Goldenes Zeitalter oder Urhorde. Entwürfe zum Anfang der menschlichen Geschichte (1983)

Die Bilder, die Menschen sich von der Menschheitsgeschichte machen, können nach mancherlei Gesichtspunkten charakterisiert werden. Eines geht von der Vorstellung aus, die man sich von den Anfängen macht, wann immer solche Anfänge angesetzt werden. Ob am Anfang die heile, schöne Welt von Göttersöhnen steht, deren Weisheit und Tugen den Menschen der Spätzeit weit überlegen ist, ob das Paradies oder die naturwüchsige Lebensweise edler Wilder. Wann immer solche oder ähnliche Bilder auftreten, gehen sie einher mit dem beklagenswerten Umstand, daß es von dieser idealen Urgesellschaft dann bergab gegangen sei mit der Menschheit bis zu einem Tiefpunkt und Neubeginn oder gar bis heute und weiter so in alle Zukunft. Einen Neubeginn sieht man etwa im Eingreifen des Herrn alles Geschehens, der eines Tages die Menschheit dezimierte bis auf eine einzige Familie, mit deren Oberhaupt - Noah - er dann einen Bund schloß, und der später nochmals einen Neubeginn setzte in einem Neuen und endgültigen Bund. Man kann einen Neubeginn aber auch erst in der Zukunft erwarten, in einer Umwälzung, einer Revolution aller wesentlichen Verhältnisse des Menschen. Alle solchen Auffassungen, ob sie von zyklischen, phasenförmigen oder kontinuierlichen, von unaufhaltsamen oder überwindbaren Niedergängen sprechen, kennen ihr Goldenes Zeitalter, kennen ihre Sehnsucht nach den Anfängen[1]: Dort gab es schon einmal natürliche Würde und Weisheit, wahres Menschentum; das Wissen davon hat sich bewahrt in den Sagen und Mythen, in der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, Unverfälschten, nach Heimat und einfachem Leben. In vielen Bildern und Gedanken ist diese Sehnsucht wirksam bis in unseren Alltag: Wo in der Renaissance vom "Mikrokosmos" gesprochen wird, im achtzehnten Jahrhundert vom "edlen Wilden", da denkt man an ursprünglich verwirklichte Idealzustände, die sich durch individuelles oder kollektives Vergehen verflüchtigt haben oder doch sich verflüchtigen können. Die Blut- und Boden-Mythen unserer jüngsten Vergangenheit bringen dies ebenso zum Ausdruck wie die Ursprünglichkeitsträume der Hippiebewegung.

Dem allen gerade entgegengesetzt ist die andere Tendenz, eine Entwicklung, ein Fortschreiten im Verlauf der Zeit zu sehen, so daß aus rohen, tierischen Anfängen sich nach und nach Kulturen, Künste, Wissenschaften, verfeinerte Lebensformen und Bildung entwickeln konnten. Zwar gibt und gab es auch unter dieser Annahme immer wieder die Vorstellung von Fehlentwicklungen, Rückschritten und Zerfall. Aber auf keinen Fall werden die anfänglichen Stadien solcher Entwicklung als insgesamt den späteren Stadien überlegen angesehen. Auch diese Auffassung ist in vielen Bildern wirksam, sie ist uns so selbstverständlich geworden, daß das Erinnern daran schon ganz trivial ist: Eltern sprechen davon, daß ihr Kind "es einmal besser haben soll" (und glauben natürlich, daß dies, wenn nichts Störendes dazwischenkommt, der natürliche Verlauf der Dinge sei); veraltete Lebensformen sind gewiß nicht den zeitgemäßen vorzuziehen; neuzeitliche Methoden und Erfindungen lassen sich verkaufen; die Menschheitsentwicklung findet auf allen Gebieten statt, auch die Entwicklungsländer werden, wenn alles gut geht, den Anschluß an die moderne Zeit finden. Fast endlos ließe sich hier fortfahren mit Sprachbildern, die so selbstverständlich sind, wie gläubiges Sprechen es in der Regel ist. Der Glaube, der hier zum Ausdruck kommt, setzt voraus, daß unsere Anfänge roh, überwindenswürdig, nicht lebenswert waren. Von der Urhorde zu uns war meistens wesentlich: der Fortschritt.

Beide genannten Geschichtsbilder haben ihre ehrwürdigen Wurzeln: traditionelle Wurzeln einerseits, also überlieferte Denkweisen, die eine Generation der nächsten einprägt; sachliche Wurzeln andererseits, also Gründe in den Ereignissen und Bewegungen, die wirklich geschehen sind und die erinnert werden. Versetzen wir uns einmal - nur für ein paar Minuten - in die Situation eines Beobachters, der nicht selbst an den Fortschritt glaubt und auch nicht an einen Rückschritt, sondern der solche Auffassungen vorfindet und nun gerne herausfinden möchte, was für die eine, was für die andere spricht und ob überhaupt für eine der beiden so gute Gründe vorgebracht werden können, daß man sie übernehmen müßte. Vielleicht werden wir am Ende nicht viel klüger sein, was die Frage selbst angeht; wir werden aber hoffentlich genauer wissen, was für eine Rolle solche Vorstellungen, Gedanken, Glaubensinhalte für unser Bild von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen.

