Zufall oder Notwendigkeit? Die Frage nach dem Grundgesetz des Weltlaufs (1983)

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Ganz allgemein gehen wir an die Dinge unserer Welt heran, als seien sie nicht zufällig, was und wie sie sind. Wie unterschiedlich auch die Auffassungen darüber sein mögen, von welcher Art die Ursachen seien, die die Welt der Erscheinungen hervorbringen - ob es sich dabei um die Geister der Ahnen, um Naturgewalten oder um einen planend vorhersehenden Gott handelt -, Menschen denken sich ihre Welt immer geordnet. Dies besagt, daß diese Welt, die dem Menschen gegenübertritt, der der Mensch begegnet, nicht bloß als eine chaotische Anhäufung von Dingen, Ereignissen, Sachverhalten oder Einrichtungen gedacht wird, sondern als etwas, das bestimmten Regeln gehorcht, nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten aufgebaut ist. Zwar gibt es durchaus Dinge, bei denen wir ganz ohne Bedenken sagen, sie könnten auch ganz anders sein, als sie tatsächlich sind: Ein Holzstoß etwa oder ein Kieselhaufen könnte geradeso geordnet oder ungeordnet sein, wenn jedes einzelne Holzscheit oder jeder einzelne Kieselstein in völlig anderer Lage sich befände, die untersten zuoberst lägen und umgekehrt. Aber einmal gilt das nicht für alle Dinge, und außerdem gilt es auch für Holzstöße, Kieselhaufen und dergleichen nicht in jeder Hinsicht: Auch diese sind ja an einem bestimmten Ort, von bestimmter Größe und Qualität und so fort. Das ordnet sie bereits wieder ein, macht sie zu etwas Nicht-Chaotischem. Bei anderen Dingen, die entweder von sich aus Gestalt annehmen - wie etwa Lebewesen - oder aber von zielstrebendem Handeln gestaltet werden - wie etwa Werkzeuge oder Verfassungstexte -, kommt uns der Gedanke, sie könnten chaotisch-zufällig so geworden sein, wie sie sind, ganz unpassend und falsch vor.[1] Zu diesen letzteren Sachverhalten zählen wir gewöhnlich auch das, was wir "Geschichte" nennen: die vergangenen Taten und Untaten von Menschen, die ihre eigenen Lebensformen geschaffen haben, an die wir uns erinnern und die unsere Lebensformen mitbestimmen.

Diese Geschichte - der Menschheit, der Staaten, der Kunst, der Literatur und so fort - stellt sich uns als ein geordnetes Gebilde dar, das man einteilen, beschreiben und erklären kann, bei dem man zeigen kann, wie es vom einen Zustand zum anderen und schließlich zu unserer eigenen Gegenwart gekommen ist. So wirkt auf den ersten Blick die Geschichte als etwas Geordnetes, ganz und gar nicht Zufälliges. Egon Friedell (1878-1938) hat insbesondere über die antike Geschichte gesagt, sie erscheine uns wie eine Szene im Kasperltheater: Sagt der Kasperl "perlippe", so sterben die Ägypter aus und die Griechen kommen. Sagt er "perlappe", so treten die Griechen wieder ab und die Römer sind. da. Und immer so fort: Die einen treten ab, die anderen treten auf, alles geht seinen wohlgeordneten Gang, es könnte nicht anders gewesen sein. Was geschehen mußte, geschah. Was geschah, mußte geschehen.[2]

Diese Schlußfolgerung ist jedoch in ihrer Allgemeinheit nicht akzeptabel. Denn es ist einfach nicht auszudenken, daß jemand sagen könnte, die amerikanischen Ureinwohner seien notwendigerweise von europäischen Eindringlingen vernichtet worden oder mit der fabrikmäßigen Vergasung von Millionen Juden durch Deutsche müsse man sich zwangsläufig abfinden[3] - unter Berufung auf einen geordneten und notwendigen Verlauf der Geschichte. Und die These, daß große Kriege der evolutiven Entwicklung unserer Art dienen, ist zwar aus biologistischer Perspektive begründbar, aber angesichts der Opfer ebenso zynisch.

Zufall und Naturgesetz

Fragen wir uns jedoch, ob wir mit unserer Annahme, der Verlauf der Geschichte sei etwas Geordnetes, überhaupt sagen wollen, daß alles und jedes zwangsläufig und notwendig geschehen sei und nicht anders geschehen konnte. Wir machen gewöhnlich ja auch die andere Annahme, daß wir von Handlungen im eigenen Leben, aber auch von geschichtlichen Ereignissen oder Einrichtungen sagen, sie hätten auch anders sein können. Der und jener - warum nicht jeder? - in der Geschichte hätte auch anders handeln können. Wird aber mit dieser Annahme nicht doch wieder alles ordnungslos, planlos, zufällig?

Im allgemeinen verstehen wir unter zufälligen Ereignissen oder Zuständen solche, die auch anders oder gar nicht sein könnten, während notwendige Ereignisse oder Zustände nur so sein können, wie sie sind. Von dieser Bedeutung werden wir hier zunächst ausgehen. Eine andere Bedeutung von "notwendig", die besonders in der Betrachtung geschichtlicher Sachverhalte bedeutsam ist, hängt mit zweckhaftem Handeln zusammen: Notwendig nennen wir Mittel, ohne deren Anwendung ein Ziel nicht zu erreichen ist.

Bleiben wir aber zunächst bei der erstgenannten Bedeutung und nehmen wir an, daß Geschichte in vergangenen Ereignissen und Ereignisfolgen besteht, so können wir uns einige Typen solcher Ereignisse vergegenwärtigen und uns fragen, ob und warum wir sagen wollen, es handle sich dabei um notwendige oder aber um zufällige Ereignisse.

Es gibt eine Art von Notwendigkeit, die wir nicht Ereignissen, sondern dem Zusammenhang zwischen Sätzen zusprechen, nämlich wenn wir, wie in Goethes "Faust" Mephisto dem Schüler vom "collegium logicum" verheißt, zeigen wollen, daß "wenn das Erst` und Zweit` nicht wär`, das Dritt` und Viert` wär` nimmermehr". Wir sprechen also von logischer Notwendigkeit, wenn die Leugnung einer Folgerung uns in den Widerspruch zu uns selbst führen würde, wenn wir es mit logisch zwingenden Denkschritten zu tun haben. Auch Tautologien sind logisch zwingend, in diesem Sinn etwas Notwendiges: Daß Junggesellen unverheiratet sind, ist notwendigerweise wahr, oder ich kann nicht Deutsch.

Diese Art von Notwendigkeit braucht uns jedoch bei der Betrachtung von Geschichte nicht länger aufzuhalten: In der Geschichte haben wir es sicherlich mit Zusammenhängen von Ereignissen und Ereignisfolgen, nicht aber mit dem inneren Zusammenhang von Sätzen zu tun. Was wir hier an Notwendigkeit also im Höchstfall erwarten können, ist empirische Notwendigkeit. Was darunter verstanden werden soll, können wir uns an folgenden Beispielen verdeutlichen.

