Fremdenhaß und Fremdenangst (1991)

[*]

"Xenophobie", das Fremdwort, bezeichnet beides: die ängstlich-vorsichtige wie die aggressiv-haßvolle Einstellung gegenüber den "Fremden". Es ist aber nichts Natürliches, daß "Fremden" gegenüber angstvolles oder haßvolles Verhalten auftritt. Es ist kein natürlicher Sachverhalt, sondern ein Sachverhalt der gesellschaftlichen Kultur. Xenophobie in Form von Fremdenhaß oder -angst ist nicht naturbedingt, sondern kulturbedingt, kann daher kultiviert und dekultiviert werden. Daß der "fremde" Mensch uns in unterschiedlichen Graden der Fremdheit überall begegnet, ist eine Konstante der Gesellschaftsnatur des Menschen.Wie wir ihm/ihr begegnen, ist damit nicht vorbestimmt.

Auffallend und für Xenophobie einschlägig sind solche Situationen, in denen wir regelmäßig den Abstand zu anderen Menschen deutlicher wahrnehmen als die Nähe. Denken wir an folgenden Fall: ich werde in einem österreichischen Restaurant von einer Kellnerin bedient, die offensichtlich nicht europäischer Herkunft ist. Ich weiß nicht, woher sie kommt, kenne ihren familiären und sozialen Hintergrund nicht, kann mich keineswegs über ihr Verhalten mir gegenüber beklagen. Ich weiß aber doch einiges über sie, ohne sie zu kennen: so weiß ich, daß ihre Erziehung, ihre selbstverständlich gewordenen Einstellungen und Urteile, ihre individuelle Kultur mit großer Wahrscheinlichkeit sich von meinen unterscheiden. Ich weiß nicht, wie sie die vierundzwanzig Stunden des Tages verbringt, welche Lieder sie singen möchte, welche Bücher sie gerne liest. Ich weiß nichts über sie, außer, daß sie anders ist, und das weiß ich beim ersten Blick. Es ist nicht nötig, sie nach etwas zu fragen, um das zu wissen.

Die angesprochenen Unterschiede sind vielleicht vielfältig: ich nehme an, daß es einen grundlegenden Abstand zwischen meinen und ihren fundamentalen Erfahrungen gibt, den Erfahrungen der Kindheit, die die Welt eines Menschen erschließen. Es ist dies keineswegs nur eine sprachliche Frage oder eine Frage, über die ich mich informieren könnte (etwa aus vergleichenden Kulturwissenschaften, aus der Ethnologie usw.), es ist überhaupt keine Wissensfrage. Vielleicht sind die Märchen anders, die ich in meiner Kindheit gehört habe, im Vergleich zu den ihren - und das kann ich nicht wirklich aufheben, wenn ich nun beginne, Märchen aus Asien auch noch zu lesen. Ich setze voraus, daß sie eine Beschreibung der Welt erfahren hat, die sich von meiner unterscheidet, daß ihr System der Wertungen und Abwertungen von dem meinen unterschieden ist. Und vielleicht sagt sie bei einer Diskussion an einer entscheidenden Stelle, ich könne ihre Denkweise nicht verstehen, weil ich "kein Chinese (Inder, Japaner etc.) bin."

All das weiß ich und weiß es doch zugleich nicht, denn ich kenne diese Kellnerin gar nicht. Es handelt sich um ein typisierendes, verallgemeinerndes, kulturelles Wissen. Es handelt sich um das Wissen, daß es verschiedene Lebensformen, Lebenswelten gibt, verschiedene Arten, Mensch zu sein.

Mein Verhalten in dieser Situation kann durchaus verschieden sein, je nachdem, welchen Lebenswert der damit erfahrene Abstand für mich hat, je nachdem, wieviel Angst ich vor dem Fremden habe oder glaube, haben zu müssen. Ich kann mit Arroganz ebenso reagieren wie mit Ängstlichkeit. Ich kann mich distanzieren oder neugierig sein. Ich kann versuchen, zu dominieren oder auch, in eine Beziehung zu treten. Diese Situation ist nicht neutral und sie ist graduell anders, als wenn ich einem fremden Menschen meiner eigenen Herkunft begegne.

