Das Lateinamerikabild deutscher Philosophen (1992)

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Wenn Antonello Gerbi, der Historiker der Vorstellungen von der Neuen Welt, feststellt, es sei in Lateinamerika, anders als in Europa, nicht möglich, jene Konflikte zu vergessen oder als etwas bloß Historisches abzutun, die in der Auseinandersetzung um das Konzept der Neuen Welt liegen, eben weil sie - dort - lebendige Erfahrung, Grundlage von gegenwärtigen Wertungen, Einstellungen, Ideologien bis heute seien, so spricht er aus der Erfahrung lebenslanger Arbeit. Weder die magistrale Beherrschung des Stoffes, noch die breite Ausführung des Themas wie bei Gerbi dürfen in dem vorliegenden Essay gesucht werden. Ich beschränke mich vielmehr auf einzelne Fragestellungen und gehe deren Anwesenheit in Texten deutscher Philosophen nach. Ich muß vorausschicken, daß ich bei der Lektüre der Texte vor allem von zwei Dingen überrascht worden bin: einmal davon, wie sehr mir diese Themen unbekannt waren - und so hat Gerbi wohl recht, wenn er vom "Privileg des europäischen Lesers" spricht, die Intensität der Debatte "zu ignorieren oder sogar vergessen zu haben".[1] Die zweite Überraschung lag darin, daß es kaum entlegene Texte waren, in denen sich die Debatte vorfand. Es handelte sich vielmehr in den meisten Fällen nur darum, daß die entsprechenden "Stellen" im Standardstudium der Philosophiegeschichte nicht wichtig erschienen oder sogar in einzelnen Texteditionen entschieden gekürzt worden waren.[2]

Nun ist die Frage, ob und wie sich Philosophen der deutschen Tradition zu Lateinamerika geäußert haben, nicht nur dann von Interesse, wenn sie im ausdrücklichen Zusammenhang mit Lateinamerika behandelt wird, sondern auch und vor allem dann, wenn zur Frage steht, wie deutsche Philosophen sich mit dem Anderen, mit der Neuen Welt auseinandergesetzt haben. Es ist keineswegs nebensächlich für eine Geschichtstheorie wie diejenige Herders oder Hegels, wie sie dem Fremden gegenüberstanden und worin sie dementsprechend die eigentliche Geschichte der Menschheit sahen.

Die folgenden Texte sind lediglich Zitatsammlungen ohne Interpretation und mit minimalen Gliederungsgesichtspunkten. Eine interpretatorische Ausarbeitung, zugleich Erweiterung hinsichtlich mehrerer Autoren (z.B. Marx) und differenzierterer Gesichtspunkte steht noch aus.[3]

a) Der Name: "Neue Welt", "Spanisch-Amerika"[4], "Hispanoamerika", Südamerika[5] "Lateinamerika"6, "Amerika=USA"[7] - Anmerkungen zum Sprachgebrauch.
b) Der Bereich im Raum: Karibik, Zentral- und Nordamerika, Südamerika.
c) Der Bereich in der Zeit: Einheimische Völker - "Ureinwohner", "Mestizen", "Kreolen"; die Zeit vor der "Entdeckung", die Dekadenzthese.
d) Der Bereich in der Geschichte: Monogenismus und Polygenismus; die "edlen Wilden"; Naturmensch und Kannibale; das Kind im Wilden; die Sklaven von Natur; die Rolle in der Geschichte.

Die hier referierten Autoren: 16.-17. Jahrhundert: Comenius[8], Leibniz[9]; 18. Jahrhundert: Brucker[10], Herder[11], Kant[12], 19. Jahrhundert: Hegel[13], Burckhardt[14], Chamberlain[15].

17. Jahrhundert

Jan Amos KOMENSKY (COMENIUS): Der Erdkugel Unterfläche

Es handelt sich ganz allgemein bei beiden Amerikas, insbesondere aber beim südlichen Kontinent, im Bewußtsein deutscher Denker um etwas, das unten liegt, nicht lediglich weit weg ist. Nicht in derselben Weise wurde der weiter entfernte chinesische oder japanische Bereich aufgefaßt, er lag nie unten.

