Zu Fragen einer materialistischen Geschichtsphilosophie (1988)

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Denken über Geschichte betrifft nie nur Vergangenheit, immer auch Gegenwart und Zukunft. Die vergangene Geschichte ist nur ein Teil der wirklichen Geschichte, und vielleicht nicht der wichtigste. Wir kennen heute viele Einzelheiten sowohl aus der Geschichte der Erde und der Lebewesen, als auch aus der Vergangenheit der Menschheit. Was jedoch stets im Auge zu behalten ist, ist die Art und Weise, wie wir diese Kenntnis verwenden, was wir damit zu tun gedenken. Geschichtswissen muß praktische Bedeutung haben, oder es ist wertlos, denn die Vergangenheit läßt sich nicht ändern. Daß die Saurier unwiderruflich ausgestorben sind, läßt sich nicht ändern. Daß wir unsere Lebenschancen vertun, läßt sich hingegen vielleicht doch ändern. Wenn uns die Beschäftigung mit Geschichte dazu verhilft, Lebenschancen zu erkennen und wahrzunehmen, so war sie nicht vertan.

Geschichtsphilosophie überhaupt ist nicht immer in wohldefinierten Theorien gegeben und wirksam. Es handelt sich zuweilen nur um Trends im Denken, die unsere Beurteilung der Gegenwart und unsere Einschätzung der Zukunft jedoch beeinflussen. Ich möchte die wichtigsten Typen von geschichtsphilosophischen Entwürfen umreißen, die in der europäischen Geistesgeschichte entwickelt worden sind.

Die Geschichtsphilosophie gibt es nicht, auch dann nicht, wenn man mehrere Richtungen (wie z.B. marxistische, christliche etc.) unterscheiden will. Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Problemstellungen, die beide als philosophisch bezeichnet werden, und die sich beide mit Geschichte befassen. Die Unterschiede betreffen dann sowohl den Gegenstand, als auch die Bearbeitungsmethoden und das Ziel des Unternehmens.

Die erste Art ist dasjenige, wovon in den meisten Wörterbüchern steht, Voltaire (französischer Aufklärer des 18. Jahrhunderts) habe den Namen ("Philosophie de l'histoire") dafür geprägt, Vico, Herder, Hegel, Marx, Spengler, Jaspers, Toynbee seien einige ihrer großen Repräsentanten. Es handelt sich dabei um eine Fragestellung, in der nach dem Verlauf der Menschheitsgeschichte überhaupt gefragt wird, nach deren wesentlichen Stadien, Erscheinungsformen, Faktoren und Gesetzmäßigkeiten.

Davon ist zu unterscheiden eine andere Fragerichtung, die ebenfalls den Namen Geschichtsphilosophie trägt und die mindestens so alt ist wie die erstgenannte (tatsächlich finden wir für beide Frageformen bereits Vorbilder in der griechischen oder chinesischen Antike): die Untersuchung der Frage, auf welche Weise sicheres Wissen über Vergangenheit gewonnen und wie dieses angemessen mitgeteilt werden könne. Einige Vertreter der erstgenannten Art, Geschichtsphilosophie zu betreiben, haben auch in dieser zweiten Fragerichtung Bedeutendes geleistet oder angeregt, z.B. Ibn Khaldun, Vico und Marx. Stets haben professionelle Historiker sich mit dieser Frage befaßt: Droysens "Historik"ist ein ebenso herausragendes Beispiel dafür wie die Geschichtsmethodologie des heutigen polnischen Historikers Topolski.

Wenn wir die beiden Arten von "Geschichtsphilosophie" näher betrachten, so sehen wir, daß sie wirklich Unterschiedliches wollen und daß nicht einfach nur die zweite eine vielleicht anspruchslosere Spielart der ersten ist.

Die erste Art, in der heutigen englischen Literatur meist als "spekulative Geschichtsphilosophie" bezeichnet, fragt nach dem (Gesamt)Verlauf der Menschheitsgeschichte, nach dessen Stadien und Faktoren (oder Akteuren). Die zweite hingegen - Dray nennt sie "kritische Geschichtsphilosophie" - will nicht eine Theorie über den Geschichtsverlauf liefern, sondern Bedingungen für eine zuverlässige Beschreibung und Erklärung der historischen Wirklichkeit angeben. Es handelt sich also hierbei nicht um Fragen, welche Geschichte im Sinn des Vergangenseins betreffen, sondern um Fragen, die Geschichte im Sinn eines zuverlässigen und informativen Berichts über Vergangenes betreffen. Dazu müssen nicht Aussagen über die letztbestimmenden Faktoren der Menschheitsgeschichte, über ihren Verlauf und ihre eigentlichen Akteure getroffen werden. Dagegen will die "kritische Geschichtsphilosophie" angeben, welche Erkenntnisquellen, welche Möglichkeiten und Grenzen für unser Wissen um Vergangenes gelten. Es sind dies Fragen, wie die nach der Vorurteilsbestimmtheit der Interpretation von Quellen und Zeugnissen, nach der Parteilichkeit der notwendigen Auswahl und der Beschreibungskategorien, nach der angemessenen Darstellungsform, nach den Möglichkeiten, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und dann Erklärungen zu liefern, u.a.