Fragen wir uns, warum die Beziehung zu einem Menschen fremder Herkunft überhaupt mit dem Wort "Phobie" oder "Angst" bezeichnet werden kann. Ich sagte, es handelt sich nicht um einen Natursachverhalt, sondern um einen Kultursachverhalt. Wenn es sich überhaupt zutreffenderweise mit "Angst" bezeichnen läßt, was der Differenz zum Fremden zugrundeliegt, so ist das die Angst vor dem Verlust eigener Lebensformen und Lebensmöglichkeiten.

Meine Reaktion auf die exotische oder fremde Lebenswelt ist bestimmt von meiner kulturellen Struktur und Disposition, das heißt, sie ist nicht bei allen Menschen gleich. Innerhalb der mir vertrauten Lebenswelt gibt es zwar vereinheitlichende Aspekte, die gemeinsame Sprache, Grundmuster des sozialen Verhaltens, ideologische Orientierungen und ähnliches. Aber all das ist durchaus auch in einer jeweils persönlichen Form wirksam, es trennt mich in geringerem Maße auch von Einheimischen, liegt nicht wie ein schützender Mantel über allen Nicht-Fremden.

Der Aspekt der gemeinsamen Sprache ist wichtig und auffällig, aber wohl nicht entscheidend bei der Begegnung von Menschen verschiedener Herkunft. Weder ist durch den sprachlichen Abstand selbst schon ein menschlicher Abstand notwendig gegeben, noch ist die Gemeinsamkeit der Sprache ausreichend, um Vertrautheit zu erleben. Gerade die Frage nach einer Identität der Österreicher (sei diese nun in einer "Nation" oder wie auch immer gesehen) zeigt das deutlich, denn sprachlich sind die weitaus meisten Österreicher natürlich-kultürlich deutsch.

Der soziale Aspekt hat größere Bedeutung: wenn ich mich in einer möglichen Konkurrenzsituation befinde (z.B. im Gastgewerbe arbeite und vielleicht derzeit ohne Anstellung bin), so werde ich unwillkürlich wahrscheinlich feindseliger reagieren. Ähnlich verhält es sich, wenn mir der fremde Mensch nicht als Kellnerin begegnet, sondern als Akademiker, was ich selbst ebenso bin. Es gibt die Erfahrung, daß Leute, die in Österreich studiert haben und später österreichische Staatsbürger geworden sind, gerade durch die Tatsache ihrer Einbürgerung auf neue Barrieren stoßen, weil sie nunmehr in mehr Verhältnissen eine Konkurrenz darstellen, als das vorher der Fall war. Sie haben damit eine Mauer überwunden, die zum Schutz vor ihrer Konkurrenz aufgerichtet ist und die wir das Staatsbürgerrecht nennen. Es liegt lange zurück, daß Friedrich Schiller im Bewußtsein des Weltbürgers an seiner Gegenwart rühmte, sie kenne diese (seiner Meinung nach antik-heidnische) Institution nicht mehr:

"Keiner von unsern Staaten hat ein römisches Bürgerrecht auszu-theilen; dafür aber besitzen wir ein Gut, das, wenn er Römer bleiben wollte, kein Römer kennen durfte - ... wir haben Menschenfreiheit; ein Gut, das - wie sehr verschieden von dem Bürgerrecht des Römers! - an Werth zunimmt, je größer die Anzahl derer wird, die es mit uns theilen, das, von keiner wandelbaren Form der Verfassung, von keiner Staatserschütterung abhängig, auf dem festen Grunde der Vernunft und Billigkeit ruhet."
("Über Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter")

Schiller hat das vor der Epoche des deutschen Nationalstaats geschrieben. Vielleicht stehen wir heute schon nach der Epoche von Nationalstaaten. Daß unsere Gesellschaften "Menschenfreiheit" als höchstes Gut haben, ist allerdings eine Idee, über die noch zu reden ist.

