur Kulturpolitik und Kunstsammlung von Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg.

 

31. Mai 2017

Stefan Donecker (Wien): Augustin zu Mörsberg und Beffort. Ein Leben des späten 16. Jahrhunderts zwischen Malta und Lappland

Moderation: N.N.

Abstract:
Seiner Familie hinterließ der Elsässer Johanniterkomtur Augustin zu Mörsberg und Beffort (1551/52–1605) eine reich bebilderte Handschrift, in der er nicht nur die Geschichte seines Ordens darlegte, sondern auch sein eigenes ereignisreiches Leben Revue passieren ließ. Als junger Mann war Mörsberg auf Malta in den Orden eingetreten und hatte fast zehn Jahre auf den Galeeren der Johanniter in der Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich gedient. Später unternahm er ausgedehnte Reisen durch weite Teile Europas, teils im Dienste des Ordens, teils aus reiner Neugier, die ihn durch Deutschland, Ungarn, Polen, England, Skandinavien bis ins Baltikum führten. Mörsbergs autobiographische Aufzeichnungen vermitteln ein sehr persönliches Bild der Epoche – von der Gnadenlosigkeit des Kaperkrieges im Mittelmeer bis hin zu seinen Begegnungen mit prominenten Persönlichkeiten wie Königin Elisabeth I. von England, Sir Francis Drake und Tycho Brahe. Die Religiosität des Autors wird ebenso deutlich wie seine ethnischen Vorurteile, seine Begeisterung für die Antike und sein Unbehagen gegenüber vermeintlich übernatürlichen Phänomenen. Da es Mörsberg mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nahm und teilweise Fakten und Fiktion verschwimmen ließ, verlangt der Text sorgfältige quellenkritische Überlegungen.

Zum Vortragenden:
Dr. Stefan Donecker studierte Geschichte und Skandinavistik in Wien und Umeå in Schweden und wurde 2010 am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz promoviert. Seit 2012 ist er am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen Fragen der Geistes- und Gelehrtengeschichte des 15., 16. und 17. Jahrhunderts.

 

7. Juni 2017

Julian Lahner (Innsbruck): Strukturwandel der Tiroler Landschaft zwischen 1756 und 1789

Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract:
Die Struktur der Tiroler Landschaft war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fortwährend Veränderungen unterworfen. Infolge des erhöhten Geldbedarfs, dem sich das Habsburgerreich im Zuge militärischer Konfrontationen ausgesetzt sah, initiierte ein politischer Akteur Vorschläge, wie ein Teil des benötigten Kapitals mit einer grundlegenden Modifizierung des Tiroler Ständewesens aufzutreiben sei. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) bewog die Landesherrin Maria Theresia (1717–1780) jedoch zum Umdenken und erst 1774 wendete sie sich einer grundlegenden Reformierung des Ständewesens zu. Die 1723/24 etablierten landschaftlichen Aktivtäten fielen einem vereinigten Aktivitätskollegium in Innsbruck und einer Deputation in Bozen zum Opfer. Ein knappes Jahrzehnt später wurden auch diese Institutionen durch Joseph II. (1741–1790) reorganisiert, denn mit Auflösung der Bozner Deputation schuf er einen Perpetuierlichen Kongress (congressus perpetuus). Doch die intendierten Wirkungen schlugen fehl; die Veränderungen evozierten eine ungemeine Festigung der landständischen „Machtstellung“ in Tirol. Die Bozner Deputation etwa existierte bis 1786 weiter.
Der Vortrag thematisiert die näheren Hintergründe sowie Auswirkungen des Strukturwandels und erläutert, wie es dem Tiroler Landeshauptmann und Gouverneur Wenzel Graf von Sauer (1742–1799) 1789 gelang, eine in den übrigen Erbländern sechs Jahre zuvor realisierte Reformmaßnahme, die den ständischen Behördenapparat völlig neu konstruierte, umzusetzen.

Zum Vortragenden:
Julian Lahner, geb. in Schlanders/Südtirol; 2010–2014 Lehramtsstudium Geschichte und Theologie; seit dem Wintersemester 2014/15 Doktoratsstudium an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck mit dem Dissertationsprojekt „Gravamina am Offenen Tiroler Landtag von 1790“ bei ao. Prof. Dr. Heinz Noflatscher und o. Univ. Prof. i. R. Dr. Grete Walter-Klingenstein.

