Die Erdbeben des Juli 1880 auf den Philippinen

Von Prof. Ferd. Blumentritt

  Die Meeresströmungen an der Küste von Mindanao sind teils veränderliche, teils stetige. Die einen werden in der Nähe des Strandes von den Gezeiten beeinflußt, andere wieder sind von diesen unabhängig, sie gehören der hohen See an. Die Nord-Äquatorialströmung des Stillen Meeres erreicht die Insel Mindanao bei der Punta Cauit (Cauàit, Kawàit), hier spaltet sie sich in zwei Ströme, der eine richtet sich gegen Norden, der andere strömt gegen Süden am Kap San Augustin und den Sarangani-Inseln vorüber. Dieser südliche Zweigstrom fließt an der Punta Púnsan mit einer Geschwindigkeit von acht spanischen Seemeilen in der Stunde vorüber. Neben diesen beiden Hauptströmungen der Ostküste von Mindanao giebt es noch kleinere Küstenströme, welche von der Windrichtung abzuhängen scheinen, denn sie strömen immer in entgegengesetzter Richtung zum herrschenden Winde. Dies gilt besonders für die Küstenstrecke zwischen der Punta Dakit und der Punta Baculin, hier weis jedes Kind, daß, wenn der Wind umschlägt, die Küstenströmung ebenfalls sofort ihre Richtung ändert, ja man hat beobachtet, daß die Stromstärke in geradem Verhältnisse zur Windstärke steht, also: je stärker der Wind, desto stärker die Strömung. Hört der Wind auf, so hört auch die Strömung auf. An jenen Stellen, wo die Küste mehr oder minder tief ausgebuchtet ist, beschreiben diese Ströme zweiter Ordnung einen Bogen, daher kommt es, daß der Schiffer beispielsweise in der unmittelbaren Nähe der Küste einen günstigen Strom findet, während, wenn er nur ein wenig weiter in die See hinaus fährt, er mit einer entgegengesetzten Strömung zu kämpfen hat.

Außerdem giebt es ganz kurze Strömungen (wir wollen sie Strömungen dritter Ordnung nennen), welche ebenso plötzlich auftreten wie verschwinden, oder den Ort und die Richtung wechseln, ohne daß man sich den Grund hiervon erklären könnte. Bei den Vorgebirgen und Landspitzen insbesondere pflegen entgegengesetzte Strömungen wie in dem Scheitelpunkte eines Winkels zusammenzustoßen. Mitunter erzeugen diese so aufeinander stoßenden Strömungen einen neuen Strom, der wirbelartig sich bewegt und kleinen Fahrzeugen sehr gefährlich werden kann; sogar große Schiffe werden selbst bei günstigen Winde durch solche Wirbelströme in ihrer Fahrt sehr aufgehalten. So ein Punkt ist z.B. bei Cabusgan (Surigao).

Die Gezeiten treten an der pacifischen Küste Mindanaos regelmäßig ein und sind auch genau beobachtet und studiert worden. An der Nordküste der Insel sind zwar auch Beobachtungen angestellt worden, aber nicht in dem Maße, wie an der Ostküste. Flut und Ebbe sind hier sehr unregelmäßig, wohl eine Folge des Umstandes, daß die Flutwelle der Südsee sich durch die engen Kanäle, welche Mindanao von den vorgelagerten Inseln trennen, durchzwängen muß. Die Küstenbewohner freilich kennen die Gezeiten genau und wissen die günstige Zeit zu ihren Küstenfahrten genau abzupassen. Bei Dinágat ist ein kleines Inselchen, das einen merkwürdigen Anblick gewährt: wenn seine pacifische Küste Flut hat, so hat die Gegenküste Ebbe und umgekehrt. Die Südseeküste Mindanaos hat immer Flut zur Zeit des Mondauf- und -unterganges, während die Ebbe zur Zeit vorherrscht, wenn der Mond im Nadir des Beobachters sich findet. Hochfluten und Ebben pflegen sich zwei Tage nach dem Neu- oder Vollmond einzustellen, während drei oder vier Tage nach den Vierteln kleinere Fluten beobachtet werden. Ebenso ist es erwiesen, daß an der pacifischen Küste zur Zeit des Nordostmonsums die Flut bei Tage eine minder höhere ist als jene, welche zur Nachtzeit eintritt. Beim Südwestmonsun tritt der entgegengesetzte Fall ein. (F. B. nach P: P: Pastells S. J.)

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created: May 13, 1995
updated: March 20, 1998
APSIS Editor Johann Stockinger