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Der Erste Weltkrieg in Nachlässen von Frauen Nr. 86: Feldpost von Christl Lang und Leopold Wolf, 13. bis 23. Oktober 1916, Wien und ein unbekannter Ort an der Front an der italienischen Riviera

1916 10 13Der Architekt Leopold Wolf (geb. 1891) war im Oktober 1916 nach seinem Urlaub in Wien an die Front in Italien zurückgekehrt, wo er als Leutnant in einer Mörserbatterie stationiert war. Seine Verlobten Christl Lang (geb. 1891) beschrieb in ihren ausführlichen Briefen das Reden über einen „Sonderfrieden mit Russland“, das Attentat auf Karl Graf Stürgkh und Hungersnöte, gab aber an, selbst gut versorgt zu sein. Sie schilderte ihre Arbeiten im Haushalt und im Geschäft der Eltern, die Freizeitbeschäftigungen und die Kontakte mit ihrer und der Familie des Verlobten wobei sie von kleine Kindern berichtete, die patriotische Lieder vorführten. Sie erkundigt sich detailliert nach den Tätigkeiten des Verlobten bei Kampfhandlungen und und nach Gegebenheiten in der Kompanie, beschrieb ihre Strategien, die Trennung auszuhalten und erinnerte an gemeinsame Erlebnisse. Ein in dieser Korrespondenz ständig präsentes Thema ist der Erhalt von bzw. das Warten auf Poststücke.

Feldpostkorrespondenzkarte, Leopold Wolf an Christl Lang

13.10.16.
Liebste Christl!
Heute habe ich das erstemal ordentlich schlafen können; nachdem ich schon seit der Abfahrt nicht recht aus den Kleidern kam war mir das natürlich eine besondere Wohltat. Mit Wasser ists hier ein besonderes Gefrett [Schwierigkeit]. Wir bekommen zwar genügend Sauerwasser und auch Wein aber die Mannschaft kriegts nur knapp bemessen. Wie das sein wird mit dem Wäsche waschen weiß ich noch nicht. „Ansonsten“ ists herrlich hier. Die Katzelmacher [Italiener/innen] machen sich zwar manchmal recht unangenehm bemerkbar, aber hoffentlich bleibts so und wird nicht ärger. Geschlafen habe ich einmal in einer Doline [Bodensenke in Karstgebieten], sonst heute in einem Dorf rückwärts. Man kann ganz gut noch draußen kampieren. Tagsüber ist es so warm, daß ich froh bin die Sommerbluse zu haben, die hellen Mondnächte sind etwas kühl. Auch heute schlafe ich draußen, weil ich Batteriedienst habe. Von nun an haben wir geregelten Dienst, so daß wir jeden zweiten Tag frei sind. Da werde ich einmal ins Meer baden gehen, vor allem aber einmal einen langen Brief schmieden. Viele herzliche Grüße und tausend Küsse Dein
Poldi.
Handküsse zu Hause.

