Zur Tonologie

Tonologie ist teil der lautlichen Komponente von Sprache und daher eng mit der Phonologie verwandt. Nicht alle, aber weitaus die meisten Sprachen der Welt verwenden Ton, obwohl alle Sprachen tönen. Was ist der Unterschied?: Tonsprachen sind solche Sprachen, die zumindest in einem Teil ihres Wortschatzes Tonhöhen zur Unterscheidung von Sinneinheiten verwenden.

Tonhöhen und Laute

Tonhöhe ist der Ton, der der grundlegenden Frequenz eines Lautes bildet. Bei der Analyse von Lauten können unterschiedliche Frequenzen unterschieden werden. Die erste dieser Frequenzen wird als F0 bezeichnet. (Vgl Praat, Analyse von Äusserungen und Wikipedia und Larynx)

Diese Frequenz ist im wesentlich abhängig von der Spannung der Stimmbänder. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Stimmlose Konsonanten sind dadurch charakterisiert, dass die Stimmbänder geschlossen sind und daher nicht schwingen. Sie sind eher steif und unbeweglich, bewegen sie sich doch, dann schwingen sie schneller, der resultierende Ton wird höher. Sind dagegen stimmhafte Konsonanten involviert, dann sind die Stimmbänder locker, sie können schwingen und der resultierende Ton wird tiefer.
Nach Moira Yip, Tone, Cambridge, 2002 findet sich im Songjiang (ein chinesischer Dialekt): (die Zahlen geben die Tonhöhe an 1 tief - 5 hoch)
ti 53 "tief"di 31 "heben"
ti 44 "Unterseite"di 22 "jüngerer Bruder"
ti 35 "Kaiser"di 13 "Feld"

Dies trifft etwa auch auf das Ewe zu in dem stimmhafte Konsonanten tieftonig sind, während nicht stimmhaft Konsonanten andere Töne bilden helfen. Diejenigen Konsonanten, zumeist stimmlose, die den benachbarten Ton erniedrigen werden depressor consonants genannt.

Tonhöhen sind, wie dargestellt, nicht vollständig unabhängig von den Lauten, die in der Umgebung von Tontragenden Einheiten vorkommen. Ein wesentlicher anatomischer Bestandteil des lautproduzierenden Apparates ist der Larynx, seine Bewegungen vergrössern oder verkleinern den Rachenraum. Dieser Raum wird Pharynx genannt. Unterschieden werden 3 Orte: Nasopharynx, Oropharynx und Laryngopharynx; letzterer ist für uns von Interesse (vgl Skizze in [Skizze zu den Larynxbereichen]. Wird nun dieser Raum verändert, dann ist damit auch der Larnyx betroffen und damit u.U. auch die Tonhöhe der artikulierten Laute. Dies kann nun geschehen wenn die Zunge "nach vorne" bewegt wird, wie es etwa bei den vorderen Vokalen [i], [e], ... geschieht. Die Zungenwurzel wird nach vorne bewegt wodurch das gesamte System in eine höhere Spannung versetzt wird. Höhere Spannung betrifft auch die Stimmbänder und diese werden steifer, dadurch wird dann der resultierende Ton höher. Umgekehrt ist es, wenn die Zungenwurzel nicht nach vorne bewegt wird, die Region wird entspannt, die Stimmbänder können freier, loser schwingen und der resultierende Ton ist tiefer. Die nach vorne bewegte Zungenwurzel wird auf Englisch advanced tongue root genannt, die entsprechende internationale Abkürzung ist ATR, das Gegenstück RTR ist die retracted tongue root. Manche Sprachen machen davon deutlichen Gebrauch, hier können etwa die Vokale [e] mit einer +ATR oder -ATR ausgesprochen werden. Es handelt sich einfach um ein Merkmal des Lautes. In manchen Sprachen geht nun +ATR mit einem Tiefton Hand in Hand, während -ATR mit einem Hochton einhergeht.

+ATR-ATR
tiefhoch

Tonarten

Welche Elemente der Sprache tragen den Ton?: zumeist sind es die Vokale, die den Ton tragen. Es können aber auch bestimmte sonore Konsonanten, also "tönende" Konsonanten, Ton tragen. Dies sind vor allem [s,n,l,r]-artige Konsonanten.

Auf der nächsthöheren Ebene der Sprache sind es Silben, die den jeweiligen Ton tragen. Nach anderen Masstäben sind es die Morpheme, die den Ton tragen. Dieser Unterschied liegt in unterschiedlichen Betrachtungsweisen: Silbe verweist eher auf den perzeptiven, Morphem eher auch den produktiven Aspekt von Sprache.

