Die Legende lebt!

R.Alan Culpeppers neues Buch: John the Son of Zebedee. The Life of a Legend, Columbia 1994.

Referat auf der Tagung der AG-ASS vom 28.-30.05.1999 in Marburg

von Jürgen Zangenberg, Bergische Universität/GH Wuppertal

Alan Culpeppers Studien gehören zweifellos zu den grundlegenden Beiträgen zur Johannesforschung, besonders die Dissertation The Johannine School aus dem Jahre 1975. Sein neues Buch setzt diese Reihe fort und stellt wiederum einen wichtigen Beitrag zur Johannesforschung dar. Bereits der Untertitel ist programmatisch: Culpepper schreibt nicht das "Leben des Apostels, des Evangelisten, des Alten oder des Lieblingsjüngers", sondern "the Life of a Legend". Diese Distanz zu seinem Untersuchungsobjekt mutet zunächst seltsam an, immerhin ist das Buch in der Reihe "Studies on Personalities of the New Testament" erschienen. Für Culpepper ist diese Distanz jedoch die einzige redliche Möglichkeit, sich überhaupt mit dem schwierigen Stoff zu befassen. Gleich im Vorwort bekennt er, daß er im Laufe der Arbeit immer stärker zur Überzeugung gelangt sei, daß gerade im Falle des Zebedaiden Legendenbildung und biographisches Interesse von frühester Zeit an nahezu unentwirrbar miteinander verknüpft sind. Sein Zutrauen zur Verläßlichkeit der einschlägigen ntl. Texte in historischer Hinsicht nahm entsprechend ab. "Legend-making is not necessarily delayed until after one’s death" (1). Es ist daher nur konsequent, daß Culpepper die Entstehung der Johannes-Legende mit denselben Augen wahrnimmt und untersucht, die im Bereich christlicher Hagiographie auf christliche Heiligenlegenden angewandt werden. Dabei sieht Culpepper vier Stufen der Legendenbildung am Werk: "Selection", "Embellishment", "Fabrication" (!) und "Canonization" (1f). Doch scheinen sich für mich diese Stufen nicht fein säuberlich auf verschiedene Epochen zu verteilen, sodaß man bloß Schicht nach Schicht abzutragen bräuchte, um zu guter Letzt auf die Goldader historischen Urgesteins zu treffen, sondern jede Phase der Legendenbildung scheint alle diese Stufen zu beinhalten. Dies macht die Aufgabe so schwierig. Beeindruckend finde ich dabei, daß Culpepper in keiner Weise bilderstürmerisch oder schulmeisterlich-belehrend vorgeht. Das Ringen um profundes Verstehen der Inhalte und ihrer Tradierung, ja eine deutliche Sympathie mit der Materie ist auf jeder Zeile des gut lesbaren Buches zu spüren.

In den folgenden, chronologisch aufgebauten Kapiteln zeigt Culpepper unter Aufwendung einer großen Materialfülle auf, wie die verschiedenen Generationen von Tradenten, Theologen, Gemeinden und Wissenschaftlern bis in unsere Tage an der Entstehung und Verbreitung der Johannes-Legende mitgestrickt haben. In den ersten Kapiteln stehen ntl. Traditionen im Zentrum.

Chapter 1 (7-27): Fisherman: The Setting of the Apostle’s Early Life

"Mist rising over a lake early in the morning is an appropriate image with which to begin the odyssey of John, the son of Zebedee" (7). Culpepper beginnt mit der ältesten Tradition über Johannes, nämlich mit seinem Namen (Vater, Bruder), seiner Herkunft aus einem (unbekannten) Ort sehr wahrscheinlich am Nordufer des Sees Tiberias und seinem für zukünftige Apostel fast schon prototypischen Beruf des Fischers (Mk 1,16; Petrus und Andreas). Johannes und sein Bruder Jakobus gehörten weder zu den Reichen noch zu den besonders Armen, sondern führten bis zu ihrer Berufung zu Menschenfischern ein Leben wie zahllose andere Manschen am See Genezareth.

