Sowjetische Philosophiehistorie - ein Beispiel für marxistische Geschichtsauffassung (1984)

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Ausgehend von einer allgemeinen Zuordnung zu einem geschichtsphilosophischen Typus wird im folgenden die marxistisch-leninistische Geschichtsauffassung, wie sie vor allem in der Sowjetunion entwickelt wurde, am Beispiel der historiographischen Disziplin der Philosophiehistorie dargestellt. Das Schwergewicht liegt dabei auf der Beschreibung methodologischer Besonderheiten: die Gegenstandsbestimmung, der Stellenwert, methodologische Prinzipien (Parteilichkeit, Grundfrage, Objektivität, Historismus, Einheitsprinzip) werden ausgeführt. Als inhaltliche These wird die These von der gesetzmäßigen Entwicklung der Philosophie geschildert, dabei erscheinen die allgemein soziologischen, wie die spezifisch philosophiehistorischen Gesetzmäßigkeiten, die angenommen werden, als genuiner Beitrag zur Wissenschaftstheorie der Philosophiehistorie. Abschließend wird der Versuch einer Bewertung unternommen, wobei besonders die dezentralisierte, internationalisierte Betrachtungsweise der Philosophiegeschichte, wie die marxistisch-leninistische Tradition dieser Disziplin in ihren theoretischen Reflexionen und in ihren praktisch-historischen Arbeiten sie betonen, als Positivum erscheint.

These (1): Marx` Geschichtsauffassung wird hier als geschichtsphilosophischer Typus bestimmt, in dem jeder einzelne historische Sachverhalt (wie: Handlungen, Verhaltensweisen, Denkweisen etc.) zumindest teilweise nicht intentional, sondern durch allgemeine, dem jeweiligen Subjekt nicht inhärente oder bewußte Gründe zu erklären ist. Diese Auffassung hat bedeutsame Konsequenzen für die Geschichtswissenschaft.

Das deutsche Wort Geschichte bezeichnet Dreierlei:
a) die (oder einen Teil der) Vergangenheit;
b) Berichte über die (oder einen Teil der) Vergangenheit;
c) Erzählung (engl.: story).

ad a) Theorien über Geschichte, soweit sie die erste Bedeutung des Wortes betreffen, unterscheiden sich u.a. danach, welche Antwort sie auf die Frage geben, was die letztwirksamen Faktoren, die Grundkräfte hinter dem Geschehen sind. Zwei Grundtypen sind hiernach zu unterscheiden: heteronome und autonome Geschichtsauffassungen. Heteronome Geschichtstheorien schreiben den Ablauf des Geschehens einer außer- oder übermenschlichen Kraft zu - Göttern, Gott, der Natur, dem Klima usf. Autonome Geschichtstheorien setzen Menschen als letzte Faktoren an, wobei von Interesse ist, ob eher das Handeln von einzelnen oder von Gruppen akzentuiert wird, und ob das geschichtswirksame Handeln als intentional oder zumindest teilintentional angenommen wird. Die Weiterentwicklung der marxschen Geschichtsauffassung durch Lenin (in der Theorie der Partei und der Revolution) legt die in These (1) formulierte Zuordnung nahe.

ad b) Daraus ergeben sich bestimmte Annahmen für eine Theorie der Geschichte in der zweiten Wortbedeutung, und zwar auf drei Ebenen:
aa) die Relevanzgesichtspunkte (für Auswahl, Problemstellung etc.) orientieren zur Untersuchung von ökonomischen Bedingungen, der Arbeitsgeschichte, der Geschichte von zunehmend antagonistischen Kollektiven, Klassen;
bb) dementsprechend werden die für die Beschreibung zentralen Begriffe gewählt (z.B. Klasse);
cc) Hypothesen für die Verlaufserklärung werden formuliert und geprüft, wobei diese mit den theoretisch bestimmenden Begriffen wie Gesellschaftsformation, Entwicklung und Revolution arbeiten.

Damit ist angedeutet, daß und inwiefern eine Theorie über Geschichte in der ersten Wortbedeutung Konsequenzen für die Geschichtswissenschaft und deren Theorie hat: diese Folgerungen beziehen sich auf Auswahl, Beschreibung und Erklärung (und betreffen weiter auch noch den Stil der Darstellung, also c), was ich aber hier ausspare).

These (2): Folgerungen für die Erfassung der Geschichte lassen sich in jedem Bereich historischer Forschung zeigen. Als Beispiel dafür werden hier Grundzüge der Behandlung von Philosophiegeschichte unter der Annahme der Richtigkeit der marxschen Geschichtsauffassung dargestellt. Konkret wird die v. a. in der Sowjetunion entwickelte marxistisch-leninistische Theorie und Praxis der Philosophiehistorie vorgestellt.

War in der Überschrift von materialistischer Geschichtsauffassung im allgemeinen die Rede (was die bisherigen Hinweise auch tatsächlich betrafen), so mache ich jetzt zwei wesentliche, jedoch begründbare Einschränkungen: erstens schränke ich den Bereich des Vergangenen inhaltlich auf die Philosophie ein und spreche zweitens nur von der Theorie und Praxis der Philosophiehistorie, wie sie sich v. a. in der Sowjetunion seit 1947 entwickelt hat. Beide Einschränkungen will ich kurz begründen.

