Vorwort
des Bandes 1
der Reihe
"Novara - Mitteilungen der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft" (OSPG)
"Österreicher im Pazifik"


Der vorliegende Band ist der erste einer Schriftenreihe, die es sich zum Ziel setzt, einmal jährlich zu einem Schwerpunktthema unterschiedliche Beiträge, Aspekte und Betrachtungsweisen zu vereinen. Dieser Band fungiert gleichzeitig als offizielles Organ der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft, die am Wiener Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie ihren Sitz hat. Das Erscheinen einer neuen Schriftenreihe, welche sich der Darstellung eines Schwerpunktthemas widmen will und dabei ein mehr oder weniger in sich abgeschlossenes Forschungs- und Interessensgebiet behandelt, provoziert im Allgemeinen die Frage der Sinnhaftigkeit und des Nutzens für die wissenschaftliche Gemeinde, für die Allgemeinheit - schlicht: für den Leser. Die Entscheidung für die Publikation war wesentlich durch drei Gründe beeinflußt:
- Sie spiegelt die inhaltlichen Themenschwerpunkte der Mitglieder bzw. der Arbeit der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft wider, deren Sprachrohr und offizielles Organ diese Reihe ist. Darüber hinaus werden Wissenschaftler und Forschende eingeladen, Beiträge zur Verfügung zu stellen, die in der einen oder anderen Weise zur Erhellung ethnologischer, historischer, politischer bzw. generell kulturwissenschaftlicher Fragestellungen die Region und deren Menschen betreffend, beitragen können.
- Sie versucht allen am Pazifischen Raum interessierten Menschen weitergehende Hintergrund- und Detailinformationen zu liefern, Anregungen zu geben, Diskussionen zu initiieren und ein entsprechendes Forum für die publizistische Auseinandersetzung zu liefern, und
- Sie möchte den Dialog zwischen Österreich und den Ländern des Südpazifiks fördern, in dem hier den Österreichern die pazifische Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Religionen der drei Großregionen Melanesien, Mikronesien und Polynesien anschaulich vor Augen geführt und damit Verständnis für diese, aus unserer Sicht, so abgelegene Weltgegend geweckt wird.
Diese letztgenannte Brückenfunktion war bereits eine der Zielsetzungen bei der Gründung der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft im Jahre 1996. Es waren damals vor allem engagierte Ethnologinnen und Ethnologen aus Wien, die hier ein Forum verlangten, um der in Österreich betriebenen Pazifikforschung neue Impulse zu geben. Da es bis dahin kein nur irgendwie ähnlich geartetes Forum gab, welches als Plattform zum Informationsaustausch und als "Netzwerk der Kommunikation" hätte fungieren können, war die Resonanz bei Studierenden und auch jenen interessierten Personen, die außerhalb des Studienbetriebs standen, erstaunlich groß. Die bisherigen Aktivitäten der Gesellschaft haben in regelmäßigen Treffen nicht ihre endgültige Bestimmung gefunden, vielmehr konnte aufgrund der schnell wachsenden Zahl der Mitglieder in der Folge rasch ein aktives Programm entworfen und umgesetzt werden. Die Vortragsreihen, die im Semesterzyklus mit jeweils zwei bis drei Vorträgen am Wiener Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie abgehalten werden, haben sich mittlerweile institutionalisiert. Darüber hinaus konnte eine vielbeachtete Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Wiener Museum für Völkerkunde zum Thema "Die Entdeckung der Südsee im Spiegel alter Karten, Ansichten und Reiseberichte" verwirklicht werden. Dazu ist auch ein Katalogbuch mit zahlreichen Farbtafeln und mehreren Beiträgen erschienen. Die Publikation eines Sammelbandes mit Artikeln zu aktuellen Fragestellungen im Pazifik steht kurz vor der Vollendung - und in diesem Rahmen ist das bereits seit längerem angekündigte und immer wieder eingeforderte Erscheinen des Magazins "Novara - Mitteilungen der Österreichisch-Südpazifischen Gesellschaft" die logische Fortsetzung auf dem Weg, das Angebot nach allen seiten hin so abzurunden, daß die Kommunikation und der Informationsfluß zwischen allen Beteiligten und Interessierten reibungslos funktionieren kann. Die Namensgebung der Gesellschaft reflektiert die Tatsache, daß sich der überwiegende Teil der pazifischen Inseln südlich des Äquators befindet und daß es um eine Fokussierung auf die Inselwelt geht. Inkludiert sind selbstverständlich die Inseln Mikronesiens sowie Hawaii, jedoch wurde bewußt auf die Bezeichnung "Pazifische Gesellschaft" verzichtet, um sich vom größeren Kontext dieses Begriffes, der auch Südost- und Ostasien sowie die Küstengebiete der beiden Amerikas miteinschließt, abzugrenzen und den Begriff der "Südsee" unterschwellig als verbindendes Kriterium assoziierbar zu machen.

