Rassismus und Kulturphilosophie (1989)

[*]

1. Erkenntnistheorie des physiognomischen Sehens

In einem Vortrag vor der Philosophischen Gesellschaft an der Universität Wien am 10. Juni 1938 stellte der aus Österreich stammende damalige Kieler Philosophieprofessor Ferdinand Weinhandl fest:

"In einem abstrakten universalistischen Wirklichkeitsbild haben die Begriffe Blut und Boden keinen Platz."[1]
"Für die Natur, von deren ewigen Gesetzen das Leben der Menschen und die Zukunft der Völker abhängt, sind sie Grundbegriffe und Urphänomene geworden. ... Bedenkt man, daß die Würdigung des Rassegedankens in der Erkenntnistheorie mit sich bringt, daß man Rücksicht zu nehmen hat darauf, daß jede Rasse, jedes Volk die Wirklichkeit nach anderen Richtungen sieht, andere Seiten, andere Züge betont und heraushebt, so daß sich verschiedene und gewiß auch verschieden tiefe Bilder der einen Wirklichkeit ergeben, in der wir leben, so erweist es sich unausbleiblich, daß Philosophie und Erkenntnistheorie, wollen sie dieser neuen Lage überhaupt gerecht werden, von einer Erkenntnistheorie des physiognomischen Sehens ausgehen müssen, daß sie diesen grundlegenden Unterschieden der Physiognomie Rechnung tragen müssen."[2]

Wenn auch die Sprache schwülstig bleibt, der Sinn liegt ohne weiteres auf der Hand: die "Würdigung des Rassegedankens" besagt, daß eben nicht gewürdigt oder beurteilt wird, sondern vertreten, anerkannt, geglaubt, praktiziert. Der "Rassegedanke" selbst bedeutet, daß eben nicht gedacht, geurteilt, reflektiert, sondern darauf geachtet wird, was die "Urphänomene ... Blut und Boden" raunen. Diese sind "Grundbegriffe", was eben besagt, daß hier nicht zu meinen, zu kritisieren oder zu analysieren sei, sondern zu gehorchen. Daß "jede Rasse, jedes Volk" dazu kommt, "verschiedene ... auch verschieden tiefe Bilder" der Welt zu haben, besagt eben nicht, daß hier von einem Bereich gesprochen würde, über den Gewißheit nicht zu erlangen sei (dem des Weltbilds), sondern, daß die tiefer sehenden Rassen und Völker wohl ein Recht haben über die weniger tiefen. Und es ist den Zuhörern in der Wiener Philosophischen Gesellschaft aus vielen sonstigen Nachrichten aus der philosophischen, psychologischen, theologischen und politischen Welt längst klar gewesen, welches Volk, welche Rasse die tiefste Weltsicht habe. Wenn nicht, so hätten sie hinreichend Aufklärung erhalten bei den Wiener Kollegen Weinhandls, insbesondere bei Hans Eibl.3

Auch andere Denker der Zeit hätten beim Begriff des Ganzen angesetzt, doch sind sie nach der Auffassung Weinhandls entweder ganz verschwommen geblieben,[4] was er allerdings darauf zurückführt, daß deren Theorie "echt jüdischen Geistes" gewesen sei, genau wie die Philosophie Husserls: "ein judaisierter Aristotelismus".[5] Die Gegner sind klar, sie sind physiognomisch zu erkennen. Wird hier denn auch noch argumentiert, kritisch untersucht? "Wo der Kritiker, das heisst der wissenschaftliche Mensch, allmächtig herrscht, da ist auch die Barbarei der Übercultur nahe."[6] - Das Argumentieren, Kritisieren, Reflektieren, Analysieren - all dies sind keine passenden Beschäftigungen für einen, der auf die Stimme des Blutes hört.

Was sich hier Philosophie nannte, war vielfach nicht viel mehr als unklar ausgedrückter Aberglaube, wenn Rassismus, Kulturimperialismus, Sexismus u.ä. neuzeitliche Formen des Aberglaubens sind, wie ich meine. Weinhandls Vortrag hatte zum Thema den Gestaltgedanken in der Philosophie des neuen Deutschland, und das war, so nehme ich an, ein eindrucksvolles Thema. Er sprach darin nicht über Kulturphilosophie, er praktizierte sie. So oder anders kam Rassismus klar zutage. Weinhandl war allerdings Nationalsozialist und sah in der Rassenlehre eine Grundlage für jede wissenschaftliche Arbeit.[7]

Mein Thema lautet aber nicht: Nationalsozialismus und Rassismus, sondern: Deutsche Kulturphilosophie und Rassismus, und das ist etwas anderes. Deutsche Philosophie hat nicht notwendig zur Nazi-Ideologie geführt, auch wenn Autoren wie Bäumler, Krieck oder eben Weinhandl dies glauben machen wollten.[8]

Mit diesen wenigen, an einem lokal einordenbaren Philosophen gezeigten Merkmalen sollten die wesentlichen Kennzeichen der Rolle der Philosophie innerhalb der Ideologie des "Dritten Reichs" umrissen werden. Was dabei vorherrschte, war die Überzeugung von einer national bestimmten Denkform, die sich gegenüber den Denkformen anderer Nationen und vor allem gegenüber jeder Wissenschaftsauffassung durchzusetzen suchte, welche grundsätzlich übernational oder international orientiert war. Diesbezügliche Ausführungen sind so regelmäßig, bestimmen Sprachgebrauch und Themenwahl so durchgehend, daß sie kaum als bloße Lippenbekenntnisse gegenüber einem aggressiven politischen System gewertet werden dürfen.[9]

Bereits aus den wenigen Aussagen lassen sich wesentliche Bestimmungsstücke lesen, die mit dem Rassismus zusammenhängen: die nationale Denkweise wird, wo auch immer ein Anlaß dazu zu bestehen scheint, einem "echt jüdischen" Denken entgegengesetzt; sie wird auf "biologische" oder "rassische" Letztinstanzen wie "Blut und Boden" gegründet; sie beruht auf einer vorausgesetzten hierarchischen Ordnung zwischen solchen "rassisch" bedingten Denkformen und den daraus folgenden "Weltbildern".

Wenn dies allgemeine Kennzeichen des nazistisch orientierten Philosophierens waren, so sind es nun im weiteren zwei Fragen, denen nachzugehen ist:

1) Wie prägt sich diese Denkweise speziell in jenen Fragestellungen aus, die wir als kulturphilosophisch kennzeichnen?

2) Finden sich in den Texten der klassischen deutschsprachigen Philosophie des 18. und vor allem 19. Jahrhunderts Ansatzpunkte dafür, die ein Anknüpfen im rassistischen Sinn nahelegen oder erleichtern konnten?[10]

2. die ursprünglichen Unterschiede der Rassen und ihrer Weltbilder

Kultur kann ganz unterschiedliche Dinge bezeichnen. Zum einen meint es, von der lateinischen Wortform her gedacht, eine bestimmte, nämlich beeinflussende, kunstgerechte Handlungsform und deren Ergebnis. In diesem Sinn sprechen wir etwa von Agrikultur, Hortikultur etc. Ein "agricola" tut etwas mit dem Acker, er "pflegt", "bebaut", "bearbeitet" ihn. Das Ergebnis dieser Tätigkeiten wird aber ebenfalls als Kultur bezeichnet: es kann sich um eine "Obstkultur" handeln, um eine "Getreidekultur" oder auch um "Kulturland".

Verwenden wir hingegen das Wort Kultur zur Kennzeichnung der Lebensformen einer bestimmten menschlichen Gesellschaft in einem bestimmten Zeitraum, so denken wir dabei nicht an die "kultivierenden" Tätigkeiten von einzelnen benennbaren Menschen. Eine Kultur in diesem Sinn des Wortes ist vielmehr in wesentlichem Ausmaß von nicht-intentionalen Verhaltensweisen und Prozessen bestimmt.

In wieder einer anderen Bedeutung wird das Wort verwendet, wenn es in solchen Zusammensetzungen wie "Kulturleben", "Kulturpolitik", "Kulturnachrichten" u.ä. vorkommt. Hier bezeichnet es künstlerische oder intellektuelle Tätigkeiten (und deren Ergebnisse), denen gemeinsam ist, daß sie nicht zur Befriedigung von Grundbedürfnissen notwendig sind. Sie können allerdings sehr wohl zur Selbstdarstellung und zur weltanschaulichen Orientierung notwendig sein (wenn etwa von "Kulturarbeit" oder von "Massenkultur" u.ä. die Rede ist).

In welcher Weise verwenden wir hier das Wort Kultur, wenn wir von "Kulturphilosophie" sprechen - und was heißt schließlich deutsche Kulturphilosophie?

Die Bearbeiter der im 3. Reich erschienenen 10. Auflage des Philosophischen Wörterbuchs im Kröner-Verlag weisen darauf hin, daß "im Westen" die Kulturphilosophie "mehr und mehr als Soziologie <auftrete>, nur in Deutschland, bes. seit dem dt. Idealismus, als eigentliche K., d.h. als Lehre von der Stellung und dem Wirken der leiblich-seelisch-geistigen Gesamtheit des Menschen in der naturhaften und zugleich geschichtlich-geistigen Welt."[11]

Kulturphilosophie als Wort finden wir nicht vor dem Beginn unseres Jahrhunderts. Wenn aber die philosophische Reflexion auf das Entstehen, die Eigentümlichkeiten und Veränderungen von Kulturen damit bezeichnet werden soll, so finden wir Kulturphilosophie der Sache nach in der deutschsprachigen Philosophie sicherlich schon im 18. Jahrhundert, etwa bei Hamann, Herder, Kant und dessen Anhängern Woltmann, Schiller, Pölitz und weiter bei Fichte, Schelling, Hegel, ebenso bei Nietzsche.12

Ich verwende den Ausdruck Kulturphilosophie in einer weiten Bedeutung, sodaß auch geschichtsphilosophische Thesen aus älterer Literatur darunterfallen.

3. Right or wrong meine Rasse

[13]

Schwieriger ist es, den Ausdruck Rassismus klarzulegen. Zunächst einmal: damit kann nicht jede Theorie gemeint sein, die sich auf den Begriff oder die Verschiedenheit der Menschenrassen bezieht. Kants Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse fällt unter seine naturwissenschaftlichen Schriften und enthält keine Aussagen kultur- oder geschichtstheoretischer Art. In dieser Weise wird auch in der Gegenwart der Ausdruck "Rasse" verwendet.[14]

Den wesentlichen Unterschied dazu formuliert Sawicki, wenn er schreibt: "Gobineau, Chamberlain und die ihnen verwandten Vertreter der Rassentheorie behaupten mit Entschiedenheit, die seelische Veranlagung der Rassen sei ebenso wie die körperliche ungleichartig und ungleichwertig."[15]

Es kann also der nationalsozialistische Sprachgebrauch, der im Zusammenhang mit Rasse [16] stets Rassenkunde, Rassenpsychologie etc. einerseits und Rassismus andererseits unterscheidet, nicht als nebensächlich angesehen werden. Allerdings bedeutete in dieser Sprachregelung Rassismus etwas eindeutig Negatives: die Ablehnung einer angeblich natur- und geisteswissenschaftlich bewiesenen These von der Hierarchie von "Rassenseelen".[17]

Die Verwendung des Ausdrucks Rassismus zur Kennzeichnung der Ideologie des Nationalsozialismus wurde also als eine böswillige und jedenfalls irrige Unterstellung von seiten der Gegner der Rassentheorie aufgefaßt, denn damit würde zum Ausdruck gebracht, daß der von Weinhandl vorhin zitierte Rassengedanke eben nicht auf wissenschaftlicher Grundlage und nicht mit objektiven Erkenntnissen gesichert ist, sondern lediglich einem ideologisch-parteilichen Diskurs entspricht. Solche Einwände wurden gewöhnlich wiederum auf eine "internationalistische, westliche, zersetzende" Ideologie zurückgeführt, und wer der Urheber solchen Denkens war, schien auch ganz klar zu sein: das Judentum. Da nun zugleich Juden als rassische, nicht in erster Linie als religiöse, kulturelle, auch nicht als soziale Einheit angesehen wurden,[18] können wir in der Unterscheidung zwischen Rassenfrage oder Rassentheorie einerseits und Rassismus andererseits, wie sie im deutschen Sprachgebrauch weitgehend üblich war, einen sehr deutlichen Fall von Immunisierungsstrategie sehen. Die Immunisierung bestand dabei, als ideologische Strategie, darin, dem ideologischen Gegner zuzuschreiben, er sei, wenn er sich gegen die Rassentheorie ausspreche und diese als Rassismus bezeichne, eben sowohl theoretisch wie praktisch voreingenommen und nicht urteilsfähig. Praktisch voreingenommen, weil er Interesse an einer Anthropologie, Kultur- und Geschichtstheorie habe, in der nicht eine nach rassischen Unterscheidungen getroffene Hierarchisierung der Kulturen begründet wird. Theoretisch voreingenommen, weil er als Angehöriger einer angeblich objektiv minderwertigen Rasse eben gar nicht in der Lage sei, in dieser Frage zu wahren Ergebnissen zu kommen. Hitler hat das in Mein Kampf nur deutlicher und plakativer ausgedrückt als andere Autoren:

"Das Dasein treibt den Juden zur Lüge, und zwar zur immerwährenden Lüge, wie es den Nordländer zur warmen Kleidung zwingt. ... Er muß, um sein Dasein als Völkerparasit führen zu können, zur Verleugnung seiner inneren Wesensart greifen. Je intelligenter der einzelne Jude ist, um so mehr wird ihm diese Täuschung auch gelingen."[19]

Noch einmal: Rassengedanke, Rassenkunde usw. waren positiv besetzte Ausdrücke; Rassismus hingegen war negativ besetzt. Den Gegnern der "Rassenkunde", die diese als "Rassismus" bezeichneten, wurde unterstellt, damit eine propagandistische Kampfbezeichnung, einen Bezichtigungsbegriff gewählt zu haben - und gleichzeitig wurde behauptet, sie hätten gar nicht anders gekonnt, weil sie schon aufgrund ihrer "rassischen" Konstitution nicht in der Lage sein könnten, den "Rassengedanken" zu erfassen.