Das erste Beispiel sei eine bestimmte Sonnenfinsternis zu einem bestimmten Zeitpunkt, die in einer bestimmten Gegend sichtbar war. Wir werden hier sicher nicht sagen, diese Sonnenfinsternis hätte auch nicht stattfinden oder sie hätte zu einem anderen Zeitpunkt oder an anderen Stellen der Erde beobachtet werden können. Sie ist in diesem Sinn nicht zufällig. Sonnenfinsternisse allgemein - so werden wir zumindest bei unserem Stand astronomischer Kenntnisse feststellen - sind nichts Zufälliges. Sie ereignen sich naturgesetzmäßig, sind voraussagbar, ihr Stattfinden ist berechenbar; an ihrem Zustandekommen ist niemand beteiligt, der den Ablauf beeinflussen und ändern könnte. Sonnenfinsternisse nennen wir also deshalb notwendig, weil wir die Gesetzmäßigkeit kennen, wonach sie ablaufen, und weil diese Gesetzmäßigkeiten im fraglichen Bereich allgemein gelten.

Ein zweites Beispiel sei der Regen am Tag der Schlacht bei Waterloo. Nehmen wir an, die Wetterlage habe den Ausgang der Schlacht beeinflußt, so werden wir uns nicht nur aus meteorologischen Gründen dafür interessieren. Können wir vielleicht hier sagen, es hätte auch nicht regnen können? Wohl nicht, sofern wir einen gesetzmäßig beschreibbaren und erklärbaren Verlauf des Wetters annehmen, sofern wir also unter der Witterung etwas verstehen, worüber es grundsätzlich ebenso genaue, verläßliche und hinreichend frühzeitige Voraussagen geben kann wie über das Stattfinden von Sonnenfinsternissen. Dies dürfen wir als Gegenstand einer bereits existierenden Wissenschaft allerdings für die Zeit Napoleons sicher nicht annehmen, und obgleich wir also nicht leugnen, daß die Witterung an sich ein durchaus naturgesetzlich verlaufender und also auch naturgesetzlich vorhersagbarer Ereigniszusammenhang ist, können wir doch mit einem gewissen Recht sagen, es habe bei Waterloo zufällig geregnet. Wir meinen damit hier aber nur, daß niemand in der Lage gewesen sei, diesen Umstand rechtzeitig zu berücksichtigen, weil man es nicht früh genug wissen konnte. Genauso verhält es sich übrigens auch im Fall des berüchtigten Ziegelsteins, der den Fußgänger erschlägt: Niemand hatte darauf geachtet, wie der Ziegel sich löste, niemand hatte seine Haftung, seine Gleit- und Fallgeschwindigkeit gemessen. All dies wäre an sich möglich und in diesem Fall sogar sinnvoll gewesen; bei einer genauen Untersuchung beispielsweise der Gehgewohnheiten oder der Schrittlänge des späteren Opfers hätte man auch noch die Voraussage machen können, daß dessen Kopf und der fallende Dachziegel zu einem berechenbaren Zeitpunkt zusammenprallen würden. Da aber tatsächlich niemand solche Beobachtungen und Berechnungen angestellt hat, sagen wir, der Ziegel sei zufällig gerade in diesem Augenblick heruntergefallen.

In diesen beiden letzten Beispielen handelt es sich jeweils um Ereignisse, die an sich notwendig geschehen, die aber von niemandem vorausgesehen werden. Interessant für uns ist, worin die Unkenntnis besteht, welche eine Voraussage verhindert; sie könnte einerseits in einer Unkenntnis von Naturgesetzen bestehen, die hier wirksam sind, sie könnte andererseits aber auch in mangelndem Wissen um Begleitumstände bestehen, unter denen hier die - bekannten - Naturgesetze wirksam werden.

Beim fallenden Ziegelstein, aber auch beim Landregen werden wir doch annehmen können, daß Naturgesetze wirksam sind - die wir auch kennen oder kennen könnten -, mit deren Hilfe das Stattfinden der genannten Ereignisse erklärt werden kann. Daß wir diese Ereignisse nicht rechtzeitig voraussagen konnten, liegt also nicht an unserer Unkenntnis hinsichtlich der wirkenden Naturgesetze, sondern an mangelndem Wissen um die Fülle von einzelnen Umständen, die dem Ereignis vorausgehen.

Wir haben damit zwei einander nicht ausschließende Maßstäbe gewonnen, an denen wir die empirische Notwendigkeit von Ereignissen messen können: Voraussage und Erklärung durch allgemeine Gesetze. Beide Male tun wir das gleiche: Wir formulieren ein allgemeines Gesetz, stellen die herrschenden Bedingungen fest, die in der Wirklichkeit gegeben sind oder sein werden, und leiten dann unsere Beschreibung des Ereignisses daraus ab. Der Unterschied besteht darin, daß das auf diese Weise erklärte Ereignis bereits stattgefunden hat, während das vorausgesagte Ereignis erst in der Zukunft stattfinden wird. Zwischen der Voraussage und der Erklärung einer Sonnenfinsternis zum Beispiel liegt ein Unterschied nur in der Angabe des Datums.

Obgleich wir es in der Wirklichkeit nicht nur mit derartigen Sachverhalten zu tun haben, die aufgrund strenger Naturgesetzlichkeiten erklärt werden können, ist doch die Entdeckung, daß es solche gibt, als die Geburtsstunde abendländischer Philosophie und Naturwissenschaft anzusehen. Noch die Babylonier zeichneten mit gleichem Eifer Tabellen über Finsternisse wie über Heuschreckeneinfälle und Erdbeben. In Griechenland entdeckte man, daß über den Sternen ein Nomos, ein Gesetz waltet, nicht aber über Insektenschwärmen und Beben. Daher gab es für die Griechen eine Astro-Nomie, nicht - noch nicht - aber eine Bio-Nomie oder Geo-Nomie. Seither ist in der Wissesnchaft viel geschehen, Naturgesetze wurden auch in anderen Bereichen entdeckt, ihre Formulierungen verfeinert, und wir sind zumindest auf dem Weg von der Biologie und Geologie zur Bionomie und Geonomie. Dasselbe gilt für viele andere Bereiche des Wissens.

Naturgesetz der Geschichte

Nun aber müssen wir uns die Frage nach der Geschichte und einer möglichen Wissenschaft von der Geschichte stellen: Gibt es oder kann es wenigstens eine "Historionomie" geben? Gibt es Gesetze der Geschichte, aufgrund derer wir bestimmte Ereignisse oder gar den Gesamtverlauf von Geschichte als notwendig, nicht-zufällig erkennen können, aufgrund derer wir - genügend Kenntnis der Umstände vorausgesetzt - sowohl zu Voraussagen über künftige Ereignisse fähig sind als auch dazu, vergangene Ereignisse als Einzelfälle von ausnahmslos, zwangsläufig wirkenden Gesetzlichkeiten zu begreifen?

Einem Mißverständnis muß hier vorgebeugt werden: Es wäre irrig anzunehmen, daß es eine Wissenschaft von der Geschichte nur dann geben könne, wenn die eben gestellte Frage bejahend beantwortet wird. Es ist nicht einzusehen, warum eine kritische Rekonstruktion, also im Grunde eine Beschreibung und nicht Erklärung, menschlicher Geschichte nicht ebenso als Wissenschaft sollte gelten können - wenn sie zu überprüfbaren Ergebnissen kommt - wie eine erklärende Naturwissenschaft. Auch eine beschreibende Wissenschaft scheint jedoch nur dort möglich zu sein, wo der Gegenstandsbereich selbst nicht völlig ungeordnet ist. Eine beschreibende Geschichtswissenschaft also nur dann, wenn die Geschichte selbst nicht eine Anhäufung bloßer Zufälle ist. Unsere entscheidende Frage wird also sein: Welche Art von Zufällen begegnet uns in der Geschichte? Was alles können oder müssen wir hier als zufällig bezeichnen?