Auf der Silbe oder dem Morphem liegt der Ton, dieser kann nun unterschiedliche Gestalt aufweisen:

  1. Register, level, der Ton bleibt auf der Tontragenden Einheit gleich
  2. Kontur, contour, der Ton verändert sich noch im Bereich der Tontragenden Einheit

Sprachen variieren hinsichtlich der verwendeten Töne ganz beträchtlich, jedoch ist die höchste Anzahl von Registertönen etwa 4, manche Sprachen werden beschrieben als mit 5 Registertönen ausgestattet. Unterschiede bei der "Auszählung" können sich durchaus ergeben, Töne sind nicht unabhängig sondern von einer Vielzahl von Faktoren bestimmt. Dies kann bei Sprachen von Forscherin zu Forscherin zu unterschiedlichen Ton-Anzahlen führen.

Konturtöne bestehen darin das der Ton innerhalb der Tontragenden Einheit steigt oder fällt oder - komplex - zuererst steigt und dann fällt oder zuerst fällt und dann steigt.

Tonogenesis

Wo kommen Töne her?, dies ist eine der interessantesten Fragen der Linguistik. Mehrere Möglichkeiten sind bekannt:

Wie oben erwähnt hängt die Tonhöhe in grossem Ausmass von der Aussprache der Laute, vor allem auch der Konsonanten ab. Stimmhafte Konsonanten führen zu tieferen Tönen, stimmlose Konsonanten zu höheren Tönen. Dies trifft vor allem auf Konsonanten am Wortbeginn zu.
Wie kommen die Töne dann ins Spiel?: Fallen diese Merkmale, stimmlos oder stimmhaft, aus irgendeinem Grund aus, dann bleibt der entsprechende Ton übrig und wird nun weiter als ein Merkmal verwendet.

Auch am Wort-, Silbenende können Konsonanten ausfallen. So kann ein ausfallender Frikativ zu einem Tiefton führen, ein ausfallender Glottalverschluss dagegen kann zu einem Hochton führen. Im ersten Fall ist die Spannung in den Stimmbändern locker, daher der tiefe Ton, im zweiten Fall ist die Spannung beträchtlich höher, die Stimmbänder steifer und daher der Ton höher.

Diese Theorie wird nun um einen Aspekt erweitert: neben den Merkmalen [stimmhaft] und [stimmlos] verwenden viele Sprachen noch weitere Aussprachemöglichkeiten - vor allem für Vokale - als Merkmale. Dies sind vor allem zwei Merkmale, die uns als Aussprachemöglichkeiten auch bekannt sind:

  1. Creaky voice entsteht wenn die Stimmbänder fest zusammengepresst sind, dann werden sie nachgiebig und kompakt und vibrieren auf einer sehr tiefen Frequenz. Der Luftstrom ist langsam.
    Fällt ein solcher Laut aus, dann kann ein tiefer Ton verbleiben. Die Sprache wird dann u.U., wie oben, dieses Merkmal neu in ihr Inventar aufnehmen.
  2. Breathy voice auch Murmeln entsteht dann, wenn die Stimmbänder wie bei stimmhaft gestellt sind, jedoch ein wenig weiter voneinander entfernt sind. Nun kann mehr Luft zwischen ihnen durchstreichen und ein charakteristisches Geräusch entsteht. Versuch: [h] mit starkem Luftstrom auszusprechen oder einfach zu flüstern.
    Hat nun ein Laut eine gewisse breathiness dann kann nach seinem Ausfall ein tieferer Ton verbleiben.

Neben diesen Merkmalen können aber auch noch andere Merkmale zu Tonentstehung bzw. Tonveränderung beitragen. Zwei Ursachen, deren Auswirkungen aber noch nicht ganz verstanden sind, sind:

  1. Aspiration von
    1. stimmlosen Konsonanten erhöht den Tonverlauf, noch über den Ton, den ein stimmloser Konsonant ermöglicht
    2. stimmhaften Konsonanten erniedrigt den folgenden Ton noch über das zu erwartende Mass (stimmhafter Konsonanten).vgl.:
      bɦukh -> pukh 24 (mE ist das Quadrat noch zu klären, jedenfalls ist es ein h vd glottal fricative lt. IPA)
  2. Glottalisierung wirkt sich unterschiedlich aus.