Zwar scheint es im neuzeitlichen Weltbild wenig sinnvoll, von einem "Oben" und "Unten" der Erde zu sprechen, zumal die (annähernde) Kugelgestalt sich als allgemeines Bildungswissen nach und nach durchsetzt und bei einer Kugel wohl kaum ein Oben und Unten gesehen werden kann. Wenngleich die Rotation zur gleichsam natürlichen Orientierung (wörtlich: sich nach Osten ausrichten) führt, ist von der Kugelgestalt her keineswegs ersichtlich, warum der nördliche Pol "oben", der südliche "unten" sein soll. Diese Sprechweise, die weder im Deutschen noch in anderen Sprachen wertneutral ist, findet sich jedoch als der Normalfall.[**]

Kap. CVIII des viersprachigen "Orbis Pictus" von Comenius trägt die obige Überschrift und lautet in der deutschen Kolumne:
"Die Erdkugel/ wird getheilt/ in fünff Erdstriche:/ deren/ zween Kalte/ sind unbewohnbar;/ zween gemässigte/ und der Hitzige/werden bewohnet./Sonsten/ist sie getheilet/in drey feste Lande;/Unsers/ welches/ wieder getheilt wird/ in Europa/ Asia/ und Africa;/ und America/ das Mittägige/ und Mitternächtische/ dessen Inwohnere/ uns/ die Füsse zukehren;/ und in/ das Mittags-Land;/ so noch/ unbekandt ist./ Die da wohnen/ unter dem Nordpold/ haben ein halb-Jahr/ Nacht und Tag./ In den Meeren/ schwimmen/ unzehlig viel Inseln."(Joh. Amos Comenii: Orbis Sensualium Pictus Quadrilinguis etc., Leutschoviae: Sam. Brewer, 1685, Reprint Prag)

Gottfried Wilhelm LEIBNIZ: il y a quelquels reglemens admirables ... mème parmy les sauvages de l'Amerique

Es handelt sich also nicht nur um ein entferntes Gebiet der Erde, es ist vielmehr auch ziemlich unklar, wie die dort einheimischen Menschen hingekommen sind. In unterschiedlichen Zusammenhängen, meistenteils in seiner umfangreichen Korrespondenz äußert sich Leibniz zu Themen, die Amerika betreffen. So etwa stellt er fest, daß der Ursprung der Sprachen der Amerikaner - neben denjenigen der Chinesen und der Kaffern - im Dunkeln liege, daß auch deren Gebräuche stark von den unsrigen abweichen.[16] Eine herausragende Eigenart der Ureinwohner Amerikas glaubt er darin zu sehen, daß sie mehr die tierische als die menschliche Natur entwickelt haben und beispielsweise auch nicht wirklich beobachten, sondern nur schauen.[17] Doch können, schreibt Leibniz an fürstliche Hoheiten, Wilde - und bei den Amerikanern stellt er Grausamkeiten fest, die jene von wilden Tieren übertreffe[18] - manchmal auch gute Einrichtungen und Sitten haben, was man etwa "in Dänemark und bei den Wilden Amerikas" sehen könne.[19] Es gebe unter den Menschen Amerikas alledings große Unterschiede: in der Karibik leben solche, die "viel Wert und sogar Verstand" haben, wohingegen die Bewohner Paraguays lebenslang "Schulkinder" blieben. Doch kommt es Leibniz, wenn er Unterschiede zwischen Menschen konstatiert, stets entschieden auf den Hinweis an, daß es sich um "ein und dieselbe Rasse" handelt, also um eine einzige Art.[20] Wer aus den Unterschieden zwischen den Menschen die These ableitet, es handle sich um Lebewesen verschiedener Herkunft - wie manche Reisende dies getan hätten -, der verkenne das wahre Unterscheidungsmerkmal zwischen Tier und Mensch: die Vernunft, die doch alle Menschen hätten.[21] Im übrigen geht Leibniz bezüglich Amerikas an verschiedenen Stellen auf politische, wirtschaftliche und andere Themen ein. So schlägt er etwa vor, Mestizen nach Spanien zu bringen, um es wieder stärker zu bevölkern[22], lobt die Leinenmanufakturen in Afrika und Amerika[23] und berichtet gelegentlich auch über Heilpflanzen aus Amerika.[24]

18. Jahrhundert

Jakob BRUCKER: tam detestabilis ubique superstitio

Es ehrt den aufgeklärten Pastor und Schulmann Brucker, daß er sich die Frage immerhin gestellt hat, ob "in Afrika und Amerika" so etwas wie Philosophie zu finden sei. Sein Urteil in diesem Punkt allerdings fällt vernichtend aus: die Bewohner dieser Erdteile scheinen nicht nur Philosophie, sondern überhaupt den Gebrauch der Vernunft vermissen zu lassen. Neuerdings hätten einige berichtet, bei den Huronen Nordamerikas philosophische Lehrsätze gefunden zu haben, doch sei dies wohl auf das Wirken christlicher Missionare zurückzuführen.[25]

Johann Gottfried HERDER: In Amerika dagegen wie anders!