Die erste Einschränkung ergibt sich daraus, daß jedenfalls irgendeine solche Bereichseinschränkung gemacht werden muß und auch stets gemacht wird, wenn von Geschichte gesprochen wird. Wenn ich gerade die Vergangenheit der Philosophie - und nicht etwa der Kunst, Gesellschaft, Wirtschaft etc. - und deren Darstellung auswähle, so spricht dafür zweierlei: einmal bleibt nur allzuoft in Diskussionen um Geschichtstheorie die Tatsache außer Betracht, daß auch die Geschichtsschreibung über die Bereiche Literatur, Kunst, Wissenschaft oder eben Philosophie genuine historiographische Disziplinen sind, die nicht nur ihr gegenstandsbezogenes Eigenleben führen, sondern den Standards wissenschaftlicher Geschichtsschreibung ebenso entsprechen sollen wie die Wirtschafts-, Sozial- oder Staatsgeschichte; zum zweiten hat gerade die Diskussion um die Philosophiehistorie unter marxistischen Annahmen (in der Sowjetunion) ein so hohes theoretisches Niveau erreicht, wie dies in den methodologischen Diskussionen außerhalb des Marxismus m. E. für die Philosophiehistorie gar nicht, für andere historische Disziplinen selten der Fall ist - weswegen aus dieser methodologischen Diskussion so gut wie aus irgendeiner die marxistisch-leninistische Auffassung von einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung zu erkennen ist. Soviel zur ersten Einschränkung.

Wenn ich zweitens von den in marxscher Tradition entwickelten Formen der Philosophiehistorie die sowjetische (nach 1947) auswähle, so spricht auch hierfür mehreres: erstens sind in der Sowjetunion Werke über die Geschichte der Philosophie von einer Umfassendheit und Detailliertheit geschaffen (und teilweise auch übersetzt) worden, wie sie m. E. von nicht-leninistischen Marxisten nicht vorliegen; zweitens war die sowjetische Theorie und Praxis der Philosophiehistorie weiten Kreisen im Westen ziemlich unbekannt, es besteht also eine Bekanntheitslücke; drittens sind die Arbeiten der sowjetischen Historiographen der Philosophie zumindest hinsichtlich ihrer internationalistischen Tendenz dem erst in unserer Zeit entwickelten neuen Typus der interkulturellen Philosophiehistorie zuzuordnen, den ich nicht nur für den wesentlichen Beitrag unseres Jahrhunderts auf dem Gebiet der Philosophiehistorie, sondern auch für etwas über die Philosophie hinaus Nützliches und Wichtiges halte. Soviel zur zweiten Einschränkung, und nun also zur Darstellung sowjetischer Philosophiehistorie in Kürze.

Nach vier Themen will ich nun die Historiographie der Philosophie vorstellen: wie der Gegenstand bestimmt wird, welcher Stellenwert dieser Disziplin zugeschrieben wird, welchen Prinzipien die Darstellung gehorchen soll und welche Gesetzmäßigkeiten für den Verlauf der Philosophiegeschichte angenommen werden.

A. A. Zdanov wirft 1947 seinen Philosophenkollegen vor, sie seien zu sehr "historistisch" interessiert, und A. F. Okulov stellt 1962 fest, "Stalins Personenkult" habe "viele philosophische Kader dazu verleitet, sich von aktuellen Problemen ab- und den Problemen der Philosophiegeschichte zuzuwenden."[1] Wie es mit dieser Erklärung auch stehen mag, sicher ist, daß mit der Diskussion um G. F. Aleksandrovs "Geschichte der westeuropäischen Philosophie" (1946), die zur Selbstkritik des Autors führte und die den Inhalt von Heft 1 des ersten Jahrgangs der "Voprossy Filosofii" (1947) bildete, die Phase der vorwiegend edierenden, nach Zdanov "historistischen" Beschäftigung mit der Philosophie und deren Geschichte ihren Abschluß gefunden hat und daß in dieser Diskussion die Definitionen, Richtlinien, Pläne entwickelt wurden, die zu einem Aufschwung der sowjetischen Philosophiehistorie führten, so daß Rybarczyk[2] feststellt:

"die sowjetische Historiographie der Philosophie bildet wahrscheinlich die lebendigste Disziplin in der sowjetischen Philosophie; sie ist voll von ernsten Diskussionen über grundlegende Probleme, ihr neuestens erreichtes Niveau ist beachtlich; sie kann auch den nichtsowjetischen Historikern der Philosophie manche nützliche Anregungen geben."