Zufälle der Geschichte

Manchmal sprechen wir von historischen Zufällen, wenn Ereignisse oder Sachverhalte Folgen haben, die niemand erwarten konnte, wenn ihre Fernwirkungen also gänzlich unvorhersehbar waren. Ein Beispiel dafür ist etwa die Nasenform der Kleopatra, von der Shakespeare sagt, sie habe Rom verändert. Ein anderes Beispiel liefert die Begebenheit, daß der Hund des Gesandten Heinrichs VIII. den Papst beim Pantoffelkuß in die große Zehe biß, woran, wie Theodor Lessing meint, die Verhandlungen zwischen England und Rom gescheitert seien. Es gibt eine Unmenge solcher Beispiele, die gerne angeführt werden, wenn die Auffassung verteidigt werden soll, im Geschichtsverlauf seien in Wirklichkeit nur Zufälle wirksam. Daraus ergibt sich dann ein vielleicht ganz unterhaltsames, anekdotisches Bild der Geschichte, in dem aber von irgendwelchen Notwendigkeiten oder auch nur Regelhaftigkeiten wenig mehr zu sehen ist. Tatsächlich handelt es sich jedoch bei derartigen Ereignissen um Glieder innerhalb sehr vielfältiger Entwicklungen, welche in der Rückschau ein unverhältnismäßig großes Gewicht erlangen können. Als eigentliche, aber zufällige Ursachen dürfen sie indessen nicht betrachtet werden, denn in all den bestimmten Zusammenhängen und zwischenmenschlichen Bedingungen, unter denen sie überhaupt als Auslöser für etwas geschehen können, liegen doch erst die Ursachen, um die es gehen kann.

Planvolles Handeln in der Geschichte

Haben wir es aber mit Lebensformen - der Vergangenheit oder der Gegenwart - zu tun, so reichen unsere bisher verwendeten Begriffe von "Zufälligkeit" und "Notwendigkeit" nicht mehr aus. Denn etwas kann durchaus nicht zufällig und zugleich nicht notwendig sein. Dies allerdings setzt voraus, daß wir einen anderen Begriff verwenden, denn alles könnte entweder nicht so sein, wie es ist, oder es wäre unmöglich, daß es nicht so sei, wie es ist. Diese Begriffe von Zufall und Notwendigkeit haben wir in den Fällen logischer und empirischer Notwendigkeit verwendet.

Sobald wir aber auch nur davon sprechen, es sei nicht zufällig, daß jemand heute diesen bestimmten Anzug trägt, meinen wir etwas anderes. Wir setzen einen Zusammenhang von Absichten voraus, von möglichen oder tatsächlichen Bewirkungen. Wir wollen nicht behaupten, es sei uns oder einem klügeren Beobachter gestern möglich gewesen vorauszusagen, welchen Anzug der fragliche Jemand heute tragen würde. Wir meinen nur, daß dieser mit seiner Wahl des Anzugs einen Zweck, eine Absicht verfolgt, daß diese Wahl motiviert sei oder etwas bewirken soll. Nun geschieht natürlich eine solche Wirkung keineswegs notwendig im gleichen Sinn, wie etwa die Wirkung der Verfinsterung der Sonne notwendig geschieht. Die Verfinsterung kann nicht nicht stattfinden, wenn ihre Voraussetzungen erfüllt sind. Was aber durch die Wahl des Anzugs bewirkt werden soll, kann durchaus auch nicht bewirkt werden: weil niemand es bemerkt, weil es falsch ausgelegt oder mißverstanden wird und dergleichen. Man wird bemerken, daß das Scheitern solcher absichtsvoller Handlungen - ihre Wirkungslosigkeit - immer wieder mit Ausdrücken beschrieben wird, welche für den Bereich sprachlicher Handlungen geprägt worden sind; dies weist darauf hin, daß wir hier einen Regelzusammenhang vermuten dürfen ähnlich dem, wie er für den eigentlich sprachlichen Bereich von Grammatik, Syntaktik und Pragmatik beschrieben wird. Die Verwendung einer bestimmten Sprachform innerhalb einer Gemeinschaft von Sprechenden ist ebensowenig zufällig wie die Verwendung irgendeiner anderen Ausdrucksmöglichkeit innerhalb einer Gemeinschaft, welche die betreffende Handlung als Ausdruck verstehen oder mißverstehen, darauf angemessen oder unangemessen antworten kann.

Haben diese Überlegungen noch etwas mit unserer Frage nach Zufall oder Notwendigkeit in der Geschichte zu tun? Es scheint doch. Denkt man sich etwa als religiöser Mensch den eigentlich in der Geschichte Handelnden als eine vorsehende, personale Gottheit, so ergibt sich, daß dort, wo andere vielleicht nur Zufälle sehen, Planvolles, Absichtsvolles, Nicht-Zufälliges geschieht.[4] Im traditionell-religiösen Leben des Judentums spielen die Begebenheiten um den ägyptischen Josef und um Moses eine entscheidende Rolle: Nicht als Zufall, sondern als Teil eines Planes erscheint es, daß Josef in der Zisterne entdeckt und mitgenommen, daß der Korb mit dem Knaben Moses gefunden wurde und vieles mehr. Jahwe, der Gott Israels, handelt oft gegen das Wollen der beteiligten Menschen, aber das Tun dieser Menschen bekommt erst durch dieses Handeln Gottes seinen Sinn. Die dergestalt religiös betrachtete Geschichte ist nicht zufällig so verlaufen, wie sie verlief. Sie hätte freilich anders verlaufen können - wenn der darin Handelnde andere Absichten verfolgt hätte. So gilt also zumindest für eine religiöse Betrachtungsweise der Geschichte - nicht nur in jüdischer Tradition -, daß diese etwas Nicht-Zufälliges, zugleich aber auch nicht etwas im Sinn einer Naturgesetzlichkeit Notwendiges ist.