Die Vorstellung vom Goldenen Zeitalter

Wenden wir uns zunächst der Tradition der Vorstellungen von einem Goldenen Zeitalter zu, so werden wir feststellen müssen, daß es in den schriftlichen Äußerungen unserer europäischen Vergangenheit in früheren Epochen eine größere Rolle spielt als sein Gegenbild.[2] In Schöpfungsgeschichten finden wir die Erzählung von einem glücklichen Urzustand, einem Paradies. Hesiod (um 700 v. Chr.) systematisiert den griechischen Götterglauben und berichtet uns vom anfänglichen Idealzustand der Menschheit. Platon (427-347 v. Chr.) greift auf sehr alte, längst vergangene Zeiten und Völker, die Atlanter, zurück, um die Idealgesellschaft zu beschreiben. Ovid (43 v. Chr.-18 n. Chr.) wiederholt den Mythos vom Goldenen Zeitalter[3], und Horaz (65-8 v. Chr.) spricht in eindrucksvollen Versen vom Verfall römischer Zucht und Stärke, von trüben Aussichten für die Enkel. Juden und Christen deuten ein Traumbild aus dem Buche Daniel als Prophezeiung für eine absteigende Reihe von Weltreichen.[4] Die "Theorie des gegenwärtigen Zeitalters", wie wir sie in der Spätantike vorfinden, qualifiziert diese Gegenwart überwiegend als das "Greisenalter" der Welt; so schon Tacitus (um 55-um 116), so auch Augustinus (354-430). In jeder Renaissance lebt das Bewußtsein, daß es einmal eine Höhe der Zeit gegeben habe - auch wenn man diese nicht an den Beginn der Menschheitsgeschichte setzt -, die in allem klassisch, unübertrefflich, nachzuahmen sei. So geht noch lange in der Neuzeit der Streit der "moderni" (der Fortschrittlichen) mit den "antiqui" (den Alten). Ein später "antiquus" ist wohl Jean-Jacques Rousseau (1712-1778): Ihm geht zwar Michel Eyquem de Montaignes (1533-1592) Wort vom "edlen Wilden" nicht mehr so leicht über die Lippen, aber er beantwortet dennoch die Frage, ob die Entwicklung der Menschheit einen Fortschritt zeige, hinsichtlich der Sitten und Lebensformen mit einem klaren Nein. Die Ungleichheit der Menschen, am deutlichsten sichtbar in den reichen, kultivierten, aber verkommenen Salonmenschen und ihrem Kontrast zu den schlichten, aber armen Bauern, begann nach Rousseau, als zum erstenmal einer einen Grenzpfahl setzte und sagte: "Dies ist mein Land!" - und die anderen ihm glaubten und nachtaten. Um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert sind die Europäer durchaus gespalten in unserer Frage: Friedrich Schiller (1759-1805) beschreibt einen dumpfen, aber glückseligen Urzustand, dessen Geborgenheit gleichwohl aufgegeben werden mußte, um die kultivierte Humanität des aufgeklärten Weltbürgers nach langer Zeit der Barbarei, des Aberglaubens und Fanatismus möglich zu machen.[5]

Das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert bringen, so scheint es, wenig neue Bilder von einem Goldenen Zeitalter, aber die Vorstellung davon geht deshalb doch keineswegs verloren: in der Urgesellschaft, wie Karl Marx (1818-1883) sie sieht, gibt es durchaus Elemente, die im idealen Endzustand der Menschheit wiederum erhofft werden - das Fehlen aller Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen durch Menschen, die unmittelbare Produktion-Konsumation, keine Entfremdung des Menschen von seinem Produkt, seiner Wirklichkeit, keine Entfremdung von anderen Menschen. Und schließlich gibt es nun nationale Goldene Zeitalter, klassische Epochen der Vorzeit, in denen das eigene Volk, die eigene Rasse, unvermischt und echt ihre eigene, unsere Ideal-Lebensform schon einmal verwirklicht hat. Denken wir noch an Johann Jakob Bachofens (1815-1887) These vom Matriarchat und an Ernest Bornemanns Vergegenwärtigung dieser These, so haben wir durchaus Bilder einer vergleichsweise heilen, gerechten Vorzeit, die wir durch gänzliche Abkehr von entmenschlichenden Lebensformen, durch Überwindung von Ausbeutung, von Herrschaft des einen Geschlechts über das andere erst wieder erringen müssen. Auf Unmittelbarkeits- und Echtheitsprogramme, wie sie unter anderem in der Bewegung der "Flower People", der "Blumenkinder", zum Ausdruck gekommen sind, wie sie in neuen Familien- und Gruppenformen, aber auch in manchen bewußten Primitivismen der Kunst, Agrikultur, Erziehung und so fort[6] sichtbar werden, braucht nur hingewiesen zu werden, um die Gegenwart des Bildes von einem Goldenen Zeitalter auch in unseren Hirnen und Herzen zu erkennen.

Nun sind diese angeführten und unzählige andere Bilder sicher vielfältiger Natur. Was sollen wir als das Wesentliche der Bilder von einer Goldenen Urzeit festhalten, was ist der Inhalt der Bilder? Wir werden uns diese Frage stellen müssen, wie wir dieselbe Frage auch bei den Bildern des Fortschritts[7] stellen müssen, um die Wirksamkeit und die Wirkweise jedes dieser Geschichtsbilder verstehen zu können.

Selten nur finden sich in der Tradition Aussagen darüber, daß die erste Zeit in allem der Gegenwart überlegen gewesen sei. Zumeist handelt es sich um recht herbe Utopien des Vergangenen, die da entworfen werden. Aber immerhin, zumindest bei antiken Zeugen finden sich Bilder eines nicht nur gerechten, tugendhaften, sondern auch eines angenehmen Lebens, das die Menschen in der Vorzeit geführt hätten. Die Menschen des Goldenen Zeitalters, wie Hesiod und Ovid sie schildern, hatten süße Früchte im Überfluß, sie darbten nicht und starben in hohem Alter.[8] Das Paradies der Bibel bietet in Fülle, wessen der Mensch bedarf - allerdings bedarf er nicht vieler Dinge, etwa keiner Kleider. Noch in Hartmann Schedels "Weltchronik" von 1493 lesen wir, daß Adam auch alles Wissen und alle Weisheit besessen habe, daß also auch hierin ein Rückschritt stattgefunden habe. Allerdings seien erst einige Generationen nach Adam die Menschen in die Hoffart der Augen, der Ohren und des Fleisches verfallen, so daß die Kinder Lamechs die Künste des Schmiedens, Webens, der Musik und ähnliches erfanden. Ein Schlaraffenland ist also das Goldene Zeitalter auch hier nicht: Die Menschen hatten im Überfluß, aber sie brauchten beinahe nichts. So ist die Steigerung der Bedürfnisse und deren immer raffiniertere Befriedigung sicher nicht, was wir im Goldenen Zeitalter suchen dürfen. Was also war es, weswegen die Menschen sich zurücksehnen, wenn weder Konsum noch Kunst und Kultur dort zu finden sind?

