Beschreibung des Methodischen Lernens

Methodisches Lernen

[ML] bedeutet situationskonzentriertes Lernen einer Sprache. Die Lernenden - in ML SprecherInnen genannt - erwerben die Zielsprache in Situationen, die den Erfordernissen ihres täglichen Lebens gleichen. Da sich diese Erfordernisse nur in den seltensten Fällen innerhalb einer Klasse, eines Hörsaales oder eines Sprachlabors zeigen, verlegt ML das Sprechen und die SprecherInnen an den Ort der Geschehnisse.

Die "normale" Konzeption des Fremdsprachenunterrichts, wie überhaupt von Unterricht, wird im Rahmen von speziellen Räumen realisiert. Dies trifft wohl besonders auf die Situation derjenigen Menschen zu, die Deutsch im Rahmen eines Kurses erlernen wollen. Sie finden sich in Kurs- bzw. Klassenzimmern fernab von ihren gewohnten Lebensräumen, aber auch fernab von Situationen, die sie in ihrer Lebenswelt zu bewältigen haben werden. Was sie lernen wird also sein: sich adäquat in einem Klassenzimmer zu bewegen und zu verhalten. Sie werden diejenigen Diskurse am ehesten einüben, die sie hier vorfinden.

Die Menschen sollen und wollen sich in Situationen zurechtfinden, die für sie wichtig und unter Umständen sogar lebenswichtig sind bzw. sein können. Dieser Problematik begegnet das Methodische Lernen dadurch, daß wichtige Teile des Kurses in Räumen stattfinden, die mit denjenigen Räumen identisch sind, in denen die entsprechenden Aktivitäten normalerweise stattfinden.

Konkret bedeutet dies, daß ML danach trachtet, Gast bei Behörden, Krankenkassen, Fahrschulen, Ärzten, Versicherungen, Banken - aber vor allem auch bei den verschiedensten Firmen zu sein. Hier finden die SprecherInnen, SprecherInnen und die Lehrenden den Kontext methodischer Praxis vor. Die Situation wird von allen TeilnehmerInnen gemeinsam gestaltet und für viele der Lernenden ist dies die erste Erfahrung, daß es in solchen Situationen einen Austausch im Sinne von Gegenseitigkeit geben kann.

Der ML-Kurs setzt ein Zeichen praktischer Integration, denn unter Beibehaltung der wesentlichen Eckpunkte des Curriculums werden die Kenntnisse in einer integrativen Umgebung erworben.

Methodisches Lernen beschränkt sich aber nicht auf den Unterricht im Sinne der vollen Integration in unsere Gesellschaft. ML wendet sich auch an SprecherInnen, die Deutsch lernen bzw. studieren, um unser Land und unsere Kultur kennenzulernen. Einerseits bieten wir ihnen die Möglichkeit Situationen des österreichischen Alltagslebens hautnah zu erleben. Hier können sie Kenntnisse erwerben, die in herkömmlichen Kursen kaum vermittelt werden.
ML bietet aber auch eine zweite Reihe von Kursen an, die sich stärker an künstlerisch-hulturellen Aktivitäten Österreichs orientieren. Dies findet vor allem im Rahmen von Sommerakademien statt, wo in Form von Intensivkursen besondere Aktivitäten zusätzlich angeboten werden.

Der Weg aus dem Kursraum hinaus hat vor allem zwei weitreichende Konsequenzen:

Das Verlassen der vertrauten Umgebung.

Zusammenarbeit mit Institutionen und Firmen.

Das Verlassen der vertrauten Umgebung führt zu einer veränderten Sichtweise der SprecherInnen, die in ungewohnter Umgebung agieren müssen. Diese Veränderung ist erwünscht, führt sie doch bei den SprecherInnen zu einer Intensivierung des Kommunikationserlebnisses und zu einem Bewußtwerden der eigenen Rolle.

Das Bewußtwerden der eigenen Rolle ist das Ergebnis eines Hinterfragens des eigenen Status. Solange die SprecherInnen sich im Kursraum befinden, sind sie die Lernenden mit definiertem Rollenverhalten. Außerhalb des Kursraums sind sie mit anderen Rollen assoziiert. Rollen, die es eher zulassen, daß sie ihre persönlichen Erfahrungen zum Ausdruck bringen. Genau darauf zielt ML ab. Die ganze Persönlichkeit der SprecherInnen soll eingebracht werden und zum Ausdruck kommen. Die SprecherInnen erfahren sich in der ungewohnten Situation und antworten auf deren Anforderungen als ganze Personen.