Ich möchte jetzt auf einige typische Fragestellungen und modellhafte Antworten eingehen, die bei den beiden geschichtsphilosophischen Unternehmungen immer wieder begegnen.

1. Spekulative Geschichtsphilosophie

Die "spekulative Geschichtsphilosophie" geht stets von der Voraussetzung aus, die Hegel so pointiert formuliert hat, daß es in der Geschichte "vernünftig" zugegangen sein müsse. Wenn schon nicht immer behauptet wird, den geschichtlichen Akteuren sei der Gesamtplan bekannt (gewesen) - wo Menschen als die eigentlichen Akteure der Geschichte angesehen werden, wird ihnen eine Kenntnis des Gesamtplans gewöhnlich nicht unterstellt, wo als letzter Akteur und Autor des Ganzen ein personaler Gott angesetzt wird, findet sich auch dieses -, die Akteure hätten nach einem Gesamtplan gehandelt oder ihn sogar entworfen und über ihn verfügt, so wird doch zumindest angenommen, jetzt, in rückblickender Betrachtung, sei der Gesamtplan der Menschheitsgeschichte erkennbar und stelle sich als einigermaßen einsehbar heraus. Diesen Gesamtplan darzustellen, die treibenden Kräfte, die Gesetz- und Regelmäßigkeiten ausfindig zu machen, aufgrund derer er in die Wirklichkeit umgesetzt wird, dies ist Ziel der spekulativen Geschichtsphilosophie.

Ich will in diesem Zusammenhang nur ganz kurz auf zwei Fragebereiche hinweisen und typische Antworten andeuten: die Frage nach dem Verlaufsmodell für die Menschheitsgeschichte und die Frage nach den Autoren dieser Geschichte. In beiden Fällen schematisiere ich und gebe nur grobe Hinweise auf bekannte Hypothesen. Es kommt mir dabei weniger auf philosophiehistorische Belege an, als vielmehr darauf, aufmerksam zu machen, welch unterschiedlichen Arten, Geschichte auf einen Begriff zu bringen, wir begegnen, und sich dann zu fragen, wodurch solche bildhaften Vorstellungen in ihrer wechselnden Popularität denn bedingt sind. Es scheint mir eines der Merkmale der Gegenwart zu sein, daß sehr unterschiedliche Denkweisen über Geschichte miteinander konkurrieren, von einem ästhetisierenden, postmodernen Denken, in dem die Beliebigkeit von Weltanschauungen und Denkweisen propagiert wird, bis zur bewußt politischen Aufarbeitung der Zeitgeschichte, die diese Beliebigkeit gerade bekämpfen und humane Verhältnisse befördern will.

a) Verlaufsmodelle

Soweit ich sehe, sind für die Verlaufsbeschreibung in der europäischen Geschichtsphilosophie drei Modellvorstellungen entwickelt worden: der Pfeil, der Kreis und die Spirale.

Unter den linearen oder pfeilförmigen Modellen gibt es mancherlei Varianten: sie können als Aufstiegs- und Fortschrittsidee auftreten (dann wird am Beginn die Barbarei, ein roher Urzustand angenommen), sie können aber auch als Abstiegs- und Rückschrittsbilder vorkommen (mit dem Paradies oder dem Goldenen Zeitalter am Anfang, oder aber auch einer heilen, natürlichen Urgesellschaft); die Linie kann als Kontinuum gedacht sein, oder auch gebrochen, treppenförmig vorgestellt.

Gemeinsam ist allen diesen Pfeilmodellen, daß darin der Verlauf der Menschheitsgeschichte - oder auch nur der Verlauf der Geschichte eines Teiles der Menschheit, etwa eines Volkes - als ein einziger Prozeß gedacht wird, wobei die jeweils späteren Stadien in irgendeiner Weise - zum Besseren oder zum Schlechteren - über die früheren hinausgehen.

