Geschichtsschreibung als literarische Kunst. Hayden V. Whites "Metahistory" (1984)

[*]

Hayden V. Whites Buch "Metahistory"[1] darf gewiß als ein scharfsinniger und differenzierter Versuch angesehen werden, Möglichkeiten und Formen unseres Verhältnisses zur Geschichte zu beleuchten und aufgrund dieser Analyse allen Anspruch der Geschichtsforschung auf Wahrheitsfähigkeit und Wissenschaft zu leugnen. Dem Untertitel zufolge handelt es sich dabei (nur) um eine Darstellung der "historischen Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa", aber dies scheint mir eine Untertreibung zu sein. Tatsächlich spricht White über das geistige Unternehmen ,Geschichtsschreibung` überhaupt und behauptet sehr weitreichende Thesen darüber: daß es sich dabei nicht und in keinem Sinn um eine "Wissenschaft" (science) handle, daß die unterschiedlichen Formen der "Erklärung" (explanation) des Gegenstandes durch die "Modellierung" (emplotment) historischer Berichte (als "Romanze", Komödie", "Tragödie", "Satire") letztlich ebenso nur aufgrund "ästhetischer" und "moralischer" Kriterien einander vorgezogen würden wie die verschiedenen Formen der "Erklärung durch Schlußfolgerung" (argument), wovon er ebenfalls vier aufführt: die "formativistische, mechanistische, organizistische und kontextualistische" Erklärung. Und schließlich erkläre der historische Bericht seinen Gegenstand drittens stets auch durch "ideologische Implikation" (ideological implication) - auch hier werden vier Typen unterschieden: "Anarchismus, Radikalismus, Konservativismus und Liberalismus"(10) Einen Typus, in irgendeinem der drei unterschiedenen Erklärungsbereiche, der aufgrund rationaler oder wissenschaftlicher Kriterien anderen Typen vorzuziehen wäre, kann White nicht ausmachen; dazu ein Zitat aus dem Schlußkapitel:

"Es ist ... unzulässig zu sagen, Michelets Geschichtsauffassung sei durch die ,wissenschaftlichere` oder ,empirischere` oder ,realistischere` Konzeption Rankes widerlegt oder überwunden worden; oder das Werk Rankes sei durch das noch ,wissenschaftlichere` oder ,realistischere` Werk Tocquevilles gegenstandslos geworden; oder daß alle drei vom ,Realismus` Burckhardts in den Schatten gestellt würden. Ebensowenig ist es mit irgendeiner theoretischen Gewißheit möglich zu sagen, daß Marx` Geschichtsidee ,wissenschaftlicher` sei als die Hegels, oder daß Nietzsche in seinen Überlegungen zum Geschichtsbewußtsein mehr ,Tiefe` beweise als jene beiden. (561)

In keinem dieser Fälle läßt White also einen Vergleich zu, der auf einen Fortschritt in historischen Erkenntnisbemühungen, auf eine größere Zuverlässigkeit der Objektivität aufbaut; in jedem dieser Fälle handelt es sich nach White bloß um eine nach "ästhetischen" oder "moralischen" Gesichtspunkten getroffene Wahl einer Darstellungsform, einer Ideologie und einer passenden Argumentierweise. Dies ist es, was Rüsen in seiner Diskussion des Buches von der "Gefahr einer Entrationalisierung der Historiographie" sprechen läßt.[2]

Es handelt sich bei Whites Thesen nicht nur um das 19. Jahrhundert und nicht nur um die genannten Autoren. Die Geschichtsschreibung, wie die Humanwissenschaften im allgemeinen, blieb in die Vagheiten, aber auch in die schöpferische Fähigkeit der natürlichen Sprache durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch eingebunden - und sie ist auch heute noch darin eingebunden. (428) Die gegenwärtige Geschichtsschreibung sieht White gekennzeichnet durch einen inhärenten Skeptizismus, der als wissenschaftliche Vorsicht und Empirismus gilt, und durch ihren Agnostizismus, der für Objektivität und transideologische Neutralität ausgegeben wird. (562) Diese skeptische, agnostische Geschichtsschreibung werde kontrastiert und konkurriert von höchst unterschiedlichen Geschichtsdenkern wie Malraux, Yeats, Joyce, Spengler, Toynbee, Wells, Jaspers, Heidegger, Sartre, Benjamin, Foucault, Lukács und einer Menge anderer..., von denen jeder seine eigenen Erklärungsstrategien und seine ideologische Implikationen hat, die für ihn einmalig sind. (433) Was soll nun der Zeitgenosse solcher Denker seinerseits über die Geschichte denken? Von der professionellen Historikerriege jedenfalls ist laut White hier keine Orientierungshilfe zu erwarten: Wenn es darum geht, zwischen diesen alternativen Geschichtsauffassungen zu wählen, so sind die einzigen Gründe, eine den anderen vorzuziehen, moralische oder ästhetische Gründe. (463: "Sofern unter diesen Betrachtungsweisen der Geschichte gewählt werden soll, sind die alleinigen Kriterien für die Bevorzugung einer vor den anderen moralischer oder ästhetischer Natur.") Den Schwarzen Peter haben also die Ästhetik und die Ethik - sollen diese Disziplinen zusehen, wie hier zu einer rationalen oder sonstwie begründbaren Entscheidung zu gelangen ist. Oder will White sagen, wir säßen hier ganz im Privaten, will er uns das Sprüchlein de gustibus wiederholen?