In der Bestimmung des Gegenstandes dieser Disziplin wurde grundsätzlich von Friedrich Engels ausgegangen, der als die Grundfrage der Philosophie die Frage nach dem Primat von Materie oder Geist bestimmt hatte, worauf es zwei mögliche Antworten gebe: Materialismus oder Idealismus. Da der Marximus-Leninismus als die entwickeltste Form des Materialismus, und die Materialisten früherer Zeiten als die jeweils fortschrittlichsten Denker ihrer Zeit angesehen wurden, lag es nahe, wenn Zdanov als den Gegenstand der Philosophiehistorie "die Geburt, die Entstehung und Entwicklung der wissenschaftlichen materialistischen Weltanschauung und ihrer Gesetze"[3] ansah Diese Festsetzung wurde jedoch als zu einseitig verworfen, insbesondere deshalb, weil bedeutende Idealisten wie Hegel oder Halbidealisten wie Aristoteles aufgrund einzelner ihrer Thesen, aufgrund methodologischer Reflexionen - und jedenfalls trotz ihres Idealismus als wichtig und insgesamt fortschrittsfördernd eingestuft wurden. Diese Diskussion ist unterdessen so sehr entschieden, daß für Lange und Barth[4] "der Hinweis auf den objektiven Idealisten Hegel und auf den anthropologischen Materialisten Feuerbach sowie auf ihre subtile Einschätzung durch die Klassiker des Marxismus-Leninismus" genügt, um zu verdeutlichen, "daß es die objektive Widersprüchlichkeit und Kompliziertheit des philosophiehistorischen Prozesses verfehlte, wollte man - worauf Marx und Engels nie verfielen - simplifizierend Materialismus gleich Fortschritt und Idealismus gleich Reaktion setzen." Wird eine solche Gleichsetzung aufgegeben, so gewinnen auch andere als nur materialistische Traditionen eigenes Interesse: sowohl die "Geschichte der Philosophie"[5] als auch der "Abriß der Geschichte der Philosophie"[6], beides als Gemeinschaftswerk der bekanntesten sowjetischen Philosophiehistoriker an der Akademie der Wissenschaften in Moskau entstanden, enthalten folgerichtigerweise eine umfassendere Gegenstandsbestimmung der Philosophiehistorie. Den Text aus dem Abriß will ich vollständig wiedergeben:

"Der Gegenstand der Geschichte der Philosophie als Wissenschaft ist die Entstehung und Entwicklung des philosophischen Denkens von den Anfängen bis zur Gegenwart unter dem Gesichtspunkt seines Anteils an der Herausbildung einer wissenschaftlichen Weltauffassung und seiner sozialen Rolle in der Geschichte.
Die marxistische Geschichte der Philosophie, die in der Hauptsache die Entwicklung der materialistischen Philosophie, ihren Kampf gegen den Idealismus sowie die Ablösung einer Form des Materialismus durch andere untersucht, erforscht dabei gleichzeitig die Geschichte der ideali stischen Lehren und deren Auseinandersetzung mit dem Materialismus. Sie untersucht die Entstehung und Entwicklung der dialektischen und der metaphysischen Denkmethode.
Da die Philosophie eine spezifische Form des gesellschaftlichen Bewußtseins und insofern eine bestimmte Erkenntnis der Wirklichkeit ist, die in spezifischen Begriffen, Kategorien und Aussagen fixiert wird, erforscht die marxistische Philosophiegeschichte auch die Heraus- und Umbildung der philosophisch relevanten Kategorien und Begriffe.
Zu ihrem Gegenstand gehört ferner die Vorbereitung, Entstehung und Entwicklung der marxistischen Philosophie. Sie zeigt deren grundlegenden Unterschied zu allen anderen philosophischen Lehren und ihre Rolle bei der sozialistischen und kommunistischen Umgestaltung der Gesellschaft. Schließlich gibt die marxistische Geschichte der Philosophie eine wissenschaftliche Kritik der bürgerlichen Weltanschauung, insbesondere ihrer zeitgenössischen Strömungen."[7]

Welcher Stellenwert, welche Funktion wird nun dieser historiographischen Disziplin zugesprochen, was soll sie leisten?

Das Studium der Geschichte der Philosophie soll vor allem die Entwicklung des menschlichen Denkens erkennen helfen; der Höhepunkt dieser Entwicklung ist mit dem dialektischen und historischen Materialismus gegeben, und dieser wird nicht als etwas bloß Kontingentes betrachtet: "Die Geschichte der Philosophie als Wissenschaft zeigt, daß ihr Weg notwendigerweise, historisch gesehen, zur marxistischen Philosophie führte", lesen wir im Abriß.8 Sie zeige auch, "daß die Quelle der Entwicklung und Bereicherung jeder fortschrittlichen, progressiven Philosophie die Verbindung zum Leben, zur Praxis war, ist und immer sein wird. Es handelt sich hier insbesondere um die gegenwärtige wissenschaftliche, d. h. marxistische Philosophie . . ."[9] So sollte durch historische Untersuchungen der Primat oder vielmehr die ausschließliche Wissenschaftlichkeit und Fortschrittlichkeit der marxistisch-leninistischen Philosophie erwiesen werden. Aber "die Untersuchung der Geschichte der Philosophie ist nicht nur von theoretischem Interesse, sondern sie hat auch praktisch-politische und erzieherische Bedeutung", schreiben die Autoren des Abriß,10 und Lange und Barth stellten fest:

"Das Studium der Philosophiegeschichte hat zumindest einen vierfachen Wert: einen mittelbar oder sogar unmittelbar praktischen, einen ideologischen, einen intellektuellen und einen erzieherisch-sittlichen."[11]

Die Geschichte führt den praktisch-ideologischen Wert näher aus:

"Aufs engste mit der Politik der kommunistischen Parteien verbunden, ist sie berufen, als Waffe im ideologischen Kampf der progressiven Kräfte der gegenwärtigen Gesellschaft gegen die Kräfte der Reaktion und des Obskurantismus zu dienen.[12]

Sie hilft nicht nur im Kampf gegen Religion und Aberglauben, sondern

"sie lehrt die fortschrittlichen Menschen aller Völker das Beste, was im Bereich des philosophischen Denkens nicht nur des eigenen, sondern auch anderer Völker geschaffen worden ist, zu schätzen und zu studieren und dies auszunutzen für die Entwicklung einer progressiven Kultur und den Kampf gegen die heutige Reaktion."[13]