Briefe von Christl Lang an Leopold Wolf

Wien, 18. Okt. 1916.
Liebster Poldi!
Habe heute Deine Karte vom 15. ds. erhalten, ich freute mich schon so auf einen Brief, einstweilen sinds wieder nur ein paar Zeilen; immerhin danke ich Dir herzlichst für die Karte, woraus ich erseh, daß es Dir erträglich geht, was mich wieder sehr beruhigt. Seit Samstag machte ich mir allerlei Gedanken ich hatte einen so merkwürdigen Traum, einen Spiegel hab ich auch zerbrochen, am Sonntag nämlich. Du wirst mich abergläubisches Ding gewiß auslachen, aber es ist schon so.
Es scheint eine Menge Post in Verlust zu geraten, 1. diesen Brief, durch einen Inft. Lt. befördert, habe ich nie erhalten, leider, Deine Fp. N. habe ich erst am 16. ds. früh erfahren und habe sofort die 2 für Dich bereit gelegenen Briefe auf die Post gebracht. Heute wirst Du sie ja schon haben.
Auch wir hatten herrliche Herbsttage und daß es dort unten angesichts des blauen Meeres erst recht schön sein muß, begreif ich gern. Also ein galizischer Winter wirds auf keinen Fall, nun schon ein Übel weniger, wenn nur alles Anders auch darnach gestimmt wäre, daß Du den Winter leicht übertauchst. Wie wir das zustande bringen wissen wir alle noch nicht. Dein Kamerad Oblt. N. hat meiner Mama, anlässlich der Probefahrt nach Inzersdorf [Gemeinde in der Nähe von Wien] o. wie das Nest geheißen hat, einen Floh ins Ohr gesetzt, indem er ihr schilderte wie in Montenegro die Menschen vor Hungersnot auf den Straßen gestorben sind. Mama sieht sich schon jetzt alle Tage sterben und prophezeit uns allen diesen wenig angenehmen Tod. Vorläufig sind wir aber noch die reinsten Schlemmer, so z. B. gestern. Es kam mir vor, als hätte ich zumindest meinen Geburtstag! Höre Erbsensuppe, eingemachtes Gansl, mit Rotkraut und Kartoffel, und ein knuspriges Pipihendi [Huhn], – […] […] mit grünem und Tomatensalat. Letzteren, nämlich den Pipi, mußte ich ganz allein die Ehr antun, es war ein Geschenk Deiner Mutter. Sie wollte mirs schon zu Ostern als Kücklein geben aber was hätt ich damals damit angefangen? Ich hätt es höchstens dem „Hansi“ zur Gesellschaft geben können, ob der aber mit dieser „Mesalliance“ einverstanden gewesen wer, fragt sich. Zur Zeit beliebt er grad zu mausen und wann und wie es ihm beliebt entfernt er alles aus seinem Bereich. Mein Nachtkastl o. mein Tisch dünkt ihm grad gut genug als Ablagerungstelle. Aber natürlich als Papas Günstling wird ihm kein Haar gekrümmt, und /ist/ auch meine Nachtkastln hin, das macht nichts, nur S. Majestät dem „Hansi“ darf kein Haar gekrümmt werden.
Unlängst war wieder großer Einsiedetag, ein Riesenkorb mit Zwetschken, an die 50 kg mindestens, und ein Korb Äpfeln kam an uns gesandt vom Böhmerland. Wie vergaßen aber ganz unsere patriotischen Gefühle und das Küchenreich erfüllte sich 3 Tage lang vom süssen Duft des Zwetschkenrösters. Ein Glück, daß Du nicht da warst, sonst wärst du beim „Kasten“ gleich untergegangen in diesem Zwetschkenmeer, wie ich Dich kenn als „Schleckermäulchen“ rettungslos verloren gewesen: Und mein Röster dazu, der solche Fremdkörper nicht verträgt!
Was sagt der Anton zu der neuen Mode, gefällts ihm, hat er seine Spangen schon vergessen.
Was macht Dein „Wachmann-Hauptmann“? Ruht er sanft? Dann machs Kreuz drüber.
Ich hab noch immer Hausarrest, heut hab ich als Küchenfee sogar gestreikt, oh da ist’s drunter und drüber gegangen, ich kann mir was einbilden als „Stütze des Hauhaltes.“ Das geht nicht so weiter muß doch morgen wieder selber die Zügel in die Hand nehmen.
Fast den ganzen Nachmittag hatte ich Besuch, meine Klavierlehrerin leistete mir Gesellschaft, spielen konnt ich nicht und so haben wir halt von allem Möglichen und Unmöglichen geplaudert, lieber wär ich aber allein gewesen, denn trotz meines abscheulichen Kopfwehs brannte ich darauf Shakespeare zu lesen, ich habe schon begonnen, erheiternd ist die Lektüre gerade nicht, aber man fühlt sich fast in ein Märchenland versetzt, nach überstandenen Gefahren, und harten Prüfungen geht alles gut aus.
Ich dacht an uns zwei, und hoffe und wünsche mir auch daß zum Schluß Alles in eitel Wonne und Jubel aufgeht, so wie in Shakespeare’s Fantasieland. Nun aber lebwohl mein liebster Poldi, schreib mir recht fleißig so wie ich Dir.
Heute sinds gerade 14 Tage, daß Du fort bis und ich hab noch nichts als ein paar karge Karten. Sei umarmt und 1000 mal geküsst von Deiner Christl