Es scheint mir der Überlegung wert, ob White seine Thesen rechtfertigen kann. Ein Grund dafür liegt in der Bekanntheit des Werks, verstärkt durch eine Diskussionsnummer von "History and Theory".[3] Zumindest in den USA scheinen Whites Ansichten unter Historikern und Humanwissenschaftern da und dort populär zu sein. Ein zweiter Grund liegt darin, daß White jedenfalls nicht nur davon spricht, daß persönlicher Stil der Darstellung, persönlich akzeptierte (und vielleicht außerhalb des Bereichs historischer Forschung auch begründete) Wertvorstellungen bei der Auswahl von Themen, aber auch noch beim Entdecken und Anwenden von Erklärungshypothesen eine Rolle spielen; nicht von dieser Rolle der Persönlichkeit des einzelnen Historikers ist hier die Rede, sondern die Disziplin wird überhaupt zur Literaturform erklärt. Und dies, wenn es akzeptiert wird, entläßt wohl den Historiker aus seiner Pflicht, Wahrheit zu suchen und zu sagen in dem Sinn, wie dies in einer Wissenschaft geschieht. Ein dritter Grund, sich mit White auseinanderzusetzen, liegt darin, daß er eine Sachfrage stellt, mit der sich die Theorie der Geschichtswissenschaftin der Regel zu wenig befaßt, die Frage nämlich, welche Grundtypen, Geschichte darzustellen, zu erklären und zu verwerten, es eigentlich gebe, und in welchem Verhältnis diese Typen zueinander bzw. zu ideologischen und anderen außerwissenschaftlichen Anschauungen stehen. Die relativistische Konsequenz, die White zieht, folgt jedoch weder aus einer solchen Fragestellung, noch aus der historisch-empirischen Antwort, die White selbst für seine Frage bei der Untersuchung von Historikern und Geschichtstheoretikern des 19. Jahrhunderts findet. Ich will mich hier weitgehend auf ein Referat der Position von White beschränken und werde seine Antwort auf die genannte Frage in sechs Thesen darzustellen versuchen.

These 1: Es gibt nur scheinbar einen Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie.

Der historische Teil von "Metahistory" befaßt sich mit den Werken folgender ,Historiker`: Hegel, Michelet, Ranke, Tocqueville, Burckhardt, Marx, Nietzsche und Croce.

In seinem Diskussionsbeitrag hiezu hat M. Mandelbaum kritisch angemerkt, daß diese Auswahl zumindest ungewohnt sei, daß White damit unterstelle, "Geschichtsschreibung" (Proper history) und "Geschichtsphilosophie" (philosophy of history) seien im Grunde identisch. Mandelbaums Einwand: selbst wenn die Werke von Michelet, Ranke usf. oft eine bestimmte, definierte Gesamtsicht bezüglich der Merkmale, die im historischen Prozeß zu finden sind, widerspiegeln, so sind diese Werke doch Geschichtswerke,keine Geschichtsphilosophien.[4]

Also: zumindest gebe es Historiker, die nicht eo ipso schon als Geschichtsphilosophen auftreten, unter den von White referierten Autoren, und er verschleiere dies. Man könnte wohl ebensogut den umgekehrten Einwand machen: es gibt darunter Geschichtsphilosophen, die keine Historiker sind; Hegel zum Beispiel. White jedoch leugnet die Unterscheidung - mit welchen Gründen? Mandelbaum versichert uns, White begründe hier gar nicht, behaupte nur. Da es sich dabei, wie Mandelbaum richtig sieht, um Whites "erste und vielleicht grundlegendste Voraussetzung" handelt, möchte ich dieser Frage doch nachgehen.