Ein Beispiel verdeutlicht diese Genesistheorie: (nach Yip op.cit. (35)): Wenn in einer Gruppe von nicht-Tonsprachen ein Kontrast [stimmlos] geg. [stimmhaft] wie in [ta] und [da] gemacht wird und es gibt eine Tonsprache, die zu dieser Gruppe gehört, die in denselben Lexemen einen tonalen Kontrast [tá] geg. [tà] zeigt, dann können wir annehmen, dass dieser Kontrast aus dem Wegfall des Merkmales [+stimmhaft] des Konsonanten entstanden ist.

Dieses Beispiel illustriert nach dem oben zitierten, dass eine der bekanntesten Quellen für Töne eben der Wegfall der Unterscheidung [stimmhaft] geg. [stimmlos] bei Plosiven etc. ist. Dies kann sich in beide Richtungen auswirken, aus stimmhaften Konsonanten entstehen tiefere Töne aus stimmlose höhere.

So im Kammu (vgl.: Svantesson 1983) einer Mon-Khmer Sprache in Kambodscha. Östliche Dialekte verwenden einen Gegensatz [stimmhaft] geg. [stimlos] wie in:
ost Kammunord KammuÜbers.
glaaŋklàaŋStein
klaaŋkláaŋAdler
taaŋtáaŋPacken
daaŋtàaŋEidechse

Beschreibungssystem für Töne

Ein Beschreibunssystem für Töne soll die "Realität" einfangen einerseits, andererseits aber gibt es die Merkmale vor, die beschrieben werden sollen. Was also soll beschrieben werden?
Unter anderem ist vorstellbar, dass beschrieben werden soll:

  1. Anzahl der Register-Töne in Form von Merkmalen/Eigenschaften
  2. Kontur-Töne
  3. Kontur Kontrasten
  4. Tonologische Prozesse
  5. Verbindung zwischen laryngalen und tonalen Merkmalen/Eigenschaften

ad a)

Die Datenlage der bisher untersuchten Sprachen der Welt lässt durchschnittlich vier Registertöne in einer Tonsprache erwarten.

D.h. vier Möglichkeiten der Beschreibung sollen/müssen realiserbar sein. In der Linguistik hat sich seit längerem eine binäre Beschreibung durchgesetzt. Binäre Beschreibung bedeutet, dass eine Eigenschaft entweder da sein oder nicht da sein kann.

Ein Beispiel aus der Beschreibung von Vokalen:
Vokale sind vor allem durch die Stellung der Zunge definiert, dabei kann die Zunge eine hohe, mittlere oder eine tiefe Lage einnehmen. Um dies in einem binären System beschreiben zu können verwenden wir die Eigenschaften [+/- hoch] und [+/-tief].

Hohe Vokale[+hoch][-tief]
Mittlere Vokale[-hoch][-tief]
Tiefe Vokale[-hoch][-tief]
nicht möglich[+hoch][+tief]

Wie zu sehen ist, können mit zwei Merkmalen/Eigenschaften mehr als zwei Objektarten beschrieben werden. ABER es gibt auch Merkmalskombinationen, die in der "Realität" sinnlos sind.

Da nun eben die Datenlage auf eine Mehrheit von Tonsprachen hinweist, die vier Töne hat, wäre es nun gut mindestens vier Töne in einem System beschreiben zu können. Wie oben zu sehen ist, können aber "nur" drei Lagen beschrieben werden. Tatsächlich wäre, übertrügen wir das obige System auf Töne auch eine Kombination von [+hoch][+tief] relativ sinnlos.

Dem kann abgeholfen werden, wenn eine Hierarchie der Merkmale/Eigenschaften angenommen wird.
Vgl.: M.Yip (1980a), The Tonal Phonology of Chinese, (1990), Garland Publishing, N.Y..
Wird angenommen, dass der Bereich der vier Töne unterteilt wird, wie die folgende Abbildung zum Register Modell zeigt:
+Upper+highextra hoch
-highhoch
-Upper+highmittel
-hightief

Dieses System trifft einige Annahmen, die es in den "natürlichen" Sprachen zu finden gilt:

Mehr als vier Registertöne?

Es gibt Sprachen, die mehr als vier Register aufweisen. Im vorliegenden System kann dies erreicht werden indem ein weiteres Merkmal der zu untersuchenden Sprache zur Beschreibung hinzugenommen wird. Analog zur oben bereits erwähnte [+/-ATR] sein, die bei Vokalen zur Geltung kommt.

[+high][+ATR]i
[-ATR]ɪ
[-high][-low][+ATR]e
[-ATR]offenes e
[+low] ae

Ähnlich wie im obigen System die Anzahl der Vokale erhöht wird, kann nun im tonalen System ein Merkmal hinzukommen, etwa [+/- Glottal], das aus einem tiefen Ton einen extra tiefen Ton macht.