Chapter 2: Son of Thunder: The Apostle in the Synoptic Gospels and Acts (28-55)

Der Beginn des Aufstiegs der Zebedäus-Brüder ist bereits in den Evangelien erkennbar: in den Jünger- bzw. Apostellisten tauchen sie stets mit Andreas und Petrus an prominenter Stelle auf (Mk 3,17; Mt 10,2; Lk 6,14; Act 1,13). Zumindest für Markus scheinen Johannes, Jakobus und Petrus zu einer Art "inner circle" gehört zu haben, wie bei der Verklärung und in Getsemane deutlich wird. Doch bezweifelt Culpepper zu Recht (Vergleich mit Mt und Lk), daß historische Tradition dahintersteht und vermutet eher einen Zusammenhang mit dem markinischen Messiasgeheimnis. Entgegen einer verbreiteten Meinung sind diese "inner three" auch nicht mit den in Gal 2,9 genannten "Säulen" identisch, da mit dem Namen Jakobus jeweils eine andere Person gemeint ist. Lediglich der (nur bei Mk auftauchende) Begriff "Boanerges" könnte darauf hindeuten, daß den beiden Brüdern eine besondere Rolle in den Endereignissen zugeschrieben wurde (paßt zu Lk 9,54, Lk kennt Beinamen aber nicht). Lk und die ersten Kapitel der Act wissen von mehreren Ereignissen zu berichten, in denen Petrus und Johannes gemeinsam handeln. Doch ausgerechnet auf dem Apostelkonzil fehlt Johannes (Act 15; Gal 2,11-14): "At this point John fades out of the tradition preserved by the synoptics and Acts. He is not named among the apostles present at the conference in Jerusalem" (49). Hängt dies zusammen mit dem "Aufstieg" des Herrenbruders Jakobus als führende Figur in Jerusalem der 40er Jahre? Wie immer das auch gewesen sein mag, Johannes "remains a shadowy figure, alternately portrayed as impetuous, ambitious, and intolerant, but nevertheless as one chosen to be among the disciples closest to Jesus during his ministry and to be a ‚pillar of the church‘ in the years that followed" (51).

Chapter 3: Beloved Disciple. The Apostle in the Fourth Gospel (56-88)

Überraschenderweise wird der Zebedaide Johannes nur einmal in dem Evangelium erwähnt, das ihm zugeschrieben wird (Joh 21,2). Auf diese Stelle stützen sich diejenigen, die Johannes mit dem Lieblingsjünger identifizieren wollen (21,7). Das Evangelium selbst tut dies aber nie. Culpepper meint gleichwohl, die ersten Leser des Evangeliums hätten gewußt, wer der Lieblingsjünger gewesen ist (57), nämlich weder "just a fictional character" (72) noch eine symbolische Figur, denn: "symbolic figures do not die" (84). Freilich liegt die Bedeutung des Lieblingsjüngers nicht im Bereich wirklicher Augenzeugenschaft (alle einschlägigen Stellen sind späte Zusätze in der joh Tradition, es gibt keine synoptischen Parallelen), sondern "they tell us a great deal about the Johannine community’s regard for the witness who stood behind their traditions" (72). Nach der Prüfung einer Reihe von in der Forschung vorgebrachten Identifikationen kommt Culpepper zu dem Ergebnis, "that he was probably a Judaean who knew the geography of Judaea and Jerusalem, who may have had a house in Jerusalem, and who could have been known to the high priest" (84). Da all dies nicht gut mit den anderen Nachrichten zusammenpaßt, die wir über den Zebedaiden besitzen, hält Culpepper fest, "that the Beloved Disciple was an otherwise unknown disciple, an eyewitness, but one about whom nothing is known except through the Fourth Gospel’s idealized portrayal of his role at the death and resurrection of Jesus" (84). Die joh Gemeinde habe dieses Zeugnis des Lieblingsjüngers als wahr angenommen, sogar als geistgegeben. Vielleicht sah die joh Gemeinde in dieser Figur den Parakleten am Werk. Der Lieblingsjünger war ihr "link with the earthly Jesus and their witness to the risen Lord" (84), "(he) serves as an important figure, legitimating and authorizing the distinctive teaching of the Johannine community in the face of the rising authority of Peter in other traditions" (85).

