Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Brautgabe
Definition:
Eine bestimmte Form des Gabentransfers anläßlich einer Heirat, wobei die Gaben vom Ehegatten bzw. von dessen Verwandtschaftsgruppe an die Verwandtschaftsgruppe der Frau gehen.
Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zur Mitgift ist die entgegengesetzte Zirkulationsrichtung von Brautgabe und Braut. Die Mitgift ist das formelle Gegenstück zur Brautgabe, indem hier Frauen und Heiratsgaben in der gleichen Richtung fließen. Die Bräutigamsgabe ist ihr substanzielles Gegenstück, indem hier die Heiratsgaben für einen Mann statt für eine Frau transferiert werden. Der Gebrauch des Terminus "Brautpreis" wurde in anthropologischen Schriften aufgrund seiner Konnotation "eine Frau kaufen und verkaufen" durch den Begriff Brautgabe ersetzt. Er bezieht sich auf den Güteraustausch oder Zahlungen, welche die Verwandtschaftsgruppe der Frau für den Verlust oder Transfer bestimmter Rechte auf die Frau und deren Kinder entschädigen. Wo die Zahlungen speziell für die Rechte auf die Kinder, die der Frau geboren werden, getätigt werden, wurde manchmal der Begriff "Kinderpreis" ("childprice") verwendet. [Barnard/Goord 1984:114; Seymour-Smith 1986:181]
Verwandte Begriffe:
Zum übergeordneten Begriff
Anmerkungen:
In der anthropologischen Diskussion herrscht Übereinstimmung darüber, daß Zahlungen anläßlich einer Heirat dazu dienen, die Heiratsbeziehung zu legitimieren und gleichzeitig den Transfer von Rechten auf die Frau und/oder deren Kinder markieren. Die struktur-funktionale Schule interpretierte Zahlungen anläßlich einer Heirat als Kompensation für den Transfer einer Person oder der Rechte auf diese Person von einer Verwandtschaftsgruppe in eine andere sowie für das Garantieren der Rechte auf die Nachkommen. In der Folge wurde argumentiert, daß Brautgabe in patrilinealen Gesellschaften existiere, wo die Kontrolle über die Produktivität und/oder Reproduktivität der Frau in die Verwandtschaftsgruppe des Ehegatten übergeht.

Comaroff [1980] streicht jedoch heraus, daß diese Theorien nicht genau mit den Tatsachen übereinstimmen, da die Brautgabe ebenso in Gesellschaften vorkommt, in welchen eine Frau von ihrer Geburtsgruppe nicht "transferiert" wird und daß in einigen patrilinealen Gesellschaften und virilokalen Systemen ebenso Mitgift vorkomme.

Goody [1973] schlug vor, Brautgabe und Mitgift in einem breiteren Kontext von Besitzbeziehungen zu untersuchen. Brautgabe assoziierte er mit unilinealen (jedoch nicht notwendigerweise patrilinealen) Systemen. Afrikanische Systeme, in denen die Brautgabe vorkomme, sind ihm zufolge mit egalitären Gesellschaften verbunden, in welchen Statusunterschiede bei der Heirat unbedeutend sind. Brautgabe sei weiters mit unilinearen Abstammungskorporationen, welche als zentrale, den Besitz kontrollierende Gruppe fungierten, sowie mit Polygamie verbunden. Weiters argumentiert er, daß der Grad der Stratifikation in Gesellschaften, für die Brautgabe und Mitgift charakteristisch sind, mit dem Vorhandensein von Hackbau und Pflugbau verbunden sein kann.

Comaroff hält das Modell von Goody zwar für vielsagend, jedoch als zu generell und, er verweist auf die Ausnahmen in der Korrelation der Art der Heiratszahlung und der Form der Landwirtschaft sowie auf die regionalen Unterschiede hin.

Meillassoux [1972] argumentierte, daß über die Kontrolle der Brautgabe die Abhängigkeit der jungen Männer von den älteren Männern in Gesellschaften , die nach dem Alter stratifiziert sind, erhalten würde. Die Kontrolle des Besitzes der Verwandtschaftsgruppe ermögliche es den älteren Männern Heiratsbeziehungen zustande zu bringen und zu kontrollieren.

Lévi-Strauss [1969] argumentierte dagegen, daß Heiratzahlungen in Systemen mit "verzögerter Reziprozität" (delayed reciprocity) "genommen" werden. In Afrika sei die Brautgabe aus dem Grund von Bedeutung, da sie für die Frauengeber die Garantie sei, selbst Frauen heiraten zu können [Seymour-Smith 1986:181]. Die Trennlinie zwischen Brautgabe und indirekter Mitgift ist nicht immer leicht zu ziehen.

Nach Goody sind die Frauen im Rahmen der Zahlung einer Brautgabe (bridewealth) Gegenstand und nicht Empfänger einer Besitzübertragung (wie im Fall der Mitgift). Er kritisiert daher, daß viele Ethnologen Zahlungen des Bräutigams bzw. von dessen Familie an die Braut, i.e. die [EGGA2] indirekte Mitgift, oft fälschlich als Brautgabe bezeichnen [Goody, Jack: R.: Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa: Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1989:31, 256].

VT: Brautpreis
Englisch: Bridewealth, brideprice
Französisch: prix de la fiancée
Literatur:

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97