Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie
Inhaltsübersicht Struktur Index Kommentare About Hilfe
Geistheirat
Definition:
Das Eingehen einer ehelichen Beziehung einer Frau mit einem Verwandten eines kinderlos verstorbenen Mannes und zwar in dessen Namen, wobei die Ehe zur Erhaltung der Linie des Verstorbenen über dessen Tod hinaus rechtlich fingiert wird. Die Patrilinie wird daher durch die Heirat mit einem Geist erhalten, indem Nachkommen, die durch andere gezeugt wurden, einer unfruchtbaren Familie zugesprochen werden. Dadurch wird die Deszendenzlinie als emische Gruppe erhalten, obwohl deren Mitglieder nicht die dazu notwendige Nachkommenschaft hervorzubringen imstande sind.

Analog zur Leviratsheirat und zur Gynäogamie fallen hier pater (sozialer Vater) und genitor auseinander.

Zum übergeordneten Begriff
Verwandte Begriffe:
Verwandte Begriffe:
Beispiel: Nuer/Ostafrika

Wenn ein Mann ohne legale männliche Nachkommen stirbt, hat seine Verwandtschaft die Verpflichtung, daß aus seiner oder der folgenden Generation eine Frau im Namen des Toten geheiratet wird. Die daraus hervorgegangenen Nachkommen erhalten den Namen des Verstorbenen und werden für ihn aufgezogen, sodaß er von seinen "Söhnen" in Erinnerung behalten wird. Der biologische Vater (genitor) verhält sich seiner Ehefrau und den Nachkommen gegenüber wie jeder normale Ehemann und Vater: Er hat alle Rechte über die Ehefrau und übt Autorität über die Kinder aus. Evans-Pritchard geht davon aus, daß bei den Nuern Geistheiraten genauso häufig sind wie konventionelle Heiraten, da viele männliche Personen noch vor ihrer Eheschließung oder aber verheiratete Männer ohne männliche Nachkommenschaft sterben. In seltenen Fällen heiratet bei den Nuer ein Mann eine Frau im Namen einer toten Verwandten. Dies kommt nur dann vor, wenn man glaubt, daß der Geist der Verstorbenen Krankheiten hervorruft [Evans-Pritchard 1951:109ff].

Englisch: ghost marriage
Französisch: mariage fantôme
Literatur:

  © Lukas, Schindler, Stockinger 1993-11/10/97