Am schwierigsten ist der ideologische Aspekt zu beschreiben. Vielleicht spricht dieser fremde Mensch (z.B. die österreichische Kellnerin asiatischer Herkunft) sehr gut Deutsch und stellt keinerlei Konkurrenz für mich dar. Dann gibt es immer noch andere Aspekte, die ich ideologisch nenne, die meine Wahrnehmung dieser Person bestimmen.

In erster Linie sind die historischen Informationen von Bedeutung, die ich in meiner Begegnung mitdenke, die Klischees oder Stereotype. Historisch weiß ich, daß die Asiaten "ganz anders" sind als wir Europäer. Ich weiß, daß sie sehr zahlreich und arbeitsam sind, auch, daß sie eigene Kulturformen, Techniken usw. entwickelt haben, die aber im Vergleich zur europäischen Zivilisation (von der ich weiß, daß sie die höchste Form der Zivilisation ist) unterlegen sind. Natürlich weiß ich gar nichts über den Fleiß, die Intelligenz oder die Herzensbildung der Kellnerin, die mir da begegnet.

Historisch weiß ich ferner, daß es eine "gelbe Gefahr" gibt, daß ein "Abgrund" zwischen dem Osten und dem Westen besteht, zwischen der orientalischen Spiritualität und Meditation einerseits und der westlichen Rationalität und materialistischen Weltauffassung andererseits.

Vielleicht werden mir solche und ähnliche Dinge bei meiner Begegnung mit der Kellnerin gar nicht bewußt, aber sie sind dennoch einflußreich. Vormeinungen dieser Art fasse ich als "ideologischen Aspekt" zusammen, weil sich bei meiner Wahrnehmung der fremden Person zuverlässige Informationen und eigene Erfahrungen mit vielfältigen Urteilen vermengen, die ich aus irgendwelchen Gründen übernommen habe. Es geht so weit, daß meine eigenen Erfahrungen mit Fremden von derartigen Einflüssen und Urteilen strukturiert werden.

In diesem Sinn ist meine Begegnung mit dem als "fremd" erfahrenen Menschen noch weniger direkt und unmittelbar, als die Begegnung zweier Menschen ohnedies immer ist, sie ist noch mehr vermittelt durch die Voraussetzungen und Wertungen, die zumindest teilweise unbewußt und ungewollt bleiben. Die Psychologie des Rassismus, des Kolonialismus und der Glaube an eine absolute Überlegenheit der eigenen Kultur sind hier von größter Bedeutung.

Wo beginnt in einer Begegnung zweier Menschen unterschiedlicher Herkunft dieser ideologische Prozeß? Ich denke, daß das theoretische und praktische Problem dieser Relation darin besteht, daß der Prozeß selbst nicht in einer realen Begegnung (im normalen Prozeß der Sozialisierung) entsteht, daher auch nicht von den wirklichen Menschen bestimmt ist, von ihrer Intelligenz, ihren Absichten, ihrem Willen, sondern daß im Gegenteil der ideologische, wertende Prozeß jeweils schon vor der Begegnung abgelaufen ist, daß also der ideologische Prozeß bestimmend ist für die konkrete Situation. Die einzelnen können nur in sehr seltenen Fällen ohne derartige unterscheidende Voraussetzungen miteinander in eine Kommunikation treten.

Wenn dies das Zentrum des Problems der Xenophobie ist, so müssen wir uns fragen, ob und wie wir dazu beitragen können, die Stereotype zu korrigieren, die die internationalen und interkulturellen Beziehungen erschweren. Es gibt in dieser Frage einige Modelle; das erste Modell besteht im Anstreben einer Vereinheitlichung.

Es scheint denkbar und möglich, daß alle Menschen sich entsprechend einem und demselben kulturellen Ideal verhalten. Das wäre möglich, wenn eine Gruppe (eine "Rasse", ein "politisches System", eine "Religion") sich derart durchsetzt, daß ihre Vorstellungen vom richtigen Leben sowohl allseitig alle wesentlichen Lebensereignisse beträfen, als auch global übernommen würden. Bei einem lange andauernden und weltweiten Einsatz von modernen Formen der Massen-Beeinflussung scheint ein solches Ergebnis auch dann nicht völlig unrealistisch, wenn ein solcher Prozeß keine wirklich bewußten Urheber hätte. Ich glaube daher, daß eine Welt, in der es in mancher Hinsicht keine "Fremden" mehr gäbe, nicht unmöglich ist. Ich halte sie aber auch nicht für wünschenswert.