Es ist nun aber unabdingbar, einen von dieser nationalsozialistischen Sprachregelung unabhängigen Begriff von Rassismus zu haben; anders würde mit der Sprachregelung bereits die Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit der These von der Hierarchie der den Rassen zugeordneten Kulturen mittransportiert - was ja auch der Sinn dieser Sprachregelung war. Ich werde daher mit Rassismus genau das bezeichnen, was Weinhandl mit dem Ausdruck Rassengedanke bezeichnet hat: nämlich nicht nur die Beschreibung und Erklärung bestimmter Besonderheiten verschiedener Gruppen der Menschheit, worin sie übereinstimmen und sich von anderen unterscheiden, sondern gleichzeitig damit die These, daß eine dieser Gruppen, eine Rasse und Kultur, höherrangig, höherwertig und auch von Natur aus bevorrechtet gegenüber anderen sei.

Ich will da noch nicht von Rassismus sprechen, wo lediglich Verschiedenheiten unter Gleichrangigen festgestellt werden, die "notwendig anerben", wie Kant sich ausdrückt.[20] Sehr wohl aber spreche ich von Rassismus, wo aufgrund solcher Verschiedenheiten ein Recht auf Herrschaft begründet (und in politischen Aktionen impliziert, in juristischen Institutionen verankert wird). Die genannte Grenze ist allerdings in der Kultur- und Geschichtsphilosophie kaum eingehalten worden und wird in ideologischen Argumentationen ständig in jede Richtung überschritten.

Im folgenden Text etwa, der von einem maßgeblichen Rassenpolitiker des 3. Reichs stammt, der sich indessen als Wissenschaftler verstand, scheint mir die Grenze eindeutig überschritten, selbst dann, wenn der Wortlaut sich wie eine anthropologisch-kulturtheoretische Hypothese lesen ließe:

"Der nicht-nordische Mensch nimmt ... eine Zwischenstellung zwischen dem nordischen Menschen und den Tieren, zunächst den Menschenaffen, ein. Er ist darum kein vollkommener Mensch, er ist so überhaupt kein Mensch im eigentlichen Gegensatz zu dem Tier, sondern eben nur ein Übergang dazu, eine Zwischenstufe. Da einer der kennzeichnendsten Vertreter dieser Übergangsstellung zwischen nordischem Menschen und Menschenaffen, letzterem sogar näherstehend als ersterem, der Neandertaler ist, so könnten wir die nicht-nordischen Menschen auch Neandertaler nennen; besser und treffender aber ist die von Stoddard geprägte Bezeichnung "UNTERMENSCH"..."[21]

Wer also, so darf man wohl folgern, einem "nicht-nordischen" Menschen höhere Kultur abspricht, wer ihn versklavt, wer ihn tötet, hat damit nicht einem "Menschen im eigentlichen Gegensatz zu dem Tier" geschadet, sondern einem Zwischenwesen. Es scheint ganz klar, daß solche "Rassenkunde" die grundsätzliche Recht-losigkeit der "nicht-nordischen" Menschen begründen konnte.[22]

Druckformate bis hier. FN überprüfenDie nach ihrem Selbstverständnis von einem "Rassismus" abgesetzte, angeblich objektive und wissenschaftliche "Rassentheorie" beruhte auf der Annahme einer vererbbaren kulturellen, moralischen und intellektuellen Kompetenz bzw. Inkompetenz. Es handelt sich daher von vornherein um einen hierarchisierenden Begriff, zu dessen Implikationen eben auch gehört, daß die eigentliche Erkenntnisinstanz stets wiederum bei der als höchste angesetzten "Rasse" liegen müsse.

Eine kurze Bemerkung möchte ich hier einfügen über das Phänomen, daß Rassismus bei seinen Vertretern anscheinend sehr leicht mit einem sentimentalen, manchmal sogar schwärmerischen Verhältnis zu exotischen Kulturen vereinbar ist. Es ist dies dasselbe Phänomen, das auch darin zum Ausdruck kommt, daß etwa Antisemiten jüdische Freunde haben oder daß Kolonialpolitiker das künstlerische Erbe der unterworfenen Bevölkerung liebevoll sammeln und horten, hingegen die real existierenden Neger, Indios etc. als Faulpelze und Asoziale einschätzen und entsprechend behandeln.

Solche Phänomene hängen mit der Betrachtung des Fremden als etwas Barbarischem oder Exotischem zusammen.[23] Was den als Barbaren eingeschätzten Angehörigen der anderen Rasse betrifft, so gilt seine Lebensform grundsätzlich als etwas, das aus der Welt zu schaffen ist, sofern es in Konkurrenz zur eigenen Lebensform tritt. Es ist nicht unbedingt überhaupt aus der Welt zu schaffen: die Reservations- oder Isolationspolitik kann in diesem Zusammenhang sehr populär sein, insofern sie sicherstellt, daß die "untermenschlichen", aber "überäffischen" Varianten des Lebens, um Gauchs Metaphorik abzuwandeln, zum Zweck der Schaffung von Arbeitspotentialen - oder vielleicht auch als "genetisches Reservoir" - erhalten bleiben, aber doch so, daß sie nicht gefährlich werden oder bleiben können.[24] Die ältere, auch noch die kolonialistische Kulturtheorie konnte dazu verschiedene Mittel vorsehen, die alle mehr oder weniger Zwangsmittel waren (Erziehung, Sklaverei, Zivilisierung, Ausbeutung der Märkte usw.) und die insgesamt eine Instrumentalisierung und Funktionalisierung (oder Eliminierung) der fremdkulturellen Barbaren bewirken sollten. Das Fremde als Exotisches, als domestizierte Barbarei konnte daneben bestehen bleiben. Exotistisches Denken war immer wieder vereinbar mit der Unterwerfung der barbarischen Gesellschaften, deren fotogene Sonntagsseite man faszinierend und exotisch fand.

Nun wurden aber die "anderen" in der eigenen, der europäischen, der deutschen Kultur aufgespürt und ausgegliedert. Sie bildeten nicht mehr nur einen "fremden", exotischen Bestandteil dieser Kultur, sondern wurden zu ihren "Barbaren". Dies konnte, angesichts der überragenden intellektuellen und kulturellen Leistungen von Deutschen jüdischer Herkunft natürlich nicht mehr mit einer intellektuellen Inkompetenz gewöhnlicher Art begründet werden (wogegen solcherart Begründungen im Fall der Neger uns noch begegnen werden), sondern mußte einen "Barbaren" neuen Typs konzipieren, für den sogar der Ausdruck Gegenrasse passend erschien. Diese Deutschen, die Juden waren, wären als Barbaren und "Untermenschen" nicht wirklich kulturfähig, sondern kulturzersetzend:

"Wo der ausgeprägte Auflösungstypus das innerste Wesen der Persönlichkeiten bestimmt und ganz und gar beherrscht, dort kann nur ein Kultursystem entstehen, das zu unserem eigenen Wollen gegentypisch ist. Aus diesem Grunde stehen wir in schroffstem, in ganz unüberbrückbarem Gegensatz zu typischen Erzeugnissen des jüdischen Geistes und von den von ihm geschaffenen Daseinsformen."[25]

Aus dem Angehörigen der eigenen Kultur, dessen unveränderliche "Rassenseele" nunmehr festgestellt war, war der Barbar schlechthin geworden, zu dem keine Brücken möglich waren.

Der Begriff der "Rassenseele" wurde vor allem von einem Rassenforscher entwickelt, bei dem der Hang zur Exotik überwog: dem Husserl-Schüler L.F. Clauß.25a Er monierte, daß die rein naturwissenschaftliche Erfassung der Rassenunterschiede zwar eine notwendige Bedingung, aber keinesfalls hinreichend sei zur Erfassung "rassischer" Unterschiede:

"Sie erkennt, daß diese Merkmale irgendwie zusammengehören und in ihrer Gesamtheit ein körperliches Erbbild ergeben, das sie Rasse nennt. Was aber der Sinn dieses Zusammenhanges sei, oder warum gerade diese und diese Merkmale zusammengehören und deshalb ein reines Erbbild ergeben, das weiß sie nicht und kann sie nicht wissen."[26]

Demgegenüber habe aber gerade die "phänomenologische Forschung <der Schule Edmund Husserls, F.W.> sich das feinste Werkzeug zur Bloßlegung der seelischen Gesetze geschaffen", und Clauß bedauert nur, daß "von einem Teil der Phänomenologen nicht nur die Befassung mit Rassenfragen abgelehnt, sondern das Bestehen und Gelten von seelischen Artgesetzen überhaupt bezweifelt, ja sogar abgeleugnet wird".[27] Immerhin also mußte Clauß vor allen anderen sich selbst erforschen, wenn er die "Rassenseelen" und deren "Stilgesetze" kennenlernen wollte; er mußte unter den Menschen des "Erlösungstypus" (grob: Orientalen) ebenso leben können wie unter denen des "Darbietungstypus" (grob: Mittelmeeranwohner) oder denen des "Leistungstypus" (den "Norden") - er mußte sie alle in sich selbst wachrufen, sie "spielen" können, um sie in teilhabender Beobachtung zu verstehen.

Der Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, Walter Gross, stellt über Clauß 1941 fest:

"Er sagt man müsse die seelische Struktur einer fremden Rasse nicht von außen her beschreiben, sondern von innen her erfahren und darstellen. Dazu müsse man in der Welt dieser Rasse mitleben, sie solange spielen, bis sie zur zweiten Natur würde. So hat Herr Clauß als Beduine in der Wüste gelebt, war übergetreten zum Mohammedanismus, hatte sich den Sitten angeglichen und lebte im Zelt. ... Damit ... würde unsere ganze Rassenlehre in sich zusammenfallen und unser Bestreben muß daher sein, Clauß aus der NSDAP herauszuhalten..."[28]

Das Mitleben mit einer fremden Kultur oder, wie man sagte, einer fremden Rasse (Clauß hatte eine jüdische Lebensgefährtin), also das teilnehmende Beobachten war unter den Voraussetzungen der NS-Rassenideologie bereits zuviel des Eingeständnisses: darin kam ja immerhin zum Ausdruck, daß es sich bei dieser fremden Kultur auch um eine mögliche Lebensform von Menschen und nicht nur von höherentwickelten Tieren handelte.