Mir scheint, in seinen "Metamorphosen" sagt Ovid treffend, was alle rückwärtsgewandten Utopien enthalten: Es war eine Zeit, in der jeder, ohne Gesetz und Richter, tat, was richtig und gut war. Nicht Mißtrauen, nicht Habgier, nicht Dummheit oder Neid bestimmten das Handeln der Menschen (nicht einmal den Tieren gegenüber braucht man Vorsicht walten zu lassen, man vergleiche Genesis und Jesaias), niemand hat Grund oder Lust, einem anderen zu schaden, und niemand hat ein Bedürfnis, dessen Befriedigung faktisch jemandem schaden würde, auch wenn er selbst diesen Schaden nicht wollte. Es ist, so scheint es, nicht eine Qualität der äußeren Welt allein, die das Leben in dieser goldenen Zeit so überlegen macht, es ist nicht in erster Linie diese äußere Welt: Es ist die Struktur der Gesellschaft, die der Natur des Menschen so genau entspricht, und es ist diese Natur, deren Bedürfnisse so genau auf die Umwelt abgestimmt sind, daß kein Mißton, kein Unbehagen, keine Krise des Lebens auftritt. Dies, so scheint mir, findet sich als Kern in allen Bildern von Goldenen Zeitaltern - und immer ist die große Frage, warum und wie diese Einheit verlorenging, ob und wie sie wiederhergestellt werden könnte.[9]

Das Bild vom Fortschritt

Wenden wir uns nun den Vorstellungen zu, die von einer anfänglichen Urhorde ausgehen und die einen Fortschritt in der Geschichte sehen. Sie sind jünger, so scheint es, was heißt, sie sind vor allem europäischer Herkunft. Denn sie verbreiten sich zuerst in Europa und lösen nun allenthalben die alten Vorstellungen anderer Kulturen ab. Sie haben also etwas sehr Überzeugendes, zumindest in der Epoche der Geschichte, die unser Gegenwarts- und Zukunftsdenken wesentlich prägt. Frühe Zeugnisse dafür, daß die Vorstellung von der goldenen Zukunft, vom "Gelobten Land" in Konkurrenz zur goldenen Urzeit tritt, finden sich schon in den heiligen Schriften des Judentums, sie wirken fort in den chiliastischen Bewegungen des Mittelalters, in der Abkehr von dem Schema, wonach die Gegenwart das Greisenalter der Welt sei.[10] Aber dies ist ein Fortschritt, der sozusagen von außen kommt, den nicht die Menschen selber machen, sondern den Gott ihnen aufdrängt. Bei Jean Bodin (um 1530-1696), dem Rechtsphilosophen des "guten Königs" Henri-Quatre von Frankreich und Navarra, finden wir bereits ganz Vertrautes: Zwischen der Zeit des antiken Rom und der Gegenwart gibt es auf vielen Gebieten Vergleichspunkte, und sie alle sprechen für die Überlegenheit der Gegenwart. Aus der Sommerschiffahrt auf dem Mittelmeer ist ein Weltverkehr geworden, das Kriegsgerät der Alten war vergleichsweise Kinderspielzeug, Wissenschaften wie die Astronomie und Geographie haben antike Kenntnisse weit überrundet, an die Stelle von blutigen Gladiatorenkämpfen ist die verfeinerte Form des öffentlichen Gelehrtendisputs getreten, der Buchdruck ist mit nichts in der alten Welt vergleichbar.

So gibt es für Bodin zweifellos einen Fortschritt, und wo dieser ausgesetzt hat, wird man bald von einer Zwischenzeit, einem "Mittelalter" sprechen. Es ist beinahe müßig, die vielen Zeugen anzuführen, von Giambattista Vico (1688-1744)[11] über die Aufklärung bis hin zu Jean-Antoine-Nicolas de Condorcets (1743-1794) berühmtem "Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes"[12], der das Bewußtsein der Generation wiedergibt, die eine Revolution im Namen der endlich befreiten "Göttin Vernunft" zu unternehmen glaubte und so sicher war, eine neue Epoche einzuleiten, daß sie mit dem Zählen der Jahre von neuem begann. Wir befinden uns in der Epoche der Fortschrittsgläubigkeit, und überall findet sich nun Bestätigung dafür, daß es aufwärtsgeht: Auguste Comte (1798-1857) gliedert die Geschichte der Menschheit gemäß ihrem stufenweisen Abrücken von Aberglauben und Religion,13 und Georg Wilhelm Friedrich Hegel sieht ein fast zwanghaftes Weiterschreiten des Geistes in der Geschichte, sein Zur-Einheit-Kommen.[14] Charles Darwin (1809-1882) entdeckt, daß die Tierarten sich aus primitiven zu immer komplexeren Formen entwickelt haben, daß schließlich der Mensch entstanden ist in unvorstellbaren Zeiträumen, im Abrollen unzähliger Generationen, die alle ein bißchen dazu beigetragen haben, die heutige Höhe der Menschheit zu bilden.

Das Universum der Zeit weitet sich plötzlich in einer unvorstellbaren Weise, genauso wie sich einige Jahrhunderte früher das Universum des Raums geweitet hat, nachdem die Erde zum Trabanten einer Sonne degradiert war. Wissenschaften von der Gesellschaft entstehen und machen den Fortschritt meßbar: Noch in unseren Tagen argumentieren Politiker mit Wachstumsraten von Volkswirtschaften - Kalkül des Fortschritts. Zwar gibt es Ernüchterungen, die nicht leicht überwunden werden: zwei Weltkriege, Völkervernichtungen in "fortschrittlichster" Manier, Wiederaufleben von Folter und Terror.[15] Der allgemeine Fortschritt ist nicht mehr, was er einmal war. Aber das bedeutet nicht, daß wir heute nicht mehr an den Fortschritt glauben würden; wir haben nur die Bereiche eingeschränkt. Mag sein, daß im Seelenleben der Menschen, im Aggressionsverhalten der Staaten, in der Zufriedenheit der Menschen nicht so eindeutige Fortschritte stattfinden. Das hindert nicht, daß im Namen des Fortschritts Atomkraftwerke gebaut, noch mehr und schnellere Verkehrsmittel entwickelt werden. Fortschritt findet nach wie vor überall dort statt, wo irgendein Bedürfnis noch nicht vollständig befriedigt ist und wo es in irgend jemanden Macht liegt, es zu befriedigen. Erst gab es Fernsehgeräte in Schwarz-Weiß, dann gab es sie in Farbe, und bald wird es sie mit dreidimensionalen Farbbildern geben. Der meßbare und berechenbare Fortschritt ist es, was überzeugt. Und selbst die Atheisten der Fortschrittsreligion tun sich schwer, zu leugnen, daß es besser ist, wenn man nicht mehr an einem Blinddarmdurchbruch oder an einem eiternden Zahn zu sterben braucht, wenn die Lebenserwartung auch in den Entwicklungsländern steigt und keine Cholera- oder Pockenepidemie mehr zu befürchten ist. Unser Fortschrittsbild hat Risse bekommen, aber wir denken nicht daran, es aufzugeben. Und die Menschen der Dritten Welt, aber auch die Menschen der "fortschrittlichsten", weil "sozialistischen" Gesellschaften tun dies noch viel weniger, wenn man Berichten und Produktionsziffern glauben darf.[16]