Diese Einschätzung der einheimischen Kulturen Amerikas hält sich auch bei Herder: sie seien zwar durchaus ein Stück weit gekommen in der Entwicklung von Kultur, aber doch eben nur ein Stück; ihre Beschreibung erinnert auch bei Herder an die von Kindern.[26] In den Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit ,(1.Teil, 1.Buch, Kap.7) führt Herder die große Verschiedenheit der beiden "Hemisphären" aus: die alte Welt ist von Gebirgen durchzogen, die die Windlage kanalisieren, sie hat Regionen mit mittleren Seehöhen und weist insgesamt sehr variante Landschaften auf.

S. 62f.: "In Amerika dagegen wie anders! Nördlich streichen die kalten Nord- und Nordostwinde lange Strecken hinab, ohne daß ein Gebirge sie bräche. ... Im untern Südamerika gegenteils wehen die Winde vom Eise des Südpols und finden abermals, statt eines Sturmdachs, das sie bräche, vielmehr eine Bergkette, die sie von Süd gen Nord hinaufleitet. ... Setzen wir nun die steile Höhe des Landes und seines einförmigen Bergrückens hinzu, so wird uns die Verschiedenheit beider Weltteile noch auffallender und klarer. Die Cordilleras sind die höchsten Gebirge der Welt; die Alpen der Schweiz sind beinahe nur ihre Hälfte. ... (hingegen) ist das ganze östliche Südamerika als eine große Erdenfläche anzusehen, die jahrtausendelang Überschwemmungen, Morästen und allen Unbequemlichkeiten des niedrigsten Landes der Erde ausgesetzt sein mußte und es zum Teil noch ist. Der Riese und der Zwerg stehn hier also nebeneinander, die wildeste Höhe neben der tiefsten Tiefe, deren ein Erdenland fähig ist. ... Was dies alles auf Früchte, Tiere und Menschen für Wirkungen hat, wird die Folge zeigen."

Im 2.Teil, 6.Buch, Kap.6 gibt er einen Überblick über die wahrscheinliche Geschichte der Besiedlung Amerikas:

S. 170: "... gibt es eben auch die Lage von Amerika, daß dieser ungeheure, von der andern Welt so weit getrennete Erdstrich nicht eben von vielen Seiten her bevölkert sein kann. Von Afrika, Europa und dem südlichen Asien scheiden ihn weite Meere und Winde; nur ein Übergang aus der Alten Welt ist ihm nahe geworden an seiner nordwestlichen Seite. ... wird trotz aller Klimate die Bildung und der Charakter der Einwohner eine Einförmigkeit zeigen, die nur wenig Ausnahmen leidet. Und dies ists, was so viele Nachrichten von Nord- und Südamerika sagen, daß nämlich ohngeachtet der großen Verschiedenheit der Himmelsstriche und Völker, die sich oft auch durch gewaltsame Kunst voneinander zu trennen suchten, auf der Bildung des Menschengeschlechts im Ganzen ein Gepräge der Einförmigkeit liege, die selbst nicht im Negerlande stattfindet"

und kommt im 7. Buch, Kap. V auf die insbesondere durch den Reisebericht Peter Kalms unter den Zeitgenossen verbreitete Ansicht zu sprechen, daß das Klima Amerikas der Entwicklung aller Lebensformen höchst abträglich sei, die These also, in Amerika müsse alles notwendigerweise degenerieren.[27] Herder stimmt dem nur insoweit zu, als es sich auf Einwanderer aus der Alten Welt bezieht:

S. 194f: "Mit Unrecht hat man diese Stellen auf die Ungesundheit des alten Amerikas gegen seine eignen Kinder gezogen; nur gegen Fremdlinge wars diese Stiefmutter, die, wie es auch Kalm erklärt, mit anderer Konstitution und Lebensweise in seinem Schoß leben.
... Die Schwäche der sogenannten kultivierten Amerikaner in Mexiko, Peru, Paraguay, Brasilien, sollte sie nicht unter andern auch daher kommen, daß man ihnen Land und Lebensart verändert hat, ohne ihnen eine europäische Natur geben zu können oder zu wollen? Alle Nationen, die in den Wäldern und nach der Weise ihrer Väter leben, sind mutig und stark, sie werden alt und grünen wie die Bäume; auf dem gebaueten Lande, dem feuchten Schatten entzogen, schwinden sie traurig dahin; Seele und Mut ist in den Wäldern geblieben."

Im 2. Teil, 6. Buch, Kap. VI gibt Herder eine Charakteristik verschiedener Völker und Regionen, die auszugsweise wiedergegeben sei:
Nordwesten

S. 171: "Es ist sonderbar, daß sich so viele Nachrichten damit tragen, wie die westlichsten Nationen in Nordamerika zugleich die gesittetsten sein sollen."

Neumexiko

S. 173: "Von Neu-Mexiko wissen wir wenig. Die Spanier fanden die Einwohner dieses Landes wohlgekleidet, fleißig, sauber, ihre Ländereien gut bearbeitet, ihre Städte von Stein gebauet. Arme Nationen, was seid ihr jetzt, wenn ihr euch nicht wie die los bravos gentes auf die Gebirge gerettet habet?"

Mexiko

S. 173: "Mexiko ist jetzt ein trauriges Bild von dem, was es unter seinen Königen war; kaum der zehnte Teil seiner Einwohner ist übrig. Und wie ist ihr Charakter durch die ungerechteste der Unterdrückungen verändert! Auf der ganzen Erde, glaube ich, gibts keinen tiefern, gehaltenern Haß, als den der leidende Amerikaner gegen seinen Unterdrücker, den Spanier nähret... Die Bildung der Mexikaner wird stark olivenfarb, schön und angenehm beschrieben; ihr Auge ist groß, lebhaft, funkelnd, ihre Sinne frisch, ihre Beine munter; nur ihre Seele ist ermattet durch Knechtschaft."

Zentralamerika

S. 173: "In der Mitte von Amerika, wo von nasser Hitze alles erliegt und die Europäer das elendste Leben führen, erlag doch die biegsame Natur der Amerikaner nicht."

Surinam

S.173: "Fermin, ein treuer Naturforscher, beschreibt die Indier in Surinam als wohlgebildete und so reinliche Menschen, als es irgend auf Erden gebe."
S.174: "... wird man die Vorurteile von der schwachen Gestalt und dem nichtswürdigen Charakter dieser Indianer selbst in der heißesten Weltgegend aufgeben."

Brasilien

S. 174: "Gehen wir südlich in die ungezählten Völkerschaften Brasiliens hinunter, welche Menge von Nationen, Sprachen und Charakteren findet man hier, die indes alte und neue Reisende ziemlich gleichartig beschrieben haben. ... Die Tapinambos zogen sich, um dem Joch der Portugiesen zu entkommen, in die undurchsuchten und unabsehlichen Wälder wie mehrere streitbare Nationen."

Paraguay

S. 174: "Andre, die die Missionen in Paraguay an sich zu ziehen wußten, mußten mit ihrem folgsamen Charakter fast bis zu Kindern ausarten; auch dieses aber war Natur der Sache, und weder sie, noch ihre mutigen Nachbarn können deswegen für keinen (sic!) Abschaum der Menschheit gelten."

Peru

S. 174: "Aber wir nähern uns dem Thron der Natur und der ärgsten Tyrannei, dem silber- und greuelreichen Peru. Hier sind die armen Indianer wohl aufs tiefste unterdrückt, und wer sie unterdrückt, sind Pfaffen und unter den Weibern weibisch gewordne Europäer. Alle Kräfte dieser zarten, einst so glücklichen Kinder der Natur, als sie unter ihren Inkas lebten, sind jetzt in das das einige Vermögen zusammengedrängt, mit verhaltnem Haß zu leiden und zu dulden. ... Es ist der in sich gekrümmte Wurm, der uns häßlich vorkommt, weil wir ihn mit unserm Fuß zertreten. In Peru ist der Negersklave ein herrliches Geschöpf gegen den unterdrückten Armen, dem das Land zugehöret."