So weit wie Clauß sind völkische Rassen- und Kulturforscher daher in ihrem Wissensdrang selten gegangen. Und doch findet sich bei den meisten, so eindeutig sie in ihren Aussagen über die Überlegenheit des "nordischen Menschen" sind, eine mehr oder weniger ausgeprägte Beziehung zu einzelnen "Unter-Menschen".[29]

Einen im wesentlichen auf "seelische" oder "ideelle" Besonderheiten rekurrierenden Begriff von "Rasse" vertreten unter anderen Friedell und Spengler. Friedell schreibt etwa:

"Vom rein biologischen Standpunkt ist die Entstehung einer neuen Nation oder Rasse gar nicht zu erklären, denn Kreuzung und Vererbung der seit undenklichen Zeiten über die Erde wirr verstreuten Komponenten könnten nur ein immer charakterloseres Chaos ergeben. Wann wird aus einem Agglomerat von Bastarden eine Rasse? Wenn es eine Seele bekommen hat."[30]

"Rasse" ist für Friedell "ein Imperativ", eine "Idee", das Ergebnis und nicht die Voraussetzung einer "Religion" - und so kann er denn zustimmend zitieren, was Chamberlain geschrieben hatte:

"man unterschätze die rein geistige Dolichocephalie und Brachycephalie nicht ... man braucht nicht die authentische Hethiternase zu besitzen, um Jude zu sein, vielmehr bezeichnet dieses Wort vor allem eine besondere Art, zu fühlen und zu denken; ein Mensch kann sehr schnell, ohne Israelit zu sein, Jude werden ... andererseits ist es sinnlos, einen Israeliten reinster Abstammung, dem es gelungen ist, die Fesseln Esras und Nehemias abzuwerfen, in dessen Kopf das Gesetz Mose und in dessen Herzen die Verachtung anderer keine Stätte mehr findet, einen Juden zu nennen."[31]

4. Mit Haut und Haar, mit Leib und Seele anders

Kant hat, es wurde schon erwähnt, 1785 in einer vererbungstheoretischen Schrift den Begriff der Menschenrassen definiert, und noch heute rühmen Anthropologen dieser Schrift nach, daß sie sehr modern und sehr fortschrittlich gewesen sei.[32] Darin unterscheidet Kant, der im übrigen den Monogenismus [33] vertrat, vier Menschenrassen entsprechend der Hautfarbe: die weiße, schwarze, gelbe und kupferfarbene. Das Merkmal der sicheren Vererbung (daß es "notwendig anerbt") ist für Kant einzig ausschlaggebend, um eine Rassenzugehörigkeit festzustellen. Auch Kants Zeitgenosse Blumbach, der fünf Menschenrassen unterscheidet, bleibt hier ganz im Rahmen der Naturwissenschaft, der meß- und beobachtbaren Unterschiede.[34]

Es scheint mir in diesem Zusammenhang notwendig und aufschlußreich, nicht nur diese naturwissenschaftlichen Schriften Kants oder seiner Zeitgenossen heranzuziehen, sondern seine Aussagen über Angehörige anderer Rassen in kultur- und geschichtsphilosophischen Zusammenhängen zu überprüfen. Den größten Gegensatz sieht Kant zwischen der schwarzen und der weißen Rasse (und es gab ja auch bei anderen Autoren des 18. Jahrhunderts die Meinung, daß zumindest diese beiden Rassen nicht von einem und demselben Paar abstammen hätten können). 1756 dichtete der Schweizer Bodmer in seinem Versepos Inkel und Yariko über Afrikaner, die als Sklaven verkauft werden sollten:

Leute, die von dem Kopf zum Fuß ganz schwarz sind,
die Nase
Platt gedrücket, so daß sie niemand bedauert
und man zweifelt,
Ob in der rußigen Wohnung auch eine Seele sich findet.
[35]

Im vierten Abschnitt von Kants Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen lesen wir:

"Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege. Herr Hume fordert jedermann auf, ein einziges Beispiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter den hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgendeiner andern rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt habe, obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel emporschwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein Ansehen erwerben. So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen zwei Menschengeschlechtern, und er scheint ebensogroß in Ansehung der Gemütsfähigkeiten, als der Farbe nach zu sein. ..."[36]
"Die Schwarzen sind sehr eitel, aber auf Negerart und so plauderhaft, daß sie mit Prügeln müssen auseinandergejagt werden. ... Was kann man da Besseres erwarten, als was durchgängig daselbst angetroffen wird, nämlich das weibliche Geschlecht in der tiefsten Sklaverei?"[37]

Es ist hier zu beachten, daß Kant nicht von den Fähigkeiten des Verstandes bei den Negers in Afrika spricht, sondern von ihren Gemütsfähigkeiten, daß gegen eine solche Einschätzung also eine Unterscheidung, wie sie etwa in der négritude-These von Senghor und anderen getroffen worden ist, ganz hilflos wäre.[38] Von den Verstandesfähigkeiten der Neger ist bei Kant gar nicht einmal die Rede. Ihre "Gemütsfähigkeiten" aber bezeichnet er als "läppisch". Dies nun ist ein terminus technicus: es "...artet das Gefühl des Schönen aus, wenn das Edle dabei gänzlich mangelt, und man nennt es läppisch." [39]

Als Rezensent von Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte hat Kant sich freilich viel vorsichtiger und skeptischer hinsichtlich allgemeiner Aussagen über die Kulturen der Menschheit geäußert:

"Eines hätte Rezensent sowohl unserem Verfasser, als jedem anderen philosophischen Unternehmer einer allgemeinen Naturgeschichte des Menschen gewünscht, nämlich: daß ein historisch-kritischer Kopf ihnen insgesamt vorgearbeitet hätte, der aus der unermeßlichen Menge von Völkerbeschreibungen oder Reiseerzählungen und allen ihren mutmaßlich zur menschlichen Natur gehörigen Nachrichten vornehmlich diejenigen ausgehoben hätte, darin sie einander widersprechen, und sie (doch mit beigefügten Erinnerungen wegen der Glaubwürdigkeit jedes Erzählers) nebeneinander gestellt hätte; denn so würde Niemand sich so dreist auf einseitige Nachrichten fußen, ohne vorher die Berichte Anderer genau abgewogen zu haben. Jetzt aber kann man aus einer Menge von Länderbeschreibungen, wenn man will, beweisen, daß Amerikaner, Tibetaner und andere echte mongolische Völker keinen Bart haben, aber auch, wem es besser gefällt, daß sie insgesamt von Natur bartig sind und sich diesen nur ausrupfen; daß Amerikaner und Neger eine in Geistesanlagen unter die übrigen Glieder der Menschengattung gesunkene Rasse sind, andererseits aber, nach ebenso scheinbaren Nachrichten, daß sie hierin, was ihre Naturanlage betrifft, jedem anderen Weltbewohner gleich zu schätzen sind, mithin dem Philosophen die Wahl bleibe, ob er Naturverschiedenheiten annehmen, oder alles nach dem Grundsatze tout comme chez nous beurteilen will, dadurch denn alle seine, über eine so wankende Grundlage errichteten Systeme den Anschein baufälliger Hypothesen bekommen müssen."[40]

Obwohl also Kant selbst der Auffassung ist, die empirischen Daten der Völkerforschung reichten noch nicht einmal dazu hin, eine Hierarchie von Kulturen entsprechend rassischer Zugehörigkeit zu begründen, sind seine Aussagen zumindest über die Neger doch hinreichend deutlich.

Zwar konnte Kant noch nicht Grégoires Buch über Die Literatur der Neger [41] einsehen, aber er hätte doch auch wieder nicht allzu weit gehen müssen, um einen Neger zu finden, der es zumindest so weit in der deutschen akademischen Welt[42] gebracht hatte, daß er mehrere philosophische Werke in lateinischer Sprache erscheinen lassen konnte und etwa zehn Jahre lang als Dozent der Philosophie dieses Fach an den Universitäten Wittenberg und Halle (von 1736-47) unterrichtete. Vielleicht wäre auch das noch nicht hinreichend gewesen, um Humes Kriterium, in der "Wissenschaft etwas Großes vorgestellt" zu haben, zu erfüllen; doch immerhin ist das Stillschweigen der von der naturbedingten Minderwertigkeit schwarzhäutiger Menschen überzeugten Autoren bedenklich, das sie Anton Wilhelm Amo (der sich auch noch Afer nannte) gegenüber bewahren.[43] Amos Leben und Werk wurde erst in den letzten Jahrzehnten durch afrikanische Historiker und Philosophen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgemacht. Amo kam als etwa Vierjähriger 1707 von der Elfenbeinküste nach Holland, wo er für den Hof von Braunschweig erworben wurde. Mit der Förderung der Prinzessin von Braunschweig konnte er in Wittenberg studieren und brachte es zum preußischen Staatsrat. Nach dem Tod seiner Gönnerin kehrte er in seine Heimat, das heutige Ghana, zurück, wo er in Zurückgezogenheit gelebt haben soll.

Anton Wilhelm Amo ist in der gegenwärtigen afrikanischen Philosophiediskussion eine wichtige Persönlichkeit. Er dient zumindest zum Beweis dafür, daß nicht irgendeine rassische Unterlegenheit den Neger daran gehindert hat, Philosoph zu sein. Seine Werke wurden aus dem Lateinischen, in dem er schrieb, ins Französische übersetzt und neu aufgelegt. Vor allem P.J. Hountondji hat seinem Landsmann und Vorgänger ein Denkmal gesetzt.[44]

Ich möchte nun nicht den Eindruck erwecken, als sei Hegel ein unmittelbarer Wegbereiter des rassistischen Denkens gewesen, das in der NS-Ideologie so fürchterliche Form annahm. Jedoch müssen wir uns bewußt sein, daß Hegel, wie in anderer Weise auch schon Kant, den Begriff vom Idealzustand des Menschen, der Kultur und des Staates im deutschen Bildungsbürgertum durchaus mitgeprägt hat, und daß in diesem Begriff die Ausgliederung der anderen eine wesentliche Rolle gespielt hat. Ich will das an dem Beispiel einiger Texte aus Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte zeigen, wo er sich mit Schwarzafrika befaßt.

In seinen Aussagen über die Neger ist Hegel keineswegs mehr so unbestimmt, wie Kant es noch war.[45] Er kann sich auf eine Reihe von Berichten über Afrika stützen, wenn er ausführt:

"Der Neger stellt ... den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar: von aller Ehrfurcht und Sittlichkeit, von dem, was Gefühl heißt, muß man abstrahieren, wenn man ihn richtig auffassen will; es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden. (...) Gott donnert und wird nicht erkannt: für den Geist des Menschen muß Gott mehr als ein Donnerer sein, bei den Negern aber ist dies nicht der Fall. (...) Die Neger werden von den Europäern in die Sklaverei geführt und nach Amerika hin verkauft. Trotzdem ist ihr Los im eignen Lande fast noch schlimmer, wo ebenso absolute Sklaverei vorhanden ist; denn es ist die Grundlage der Sklaverei überhaupt, daß der Mensch das Bewußtsein seiner Freiheit noch nicht hat und somit zu einer Sache, zu einem Wertlosen herabsinkt. Bei den Negern sind aber die sittlichen Empfindungen vollkommen schwach, oder besser gesagt, gar nicht vorhanden."[46]

Diese grundlegende Unentwickeltheit des Negers sei aber nicht bloß auf einen Kulturabstand zurückzuführen, sondern:

"Dieser Zustand ist keiner Enwicklung und Bildung fähig, und wie wir sie heute sehen, so sind sie immer gewesen. Der einzige wesentliche Zusammenhang, den die Neger mit den Europäern gehabt haben und noch haben, ist der der Sklaverei."[47]

So geht Hegel weiter auf die Geschichte Afrikas nicht ein, sie gehört für ihn nicht zur Weltgeschichte:

"Wir verlassen hiemit Afrika, um späterhin seiner keine Erwähnung mehr zu tun. Denn es ist kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen, und was etwa in ihm, das heißt, in seinem Norden geschehen ist, gehört der asiatischen und europäischen Welt zu."[48]

Es bestand zu Hegels Zeit und lange danach keine Gefahr, daß dem ein Neger widersprechen könnte. Daraus ist eine wirklich bemerkenswerte Fähigkeit der meisten europäischen Hegel-Leser geworden, diese Auslassungen vornehm zu übergehen. Afrikanische Philosophen wie Dieng und Towa nennen Hegel dafür den größten Ideologen des Kolonialimperialismus, weil es ihm so trefflich gelungen sei, die Objekte der Kolonialpolitik als jeder höheren Wissenschaft unfähig darzustellen. Der hohe Grad, in dem das gegenwärtige philosophische Leben in den ehemaligen Kolonien Afrikas und Asiens bis heute auch den Fachgelehrten in den Industrieländern verborgen geblieben ist, spricht dafür, daß Hegels Sichtweise äußerst erfolgreich war.[49]

5. Die Sprache als das entscheidende Kennzeichen der Rasse in den Vordergrund zu stellen, wäre Übertreibung

[50]

Nicht nur mit Hilfe der rassischen Zugehörigkeit eines Menschen werden für ihn oder sie im rassistischen Diskurs bestimmte Gemüts- und Verstandeskräfte festgelegt, sondern auch durch sprachliche und soziale Zugehörigkeiten. Es ist nicht zweifelhaft, schreibt Comas, daß die 'rassische' Diskriminierung nur einen Teil des allgemeineren Problems der gesellschaftlichen Diskriminierung darstellt.[51]

Eines der Unterscheidungsmittel zwischen den Völkern und zugleich eines der Kriterien zur Bewertung von deren Kultur ist bei den Autoren der Romantik und später der völkischen Bewegungen stets die Sprache gewesen.[52] Einige Topoi aus dieser Tradition verdienen es, in Erinnerung gerufen zu werden.