Auch als Unterrichtsfach, zur Aneignung dialektischen Denkens, sei die Geschichte der Philosophie zu schätzen, sowie als Orientierungshilfe und Überzeugungsmittel für Intellektuelle:

"Sie kann den Gelehrten und Kulturschaffenden helfen, die noch nicht die Position der echten wissenschaftlichen Weltanschauung bezogen haben, sich vom Einfluß der idealistischen und metaphysischen philosophischen Strömungen zu befreien, das Wesen und die Bedeutung der neuen Entdeckungen und technischen Erfindungen richtig einzuschätzen und deren idealistische Auslegung und Ausnützung zu reaktionären Zielen zu verhindern."[14]

Es scheint also nicht übertrieben, wenn Rybarczyk betont: "Der Geschichte der Philosophie in der SU wird unzweifelbar große Bedeutung zugemessen"[15],und darauf hinweist, daß daraus auch für das Studium der systematischen Philosophie sich deutliche Verbesserungen ergeben haben: Das Begriffsarsenal erweitert sich, das Problembewußtsein steigt; systematische Probleme werden zunehmend in ihrem historischen Zusammenhang gesehen; die Philosophiehistorie wurde zur eigenständigen Disziplin, die sich in Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Praxis entwickelt.[16] Dazu noch einmal Lange und Barth:

"Offenbar ist die Philosophie unter allen Wissenschaften diejenige, für deren Verständnis, Aufbau und Weiterentwicklung die eigene Geschichte die größte Bedeutung besitzt." Dies komme daher, daß die (marxistisch-leninistische) Philosophie "in exemplarischer Weise die Einheit von Historischem und Logischem verkörpert, daß sie gleichermaßen und vollgültig logische (theoretische) und historische Wissenschaft ist."[17]

Besonders deutlich wird bei Lange und Barth der auch in sowjetischer Literatur betonte sittlich-erzieherische Wert der Philosophiehistorie unterstrichen und mit zentralen Thesen des Marxismus-Leninismus verknüpft:

"Schon wegen ihres Ideologiecharakters kann man Philosophie nicht ,unparteiisch` und ,unpersönlich` betreiben. Sowohl die Produktion als auch die Konsumtion von Philosophie beansprucht die ganze Persönlichkeit, nicht nur ihre intellektuell-rationalen, sondern auch ihre emotionalen und volitiven Fähigkeiten. Das Studium der Philosophie und ihrer Geschichte wirkt persönlichkeitsbildend. Ohne das tiefe Eindringen in die Philosophie und ihre Geschichte wären auch unsere Klassiker nicht zu denen geworden, als die sie in die Geschichte eingegangen sind."[18]

Was sind nun die methodologischen Prinzipien, die eine so anspruchsvolle Disziplin leiten? Schlagwortartig kann man fünf Prinzipien oder methodologisch relevante Thesen nennen, die hier in der sowjetischen Literatur angeführt werden:
die Parteilichkeit,
die Grundfrage,
die Objektivität,
der Historismus,
das Prinzip der Einheit.
Sehen wir uns jedes einzelne dieser Prinzipien, d. h. das, "was Grundlage einer Gesamtheit von Fakten oder Kenntnissen ist"[19] näher an.

Das Prinzip der Parteilichkeit hat Lenin in "Materialismus und Empiriokritizismus" (1908) explizit formuliert; vier Thesen sind für uns wichtig: erstens, daß es in der Grundfrage der Philosophie (s. u.) nur entweder Materialismus oder Idealismus gebe; zweitens, daß die Einstellung zur Grundfrage (und deren Beantwortung) von "außerhalb der Philosophie liegenden Ursachen" abhänge; drittens, daß philosophische Meinungen außerphilosophische Folgen haben; und viertens, daß philosophische Erkenntnisse nicht wertfrei seien, sondern stets emotional, wertend engagiert (auch wenn ihr Wortlaut dies verdeckt). Dies alles angenommen, ergibt sich, daß philosophische Produkte auch nicht unparteiisch dargestellt werden können oder sollen: diese Möglichkeit besteht schon darum nicht, weil der Historiker ja stets das ,Bedeutsame`, das ,Wichtige` o. ä. auswählt, und darin ergreift er bereits Partei. Er kann höchstens, wie dies der "bürgerlichen" Philosophiehistorie attestiert wird, den Schein der Unparteilichkeit zu erschleichen suchen, was aber natürlich echtem Wissensgewinn abträglich ist und was selbst einem verbrämten parteilichen Interesse (etwa chauvinistischer oder klassenmäßiger Art) dient. Es kommt also alles darauf an, die richtige Parteilichkeit zu üben: "Der Marxismus geht an alle Wissenschaften, darunter auch die Geschichte der Philosophie, vom Standpunkt der Arbeiterklasse heran, die die fortschrittlichste Kraft der modernen Gesellschaft ist, die Klasseninteressen des Proletariats bringen die herangereiften Erfordernisse der historischen Entwicklung zum Ausdruck."[20]