Aber auch wenn wir nicht das Handeln einer übermenschlichen Macht, sondern vielmehr Menschen selbst für das Geschehen der Geschichte verantwortlich machen, finden wir eine vergleichbare Nicht-Notwendigkeit und Nicht-Zufälligkeit zugleich vor. Nehmen wir ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte: den Tod des österreichischen Thronfolgers 1914 in Sarajewo. Zunächst werden wir feststellen, daß der Erzherzog naturnotwendig sterben mußte, da Verletzungen von der Art, wie er sie hatte, beim damaligen Stand der Heilkunde immer zum Tod führten. Dies aber ist für unsere Frage beinahe nebensächlich.[5] Denn wir erfahren etwa, daß nach dem Tod von Franz Ferdinand die österreichisch-ungarische Regierung notwendigerweise diplomatische Schritte gegen Serbien eingeleitet habe. Dies ist schon keineswegs mehr naturnotwendig.[6] Wäre der Erzherzog nämlich, wie Georg H. von Wright (1974) bemerkt, bei einer Eisbärenjagd in Grönland versehentlich von einem Eskimojäger tödlich getroffen worden und geradeso notwendig wie in Sarajewo seinen Verletzungen erlegen, so käme es uns wohl gar nicht mehr notwendig, vielmehr höchst unwahrscheinlich vor, daß die Regierung in Wien diplomatische Schritte gegen Dänemark einleitete. Es war also wohl nicht der Tod des Thronfolgers als solcher, sondern die Absicht, die dahinterstand, und die Reaktion der Wiener Regierung war nicht eine gleichsam mechanische Wirkung, sondern eher so etwas wie eine Antwort in einem langen Streitgespräch.[7] Diese Antwort aber war nicht zwangsläufig-notwendig, sondern absichtsvoll-notwendig. Die Antwort hätte, abstrakt gesprochen, auch ganz anders ausfallen können: Die Regierung hätte zurücktreten, die Republik ausrufen oder die ganze Angelegenheit unter heftigem Protest auf sich beruhen lassen können. Wäre irgendetwas dieser Art geschehen, so müßten wir bei Betrachtung des Geschehens feststellen, daß andere Absichten vorgeherrscht hätten, als dies tatsächlich der Fall war, oder daß anderen Auffassungen über die Zweckmäßigkeit von Mitteln zur Erreichung der bestimmenden Absichten den Ausschlag gaben. In jedem Fall haben wir es hier mit absichtsvollen, planvollen Handlungen[8] zu tun.

Planvoll handeln aber heißt, daß jemand, ein einzelner oder eine Gruppe, ein Ziel anstrebt und dabei Mittel einsetzt, von denen er glaubt, ob zu Recht oder zu Unrecht, daß sie notwendig und hinreichend seien zur Erreichung des Zieles. Setzt die Überlegung dieser Mittel voraus, daß gegensätzliche Ziele anderer Menschen nicht erreicht werden sollen - wie dies für praktisch alle politischen Erwägungen im weitesten Sinne zutrifft -, so wird eine Fülle von möglichen oder zu erwartenden Antworthandlungen vorausbedacht werden müssen; allerdings niemals auch nur im entferntesten alle, die überhaupt möglich sind. Nicht nur Naturkonstanten sind als Grenzen für mögliche Antworthandlungen zu berücksichtigen, sondern vor allem Konstanten gesellschaftlichen Verhaltens.

Beispiele dafür, wie planvolles politisches Handeln bei völliger Verkennung der zu erwartenden Antworthandlungen zur Vernichtung hochorganisierter Gesellschaften durch winzige Banden führte, bietet in Fülle die Geschichte der Eroberung Mittel- und Südamerikas, wie sie etwa von Bischof Bartolomé de Las Casas (1474-1566), dem "Apostel der Indianer" geschildert wird. Der Inka hält es schlicht nicht für möglich, was Pizarro tut. Daher sind alle seine Handlungen falsch, sie sind Antworten für andere Herausforderer, als seine tatsächlichen Gegner es sind. Dennoch handelt er planvoll; nur kennt er weder die Ziele, die die Eindringlinge verfolgen, noch die Mittel, die sie dazu einsetzen werden.[9]

Ein Beispiel anderer Art schildert uns Thukydides (um 460-400 v. Chr.) im ersten Buch über den Peloponnesischen Krieg, wo er den Perikles einen Kriegsplan vortragen läßt, der nicht nur genaueste Kennntis der gegnerischen Ziele verrät, sondern darüber hinaus eine Abwägung verfügbarer Mittel enthält, die kaum übertroffen werden kann. Der Ausgang des Krieges war dennoch, wie aus dem Ergebnis bekannt, zumindest ungewiß.

Wir finden also planvolles Handeln in der Geschichte vor. Handlungen solcher Art werden wir nicht zufällig nennen, sie sind aber auch nicht naturnotwendig. Für den Betrachter der Geschichte kommt es hier ausschließlich darauf an, den Plan zu erkennen, nach dem gehandelt wird. Es mag sein, daß die Handelnden sich gänzlich oder doch für ihren bestimmten Fall geirrt haben in der Wahl ihrer Mittel. Es mag sein, daß sie Ziele angestrebt haben, welche uns heute ganz unsinnig erscheinen. All dies muß nicht daran hindern, daß wir, genügend Aufmerksamkeit und Verständnis vorausgesetzt, den jeweils zugrundeliegenden Plan erkennen und auch das für uns zunächst vielleicht nur fremdartige, unverständliche Verhalten als Mittel zu einem Zweck, als etwas Nicht-Zufälliges, als etwas Planvolles verstehen und beschreiben können. Der englische Geschichtsphilosoph und Historiker Robin George Collingwood wird nicht müde zu betonen, daß die eigentliche Leistung des Historikers darin liege, jene Überlegungen nachzuvollziehen, welche zu einer Handlung geführt haben; dadurch erst gelange er eigentlich zur Kenntnis dessen, was geschehen ist.

Nun mag man uns ja zugestehen, daß es gewisse Ereignisse gibt, im Leben jedes einzelnen wie in der Geschichte von Gesellschaften, die bewußt, nach einem Plan, mit Absicht und unter Abwägung von Mitteln und Zielen zustande kommen. Aber nützt uns das viel? Mindestens drei Fragen erheben sich bei einer solchen Betrachtung sofort: Können, dürfen wir Geschichte auf Handlungen dieser wenigen bekannten Menschen reduzieren, deren Taten und Absichten uns überliefert sind? Haben zweitens nicht auch überlegte, planvolle Handlungen vielerlei Folgen, die den Handelnden gar nicht bekannt gewesen sind, die aber doch so weitreichend sein können, daß das Ganze im Ergebnis wieder planlos, zufällig wird? Und schließlich: Wenn wir vernünftig-planvolles Handeln, Abwägen der Mittel und Ziele immer nur innerhalb eines jeweils bestimmten, kulturell-gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs identifizieren können, wo bleibt dann der Plan, nach dem diese Kulturen, Lebensformen oder was immer auftreten, andere vernichten und selbst vernichtet werden? Wer handelt heute gemäß diesem Plan, wenn es ihn gibt? Und wenn es ihn nicht gibt, bleibt dann nicht doch die Geschichte der Menschen, aus lauter kleinen oder auch grandiosen Sinnversuchen zusammengesetzt, ein riesiges Chaos?

Die Pläne der Einzelnen

Wenden wir uns den Fragen der Reihe nach zu. Die erste Frage, möchte man auf den ersten Blick sagen, berührt uns nicht sehr. Denn warum sollten nicht die Handlungen der Vielen, der Unbekannten genau nach dem selben Maßstab planvoll, absichtsvoll, nicht-zufällig sein können wie die Handlungen der jeweils Mächtigen? Sie interessieren uns vielleicht als einzelne Ereignisse weniger - höchstens in ihrer Allgemeinheit, wenn wir auf typische Verhaltensweisen schließen dürfen. Warum sollten wir aber nicht, wenn wir aus der großen Masse nach Lust oder Laune uns irgendeinen Einzelmenschen herausgreifen, über dessen Verhalten wir hinreichend verläßliche Zeugnisse haben, ihn ganz genauso behandeln und nach seinen Absichten, seinen Zielen und dergleichen fragen? Die Geschichte wäre dann eben nicht nur die Geschichte großer Einzelner, sondern auch kleiner Einzelner; deren Handlungen wären in genau der gleichen Weise zufällig oder nicht zufällig.