Der erste Punkt, der hier auffällt, ist die sehr allgemein verbreitete These, daß die Geschichte der Sprachveränderung keine Geschichte der Aufwärts-, sondern der Abwärtsentwicklung sei. Jakob Grimm schreibt:

"Wer unsere alte Sprache erforscht und mit beobachtender Seele bald der Vorzüge gewahr wird, die sie gegenüber der heutigen auszeichnen, sieht anfangs sich unvermerkt zu allen Denkmälern der Vorzeit hingezogen und von denen der Gegenwart abgewandt. ... Den leuchtenden Gesetzen der ältesten Sprache nachspürend verzichtet man lange Zeit auf die abgeblichenen der von heute."[53]

Der Hauptgrund für das Verkommen der Sprache liegt nach J. Grimm im Verkehr der Völker untereinander und der dadurch bedingten Vermischung der Sprachen:

"Jede gewaltsame Mischung zweier Sprachen ist widernatürlich und zieht den schnellern Untergang der Formen beider nach sich. Als sich eine Masse französischer Wörter in die englische Sprache ergoß, gingen wenig oder gar keine französische Formen in die Grammatik über, allein die sächsischen Formen sanken plötzlich, weil sie zu den neuen Wurzeln nicht paßten und der Sprachgeist durch die rohe Verwendung des fremden Stoffs zur Vernachlässigung der einheimischen Flexion gebracht wurde."[54]

Die "gewaltsame Vermischung" oder auch die Vermischung von Sprachstrukturen schlechtweg, wie sie sich durch wechselnde Einflußnahmen von Völkern untereinander immer wieder ergeben hat und ergibt, führe zu einem Verfall der Sprache, nicht zu deren Bereicherung. Wie hatte doch Kant als Fazit seiner Überlegungen in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht zur Frage der Weiterentwicklung der in Rassen gegliederten Menschheit gesagt?

"So viel ist wohl mit Wahrscheinlichkeit zu urteilen: daß die Vermischung der Stämme (bei großen Eroberungen), welche nach und nach die Charaktere auslöscht, dem Menschengeschlecht alles vorgeblichen Philanthropismus ungeachtet nicht zuträglich sei."[55]

Rassenreinheit, Sprachreinheit, Volks- oder Stammesreinheit - dies zumindest sind Vorstellungen, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen bei bedeutenden und einflußreichen Denkern der deutschen philosophischen Tradition seit dem 18. Jahrhundert finden.

Fichte sei hier noch angeführt, dessen Reden an die deutsche Nation von völkischen und rassistischen Ideologen weidlich ausgewertet worden sind.[5]5a In der 4. Rede geht Fichte auf die "Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und den übrigen Völkern germanischer Abkunft" ein, insbesondere auch wieder auf die Entwicklung der Sprache: es komme dabei

"weder auf die besondere Beschaffenheit derjenigen Sprache an, welche von diesem Stamme beibehalten, noch auf die der andern, welche von jenem andern Stamme angenommen wird, sondern allein darauf, daß dort Eigenes behalten, hier Fremdes angenommen wird; noch kommt es an auf die vorige Abstammung derer, die eine ursprüngliche Sprache fortsprechen, sondern nur darauf, daß diese Sprache ohne Unterbrechung fortgesprochen werde, indem weit mehr die Menschen von der Sprache gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen. .br. 1) Beim Volke der lebendigen Sprache greift die Geistesbildung ein ins Leben; beim Gegentheile geht geistige Bildung und Leben jedes seinen Gang für sich fort.
2) Aus demselben Grunde ist es einem Volke der ersten Art mit aller Geistesbildung rechter eigentlicher Ernst, und es will, daß dieselbe ins Leben eingreife; dagegen einem von der letztern Art diese vielmehr ein genialisches Spiel ist, mit dem sie nichts weiter wollen. Die letztern haben Geist; die erstern haben zum Geiste auch noch Gemüth..."[56]

Die besonders kulturfähigen Menschen konnte man ohne allzu große Mühe lokalisieren: das Volk der lebendigen Sprache waren vor allem die Deutschen (im Gegensatz zu jenen romanisierten Germanen, die das Lateinische, eine tote Sprache, übernommen und lediglich variiert hatten). Somit zeigte sich auf dem Gebiet der Sprache, daß die Deutschen über die bloß "kulturbewahrenden" und erst recht über die "kulturzerstörenden" Völker hinausragten und recht eigentlich das "kulturschaffende" Volk waren. Dies aber war, wenigsten nach jenem Kulturtheoretiker und -politiker, der die genannte Unterscheidung so oft vorgetragen hat, nicht eine Frage der Sozialisation, des Sprach- und Kulturerwerbs, sondern:

"ein fundamentaler Grundsatz: Es kann kein Mensch eine innere Beziehung zu einer kulturellen Leistung besitzen, die nicht in dem Wesen seiner eigenen Herkunft wurzelt."[57]

Das ließ sich nun auch wieder und wieder an der Sprache der deutschen Juden zeigen, wenn man wollte. Zu den Kriterien für die Aussonderung undeutschen Schrifttums ist einiges geschrieben worden; ich beschränke mich auf ein einziges Beispiel, das Clauß gibt. Die Zeilen von Else Lasker-Schüler:

Deine Worte sind aus Lied geformt,
Ich traure, wenn du schweigst.

können nach Clauß' Meinung nur "jüdisch betrachtet ... artrecht und edel sein. ... Der Norde redet am tiefsten durch sein Schweigen, zumal wenn er liebt. ... Nordisch gefühlt" ist nach Clauß hingegen die Zeile Schillers:

Spricht die Seele, so spricht, ach| schon die :Seele nicht mehr. [58]

Und von Wiese stellt in seiner Vorstellung der herderschen Sprach- und Kulturphilosophie vollends fest: "Sprache nationalisiert die Erkenntnis."[59]

6. Ein Mensch kann sehr schnell, ohne Israelit zu sein, Jude werden

[60]

Die ganz anderen waren nun aber nach den verschiedensten, nicht nur nach rassischen Gesichtspunkten die eigentliche Gefahr der Kulturentwicklung. Was als rassisch zu gelten hatte, war zudem, wie wir gesehen haben, keineswegs klar; einmal handelte es sich um vererbbare körperliche Merkmale, dann wieder um erworbene (oder auch als vererbbar angenommene) psychische Eigenschaften, schließlich auch um kulturell entwickelte Verhaltensweisen oder gar um angeblich konstante Dispositionen des Denkens. Wer die äußeren und inneren Barbaren waren, konnte daher von einem zum andern Theoretiker sehr wohl schwanken.

Es war etwa für Hans Eibl klar, daß die wesentliche Kulturauseinandersetzung zwischen Asien und Afrika einerseits, Europa andererseits stattfinde, und seine Vision vom Zentralreich, von Deutschland mit den beiden Ostmarken (Preußen als der nördlichen, Österreich als der südlichen Ostmark) ist eng mit der Befürchtung verknüpft, daß Asien am Rhein an Afrika grenzen könnte.[61]

Ähnlich schrieb Spengler im selben Jahr 1933 in seinem präpotenten Buch Jahre der Entscheidung

"Nicht Deutschland, das Abendland hat den Weltkrieg verloren, als es die Achtung der Farbigen verlor. ... Die abendländische Zivilisation dieses Jahrhunderts wird nicht von einer, sondern von zwei Weltrevolutionen größten Ausmaßes bedroht... Die eine kommt von unten, die andere von außen: Klassenkampf und Rassenkampf." [62]

Nun verwendet Spengler aber den Begriff der Rasse nach seiner eigenen Auffassung nicht

"in dem Sinne..., wie er heute unter Antisemiten in Europa und Amerika Mode ist, darwinistisch, materialistisch nämlich. (...) Barbarentum ist das, was ich starke Rasse nenne, das Ewig-Kriegerische im Typus des Raubtiers Mensch. Ich wiederhole: Rasse, die man hat, nicht eine Rasse, zu der man gehört. Das eine ist Ethos, das andere - Zoologie."[63]

Spenglers Begriff der "Rasse, die man hat" fand selbstredend Widerspruch bei NS-Ideologen.[64] Das macht ihn darum noch nicht harmlos.

Es ist bestürzend zu lesen, wie nahe Friedells Aussagen über das Entstehen von "Rasse" sowohl dem spenglerschen Begriff als auch der rassenpolitischen Argumentation der Nürnberger Gesetze kamen. Es gibt, schreibt er 1936, "eine mohammedanische Rasse: ihr Schöpfer ist der Koran; es gibt eine mosaische Rasse: ihr Schöpfer ist der Talmud. Es gibt aber auch eine katholische, eine protestantische, eine griechisch-orthodoxe Rasse." Dies entspricht seiner These: "die Religion ist der Mutterleib der Rasse." Nun vergegenwärtige man sich aber erst einmal, bevor man Friedells weitere Ausführung liest, wie von Amts wegen ein Ariernachweis zu führen war: man hatte nicht nur den Stammbaum zu belegen, sondern die Abstammung von Getauften. Man hatte, mit anderen Worten, zu belegen, daß die Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft bei den eigenen Vorfahren schon zu einer Zeit bestanden hatte, als es der Begriff von "deutschen Bürgern jüdischen Bekenntnisses" noch nicht gab, also vor jener geistigen Bewegung, die mit Moses Mendelssohn, dem Schwiegervater Friedrich Schlegels, verknüpft war. Und dies war zu belegen durch den Nachweis, zu jener Zeit hätten die Vorfahren schon einer christlichen Religionsgemeinschaft angehört. In diesem Licht erscheint die Argumentation Friedells, der gewiß aufgrund seiner Abstammung durch die Nürnberger Gesetze aus dem deutschen Volk auszugliedern war, tragisch:

"Wenn durch eine Anzahl von Generationen eine Religion geglaubt (nicht bloß bekannt) wird, so müssen die Sprößlinge unfehlbar den puritanischen Gesichtsschnitt, das buddhistische Phlegma, den mosaischen Tonfall, die römische Nase, den griechischen Blick, die konfuzianische Gebärde bekommen."[65]

Friedell vertrat freilich einen stark idealistischen Standpunkt in seiner Beschreibung der menschlichen Kulturentwicklung, innerhalb dessen seine Thesen konsequent gewesen sein mögen. Daß sie gegenüber der "physiologisch-psychologischen" Geschichtsdeutung, wie Rappoport das genannt hatte, ohnmächtig waren, liegt auf der Hand. Es konnte dem einzelnen rein gar nichts helfen, wenn er, wie Friedell, Chamberlain so offenkundig zustimmend, zitiert, "die Fesseln Esras und Nehemias" abgeworfen hatte und in seinem "Herzen die Verachtung anderer keine Stätte mehr" hatte - was sichtlich für Friedell wie für Chamberlain als ein Merkmal der Abkehr vom "Juden" galt.

In dem ideologischen Diskurs des Rassismus führte aber andererseits Spenglers Begriff der "Rasse, die man hat", wie der andere der "Rasse, zu der man gehört", gleicherweise zum Antisemitismus. War dieser von den "darwinistischen" Rasseideologen mit den Postulaten einer "reinen Rasse" (was Spengler ablehnt), einer Höherzüchtung des "nordischen Menschen" verbunden, so konnte der gebildete Deutsche an einige Texte seiner größten Denker erinnern, aus denen ziemlich wörtlich hervorging, daß Juden im allgemeinen eben nicht "Rasse haben".

So hatte Kant in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht über die Juden lediglich in einem Zusammenhang gesprochen: in dem Kapitel Über die Gemüthsschwächen im Erkenntnisvermögen, wo er zum Begriff des "Betrügers" anmerkt:

"Die unter uns lebenden Palästiner sind durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil, auch was die größte Menge betrifft, in den nicht ungegründeten Ruf des Betruges gekommen. Es scheint nun zwar befremdlich, sich eine Nation von Betrügern zu denken; aber ebenso befremdlich ist es doch auch, eine Nation von lauter Kaufleuten zu denken..."[66]

Die bei Kant sehr lange Anmerkung ist aufschlußreich, weil sie eine historische Hypothese bezüglich der Entstehung dieser "Verfassung" des jüdischen Volkes vorlegt; wenn diese "Verfassung" aber historisch entstanden und sozio-ökonomisch erklärbar ist, so wäre sie doch sicher nicht im Sinne Kants als rassenbedingtes Merkmal anzusehen. Doch wird dieses konkrete Volk als das Paradigma - und zwar für eine paradoxe Situation - angenommen: es sei nicht weniger "befremdlich zu denken", daß eine ganze "Nation" (der Ausdruck Rasse ist Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Verwendungsweisen an diejenige Stelle getreten, die vorher mit Nation oder auch Volk bezeichnet worden war), aus Kaufleuten bestehe, wie es befremdlich sei, sich eine Nation von Betrügern vorzustellen. Ersteres sei aber nun gewiß der Fall.[67]

Daraus hat wohl nicht nur Hitler gelesen: Alle Juden sind Betrüger.