Dieses Prinzip der Parteilichkeit steht in enger Verbindung mit dem ebenfalls erkenntnisleitenden Prinzip, sich in Problemstellung, Auswahl, Erklärungsformulierung, Klassifikation usf. stets an der Grundfrage zu orientieren. Je nachdem, wie ein Denker der Vergangenheit oder Gegenwart diese "Grundfrage" beantwortet, bestimmt sich seine Bedeutung für die Geschichte, bestimmt sich Art und Form seiner Verlebendigung in der Philosophiehistorie. Als universelles Klassifikationskriterium für Philosophen und Philosophien ist die jeweilige Stellung zur "Grundfrage" zwar nicht in dem Sinn zu verstehen, als hätte man damit bereits untrügliche Beurteilungsmaßstäbe zur Hand: "Der philosophische Idealismus ist nur Unsinn vom Standpunkt des groben, einfachen metaphysischen Materialismus aus."[21] M. K. Petrov bezweifelt sogar, daß "im Gegensatz von Materialismus und Idealismus eine universelle Begründung der Klassifikation aller philosophischen Schulen zu sehen sei".[22] (Ich kann allerdings aufgrund meiner Unkenntnis der Originalbeiträge zu dieser Diskussion nicht erkennen, ob mit solchen Zweifeln nicht doch eine heuristisch wünschenswerte größere Differenzierung von unterschiedlich "starken" oder "schwachen" Formen bzw. Typen von Materialismus bzw. Idealismus erreicht werden soll). Doch bleibt im Ganzen die Stellung zur "Grundfrage" als das wichtigste Einordnungs- und ein sehr wichtiges Beurteilungsprinzip für Philosophien bestehen.

Das als drittes genannte Prinzip der Objektivität scheint sich auf den ersten Blick mit dem der Parteilichkeit zu schlagen; dieser Eindruck entsteht jedoch nur dann, wenn Objektivität mit Äquidistanz in Verbindung gebracht oder gar gleichgesetzt wird: Eine solche Auffassung aber wird als "bürgerlicher Objektivismus" abgelehnt.[23] Tatsächlich ist ja auch in außermarxistischen Traditionen die primäre Bedeutung von "objektiv" die, daß etwas "objektgemäß", also gegenstandsgerecht benannt, beschrieben, erklärt wird; und damit bleibt die marxistisch-leninistische Vereinbarkeit von Objektivität und Parteilichkeit solange ganz unkritisiert, solange die von Lenin, aber auch schon von Engels und Marx gesehene Interessen- und Klassenbedingtheit aller philosophischen Reflexion nicht als irrig nachgewiesen werden kann. Es nützt in diesem Zusammenhang nichts, unter Berufung auf das Sprachgefühl oder mit anderen mehr oder weniger ästhetischen Argumenten zu lamentieren und daraus einen Gegensatz zwischen Parteilichkeit und Objektivität zu konstruieren - man muß sich mit dem Wahrheitsgehalt des der Terminologie zugrundeliegenden Arguments auseinandersetzen, wozu hier Zeit und Platz nicht reicht, das ich aber in der Form noch anführen will, die ihm Lange und Barth gegeben haben:

"Zu den folgenreichsten Neuerungen des Marxismus zählt es, daß er die Beschränkung der Methodologie auf die Erkenntnis überwunden hat.... Nur eine Philosophie und Weltanschauung, die die Volksmassen als die eigentlichen Schöpfer der Geschichte, der Menschheit und ihrer Kultur erkannt hat, die in den Revolutionen die Lokomotiven der Geschichte sieht und den Ursprung, das Ziel und das Kriterium der Erkenntnis in die Praxis verlegt, kann eine solche einschneidende Veränderung in der Methodologie durchsetzen. Das bleibt auch für die Methodik der Philosophiegeschichtsschreibung nicht folgenlos. So untersucht der marxistische Philosophiehistoriker nicht zuletzt den Einfluß der Volksmassen auf die geistige Produktion, voran die Philosophie. Er läßt sich nicht von abstrakten und elitären Originalitätsmaßstäben leiten, sondern prüft Richtungen, Systeme, Philosopheme usw. darauf, auf welche Art und in welchem Grade sie in die aktuellen Klassenkämpfe eingriffen, wie sie nachwirkten."[24]

Da es sich bei der Theorie der Parteilichkeit nicht um eine Verteidigung der Privatmeinung handelt, gehen viele Einwände, die hierzu vorgebracht werden, am Ziel vorbei.

Der Historismus als Prinzip der Philosophiehistorie verlangt unter Berufung auf Lenin,

"daß es falsch sei, die Denker der Vergangenheit danach einzuschätzen, was sie im Vergleich zu gegenwärtigen Forderungen nicht geleistet haben, man müsse sie vielmehr danach beurteilen, was sie Neues im Vergleich zu ihren Vorgängern geleistet haben. Zugleich trat Lenin für strenge Historizität bei der Betrachtung der Geschichte der Philosophie ein, dafür, daß z. B. den Alten nicht eine Entwicklungsstufe ihrer Ideen zugeschrieben werde, die sie praktisch nicht aufweisen können, und daß frühere philosophische Ansichten nicht wie moderne dargestellt werden."[25]

In diesem Sinn muß der Philosophiehistoriker auch stets die objektiven, d.h. gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen untersuchen, die ein bestimmtes Denken und auch die Abfolge von Gedankengebäuden erklären können.

