Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Verlobung
Definition:
Ein verbindliches Übereinkommen zwischen einem Mann und einer Frau, daß sie heiraten werden.

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Anmerkungen:
Die Verlobung ist eine wichtige Phase im gradualistischen Herangehen an die Ehe, die nicht nur eine emotionale Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern viel mehr eine politisch rechtliche Allianz zwischen zwei Verwandtschaftsgruppen (i.e. auch Tauscheinheiten!) herstellt. Die Verlobung soll nicht nur die Gelegenheit des gegenseitigen Kennenlernens der zukünftigen Ehepartner, sondern auch die gegenseitige Überprüfung der prospektiven Allianzgruppen bieten. Im Unterschied zur Heirat impliziert die Beziehung zwischen den Verlobten keine oder nur geringe soziale und ökonomische Rechte und Pflichten zwischen den betreffenden Familien bzw. Verwandtschaftsgruppen.
Beispiel: Nuer/Ostafrika
Die Heirat ist von einer Brautgabe in Form von Rindern sowie von zeremoniellen Riten begleitet. Mit jeder Zahlung und mit jeder Zeremonie werden die neuen sozialen Bande stärker und die Eheschließung sicherer. Die drei hauptsächlichen Zeremonien sind "Verlobung", "Hochzeit" und "Vollzug". Diese Zeremonien sind öffentlich; die Nachbarn bezeugen sozusagen das Schließen der neuen sozialen Bande. [Evans-Pritchard 1951:58ff].
Beispiel: Trobriander
Bei den matrilinear organisierten Bewohnern Boyowas und anderer Inseln des Trobriand-Archipels (Papua Niugini), die sich durch sehr freie und institutionalisierte voreheliche Sexualität auszeichnen, stellt die Verlobung eine "mehr oder weniger ausgedehnte Periode gemeinsamen Geschlechtslebens" dar. Die Demonstration eines vorehelichen Dauerverhältnisses gilt als "öffentliche Ankündigung der Heiratsabsichten" des betreffenden Paares und "zugleich als Probe auf die beiderseitige Neigung und Verträglichkeit", hat jedoch keine rechtlichen Verpflichtungen für die Betroffenen zur Folge. Obwohl die Verlobten zu einer gewissen Treue verpflichtet sind, kann das Verhältnis von beiden jederzeit gelöst werden. Verlobte und andere geschlechtsreife Jugendliche bzw. Junggesellen treffen sich im "Ledigenhaus" (bukumatula), wo die jungen Männer einen eigenen Schlafplatz haben [Malinowski 1929:44-51]. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, daß im Zentrum der vorehelichen Beziehungen im allgemeinen und daher auch zwischen Verlobten sexuelle Aktivitäten stehen, jedoch die gemeinsame Einnahme von Mahlzeiten strikt untersagt ist: "Die beiden teilen das Lager und weiter nichts. ...doch nie nehmen sie Mahlzeiten gemeinsam ein. Sie schulden sich gegenseitig keinerlei Dienste, sie sind nicht verpflichtet, in irgendeiner Weise einander beizustehen, kurz, es gibt nichts, was einen gemeinsamen Haushalt ausmacht.... Auf den Trobriand-Inseln dürfen zwei Menschen, die vor der Heirat stehen, niemals eine Mahlzeit gemeinsam verzehren. Solches Tun würde die moralische Empfindlichkeit und das Schicklichkeitsgefühl der Eingeborenen stark verletzen. Ein Mädchen zum Essen auszuführen, ohne mit ihr verheiratet zu sein - was in Europa gestattet ist -, würde in den Augen des Trobrianders sehr schimpflich für sie sein."
[Malinowski 1929:51f]. Das Einnehmen einer gemeinsamen Mahlzeit impliziert die mit der Institution der Ehe verbundenen, der Matri-Lineage der Ehefrau auferlegten wirtschaftlichen Verpflichtungen.
Literatur:
Englisch: betrothal, engagement

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97