Hegel kennzeichnet in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte die Völker des Altertums gemäß deren ersten überlieferten Verfassungen, die er jedoch bei den Nachfahren dieser Völker bis heute wirksam sieht. Zu Judäa führt er aus:

"Das Geistige sagt sich hier vom Sinnlichen unmittelbar los, und die Natur wird zu einem Äußerlichen und Ungöttlichen herabgesetzt. ... Die Juden haben, was sie sind, durch den Einen, dadurch hat das Subjekt keine Freiheit für sich selbst. ... Der Staat aber ist das dem jüdischen Prinzip Unangemessene und der Gesetzgebung Mosis fremd."[68]

In ähnlicher Weise charakterisiert Hegel in den Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie das Verhältnis zwischen jüdischem Erbe und christlicher Weiterentwicklung am Ausgang der Antike:

"Das Jüdische hat von Anfang dies Selbstgefühl der Nichtigkeit ausgemacht - ein Elend, Niederträchtigkeit, Nichts, das Leben und Bewußtsein hat. ... <Was das Christentum davon unterscheidet> ist, daß für die Christen diese intelligible Welt zugleich diese unmittelbare sinnliche Wahrheit eines gemeinen Geschehens hatte - eine Form, die sie für das Allgemeine der Menschen haben und behalten muß. Aber diese neue Welt hat darum auch von einem neuen Menschengeschlechte aufgenommen werden müssen, von Barbaren - denn der Barbaren ist es, das Geistige auf eine sinnliche Weise zu nehmen: nordischen Barbaren - denn nur das nordische Insichsein ist das unmittelbare Prinzip dieses neuen Weltbewußtseins."[69]

Die Kennzeichnungen jüdischen Denkens, wie wir sie im schon angeführten Philosophischen Wörterbuch von 1943 finden, sind gewiß rassistisch und antisemitisch; und sie klingen ganz ähnlich dem, was hier Hegel sagt. Hermann Cohen, lesen wir dort, habe jeden "Rückgriff auf gewachsene vorhandene Wirklichkeit" in der Philosophie abgelehnt, für ihn sei der Staat "nicht Selbstzweck". Und "das Volk als Lebenstatsache hat nach C. keinerlei Bedeutung". Oder zu Edmund Husserl: "ein typisch jüdischer Rationalismus <feiere in seiner Philosophie> Triumphe ... und jede gewachsene Wirklichkeit <werde> entwertet." Auch wenn Weinhandl von "echt jüdischer Gewandtheit" spricht, mit der Henri Bergson "die gedankenschweren Leistungen namentlich Schellings und Goethes in gangbare Scheidemünze umzusetzen" gewußt habe, so knüpft das ohne Schwierigkeit an Hegels Kennzeichnung an. Derartige Hinweise bei NS-Autoren finden sich allerorten,[70] und sie mußten offenbar zur Erhärtung ihrer Meinungen nicht auf die Beihilfe der berühmtesten Namen deutscher Philosophie verzichten.


[*]Erschienen in: Gernot Heiß et al. (Hgg.): Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938-1945. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1989, S. 89-114. Zum Thema vgl. auch:
Balibar, Etienne: "Rassismus und Antirassismus". In: UNESCO Kurier. 1996. Jg. 37, Nr. 3, S. 10-12.; Ehmann, Annegret: "Rassistische und antisemitische Traditionslinien in der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts". In: Sportmuseum Berlin (Hg.): Sportstadt Berlin in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Sportmuseum 1993, S. 131-145.; Firla-Forkl, Monika: "Philosophie und Ethnographie. Kants Verhältnis zu Kultur und Geschichte Afrikas". In: Wunsch, Cornelia (Hg.): XXV. Deutscher Orientalistentag. Stuttgart: Steiner 1994, S. 432-442; Gould, Stephen Jay: Der falsch vermessene Mensch. Frankfurt/M.: Suhrkamp. 1988; Herra, Rafael Angel: "Rassismus und Selbstbetrug". In: Mall, Ram Adhar und Notker Schneider (Hg.): Ethik und Politik aus interkultureller Sicht. Amsterdam: Rodopi 1996, S. 199-204. (= Studien zur interkulturellen Philosophie, Bd. 5); Holenstein, Elmar: "Kulturnation - eine systematisch in die Irre führende Idee". In: Protosoziologie. 1993. Nr. 5, S. 123-138, 148-149; Lévi-Strauss, Claude: "Rasse, Geschichte und Kultur". In: UNESCO Kurier. 1996. Jg. 37, Nr. 3, S. 22-25; Pollak, Michael: Rassenwahn und Wissenschaft. Thesen zur Entstehung der unheilvollen Allianz zwischen Anthropologie, Biologie und Recht im Nationalsozialismus. Meisenheim: Hain. 1990.

[1]Der Universalismus war eines der Schreckgespenster für "völkisch" denkende Philosophen schlechtweg. Krieck schreibt in der Festgabe der deutschen Wissenschaft zu Hitlers 50. Geburtstag (1939): "Die Philosophie im herkömmlichen Sinn ist gekennzeichnet durch ein universalistisches Prinzip. Da die nationalsozialistische Weltanschauung ... den Universalismus jeder Art beendet und durch das rassisch-völkische Prinzip ersetzt, müßte folgerichtig die Philosophie, da sie stets am Universalismus hängt, als beendet erklärt und durch eine rassisch-völkische Kosmologie und Anthropologie ersetzt werden." (Zit. nach: Frank Hartmann, Philosophie und Drittes Reich, in: Fischer, Kurt R. und Wimmer, Franz M., Hg.: Der geistige Anschluß. Philosophie und Politik an der Universität Wien. Wien: Universitätsverlag 1993, S. 101-123)

[2]Ferdinand Weinhandl, Philosophie - Werkzeug und Waffe (Neumünster 1940) 2-3

3Eibl schreibt 1933: die "politischen Theoretiker liberaler oder sozialistischer Herkunft" seien "in Hinsicht auf die Fragen der Rasse" bemerkenswert inkonsequent. Als "Naturalist<en>" müßten sie doch "drei Grundsätze für die Leitgedanken jeder Politik halten: 1. daß die Rassen nicht gleichwertig seien; 2. daß daher eine Züchtung hochwertiger Rassen notwendig, 3. daß sie möglich sei." Die Begründung für den ersten Punkt ist entscheidend: "er muß irgendeiner Gesellschaftsform den höchsten Wert zuerkennen und daher auch irgendeinen Menschentypus als dieser Form am besten angepaßt den Vorzug vor anderen Typen geben." Daß etwa einer Gesellschaftsform der Vorzug gegeben werden könnte, die eine natürliche Mischung der alten Rassen vollzieht, scheint Eibl hier nicht als Denkmöglichkeit zuzulassen. Vgl. Hans Eibl, Vom Sinn der Gegenwart. Ein Buch von deutscher Sendung, (Wien 1933), 324

[4]Ein Schicksal, das er der "Richtung der Gestaltpsychologie" zuschreibt, "die sich vor 1933 als 'Berliner Schule' bezeichnete", (Weinhandl, Philosophie - Werkzeug, 4-5)
In seinem Vortrag Der Begriff der Intuition (in: Weinhandl, Philosophie - Werkzeug, 16-19) kennzeichnet Weinhandl "die Phänomenologie Edmund Husserls ... als typisch jüdische Methode <die> ihre Blüte in der Systemzeit hatte". (hier: 16)

[5]Weinhandl, Philosophie - Werkzeug, 5

[6]Wilhelm Weigand, Das Elend der Kritik, (München 1895) 126
Man muß sich darüber im klaren sein, daß das Geschäft der Kritik in diesem Diskurs keinen allzu guten Ruf hatte. Kritisches, d.h. unterscheidendes, analysierendes Denken wurde selbst dort noch als eine (wenn auch notwendige) Durchgangsphase qualifiziert, wo es (mit Kants berühmtem Werk) einen nicht wegzuleugnenden Rang in der Geschichte des Denkens von Deutschen eingenommen hatte. So schreibt etwa Knittermeyer in seiner Darstellung der kantischen Philosophie, Kant habe im "opus postumum" eine Transzendentalphilosophie angezielt, eben indem er die Grenzen der Kritik überwunden hatte. "Wir wissen ..., daß es hinfort der Kritik nicht mehr bedarf, weil es <das System, F.W.> gar nicht in Gefahr kommen kann, in ein transzendentes An-sich sich zu retten." Vgl. Hinrich Knittermeyer, Immanuel Kant. In: Theodor Haering (Hg.), Das Deutsche in der deutschen Philosophie (Stuttgart, 2.Aufl. 1942) 267
E. Jaensch hat in seiner Eröffnungsrede zur 16. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in diesem Sinn (1938) ausgeführt: "Selbstkultur des reinen, abstrakten, in sich eingesponnenen Geistes, das ist ... ein Grundzug dieser cartesianischen Wesensart. Die Augen verschließen, die Ohren verstopfen, in das eigene Innere hineinblicken, ... so kann man Mathematik und allenfalls mathematische Naturwissenschaften aufbauen oder auch eine reine Ideen- und Geistesphilosophie, aber man kann auf diese Art nicht die Wahrheit erkennen über das konkrete Wirkliche, namentlich nicht die Wahrheit im Bereiche des Lebendigen, des Menschen und seiner Seele. Die Wissenschaft, die bisher nach einem cartesianischen, also französischen Grundriß angelegt war, wartet ... auf die deutsche Bewegung und den deutschen Geist, damit er ... ihren Grundriß im Sinne deutscher Wesensart neu bestimme."
Zit. nach Leon Poliakov und Joseph Wulf, Das Dritte Reich und seine Denker (Frankfurt 1983) 96
Qualifikation im akademischen und wissenschaftlichen Bereich setzte, wie Heiß feststellt, in dieser Epoche unserer Vergangenheit weniger das Argumentieren voraus als vielmehr "persönliche Beziehungen, welche mehr nach "feudalistischen" Freundschafts-Schüler-Bin-dungen, als im "modernen" Sinn an Leistung und rational argumentierbaren Kriterien orientiert" waren.
Vgl. Gernot Heiß, ... wirkliche Möglichkeiten für eine nationalsozialistische Philosophie? Die Reorganisation der Philosophie (Psychologie und Pädagogik) in Wien 1938 bis 1940 in: Fischer, Kurt R. und Wimmer, Franz M., Hg.: Der geistige Anschluß. Philosophie und Politik an der Universität Wien. Wien: Universitätsverlag 1993, S. 130-169.

[7]"Wenn wir uns als Nationalsozialisten die ursprünglichen Unterschiede der Rassen und ihrer Weltbilder durch niemand wegdisputieren lassen, so wissen wir auch, daß damit nicht nur der Biologie, sondern auch den Geisteswissenschaften umfangreiche und schlechthin neue Aufgaben entstanden sind, die mit derselben methodischen Strenge und Unantastbarkeit lösbar sind, wie alle Probleme, in deren Bearbeitung die deutsche Wissenschaft bisher führend und bahnbrechend war." (Weinhandl, Philosophie - Werkzeug, 19)
Wenn Kainz im Nachruf auf Weinhandl schreibt, es seien lediglich "gewisse phänotypische, ihm offenbar durch den Zeitstil aufgenötigte Tendenzen" gewesen, die Weinhandl vorübergehend "zu forsch-aggressivem Verhalten als Vortragender und einer militanten Auffassung der Philosophie" geführt hätten, so ist dazu immerhin zu bemerken, daß Weinhandls Vortrag über den Führergedanken Mitte der 20-er Jahre diese Tendenzen bereits ebenso zum Ausdruck bringen wie seine Ausführungen 1938 oder später.
Friedrich Kainz, Ferdinand Weinhandl. In: Almanach für das Jahr 1974 (Wien: Österr. Akademie der Wissenschaften, 124. Jg., 1975)
Für den Hinweis auf den Nachruf danke ich, wie für so manchen Hinweis, Sebastian Meissl.