Ganz so einfach aber läßt sich die Frage nicht beantworten, wie ein zweiter Blick zeigt. Denn die Frage zielt ja darauf, daß es uns vielleicht überhaupt nicht möglich ist, Handlungen von Einzelmenschen lediglich aus deren Überlegungen, Absichten und Plänen angemessen zu beschreiben. Stehen nicht hinter allen bewußten Zielen und Absichten immer Grundeinstellungen, über die der einzelne - sei er nun mächtig oder nicht - sich zwar nicht klar ist, die aber doch sein Handeln und Überlegen bestimmen? Anschauungen darüber, was gut und recht ist, mögen noch der auffallendste Teil davon sein, und diese werden ja in manchen Gesellschaften, die wir aus der Geschichte kennen, öffentlich und manchmal sogar ohne Zwangsandrohungen verhandelt. Aber es gibt noch Strömungen, die darunter liegen. Ende des achtzehnten Jahrhunderts hat man das zauberhafte Wort "Zeitgeist" erfunden, um einer solchen Strömung einen Namen zu geben. Viele Verhaltensweisen - beispielsweise in der Architektur, den schönen Künsten, der Politik der Literatur, im Wissenschaftsbetrieb wie im durchschnittlichen Urlaubsverhalten - lassen sich mit Hilfe eines einmal festgestellten Zeitgeistes als nicht-zufällig, als regelmäßig beschreiben. Dies aber beschreibt nicht mehr das Verhalten der Einzelnen als solcher, sondern das typische, symptomatische Verhalten einer identifizierbaren, nach Ort, Zeit, Gesellschaftsform bestimmbaren Gruppe.

So wären wir also der ersten Frage erfolgreich begegnet: Auch dort, wo scheinbar gar keine besonderen Überlegungen stattfinden, haben wir es doch mit nicht-zufälligem Verhalten der Menschen zu tun. Dieses entspricht immer in mehr oder weniger offensichtlicher Weise dem Geist der Zeit, der sie angehören. Aber wir sollten uns aus zwei Gründen nicht zu sehr damit beruhigen: Erstens ist dieser Zeitgeist etwas kaum Abzugrenzendes und nur sehr schwer klar zu erfassen. Zweitens verändert er sich, geht in einen anderen Zeitgeist auf, unter Umständen in so grundlegender Weise, daß wir Epochen und Kulturen danach unterscheiden. Aber was oder wer verändert sich dabei? Gibt es ein identisches Etwas, an dem eine solche Veränderung vor sich geht, oder haben wir es hier nicht doch wieder mit einem zusammenhanglosen Vielerlei zu tun, in das nur unser Wunschdenken, auf Identität und Selbstverständnis ausgerichtet, eine künstliche Einheit hineindenkt? Wir sehen also, daß uns der Versuch, Nicht-Zufälligkeit im Verhältnis zum Zeitgeist feststellen zu wollen, sogleich auf die dritte und letzte der vorhin genannten Fragen verweist.

Ungeplante Folgen der Pläne

Gehen wir aber vorher noch auf die zweite Frage ein: Es gibt Folgen von planvollem Verhalten, die der Planende unmöglich voraussehen konnte oder vielleicht auch nicht wollte, die aber doch beinahe zwangsläufig eintreten und das Leben späterer Menschen oft ausschlaggebend bestimmen. Aufgrund des Umstandes, daß solche Folgen nicht angestrebt, nicht beabsichtigt waren, sind wir gewohnt, sie "Neben"-Folgen zu nennen. Dies allerdings hat einen gefährlich verharmlosenden Beiklang: Man denkt allzu leicht, es gehe dabei um nebensächliche Folgen, was keineswegs der Fall sein muß. Im Gegenteil, solche Nebenfolgen können in ihren Wirkungen und Ergebnissen viel weitreichender sein als die beabsichtigen Folgen von Handlungen. Es kann sogar sein, daß die unbeabsichtigten Folgen von Handlungen dem beabsichtigten Zweck widerstreiten, so daß genau das Gegenteil von dem herauskommt, was geplant war. Diese Idee von der Heterogenität menschlicher Zwecke taucht im europäischen Denken spätestens mit Bernard de Mandeville (1670-1733) auf, der in seiner "Bienenfabel" die These zu beweisen sucht, daß gute Eigenschaften, Handlungen, Absichten von Menschen üble Folgen für die Gesellschaft nach sich zögen und umgekehrt: So würden Habgier, Machtsucht und Vergnügungssucht zu einem Aufblühen der Verbrauchsgüterwirtschaft, des Unterhaltungswesens oder der militärischen Schlagkraft führen. Würden indessen Eigenschaften, die man beim einzelnen Tugenden nennt, wie Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit und zufriedene Zurückgezogenheit das Leben einer Gesellschaft bestimmen, so müsse diese verarmen und wäre jedem Angreifer unterlegen. Der italienische Philosoph Giambattista Vico (1668-1744) hat diesem Gedanken in seiner Geschichtsbetrachtung eine beherrschende Stelle eingeräumt, und in verschiedenen Geschichtsbildern ist er bis heute wirksam.

Aber auch wenn man nicht geradezu behauptet, daß die Folgen menschlichen Handelns oft oder gar zumeist das Gegenteil von dem sind, was die Handelnden beabsichtigt haben, so muß man doch feststellen, daß Absicht und Ergebnisse meist sehr verschieden aussehen. Dies verstärkt sich dort, wo Menschen aufgrund ihrer Kenntnis der Naturgesetze imstande sind, die Natur weitgehend menschlichen Zwecken unterzuordnen, ohne jedoch zugleich fähig zu sein, alle Auswirkungen dieses Dienstbarmachens abzusehen oder in den Griff zu bekommen. Wenn wir heute durch das Verfolgen unserer vielfältigen Bedürfnisse nicht nur das Fortbestehen anderer Arten von Lebewesen, sondern vielleicht das Überleben der Menschheit selbst gefährden, so liegt der Gedanke nahe, daß dies doch nicht das Ergebnis eines vorbedachten Planes, sondern nur das Ergebnis verhängnisvoller Unkenntnis über die Auswirkungen unserer Pläne und Absichten sein kann. Im Vergleich dazu erscheint der Gedanke Vicos geradezu optimistisch, daß der Mensch ein gefallenes Wesen sei, in seinem Wollen ausschließlich bestimmt durch Grausamkeit, Habsucht und Ehrgeiz, woraus jedoch nach dem Plan einer Vorsehung notwendig die Kraft (Kriegskunst), der Reichtum (Handel) und die Weisheit (Staatskunst) der Gesellschaften entstehen müssen.

Lassen wir diesen Versuch Vicos, in der Geschichte eine Planhaftigkeit und Nicht-Zufälligkeit gerade gegen die Absichten und gegen das Wollen der Menschen zu sehen, als eine mögliche Antwort auf unsere dritte Frage einmal beiseite, so sehen wir, daß wir jedenfalls aus dem Umstand, daß Geschichte von Menschen gemacht wird, so lange noch keine Nicht-Zufälligkeit des Geschichtsverlaufs herleiten können, solange wir diese Nicht-Zufälligkeit daran messen, wieweit das tatsächliche Geschehen vorbedacht, beabsichtigt, geplant ist. Müssen wir also annehmen, daß der Verlauf der Geschichte in Wirklichkeit doch keinerlei Gesetzmäßigkeit aufweist, weder eine naturgesetzliche noch eine planhaft-menschliche? Hiermit kommen wir zu unserer letzten Frage: Gibt es nicht doch einen Plan, ein Muster, nach dem die Geschichte der Menschheit verlaufen ist und weiter verlaufen wird, ob nun die handelnden Menschen diesen Plan kennen und bewußt verfolgen, ob nun das Ergebnis dieses Planes in ihrem Interesse liegt oder nicht?