Schließlich ist das Prinzip der Einheit zu nennen:

"die marxistische Geschichte der Philosophie hält das philosophische Denken der Menschheit . . . durchaus nicht für eine mechanische Summe philosophischer Systeme, die sich aus den Beiträgen der verschiedenen, voneinander isoliert betrachteten Länder zusammensetzt."[26]

Die einzelnen philosophischen Entwicklungen werden vielmehr in einer Wechselwirkung gesehen in dem Sinn, daß erstens stets nach der Einheit von (bestimmter, vergangener) Theorie und Praxis gesucht wird; daß zweitens die Einheit einer Entwicklung aufgefunden werden soll und nicht bloß die Ablösung des Früheren durch Späteres; und daß drittens im Sinne des Internationalismus allen Zentrismen (insbesondere Euro- und Asiozentrismus) bzw. der ausschließlichen Fokusierung der Philosophiehistorie auf die traditionellen "Hochkulturen" der Kampf angesagt wird. "Dergestalt demonstriert die marxistische Geschichte der Philosophie die Einheit und den wechselseitigen Zusammenhang der nationalen und internationalen Bedingungen der Entwicklung des philosophischen Denkens."[27]

Die genannten "Prinzipien" oder, wie man sie auch nennen könnte, methodologisch orientierenden Thesen sind keineswegs so trivial bzw. so platt, wie sie in dieser verkürzten und plakativen Darstellung erscheinen mögen. In der Theoriediskussion darüber findet eine ständige Entwicklung und Differenzierung statt; in der philosophiehistorischen Praxis haben diese "Prinzipien" zu höchst interessanten und teilweise zu gänzlich neuen Untersuchungen geführt. Dies ist am auffallendsten im Bereich der Periodisierung, der Klassifikation, der Erklärungshypothesen und schließlich in der Förderung der philosophiehistorischen Erforschung der Traditionen von Völkern, die bislang gänzlich außerhalb des Interessenkreises von Philosophiehistorikern lagen. "The intention to decentralize history of philosophy certainly offers many advantages insofar as unknown philosophers are made accessible."[28] Und Rybarczyk stellt bezüglich der früher gegebenen Prädominanz der russischen Tradition in der Philosophiehistorie der Sowjetunion fest:

"Auf diesem Gebiet hat sich eine echte Wandlung vollzogen. Von der ,patriotischen Linie` der ,vaterländischen`, d.h. russischen Philosophie ist man zur Geschichte der Philosophie der einzelnen Völker der Sowjetunion übergegangen. Über den Wert dieser letzteren kann man schwer etwas aussagen, da entsprechende Studien in der nichtsowjetischen Literatur darüber gar nicht vorhanden sind."[29]

Daß ganz neue Studien angeregt und durchgeführt wurden, trifft aber nicht nur für den Bereich der Völker der Sowjetunion zu, wie sich jedermann durch einen kurzen Blick in die "Geschichte der Philosophie" und einen Vergleich mit beliebigen traditionellen Gesamtdarstellungen der Philosophiegeschichte überzeugen kann.

Um diese Darstellung abzuschließen, will ich noch ein inhaltliches, nicht methodologisches Problem herausgreifen, über das die Diskussion der marxistisch-leninistischen Philosophiehistoriker durchaus nicht abgeschlossen ist, das aber als Fragestellung sowohl wie in seinen Antwortvorschlägen einen genuinen und wichtigen Beitrag zur Erklärung der Geschichte der Philosophie darstellt: das Problem der gesetzmäßigen Entwicklung der Philosophie.

Eine terminologische Zwischenbemerkung ist hier von Nutzen: die marxistisch-leninistische Wissenschaftstheorie unterscheidet zwischen "Gesetz" (russ.: zakon) und "Gesetzmäßigkeit" (russ.: zakonomernost). Rybarczyk stellt den Unterschied so dar:

"Die Gesetzmäßigkeit bringt Globalphänomene zum Ausdruck, ohne daß dabei die Struktur dieser Zusammenhänge im einzelnen aufgezeigt wird. Das Gesetz hingegen ist eine innere Verbindung und gegenseitige Bedingtheit der Erscheinungen. Die Gesetzmäßigkeit eines bestimmten Bereiches der Wirklichkeit ist also bedingt durch die Gesamtheit der für diesen Bereich maßgebenden einzelnen Gesetze."[30]

Es ist nun eine wichtige These der marxistisch-leninistischen Philosophiehistorie, daß die Entwicklung der Philosophie der Menschheit ein "gesetzmäßiger", nicht aber, daß sie ein "gesetzlicher" Prozeß sei. Noch eine weitere Bemerkung sei gestattet: Es werden universelle Gesetze (die "Gesetze der Dialektik"), allgemeine Gesetze (z. B. allgemeine soziologische Gesetze, die jedoch zur Bestimmung der konkreten Gesetzmäßigkeit bereits nötig sind) und spezifische Gesetze (z. B. geschichtsphilosophische Gesetze) unterschieden. Die Zusammenordnung der relevanten Fälle der beiden letztgenannten Gruppen ergibt die Formulierung jener Gesetzmäßigkeit, die als These folgendermaßen lautet:

"Die Geschichte der Philosophie stellt einen sich gesetzmäßig entwickelnden Prozeß des ideellen Lebens dar, in dem die verschiedenen philosophischen Lehren und Ideen wechselseitig zusammenhängen, einander bedingen und sich im Kampf der entgegengesetzten Richtungen entwickeln."[31]

Hier werden nun zunächst die "allgemeinen soziologischen Gesetzmäßigkeiten" genannt, "die für alle Formen des gesellschaftlichen Bewußtseins gelten":[32]
(1) "die entscheidende Rolle der materiellen Produktionsweise bei der Entstehung und Entwicklung aller gesellschaftlichen Ideen."[33]
(2) "die Abhängigkeit des gesellschaftlichen Bewußtseins und seiner Formen vom Klassenkampf"[34] - eine "Gesetzmäßigkeit" im oben angegebenen Sinn, die natürlich nur für Klassengesellschaften gilt.
(3) "eine gewisse relative Selbständigkeit ihrer Entwicklung" hat die Philosophie wie alle anderen Formen geistigen Lebens: "Als bestimmte Form der Ideologie hat sie ihre Spezifik, ihre Entwicklungsgesetze und eine gewisse innere Logik..."[35]

