Francis J. Moloney, The Gospel of John - ein Janusgesicht
 
 

[Moloney, Francis J., The Gospel of John, Sacra Pagina Series 4, Collegeville 1998.]

Referat auf der Tagung der AG-ASS vom 28.-30.05.1999 in Marburg

von Manfred Lang, Halle

1. Vorbemerkungen

Die angelsächsische Johannes-Exegese war von jeher skeptisch gegenüber der ihres Erachtens inquisitorisch anmutenden von der Literarkritik herkommenden Kontinentalexegese. Diese Beobachtung braucht keinen langen forschungsgeschichtlichen Beleg aufzuführen. Am deutlichsten wird dieser Kontrast innerhalb der bedeutenden Kommentarreihe des "Kritisch-exegetischen Kommentars": Hatte Bultmann in der bekannten und klassisch zu nennenden Weise das JohEv nach den Grundsätzen u.a. der klassischen Literarkritik exegesiert, dann ging der direkte Nachfolger bereits eigene Wege: Charles Kingsley Barretts Johannesexegese unterscheidet sich bekanntermaßen in beinahe allen Punkten von der Bultmanns das Vorwort gibt hier nur in bescheidener Weise einen Einblick in diese Brisanz. Unlängst hat sich Francis J. Moloney, SDB, ebenfalls in diese Reihe der Johannesexegeten gestellt, die einerseits der englischsprachigen Tradition verpflichtet sind. Das spiegelt sich nicht nur in der Entscheidung wider, daß innerhalb der jüd. Tradition ein wichtiger religionsgeschichtlicher Hintergrund zu sehen ist, sondern auch darin, daß die literarkritische Schere kaum verwendet wird. Andererseits zeigt sich aber doch auch, daß ganz ohne Diachronie der Relief-Charakter eines Textes eben doch nicht erfaßbar ist. Auch Moloney sieht - soviel schon jetzt -, daß Texte eine so genannte Tiefenstruktur besitzen. Der Johanneskommentar von Moloney also ein Janusgesicht?! Meine Eindrücke mit diesem Buch will ich auszugsweise und beispielhaft vorstellen.

2. Die methodischen Prämissen

2.1. Zur Textualität des JohEv

Der Ausgangspunkt für Moloney ist, "to identify a strong narrative unity across the Fourth Gospel". Das heißt für ihn, daß nicht die Welt hinter dem Text, sondern die Welt vor dem Text relevant ist. Ein solches Verfahren ermöglicht es ihm, quasi als Horcher ("eavesdopper") den Text abzuhören. Er "spaziert" von Vers zu Vers und erhält so die Informationen, die sich im Lauf der Geschichte der joh. Gemeinde ansammelten und nun im jetzt auszulegenden Text niedergeschlagen haben. Grundlegend ist hierfür das bekannte Modell vom "impliziten Leser": Er ist in 19,35 und 20,31 jeweils angesprochen, wenn vom "ihr" die Rede ist. Aber der Leser ist zwar mit der Jesusgeschichte vertraut, die joh. Fassung dessen, was die Jesusgeschichte auszeichnet, ist ihm jedoch unklar. So ist ihm unklar, was mit den doppeldeutigen Ausdrücken wie "Stunde" (2,4; 7,30; 8,20; 12,23; 13,1; 17,1; 19,27), "Erhöhung" (3,14; 8,28; 12,32) und "Verherrlichung" (7,39; 12,16) gemeint ist; nur der implizite Leser weiß um diese Phänomene. Zwischen beiden Lesern, dem impliziten und dem realen, besteht eine Beziehung ganz unterschiedlicher Weise und Prägung. An dieser Schnittstelle kommt eine weitere texttheoretische Annahme ins Spiel, nämlich diejenige, die das JohEv als "Fiktion" verstehen will, freilich nicht in der Weise, wie etwa ein Geschichtenschreiber seine Erzählung produziert. Dagegen spricht nicht nur, daß das JohEv Teil eines literarischen Entwicklungsprozesses ist, sondern auch, daß die Person Jesus v. Nazareth am Beginn dieses historischen Prozesses steht und die sich daran anschließende Tradition diese Ereignisse zum Gegenstand nahm. Das heißt nun nichts anderes, als daß eine Wechselbeziehung zwischen diachroner Exegese (= Beginn bei Jesus v. Nazareth) und synchroner Kontextlektüre ("story-telling tradition") besteht. An die Seite dieser Überlegungen sollen auch noch autororientierte Beobachtungen gestellt werden. Der Autor ist nach der Einschätzung von Moloney in der Lage, durch den Prolog den Leser in die Geschichte einzuführen, da dort wichtige Informationen bereitgestellt werden, die für das Verständnis des JohEv von wesentlicher Bedeutung sind. Jedoch ist der Autor nicht vordringlich an Einzelheiten interessiert, die etwa beispielsweise die Person des Nikodemus oder die des Pilatus betreffen. Darüber hinaus zeigt sich der Autor in 19,35 und in 20,31 als authentischer Zeuge. Dabei wird gerade der abschließende Satz in 20,31 zum Programm, denn der Leser, der soeben das JohEv gelesen hat, wird zum Glauben gerufen. In diesem Prozeß kann es geschehen, daß die beabsichtigte Information nicht sachgemäß aufgenommen wird, sie wird mißverstanden. Ein solches Mißverstehen des Gemeinten tritt dann auf, wenn der implizite Leser in seiner Funktion nicht bedacht wird; positiv gewendet: Wir verstehen dann den Text sachgemäß, wenn wir im Tandem mit dem impliziten Leser durch das Evangelium fahren. Dabei ist zu beachten, daß uns der unbekannte reale Autor des JohEv als der intendierte Autor des JohEv begegnet und der implizite Leser im JohEv als der intendierte Leser des JohEv. Dies vorausgesetzt läßt folgende "Kurzgeschichte" der joh. Gemeinde vermuten:

2.2. Die daraus gewonnene Geschichte der joh. Gemeinde

Die joh. Christen entwickelt recht früh ein sehr selbständiges Verständnis von der Relevanz des jerus. Tempels, der transzendiert wird (4,20-24). Dieser jüd. Einfluß wird durch die hellenistische Bekenntnisformulierung zum König als dem Retter der Welt ergänzt. Diese Verbindung verschiedener Elemente nötigte dazu, die eigene theologische Position zu präzisieren - ein Blick auf Matthäus und Paulus zeigt analoge Verfahren: Ein Ergebnis sind die "Einheitsaussagen" sowie die "Ich-Bin-Worte". Diese anhand von Joh 4 angeregten Auseinandersetzungen fanden in dem in Kap. 9 beschriebenen Geschehen einen finalen Ausdruck, der sich in oi Ioudaioi auch sprachlich äußert. Diese große Auseinandersetzung die nach 70, die allerletzte und entscheidende Abkehr jedoch kurz nach 85, als die Synode von Jabne tagte. Damit verbindet sich auch die grundsätzliche Weiterentwicklung der Hoheitschristologie, die dafür verantwortlich ist, daß z.B. der sog. LJ über Petrus gestellt wird (13,21-26; 20,2-10) und daß die Logoschristologie mit der Sendungschristologie eingeführt wird. Eine Paraklet-Pneumatologie mit einer Liebesethik, die kein eschatologisches Gericht enthält, wird entwickelt, denn Leben gewinnt der Mensch jetzt (5,19-26), wiewohl die futurische Eschatologie nicht preisgegeben ist (5,27-29; 6,38-40.54).

3. Die exegetischen Ergebnisse

3.1. Joh 1,14

In der Johannesexegese Deutschlands hat sich innerhalb der Bultmann-Käsemann-Debatte an dieser Stelle das Gesamtverständnis des JohEv in entscheidender Weise markieren lassen. In dieser Schärfe ist die Diskussion einer solchen Auslegung im angelsächsischen und im englischsprachigen Raum überhaupt nicht geführt worden. Und doch läßt sich erkennen, welcher Position Moloney den Vorzug gibt: V 14a ist kaum als Höhepunkt zu bezeichnen, da die Inkarnation bereits in V 3c-4.9 angedeutet ist. Dabei erblickt Moloney deutliche Parallelen zwischen dem Auftreten des Täufers und Jesu Wirken: der in V 6ff auftretende Täufer spiegelt das Auftreten Jesu. Dabei ist freilich dessen Auftreten mit der jüd. Weisheit (Sir 24,8) und der Kabod Jahwes (Ex 25,8; 40,35; vgl. doxa Ex 33,22; Dt 5,21; 1Kö 8,11; Jes 10,1; Hab 2,14) im jüd. Hintergrund und mit hymnischer Sprache gezeichnet.