Bei der Unterscheidung von Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie können mehrere Strategien angewendet werden. Wer den Unterschied betonen will, kann

(1) auf Selbstbezeichnungen und explizite Abgrenzungen durch Historiker (wie z.B. Rankes Kritik an Hegel und jeder Geschichtsphilosophie) oder durch Philosophen (wie z.B. Hegels Abgrenzung seines Unternehmens gegenüber der Geschichtsschreibung) hinweisen; er kann

(2) ebenso auf einen Unterschied im Formalobjekt verweisen, d.h. in der Fragestellung, unter der ,das Vergangene`, die ,Geschichte` für den Historiker im einen, den Geschichtsphilosophen im anderen Fall Gegenstand ist: daß, auch wenn dieselben Fakten für beide den Gegenstand bilden, der Historiker doch kaum je den Anspruch erhebt, über den Gesamtprozeß, dessen wesentliche Triebkräfte oder gar dessen Sinn Thesen aufstellen und begründen zu können. Gerade dies aber ist unter dem Namen der Geschichtsphilosophie immer wieder geschehen.

(3) Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit liegt darin, daß man auf den Umstand verweist, daß Historiker über Vergangenes sprechen, Geschichtsphilosophen aber darüber reden, was Historiker hier tun. Es hebt diesen Unterschied natürlich nicht auf, wenn ein und dieselbe Person beides tut.

White nimmt zu keiner dieser Unterscheidungsmöglichkeiten - und auch nicht zu möglichen anderen - Stellung, er scheint sie zu ignorieren. Das heißt aber nicht, daß er seine eigene Auffassung, eine Unterscheidung sei höchstens oberflächlich und scheinbar, nicht rechtfertigt, wie Mandelbaum sagt. Er rechtfertigt sie durch seine These von der Einheit der literarischen Form aller historischen "Diskurse".

These 2: Alle historischen Diskurse sind von demselben literarischen Typus.

Gleich zu Beginn seines Buches teilt White uns mit: "Ich betrachte ... das Werk des Historkers als offensichtlich verbale Struktur in der Form einer Erzählung." (9) Nun, diese Charakterisierung dürfte nicht ausreichen, um historische Werke von Reiseprospekten oder psychologischen Fallbeschreibungen zu unterscheiden. Um das mithin noch unabsehbare Gebiet zweckdienlich einzuengen, sucht White nach einem "vorkritisch akzeptierten Paradigma, wie eine ,historische` Erklärung auszusehen hat." (9) Er findet es in zwei Dingen:

a) in einer Kombination von "Daten", theoretischen Begriffen zur ,Erklärung` dieser Daten, und einer narrativen Struktur für eine Präsentation als Bild von Ereignisgruppen, von welchen angenommen wird, daß sie in der Vergangenheit stattgefunden haben.;

b) in einem "tiefenstrukturellen - allgemein poetischen und insbesondere sprachlichen - Gehalt."(9)

Und nun muß White feststellen, daß diese beiden Merkmale sowohl die "eigentliche Geschichtsschreibung", als auch die "Geschichtsphilosophie" kennzeichnen. Er rechtfertigt mithin seine Identifizierung sehr wohl: indem er von einem Universum von Diskursen ausgeht und das Spezifische "des Historischen" darin sucht (und nicht, was wohl der Ausgangpunkt der meisten Analysen des Geschichtsbegriffs oder der Geschichtswissenschaft ist, umgekehrt davon ausgeht, daß ohnehin bekannt sei, was als Historie zu gelten habe und was nicht). Die Frage, die sich bei Whites Argumentation aufdrängt, ist: Warum machte er gerade an diesem Punkt der Abgrenzung halt?

Würde White - die Korrektheit seiner These, daß alles "Historische" dieses "vorkritische Paradigma" teile, einmal angenommen, weitergehen und nach dem Inhalt oder Gegenstand des Diskurses fragen, so käme er wohl ebensowenig wie Mandelbaum umhin, zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie zu unterscheiden. Aber dies tut er nicht. Daher, und nur unter diesem Titel eines gemeinsamen "vorkritischen Paradigmas" des Darstellens und Erklärens, sind die beiden Unternehmungen identisch. Es bleiben immerhin zwei Fragen: erstens, ob nicht außer der Geschichtsschreibung und der Geschichtsphilosophie noch andere literarische Unternehmungen unter den definierten Begriff fallen, etwa Schöpfungsmythen; zweitens, ob es denn so günstig ist, gewisse Produkte von Historikern (wie Archivberichte oder Monographien, s.u.) auszuschließen, weil sie zuwenig theoretische Begriff zur Erklärung ihrer Daten erkennen lassen.