[8]Weinhandl zeigt dies etwa in seinem Aufsatz Das Führerproblem auf der Grundlage des deutschen Idealismus: "Wenn wir uns am Führertyp des deutschen Idealismus orientieren, so geschieht es, weil er eine höchste und strengste Auffassung vom Beruf des Führers darstellt und weil er ganz und gar aus deutschem Wesen geboren und für deutsches Wesen bestimmt ist."

Vgl.: Ferdinand Weinhandl, Person, Weltbild und Deutung, (Erfurt 1926) 56

[9]Vgl. Hartmann, Philosophie

[10]Die zweite Frage sollte sinnvollerweise auch bezüglich der englisch- und französischsprachigen Kulturphilosophie gestellt werden und ich vermute, daß ein tendenzieller Rassismus insbesondere hinsichtlich des letztgenannten Merkmals (Hierarchie der Weltbilder) auch hier feststellbar wäre. Hingegen würde die Polemik gegen das "jüdische Denken" und gegen einen damit verknüpften Internationalismus weit weniger ins Auge fallen als bei deutschen Philosophen, deren Selbsteinschätzung in dieser Abgrenzung vom "westlichen" Denken hier wohl zutreffend war. Vgl. Hugh A. MacDougall, Racial Myth in English History. Trojans, Teutons, and Anglo-Saxons (Montreal 1982)

[11]Joachim Schondorff und Werner Schingitz, Philosophisches Wörterbuch. Begründet von H. Schmidt, (Stuttgart 1943, 10. Auflage, völlig neu bearbeitet) 326
Ich nenne hier Schondorff als Autor, obgleich die zitierte Ausgabe des von H. Schmidt begründeten Wörterbuchs laut Titelseite von Werner Schingnitz und Joachim Schondorff bearbeitet wurde, weil, wie letzterer im Vorwort schreibt, "Schingnitz im Mai 1940 zur Wehrmacht einberufen" worden war und Schondorff daher "die Verantwortung für die endgültige Gestaltung der einzelnen Artikel allein" übernommen hat.

12Die Geschichte der deutschen Kulturgeschichtsschreibung bis zur Romantik hat Schaumkell ausführlich dargestellt: Ernst Schaumkell, Geschichte der deutschen Kulturgeschichtsschreibung von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Romantik im Zusammenhang mit der allgemeinen geistigen Entwicklung, (Leipzig: 1905; Reprint: Leipzig 1970)

[13]Als der US-Präsident Polk im Mai 1846 die Kriegserklärung an Mexiko verlangte, sagte der Kongreßabgeordnete John C. Crittenden (Kentucky): "I hope to find my country in the right, however, I will stand by her, right or wrong." Zit. nach: Stuart Berg Flexner, I hear America talking. An Illustrated History of American Words and Phrases, (New York 1979) 243

[14]Vgl. dazu Rainer Knußmann, Der heutige Mensch in seiner körperlichen Eigenart und Vielfalt. In: Grzimeks Enzyklopädie der Säugetiere, Bd.2 (München 1988) S.536-538 und Szilvássy, der das UNESCO-"Statement of Race" (1951 bzw. 1962) wie folgt wiedergibt: "Im anthropologischen Sinn sollte das Wort "Rasse" für Gruppen von Menschen reserviert bleiben, die gut ausgeprägte und vorwiegend erblich bedingte körperliche Unterschiede gegenüber anderen Gruppen aufweisen." Vgl. Johann Szilvássy (unter Mitarbeit von Georg Kentner), Anthropologie. Entwicklung des Menschen. Rassen des Menschen, (Wien 1978) 101

[15]Franz Sawicki, Geschichtsphilosophie, (München 1922, 2.Aufl. = Philosophische Handbibliothek Bd. 12) 106
Auch Rappoport hatte Ähnliches bereits diagnostiziert: "Eine besondere Abart der physiologisch-psychologischen Richtung <der Geschichtsphilosophie, F.W.> ist die Rassentheorie, auf die Geschichte angewendet, die in der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse den Erklärungsgrund der Geschichte jenes Volkes sieht." Vgl. Ch. Rappoport, Zur Charakteristik der Methode und Hauptrichtungen der Philosophie der Geschichte, (Bern 1896)
Sawicki, Geschichtsphilosophie, 44f. führt Werke folgender Autoren an, die allesamt eine Entwicklung in der Geschichte vorwiegend oder ausschließlich aufgrund der "Rassenmerkmale" von historischen Akteuren erklären wollen: Gobineau, E. Dühring, V. de Laponge, O. Ammon, A. Reibmayr, H. Driesmans, A. Woltmann, H.St. Chamberlain, O. Seeck, L. Gumplowicz.

[16]Vgl. Schondorff, Wörterbuch, 473: "Rasse ist die geschlossene Gesamtheit leiblich-seelisch-geistiger Eigenschaften von Lebewesen, bes. von Menschen, insofern diese Eigenschaftsgesamtheit das Leben des Einzelwesens in allem Wichtigen gleichbleibend bestimmt und ebenso gleichbleibend auf die Nachkommen, unbeeinflußt durch Umwelteinflüsse, vererbt wird."
Die 2. Auflage des zitierten Wörterbuchs (1916) enthält "Rasse" oder damit gebildete Ausdrücke noch nicht als Stichworte.

[17]Schondorff Wörterbuch, 474: "Die Mächte des antirassischen Universalismus (Judentum, politischer Katholizismus, Freimaurerei, Marxismus usw.) ... wandten sich, um die Eigenart der Völker zerbrechen zu können, von jeher gegen die von ihnen als "Rassismus" ... verdächtigte Rassenlehre bzw. Rassenerbpflege, gerade weil sie deren Überlegenheit über jeden antirassischen Universalismus erkannt hatten."
Vgl. auch Ludwig Ferdinand Clauß, Rasse und Seele. Eine Einführung in die Gegenwart, (München 1926)
Die Endung -ismus wird in diesem Zusammenhang als Bezeichnung einer minderwertigen Idee oder Theorie verwendet, wie dies auch heute noch im Bewußtsein von Deutschsprechenden angetroffen werden kann.

[18]Vgl. als literarisch-ideologischen Beleg den Roman eines völkischen Autors, der in der Frühzeit der NSDAP wichtige politische Funktionen bekleidete, diese in der Auseinandersetzung mit Hitler jedoch später verloren hat: Arthur Dinter, Die Sünde wider das Blut, (Leipzig, 1921, 16.Aufl.) 281: "Dem Geiste den Sieg zu bringen über den Stoff und die ganze ringende Menschheit ihrer göttlichen Bestimmung entgegenzuführen, das war das Ziel, das Gott sich setzte, als er den Germanen schuf. ... in der jüdischen Rasse verkörpern sich seit Urzeiten jene Höllenmächte, die den Abfall von Gott bewirkt und mit ihren Satanskünsten unablässig am Werke sind ..."
Ebd., S.344f: "Die rassische Betrachtung der Geschichte lehrt, daß der Verfall der arischen Völker immer die unmittelbare Folge ihrer Semitisierung und der dadurch bewirkten Demokratisierung ist. Beide gehen stets Hand in Hand. Der Heroenzeit der hellenischen Arier ist die Demokratie ebenso fremd wie den vom Semitentum noch nicht berührten Römern und Germanen."

[19]Adolf Hitler, Mein Kampf, (München 1939) 335

[20]Grundsätzlich war auch der Rassebegriff, der in der Ausrottungs- und Züchtungspolitik des "Dritten Reiches" vorausgesetzt wurde, ein solch anthropologischer Begriff. In welcher Atmosphäre gegenseitiger Erpreßbarkeit der Beurteilenden jedoch auf diesem Gebiet, wo es um Leben oder Tod der Beurteilten ging, Gutachten gefällt oder nicht gefällt wurden, zeigt das Interview, das Müller-Hill mit Wolfgang Abel geführt hat, der als Prof. am Kaiser Wilhelm-Institut für Anthropologie u.a. sogenannte "erbbiologische" Gutachten erstellte. Abel: "Dieser Tage kam Mayer, seines Zeichens SS-Standartenführer vom Reichssippenamt, zu mir, etwas großspurig: 'Ja, Abel, Sie haben sich geirrt.' 'Wo?' 'Na, mit dem Gutachten O.M.' 'Ach so, ja irren ist menschlich.' Er: 'Sie werden zur Strafe jetzt die 200 Gutachten fertigmachen, die ich Ihnen vor 1 1/2 Jahren gab.' Da ging ich zu meiner Sekretärin hinaus und gab ihr den Auftrag, in 5 Minuten zu mir zu kommen und zu sagen, ich soll nicht vergessen, Kaltenbrunner anzurufen. Mayer: 'Welchen Kaltenbrunner?' Ich: 'Na, den Ernst.' Er: 'Daß ich nicht lach, Sie und der Kaltenbrunner. Darf ich zuhören?' 'Ja, bitte.' Ich bekam die Verbindung, der Termin war Dienstag. Herr Mayer verabschiedete sich, und von den zu machenden Gutachten wurde nicht mehr gesprochen."
Benno Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und Geisteskranken 1933-1945, (Reinbek 1984) 143.
Abgesehen von den ungemein aufschlußreichen sprachlichen Figuren dieser Erzählung ist der Zynismus des Machtspiels unübersehbar und schrecklich, in dem diese "Wissenschaft" ihren Beitrag zur Politik von Aussonderung und Züchtung leistete.

[21]Herrmann Gauch, Neue Grundlagen der Rassenforschung, Leipzig 1933, S. 77. Zit. nach Poliakov/Wulf, Das Dritte Reich, 409.
Lothrop Stoddards Buch The Revolt against Civilization war ein Pamphlet gegen den Bolschewismus und für Rassenpolitik. Die deutsche Übersetzung (von Wilhelm Heise) trägt den Titel Der Kulturumsturz. Die Drohung des Untermenschen (München: Lehmann, 1925)

[22]In einer weniger spektakulären Wendung kommt diese Auffassung häufig in Darstellungen der zeitgenössischen Gegenwartsgeschichte zum Ausdruck, etwa wenn Eibl oder Spengler vom Kampf des Abendlandes gegen die Barbarei reden (s.u.) oder wenn Braun schreibt: "Die Solidarität der ganzen weißen Rasse gegenüber Andersfarbigen war vor dem Kriege ein selbstverständlicher Wert." - Was wohl sollte diese "Solidarität" in konkreten Herrschaftsverhältnissen anderes besagen als ein right or wrong - meine Rasse? Vgl. Otto Braun, Geschichtsphilosophie. Eine Einführung (Leipzig 1921) 116

[23]Vgl. zu den Kategorien des "Barbarischen", "Exotischen" und "Heidnischen" mein Nachwort zu Franz M. Wimmer (Hg.), Vier Fragen zur Philosophie in Afrika, Asien und Lateinamerika, (Wien 1988) 156-61 sowie ders. Interkulturelle Philosophie. Theorie und Geschichte (Wien 1990)

[24]Vgl. zu den "wissenschaftlichen" Voraussetzungen der Ausrottungsprogramme: Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft

[25]E. Jaensch, zitiert bei Poliakov/Wulf, Das Dritte Reich, 395; hier findet sich auch das folgende Zitat aus einer Dissertation, die 1939 bei W. Stammler in Greifswald eingereicht wurde: "Das Wort Gegenrasse ist speziell auf den Juden gemünzt worden. Es bezeichnet eine Rasse, die alle anderen zerstört, die gegen das Blut der anderen Rasse wirkt." (76)

25a [Anmerkung 1996: Über Clauß ist kürzlich eine Biographie erschienen: Peter Weingart: Doppelleben. Ludwig Ferdinand Clauss: Zwischen Rassenforschung und Widerstand. Frankfurt/M.: Campus 1995]

[26]Clauß Rasse und Seele, 26; wie eng die physiologische Rassenzugehörigkeit mit der geistigen Disposition eines Menschen nach Clauß' Meinung zusammenhängt, läßt sich aus dem Beispiel ersehen, das er für unterschiedliche Wissenschaftlertypen anführt: der vorwiegend "ostisch" bestimmte Gelehrte sei "der geborene Meister des Zettelkastens", er lebe mit dem, was er von anderen Gelehrten aufnimmt, während der "nordische" Wissenschaftler seine Notizbücher mit Gedankenblitzen, Einfällen, eigenen Ideen fülle. "Unsere heutige Wissenschaft ist eine hellenisch-germanische und somit eine nordische Schöpfung; in ihrem Rahmen bleibt der ostische Gelehrte notwendig ein Fußnotenwisser und ein Anmerkungsverwalter." (ebd., S.114f)

[27]Clauß, Rasse und Seele, 27
Das mag wohl zutreffen. Nicht überall aber war die Skepsis gegenüber der "Rassenseele" hinreichend ausgeprägt. Sawicki hatte einige Jahre früher schon Grund zu der Feststellung gehabt: "Der Begriff <der Rasse, F.W.> ist an sich physisch-anthropologischer Natur und nimmt als solcher nur auf körperliche Merkmale Bezug. Da jedoch nach einer weitverbreiteten Ansicht jede Rasse auch ihre seelische Sonderart hat, so wird diese vielfach mit in den Begriff der Rasse hineingezogen". (Sawicki, Geschichtsphilosophie 105) Und Schondorff, Wörterbuch, 474 stellt vollends klar: "Die Rasse bestimmt nicht nur den Grundzug der leiblichen Gestaltung, sondern besonders auch alles seelisch-geistige Verhalten und Leisten, also bes. Religion, Sittlichkeit, künstlerisches Schaffen, politisches Können, wissenschaftliches Leisten. Umgekehrt zieht Rassenmischung für alle diese Gebiete Verfall bzw. Versagen nach sich."