Indem die Tradition den Lieblingsjünger mit dem Zebedaiden identifizierte, füllte sie die Rolle des Johannes in solch kraftvoller Weise aus, daß er hinfort nur noch als "John the Beloved" galt. Die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Interpretationen des Zebedaiden "were overhadowed by the power of the figure that had emerged in the imagination and tradition of the church" (85). Doch von dieser Gestalt bis zu Johannes dem Evangelisten ist immer noch ein weiter Weg, dem sich Culpepper im nächsten Kapitel nähert.

Chapter 4: Elder and Seer. John in the Epistles and the Apocalypse (89-106)

Mit der Erweiterung des Spektrums auf die Johannesbriefe und die Apokalypse spitzt sich die Johanneische Frage zu. Drei altbekannte Problemkomplexe kommen nun in den Blick:

- wurden JohEv, 1-3Joh und Apk vom selben Autor verfaßt?

- ist der in 2/3Joh genannte namenlose "Alte" mit dem Seher der Apk und/oder dem Verfasser

des Ev gleichzusetzen?

- wie gehen wir mit der Tartsache um, daß weder die Briefe, noch die Apokalypse oder das

Evangelium vorgeben, von einem Apostel Johannes verfaßt worden zu sein.

Für Culpepper ist klar: Erst die kirchliche Tradition schrieb alle diese Schriften demselben Johannes zu. Selbst die apostolische Autorenschaft der Briefe hängt gänzlich vom vorausgehenden Argument ab, daß die Briefe und das Evangelium vom selben Autor verfaßt wurden, was heute zu differenzieren ist (95): Briefe und Evangelium entstanden im selben Milieu (102).

Die Apokalypse ist nach Culpepper deutlich mit Kleinasien verknüpft, aber nur wenn man Evangelium und Briefe auch nach Kleinasien versetzen möchte, könnte man behaupten, daß alle johanneischen Schriften in derselben Region zur selben Zeit entstanden. "Apart from the later legends about the life of the apostle and tradition that the apostle was the author of the Johannine writings, however, there is no evidence from the writings themselves and no evidence prior to the middle of the second century to connect the Gospel and the Epistles with Ephesus" (102). Sehr wahrscheinlich wurde keine der später mit dem Apostel Johannes (d.h. dem echten Zebedaiden) verknüpften Schriften wirklich von ihm verfaßt (vgl. Petrus!).

Ich gebe Culpepper Recht. Die biographische Traditionsbildung ist eben nicht zu trennen von der Entstehung und dem Wachstum der Legende Johannes. Was berechtigt uns dazu zu glauben, diese Stränge wieder trennen zu können, indem wir die Lücken füllen und die Ungereimtheiten ausgleichen (Selection, Embellishment, Fabrication, Canonization) wenn nicht dasselbe Motiv, das schon damals die Legendenbildung bestimmt hat, nämlich der Wunsch, unrettbar fragmentarische Nachrichten zu einem schlüssigen Gesamtbild zu vereinen?

Man muß sich vor Augen führen: Die ältesten erreichbaren Traditionen über den Zebedaiden kennen ihn nicht als Autor eines Evangeliums. Wie aber kam es dazu, daß der Apostel Johannes als Autor nicht nur einer, sondern verschiedener Schriften firmierte? Die entscheidenden Weichen in der Biography of the Legend scheinen im 2. Jahrhundert gestellt worden zu sein.

Chapter 5: Obscurity: The Apostle in the Second Century (107-138)

Angesichts dieser entscheidenden Rolle des 2. Jahrhunderts ist es erstaunlich, wie wenig sichere Nachrichten wir aus dieser Zeit überhaupt haben. Culpepper vergleicht die Ausgangslage mit einem Theaterspuiel mit dem Titel "The Traditions of the Fathers about the Apostle John and the Authorship of the Johannine Writings" (107) und skizziert die Ausgangslage so: "Imagine going into a play in which there are numerous roles and an undetermined number of actors (one, two or three); Each actor is named John, and you are not told which actor plays which role." (107).