These 3: Alle historischen Diskurse verwenden eine bestimmte Kombination von Erklärungsstrategien.

White unterscheidet innerhalb der Prosa, die er als "historisch" identifiziert, noch weiter nach drei Strategien, "von denen Historiker Gebrauch machen können, um verschiedene Versionen des ,Anscheins der Erklärung` zu erzeugen" Er nennt diese verschiedenen Strategien die "Erklärung durch narrative Strukturierung" (explanation by emplotment),die "Erklärung durch formale Schlußfolgerungen" (explanation by formal argument)und "Erklärung anhand ideologischer Implikationen" (explanation by ideological implication)(10). Entsprechend dem zuvor Ausgeführten dürfen wir annehmen, daß jede dieser "Erklärungsstrategien" sowohl bei - traditionell so genannten - Historikern als auch bei Geschichtsphilosophen zu finden ist, und daß solche Autoren jeweils zumindest eine - oder auch alle - dieser Strategien anwenden. Worin bestehen diese Strategien und wie sieht White sie angewandt?

These 4: Die Erklärung durch Modellierung liefert eine Geschichte, die einem der folgenden Typen von Prosa zugehört: Romanze, Tragödie, Komödie oder Satire.

White beginnt seine Ausführungen über die Erklärungsstrategien nicht mit dem, was sonst meist in der Wissenschaftstheorie als ,Erklärung` gilt, der Subsumtion von Einzelaussagen unter gesetzesartige Hypothesen, sondern mit der "Erklärung durch narrative Modellierung" (emplotment),und definiert:

"Als Erklärung durch Modellierung der Erzählstruktur (Handlung) bezeichne ich ein Verfahren, das einer Fabel dadurch ,Bedeutung` (meaning)verleiht, daß sie die Art von Geschichte (kind of history)i bestimmt, die erzählt worden ist." (21)

Welche Arten von Geschichten es hier zu unterscheiden gibt, übernimmt er von N. Frye, der ein Klassifikationsschema für literarische Formen vorgestellt hatte.[5] Die vier Grundarten von Geschichten seien romantische, tragische, komische und satirische Geschichten, und jeder Historiker sei gezwungen, die ganze Menge von Geschichten, die seine Erzählung bilden, in eine umfassende, archetypischeGeschichtenform einzuordnen. Man muß daraus schließen, daß, wo eine solche "Modellierung" der Fakten, Daten, Einzelgeschichten zu einer ganzheitlichen Geschichtenform nicht erkennbar ist, auch (noch) kein Historiker am Werk war. Dies trifft nach White tatsächlich für die "Monographie" oder den "Archivbericht" zu (9)

Für die vier genannten Archetypen von Geschichtenformen gibt White folgende Merkmale an:

(a) Die Romanzeist ein Drama des Triumphs des Guten über das Böse, der Tugend über das Laster, des Lichts über die Dunkelheit, der letzlichen Transzendenz des Menschen über die Welt, in die er durch den Sündenfall eingekerkert wurde. Das gerade Gegenteil dazu sei

(b) die Satire:ein Drama, das von der Auffassung beherrscht ist, daß der Mensch letzlich eher ein Gefangener der Welt als ihr Herr ist, und worin anerkannt wird, daß Bewußtsein und Wille des Menschen immer inadäquat sind gegenüber der Aufgabe, die dunklen Kräfte des Todes endgültig zu überwinden, der des Menschen unablässiger Feind ist.

(c) Die Komödiestellt jene Geschichtenform dar, in der die Hoffnung auf den zeitweisen Triumph des Menschen über seine Welt sich an das Bild von gelegentlichen Versöhnungen der Spielkräfte in der Welt der Gesellschaft und der Natur klammert.

(d) Auch in der Tragödiefinden Versöhnungen statt, aber diese sind mehr die Resignation der Menschen vor den Bedingungen, unter denen sie in der Welt arbeiten müssen; diese werden als unveränderlich und ewig behauptet, damit wird gesagt, daß die Menschen sie nicht ändern können, sondern unter ihnen arbeiten müssen.

These 5: Die Erklärung durch formale Schlußfolgerung liefert eine Geschichte, deren Argumentations- oder Begründungszusammenhang einem der folgenden Typen angehört: formativistisch, organizistisch, mechanizistisch oder kontextualistisch.