[28]zit. nach Poliakov/Wulf, Das Dritte Reich, 414.
Clauß selbst sagt: "Unsere Forschung ist im wesentlichen tatsächlich eine Erforschung nur des eigenen Seelenlebens; nur solche Stile sind ihr von innen her erfaßbar, die sich in der Seele des Forschers selbst vorfinden." (Clauß, Rasse und Seele 27)

[29]Vgl. etwa den von Müller-Hill geschilderten Fall des für die Vernichtung der Roma und Sinti (damals: "Zigeuner") zuständigen Dr.Dr. Ritter. 1941 vertrat er den Plan, wie Müller-Hill schreibt, die "wenigen reinrassigen, indogermanisches Erbgut tragenden Zigeuner herauszufinden, um diese später in einem "Reservat" anzusiedeln." Und Müller-Hill stellt fest: "Jeder Forscher hatte ... Objekte, die er vor der Vernichtung schützen wollte: Dr.Dr. Robert Ritter wollte eine winzige Subgruppe der deutschen Zigeuner vor Sterilisierung und Lager retten; jeder Deutsche hatte wie Himmler irgendwann verbittert bemerkte, seinen Juden, der anders war und den er schützen wollte." (Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft 62, 92)

[30]Egon Friedell, Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients. Leben und Legende der vorchristlichen Seele, (München 1967, zuerst Zürich 1936 u.d.T.: Kulturgeschichte des Altertums: Ägypten und Vorderasien) 98

[31]Chamberlain, Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, zit. nach Friedell, Kulturgeschichte Ägyptens, 92

[32]Immanuel Kant: Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse, (Darmstadt 1970, Bd.9), 65-82. Vgl. dazu Horst Seidler, Rassistische Ansätze in Geschichte und Gegenwart. Aspekte des Problemfeldes. In: H.Chr. Ehalt (Hg.), Zwischen Natur und Kultur. Zur Kritik biologistischer Ansätze (Wien 1985) 315-48, hier: 318.

[33]Monogenismus nannte man die Theorie, daß alle Menschen von einem einzigen Paar abstammen. Die gegenteilige Theorie, den Polygenismus vertrat u.a. Hume.
Es ist für heutige Leser zuweilen schwierig, hinter den Debatten um das erste Menschenpaar mehr zu sehen als krause theologische Versuche, das Welt- und Geschichtsbild der Bibel zu retten. Die Debatte hatte aber meist recht handfeste politische Hintergründe. Ich möchte als Beispiel dafür den spanischen Aufklärer Feijóo (1676-1764), einen Bewunderer Bacons und las Casas', nennen, der in seinem Teatro Critico Universal die Monogenismusthese vertritt, damit eine Hypothese über die Besiedlung Amerikas (von Asien aus über eine Landbrücke) verbindet und mit seiner Hochschätzung der einheimischen amerikanischen Kulturen anscheinend für die Unabhängigkeitsbestrebungen der damals spanischen Kolonien wichtig geworden ist. Vgl. dazu Alberto Henriques, El Humanismo Critico y el Vulgo en Fray Benito Jeronimo Feijóo, (Quito 1988)

[34]Vgl. dazu Urs Bitterli, Die Wilden und die Zivilisierten, (München 1982)

[35]Zit. nach Gerd Stein (Hg.), Die edlen Wilden, (Frankfurt 1984 = Ethnoliterarische Lesebücher Bd. 1) 15
Vgl. auch Kants Auseinandersetzung mit Forster, wo er schreibt: "Herr F.<orster> ist darin mit mir einstimmig, daß er wenigstens eine erbliche Eigentümlichkeit unter den verschiedenen Menschengestalten, nämlich die der Neger und der übrigen Menschen, groß genug findet, um sie nicht für bloßes Naturspiel und Wirkung zufälliger Eindrücke zu halten, sondern dazu ursprünglich dem Stamme einverleibte Anlagen und spezifische Natureinrichtung fordert."
Immanuel Kant, Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie, (Darmstadt 1970, Bd.8), 150

[36]Von diesen niedrigeren "Gemütsfähigkeiten" wird nicht ausdrücklich gesagt, daß sie "notwendig anerben"; der Hinweis auf den großen Unterschied "der Farbe" (die sich ja nun tatsächlich vererbt) legt allerdings nahe, an eine vererbte Rasseneigenschaft auch hierbei zu denken. Es wird nicht vollständig klar, ob Kant einen notwendigen, rassebedingten oder nur einen faktisch bestehenden Zustand schildern will, wenn er, unter der Herrschaft solch niedriger "Gemütsfähigkeiten" die Unfähigkeit der "Schwarzen" zur Selbstkontrolle und die Situation des "weiblichen Geschlechts" als besonders tiefstehend angibt.

[37]Immanuel Kant, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, (Darmstadt 1970, Bd.2), 880f. .br. Vgl. auch Herder: "Der Neger hat für die Europäer nichts erfunden; er hat sich nie in den Sinn kommen lassen, Europa weder zu beglücken, noch zu bekriegen." Zit. nach Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, (Wiesbaden o.J.) 163

[38]Vgl. zur Kritik der négritude-These unter diesem Gesichtspunkt Marcien Towa, Poésie de la Négritude. Approche Structuraliste, (Sherbrooke 1983)

[39]Kant, Beobachtungen, 2. Abschnitt, 833; daß das Schöne generell dem weiblichen, das Edle und Erhabene dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wird, ordnet die "Negers in Afrika" irgendwo am unteren Ende einer Wertskala ein: "Die Tugend des Frauenzimmers ist eine schöne Tugend. Die des männlichen Geschlechts soll eine edle Tugend sein", schreibt Kant im 3. Abschnitt der zitierten Schrift (Kant, Beobachtungen, 854).
Wo es sich um ein läppisches Gemüt handelt, haben wir es also mit einer weiblichen Eigenschaft, aber ohne Tugend und Würde zu tun - und genau das schreibt Kant den "Negers in Afrika" zu.
Die Unterscheidung von "männlichen" und "weiblichen" Völkern findet sich noch bei Bismarck, wie Yorck von Wartenburg belegt: "Es ist ... wohl zu unterscheiden zwischen aktiven und passiven Völkern, oder, wie es auch Bismarck in Versailles gelegentlich einmal, den Unterschied zwischen Germanen und anderseits Kelten und Slawen hervorhebend, bezeichnete, männlichen und weiblichen Volksindividualitäten. Die ersteren sind die, welche das Land sich bilden, die letzteren unterliegen dem Einflusse der Landesnatur. Der stärkste Vertreter des ersten Typus sind die Germanen, welche jetzt die verbreitetsten Träger der herrschenden und allein Zukunft habenden christlichen Kultur sind."
Paul Graf von Yorck von Wartenburg, Weltgeschichte in Umrissen. Federzeichnungen eines Deutschen, (Berlin, 32. Auflage 1933 <1.Aufl. 1897, 21. Aufl. 1919, bearb. v. Hans Helmolt>) 5.
Noch 1962 ist bei Amanry de Riencourt, Die Seele Chinas (Frankfurt 1962), 107 zu lesen: "Das Wesen des chinesischen Geistes erschließt sich in seiner synthetischen und konkreten, beinahe weiblichen Erfassung der Realität und dem gewollten Ausweichen vor jeder analytischen Form des Überlegens."

[40]Immanuel Kant, Rezensionen über Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte, Teil 2, (Darmstadt 1970, Bd.10) 801

[41]Grégoire, französischer Bischof und Gegner der Sklaverei, veröffentlichte diese Untersuchung 1808 in französischer Sprache, sie erschien 1809 bereits in zwei verschiedenen Übersetzungen auf Deutsch. Vgl. Henri Grégoire, Über die Literatur der Neger oder Untersuchungen über ihre Geistesfähigkeiten, ihre sittlichen Eigenschaften und ihre Literatur; begleitet von Notizen über das Leben und die Schriften derjenigen Neger, die sich in den Wissenschaften und Künsten auszeichneten., (Tübingen 1809, andere Übersetzung: Berlin 1809)

[42]Eine recht elitäre Welt, wenn Nicolai richtig gezählt hat, der das "gelehrte Völkchen von Lehrern und Lernenden" zu seiner Zeit mit 20.000 (unter 20 Millionen "die außer ihnen noch deutsch sprechen") angibt. (In: Sebaldus Nothanker, zit. nach Hermsdorf 1987, Klaus Hermsdorf, Literarisches Leben in Berlin. Aufklärung und Romantik, (Berlin 1987) 107 (Hinweis von Georg Gimpl)

[43]Bitterli nennt außer Amo noch etliche andere ehemalige Sklaven, die es vor allem in den Niederlanden als Theologen zu Ehren brachten. Vgl. Urs Bitterli, Alte Welt - Neue Welt. Formen des europäisch-überseeischen Kulturkontakts vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, (München 1986) 197

[44]Vgl. Paulin J.Hountondji, Un philosophe africain dans l'Allemagne du XVIIe siècle: Antoine-Guillaume Amo. In: ders.: Sur la "philosophie africaine", (Paris 1977) 139-170 sowie S. Azombo-Menda und M. Enobo Kosso (Hg.), Les philosophes africains par les textes (Nathan Afrique 1978) 11-17. Von Amos Werken sind zu nennen: Dissertatio Inauguralis de jure Maurorum in Europa (1729); Dissertatio de humanae mentis apatheia (1734); Tractatus de arte sobrie et accurate philosophandi (1738)
Zu Amo vgl. auch B. Brentjes, B., 250 Jahre Anton Wilhelm Amo, In: asien, afrika, lateinamerika Jg.5 (1977), 785-789 bzw. W. Suchier, A.W.Amo. Ein Mohr als Student und Privatdozent der Philosophie in Halle, Wittenberg und Jena, 1727-1740. In: Akademische Rundschau, 4.Jg., H.9/10, Leipzig 1916
und ders.: Weiteres über den Mohren Amo. In: Altsachsen. Zeitschrift des Altsachsenbundes für Heimatschutz und Heimatkunde, Nr.1/2, Holzminden 1918

[45]Tatsächlich hat die deutschsprachige Literatur über Afrika in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stark zugenommen. Wenn wir die Beschreibungen von Nordafrika und den Inseln sowie die geographischen Karten und verschiedenen Auflagen desselben Werkes ausklammern, so verzeichnet Johann Samuel Ersch, Literatur der Geschichte und deren Hülfswissenschaften seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit, (Leipzig 1827) Sp.158f., 999-1002 und 1039-1055 für den Zeitraum von 1750 bis 1790 (in etwa Kants Lesezeit) 26 Werke im deutschen Buchhandel. Bis 1827 hingegen (Hegels Lesezeit bis zum Erscheinen der zitierten Bibliographie) kamen noch 55 Werke dazu, die teilweise sehr spezifisch waren.