Das Wesentliche an den Fortschrittsbildern scheint nun in den meisten Fällen etwas ganz anderes zu sein als bei den Vorstellungen vom Goldenen Zeitalter: Der Fortschritt ist meßbar und sichtbar im Verhältnis zu den entwickelten Formen menschlicher Lebensbedürfnisse und der Möglichkeit zu deren Befriedigung. Es können im übrigen diese Bedürfnisse ganz unterschiedlicher Natur sein - wie das bei Angehörigen verschiedener Zivilisationen ganz sicher der Fall ist, wie es aber auch bereits bei Mitgliedern verschiedener Schichten in ein und derselben Gesellschaft vorkommt -, wesentlich ist nur, daß Bedürfnisse in immer steigendem Maße befriedigt werden können. Hier ist freilich ein Idealzustand niemals in der Vergangenheit oder in irgendeiner Gegenwart erreicht. Es mag für einzelne zwar vorkommen, daß sie "zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön", aber dies gilt nie für Gesellschaften. Der Grund ist einfach und jedem bekannt: Wir können uns immer noch raffiniertere Abwandlungen unserer Bedürfnisse vorstellen, so daß schlechterdings der Zustand nie eintreten wird, daß neue Bedürfnisse nicht mehr entstehen und alle bestehenden befriedigt sind. Schon der Umstand, daß es "Güter" wie das Prestige gibt, die grundsätzlich nicht vermehrbar oder unendlich reproduzierbar sind - im Gegensatz etwa zu Kleidern, bei denen aber dann auch wieder das Bedürfnis nach Einzelstücken auftritt -, verhindert dies. Daher können wir uns einen unendlichen Fortschritt vorstellen, dessen Ziel allerdings immer nur annäherungsweise erreicht wird. Es gibt zwar einen Zweig politischer Literatur, die utopische Literatur, worin versucht wird, einen Zielpunkt solchen Fortschreitens zu schildern, aber diese Schilderungen stellen sich immer wieder im einen oder anderen wichtigen Punkt als gar nicht wünschbar heraus. Wir können uns das perfekte Traumland nicht vorstellen, weil wir schlechterdings nicht wissen, welche Bedürfnisse wir auf dem Weg dorthin noch entwickeln und welche Mittel zu deren Befriedigung wir noch ersinnen werden.

Wir können also vielleicht das Wesentliche an den Fortschrittsbildern so bestimmen: Unsere gegenwärtigen Bedürfnisse werden als das höchste bisher erreichte Stadium menschlicher Umweltbegegnung betrachtet, und da sie zu anderen Zeiten - mit anderen technischen, politischen, künstlerischen Mitteln - nicht zu befriedigen waren, stehen wir auf der Höhe der bisherigen Menschheit. Wir lassen dabei zwar außer Betracht, daß unser Maßstab sofort nicht mehr gilt, wenn wir anderen Arten von Bedürfnissen begegnen (wenn z.B. jemand einer schnellen Ortsveränderung gleichgültig oder abweisend gegenübersteht, kann man kaum davon sprechen, daß er die massive Verwendung von Autos und Flugzeugen für einen Fortschritt halten sollte). Wir lassen auch außer Betracht, daß wir im Grunde nie wissen, wohin der Fortschritt führen sollte (da wir die Bedürnisse, an denen die Menschen in einigen Generationen ihr Wohlbefinden messen werden, nur sehr vermutungsweise erraten, wie beispielsweise Zukunftsbilder vergangener Jahrhunderte uns lehren sollten). Aber wir glauben doch, daß unsere Träume Menschheitsträume sind und daß wir besser in der Lage sind, sie uns zu erfüllen als frühere Generationen dazu in der Lage waren.

Der Wechselbezug der Geschichtsbilder

Stellen wir uns die beiden Geschichtsbilder nun noch einmal gegenüber und überlegen wir, welches mehr Überzeugungskraft hat oder ob sie nicht gar miteinander vereinbar sind. Sie scheinen einander ja zumindest nicht auszuschließen, da sie doch unterschiedliche Aspekte der Geschichte und des gegenwärtigen Selbstverständnisses betreffen. Tatsächlich finden wir beide Bilder kombiniert in der Geschichtsauffassung von Marx: Von der Urgesellschaft zur kapitalistischen Gesellschaft der Gegenwart findet ganz zweifellos ein gewaltiger Fortschritt statt, wenn man die Produktionsweisen, Technik und Wissenschaft betrachtet. Gleichzeitig aber hat die Arbeitsteilung, die diesen Fortschritt möglich und zwangsläufig machte - jeder qualitativen Veränderung auf dem Gebiet der Produktion von Gütern, auf dem Gebiet der Umweltbeherrscheung entspricht auch eine Veränderung der Arbeitsteiligkeit der Gesellschaft -, zu einer Lebensweise geführt, in der die einzelnen Menschen nicht mehr als Menschen, sondern nur mehr als Bestandteile eines immer besser funktionierenden Produktionssystems vorkommen. Daher wird eine idealere Gesellschaft der Zukunft hinsichtlich des Verhältnisses des einzelnen zu seinen Produkten, zu dem, was er hervorbringt, viel eher mit dem Zustand in der Urgesellschaft vergleichbar sein als mit dem Zustand in der kapitalistischen Gesellschaft. Da dies nicht die Quantität oder die Qualität der Konsumgüter betrifft, findet in dieser Hinsicht weiterhin ein Fortschritt statt. Nur kulminiert das System menschlicher Bedürfnisse eben nicht im Konsum, sondern in einer akzeptierbaren, menschlichen Form von Herstellung, Verteilund und Genuß der Güter.