Der im Titel genannte Name "Novara" hat hier Signalwirkung. War doch die Expedition der österreichischen Fregatte "Novara" unter dem Kommando von Kommodore Wüllerstorf-Urbair in den Jahren 1857-1859 jene Weltumseglung, bei der die Österreicher mehrfach mit den Menschen der Südsee in Berührung kamen und eine Fülle von Forschungsergebnissen und Exponaten ihren Weg nach Wien fanden. Die aufgrund fehlender Kolonien vergleichsweise wenigen Fahrten österreichischer Schiffe in den Pazifik haben trotzdem eine erstaunliche Anzahl von Ergebnissen für die wissenschaftliche Gemeinde gebracht und gleichzeitig vor Ort wiederholt deutliche Spuren hinterlassen. Neben der Fahrt der "Novara", waren es die unglückseligen Ereignisse der Mannschaft des Kanonenbootes "Albatros", welche in Kampfhandlungen mit Einheimischen vor Ort mehrere Tote zu beklagen hatte, die vielleicht noch am ehesten historisch interessierten Österreichern bekannt sind. Nicht alle dieser Fahrten der k.u.k. Marine standen unter einem so schlechten Stern. Der nichtmilitärische Hintergrund der Fahrten, die grundsätzlich friedlichen Zwecken der - oft naturwissenschaftlichen - Forschung oder der Exploration von Bodenschätzen gewidmet waren, ließen die Österreicher meistens willkommen sein. Vielfach waren diese auch privat unterwegs. Neben zufälligen Fahrten, wie beispielsweise im ersten Beitrag dieses Bandes dargestellt und damit gleichzeitig das früheste Beispiel eines österreichischen Kontaktes mit der Region, waren es oft Einzelpersonen, die sich aufmachten, diese für sie neue Welt zu erkunden. Andreas Reischek, Ferdinand Hochstetter, aber auch Baron Anatol von Hügel sind hier Beispiele. Daß dies auch Interesse an Österreich und entsprechende Gegenbesuche auslöste, ist naheliegend. Im Beitrag über die beiden Maori, die mit der Fregatte "Novara" nach Wien kamen, wird dies deutlich. Der Aufenthalt des hawaiischen Königs Kalakaua in Wien im Jahre 1881 war für diesen ebenfalls ein bleibender Eindruck. Kalakauas Vorliebe für Walzermusik kann noch heute in Hawaii nachvollzogen werden, wenn man dort an oft ungewohntem Ort diese Musik hört. Für viele Pazifikreisende waren die Philippinen Ausgangspunkt und Einstieg einer Annäherung an die eigentliche pazifische Inselwelt. Schon früh waren Österreicher auf den Philippinen; manche haben diese Gefilde nur aus der Ferne kennen und lieben gelernt, wie aus dem Beitrag über Ferdinand Blumentritt herauszulesen ist. Alleinreisende Frauen hatten es in der Vergangenheit deutlich schwerer als Männer. Neben den Reisestrapazen kam der Kampf gegen männliche Vorurteile und Rollenzuweisungen hinzu; ein Kampf der von Alma Karlin als Herausforderung angenommen wurde. Mit Karlins Reise in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts kommen wir ein Stück näher an unsere Gegenwart. Diese kennt mehrere österreichische Wissenschaftler, die sich ausführlich mit Menschen und Kulturen des Pazifiks auseinandergesetzt haben. Der bekannteste ist wohl Hugo von Bernatzik, dessen Bücher lange Zeit in fast jeder größeren Bibliothek standen. Seine Studien über die Einheimischen auf den beiden Salomonen-Inseln Owa Raha und Owa Riki zählen heute zu den ethnologischen "Klassikern". Viel wurde von ihm und viel wurde über ihn publiziert; vor allem auch von seiner Tochter Doris Byer, ebenfalls eine engagierte Ethnologin, die sich mit den Menschen der Salomonen intensiv auseinandergesetzt hat. Nicht alle, die eine Brücke zwischen Österreich und dem Pazifik darstellten, konnten in diesem Band Würdigung finden: es ist eine Auswahl einzelner Personen - Vollständigkeit war nicht das Ziel. Theoretisches Interesse an der Region hatte Robert von Heine-Geldern, der mit seinen Theorien zu Besiedlung und Wanderung in Ozeanien Wissenschaftsgeschichte schrieb und auch heute noch vor allem für Migrationsforscher, Ethnoarchäologen und Linguisten gültige Aussagen gemacht hat. Sein 30. Todestag jährte sich 1998 und dem wurde Rechnung getragen. Die Österreichisch-Südpazifische Gesellschaft war Mitveranstalter eines dreitägigen Symposiums zur Würdigung dieses großen Wissenschaftlers. Die unmittelbare Gegenwart ist durch die kurze und prägnante Schilderung eines Mannes repräsentiert, der im Auftrag der Vereinten Nationen die Pazifischen Inseln bereist und dort gearbeitet hat. Hier spiegelt sich die zunehmende Internationalisierung und das globale Eingebundensein in internationale Organisationen wider, eine Tatsache, die in gleicher Weise einen Kleinstaat wie Österreich und die vielfach noch kleineren Inselsstaaten betrifft.

Mit dieser kaleidoskopartigen Kurzdarstellung dessen, was einem in diesem Band erwartet, bleibt mir nur zu hoffen und zu wünschen, daß der geneigte Leser mit Interesse die unterschiedlichen Betrachtungsweisen und Aspekte der Artikel als Beitrag zur Darstellung kultureller Vielfalt versteht, seine Begeisterung für die südpazifische Inselwelt verstärkt wird und sie oder er einfach Spaß am Lesen hat. Allen Autorinnen und Autoren sowie allen, die zum Erscheinen dieses Bandes beigetragen haben, sei an dieser Stelle nachdrücklich gedankt.

Der Herausgeber
APSIS   Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie  University of Vienna  HOME 
updated: April 1999   © ÖSPG
APSIS-Oceania Editor: Hermann Mückler