Die drei bisher genannten Gesetzmäßigkeiten werden also allen Bereichen des geistigen Lebens zugeschrieben; daneben werden noch weitere Gesetzmäßigkeiten genannt, die für die Philosophie und ihre Geschichte spezifisch seien.
(4) "Die wichtigste spezifische Gesetzmäßigkeit in der Geschichte des philosophischen Denkens ist seine Entwicklung auf der Grundlage des Kampfes des Materialismus gegen den Idealismus."[36]
(5) "Eine zweite spezifische Gesetzmäßigkeit der Geschichte der Philosophie ist die Entwicklung der philosophischen Denkmethode im Kampf der Dialektik gegen die metaphysische Denkweise."[37]
(6) ferner die Abhängigkeit der Formen und Arten des Materialismus vom Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse und vom Klassenkampf sowie vom Entwicklungsstand der Naturwissenschaften."[38]
(7) "Die innere Logik der Entwicklung des philosophischen Denkens liegt darin, daß dieser Prozeß im wesentlichen vom Einfachen zum Komplizierten, vom Niederen zum Höheren verläuft."[39]

Noch andere Eigenheiten der philosophischen Entwicklung werden genannt, etwa, daß diese sich über das Medium von Begriffen und Systemen vollzieht u. dgl. Die wichtigsten aber dürften die oben aufgezählten sein.

Nur zu einer der genannten "Gesetzmäßigkeiten" will ich noch einige (allerdings auch eher referierende) Bemerkungen anfügen: zur "relativen Selbständigkeit". Man kann versucht sein, in dieser These eine bloße Immunisierungshilfe zu sehen, dergestalt, daß immer bei unerklärten Ausnahmen von einer angenommenen "Gesetzmäßigkeit" von "relativer Selbständigkeit" gesprochen werden kann. Und wenn dies die Praxis ist oder war, in der die These verwendet wird, so handelt es sich tatsächlich um Immunisierung. Aber das muß nicht so sein, sondern die These von der "relativen Selbständigkeit" führt ihrerseits zu wichtigen Teilfragen, die in anderen Traditionen der Philosophiehistorie meist gar nicht expliziert werden. Es ist Lange und Barth zuzustimmen, wenn sie betonen:

"Die Frage nach der relativen Selbständigkeit oder Eigengesetzlichkeit der Philosophie kann überhaupt nur innerhalb einer materialistischen Lehre auftauchen.... Genaugenommen ist sie eine genuine Frage der marxistisch-leninistischen Philosophie, und keine von den leichten."[40]

Es ist dies eine Frage, die nicht nur nicht gelöst ist, sondern die zu interessanten Teilfragen weiterführt:

"Wie äußert und wie entwickelt sich die relative Selbständigkeit der Philosophie? Welche Auswirkungen auf sie hat die Entstehung des Marxismus und seine Fortentwicklung zum Leninismus? Worin unterscheidet sie sich von der relativen Selbständigkeit der anderen gesellschaftlichen Bewußtseinsformen? In welcher Weise beeinflußt sie die Methodik bzw. Methodologie der Philosophiegeschichtsschreibung? Welcher Stellenwert kommt ihr in den ideologischen Auseinandersetzungen der Gegenwart zu?"[41]

Eine durchaus fruchtbare These also und ernstzunehmen als einer der Motoren der Theoriediskussion marxistisch-leninistischer Philosophie- und Wissenschaftshistoriker.

Ich breche die Darstellung der als Beispiel gewählten Diskussion einer marxistisch-leninistischen Philosophiehistorie hier ab und komme zur abschließenden dritten These.

These (3): Es stellt sich dann die Frage, ob die geschilderte Auffassung von der Geschichte der Philosophie mehr oder weniger Anspruch auf Zustimmung hat als andere, und warum. Ohne auf eine umfassende Wahrheits- oder Falschheitsbehauptung hinsichtlich derart umfassender Theorien abzuzielen, muß nach sachbezogenen Möglichkeiten der Beurteilung gefragt werden. Diese sehe ich gegeben, wenn nach dem relativen Erkenntniswert von Theorien für die Formulierung von Auswahlgesichtspunkten, für Erklärungen und für begründete Verwertung des historischen Wissens gefragt wird.

Suchen wir nach Wertungsmaßstäben für eine Disziplin, so ist es nützlich, sich deren unterschiedliche Funktionen zuerst zu verdeutlichen, denn daran wollen wir ja den relativen Wert dieses oder jenes Ansatzes messen, und diese Funktionen sind es schließlich auch, die wir ihrerseits zuletzt bewerten. Ich habe in der Einleitung bezüglich der Philosophiehistorie vier Funktionen unterschieden, deren jeweilige Betonung in den unterschledlichen Produktionen im Verlauf der Geschichte der Philosophiehistorie ersichtlich ist:
die Funktion der Traditionsbildung, -erhaltung oder -verstärkung
die Funktion der Wissenschaftsplanung und -politik
die Funktion der Heuristik und
die Funktion der Wertorientierung.