Zumindest in dieser Marxschen Form also scheinen die beiden Ideal-Geschichtsbilder von Goldener Urzeit einerseits und Fortschritt seit der Urhorde andererseits in einer Synthese zusammengefaßt zu sein. Überlegen wir uns nun weiter, auf welche Faktoren, welche Gründe wir ein Überwiegen des einen oder des anderen Geschichtsbildes zurückführen können, wobei wir jetzt die Gründe in Phänomenen, nicht mehr in Traditionen suchen wollen.

Max Scheler (1874-1928) hat versuchsweise einmal zehn Denkarten unterschieden, die jeweils der Unterklasse beziehungsweise der Oberklasse einer Gesellschaft zukämen. Es wird dabei angenommen, daß Veränderungen, Umschichtungen in jeder Gesellschaft stattfinden und daß Teile der gegenwärtigen Unterklasse die zukünftige Oberklasse bilden werden und umgekehrt. Nun schreibt Scheler der Unterklasse unter anderem zu, sie habe in der Regel optimistische Zukunftsvorstellungen und pesssimistische Retrospektiven, wogegen die jeweilige Oberklasse pessimistische Zukunftsperspektiven und positive Retrospektiven entwickle. Damit hänge zusammen, daß die jeweilige Unterklasse der Zukunft einen größeren Wert zumesse als der Vergangenheit, wobei wieder in der Oberklasse ein Wertretrospektivismus zu beobachten sei. Man weiß, wie viele Ausnahmen solche Regeln zulassen müssen, das soll uns aber nicht hindern, die Sache doch zu überlegen. Es könnte sich für unser Verständnis von Geschichte mehreres daraus ergeben: Wenn Schelers Hinweis mindestens in der Regel stimmt, so ließe sich untersuchen, welches Publikum positive beziehungsweise negative Zukunftsschilderungen am ehesten ansprechen; es ließe sich zeigen, welchen Intentionen die Auswahl und Darstellung der Historie entspringt, die in Schulen gelehrt wird; und schließlich ließe sich fragen, welche der beiden Sichtweisen hellsichtiger macht und ob nicht vielleicht doch meistens die Besiegten schärfere Augen für die Gründe des Geschichtsverlaufs haben als die Sieger. Wahrscheinlich kann man Geschichtswerke und Schulen der Geschichtswissenschaft sogar danach beurteilen, ob sie voraussetzen, daß Geschichte betrieben werden muß, weil Höchstformen menschlicher Existenz bereits früher einmal verwirklicht waren - die wir nicht mehr praktizieren, sondern nur in Museen bewundern -, oder ob sie von der anderen Voraussetzung ausgehen, daß Geschichte im wesentlichen betrieben werden soll als ein Mittel zur Vermeidung gegenwärtiger und künftiger Irrtümer. Grob gesprochen repräsentiert der Historismus des vorigen Jahrhunderts, aber auch der Strukturalismus der Gegenwart die erste Tendenz, wogegen marxistische Geschichtswissenschaft weitgehend im Dienst der zweiten Intention steht.

Realität und Bewertung der Veränderung

Stellen wir uns die Frage nach der Realbezogenheit der beiden kontrastierenden Vorstellungen, so ist schwer zu antworten. Die Geschichte der Menschheit scheint in der Tat ein Wald zu sein, aus dem es herausschallt, wie man in ihn hineinruft. Beide Vorstellungen sind, so müssen wir zunächst einmal sagen, Idealbilder, die die Funktion haben, unser Handeln und Denken in eine bestimmte Richtung zu lenken: Ob wir einen ursprünglichen Idealzustand wiederherstellen oder einen zukünftigen schaffen wollen, hängt zwar damit zusammen, was wir für wirklich oder auch nur für möglich halten. Aber die Frage, ob es in früheren Zeiten der Menschheit tatsächlich einen Zustand gegeben hat, der dem unsrigen vorzuziehen ist, kann nur mit einer Wertung beantwortet werden. Halten wir die beherrschende Distanz zur Natur, die Möglichkeiten verfeinerten Konsums für ein sehr hohes Gut, so werden wir wenig Ursache haben, früheren Verhältnissen nachzutrauern. Die Verfechter des einfachen Lebens können ja auch nicht leugnen, daß die uns bekannte und von uns zur Kenntnis genommene Geschichte von zunehmendem Raffinement - mit gelegentlichen Unterbrechungen - gekennzeichnet ist. Sie wollen dies gar nicht leugnen, sie halten lediglich dafür, daß dies eine Entfernung vom wahren Menschentum sei, nicht eine Näherung an dasselbe. Umgkehrt müssen Anhänger des technischen, wissenschaftlichen, kulturellen Fortschrittsglaubens zumindest gestehen, daß es eine Verselbständigung von Entwicklungen gibt, die ihre Urheber nicht gewollt haben, nicht wollen konnten. Im Zeitalter atomarer Vernichtungswaffen ist das trivial, aber es zeigt sich durchaus auch an anderen, uns nicht mehr so augenfälligen Prozessen.