 

14. Juni 2017

Martin Tschiggerl (Wien): Buchpräsentation – „Medienkulturen des Sports“

Moderation: Paul Ferstl

Abstract:
Omnipräsente Skirennen im TV, Spitzensportler, die eine in unserer heutigen Zeit beinahe einzigartige Heldenverehrung erleben, immer weiter wachsende Milliardenumsätze der Sportindustrie und Sportgroßereignisse, die als Medienevents in ihrer Reichweite alles andere in den Schatten stellen: Sport, sei es als „passiv“ konsumiertes Medienprodukt oder aktiv ausgelebte Freizeitgestaltung, erfreut sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts einer immensen Popularität und liefert eine Vielzahl an unterschiedlichen Narrativen – egal ob Metanarrative einer globalen Sportkultur oder Mikronarrative heterogener, räumlich beschränkterer Sportkulturen. Die Analyse dieser Bedeutungs- und Sinnangebote steht im Zentrum des Sammelbandes „Medienkulturen des Sports“. Der Publikation liegt ein breit gefasster Medienbegriff zu Grunde, der Medien nicht nur rein technisch als Kommunikationsmittel versteht, sondern viel mehr auch als kulturelle Praktiken, die von Subjekten benutzt werden, um Information an etwas zu richten, das nicht sie selbst sind. Die doppelte Medialität des Sports als mediales Produkt und mediale Ausdrucksform stellt den roten Faden dar, der sich durch den Sammelband zieht: Vom Rennpferd der italienischen Renaissance, über die Entblößung des eigenen Selbst im Sport bis hin zu dem medialisierten Gewaltregime der Moderne im Boxsport werden unterschiedliche Ebenen des Mediums Sport untersucht.

Zum Vortragenden:
Martin Tschiggerl ist Praedoc-Universitätsassistent für (vergleichende) Mediengeschichte und Wissenschaftstheorie am Institut für Geschichte der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Kulturgeschichte, Medien- und Wissenschaftstheorie, sowie die Populärkultur des 20. und 21. Jahrhunderts. 2016 gewann er gemeinsam mit Thomas Walach den Lehrpreis der Universität Wien 2016 (UNIVIE Teaching Award für ausgezeichnete Lehre) für die Lehrveranstaltung: „Populäre Geschichtsbilder von ‚De bello Gallico‘ bis ‚Assassins Creed‘“.

 

21. Juni 2017

Janine Maegraith (Cambridge): Vermögen der Unvermögenden? Strategien bei ungleichen Besitzverteilungen im südlichen Tirol des 16. Jahrhunderts

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit in Kooperation mit Geschichte am Mittwoch

Moderation: Anton Tantner

Abstract:
Die Analyse ungleicher Besitzverteilung und ihrer historischen Ursachen ist nach wie vor äußerst relevant. In einer Pilotuntersuchung über Witwenverträge im südlichen Tirol hat sich gezeigt, dass in Bezug auf Landbesitz ein großes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bestand, das seine Ursache in mehreren Aspekten hatte: Erbpraxis, Gütertrennung, Geschlecht, Vermögen und Verwandtschaft. Doch dieses Ungleichgewicht war nicht auf Frauen begrenzt; es betraf all jene, die keinen Anteil an den privilegierten Vermögenstransfers hatten. Ausgehend vom Gerichtsbezirk Sonnenburg im Pustertal im südlichen Tirol werden zwei Perspektiven auf das Ungleichgewicht in der Besitzstruktur gerichtet: zum einen lebten im ländlichen Bereich, in dem Haus- und Landbesitz eine wichtige ökonomische Grundlage bedeutete, nicht nur Bauern mit Hofbesitz, sondern auch Handwerker, Tagelöhner, Dienstleute und Witwen. Diese besaßen mitunter ein Seldenhaus, einen Hausanteil oder waren „Eingehäuste“. Zum anderen waren laut Tiroler Landesordnung unehelich geborene Kinder aus den erblichen Vermögenstransfers ausgeschlossen. Trotzdem finden sich Testamente ihrer Eltern, die ihnen einen Teil ihres Vermögens vermachen wollten. Beide Perspektiven eröffnen Einblicke in ökonomische Nischen und zeigen mögliche Strategien in einer scheinbar statischen Ökonomie.

Zur Vortragenden:
Janine Maegraith ist Projektmitarbeiterin im FWF-Projekt „Vermögen als Medium der Herstellung von Verwandtschaftsräumen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert” (P29394-G28), unter der Leitung von PD Mag. Dr. Margareth Lanzinger. Sie wohnt in Cambridge und ist Affiliated Lecturer und Director of Studies für Geschichte, Newnham College, Cambridge.