Culpepper untersucht alle relevanten Texte beginnend von P52 über Ignatius, Papias, Justin, gnostische Literatur, die Epistula Apostolorum, frühchristliche Gruppen wie Montanisten, Irenaeus, den Canon Muratori bis hin zu den ältesten Evangelienprologen. Er staunt über die "nearly complete silence of the record during the crucial decades of the early second century" (131). Papias habe weder mit Johannes dem Alten noch mit Johannes dem Apostel direkten Kontakt in Kleinasien gehabt, auch Justin, der ja aus Ephesus stammt, schweigt über das JohEv (verbindet aber den Apostel mit Kleinasien, indem er behauptet, die Apk sei vom Apostel geschrieben). "The earliest use of the Gospel is found not among orthodox Christians but among the Valentinian Gnostics (Ptolemy, Heracleon, Theodotus)" (131), daher überrascht es nicht, den ersten Hinweis auf apostolische Autorschaft in den Schriften des Ptolemaeus zu finden (Mitte des 2.Jh.). Interessant ist, daß die Zuweisung des Ev an den Apostel nur dann begegnet, wenn und wo das Ev akzeptiert ist. Quellen der Jahre zwischen 150 und 180 bezeugen eine zunehmende verbreitete Akzenpanz des Ev. "The claim of apostolic authorship, therefore, seems to have functioned as apologetic for the use of the Gospel where it had already found acceptance" (131). Irenaeus ist der entscheidende Verkünder dieser Tradition: nach ihm ist das vierfältige Evangelium apostolischer Herkunft und zugleich 1-2Joh und Apk dazu. Der Wille zur Kombination unterschiedlicher Nachrichten wird auch an anderer Stelle deutlich: Justin sieht des Seher als den Apostel an, das Ev wurde vom Apostel geschrieben (Ptolem., Theophilus, Irenaeus), die Akzeptanz von 1/2Joh als apostolisch (Irenaeus) und die Identifikation des Alten von 2/3Joh mit dem Apostel (Hieronymus, vielleicht schon bei Origenes). Alle diese Stationen waren wichtige Schritte des Wachstums der Johanneslegende.

Nicht umsonst also stellt Culpepper das Kapitel über das 2.Jahrhundert unter das Motto "Obscurity". Hierin unterscheidet er sich deutlich etwa von Martin Hengel, für den die Traditionen des 2.Jh. (vor allem Papias) geradezu zum Schlüssel zum Verständnis der Figur des Johannes sind, sieht Culpepper hier eine deutliche Verwirrung. Das 2.Jh. wird hier also nicht zum Anker, aufgrund dessen wir zum historischen Johannes vorstoßen könnten, sondern zum kreativen Schauplatz verschiedener Versuche, aus Überlieferungen, Vermutungen und Gerüchten über eine bedeutende, aber schattenhafte Figur der ersten Generation zu sichereren Aussagen zu kommen. Die Geschichte der Johanneslegende ordnet sich somit ein in die Versuche des 2.Jahrhunderts, hinter die Kulissen der Pseudonymität und Anonymität eines großen Teils der frühchristlichen Literatur zu blicken und Nachrichten über wichtige Personen zu sammeln.

Der Rohbau steht damit, in Zukunft kommt es nur noch darauf an, ihn auszuschmücken.

Chapter 6: Saint. The Eagle Soars (139-186)

Survey zahlreicher lateinischer, griechischer und orientalischer Autoren und Traditionen von Tertullian bis Nicephoros Callistos im 14.Jh..