[46]Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, (Hg. Theodor Litt), (Stuttgart 1961) 155-58

[47]Hegel, Philosophie der Geschichte, 162

[48]Hegel, Philosophie der Geschichte, 163
Breysig, der Hegels Geschichtsdeutung sehr kritisch gegenübersteht, unterscheidet in seinem dreibändigen Werk Vom geschichtlichen Werden die "Urzeitvölker, Altertumsvölker, Völker der Mittelalterstrecke, alt- und neueuropäische Völker" und weist die "unreifste Form des Altertumszustandes und also den hintersten Platz in der Heersäule der Altertumsvölker ... den Negern der Bantu- und der Sudangruppe zu", während es auch schwarzafrikanische Völker gebe, die "bis an die Altertumsstaaten von höchstem Geschichtsrang, insbesondere an das wie sie afrikanische Ägypten heranreichen"
Kurt Breysig, Der Weg der Menschheit, (= Vom geschichtlichen Werden 3, Stuttgart 1928) 260

[49]Amady Aly Dieng, Hegel, Marx, Engels et les Problèmes de l'Afrique Noire (Sankoré, o.J.) 47: "Hégel affirme qu'il n'y a ni liberté, ni pensée chez les peuples non européens. La philosophie, la pure pensée et la liberté, ne se retrouve qu'en Occident, seul continent historique. C'est au nom de ce principe que Hégel justifie la domination de l'Europe sur les autres parties du monde. En ce sens, il est le plus grand idéologue de l'impérialisme colonial." Und Dieng führt hier auch Marcien Towa an, der über Hegels "véritable idéologie de l'impérialisme occidental" schreibt: "Le refus de la philosophie aux peuples coloniaux en demeure l'expression la plus élaborée et la plus constante." Marcien Towa, Essai sur le problématique philosophique dans l'Afrique actuelle, (Yaoundé 1971) 22

[50]Hugo Winckler, Heinrich Schurtz und Carl Niebuhr, Westasien und Afrika, (Leipzig, Wien 1901 = Hans Helmolt, Hg.: Weltgeschichte, Bd.3) 411.

[51]Vgl. J. Comas, Les mythes raciaux, (Paris 1951) 11

[52]So schreibt Wilhelm Wundt 1915: "Indem die Volkssprache zuerst in die Dichtung, dann in die Wissenschaft eindringt, entfesselt sie zugleich die geistige Eigenart der Nationen. So wird es zur Signatur der neuen Philosophie, gegenüber dem mittelalterlichen Denken, daß sie sich in Richtungen scheidet, in denen der geistige Charakter der Völker zum Ausdruck kommt. Das Wort Fichtes: "die Philosophie, die man hat, zeigt was für ein Mensch man ist", läßt sich daher vor allem auch auf die Nationen anwenden." Zit. nach: Wilhelm Wundt, Die Nationen und ihre Philosophie, (Stuttgart 1941, 1.Aufl. 1915) 11

[53]Jakob Grimm, Alte und neue Sprache, (Leipzig o.J. =Insel-Bücherei Nr.120) 3f.
Vgl. dazu schon 1762 die Sprachtheorie von Hamann in: Johann Georg Hamann, Kreuzzüge des Philologen. In: Josef Nadler (Hg.), Johann Georg Hamanns Werke, Bd.2, (Wien: 1950)

[54]Grimm, Alte und neue Sprache, 8f
Gero Fischer stellt zu Recht fest: "Es galten auch die ältesten Sprachen als die 'wertvollsten', ein weitverbreiteter, bis heute noch nicht gänzlich ausgerotteter Irrglaube. Unmißverständlich formulierte die Ansicht u.a. Schopenhauer: Bekanntlich sind die Sprachen, namentlich in grammatischer Hinsicht desto vollkommener, je älter sie sind, und werden stufenweise immer schlechter." Gero Fischer, Sprache und Biologismus. Vom Umgang mit biologistischen Metaphern und Modellen, In: H.Chr. Ehalt (Hg.): Zwischen Natur und Kultur. Zur Kritik biologistischer Ansätze (Wien 1985) 386f.

[55]Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, (Darmstadt 1970, Bd.10), 671

[55a] [Ergänzung 1996: Vgl. beispielsweise die Textauswahl: Fichte. Rufe an die deutsche Nation, ausgewählt von Dr. Hans Schmoldt, Berlin: Zentralverlag der NSDAP 1943.]

[56]Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deutsche Nation, (Leipzig o.J.), 4. Rede, 51ff

[57]Hitler, Mein Kampf, zitiert nach Schondorff Wörterbuch, 325

[58]Clauß,Rasse und Seele 55

[59]Benno von Wiese, Herder. In: Theodor Haering (Hg.): Das Deutsche in der deutschen Philosophie, (Stuttgart 1942) 280

[60]H. St.Chamberlain, Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, zit. nach Friedell, Kulturgeschichte Ägyptens. Friedell unterschlägt allerdings in seinem Zitat den auf diesen Satz bei Chamberlain folgenden: "Mancher braucht nur fleissig bei Juden zu verkehren, jüdische Zeitungen zu lesen und sich an jüdische Lebensauffassung, Literatur und Kunst zu gewöhnen." (Chamberlain, Grundlagen, 457)

[61]Vgl. Eibl, Vom Sinn der Gegenwart: das künftige "Reich der Deutschen" sieht Eibl "als einen festgefügten politischen Körper von kompliziertem Bau", der "zwei Bollwerke nach Osten haben wird ... Preußen und Österreich. Beide haben gemeinsam, daß sie Ostmarken sind, aber zwischen beiden besteht der Unterschied, daß Preußen den sich zusammenziehenden, den sich abschließenden, Österreich den sich ausdehnenden und öffnenden Charakter darstellt." Über diesem "politischen Körper" sieht Eibl "ein zweites, mehr locker gefügtes Reich: die deutsche Volksgemeinschaft auf aller Welt..." sich aufbauen. Und er geht noch einen Schritt weiter: "Das festgefügte Dritte Reich wird nicht nur der mächtige Mittelpunkt der Deutschen sein, sondern aller Volksgruppen, der deutschen und der nichtdeutschen." (366f.) Oder 266: "Die deutsche Westgrenze ist ... nicht die Grenze zwischen lateinischer Bildung und östlichem Chaos, sondern zwischen europäischer Gesinnung und dem anmarschierenden Afrika."

[62]Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung. 1.Teil: Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung, (München 1933), 155, 147.
Noch Oruka berichtet, daß einer der von ihm interviewten kenianischen Weisen, Njeru Wa Kanyenje, die Weißen gehaßt habe, "weil sie die Afrikaner zwangen, in dem "Stammeskrieg" zwischen Engländern und Deutschen zu kämpfen." Henry Odera Oruka, Grundlegende Fragen der afrikanischen "Sage-Philosophy". In: Franz M. Wimmer (Hg.): Vier Fragen zur Philosophie in Afrika, Asien und Lateinamerika (Wien 1988) 51
Von Autoren wie Spengler, Eibl und vielen anderen wird immer wieder betont, daß die Entscheidung der englischen und französischen Kriegsführung, Kolonialtruppen auf Kriegsschauplätzen in Europa einzusetzen, die Superiorität aller europäischen Mächte entscheidend geschwächt habe; damit hätten Schwarze gelernt, erfolgreich auf Weiße zu schießen. Visualisiert wurde dies immer wieder in der Kriegspropaganda; am bekanntesten wohl das italienische Durchhalteplakat aus dem zweiten Weltkrieg, das einen schwarzen GI beim Abtransport einer antiken Venus zeigt.
Vgl. Spengler, Jahre VII: "Ich habe die schmutzige Revolution von 1918 vom ersten Tage an gehaßt, als den Verrat des minderwertigen Teiles unseres Volkes an dem starken, unverbrauchten, der 1914 aufgestanden war, weil er eine Zukunft haben konnte und haben wollte."
Himmler hat 1937 in einem "Nur für den Dienstgebrauch der Wehrmacht" bestimmten Lehrgang die "Aufmerksamkeit auf eine Erfahrungstatsache" gelenkt: "Erinnern Sie sich bitte an die Soldatenratstypen des Jahres 1918 und 1919. Jeder von Ihnen, der damals Offizier war, kennt eine Anzahl dieser Leute aus persönlicher Erfahrung. Sie werden feststellen können, daß das im großen und ganzen Leute waren, die für unser deutsches Auge irgendwie komisch aussahen, die irgendeinen komischen Zug hatten, bei denen irgendein fremdes Blut eingeschlagen war. Es war der Typ Menschen, die man wohl bändigen kann und die sich in ruhigen Zeiten einordnen, die im Kriege sogar tapfer, kühn und verwegen sind, die aber in dem Moment, wo die letzte Druckprobe auf Charakter und Nerven ankommt, irgendwie aus ihrem Blut heraus versagen müssen." (zit. nach Poliakov Das Dritte Reich, 25)

[63]Spengler, Jahre, 157, 161 u. Anm.

[64]So etwa bei Zweininger; der Autor bemerkt aber "mildernd..., daß Spengler sonst fröhlich das Wort Rasse an unzähligen Stellen des Buches im nationalsozialistischen Sinne gebraucht.", S. Arthur Zweininger, Spengler im Dritten Reich, (Oldenburg 1933) 84

[65]Friedell, Kulturgeschichte Ägyptens, 96ff.; letztes Zitat 98
Es verwundert kaum, daß Friedell in diesem Zusammenhang die Juden als "viel radikalere Antisemiten" bezeichnet, "als es spätere Völker jemals gewesen sind, indem sie sich von allen semitischen Nachbarstämmen mit einer Verachtung und Strenge abschlossen, die in der Geschichte einzig dastehen dürfte: hat zum Beispiel jemals ein christlicher Antisemit auch nur theoretisch gefordert, man dürfe nicht aus einem Geschirr essen, das ein Jude benutzt hat?" (ebd., S.97)
Auch Grillparzer hatte bereits eine Affinität zwischen Religionen und körperlichen Merkmalen festzustellen geglaubt, hatte hier aber nicht an "Rassen", sondern an "Temperamente" gedacht. (Vgl. Tagebuch 1846 in Werke o.J., 15.Teil, S.28)

[66]Kant, Anthropologie, 517f.
Herder sprach von einer "Republik kluger Wucherer" und betrachtete die Juden in Europa "nur als die parasitische Pflanze, die sich beinah allen europäischen Nationen angehängt und mehr oder minder von ihrem Saft an sich gezogen hat." (Herder, Ideen, 315, 437)

[67]Vgl. die Dissertation von Pechau 1939 (zit.bei Poliakov/Wulf, Das Dritte Reich, 75), der meint, der Ausdruck "Rasse" sei um 1895 noch kaum für Menschen üblich gewesen. Tatsächlich verweist Meyers Konversations-Lexikon in der Auflage von 1888 von "Rasse" auf das Stichwort "Menschenrassen", ist dort aber sehr ausführlich.

[68]Hegel, Philosophie der Geschichte, 285 f.
"Als Staat betrachtet", so hatte schon Herder in den Ideen festgestellt: "kann also kaum ein Volk eine elendere Gestalt darstellen, als dies, die Regierung zweier Könige ausgenommen." (313) Und einige Seiten weiter lesen wir bei Herder: "Das Volk Gottes ... ist Jahrtausende her, ja fast seit seiner Entstehung eine parasitische Pflanze auf den Stämmen andrer Nationen; ein Gechlecht schlauer Unterhändler beinah auf der ganzen Erde, das trotz aller Unterdrückung nirgend sich nach eigner Ehre und Wohnung, nirgend nach einem Vaterlande sehnt." (316)
Wilhelm Wundt wiederholt Hegels These 1915, die Juden gehörten "keiner Nation" an, wenn er über Spinoza schreibt: "Er gehört keiner Nation und allen zugleich an, analog wie die jüdische Rasse selbst, die, wo immer sie sich den europäischen Völkern assimilierte, stets zugleich ihre Eigenart bewahrt hat." (Wundt, Nationen, 26)
Auch Weinhandl, Philosophie - Werkzeug, 8 bemerkt an dem "Bild ..., das die jüdischen Gruppen des Neukantianismus und die jüdischen Hegelausleger zeichneten", vor allem, es sei "eine abstrakte, dünne, neutralisierte, internationale Geist- und Begriffsphilosophie" gewesen.

[69]Georg Wilhem Friedrich Hegel, Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, (Leipzig 1982, Bd.III) 22.

[70]Schondorff, Wörterbuch, 83, 248; Weinhandl, Philosophie - Werkzeug, 16.
Im Handbuch zur Judenfrage war schließlich dazu zu lesen: "Was der Jude uns von der herrlichen schöpferischen Aufbauarbeit der idealistischen Systemdenker übriggelassen hat, ist ein Wust von sogenannten erkenntniskritischen Begriffsspaltereien, ein rein formalistischer Wissenschaftsbetrieb, der die Grundlagen unserer Weltanschauung entgöttert, entseelt und aus der philosophischen Debatte ausgeschieden hat." Vgl.: Raymund Schmidt, Das Judentum in der deutschen Philosophie. In: Theodor Fritsch (Hg.): Handbuch zur Judenfrage. Die wichtigsten Tatsachen zur Beurteilung des jüdischen Volkes., (Leipzig 1938, 42. Aufl.) 395, zit. nach Hartmann, Philosophie)