Die "Erklärung durch formale, explizite oder diskursive Schlußfolgerung " sieht White dort geleistet, wo der

"Historiker ... die Ereignisse in der Geschichte (story)(bzw. die Form, die er ihnen im Zuge ihrer Verknüpfung zu einer ganz bestimmten ,Geschichte` gegeben hat)," erklärt, "indem er eine nomologisch-deduktive Kette von Folgerungen konstruiert. Er argumentiert mit einem Syllogismus, dessen Obersatz ein mutmaßlich allgemeines Gesetz kausaler Verhältnisse ausdrückt, dessen Untersatz die Grenzbedingungen[5]a bezeichnet, innerhalb derer das Gesetz zur Anwendung kommt, und dessen Konklusion die tatsächlichen Ereignisse aus den Prämissen mit logischer Stringenz ableitet." (26)

An dieser Formulierung fallen mehrere Dinge auf: einmal erinnert sie deutlich an Formulierungen der Subsumtionstheorie wissenschaftlicher Erklärung, wie sie unter anderen Hempel vorgeschlagen hat; denkt man an diese, so fällt bei White auf, daß es sich um eine sehr enge Definition handelt - die induktiv-probabilistische Erklärung, wobei es sich bei der obersten Prämisse um Wahrscheinlichkeitsgesetze handelt, fällt hier schon hinaus. Auf Fragen solcher Art geht White jedoch weiter nicht ein. Das verwundert um so mehr, als die gegebene Definition für "Erklärung durch Schlußfolgerung" (nämlich als eine deduktiv-nomologische Erklärung im gewohnten Sinn) keineswegs auf alle vier von ihm angeführten Typen zu passen scheint: kann man sie für den mechanizistischen und selbst den organizistischen Typus noch plausibel finden, so ist bei den beiden anderen Typen solche Plausibilität schwer zu sehen. Es bleibt mir daher unklar, welchen Stellenwert die angeführte Definition für "Erklärung durch Schlußfolgerung" bei White hat. Wenden wir uns daher seiner Beschreibung der vier Typen zu.

Hat der Historiker seinem Leser in der Operation der "Modellierung" seine Sicht davon plausibel machen wollen, wasgeschehen ist, so wird durch diese zweite Operation des argumentativen Erklärens eine Antwort darauf gesucht, warumdieses geschah. Allerdings sieht White den Sinn dieser Warumfrage nicht in allen Fällen als gleichbedeutend an, wie sich schnell zeigt. Insgesamt findet White in den unterschiedlichen Warumfragen der Historiker einen Beleg für seine These, daß es sich bei der Geschichtsschreibung nach wie vor um eine "protoszientifische Wissenschaft"[6] handle: Historiker seien nicht nur darin nicht einig, welche Gesetzmäßigkeiten eine gegebene Ereignisfolge oder auch ein gegebenes Einzelereignis erklären könnten, sondern auch nicht darüber "welche Form eine ,wissenschaftliche` Erklärung haben sollte."(27) Was in Naturwissenschaften vor Jahrhunderten erreicht wurde, sei in den historischen ,Wissenschaften` immer noch ausständig: Einigkeit darüber,

(1) was ein (geschichts)wissenschaftliches Problem sei;

(2) welche Form eine (geschichts)wissenschaftliche Erklärung haben müsse und

(3) welche Arten von Daten als Evidenzen gelten dürfen.

White folgert aus dieser Lagebeschreibung: Die Geschichtsschreibung verbleibt im Zustand "begrifflicher Anarchie", in dem sich die Naturwissenschaften während des 16. Jahrhunderts befanden, "als es ebenso viele Ansichten vom ,Unterfangen Wissenschaft` gab wie metaphysische Positionen." (28) Diese begriffliche Anarchie im Unternehmen Geschichtswissenschaft führt jedoch nicht dazu, daß in dieser Disziplin gänzlich ohne Regelhaftigkeit erklärt würde; White glaubt vielmehr auch hier eine begrenzte Anzahl von Erklärungsformen feststellen zu können, wobei Charakterisierung, Zahl und Bezeichnung den vier Typen von "world views" abgeschaut sind, die Pepper unterscheidet.[7]

Die formativistische Erklärungliegt vor, wo "eine bestimmte Menge von Gegenständen nach Gattung, Art, zugehörigen besonderen Eigenschaften und Bezeichnungen genau bestimmt worden ist."(29) Das Ziel dieser ,Erklärungsform` ist also bereits mit einer Beschreibung und Benennung vielfältiger Einzelerscheinungen und -ereignisse mit Hilfe einer vereinheitlichenden Terminologie erreicht; es handelt sich jedoch hierbei nicht um eine integrierende Betrachtung der (historischen) Realität, sondern um eine "zerstreuende", ausufernde. Damit verbunden sind unpräzise Terminologie und Aussagen, die so wenig spezifisch sind, daß sie Bestätigung oder Widerlegung durch empirische Daten kaum zulassen. Herder wird als ein Repräsentant für die formativistische Form des Erklärens genannt.