Wien, 21. 10. 1916.
Liebster Poldi!
Kannst Du Dich erinnern an den Tag als unser Thronfolgerpaar ermordet wurde? [28. Juni 1914 in Sarajevo] So ähnlich ergings mir heute wieder, als Mama mir heute die Mitteilung von dem Morde des Grafen Stürgkh machte [Karl Graf Stürgkh war von 1911 bis 1916 k. k. Ministerpräsident. Im Oktober 1916 wurde er von einem sozialdemokratischen Politiker ermordet]. Ob er das verdient hat oder nicht kann ich nicht beurteilen und nach dem was die Anderen sagen scheint es kein so unangenehmer Verlust für unsere Politik bedeutet. Aber, Schmach bleibt Schmach, was wird diese Tat im Ausland und besonders bei unseren Feinden für einen Eindruck hervorrufen. Einen guten bestimmt nicht.
Man wird von einem zerrütteten Staatswesen und dergleichen mehr reden, was Wasser auf ihre Mühle ist. Wenn Graf St. schon nicht so für das Wohl seines Landes u. seines Volkes bedacht war als er es hätte sein sollen, so hätten sie ihn stürzen sollen, noch bevor so ein Unglück heraufbeschworen wird. Ich als Laie weiß, daß St. was war /ich/ was ich nicht sagen darf und wodurch er sich viele Feinde zugezogen hat, aber hätte es da kein anderes Mittel gegeben, als ihn ganz einfach wie einen tollen Hund niederzuschießen. Hat niemand gemerkt was für eine Stimmung ist und wer sie macht? Wo blieb unsere Kultur und Civilisation, der wir uns rühmen?
Im Frankreich, England, Russland, die höchsten Spitzen sind Verbrecher, an ihren eigenen und andern Völkern. Man hält unsere Feinde für degeneriert und wild, kulturlos und trotzdem sie mehr als wer anderer berechtigt wären sich von ihren Peinigern zu befreien, warum geschieht einem Grey [britischer Außenminister], einem Brussilov [russischer General], o. Venizelos [griechischer Premierminister] nichts, letzerem der eine ganze Nation ins Unglück stürzt? Ausgerechnet in Österreich muß derartiges passieren. Wenngleich es die Tat eines einzelnen Fanatikers, eines halbwahnsinnigen ist, bleibt es doch eine Schande für uns. Wenn die Willkür so weiterschreitet, die Erbitterung ist groß, so haben wir eher Revolution als die Anderen.
Ich glaube wir sind durch dieses Ereignis an einen Wendepunkt angekommen, der bedeutend für uns ist, hoffentlich aber zum Besseren. Ich hatte auch damals im Jahre 14 das Gefühl vom Anfang eines großen Unglücks, und ich bin auch heute überzeugt daß eine große Umwälzung bevorsteht und das ist’s was mich so aufregt. Vielleicht aber schlägt’s diesmal zum Guten aus. Das Rad ist nun ins Rollen gekommen, nun rollt es zu, wohin, das wissen wir leider nicht.
Denk Dir Frau Dr. H. was gestern und heute mit ihren Mann bei uns da einen Hut kaufen [Die Eltern von Christl lang führten einen Hutsalon]. Er war doch in russ. Gefangenschaft und wurde trotzdem er ganz heil ist ausgetauscht, weil er Arzt ist.
Sie wollte mich gerne kennen lernen, per Telefon haben wir ja schon öfters gesprochen, aber ich war weder gestern noch heute unten, und muß mir das Vergnügen für ein andermal aufheben. Ihr Mann kam ganz unvermutet, sie hatte keine Ahnung und ist nun sehr glücklich. Sie kaufte sich einen Hut. Bei der Gelegenheit hat sie ein Loblied nach dem Anderen auf Dich gesungen. Werd mir aber deswegen nicht zu eitel, wenn ich Dirs auch sag. Du weißt ich sag Dir’s gerne, und freue mich riesig, ja bin unsagbar stolz wenn ich hör was für ein gutes, braves Mannerl ich krieg. Oh ich freu mich auch schon ganz gewaltig drauf.
Weißt Du was ich heute in meiner Desparation [Verzweiflung] gemacht hab? Ich holte mir den erstbesten Brief von Dir heraus und las in andächtig durch, er was auch so andächtig geschrieben, es war der vom 24. Juli. Schöne Bilder sind mir während dem Lesen des Briefes im Geiste aufgestiegen, und die seligen Erinnerungen an schöne süsse Stunden haben mir halbwegs über die Enttäuschung, daß ich wieder nichts [keine Post] bekommen hab, hinweg geholfen, natürlich ist das nur für kurze Zeit, und morgen früh harre ich nur noch mit gesteigerter Ungeduld des Briefträgers.