Denken wir etwa an die Erfindung des Buchdrucks, so werden wir geneigt sein, in beinahe jeder Hinsicht von einer Errungenschaft zu sprechen - die Kommunikationsmöglichkeiten wurden in gewaltiger Weise gesteigert. Denken wir etwas weiter und nehmen die allgemeine Schulpflicht und Erfindungen wie die Rotationspresse dazu, so könnten wir annehmen, daß das Gespräch zwischen den Menschen, die gegenseitigen Anregungen, der allgemeine Witz, die Weisheit und schöpferische Kraft der Mesnchen sich im selben Maß fortbilden und immer breitere Bewegungen bilden. Dies ist aber nicht unbedingt eingetreten: Man kann durchaus sagen, daß sehr viele Menschen die Fähigkeit des Lesens in sehr vielen Fällen, wenn nicht überwiegend, entweder zu bloß beruflichen Zwecken oder zu Zwecken benutzen, die mit Geist, Phantasie, schöpferischem Denken, kritischem Bewußtsein und dergleichen sehr wenig zu tun haben. Die Existenz und die Blüte der auflagenstärksten Presseprodukte läßt dieses Urteil zu. Hat man denn eine allgemeine Schulbildung dazu einführen wollen, damit die Leute irgendeinen Unsinn über Filmstars, königliche Familien oder Sportkanonen verschlingen? Darüber hinaus gibt es neuerdings auch deutliche Anzeichen dafür, daß das Angebot an Informationen, wie es die visuellen und akustischen Medien bieten, nicht mehr sinnvoll verarbeitet und Teil einer Kommunikation werden kann, sondern immer mehr zum Wegwerfartikel verkommt.[17] Auf vielen Gebieten menschlichen Tuns hat es ohnehin wenig Sinn, von einer Überlegenheit heutiger Formen gegenüber vorgeschichtlichen Formen, soweit wir sie rekonstruieren können, zu sprechen. Die Bilder von Altamira, die Reliefs von Malta, Dichtungen, wie sie dem Hohen Lied, dem Sonnengesang Echnatons oder den Epen Homers wohl auch vorangegangen sein werden, brauchen keinen Vergleich mit heutiger Lyrik oder Epik zu fürchten. Von den Kathedralbauten des Mittelalters zu heutiger Architektur findet ein eindeutiger Fortschritt nur insofern statt, als man Statik und Technik betrachtet. Wir könnten lange mit solchen Vergleichen fortfahren, Großfamilien mit Kleinfamilien vergleichen, Mozart und Schönberg gegenüberstellen, wir würden keine Kriterien finden, die uns sagen ließen: Es geht stetig fort von der Urhorde bis in unsere Zeit, es geht voran mit der Menschheit. Veränderungen finden natürlich statt, und zum Teil sind sie auch von den Betroffenen gewollt. Zum Teil aber sind sie nicht gewollt, und zu einem guten Teil kann man im vorhinein nicht wissen, worauf sie hinauslaufen, und kann sie doch nicht, wenn unerwünschte Folgen sich einstellen, einfach rückgängig machen. Mit anderen Worten: Der Fortschritt ist nicht gänzlich planbar, Fehlentwicklungen sind nicht gänzlich korrigierbar, das Subjekt der Geschichte selbst ändert sich mit den Veränderungen seiner Umwelt und seiner Lebensbedingungen.

Vom naiven Bild zur fundierten Überlieferung

Wenn wir uns nun die Frage stellen, was an den beiden Denkweisen eigentlich dran sei, so müssen wir darauf achten, daß wir es mit einer zwiespältigen Frage zu tun haben. Einmal können wir danach fragen, welchen Wahrheitswert wir den Erzählungen zugestehen dürfen, die uns von einem Goldenen Urzeitalter oder aber von einem Fortschritt, ausgehend von Urhorden, berichten. Zweitens können wir damit aber auch nach der Rolle fragen, welche diese Grundbilder für unsere Einstellung zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit spielen.

Verstehen wir die Frage im erstgenannten Sinn, so müssen wir sagen, daß die Vorstellungen von einer goldenen Urzeit sich zumindest in früherer Zeit auf geradezu lächerliche Kenntnisse von der Frühgeschichte der Menschheit gestützt haben. Es ist für einen Menschen der Gegenwart mit durchschnittlicher Schulbildung beinahe nicht mehr vorstellbar, daß noch vor zweihundert Jahren der gesamten Menschheitsgeschichte eine Dauer von höchstens zehntausend Jahren zugemessen wurde.[18] Auch nachdem man aufgegeben hatte, das Alter der Erde und der Menschheit mit Hilfe der aus der Bibel herausgelesenen Chronologie zu bestimmen, war man noch lange nicht fähig, sich einen so unendlich weiten und an bekannten Ereignissen beinahe leeren Zeitraum einer Vorgeschichte vorzustellen, wie ihn vergleichsweise das kopernikanische Denken mit dem unvorstellbar großen und ebenso leeren Weltraum bereits einige Zeit früher kannte. Im Grunde dürfte es uns auch heute noch schwerfallen, uns die Zeiträume der Vergangenheit, die wir erschlossen haben, einigermaßen vorzustellen: die unzähligen Generationen, die etwa in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum von 100 000 Jahren aufeinander gefolgt sind, den wir großzügig als Altsteinzeit bezeichnen und während dessen Verlauf, wenn unsere Funde nicht trügen, im Gebiet des heutigen Frankreich nicht viel mehr als vier verschiedene Typen von Faustkeilen entwickelt wurden. Man kann sich also vielleicht alle 20 000 bis 25 000 Jahre eine größere Erfindung mit technischer Überlegenheit, Generationenkonflikt und dergleichen vorstellen. Zieht man die Zeitstreifen, wie sie in vielen Geschichtsbüchern im Anhang beigegeben sind, einmal so auseinander, daß immer derselben Zeitspanne der gleiche Abstand entspricht, so sieht man erst, wie leer dieser Raum der Vorgeschichte auch für uns heute noch ist. Die kosmetische Anpassung des Maßstabs, die in derartigen "anschaulichen" Tabellen oft ein Jahrhunderttausend der Vorgeschichte auf den selben Platz zusammendrängt, wie ein Jahrzehnt der Neuzeit - was ja durchaus geht, weil der Platz zum Einschreiben der bekannten Ereignisse ausreicht -, könnte wohl auch heute noch auf eine Scheu zurückgehen, die wir vor solcher Leere - im Raum wie in der Zeit - empfinden.

Trotz dieser auch heute noch vergleichsweise bescheidenen Kenntnisse über den allergrößten Teil der Vergangenheit der menschlichen Art ist uns doch vieles daran durch die Entdeckungen etwa der experimentellen Archäologie, der vergleichenden Ethnologie und anderer Wissenschaften bekannt und nimmt von Jahr zu Jahr bestimmtere Züge an. Dies gilt aber nicht nur für den Bereich der Vorgeschichte, sondern auch für den Zeitraum seit dem Auftreten großer Kulturen: Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Masse, in der alten Geschichtsschreibung bis beinahe zum Historismus kaum beachtet und wenig bekannt, werden aus den mannigfaltigsten Zeugnissen rekonstruiert. Ein naives Geschichtsbild von einer goldenen Frühzeit, wie wir es in der Antike oder auch in religiösen Vorstellungen bis in die Neuzeit vorfinden, können wir daher heute einfach nicht mehr für zutreffend halten.