In jedem Fall ist aber eine solche Zielvorstellung irreal, solange nicht absehbar ist, daß eine Gesellschaftsordnung geschaffen werden könnte, in der Benachteiligungen von Gruppen oder ganzen Regionen nicht mehr vorkämen. Solange nämlich dieses Ziel vergleichbar guter Lebensbedingungen für alle menschlichen Bewohner des Planeten nicht erreichbar erscheint, werden Sonderentwicklungen von Völkern und Völkergruppen unter den Bedingungen massenmedialer Kommunikation sogar in stärkerem Maße auftreten, als das in diesem Jahrhundert bisher der Fall war. Es ist daher überhaupt keine bloß akademische Frage, wie wir mit dem Phänomen der Xenophobie, also mit Angst- und Haßreaktionen gegenüber Fremden umgehen könnten. In den letzten Jahren oder Monaten haben Entwicklungen stattgefunden, deren Ergebnis durchaus nicht in allem deutlich ist, doch scheint mir folgende Interpretation wahrscheinlich: über Jahrzehnte hin rivalisierten zwei ideologisch unterschiedliche, militärisch einigermaßen gleichrangige Industriegesellschaften im "Ost-West-Konflikt", was sich auch auf das Verhältnis zu den sogenannten "Entwicklungsländern" auswirkte. Was immer in Zusammenarbeit mit diesen oder auch über diese beschlossen wurde, lief Gefahr, durch eine geänderte Parteinahme für "West" oder "Ost" vergeblich zu sein. Dieses Konkurrenzverhältnis ist nicht mehr bestimmend. Damit wird nicht nur die "neue Weltordnung" ein viel einheitlicheres Gesicht haben, als das in den Strukturen der "Entwicklungspolitik" bislang der Fall war; damit werden auch Verhaltensweisen sich als überflüssig oder sogar störend darstellen, die zuvor zumindest aus taktischen Gründen angemessen erschienen. Der "Dialog" wird der "Kontrolle" weichen. Einen Vorgeschmack davon erleben wir gerade jetzt in dem Krieg, der doch eigentlich nur eine Polizeiaktion der UNO sein soll und der mit solchem Nachdruck geführt wird, daß jeder sieht: hier wird eine Lektion erteilt. Es ist nicht schwer zu sehen, daß diese militärische Auseinandersetzung nur der Beginn, keineswegs das Ende einer Reihe von neuen Konflikten sein wird. Das Bild vom Krieg, das die Medien eines neutralen Landes wie Österreich vermitteln, stimmt dessen Bevölkerung schon recht erfolgreich darauf ein, stets zu wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Es spricht alles dafür, daß eine globale Vereinheitlichung der kulturellen Werte nicht stattfinden wird, sondern neue Konfrontierungen und Abgrenzungen wirksam werden.

Klammern wir das erste Modell, die globale Vereinheitlichung aus realistischen Gründen aus, so haben wir als zweites Modell etwas sehr eng damit Verwandtes vor Augen: die Schaffung oder Wiederherstellung von möglichst großer Einheitlichkeit unter Verzicht auf deren globale Verwirklichung, also ein System von Mauern. Jede Maßnahme von Ausgrenzungen funktioniert als eine solche Mauer, also etwa die territorialen Grenzen (von Gemeinden, Ländern, Staaten, Wirtschaftsblöcken etc.), das Staatsbürgerrecht (auch das Asyl- und Flüchtlingsrecht etc.), die Arbeitsmarktpolitik usf. All diese Maßnahmen sind Schutzmechanismen, die unerwünschte Entwicklungen verhindern oder vermindern sollen. Unerwünscht für wen?