Hoffnungen mache ich mir fast gar keine, denn morgen ist ja Samstag und Sonntag ist für mich die Feldpost von jeher gesperrt. So lang Krieg ist, habe ich noch nie an einem Sonntag etwas bekommen. Ich glaub daher kaum, daß morgen eine Ausnahme ist.
Wenn die Post morgen d.h. das Postamt offen ist so geht eine kleine Mustersendung an Dich ab. Eingepackt hab ich sie schon, wenn nicht morgen, dann übermorgen bestimmt. Wenn es etwa auf der Reise zu altbacken wird, dann tauchs in Wein, oder Tee ein, da ist’s famos. Vergiß nicht mir wegen des Tee’s zu schreiben.
22.10.1916.
Also richtig wieder nichts gekommen heute. Jetzt kommt mir aber eine Idee. Schreib doch dem Hans [Bruder von Leopold Wolf, der ebenfalls als Soldat eingerückt und in der Nähe stationiert war], er kommt noch diesen Monat auf Urlaub und kann uns dann Neuigkeiten von Dir bringen. Ich glaube von Front zu Front wird ja die Post doch gehen. Ich schließe nun indem ich Dich nochmals ermahne sei vorsichtig und gib acht auf Dich.
Viele viele heiße Bussi von Deiner
Tini