Die kreisförmigen Geschichtsvorstellungen können ebenfalls unterschiedlichen Gehalt haben. Zwischen den Jahreszyklen von Naturreligionen, wie sie etwa Eliade schildert, Platons Großem Jahr und Spenglers Kulturen bestehen Ähnlichkeiten: überall handelt es sich um geschlossene Abläufe, nach deren Vollendung "das Ganze" (bei Platon die Weltgeschichte, bei Spengler ein Kulturorganismus) abstirbt und ein neues Ganzes beginnt. In gewisser Weise ist der Kreis auch als Auf- und Abstiegsmodell gedacht, der seinen Zenit kennt und dann unvermerkt zum Abstieg überleitet, also eine Kombination von Zukunfts- und Vergangenheitsutopie.

Wieder ein anderes Bild bieten die Spiralvorstellungen, wie sie uns etwa bei Vico, in eigenartiger Weise aber auch noch bei Toynbee begegnen: der Auf- und Abstieg des Kreislaufs (einer Gesellschaft, eines Staates, einer Kultur) geht nicht an den Nullpunkt zurück, sondern an einen neuen Ausgangspunkt, der etwas höher liegt als der vorige.

b) Faktoren und Akteure

Verlaufsmodelle sind aber nicht das einzige, was die spekulative Geschichtsphilosophie anzielt. Sie will auch wissen, wie es zu diesem Verlauf kommt - und kommen muß. Sie will die Faktoren und Akteure der Geschichte benennen. Hierzu nun ist im Lauf der Denkgeschichte wiederum verschiedenes gesagt worden. Ibn Khaldun (um 1400 u.Z.) nahm sechs Faktoren an, die mit einer Ausnahme alle von der Art sind, wie wir sie heute als Naturgesetzlichkeiten auffassen. Das Klima, von dem er an zentralen Stellen spricht, findet dann in der bürgerlichen Geschichtsphilosophie des 18. Jahrhunderts vorrangige Beachtung, bis ihm Herder bescheinigte, es "zwinge" nicht, es "neige" nur. Hegels zu sich kommender, in der Geschichte sich verwirklichender Geist ist als primärer Geschichtsfaktor zu verstehen, ebenso die wirklichen Lebens- und das heißt: Produktionsverhältnisse, die Marx untersucht. Die Liste ließe sich historisch fortsetzen und wäre in einer Geschichte der spekulativen Geschichtsphilosophie darzustellen. Darauf kommt es mir hier nicht an.

Ich will vielmehr auch in dieser Frage nach den Faktoren oder Akteuren der Menschheitsgeschichte wieder nur ein paar typische Antworten der spekulativen Geschichtsphilosophie skizzieren. Als Hilfsvorstellungen dienen mir jetzt aber nicht geometrische Gebilde, wie im Fall der Verlaufsmodelle, sondern Qualifikationen des Bewußtseins: Autonomie und Heteronomie, also Selbst- und Fremdbestimmtsein. Ich spreche von einem autonomen Geschichtsbild, wenn die Auffassung vertreten wird, daß die Subjekte der Geschichte, die Menschen, dieses Geschehen ausschließlich selbst bewirken und gestalten. Von Heteronomie spreche ich, wenn hinter den Menschen eine ihnen fremde, übergeordnete Kraft angesetzt wird, deren Willen oder deren Eigengesetzlichkeit die Menschen in der Geschichte lediglich vollziehen.

Nun ist dies natürlich eine sehr schematische Unterscheidung. In Wirklichkeit - in der Wirklichkeit des Denkens über Geschichte - finden sich sehr verschiedenartige Modelle, die allesamt heteronome und autonome Elemente enthalten. Es gibt jedoch schwerpunktmäßig Unterschiede, und um das Typische zu erfassen, mag die Unterscheidung nützlich sein.

Unter den heteronomen Geschichtsauffassungen möchte ich zwei Grundtypen unterscheiden:

entweder wird angenommen, daß in der Geschichte ein Natur- oder Weltgesetz wirkt, eine unpersonale Kraft,

oder es wird gedacht, daß eine planend-voraussehende, personale Kraft, die über den Menschen steht, das Geschehen lenkt.

In beiden Fällen kann man noch weiter fragen, ob oder inwieweit der Plan oder die Gesetzmäßigkeit als erkennbar gilt. So etwa gehört die christlich-mittelalterliche Geschichtsauffassung zum zweiten Typ, wobei nach ihrem Selbstverständnis einige wesentliche Stationen (der Anfang, die Hauptepochen, das Ende im Weltgericht) gewußt werden (aus der Offenbarung), andere Einzelheiten jedoch im Dunkeln bleiben. Ähnlich verhält es sich bezüglich der Erkenntnis bei heteronomen Geschichtsauffassungen des ersten Typs, etwa in der stoischen Geschichtsphilosophie oder bei Spengler.