Die Gleichung Johannes Zebedaei ist Evangelist ist Seher findet sich erstmals bei Tertullian als Waffe gegen Marcion. Die bischöfliche Autorität hing immer auch mit der apostolischen Herkunft ihres Stuhles zusammen (140). Bei Clemens läßt sich besonders gut verfolgen, "(how) legend was filling the gaps left in the biblical accounts of the lives of those around Jesus" (141). Clemens‘ berühmtes Bonmot, Johannes habe ein "geistliches Evangelium" geschrieben (Hypotyposen 6 bei Eusebius, h.e. 6,14,7), beruht darauf, daß Johannes nach Clemens die anderen drei Evangelien gekannt habe und -angesichts der evidenten Unterschiede- seinem Evangelium eine besonde Ausrichtung habe geben wollen (144). Origines ist dem gefolgt, Prokopius gibt die byzantinische Form dieser Richtung wider, wenn er sagt: "dieser Apostel heißt ‚der Theologe’, weil er das Wesen Gottes in einer Art beschrieben hat, die jenseits der Fähigkeit von Menschen liegt". Der geistliche Inhalt des Evangeliums und seine göttliche Entstehung stehen in direktem Zusammenhang.

Obwohl eine Minderheit, wurden seit Dionysius von Alexandrien (weiterverfolgt von Euseb) immer wieder Stimmen laut, die an der Herkunft von Evangelium und Apk vom selben Autor zweifelten.

Immer wieder wird deutlich, daß die ungehemmtte Legendenbildung nicht allein in den apokryphen Apostelakten zutagetritt, sondern in gleicher Weise auch im Rahmen anerkannter kirchlicher Schriftsteller (178f). "(S)o we turn to the apocryphal acts with no pretence that there is any clear distinction in historicity or veneration between the apocryphal acts and the authorized ecclesiastical traditions" (179).
 
 

Chapter 7: Hero. The Acts of the Apostles (187-250)

Da es Culpepper um die Legende geht und er im Hinblick auf die Historie der Johannesfigur grundsätzlich skeptisch ist, kann er eine Literaturgattung in den Blick nehmen, die allzuoft unter historischem Gesichtspunkt betrachtet und aufgrund ihrer "Unzuverlässigkeit" mit Nichtbeachtung gestraft wurde. Interessanter Survey über legendarisches Material vom 2.Jh. bis ins Mittelalter. Die Legendenbildung wird bereits gegen Ende des 2.Jh. deutlich, als ein gewisser christlicher Schriftsteller namens Apollonius aus der Apk zitiert und erzählt, wie durch göttliche Kraft ein Mann durch Johannes in Ephesus von den Toten erweckt wurde" (bei Eusebius, h.e. 5,18,14). Besondere Beachtung finden die apokryphen Johannesakten, deren Position zum Teil derjenigen der Gegner des 1Joh ähnlich zu sein scheint. Insofern sehen wir auch die Inanspruchname der johanneischen Figur/Tradition bei Häretikern bzw. christlichen Randgruppen.

Chapter 8: Icon. The Apostle in Art and Literature (251-279)

Nur darauf hinweisen.

Chapter 9: Historical Figure. The Apostle in Nineteenth- and Early Twentieth-Century Research (280-296)

Der Aufstieg der modernen Geschichtswissenschaft änderte die Entwicklung der joh Legende zutiefst (292). Impetus und Zahl apokryph-erbaulicher Johannesgeschichten reduzierte sich beträchtlich. Doch geschah, wie so oft, kein völliger Traditionsabbruch. Was überwunden schien, kam an anderer Stelle wieder zum Vorschein. Neue Ströme der Legende sprudeln: "imaginative recastings of the legend by poets, and investigative reconsiderations of the traditions of historians""(293). Letzteres finde ich besonders treffend, da gerade ernsthafte Historiker innerhalb der theologischen Disziplin die historische Bedingtheit ihrer Erkenntnismöglichkeiten überschätzen und nicht zu sehen vermögen, daß sie keinesfalls nur über Legenden schreiben, sondern selbst an der Legende mitschreiben. Je weniger man weiß, desto größer ist offensichtlich die Versuchung, Überlieferungslücken durch Ernsthaftigkeit und Vorstellungskraft zu überbrücken. Nur so ist es zu erklären, daß derartige Versuche "einfühlsamer Historiographie" im Falle des Johannes durchaus länger andauerten (A.T.Robinson, Epochs in the Life of the Apostle John, 1935) als im Falle Jesu. Doch was Albert Schweizers "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" für die Jesusforschung bewirkte, das besorgte Rudolf Bultmann für die Auseinandersetzung mit Jesu liebstem Jünger.