Stellen wir uns vor, es gäbe keine Grenzen in unserem geographischen Raum von der erwähnten Art. Was wäre zu befürchten? Daß etwas zu befürchten wäre, scheint allgemein angenommen zu werden. Nun, zu befürchten wäre etwa ein "Kollaps" der heimischen Wirtschaft in dem Sinn, daß es zu massiven Zuwanderungen käme, solange diese Wirtschaft attraktiven Lebensraum verspricht; zu massiven Verteilungskämpfen zwischen den Zuwanderern, die relativ wenig zu verlieren, aber einiges zu gewinnen hätten und den Alteingesessenen, die mehr zu verlieren als zu gewinnen hätten; zu weitreichenden Veränderungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung (z.B. einem hohen nichtkatholischen Bevölkerungsanteil und zu sprachlicher Vielfalt). Zu befürchten wäre zudem, daß dieser Prozeß, wenn tatsächlich auf Grenzen verzichtet würde, solange fortdauern würde, bis diese Region nicht mehr für Zuwanderer attraktiv wäre, weil die Lebenschancen hier nicht höher wären als anderswo. Zumindest eine relative, wenn nicht eine absolute Senkung des Lebensstandards wäre das Ergebnis.

Wir könnten uns nun sagen, daß eine relative Senkung des Lebensstandards, also die Verminderung oder Beseitigung des diesbezüglichen Abstands zwischen den verschiedenen Regionen Europas oder sogar der Welt durchaus wünschenswert wäre, wenn sie ohne eine absolute Senkung des Lebensstandards erreichbar wäre. Unter den derzeitigen Bedingungen der Produktion und des Verbrauchs an Energie ist das jedoch bereits ein unfrommer Traum - man rechne sich nur einmal aus, der durchschnittliche Energieverbrauch aller (heutigen) Chinesen und Inder entspräche demjenigen der (heutigen) Kalifornier. Mit anderen Worten: die "Dritte Welt" ist notwendig für die Existenz der "Ersten Welt".

Die Erhaltung und der weitere Ausbau der Wirtschaft setzt daher das Errichten von Mauern notwendig voraus. Jedes bloß "humanitäre" Engagement im Zusammenhang damit ist also nichts weiter als ein Beruhigen des Gewissens zu sein, führt nicht zu einer wirklichen Lösung und ist nur solange von öffentlichem Interesse, als dieses Engagement (etwa für ein "Lernen von Afrika" oder ähnliche Formen des Dialogs) im Einklang mit den realpolitischen Interessen steht. In einem Leitartikel dieser Tage las sich das so: ein bestimmtes Verhältnis der österreichischen Außenpolitik zu Problemen des Nahen Ostens sei "nicht mehr aktuell", es komme darauf an, zu zeigen, wohin Österreich gehöre: zur "westlichen Welt". Jeder Abbau von Mauern in Richtung auf eine größere Freizügigkeit (freie Wahl des Wohnorts oder Arbeitsplatzes usw.) "kann" nur unter der Maßgabe geschehen, daß sie "sich rechnet" - jeder andere Kalkül ist utopisch. Wenn diese Diagnose richtig ist, so werden wir in Hinkunft gewiß nicht weniger mit dem Phänomen der Xenophobie konfrontiert sein als in der Vergangenheit.