Auch unter den autonomen Geschichtsbildern gibt es Unterschiede, wenn man die Frage nach den eigentlichen Akteuren oder Faktoren noch weiter differenziert.

Eine Möglichkeit ist, daß man die Geschichte als ein Geschehen auffaßt, das Individuen (die "großen Männer") nach ihren jeweils individuellen Plänen gestalten, wobei sich dann die Frage anschließt, ob diese Pläne insgesamt einen Gesamtplan ergeben oder nicht. Diese Frage hat Hegel mit seiner These von den weltgeschichtlichen Individuen zu beantworten versucht.

Eine andere Form dieses Typs autonomer Geschichtsbilder liegt vor, wenn als die eigentlichen Akteure der Geschichte nicht einzelne angesehen werden, sondern Gruppen von Menschen (Klassen, Gesellschaften, Staatswesen): auch hier kann der Plan - zumindest ab einer bestimmten Entwicklungsstufe - als erkennbar und erkannt angesehen werden, oder aber als dunkel und unbekannt. Marx vertritt wohl diesen Typ in der ersten Variante, der Strukturalismus und seine Nachfolger unserer Gegenwart in der zweiten.

Diese und ähnliche Gesichtspunkte erlauben uns, in die Fülle von Thesen und Positionen, die in der spekulativen Geschichtsphilosophie vorgelegt worden sind, eine andere als nur die chronologische Ordnung zu bringen. Über die Begründetheit oder Unbegründetheit, die Wahrheit oder Irrigkeit der angesprochenen Positionen ist mit einer solchen Einteilung freilich noch gar nichts ausgesagt. Bevor ich mich aber dieser Frage zuwende, möchte ich in analoger Weise noch einige Grundtypen kritischer Geschichtsphilosophie ansprechen.

2. Kritische Geschichtsphilosophie

Wenn es die Absicht der kritischen Geschichtsphilosophie ist, die Erkenntnismittel und deren Anwendung zu untersuchen, mit deren Hilfe sicheres Wissen über die Geschichte erlangt werden kann, so unterscheidet sich dieses Ziel von dem der spekulativen Geschichtsphilosophie wesentlich.

Wir können hier Diltheys Unterscheidung von Geistes- und Naturwissenschaften zum Ausgangspunkt nehmen, um zwei Richtungen der kritischen Geschichtsphilosophie zu kennzeichnen: die hermeneutische und die naturwissenschaftliche. Der Unterschied liegt darin, welche Methoden der Gegenstandserfassung als die notwendigen und hinreichenden Bedingungen gesehen werden, historische Sachverhalte angemessen in den Griff zu bekommen.

a) Hermeneutik

Die hermeneutische Orientierung der Geschichtserfassung geht davon aus, daß die Interpretation sinnvoller schriftlicher oder sprachlicher Dokumente ein ganz eigengeartetes Problem darstellt und postuliert für deren Erfassung eine besondere, in diesem Bereich - und nicht bei der Erfassung der Natursachverhalte - notwendige, aber auch hinreichende Verstandesoperation - das Verstehen. Diese Position sieht daher ihre Hauptaufgabe darin, Merkmale für richtiges Verstehen wie für Mißverstehen anzugeben, und Methoden zu formulieren, mit denen das eine vom anderen in konkreten Fällen unterschieden werden, bzw. mit denen man solches Unterscheiden lernen kann. Dilthey, Collingwood, Gadamer und Habermas sind nur einige der bekanntesten Autoren, die dieses Problem zu lösen versuchten. Auch hier kann es nicht auf Einzelheiten ankommen, doch möchte ich sagen, was mir das Kennzeichnende an dieser Tradition zu sein scheint. Es sind vor allem zwei Dinge:

Erstens ist die hermeneutische Geschichtstheorie davon gekennzeichnet, daß sie eine Wiederholbarkeit der Intentionen, wenn nicht sogar der Gefühle, Denkweisen, des ursprünglichen Erzeugers eines historischen Relikts durch den Interpreten dieses Relikts annimmt oder anstrebt. Diltheys Wort von der "Einfühlung" ist ebenso dafür ein deutlicher Beleg wie Collingwoods "enactment", Gadamers "Wirkungsgeschichte" und die Konstruktion einer "idealen Sprachsituation" durch Habermas.