Die organizistische Erklärunghingegen will die Einzelereignisse oder -fälle als "Momente eines synthetischen Geschehens" abbilden, wobei diese Momente in "Einheiten" zusammengefaßt werden, welche als größer oder als qualitativ höher gelten denn die Summe ihrer Teile. Ranke "und die Mehrzahl der ,nationalistischen` Historiker um die Mitte des 19. Jahrhunderts" gehören hierher: ihre "Nationen" oder "Völker" spielen die Rolle des Organismus, für den ferner charakteristisch ist, daß er sich auf ein "Ende", auf ein "Ziel" hinbewegt. Wird aber nun versucht, diese Bewegung durch (z.B. darwinistisch-evolutionistische) Gesetzmäßigkeiten zu erfassen und zu erklären, die den Naturgesetzen vergleichbar wären, so widersetzt sich dem die organizistische Erklärungsweise und spricht - im 19. Jahrhundert - lieber von "Prinzipien" oder "Ideen", die als etwas vorgestellt werden, was das Ziel vorwegnimmt, auf das hin der Gesamtprozeß tendiert. (30f)

MechanistischeWelthypothesen und Geschichtserklärungen sind gleichermaßen integrativ wie organizistische, und unterschieden sich darin von formativistischen. Aber sie sind im Gegensatz zu organizistischen Erklärungen "eher reduktiv" als "synthetisierend". Sie suchen nach Kausalgesetzen zur Erklärung des Geschehens; Taine, Marx, Tocqueville werden als Vertreter dieser Erklärungsform genannt. Für einen Mechanisten ist eine Erklärung

"nur dann ... vollständig, wenn er die Gesetze entdeckt hat, von denen er annimmt, daß sie die Geschichte ebenso bestimmen, wie die Gesetze der Physik die Natur bestimmen." (32)

Einzelereignisse, Einzelphänomene erscheinen in dieser Sichtweise als weniger wichtig als die Gesetzmäßigkeiten, für die sie vielleicht nur Beispiele sind: auch Typen von Ereignissen sind weniger wichtig als die Gesetze sozialer Strukturen, die den Lauf der Geschichte bestimmen.

Wenn sowohl die organizistische, als auch die mechanizistische Erklärungsform wegen ihrer reduktiven Tendenz vielfach abgelehnt werden, so scheint die unter Historikern beliebteste Alternative dazu nach White die kontextualistischeErklärungsform zu sein: Ereignisse können dacurch erklärt werden, "daß man sie in den ,Kontext` ihres Erscheinens (zurück-)versetzt." (33) Es werden dabei also spezielle Relationen zu anderen Ereignissen hergestellt, die untereinander einen gewissen Zusammenhang - aber nicht von der Stringenz einer Gesetzmäßigkeit - aufweisen. Der Unterschied zu den Formativisten besteht darin, daß diese eine Art Bühnendekoration vorstellen, wobei die einzelnen Versatzstücke nichts miteinander zu tun haben; hier jedoch hängt alles zusammen. Beispiele für diese Art des Erklärens finden sich laut White bei jedem Historiker, "der diesen Namen verdient", von Herodot bis heute. Der typische Repräsentant im 19. Jahrhundert sei Burckhardt: Einzelphänomene werden nicht auf ihre Funktion als Fall einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit reduziert, sie werden aber auch nicht in ihre bloß individuelle Einzigartigkeit ausgefächert, sondern im Sinn eines Trends oder des Geistes einer Epoche, eines Volkes, eingeordnet. Der Kontextualist kann aber nicht bei seiner bescheidenen Methode bleiben, stellt White fest, wenn er erst einmal versucht, eine Gesamtschau zu geben; dann nämlich komme er nicht umhin, organizistische oder mechanizistische Hypothesen heranzuziehen.

Keine der vier Formen argumentativen Erklärens hat nach White an sich kognitive Priorität vor den anderen; faktisch aber werden von professionellen Historikern, so White, der Formativismus oder der Kontextualismus meist bevorzugt. Mechanistische oder organizistische Denker wie Tocqueville, Hegel, oder Marx hingegen würden weitgehend als "Heterodoxien" abgelehnt.