Die Frage nach dem Gesamtplan

Versuche, diese Frage zu beantworten, stellen alle jene System dar, die man herkömmlicherweise als "Geschichtsphilosophie" bezeichnet. Es ist klar, daß es nicht möglich ist, hier auch nur eine überblicksmäßige Darstellung dieser besonders seit dem achtzehnten Jahrhundert blühenden Gedankengebäude zu geben. Ich will daher nur versuchen, auf einige besonders aufschlußreiche Beispiele hinzuweisen. Dabei soll die leitende Frage sein, ob ein Plan des Geschichtsablaufs angenommen wird und wer nach der jeweiligen Auffassung diesen Plan verwirklicht.

Unter dieser Voraussetzung erscheint es sinnvoll, heteronome von autonomen Geschichtsauffassungen zu unterscheiden. Unter heteronomen Auffassungen verstehe ich solche, die die eigentlich handelnde Kraft in der Geschichte nicht in den tatsächlich handelnden Menschen sehen, sondern in einer außer- oder übermenschlichen Größe, deren Absicht oder deren Gesetz von den Menschen verwirklicht wird. Entsprechend verstehe ich unter autonomen Auffassungen solche, die keine derartige Größe einbeziehen, sondern behaupten, der Mensch allein mache die Geschichte. Unter den heteronomen Auffassungen können wir wiederum unterscheiden: solche, die eine voraussehende, personale, übermenschliche Kraft für den Geschichtsverlauf verantwortlich machen, und zweitens solche, die ein blindes, schicksalhaft wirkendes Weltgesetz annehmen. Als Beispiel für die erste Gruppe heteronomer Geschichtsauffassung kann die schon erwähnte jüdische Tradition gelten, aber auch die für die Geschichtsdarstellungen bis ins achtzehnte Jahrhundert bestimmende christliche Geschichtstheologie zählt dazu. Repräsentant einer solchen Denkweise ist noch Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) in seiner "Erziehung des Menschengeschlechtes". Die zweitgenannte Art heteronomer Geschichtsauffassung vertreten in der Antike unter anderen die Stoiker in ihrer These von einem einzigen Weltgesetz, das alles Wirkliche, Sterne wie Tiere und Menschen, bestimme. In der Neuzeit finden wir diesen Gedanken bei Rassentheoretikern wie Joseph Arthur de Gobineau (1816-1882) oder Houston Stewart Chamberlain (1855-1927), zum Evolutionsgesetz verändert bei den sogenannten Sozialdarwinisten wie Herbert Spencer (1820-1903) und Henry Thomas Buckle (1821-1862) oder auch, für jeweils eine identifizierbare Kultur behauptet, in einigen - nicht allen - morphologischen Geschichtsbildern, insbesondere dem von Kurt Breysig (1866-1940) und von Oswald Spengler (1880-1936).

Wie sehr sich auch diese heteronomen Geschichtsbilder voneinander unterscheiden, folgendes haben sie gemeinsam: Mindestens in großen Zügen verläuft die Geschichte der Menschheit notwendig, nicht zufällig. Die Menschen können diesen Verlauf nicht verändern oder verhindern, unabhängig davon, ob sie (durch die Offenbarung, durch Gobineaus Beobachtungen, durch Darwins Entdeckungen oder durch Spenglers Einsichten) das Gesetz der Geschichte kennen oder nicht. Im übrigen gibt es zwischen den beiden genannten Formen heteronomer Geschichtsauffassung mancherlei Übergänge je nach dem Begriff von Gott oder der Natur, der jeweils zugrunde liegt. Eine sehr interessante Form dieser These wurde im arabischen Raum von Ibn Khaldun (1332-1406) entwickelt, der eine Naturwissesnchaft von der Geschichte entwarf, die auch die Prophetengabe zum Beispiel Mohammeds noch als eine geschichtswirksame Naturkraft gelten läßt.

Autonome Geschichtsauffassungen hingegen gehen von der Annahme aus, daß der Mensch die Geschichte macht. Auch hier wieder kann man zwei Gruppen unterscheiden: Die einen behaupten, daß es einen Gesamtplan dieser vom Menschen selbst gemachten Geschichte gibt, die anderen leugnen dies. Unter den Erstgenannten wieder gibt es einmal die Auffassung, daß dieser angenommene - aus der bisherigen Geschichte angeblich ablesbare - Gesamtplan unbewußt verfolgt werde, daß die Handelnden also nicht wissen, was sie tun. Die anderen hingegen behaupten, der Gesamtplan könne und solle nun, da er einmal entdeckt ist, bewußt und nachdrücklich verfolgt werden.

Von den Verfechtern der These, daß die Geschichte nach einem den Handelnden selbst nicht bekannten Plan ablaufe, den aber doch nur sie selbst durch ihr Handeln, Wollen und Denken hervorbringen, der also nicht schon vor oder außerhalb aller Geschichte besteht, will ich nur den schon zitierten Giambattista Vico und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) nennen. Diese Zuordnung ist problematisch; aber das, was Vico "Vorsehung" nennt, hat doch mit dem christlichen Begriff nur mehr wenig zu tun und ist etwas, was sich zum Teil ebenso erst im Verlauf der Geschichte herausbildet, wie auch der "Weltgeist" Hegels nicht am Beginn, sondern erst am Ende der Geschichte steht. Der von Vico geschilderte Barbar der Frühzeit weiß nicht, daß er den Grund zu einem blühenden Gemeinwesen legt, wenn er aus Gier und Eigennutz ein Weib in seine Höhle schleppt. Und doch tut er gerade dies: In der Verwirklichung seines Egoismus schafft er etwas, was diesen Egoismus überwindet, eine Familie. So weiß auch das "welthistorische Individuum" Hegels nicht, was es tut, wenn es seine ganz persönlichen Wünsche, Gedanken, Triebe zu verwirklichen beginnt. Es meint, im eigenen Interesse zu handeln und ist doch nur ein Werkzeug dessen, was Hegel "Vernunft" nennt: die sich durch das Wirken von Menschen bildende Lebensform freier Menschen.