Wien, 23. 10. 1916.
Liebster Poldi!
Es tut mir leid, daß meine Post nicht Deinen Wünschen nachkommt, trotzdem ich, seit ich Deine Fp N. [Feldpostnummer] weiß, sehr fleißig schreibe. Du tust aber, wie wenn ich das bloß alle heiligen Zeiten tun würde. In einer Deiner heutigen Karten, wofür ich Dir recht herzlich danke, heißt es „seit 17. keine Nachricht von Dir“, am 21. hast Du das geschrieben, sind also bloß 3 Tage, das klingt so vorwurfsvoll. Was soll da ich sagen, ich hab sehr oft viel länger nichts, und Grund sehr viel Grund eine Nachricht von Dir herbeizusehnen. Na ich hoffe aber, daß Du einstweilen doch schon befriedigt worden bist. Ich schrieb Dir ja ellenlange Briefe und wäre sehr froh, wenn sie Dir Abwechslung böten, von Deiner schauderhaften Beschäftigung. Die wird wohl bei Euch jetzt nicht ausgehen, solang ihr nicht alles hergerichtet habt, Quartier gebaut u.s.w. dann wirds wieder heißen „Auf, in den Kampf.“ Ja so ist nun einmal das Leben von heutzutage. Wenn Du nur wenigstens unter den schlechten Witterungsverhältnissen nicht zu leiden hättest. So kalt wie bei uns wirds doch nicht sein.
Wir heizen schon den ganzen Tag, aber wollig ist’s schon, wenn man bei diesem scheußlichen Wetter einen Ofen, hauptsächlich einen geheizten, hat.
Ich seh Dich im Geist dort unten bei Deiner Batt.[Batterie] von einem End zum Andern hin u. her rennen, schießen, bauen, beobachten und was sonst noch Alles zu tun ist bei diesem Werkel, oh Verzeihung wenn ich mit so wenig Respekt von Euerm Geschütz spreche! Hauptsache scheint auch zu sein auf seinen Kopf achtzugeben, nicht? Ich hab Dir’s gleich gesagt, wie Du von T. sprachst, da wirst Du häufig Besuch kriegen. Foppt sie nur alle recht, damit sie Euch nicht erwischen?
Wie ist Dein Dienst? Und wie das Einvernehmen zwischen Hptm. und Deinen Kameraden? Ich hab so viele Fragen, auf die ich wohl kaum eine Antwort kriegen werde, wenn schon dann weiß Gott wann. Wie lange gehen meine Briefe hinunter?
Herauf läuft die Post 3 Tage, d.h. Deine Karte vom 21. ds. habe ich heute am 23 ds. bekommen. Einzelnes scheint aber doch nicht anzukommen, z.B. D ich erhielt eine Karte von Dir, die war mit Nr. 3 versehen, es war aber tatsächlich nur die 2. Der Brief vom Leutnant H. ist auch nicht gekommen, da dürfte allerdings wer Anderer schuld sein als die Post.
Und ich kann Dir nur wiederholen, daß ich mich besonders ärgere, den nicht erhalten zu haben. Vielleicht bietet sich aber bald wieder Gelegenheit, daß /Du/ jemanden belasten kannst, nicht? Ich wäre sehr froh! Sag mir liebster Poldi, bewirbst Du Dich wirklich wieder um den Beobachtungstand (:Hoffentlich ist der:) Das soll nicht heißen, daß ich Dich abhalten will, wenn Du es für gut findest, so bin ich’s auch zufrieden.
Du scheinst dort unten wieder in ganz neue Verhältnisse gekommen zu sein; nach dem Inhalt Deiner Karten zu schließen. Denkt man unsererseits an eine Offensive, ich glaub kaum, man ist froh, wenn man die des Feindes glücklich übersteht.
In Wien munkelt man sehr bedeutsam über einen Sonderfrieden mit Russland. Also, daran ist auch bestimmt was an diesem Gerücht, aber mir scheint nicht viel. Es scheitert halt immer wieder an unserem Anhängsel (:Türkei:) wie man sagt.
Heute früh hab ich das 1. Pakerl an Dich abgeschickt, laß Dir den Inhalt gut schmecken. Gestern hab ich ein bissl die Nase an die Luft gesteckt, es hat mir aber gar nicht gefallen.