Alle diese Funktionen werden von den unterschiedlichen Arbeitsrichtungen der marxistisch-leninistischen Philosophiehistorie erfüllt, wobei im Vergleich zu nicht marxistischen Traditionen das Schwergewicht nicht so sehr auf dem Beitrag zur Heuristik liegt, auch nicht zur Traditionsbildung, sondern auf der Wertorientierung und dem Beitrag zu Wissenschaftspolitik und -organisation. Man kann m. E. von keiner anderen gegenwärtigen Tradition der Philosophiehistorie sagen, daß sie alle jene Funktionen von ihren theoretischen Voraussetzungen her zu erfüllen in der Lage wäre.

Ich möchte auch hier wieder nur einen Punkt herausgreifen, der mir besonders wichtig erscheint und der den genuinen Beitrag der marxistisch-leninistischen Philosophiehistoriker zur Entwicklung ihrer Disziplin sowohl als auch zur Bewältigung von Problemen deutlich macht, die weit über die Philosophie hinausreichen: den Internationalismus bzw. Interkulturalismus. Es sind zwei Dinge, die daran so wichtig sind: einerseits das entschiedene Abgehen von der Beschränkung der Philosophiehistorie auf Traditionen der sogenannten "Hochkulturen" oder gar nur auf ganz bestimmte Traditionen europäischer Provenienz - dem wird eine Aufgeschlossenheit für das geistige Erbe aller Völker entgegengestellt, die man als Humanismus bezeichnen muß. Das zweite ist, daß diese Aufgeschlossenheit nicht in Neutralismus und Indifferenz mündet, sondern daß man sich bemüht, die jeweiligen Beiträge zu werten und für die Gegenwart und Zukunft fruchtbar zu machen.

Ein weiterer Punkt, der zur Beurteilung herangezogen werden kann ist die Überprüfbarkeit der Ergebnisse, zu denen man gelangt zu sein behauptet. Ich kann hierbei weniger als bei der vorigen Frage einen Vorsprung methodologischer Art bei der marxistisch-leninistischen Philosophiehistorie gegenüber anderen Traditionen feststellen, möchte aber doch noch einmal betonen, was in der Darstellung schon klargeworden sein dürfte: Es handelt sich um eine Methodologie, deren einzelne Begriffe und Thesen sehr bewußt formuliert, sehr genau, bis zur Wortwörtlichkeit stereotyp, gehandhabt und doch immer wieder zur Diskussion gestellt werden. Diese Genauigkeit als bloß scholastische Pedanterie abtun zu wollen, wäre Sache eines schlechten Geschmacks. Selbst wer in den meisten inhaltlichen Thesen zu anderen Ergebnissen käme, müßte bei einem Vergleich der verschiedenen Arten, die Geschichte der Philosophie zu behandeln, der vor allem in der Sowjetunion entwickelten Form sehr hohen Rang und die Priorität oder zumindest eine hervorragende Stellung in wichtigen Zielsetzungen und Methodenentwicklungen dieser Disziplin zusprechen.


Anmerkungen

[*]Zuerst in: (P. Lüftenegger, Hg.) Philosophie und Gesellschaft. Wien: iwk 1984, S. 79-93

[1]Nach Karl G. Ballestrem, Soviet Historiography of Philosophy. In: Studies in Soviet Thought 111, 2, June 1963, S. 114

[2]Marian L. Rybarczyk, Sowjetische Historiographie der Philosophie, Phil. Diss., Fribourg 1975, S. 2

[3]ebd., S. 68

[4]Erhard Lange/Helmut Barth, Methodologische Fragen der Geschichte der Philosophie. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 27. Jg., 1979, H. 9, S. 1051

[5]Geschichte der Philosophie, 6 Bde., Berlin-DDR, 1959--1967 (russ.: Moskau 1957--1965), im folgenden ,,Geschichte"

[6]Abriß der Geschichte der Philosophie, Berlin-DDR, 1966 (russ.: Moskau 1961, 1967), im folgenden "Abriß"

[7]ebd., 1966, S. 6

8ebd., S. 18

[9]Geschichte, a.a.O., Bd. 1, 1959, S. 21

10Abriß, a.a.O., S. 18

[11]Lange/Barth, a.a.O., S. 1056

[12]Geschichte, a.a.O., S. 20 f

[13]ebd., S. 22

[14]ebd., S. 23

[15]Rybarczyk, a.a.O., S. 78

[16]ebd., S. 79

[17]Lange/Barth, a.a.O., S. 1056

[18]ebd., S. 1056

[19]nach Rybarczyk, a.a.O., S. 91 ff

[20]Abriß, a.a.O., S. 8

[21]Lenin, Philosophischer Nachlaß. Nach Geschichte, a.a.O., S. 19

[22]nach Rybarczyk, a.a. O., S. 94

[23]ebd., S. 96, Geschichte, a.a.O., S. 12

[24]Lange/Barth, a.a.O., S. 1053

[25]Geschichte, a. a. O., S. 20

[26]ebd., S. 14

[27]ebd., S. 14

[28]Ballestrem, a.a.O., S. 110

[29]Rybarczyk, a.a.O., S. 4 f

[30]ebd., S 82 f

[31]Abriß, a.a..O., S. 12

[32]ebd., S. 12

[33]ebd., S. 13

[34]ebd., S. 13

[35]Geschichte, a.a.O., S. 20

[36]Abriß, a.a.O., S. 14

[37]ebd., S. 14

[38]ebd., S. 14

[39]ebd., S. 14

[40]Lange/Barth, a.a.O., S. 1053 f

[41]ebd., S. 1054