Das zweite Merkmal der hermeneutischen Position scheint mir zu sein, daß die Hauptfrage - oder die ausschließliche Frage - dieser Richtung darauf geht, festzustellen, was gewesen ist, und nicht darauf, warum geschehen ist, was geschah, oder, mit anderen Worten, daß sie ihr Ziel in einer angemessenen Beschreibung und nicht in einer richtigen Erklärung der historischen Phänomene sieht.

b) Naturwissenschaftliche Richtung

In beiden Punkten ist die naturwissenschaftliche Richtung der kritischen Geschichtsphilosophie von der hermeneutischen verschieden.

Zunächst wird hier versucht, Mittel und Wege zu finden, um das Rekonstruieren der Vergangenheit aufgrund vorliegender Zeugnisse oder Relikte mit Hilfe von Hypothesen, die in verschiedenen Wissenschaften - von der Physik und Chemie bis zur Psychologie und Ökonomie - gefunden und bewährt worden sind, zu gewährleisten. Es ist ja offenkundig, daß im Bereich der Archäologie, der Paläontologie, aber auch bei der Datierung von schriftlichen und nichtschriftlichen Quellen Hypothesen der Chemie, der Biologie oder der Physik und Astronomie anwendbar sind und auch tatsächlich angewandt werden. Ähnliches könnte ebenso bei psychologischen oder soziologischen Hypothesen für andere Bereiche der historischen Erkenntnis der Fall sein. Dabei werden Argumente, Schlüsse zur Konstatierung von Fakten vorgelegt, die im Ganzen jenem Erklärungsschema entsprechen, das für naturwissenschaftliche Erklärungen gilt. Also nicht eine besondere Verstehensoperation solle angewandt werden, um zu erfahren, was wirklich hinter den Daten, den Relikten sich als historische Wirklichkeit rekonstruieren läßt, sondern dazu werden die auch in den Naturwissenschaften üblichen Erkenntnismöglichkeiten als notwendig und ausreichend betrachtet.

Aber auch im zweiten Punkt kann sich diese Richtung von der hermeneutischen unterscheiden: es gibt hier immer wieder auch die Tendenz zu dem, was Popper den "pronaturalistischen Historizismus" nennt, also das Streben nach einer systematisch-theoretischen Geschichtswissenschaft, die ebenso Erklärungen für den bisherigen Verlauf, wie Prognosen für den künftigen Verlauf anstrebt. Dieser zweite Punkt ist mit dem ersten nicht zwangsläufig verbunden, es kommt daher durchaus vor, daß Forscher, die in Fragen der Rekonstruktion geschichtlicher Sachverhalte an den Naturwissenschaften (oder auch an nichthistorischen Sozial- und Humanwissenschaften) orientiert sind, daraus nicht die Berechtigung oder die Forderung ableiten, quasi naturwissenschaftliche Theorien über den Gesamtverlauf der Geschichte belegen zu können.

Soviel also in Kürze zur ersten Frage, was die Geschichtsphilosophie eigentlich will. Ich meine nicht, einen halbwegs vollständigen Überblick zu dieser Frage gegeben zu haben, aber etliche wichtige Fragestellungen und Positionen sind, so glaube ich, angeklungen.


Hinweise zur weiteren Lektüre

Bubner, R.: Geschichtsprozesse und Handlungsnormen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984

Danto, A.C.: Analytische Philosophie der Geschichte. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980

Dray, W.C. (Hg.): Philosophical Analysis and History. New York 1960

Habermas, J.: Zur Rekonstruktion des historischen Materialismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1976

Kon, I.S.: Die Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts. 2 Bde. Berlin-DDR 1964

Meran, J.: Theorien in der Geschichtswissenschaft. Die Diskussion über die Wissenschaftlichkeit der Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1985

Nagl-Docecal, H. u. F. Wimmer (Hg.): Neue Ansätze in der Geschichtswissenschaft. Wien: VWGÖ 1984

Popper, K.R.: Das Elend des Historizismus. Tübingen: Mohr 1971

Sandkühler, H.-J.: Geschichte, gesellschaftliche Bewegung und Erkenntnisprozeß Frankfurt/M.: Vlg. marxist. Blätter 1984

Wright, G.H. von: Erklären und Verstehen. Frankfurt/M.: Athenäum Fischer 1974


[*] Zuerst u.d. T. "Typen und Theorien von Geschichtsphilosophie" in: Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst, Wien, 43, 1988, H. 4, S. 2-5