"Die Motive für die Feinseligkeit professioneller Historiker gegen organizistische und mechanistische Konzepte blieben ... freilich verdeckt. Es würde sich nämlich herausstellen, daß diese Motive in außerwissenschaftlichen Erwägungen verborgen liegen. Denn wenn man sich auf den protowissenschaftlichen Charakter aller historischen Untersuchung besinnt, dann gibt es keine apodiktischen epistemologischen Gründe, eine dieser Erklärungsweisen einer anderen vorzuziehen."(36)

Wenn feststeht, daß der Organizismus und Mechanizismus Einsicht gewährt in irgendeinen Prozeß der Natur und Gesellschaft, welche nicht durch Formismus und Kontextualismus erreicht werden kann, so muß der Ausschluß von Organizismus und Mechanizismus aus dem Kanon orthodoxer historischer Erklärungen auf außer-epistemischen Überlegungen beruhen. Es handelt sich dabei um eine Entscheidung darüber, wie eine Wissenschaft vom Menschen und der Gesellschaft generell auszusehen habe, es handelt sich nicht um empirisch entscheidbare einzelne Fragen - und diese Entscheidung fällt White zufolge ausschließlich auf der moralischen, insbesondere auf der ideologischen Ebene.

White findet diese seine Einschätzung auch von den Theoretikern der jeweiligen Geschichtsauffassungen bestätigt: Vertreter des Mechanizismus, die er "Radikale" nennt, betonen, der Ausschluß der mechanistischen Erklärungsform sei ideologisch, denn wenn eine Erklärung des Geschichtsprozesses durch die Kenntnis relevanter Gesetze geleistet werde, so würde damit ein Wissen um die hinreichenden Bedingungen auch für Revolutionen vermittelt - und da man letztere nicht wolle, bestreite man auch die Möglichkeit des ersteren. Vertreter der Gegenseite wiederum, von White als "Liberale" bezeichnet, bringen vor, die vorgeschlagenen mechanistischen Erklärungen selbst seien ideologisch, nämlich entweder revolutionär oder reaktionär. Daher sei jeder Historiker, der nach solchen Gesetzen suche, ebenso suspekt wie jene Geschichtsphilosophen, die nach den Prinzipien der Geschichte gesucht hatten. In diesem Streit der Parteien sieht White ein Charakteristikum der Geschichtsschreibung, das unaufhebbar und daraus zu verstehen sei, daß in der Geschichtsschreibung stets noch eine dritte Form des "Erklärens" stattfinde: "Es scheint also in jeder historischen Darstellung der Wirklichkeit eine irreduzibel ideologische Komponente zu stecken." (38)

These 6: Die Erklärung durch ideologische Implikationliefert eine Geschichte, deren Argumentation auf anarchistische, konservative, radikale oder liberale Aktion hinausläuft.

Unter einer Ideologie versteht White "ein Bündel von sozialen Verhaltensregeln und Handlungsgeboten ..., die mit einer bestimmten Position gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft und im Hinblick auf soziales, an Veränderung oder Aufrechterhaltung des Status quo orientiertem Handeln verbunden sind."(38)

Warum er gerade die vier Formen von Ideologie nach Karl Mannheim[8] aufgreift und nicht auch andere, hat seinen Grund darin, daß diese vier "ideologischen Grundpositionen" solche "Wertsysteme" darstellen, die für sich "die Autorität der ,Vernunft`, der ,Wissenschaft` oder des ,Realismus`" reklamieren, was bei anderen (wie dem Faschismus) nicht der Fall sei - diese vier also seien "geistig verantwortungsbewußt". (39) Anhand einiger Sachfragen der Historie werden nun die Merkmale der genannten vier ideologischen Orientierungen angegeben:

Hinsichtlich des gesellschaftlichen Wandelssind alle vier Ideologietypen von dessen Unvermeidlichkeit überzeugt, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich dessen Wünschbarkeit und dessen optimalem Verlauf; denken Konservative hier gerne in der Metaphorik pflanzlichen Wachstums, so neigen Liberale dazu, überall Einzelkorrekturen und "Feinabstimmungen" auszumachen. Beide halten die Gesellschaftsstruktur einer Epoche im Ganzen für gut und sehen jedenfalls optimale Veränderungen dann gegeben, wenn nur Einzelheiten, nicht Strukturbeziehungen verändert werden. Letzteres wiederum halten Radikale (mit Betonung des Allgemeinen) und Anarchisten (mit Betonung des Individuellen) für nötig und wünschenswert. (Vgl. 40f)