Damit ist freilich nicht gesagt, daß am Leben der Horden edler und weniger edler Wilder, als die wir jetzt unsere Vorfahren sehen, lediglich Überwindenswertes festzustellen sein müßte. Gerade auch die Zwiespältigkeit unserer technischen und organisatorischen Errungenschaften läßt uns Ausschau halten nach alten Überlieferungen, in denen etwas von einem erfüllteren, menschlicheren, natürlicheren Leben zu spüren ist, als unsere verwissenschaftlichte Gegenwart es zuläßt. In diesem Sinn wird das Bild eines oder mehrerer Goldener Zeitalter, in denen ansatzweise zumindest schon einmal verwirklicht wurde, wonach zu streben sich lohnt, immer eine wesentliche Rolle bei der Betrachtung der Geschichte spielen. Schließlich ist es ja doch auffallend, daß gerade unsere Zeit wie keine Epoche vorher alles mögliche an Relikten der Vergangenheit sammelt, liebevoll zusammenstellt und ins beste Museumslicht rückt: Wollte man damit nur zeigen, wie wir es doch "so herrlich weit gebracht" haben, so wären unsere Museen, Bildbände, Ausstellungen ganz verkehrt eingerichtet. Denn darin zeigen wir, was schon einmal und immer wieder an Herrlichem unter ganz anderen Bedingungen als den unseren geschaffen worden ist; die Scherben aus antiken Abfallplätzen stehen unseren Konservendosen wohl kaum nach.

Die Rolle, welche die Vorstellung von Goldenen Zeitaltern in unserem Bewußtsein spielt, ist nicht zu unterschätzen, wenn man die gewaltigen Anstrengungen betrachtet, die wir unternehmen, um vergangene Lebensformen zu entdecken und ins Bewußtsein zu rufen. Dieses Bemühen kann allerdings unterschiedlichen Zielen dienen: Es kann sowohl Ausdruck rückwärtsgewandter als auch Ausdruck vorwärtsgewandter Sehnsucht sein. In beiden Fällen haben wir es mit Erinnerung zu tun. Im ersten Fall erinnern wir uns an eine schöne Vergangenheit, das Gefühl schon einmal verwirklichter, nun aber vergangener Größe. Im andern Fall erinnern wir eine oder viele mögliche Gegenwarten und Zukünfte: schon einmal verwirklichte und immer wieder anzustrebende Größe. Die Geschichte, wie wir sie auch betrachten, konfrontiert uns mit uns selber. Und je nach dem Bild von uns, von unserer Gegenwart und Zukunft, unserem Wollen und Wünschen wandelt und gestaltet sich zum einen unsere Betrachtung der Geschichte, zum andern unser Urteil darüber, in welchem Sinn wir im Prozeß geschichtlicher Veränderung mitwirken.

Literatur

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Löwith, K.: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie. Stuttgart. 4. Aufl. 1961

Rapp, F.: Fortschritt. Entwicklung und Sinngehalt einer philosophischen Idee. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1992

Rousseau, J.-J.: Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen. In J.-J. Rousseau: Sozialphilosophische und Politische Schriften. München 1980

Schedel, H.: Weltchronik. Gedruckt bei Anton Koberger zu Nürnberg. Reprint der Ausg. 1493. Grünwald bei München 1976

Scheler, M.: Probleme einer Soziologie des Wissens. In: M. Scheler (Hg.): Versuche zu einer Soziologie des Wissens. München 1924

Servier, J.: Der Traum von der großen Harmonie. Eine Geschichte der Utopie. München 1971

Seypel, J.: Dekadenz oder Fortschritt? Schlehdorf 1951

Wittram, R.: Das Interesse an der Geschichte. Zwölf Vorlesungen über Fragen des zeitgenössischen Geschichtsverständnisses. Göttingen 1968

Zimmermann, A. (Hg.): Antiqui und Moderni. Traditionsbewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten Mittelalter. Berlin, New York 1974

[*]Zuerst in: Norbert Loacker, Hg.: Geschichtlichkeit. (=Enzyklopädie: Der Mensch, Bd.5/2), Zürich: Kindler 1983, S. 232-237. Der Text ist hier unverändert, jedoch sind Anmerkungen eingefügt und die jeweilige Literatur darin nachgewiesen. Die ursprüngliche Literaturliste findet sich wie beim Erstdruck im Anhang.

[1]Es ist nicht angemessen, hier das Wort "Anfang" zu gebrauchen; das Wort "Ursprung" wäre besser, denn darin wird etwas Fortwirkendes suggeriert. [Anmerkung 1996]

[2]Dies dürfte nicht auf die europäische Tradition beschränkt sein. Vgl. die Schilderung der Frühzeit in der chinesischen Geschichtsschreibung, etwa durch Ss`uma Ch`ien. [Anmerkung 1996]

[3]Ovid in: Metamorphosen I, 89-150. Die ersten Verse schildern den Beginn der "vier Weltalter":

Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo,

Sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat.

Poena metusque aberant nec verba minantia fixo

Aere legebantur nec supplex turba timebat

Iudicis ora sui, sed erant sine iudice tuti - ein herrschafts- und richterloses Gemeinwesen in natürlichem Gutsein aller. [Anmerkung 1996]

[4]Noch als Bodin im Jahre 1566 seinen "Zugang zum einfachen Erkennen der Geschichte" (Methodus etc.) schrieb, war die Auslegung der Prophezeiung des Buches Daniel, wo von vier Reichen die Rede sei, eine allbekannte und langvertraute Angelegenheit; bei Daniel wird von vier Tieren berichtet und von einer Statue, die aus vier verschiedenen Stoffen besteht. Die Tiere symbolisieren nach herrschender Auffassung das babylonische, persische, griechische und römische Reich und damit die ganze Geschichte: danach komme nichts mehr. Es ist eine Hauptthese der mittelalterlichen Geschichtsinterpretation, daß das letzte, das römische Reich, durch mehrere Translationen auf die Deutschen übergegangen sei. Die meisten und besten Historiker der Zeit vertraten die These von den vier Reichen und sehen im deutschen Imperium das vierte. Bodin kritisiert ausführlich diese These und legt damit den Grund für ein Geschichtsbild, in dem der Nationbegriff eine wesentliche Rolle spielen sollte. [Anmerkung 1996]