3.2. Joh 18-20

Die vorangegangene exegetische Entscheidung hinsichtlich 1,14 schlägt sich in der Analyse von Kap. 18-20 nieder: Eine wichtige Begründung für die Schilderung des Leidens und Sterbens Jesu sieht Moloney darin, daß die urchristlichen Berichte hierin übereinstimmen. Die joh. Version habe nun einen neuen Aspekt liefern müssen: Das Kreuz wird zum Höhepunkt der Erfahrung Jesu als Mensch in Gestalt der "Erhöhung". Dazu kommen Aussagen von der "Stunde" (2,4; 7,6.30; 8,20), die sich zunehmend als Todesstunde konkretisieren läßt (13,1; 17,1), in der Jesus verherrlicht wird (2,22; 7,39; 12,16). Neben dieser theologischen Beurteilung versteht Moloney den Abschnitt als durch Personenwechsel gegliedert, so daß für Joh 18-19 exakt 5 Abschnitte entstehen, die als Kernstück das Verhör Jesu vor Pilatus ausweisen. Dieses Verhör läßt sich durch die angegebenen Räume (innen und außen) leicht in 7 weitere Szenen unterteilen, die mit einer Einleitung eröffnet und einer Überleitung zum Folgeabschnitt verbunden wird: Die Szene der Geißelung Jesu tritt in den Mittelpunkt. Eine wohlstrukturierte Disposition entsteht, das Wellhausensche "Wirrwarr" wird überzeugend widerlegt. Vergleichbar gliedert Moloney 19,16b-42 und erhält auf diese Weise 19,25-27 als Mittelpunktsstück. Demgegenüber sieht er selbst, daß V 28-30 "highlighted by a series of statements indicating fulfillment and perfection". Wie sehr dieser Abschnitt im Mittelpunkt des Interesses von Moloney steht zeigt sich auch noch daran, daß er in der erzählerischen Notation nach dem tetelestai, jenem paredwken to pneuma, die in 7,39 angekündigte und noch ausstehende Geistausgießung vermutet. Er sieht den Zusammenhang mit dem expliziten Bericht der Geistgabe in 20,22 mittels des "Stundenthemas" verknüpft.

3.3. Joh 6,51c-58

Der Abschluß des in Kap. 6 verhandelten Themas des "Brotes vom Himmel", ist nach Auffassung von Moloney kein eucharistischer Abschnitt, sondern ein Midraschkommentar zum Thema "essen". Jenes Thema sammelt vorangegangene Schlüsselworte ein: "Brot", "Essen", "Fleisch", "Blut", "essen", "trinken", "wird geben", "zu euren Gunsten": Jesus als das wahre Brot vom Himmel ersetzt das Brot vom Himmel, das zuvor das Manna des Gesetzes war. Die sich am Ausgang des 1.Jh. stellende Frage seitens der Leser, wie der Leser mit dieser Offenbarung Gottes in Fleisch und Blut zusammentreffen kann, beantwortet der Autor mithilfe dieser eucharistischen Sprache: Die Begegnung findet in der Feier des Abendmahles statt.

4. Die Einschätzung

4.1. Zur Methodik

Sachgemäß scheint mir, den vorliegenden Text stärker in den Blick zu nehmen. Ein solches Vorgehen gibt zunächst dem überlieferten JohEv selbst die Chance, mit dem Leser/in ein Gespräch zu beginnen. Hier besteht die größte Möglichkeit, ohne beispielsweise vorgeschalteter literarkritischer Ergebnisse, ein Gesamtprofil joh. Theologie zu gewinnen. Diese Vorentscheidung erbringt für Moloney verschiedene Konsequenzen: So wird 14,31 nicht mehr zur Lizenz, die literarkritische Schere anzusetzen, sondern ist Bestandteil eines Spannungsbogen, der gestaltet werden soll. Sodann lassen sich präsentische und futurische Eschatologie nicht gegeneinander ausspielen, sondern bestimmen zugleich zwei Aspekte der joh. Theologie. Und schließlich kann mithilfe dieses methodischen Vorgehens, das Ganze der Theologie durchziehende Themen erkennen: So ist in der Tat Kap. 11 ein zentrales Stück, wo sich wichtige Aussagen über Jesu Tod entnehmen lassen. Ähnlich liegen die Dinge bei der Exegese von Joh 11,38 exegesiert: Innerhalb der "interpretation" geht er nicht auf die naheliegende Parallelkonstruktion in 20,1 ein - das widerspräche seinem methodischen Ansatz, der implied reader könne nicht nach vorne schauen! - innerhalb der "notes" verweist er auf diese Zusammenhänge! Problematisch hingegen beurteile ich das zugrundegelegte Lesermodell: Wenn Moloney davon ausgeht, der implizite Leser könne immer nur rückwärtsschauen, nie jedoch nach vorne, dann verstellt er sich entscheidende Zugänge. Es ist m.E. nicht möglich, eine quasi "jungfräuliche Lektüre", als eine absolute Erstbegegnung, annehmen zu wollen. Zwei Gedanken sprechen gegen dieses Konstrukt: Zum einen ist der heuristische Wert einer solchen absoluten Erstbegegnung m.E. gering, denn Texte wollen i.d.R. keine Einwegprodukte sein, sondern wiederkehrende Kommunikation ermöglichen. Zum zweiten ist unklar, ob es jenen "völlig unbedarften Leser/in" überhaupt jemals gegeben hat. Das gilt nicht nur für die joh. Gemeinde selbst, die zwar den Text in ihren Anfängen nicht hatte, aber dessen mündliche Vorstufe - m.E. ein Text, der jedoch nicht verschriftlicht ist. Das gilt ferner für alle weiteren Menschen, die an diesem JohEv Interesse haben und es lesen. Sie tun es, weil sie zuvor schon etwas von jenem Text vernommen haben - sie sind schon nicht mehr "unbedarft". - Es ist im übrigen auch die Frage, wie denn der kataphorische Verweis in 11,2 auf 12,3 verständlich sein soll, wenn nicht so, daß die Lektüre eben nicht das erste mal stattfindet!