Zwei andere Denker seien noch angeführt als Vertreter der These, daß der Plan der Geschichte den Handelnden zumindest ab einer bestimmten Stufe erkennbar ist, daß sie ihn dann also bewußt verfolgen oder gegen ihn handeln können: Arnold J. Toynbee (1889-1975) und Karl Marx (1818-1883). Die Kulturen, die Toynbee beschreibt, entstehen zwar nach einem konstanten Grundmuster, aber sie wachsen nicht gleichsam naturgesetzlich wie nach der Ansicht Spenglers, sondern beruhen auf der Erfindungskraft und Antwortfähigkeit ihrer Eliten. Sie sterben auch nicht einfach ab, sondern sie begehen Selbstmord. Und schließlich entdeckt Toynbee zumindest eine Kultur, die sich noch nicht umgebracht hat und von der er hofft, daß sie imstande sein wird, durch planvolles Handeln - das durch die Einsicht in den Geschichtsverlauf begünstigt wird - zu einer wirklichen Weltkultur zu werden und so weiterzubestehen. Marx wiederum sieht ein unbewußtes Verfolgen des von den Menschen in den jeweiligen aufeinander folgenden Gestalten ihres Verhältnisses zur Welt und zueinander gemachten Planes der Geschichte auch nur bis zu einem bestimmten Punkt: bis nämlich die allgemeine Klasse, deren Interesse mit dem Interesse der Menschheit zusammenfällt, sich ihrer Rolle im Geschichtsprozeß und der Gesetze dieses Prozesses bewußt wird. Ab dieser Stufe kann und soll der schon immer verfolgte Plan bewußt verfolgt werden aufgrund der Einsicht in seine Notwendigkeit.

Ich bin mir bewußt, wie einseitig und bruchstückhaft die soeben gemachten Andeutungen sind. Sie sollten nur dazu dienen, eine gewisse Typologie in die Fülle der Antworten auf unsere Frage nach einem notwendigen oder zufälligen Verlauf der Menschheitsgeschichte zu bringen. Ich habe Vertreter der These, daß der Gesamtverlauf der Geschichte nicht einem bestimmten Plan gehorche oder man doch einen solchen Plan nicht erkennen könne, bis jetzt nicht genannt. Man kann unter ihnen zwei Gruppen unterscheiden. Die erstere betont vor allem das Zufällige an historischen Ereignissen und neigt dazu, in der Beschäftigung mit Geschichte eher eine Kunstgattung als eine Wissenschaft zu sehen. Dieser Auffassung scheint jedoch ein übertriebener Skeptizismus gegenüber der Möglichkeit, objektive Aussagen über die Vergangenheit aus den Überresten zu gewinnen, zugrunde zu liegen.

Die zweite Gruppe hingegen leugnet nicht die Möglichkeit einer Wissenschaft von der Geschichte. Sie beharrt jedoch darauf, daß diese Wissenschaft nicht in derselben Weise sich auf die Kenntnis notwendig wirkender Gesetze stützen kann, wie dies etwa in der Physik oder anderen Naturwissenschaften der Fall ist. Ich möchte stellvertretend dafür die Argumentation eines der bedeutendsten Theoretiker der Wissenschaft in unserer Zeit anführen.

Gegen den Anspruch vieler Geschichtsphilosophen von Platon bis in die Gegenwart, den Gesamtplan der Menschheitsgeschichte zu kennen und dementsprechend nicht nur die vergangene, sondern auch die zukünftige Geschichte wissenschaftlich begründet beschreiben zu können, richtet sich die Kritik des bekannten Erkenntnistheoretikers Karl R. Popper (1902-1994), in der er mit dem "Historizismus" abrechnet. Darunter versteht Popper jene Einstellung der Sozialwissenschaften, die ihr leitendes Ziel darin sieht, Voraussagen zu machen, wobei dieses Ziel dadurch erreichbar sein soll, daß man die Gesetze, Rhythmen, Grundmuster der Vergangenheit aufdeckt und ihre Wirksamkeit in die Zukunft verlängert. Seine Kritik stützt sich vor allem auf zwei Argumente:

Erstens: Das Handeln der Menschen wird in entscheidendem Maß von ihrem jeweiligen Wissensstand beeinflußt. Wir können das künftige Anwachsen des Wissens nicht voraussagen - sonst hätten wir dieses Wissen bereits. Daher können wir auch das künftige Handeln der Menschen und damit den Verlauf der Menschheitsgeschichte nicht voraussagen. Dieses erste Argument Poppers richtet sich gegen eine Gleichsetzung der Geschichtswissenschaft mit der theoretischen Physik oder ähnlichen Gesetzeswissenschaften.

Das zweite Argument bezieht sich auf unseren mangelnden Wissensstand hinsichtlich der Vergangenheit, der uns nach Poppers Auffassung nicht erlaubt, so etwas wie ein "Gesetz der Evolution der Gesellschaft" zu überprüfen. Dieses "Gesetz" hält Popper für die zentrale Lehre des Historizismus - und für einen immerwährenden Glaubenssatz. Popper will damit nicht sagen, daß die Rekonstruktion der Geschichte der Lebewesen mit Hilfe der Lehre von der Evolution ein bloßer Glaubenssatz sei; wenn diese Lehre als ein allgemeines Gesetz mißverstanden werde, so sei sie dies allerdings. Der Grund dafür ist folgender: Bei der Evolutionsthese handelt es sich nach Popper nicht um ein allgemeines Gesetz (das ja immer für mehrere oder alle Fälle derselben Art Geltung hat), sondern um die Beschreibung eines einmaligen Prozesses, für den uns keine Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, weswegen wir die vorgebliche "Gesetzmäßigkeit" auch nie einer Prüfung unterziehen können.

Popper selbst sieht, daß gegen dieses Argument zwei Einwände möglich sind: Man kann erstens die Einmaligkeit des Prozesses leugnen, wie dies die seit der Antike bekannten Zyklentheorien tun (wir sind vorhin mit Spengler und Toynbee zwei modernen Varianten begegnet). Und man kann zweitens, von der Einzigkeit des Prozesses unbeeindruckt, Richtungen, Tendenzen der Entwicklung feststellen, darüber Gesetzeshypothesen formulieren und versuchen, diese mit Hilfe von Voraussagen zu testen.

Die erste Möglichkeit, echte Wiederholungen anzunehmen, krankte stets daran, daß die Beispiele, die zur Begründung einer solchen Ansicht angeführt werden können, jeweils schon in Hinsicht darauf ausgewählt und dementsprechend verwertet wurden und daß dabei die jeweiligen konkreten Besonderheiten der historischen Situation mehr oder weniger gewaltsam unterdrückt werden mußten. Ernster zu nehmen ist daher der Versuch, Gesetzmäßigkeiten aus beobachteten Tendenzen zu abstrahieren.

Dieser Versuch aber würde nach Poppers Auffassung doch niemals zum Nachweis einer Gesetzmäßigkeit des Ganzen der Menschengeschichte führen, denn erstens sind Trends der Gesellschaftsentwicklung etwas räumlich und zeitlich Begrenzte und Veränderliches, und zweitens geschehen Entwicklungen zwar gemäß einzelnen Naturgesetzen, stellen aber in ihrem Zusammenhang doch nicht selbst eine Naturgesetzlichkeit dar. Poppers Auffassung ist nun nicht, daß die Geschichte aufgrund von lauter Zufällen abliefe und damit einer wissenschaftlichen Untersuchung unzugänglich wäre. Aber die Wirkungszusammenhänge der Geschichte sind nach dieser Auffassung auch nicht von der Art, daß tatsächlich gesetzesmäßige Voraussagen über die Zukunft der Menschheit möglich wären. Kurzfristige Planung aufgrund sozial- und geschichtswissenschaftlicher Analysen, die überdies unter der Zielsetzung humaner Werte steht, ist nach dieser Auffassung nicht nur möglich, sondern auch nötig und wünschenswert. Diese Planung aber geschieht dann nicht im Bewußtsein, einen quasi naturgesetzlichen Prozeß mitzuvollziehen, sondern im Bewußtsein, für die absehbaren Folgen der eigenen Pläne und Handlungen verantwortlich zu sein.