Natürlich funktioniert das nicht "einfach so". Wie gehen wir mit den Anforderungen, die die Umstellung mit sich bringt, um?
Vor allem treten wir gemeinsam auf. Wir, die SprecherInnen - das sind alle am Kurs Beteiligten - sind eine Gruppe, die sich eine Aufgabe gestellt hat und die diese Aufgabe gemeinsam durchführt.
Wir sind aber nicht alleine, sondern haben Leute um uns, die uns unterstützen, vor allem Menschen, mit denen wir in der jeweiligen Situation zusammentreffen, die uns Hilfestellung leisten. So ist z.B. schon der freundliche Empfang, der uns in der Situation gewährt wird, eine wesentliche Hilfe.

Was bedeutet "Situation" im ML-Kontext?

ML bietet verschiedene Situationen innerhalb entsprechender Themenkreise, die im Laufe des Kurses ausgewählt werden können.
Jeder Themenkreis wird im entsprechenden, u.U. auch öffentlichen Raum behandelt.
Beispielsweise ist ein Themenkreis die Wohnungseinrichtung, der in Einrichtungshäusern geübt wird. Ein weiterer der Bereich Verkehr, Verkehrsmittel, der in Fahrschulen oder in anderen Schulungseinrichtungen (Verkehrsgarten etc.) behandelt wird.

Ein explizites Anliegen von ML ist es daher, Beziehungen zu Institutionen und Firmen herzustellen, um einerseits die Aktivitäten durchführen zu können, andererseits um den SprecherInnen die Gelegenheit zu geben, diese - von innen - kennen zu lernen. So werden ihnen Firmenstrukturen sowie Entscheidungsprozeduren vertrauter. Schon die Planung einer ML-Aktivität stellt die SprecherInnen vor bestaunte Alternativen: "Wir können wirklich zu X gehen und dort lernen/üben?! Und die haben nichts dagegen?"
Die andere Richtung ist jedoch ebenso wichtig: MitarbeiterInnen verschiedener Institutionen und Firmen treffen Sprachlernende aus verschiedenen Ländern und Kontexten, um mit ihnen zu kommunizieren. Ein gemeinsames Projekt entsteht und zeigt die VeranstalterInnen und TeilnehmerInnen der ML-Aktivität in neuem Licht.

Überblick über den ML-Kurs

Die ML-Didaktik folgt in mancher Hinsicht dem Ansatz von Konstantin Stanislavsky, der das method acting in die Schauspielkunst einführte. Diese Methode beruht darauf, daß die SchauspielerInnen sich nicht auf stereotype Rollenklischees stützen, sondern aus ihrer eigenen Persönlichkeit und Erfahrung schöpfen, um die jeweiligen Rollen zu gestalten. Dies trifft auch auf das Konzept des ML zu: die SprecherInnen sind aufgefordert, ihre Erfahrungen und ihre Persönlichkeit in den Prozeß einzubringen. Das stereotype Rollenverhalten, insbesondere die Rollenaufteilung in LehrerIn und Lernende mit den dadurch beschränkten Redemöglichkeiten, wird vermieden. Das Ziel ist die Kommunikation in der Gruppe. Zwecke, Absichten werden artikuliert, Zustimmung und Ablehnung wird zum Ausdruck gebracht.

Eine weitere Quelle ist der Ansatz des total physical response (TPR), wie er von Asher (vgl.: Asher, James J. Learning another language through actions. Los Gatos, 1982.) entwickelt worden ist. Dabei geht es vor allem darum, die SprecherInnen von Beginn an durch Aktivitäten zu motivieren. Hören bildet den ersten Kontakt mit der Zielsprache. Gehörtes muß durch eine Aktion beantwortet werden, die zeigt, daß das Gehörte verstanden worden ist. Nach der Phase des Einhörens, die dem Konzept des natural approach von Krashen (vgl.: Krashen, Stephen D. und Tracy D. Terrell: The Natural Approach Language Acquisition in the Classroom. Prentice Hall International, Hemel Hempstead 1988.) entspricht, können die SprecherInnen bald eigene Äußerungen vorbringen.

Wo bleibt der Grammatikunterricht?

ML-Didaktik wechselt zwischen öffentlicher Arbeit und Arbeit im Hörsaal. Die öffentlichen Aktivitäten sind die wichtigen Bezugspunkte zum "Außerhalb", zum Kennenlernen und Einbinden der Realität. Sie stellen jedoch nicht das ausschließliche didaktische Mittel dar. Der Kernunterricht in der Klasse umfasst die Vorbereitung auf die Aktivitäten und die Einführung in die Grammatik