Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
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Asymmetrisches Allianzsystem
Definition:
In der Allianztheorie ein Heiratssystem (Allianzsystem), welches Deszendenz- oder andere Verwandtschaftsgruppen durch eine präskriptive Heiratsregel derart miteinander verbindet, daß sich ein generalisierter (verallgemeinerter/indirekter) Austausch ergibt.
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Anmerkungen:
Theoretisch existieren 2 präskriptive Heiratsregeln, mit welchen asymmetrische Allianzsysteme operieren können, i.e. die matrilaterale und die patrilaterale Kreuzkusinen/-vettern-Heirat. Tatsächlich sind jedoch asymmetrische Allianzsysteme nur mit der matrilateralen Kreuzkusinen-/vettern-Heirat verbunden und benötigen mindestens drei unilineare Deszendenz- oder Verwandtschaftsgruppen.

Das System zeichnet sich durch eine Vielfalt meist verschieden langer Heiratsketten bzw. -zyklen aus und ist durch die Integrierbarkeit einer potentiell unendlichen Zahl von Allianzgruppen, deren Umfang und Zusammensetzung sich ändern kann, unbegrenzt veränder- bzw. erweiterbar ("offene Struktur"):

siehe: Abbildung

A -----> B -----> C -----> A
oder
A -----> B -----> C -----> N ---- -> A (wobei N = 1 + n Linien)
siehe Abbildung: Modell des verallgemeinerten Tauschs mit 3 Patri-Linien [Lukas 1990:552]

siehe Abbildung: Modell des verallgemeinerten Tauschs mit mehr als drei Patri-Linien [Lukas 1990:552]

Die affinalen Beziehungen sind insofern asymmetrisch, als die frauengebenden Gruppen nicht zu den frauennehmenden Gruppen derselben Ego-Gruppe werden können. Die Frauenzirkulation behält hier in jeder Generation die gleiche Richtung bei, und zwischen den einzelnen Linien bestehen daher konstante Beziehungen. Daraus folgt - von einem Individuum oder einer Verwandtschaftsgruppe aus gesehen - eine Einteilung des sozialen Universums in die eigene Gruppe, die Brautgeber und die Brautnehmer. Damit ist verbunden

  1. eine binäre Klassifikation durch das dyadische Verhältnis zwischen Brautgebern und Brautnehmern sowie
  2. eine ternäre Klassifikation durch die Einheit der drei matrimonialen Kategorien (Ego-Gruppe, Brautgeber, Brautnehmer).
Entscheidend ist hier, daß die Allianzbeziehungen nicht so sehr als Beziehungen zwischen Individuen, sondern vielmehr als Beziehungen zwischen Gruppen aufgefaßt werden müssen. Mit diesen stehen wechselseitige kollektive Ansprüche und Verpflichtungen zwischen den Allianzgruppen in Zusammenhang.

Die Verwandtschaftsterminologie spiegelt mehr oder weniger klar die Struktur des asymmetrischen Allianzsystems wider (terminologische Spezifizierung einer einzigen heiratbaren Kategorie von Verwandten; Unterscheidung in mütterliche und väterliche Verwandte etc.). Durch die "gerichtete" (indirekte) Tauschweise entstehen mehr oder weniger lange "Heiratsketten", die sich zumindest rein theoretisch irgendwann einmal schließen und Ringe bilden müssen. Obwohl sich bis jetzt nur in wenigen Fällen empirisch nachvollziehen läßt, ob und wann sich die Heiratsketten schließen, sind sie in der Literatur oft als "Heiratsringe" interpretiert worden. Die Heirat mit der matrilateralen Kreuzkusine (MBD) umfaßt auch Heiraten mit Frauen aus brautgebenden Lineages, die alle als MBD klassifiziert werden. Die patrilaterale Kreuzkusine (FZD) repräsentiert die nicht heiratbare, verbotene Kategorie (Dazu zählen auch alle genealogisch generationsgleichen Frauen der brautnehmenden Lineages). Obwohl aktuelle Heiraten von diesem vorgeschriebenen Modell abweichen können, werden diese "falschen Heiraten" so behandelt, als ob sie richtige wären, und auf diese Weise nachträglich mit der bestehenden Allianzstruktur in Übereinstimmung gebracht.

Ein patrilaterales Allianzsystem ist nur ein theoretisches Konzept und kann nach Needham [1963:270] nicht existieren. Ein solches wurde auch durch die Literatur noch nicht belegt. Keine Gesellschaft kann auf die Dauer die Regel der patrilateralen Kreuzkusinenheirat praktizieren und zu einem alleingültigen System ausbauen. Diese Kreuzkusinenheirat kann nicht selbst ein Allianzsystem begründen, sondern stellt lediglich ein "Verfahren" dar, das oft nur einen ergänzenden Charakter (funktionales Substitut für die Heirat mit der Schwestertochter etc.) innerhalb eines Systems hat. Die Trobriander sind ein klassisches Beispiel für eine Gesellschaft mit patrilateraler Präskription (d.h. die patrilaterale Kreuzkusinenheirat ist der "ideale" Heiratsmodus), die sich jedoch in der gesellschaftlichen Praxis nur in Form einer sehr geringen Heiratsfrequenz ( = Präferenz) realisiert. Die patrilaterale Präskription wird hier nur verständlich, wenn man deren Zusammenhang mit den ökonomischen und politischen Strukturen dieser Gesellschaft erfaßt.

Vorkommen:
Gesellschaften, in welchen die asymmetrische Allianz das wichtigste soziale Strukturprinzip ist, befinden sich v.a. im Raum Südostasien bzw. Indonesien:
Südostasien: Kachin, Chin u.a. in N-Burma; Purum/Manipur in Assam (Nordost-Indien)
Indonesien: Batak/Nord-Sumatra; Manggarai/W-Flores; Endeh/Mittel-Flores; Mamboru/NW- Sumba; Kédang/Solor-Archipel, Insel Roti, Dawan bzw. Atoni/W-Timor, Belu und Emma Tétun/Zentral-Timor, Mambai und Makassae/O-Timor, Tanimbar, Kai-Inseln, Leti-Inseln, Manusela und Huaulu/Mittelceram, Buru

Literatur:

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97