Die Alternative "Zufall oder Notwendigkeit" darf bei Betrachtung der Geschichte nie undifferenziert gedacht werden. Ein genaues Abwägen der Fakten und der Begriffe, die wir zur Beschreibung und zur Erklärung dieser Fakten verwenden, sollte uns vorsichtig machen sowohl gegenüber allzu skeptischer, den Zufall überbetonender Sichtweise als auch gegen eine allzu deterministische Auffassung der Geschichte. Beides würde nicht nur der Wirklichkeit Gewalt antun, es würde uns auch in ungerechtfertigter Weise gegenüber der eigenen und der gemeinsamen Geschichte entmündigen.

Literatur

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Marx, K., Engels, F.: Manifest der Kommunistischen Partei. In: K. Roßmann (Hg.): Deutsche Geschichtsphilosophie von Lessing bis Jaspers. Bremen 1959

Meyerhoff, H. (Hg.): The philosophy of history in our time. An anthology. Garden City 1959

Popper, K.R.: Das Elend des Historizismus. Tübingen 2. Aufl. 1969

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Spengler, O.: Der Untergang des Abendlandes. 2 Bde. München 1972

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Toynbee, A.J.: Der Gang der Weltgeschichte. 2 Bde. München 1970

Vico, G.: Die neue Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker. München 1924

Wimmer, F.M.: Verstehen, Beschreiben, Erklären. Freiburg/Br. 1978

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Wright, G.H. von: Erklären und Verstehen. Frankfurt/M. 1974

ders.: Determinismus in den Geschichts- und Sozialwissenschaften. Ein Entwurf. In: G. H. von Wright: Handlung, Norm und Intention. Berlin, New York 1977


[*]Zuerst in: (N. Loacker, Hg.) Geschichtlichkeit. (=Enzyklopädie: Der Mensch, Bd.5/2), Zürich: Kindler 1983, S. 416-434; dieser Text enthielt keine Anmerkungen. Die dort erwähnte Literatur wurde als Anhang angefügt, sie wird hier um die in den Fußnoten genannte Literatur ergänzt.

[1]Viele einzelne Vorkommnisse dessen, was man mit dem allgemeinen Ausdruck "Stil" nennen kann, haben ein Merkmal darin, daß sie gewissermaßen "zufällig", absichtslos wirken sollen, vielleicht auch individuell-absichtslos sind (in einem Sinn, der noch zu beschreiben ist), aber in einem größeren kulturellen Zusammenhang "richtig" oder daneben sind. Als Beispiel kann man etwa an die Falten von Gewändern denken. Die Unterschiede sind groß: zwischen der Bügelfalte der Männerhose und dem plissierten Rock um 1950, die plüschartigen Falten der Damenrobe im Leipziger Modeblatt um 1870, Knickfalte der gotischen Madonna etwa - und dies sind nur ein paar willkürliche Beispiele aus einer einzigen kulturellen Tradition. Wie kommt die jeweils "richtige" Falte zustande? Man ist versucht, Eigenschaften des verwendeten Materials hier anzuführen, aber das wäre zirkelhaft, denn es verschiebt die Frage nur: warum wird gerade dieses und nicht anderes textiles Material verwendet? Zudem: ein und dasselbe Material (z.B. Seide) hat eine Vielfalt von Gestaltungen erfahren, die jeweils als "richtig" oder "unrichtig" gesehen wurden. Die jeweilige Ordnung dieser vielfältigen Möglichkeiten ist das eigentliche Problem, das zu erklären ist. [Anmerkung 1996]

[2]Man wird bemerken, daß hier auf Hegels Doppelsatz angespielt wird: "Was wirklich ist, ist vernünftig und was vernünftig ist, ist wirklich." [Anmerkung 1996]

[3]Die Debatte um das Buch von Daniel Jonah Goldhagen ("Hitlers willige Vollstrecker", Berlin 1996) scheint zumindest teilweise um diesen Punkt zu gehen: darum nämlich, ob neben allgemeinen Bedingungen in entscheidender Weise auch individuelle Dispositionen - die in jedem einzelnen Fall hätten anders sein können - beteiligt waren. [Anmerkung 1996]

[4]Die Frage, was überhaupt geschieht, wird von religiösen Menschen häufig anders beantwortet als von nicht-religiösen Menschen. Der "Katechismus" der katholischen Kirche (München 1993) bringt dies klar zum Ausdruck, wenn bestimmte Verhaltensweisen "Sünde" genannt werden und dann ausgeführt wird: (Abschnitt 387, S. 129): "Was die Sünde, im besonderen die Erbsünde, ist, sieht man nur im Licht der göttlichen Offenbarung. Diese schenkt uns eine Erkenntnis Gottes, ohne die man die Sünde nicht klar wahrnehmen kann und ohne die man versucht ist, Sünde lediglich als eine Wachstumsstörung, eine psychische Schwäche, einen Fehler oder als die notwendige Folge einer unrichtigen Gesellschaftsstruktur zu erklären. Nur in Kenntnis dessen, wozu Gott den Menschen bestimmt hat, erfaßt man, daß die Sünde ein Mißbrauch der Freiheit ist, die Gott seinen vernunftbegabten Geschöpfen gibt, damit sie ihn und einander lieben können."[Anmerkung 1996]

[5]Ohne darauf einzugehen, ob es überhaupt stimmt, daß der Erzherzog in diesem Sinn naturnotwendiger Weise starb: eine solche Erklärung würde nicht mehr besagen als die "Erklärung", daß Giordano Bruno deshalb gestorben sei, weil menschliche Organismen eine solche Hitze, wie er ihr ausgesetzt war, nicht überleben. Das stimmt zwar, sagt aber natürlich gar nichts darüber, warum Bruno verbrannt wurde. [Anmerkung 1996]

[6]Es ist auch nicht "kulturnotwendig", sondern vielleicht, wie die folgenden Überlegungen nahelegen, "situationsnotwendig". [Anmerkung 1996]

[7]Wenn hier von "Absicht" gesprochen wurde, so ist dies nur ein Teil des Ganzen. Erstens handelt es sich immer in derartigen Fällen um die vermutete oder geglaubte Absicht, und zweitens sind Absichten, Interessen, Motivationen stets auch auf seiten der "antwortenden" Partei vorhanden. [Anmerkung 1996]

[8]"Handlungen" werden von "Verhalten" gewöhnlich durch das Merkmal der Intentionalität unterschieden. Vgl.: Büschges, Günter: "Unbeabsichtigte Folgen absichtsgeleiteten Handelns und Verantwortung der Handelnden". In: ETHICA. Wissenschaft und Verantwortung. 1996. Jg. 4, Nr. 1, S. 45-63.; Wright, Georg Henrik von: Handlung, Norm und Intention. Untersuchungen zur deontischen Logik. Berlin: de Gruyter. 1977. [Anmerkung 1996]

[9]Vgl dazu auch: Vega, Inca Garcilaso de la: Wahrhaftige Kommentare zum Reich der Inka. Berlin: Rütten & Loening. 1986 und Yupanki, Titu Kusi: "Die Erschütterung der Welt. Ein Inka-König berichtet über den Kampf gegen die Spanier". Lienhard, Martin (Hg., Übers., Einf., Nachwort) Augsburg: Bechtermünz 1995[Anmerkung 1996]