Man könnte Culpeppers interessante Skizzen noch fortführen. Eignet sich Johannes nicht in besonderer Weise als Projektionswand und Spiegelbild des Lebens professoraler Existenz, der mit angestrengtem Ernst am Ende seiner Tage die Summe seiner Kenntnisse und Erkenntnisse am Schreibtisch niederlegt, umgeben von einem Kreis ehrfurchtsvoller und treuer Schüler? Das Evangelium – ein Lebenswerk! Psychologisierung und Spekulation, angetan mit dem Mantel historischer Objektivität und bewehrt mit dem ganzen Arsenal "positiv" verstandener Kirchenväterzitate, reichen sich die Hände. Kann man angesichts eines solch grundstürzenden Erbes des Alten nicht großzügig sein mit der Tatsache, daß aus der puren Möglichkeit eines Ereignisses noch nicht ihre Tatsächlichkleit folgt (Ephesus), mithin daß man auf Vermutungen und Nichtwissen keine Argumentation aufbauen kann? Nur der, der weiß, daß man (fast) nichts weiß, ist ein Weiser.

Chapter 10: Eclipse and Acclaim: The Apostle in Recent Research (297-325)

Rudolf Bultmanns Kommentar markiert eine völlige Neuorientierung der Johannesforschung: weg von Fragen nach Autorschaft und Historizität, hin zur Frage nach dem Charakter der Quellen, der Stoffanordnung und der Verortung der Position in der Theologiegeschichte des frühen Christentums (Gnosis als Wurzelboden und Antipode). Sozialgeschichtliche Fragen und die Orientierung an der "Joahnneischen Schule" führten dazu, daß die Konturen des Apostels immer diffuser wurden.

Culpepper sieht diese Entwicklung ebenfalls als Teil der "Johannine legend", was nicht einer gewissen Pikanterie entbehrt. Aber vielleicht ist es ja nur ehrlich. Während manche die Linie der Entindividualisierung fortführten, hat besonders Martin Hengels The Johannine Question, Philadelphia 1989 (Culpepper kennt die erweiterte deutsche Version des Buches nicht) die Figur Johannes des Presbyters als dem Theologen Kleinasiens erneut ins Rampenlicht gestellt, während andere an der klassischen Identifikation des Ältesten mit dem Apostel festhalten. Drei Linien der Identifikation des Zebedaiden existieren:

- "The Resurgence of John the Elder": B.W.Bacon, Robert Eisler, M.Hengel."

"(T)he thesis, while a plausible and reasonable construction of the evidence, is unconvincing at key points. The linchpin of the argument -the identification the identification of the Elder John (from single references in Papias) with the elder of 2John 1 and 3John 1- will not bear the weight of the argument that is built on it" (307).

- "The Quest for the Johannine School": C.K.Barrett, J.L.Martyn, W.A.Meeks, R.A.Culpepper; O.Cullmann, R.E.Brown, G.R.Beasley-Murray

Attraktive Theorie, weil sie Ähnlichkeiten und Unterschiede innerhalb der johanneischen Literatur erklären kann, ohne den maßgeblichen Einfluß einer autoritativen Gründerfigur auszuschließen. Diese wurde jedoch in aller Regel nicht mit dem Apostel identifiziert (eher Lieblingsjünger o.ä.).

- "Reaffirmation of the Apostle": Leon Morris, John A.T.Robinson, Stephen S.Smalley, D.A.Carson

Die Diskussion dauert an, ohne daß ein Ende in Sicht wäre. Deutlich ist jedoch, daß auch bei den Autoren, die nach Einzelfiguren suchen (Evangelist, Ältester, Apostel) die Theorie einer langen Entstehungszeit des Corpus Iohanneum und die Annahme einer Schule stets an Bedeutung gewinnt. "If no consensus is in sight, debates among and within these three camps promise that the legends about the apostle John will continue to be revisited with no lessening of energy or interest for the forseeable future" (321).