Auch die Zeitorientierungder Ideologien, und damit die der Historiker, ist unterschiedlich. Konservative neigen - nach Mannheim - dazu, historische Evolution als einen Prozeß der ständigen Ausarbeitung des Utopischen (dessen, was Menschen eben "realistischerweise ... erhoffen" könnten), d.h. der Gegenwart anzusehen; Liberale hoffen auf eine ferne Zukunft, in der nach und nach Utopia verwirklicht wird, aber eben so, daß es keinen Sinn hätte, in der Gegenwart, etwa mit "radikalen" Mitteln, nach diesem Utopia zu greifen. Beide sind mithin "sozial kongruent", wie Mannheim dies nennt. Die beiden "sozial transzendierenden" Ideologien hingegen sind Radikalismus und Anarchismus; neigt der radikale Historiker dazu, die Idealgesellschaft als unmittelbar ausständig zu sehen und sich daher vorzüglich mit den Tendenzen und den Gesetzmäßigkeiten zu befassen, die sie befördern werden, so idealisiert der Anarchist eine ferne Vergangenheit unschuldiger Menschlichkeit: unter dieser Voraussetzung kann scheinbar stets und überall Utopia (wieder) hergestellt werden, wenn die Menschen sich nur auf ihre Menschlichkeit besinnen. (Vgl. 42)

Diese "ideologischen Implikationen" orientieren den Historiker White zufolge auch noch in anderen, spezifischeren Dingen: in seiner Vorstellung von "Wissenschaft", in seinem Denken über den "Sinn der Geschichte" usw. Doch mag das Angedeutete jetzt genügen. Wichtig erscheint mir der Hinweis, daß White für seine Analyse weder explizite Ideologie erwartet (z.B. hätten Werke wie die von Burckhardt und Nietzsche "deren Interessen offensichtlich nicht politisch eingefärbt waren, ganz bestimmte ideologische Implikationen" (44), was ihm für ihre ideologische Zuordnung genügt), und daß erst durch den Aufweis der ideologischen Implikation eines Historikers dieser in seiner Eigenart erkennbar sei.

"Ich behaupte, daß sich das ethische Moment einer Geschichtsdarstellung in der Art der ideologischen Implikation spiegelt, durch die eine ästhetische Wahrnehmung (die Modellierung der Erzählstruktur) und eine kognitive Operation (die formale Schlußfolgerung) so miteinander kombiniert werden, daß sich normative Aussagen aus Feststellungen ableiten lassen, die zunächst rein deskriptiv oder analytisch zu sein scheinen." (44)

Mit diesem Satz schlägt White seine Lösung in einer Frage vor, die die Geschichtswissenschaft zu Recht bedrängt; seine Lösung bleibt allerdings dezisionistisch auf allen Ebenen.


[*] Zuerst in: Nagl-Docekal, Herta und Wimmer, Franz Martin (Hg.): Neue Ansätze in der Geschichtswissenschaft. Wien: VWGÖ 1984, S. 153-162.

[1]White, Hayden V. Metahistory- Die historirische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt/M.: S. Fischer 1991 (Zuerst: Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe. Baltimore & London, 1973) Zitate daraus werden im Text durch Angabe der Seitenzahl nachgewiesen. Vgl. auch White, Hayden V.: Tropics of Discourse. Essays in Cultural Criticism. Baltimore & London, 1978

[2]Rüsen, Jörn: "Geschichtsschreibung als Theorieproblem der Geschichtswissenschaft", in: R. Koselleck, H. Lutz u. J. Rüsen (Hg.): Formen der Geschichtsschreibung (Theorie der Geschichte, Bd. 4) München 1982, S. 14-35; hier: S. 33. Vgl. ders.: "Die vier Typen des historischen Erzählens", ebd., S. 514-605.

[3]History and Theory 1980 (Beiheft 19)

[4]Vgl. Mandelbaum, Maurice: The presuppositions of "metahistory"; in: History and Theory 1980 (Beiheft 19), S. 39-54; hier: S. 41.

[5]Frye, Northrop: Anatomy of Criticism: Four Essays. Princeton, 1957.

[5a] [Anmerkung 1996: Der Ausdruck ,Grenzbedingungen` ist in der wissenschaftstheoretischen Literatur zum Thema unüblich. Es handelt sich um dasjenige, was gewöhnlich ,Randbedingungen` genannt wird. Vgl. dazu Wimmer, F.M.: Verstehen, Beschreiben, Erklären. Freiburg/Br.: Alber 1978]

[6]Vgl. Rüsen a.a.O. (Anm.2), S. 516.

[7]Pepper, Stephen C.: World Hypotheses: A Study in Evidence. Berkeley und Los Angeles, 1966.

[8]Mannheim, Karl: Ideologie und Utopie. Dritte vermehrte Auflage. Frankfurt a.M., 1952.