Es ist nicht die Aufgabe der Theorie oder der Philosophie, Lösungen für die beste mögliche Welt vorzulegen, sondern an Lösungen für die reale Welt zu arbeiten. Dieser Realismus kann aber auch nicht besagen, daß alles für "human" und "wünschenswert" gehalten werden dürfte, was sich auf "Sachzwang" und "Realpolitik" beruft. Die Kritik an der Unmenschlichkeit der Mauern darf sich nicht in humanitären und naiven Appellen erschöpfen, sie darf andererseits aber auch nicht vor den behaupteten Sachzwängen resignieren. Sie muß vielmehr aufzeigen, wie Xenophobie entsteht und sie muß auch zeigen, warum Xenophobie nicht notwendig ist. Sie muß die Heuchelei aufdecken, die hinter der Rede von den "kulturell Andersartigen" steckt, aber das reicht nicht aus. Es reicht nicht aus, festzustellen, daß an die Stelle des alten "Rassismus" nun ein "Kulturalismus" getreten ist, wenn das auch stimmt. Die Kritik im Namen des Menschseins muß praktisch werden; sie muß Formen der Mehrsprachigkeit finden und praktizieren, für die es in der Geschichte keine ausreichenden Beispiele gibt. Es müssen Experimente des Begegnens durchgeführt werden, die von der Fiktion vieler gleichrangiger, wenn auch verschiedenförmiger Lebensformen ausgehen, genauso, wie das Experiment der europäischen Beherrschung der Welt im Kolonialismus von der Fiktion der einen höchstrangigen Lebensform ausgegangen ist - was sich in den "wissenschaftlichen" Begründungen der "neuen Weltordnung" wiederholen dürfte. Für ein Land wie die Republik Österreich, in dem Menschen unterschiedlicher Sprache, Religion und Kultur unter den Bedingungen einer Industriegesellschaft zusammenleben könnte eine solche Fiktion der Gleichrangigkeit beispielsweise bedeuten, daß wir alle (d.h. in der Pflichtschule) neben der Muttersprache eine der anderen in unserem Land ständig gesprochenen Sprachen zumindest den Grundzügen nach erlernen, also etwa Serbokroatisch, Slowenisch, Türkisch oder Romanes, sofern wir deutscher Muttersprache sind. Daß es kein Argument, außer einem reservatspolitischen, dafür gibt, als ethnische Minderheiten in unserem Land nur solche nicht-deutschsprachige Österreicher anzusehen, deren Siedlungsgebiet seit vorindustrieller Zeit mehr oder weniger stabil geblieben ist, scheint mir auf der Hand zu liegen. Eine solche "österreichische" Mehrsprachigkeit als Programm wäre zumindest der lokale Versuch einer praktischen Kritik am Imperialismus der Gegenwart. Daß es bei den Auseinandersetzungen der Zukunft um weit mehr gehen wird, ist klar.

Wer hat ein Interesse an einer Kritik an globaler Kontrolle der jeweils "Fremden", wer soll sie tragen? Es ist in gar keiner Weise wahrscheinlich, daß das Interesse bei denjenigen liegen wird, die in einem solchen Prozeß der Kritik Vorrechte zu verlieren haben. Sie werden vielmehr weiterhin ihre Mauern errichten und sie mit vernünftigen Argumenten verteidigen. Hierzulande werden sie sich selbst und anderen einzureden versuchen, daß Menschen in Österreich von Natur aus deutsch sprechen und denken müssen oder etwas Ähnliches. Sie werden "Überfremdung", "Balkanisierung" und hinter vorgehaltener Hand wohl auch "Vernegerung" konstatieren. Die Beispiele sind, wir wissen es alle, nicht sehr weit hergeholt.

Es scheint mir angemessen, in dieser Situation einen französischen Theologen des 18. Jahrhunderts, wieder einmal zu zitieren: "Jeder schuldet der Menschheit, welche das größere Vaterland ist, unverhältnismäßig mehr als dem besonderen Vaterland, dem er entstammt." (Fénelon, 1718) Das "besondere Vaterland" hat nur eben in den allermeisten Fällen sehr viel bessere Mittel, seine Außenstände bei mir einzuklagen, als die "Menschheit". Dennoch hat Fénelon nicht nur als Theologe und Christ, sondern als denkender Mensch recht. Es muß realisiert werden, daß Fremdenhaß Menschenhaß ist, daß die territorialen Vorrechte keine Menschenrechte sind, sondern notdürftig verbräm-ter Gruppen-Egoismus, daß sie daher zu Unrecht von erhebenden Gefühlen (des Patriotismus z.B.) begleitet sind. Schließlich muß realisiert werden, daß Menschen, deren Wohlstand, Sicherheit und Selbstbestimmung nur aufgrund der Ausbeutung, Kontrolle und Gängelung anderer Menschen zu erhalten sind, keine guten Menschen sind.


[*] Zuerst in: B. Ederer und A. Kuntzl (Hg.): Zu bunt? Von multikulturellen Chancen und Konflikten. (=Werkstattblätter der Zukunftswerkstatt, 1A, 4) Wien 1991, S.4-9