Reflections (326-329)

Abschließend nennt Culpepper vier "gaps and uncertainties in the legend", die den größten Einfluß auf das Wachstum der Legende ausgeübt haben:

- "(T)he New Testament does not tell us what happened to the apostle after his work in

Samaria, reported in Acts 8" (326) (Frage nach Bezügen zwischen JohEv und Act 8);

- "(W)e have no solid evidence regarding the later life or the death of the apostle" (326) (Mk

10,39 vs. Joh 21,22f: Märtyrertod durch Juden oder langes Leben und Umzug nach

Ephesus);

- "(T)estimony of Papias" (327). "The first half of the second century forms a kind of tunnel

period during which we only have echoes, parallels, or uncertain allusions" (326). Dahinter

kommen wir nicht zurück.

- Grundlegend ist "the insight that legend has shaped the tradition from its very beginnings"

(327) (Fischer, Donnersöhne, Innerer Kreis).

Doch : "The vitality of the legends about John is directly related to the uncertainties of the New Testament record and the secon century witnesses" (328). Culpepper schließt daher mit der Hoffnung, daß, wenn auch die historischen Fragen nicht geklärt werden können, die Kraft der Legende doch weiterhin Frömmigkeit, Phantasie, Kunst und Wissenschaft inspirieren möge.

Würdigung

Das Ergebnis des Buches mag manche enttäuschen, manche ernüchtern. Andere werden es in Methode und Resultat für unzureichend halten. Manchem mag der eine wichtige deutsche oder französische Name fehlen. Auch methodische Einwände könnte mancher geltend machen: Hätte Culpepper das Buch eigentlich nicht andersherum schreiben und mit der Gegenwart beginnen müssen, um sich von dort Schicht für Schicht wie ein Archäologe durch die Tradition hindurchzufragen? Hätte er nicht stärker auf traditionsgeschichtliche und formgeschichtliche Fragen eingehen müssen, damit klar ist, was er meint, wenn er von Johannine tradition spricht, die ja nicht nur einen Namen, sondern auch einen spezifischen Inhalt und eine Gestalt besitzt? Mag sein.

Trotz mancher Einwände im Detail (die jeder bei einem Buch mit derartiger Breite leicht wird formulieren können) halte ich Culpeppers Buch für ein durchweg anregendes und in seinem Ansatz auch kühnes Werk, über dessen Materialfülle ich immer wieder staune und dessen Ergebnisse mich überzeugt haben. Durch Culpeppers Zurückhaltung in rebus historicis verlieren wir vielleicht ein allzu ausgeglichenes und schlüssiges Bild von einer der wichtigen Persönlichkeiten der frühchristlichen Zeit, die uns unweigerlich ins Dunkel der Historie entschwindet. Auch noch so ernsthaftes Bemühen wird die Person Johannes nicht hier herausholen können. Wer dennoch versucht, eine konventionelle Vita des Zebedaiden zu schreiben, muß sich von Culpepper sagen lassen, daß er lediglich mitstrickt am jahrhundertelangen Prozeß der Legendenbildung. Die Beispiele der "Leben Jesu" so auch der "Leben Johanni" des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sollten uns davor bewahren. Culpepper wendet sich konsequent davon ab, re-anonymisiert die johanneische Tradition und entindividualisiert sie: keine geniehafte Einzelgestalt mit altersweißem Bart, sondern eine Schule, eher in Palästina als in Kleinasien. Damit bleibt Culpepper dem Anliegen seiner Dissertation treu.

Wir gewinnen dadurch ein ungemein facettenreiches Bild frühchristlicher Traditionsprozesse, in deren andere Figuren wie der Presbyter, der Apokalyptiker oder der Lieblingsjünger ebenso schemenhaft aus dem Gewirr fragmentarischer Nachrichten auftauchen wie der Zebedaide ins Dunkel wegtaucht. Ob man diese Figuren durch unsere Methoden historischer Besinnung zu wirklichen Personen mit individuellem Profil rekonstruieren kann, halte ich nach der Lektüre von Culpeppers überzeugendem Buch für fraglicher denn je. Insofern treten diese Johannesse ebenso hinter ihre Botschaft zurück wie der johanneische Täufer, der von sich sagte, er müsse abnehmen, damit Christus wachse. Johannes ist tot, es lebe die Legende Johannes!