Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
Inhaltsübersicht Struktur Index Kommentare About Hilfe
virilokale Residenz
Definition:
lat.: "am Ort des Mannes"

Virilokalität bezeichnet die Aufnahme der postnuptialen Residenz im Herkunftsgebiet des Ehegatten (Barnard/Good 1984:78). Beschreibt ein Residenzmuster oder eine Residenzregel, in welcher ein Paar nach der Heirat mit oder nahe der Familie des Mannes wohnt. In der modernen Anthropologie wird der Terminus "virilokal" dem Terminus "patrilokal" zumeist vorgezogen, obwohl dieser angewendet werden kann, wenn das Verwandtschaftssystem patrilinear ist.

Untergeordnete Begriffe:
Verwandte Begriffe:
Zum übergeordneten Begriff
Anmerkungen:
  • Die virilokale Residenz geht mit der Solidarität zur männlichen Arbeitsgruppe, oder zur männlichen politische Einheit einher [Seymour-Smith 1986:286]. Virilokale Residenz ist dadurch gekennzeichnet, daß die Gattin zu ihrem Ehemann zieht, wobei dieser nicht unbedingt patrilokale Residenz praktizieren muß (Harris, Marvin: Culture, Man and Nature. NY 1971: 325). Wohnfolgeordnung, die ein verheiratetes Paar verpflichtet, auf dem Gebiet oder nahe bei der Gruppe des Ehegatten zu wohnen [Panoff/Perrin 1982: 312].

  • Murdock macht einen feinen Unterschied zwischen Virilokalität und Patrilokalität sowie zwischen Uxorilokalität und Matrilokalität: Der Terminus Patrilokalität wird von ihm verwendet, um die Tendenz der betreffenden Residenzregel in der Bildung residentieller, patrilinearer Verwandtschaftsgruppen zu kennzeichnen.

  • Durch wiederholte Virilokalität in einer patrilinealen Gesellschaft, bleiben die Männer einer Gruppe innerhalb desselben Gebietes zusammen und bilden somit eine residentielle Einheit. Daher kommt es, daß in den meisten Gesellschaften, in welchen patrilineare Deszendenz mit Virilokalität verbunden ist, die residentiellen Einheiten (domestic groups) mit den auf der Deszendenz gründenen Lokalgruppen zusammenfallen.

  • In den meisten Gesellschaften mit patrilinearen Deszendenzgruppen herrscht die virilokale Residenz vor. Virilokale Residenz ist aber auch in matrilinearen Gesellschaften anzutreffen; sie erfüllt hier jedoch mit geringerer Wahrscheinlichkeit die Funktion des Zusammenhaltens einer residentiellen Einheit, wie dies bei virilokaler Residenz in patrilinearen Gesellschaften der Fall ist. In matrilinearen Gesellschaften erhalten in der Regel entweder die uxorilikale oder die avunkulokale Residenzregel die Struktur der Verwandtschaftsgruppen aufrecht. Virilokale Residenz wurde lange als inkompatibel mit matrilinearen Deszendenz-Gruppen bzw. als spätes Stadium der Desintegration eines matrilinearen Systems betrachtet. Auch mit virilokaler Residenzregel können sich lokalisierte und starke lineages bilden, wie z.B. bei den Suku des Kongo-Gebietes.
Beispiel: Tiv (virilokale Residenz in einer patrilinearen Gesellschaft):

Bei den Tiv holen die Männer im allgemeinen ihre Frauen in das Gehöft ihres Vaters. Auch nach dem Tod des Vaters leben sie weiterhin dort, sodaß die männlichen Agnaten über viele Generationen zusammenbleiben. Diese durch die vorherrschende virilokale Residenzpraxis in einem patrilinearen Kontext entstandenen residentiellen Gruppen fallen mit auf den auf der Deszendenz gründenden Lokalgruppen zusammen. Diese so gebildeten agnatischen Einheiten sind der Brennpunkt vieler sozialer und ökonomischer Aktivitäten der Tiv [Bohannan 1968].

Englisch: virilocal residence
Französisch: residence virilocale

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97