4.2. Exegetische Anfragen

Es ist eine der Stelle in 1,14 angemessene Auslegung, die Bultmann-Käsemann-Debatte zu reflektieren, wenn dies auch nicht so geschehen muß, die Diskussion komplett nachzuzeichnen um sie dann zu würdigen. Hier gehen andere Johannesforscher sehr viel eigenwilligere Wege und gelangen nicht immer zu überzeugenden Ergebnissen (z.B. M. W. G. Stibbe). Dabei ist natürlich selbstredend, daß solche Einschätzungen keine Allgemeingültigkeit besitzen - in der Johannesexegese, so scheint es, schon mal überhaupt nicht. Gerade bei Moloney zeigt sich jedoch jener angesprochene Zwiespalt: Innerhalb der Prologexegese votiert er für die Käsemannsche Position, denn die - kaum überzeugende - Parallele zwischen dem egeneto anthrwpo" aus Vers 6 und dem sarx egeneto aus Vers 14 sowie die vorangegangenen Bezüge auf Vers 3f sind für ihn hinreichende Belege. An der Schwelle zum Passions- und Osterbericht muß sich dann allerdings zeigen, ob die Passion nachklappt (Käsemann), oder eben doch genuiner Bestandteil des Evangeliums ist. Moloneys erstes Argument für die Ursprünglichkeit und Sinnhaftigkeit besteht in der allgemein urchristlichen Übereinstimmung, daß es einen Bericht vom Leiden und Sterben gegeben hat. Johannes habe aber seine eigene Sicht der Dinge jetzt kundgetan. Das scheint mir ein zu stark formalistisches und kein theologisches Argument zu sein. Hier wird jene Überlieferung zum Kriterium für die Echtheit und Stimmigkeit joh. Theologie und nicht die Sache selbst. Theologisch soll das Motiv der "Erhöhung" jene Neukomposition sein. Innerjohanneisch ist doch die Erhöhung eine, die ans Kreuz erfolgt und dann zum Vater ist. Die Exegese von 1,14 wird in modifizierter Käsemann-Position vorgeführt. Insgesamt ist es durchaus einleuchtend, das von Wellhausen postuliert "Wirrwarr" der abzulehnen und zugunsten einer durch Ortswechsel strukturierten Szenerie Einheit zu votieren. Was bedeutet es aber für den theologischen Entwurf, wenn auf diese Weise die Geißelungsszene in 19,1-3 in den Mittelpunkt rückt?! Moloney spielt an das mich nicht überzeugende altorientalische Königsritual an, um den theologischen Gehalt zu retten. Gliederung von 18,1-19,42 in 5 Abschnitte, wobei 18,28-19,16a im Zentrum steht. - Ähnlich argumentiert er hinsichtlich der Komposition von 18,28-19,42 (S. 502: 19,25-27 im Mittelpunkt!). Und doch ist für M. 19,30 im Mittelpunkt. Hinsichtlich der Exegese von Joh 6 vermag Moloney überzeugend nachzuweisen, daß dieser Abschnitt kein "Flickenteppich aus mind. drei Schichten" ist, sondern sich als einheitliche Konstruktion verstehen läßt. Fraglich scheint mir jedoch, ob nicht beispielsweise jene Verschränkung der Szenen (Speisung und Seewandel) nicht noch deutlicher aus dem synoptischen Gefälle heraus erklärbar sind. Hier spiegelt sich die kritische Einschätzung jenes Einflusses der Synoptiker auf das JohEv wider, die ich nicht zu teilen vermag.

4.3. Zur äußeren Anlage des Buches

Positiv können erwähnt werden: gute buchbinderische Arbeit mit festem Einband und klarem Druckbild. Der Preis für immerhin 594 Seiten liegt bei 80 DM inkl. Versandkosten. Als Schwachstelle ist die Umschrift der griech. Worte zu nennen. Vor allem aber ist die Einarbeitung der Literaturreferenzen in den Haupttext störend, weil sie den Lesefluß bisweilen deutlich hemmen.

5. Fazit Insgesamt liegt ein lesenswerter neuerer Kommentar zum JohEv vor, der durch anregende Beobachtungen auffällt und durch breite Literaturkenntnis ein weites Feld bietet. Lohnenswert!