[5]Der Ausgangspunkt liegt darin, daß der Mensch, wie Schiller annimmt, zunächst Hunger und Durst ohne Anstrengung stillen kann, daß ein allgemeiner Friede auch wehr- und waffenloses Leben möglich macht und der Geschlechtstrieb für die Erhaltung der Art sorgt: "Als Pflanze und Thier war der Mensch also vollendet." (Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde, in: Sämtliche Werke in 12 Bd., Leipzig: Reclam o.J., Bd.X, S. 213) Unter diesen Bedingungen entwickelt sich langsam die Vernunft: da er Muße hat, kann der Mensch sich der Anschauung widmen und an der Sprache bauen: "Setzen wir also, die Vorsehung wäre auf dieser Stufe mit ihm stillgestanden, so wäre aus dem Menschen das glücklichste und geistreichste aller Thiere geworden, - aber aus der Vormundschaft des Naturtriebs wär' er niemals getreten, frei und also moralisch wären seine Handlungen niemals geworden, über die Grenze der Thierheit wär' er niemals gestiegen. In einer wollüstigen Ruhe hätte er eine ewige Kindheit verlebt - und der Kreis, in welchem er sich bewegt hätte, wäre der kleinstmögliche gewesen, von der Begierde zum Genuß, vom Genuß zu der Ruhe, und von der Ruhe wieder zur Begierde." (ebd., S. 213) [Anmerkung 1996]

[6]Als dies geschrieben wurde, war mir zwar die Zitatkultur der Postmoderne (etwa aus der Biennale von Venedig) gegenwärtig, aber noch nicht die Herrschaft der Ikonen ("icons"), wie sie mittlerweile Alltag geworden ist. [Anmerkung 1996]

[7]Vgl. Friedrich Rapp: Fortschritt. Entwicklung und Sinngehalt einer philosophischen Idee. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1992 [Anmerkung 1996]

[8]Ähnlich lesen sich Vergangenheits-Utopien bei Afrikanern. Das "hohe Alter" ist nicht unbedingt nur quantitativ zu messen. Die Intensivstation ist eine Möglichkeit, eine andere ist es, "satt an Lebensjahren" zu sein. [Anmerkung 1996]

[9]Vgl. die Beschreibung des "Paradieses" im katholischen Katechismus (1993): 374 (S. 126): "Der erste Mensch wurde als ein gutes Wesen erschaffen und in Freundschaft mit seinem Schöpfer und in Einklang mit sich selbst und mit der ihn umgebenden Schöpfung versetzt. ..."
376 (S. 127): "... Solange der Mensch in der engen Verbindung mit Gott blieb, mußte er weder sterben noch leiden. Die innere Harmonie der menschlichen Person, die Harmonie zwischen Mann und Frau und die Harmonie zwischen dem ersten Menschenpaar und der gesamten Schöpfung bildete den Zustand der sogenannten "Urgerechtigkeit"."
377 (S. 127): "Die von Gott dem Menschen von Anfang an gewährte "Herrschaft" über die Welt wirkte sich in erster Linie im Menschen als Herrschaft über sich selbst aus. Der Mensch war in seinem ganzen Wesen heil und geordnet, weil er von der dreifachen Begierlichkeit, die ihn zum Knecht der Sinneslust, der Gier nach irdischen Gütern und der Selbstbehauptung gegen die Weisungen der Vernunft macht, frei war."
378 (S. 127): "Zeichen der Vertrautheit mit Gott ist es, daß Gott den Menschen in den "Garten" setzt."
379 (S. 127): "Diese ganze Harmonie der Urgerechtigkeit, die der Plan Gottes für den Menschen vorgesehen hatte, ging durch die Sünde unserer Stammeltern verloren." [Anmerkung 1996]

[10]Zu Joachim von Floris vgl.: Gian Luca Potesta (Hg.): Il profetismo gioachimita tra Quattrocento e Cinquecento : Atti del III Congresso Internazionale di Studi Gioachimiti, S. Giovanni in Fiore, 17 - 21 settembre 1989. Genova: Marietti, 1991. [Anmerkung 1996]

[11]Vico, SN Nr. 374-375: "Von solchen ersten Menschen - also stumpfsinnigen, blöden und schrecklichen Bestien - hätten alle Philosophen und Philologen bei der Untersuchung der antiken Weisheit ausgehen müssen; von den Giganten also, im eigentlichen Sinne des Wortes." [Anmerkung 1996]

[12]Condorcet, Marie-Jean-Antoine-Nicolas C. de : Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes Hrsg. von Wilhelm Alff. -Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1976 [Anmerkung 1996]

13Comte, Auguste: Rede über den Geist des Positivismus Übers., eingeleitet und hrsg. von Iring Fetscher. Hamburg: Meiner, 1994. (Philosophische Bibliothek ; 468) [Anmerkung 1996]

[14]In seiner "Vorlesung über die Geschichte der Philosophie" führt Hegel aus: "Alles, was im Himmel und auf Erden geschieht - ewig geschieht -, das Leben Gottes und alles, was zeitlich getan wird, strebt nur darnach hin, daß der Geist sich erkenne, sich sich selber gegenständlich mache, sich finde, für sich selber werde, sich mit sich zusammenschließe." (Zit. nach der Ausgabe Leipzig: Reclam 1982, Bd. I, S. 29) [Anmerkung 1996]

[15]Die im Gefolge des Zerfalls der Sowjetunion und der sozialistischen Staatsordnungen in Ost- und Südosteuropa stattgefundenen und immer noch anhaltenden blutigen Auseinandersetzungen waren kaum vorauszusehen und sind entsprechend schwer zu bewältigen. Vgl. dazu etwa: Benard, Cheryl und Edit Schlaffer: Vor unseren Augen: der Krieg in Bosnien ... und die Welt schaut weg. München: Heyne, 1993. [Anmerkung 1996]

[16]Diese "sozialistisch-fortschrittlichen" Länder gibt es so gut wie nicht mehr. Dazu vgl. unten "Drug druga". [Anmerkung 1996]

[17]Die Entwicklung der elektronischen Netze in den letzten Jahren hat den beschriebenen Eindruck nur verstärkt. [Anmerkung 1996]

[18]Gemeint ist hier natürlich die auf die Bibel gestützte Geschichtsauffassung. Aber auch andere Kulturen dachten von den "Ursprüngen" in zeitlich ähnlich begrenztem Rahmen. Die Ausnahme bilden indische Spekulationen über unvorstellbare Zeiträume; man kann jedoch nicht sehen, daß diese in einer Weise auf Wissen gestützt gewesen wären, wie dies für die moderne Paläontologie gilt. [Anmerkung 1996]