Nachmittag hab ich mit Deinen Eltern telefonisch gesprochen ich wollte, daß die Mutter hereinkommt, aber die Mutter wollte nicht, ich kann mich schon kaum mehr erinnern wann die Mutter das Letztemal bei uns war, ich glaube zu Ostern. Heute o. morgen will die Mutter hereinkommen, ich soll sie begleiten um ein paar Blousen zu kaufen, wenn nicht wieder verschoben wird. Mama ging ein bissl am Ring spazieren mit Tante Marie u. Papa u. Onkel Franz spielten unermüdlich Piqué [Kartenspiel], ich Klavier, ich hab seit Du fort warst keine Taste angerührt, ich war so entwöhnt, daß es mir bei den ersten Akkorden ganz seltsam aber doch wunderschön vorkam. Das Klingen u. Tönen war mir wie ein Erwachen zum Leben, und ich hab mich selber gefragt, wie hast Du das nur mehr als 14 Tage vermissen können? Ich hab mich dafür entschädigt und bis 1/4 7h abends gespielt bis Louise [Ehefrau des Cousins von Leopold Wolf, siehe dazu die Korrespondenz des Ehepaares Müller] mit den Kindern kam, die übrigens wirklich reizende Fratzen sind abgesehen von ihrer zu derben Sprache, die sich von Tag zu Tag mehr entwickelt statt vermindert. Gottfried, der Jüngere hat Vaters Talent geerbt, der noch nicht ganz 3 jährige Knirps singt alle patriotischen und sonst für dieses Alter geläufigen Gesänge fehlerlos. Mit wahrer Begeisterung, deren mancher großer Jüngling nicht fähig ist sang er die „Wacht am Rhein“ „Lieb Vaterrand magst ruhig sein“ etc. Das „L“ kommt in seinem Alphabet nicht vor und wir mußten uns mit dem „Vaterrand“ begnügen. Er ersetzt unfehlbar jedes l durch ein r das ist köstlich wenn er sagt er hat einen Schraf! Otto [der ältere Sohn der Cousine] wieder wird nocheinmal bedauern seine Stimme so belastet zu haben, der brüllt für 3 drauf los. Kannst Dir vorstellen was das für ein Theater gestern war. Sie sind aber schon um 9h nach Hause gegangen und dann ist der Spielteufel wieder zu seinem Recht gekommen. Ich hab, höre und staune, Patiencen, gelegt [Kartenspiel], zum Schluß hab ich die Karten wütend davon gehaut, denn 6 Patiencen gingen nicht aus, und ich hab mir krampfhaft dabei gedacht ob ich morgen eine Post von Dir bekomme. Da muß man doch endlich die Geduld verlieren, es ist nur ein Glück, daß das Orakel nicht immer wahr ist, sonst hätt ich heute Deine Karten nicht gekriegt. Sobald rühr ich aber keine Karten mehr an.
Nun schließ ich liebster Poldi, und hoffe, daß Dich mein Brief bei bester Gesundheit antrifft.
Mama, Papa, Onkel Franz, Tante Marie lassen Dich recht herzl. Grüßen,
Ich umarm u. küss Dich innigst als Dein Fratzerl
NB. Meine Briefe u. Karten sind alle im Eck oben links mit der laufenden Nummer versehen zur Kontrolle. Es wäre sehr gut, wenn du das auch regelmäßig machen würdest.

Sammlung Frauennachlässe NL 14 I

Nächster Eintrag aus der Korrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf in den kommenden Monaten
Voriger Eintrag aus der Korrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf am 13. Mai 1915

Die Verwendung der Namen der Schreiber/innen und ihrer Familien folgt den vertraglichen Vereinbarungen der Sammlung Frauennachlässe mit den Übergeber/innen. In den Dokumenten genannte Namen dritter Personen werden aus Datenschutzgründen anonymisiert.

  • Zur Feldpostkorrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf siehe auch: Christa Hämmerle: Schau, daß Du fort kommst! Feldpostbriefe eines Ehepaares. In: Christa Hämmerle: Heimat/Front. Geschlechtergeschichte/n des Ersten Weltkriegs in Österreich-Ungarn, Wien/Köln/Weimar, S 55-83.

Das verlobte Paar war eng verwandt mit Louise und Adolf Müller, SFN NL 14 III.

Zitation dieses Beitrages: Der Erste Weltkrieg in Selbstzeugnissen – Auszüge aus Beständen der Sammlung Frauennachlässe Nr. 86, Korrespondenz von Christine Lang und Leopold Wolf, Datum, SFN NL 14 I, unter: URL

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