Chile und Feuerland

S. 174: "... glücklicherweise sind die Cordilleras und die Wüsten in Chile da, die so viel tapferen Nationen noch Freiheit geben. Da sind z.E. die unüberwundenen Malochen, die Puelchen, die Arauker und die patagonischen Tehuelhets oder das große südliche Volk, sechs Fuß hoch, groß und stark. ...
S. 175 ... hinter ihnen ist nichts mehr übrig als der arme kalte Rand der Erde, das Feuerland und in ihm die Pescherähs, vielleicht die niedrigste Gattung der Menschen. ... Gut, daß die schonende Natur gegen den Südpol die Erde hier schon aufhören ließ; tiefer hinab, welche armselige Bilder der Menschheit hätten ihr Leben im gefühlraubenden Frost dahingeträumet!"

Wie Leibniz kommt auch Herder (2. Teil, 6. Buch, Kap. VI auf die Frage nach der Einheit des Menschengeschlechts zu sprechen: auch er vertritt hier eindeutig eine monogenistische Position.

S. 175: ... es sind Menschen eines ganzen Hemisphärs in allen Zonen. Oben und unten sind Zwerge und nahe bei den Zwergen Riesen; in der Mitte wohnen mittelmäßige, wohl- und minder wohlgebildete Völker, sanft und kriegerisch, träge und munter, von allerlei Lebensarten und von allen Charakteren.
Zweitens: Indessen hindert nichts, daß dieser vielästige Menschenstamm mit allen seinen Zweigen nicht aus Einer Wurzel entstanden sein könne, folglich auch Einartigkeit in seinen Früchten zeige. ... Wären Völker aus allen Weltteilen zu sehr verschiedenen Zeiten nach Amerika gekommen, mochten sie sich vermischen oder unvermischt bleiben, so hätte die Diversität der Menschengattung allerdings größer sein müssen. Blaue Augen und blonde Haare findet man im ganzen Weltteil nicht; die blauäugigen Cesaren in Chili und die Akansas in Florida sind in der neuern Zeit verschwunden.
Drittens: Soll man einen gewissen Haupt- und mittlern Charakter der Amerikaner angeben, so scheints Gutherzigkeit und kindliche Unschuld zu sein, die auch ihre alten Einrichtungen, ihre Geschicklichkeiten und wenigen Künste, am meisten ihr erstes Betragen gegen die Europäer beweisen. Aus einem barbarischen Lande entsprossen und ununterstützt von irgendeiner Beihilfe der kultivierten Welt, gingen sie selbst, so weit sie kamen, und liefern auch hier in ihren schwachen Anfängen der Kultur ein sehr lehrreiches Gemälde der Menschheit."

Ein kurzer Blick ist hier noch auf den Jesuitenstaat in Paraguay zu werfen, den Herder insgesamt sehr lobend darstellt[28]:

S. 260f: Man glaubt einen Traum zu lesen, wenn man die Einrichtung dieser Republik an Fest- und Werktagen, bei Hochzeiten, bei Arbeiten, Ernten und Lustbarkeiten nach den verschiedenen Jahreszeiten lieset; die Art, wie sich der christliche Orden den Volksbegriffen der Amerikaner bequemte, war vielleicht unübertrefflich. Wer vermag zu sagen, was aus diesem Staat worden wäre, wenn er in der Stille hätte fortblühen und sich unbemerkt und ungestört erweitern mögen? Über Peru und Chili (sic!) hin hätte er sich, vielleicht über das ganze innere Süd-Amerika verbreitet.
Dazu aber hatte der Orden zu viele Feinde. ...
S. 262: So fiel das Reich, woran sie ein Jahrhundert gearbeitet hatten, in wenigen Jahren; und mit ihm alle die Hoffnungen, die man der Krone Spanien zugesichert hatte. Sic transit gloria mundi.
Da indessen im Plan der Vorsehung kein Gutes verlohren geht, so ist ohne Zweifel die Mühe, die der Orden auf diese Völker gewandt, sie zur Ordnung und Arbeitsamkeit, zu Künsten, Handwerken und Manufakturen zu gewöhnen, auch nicht verlohren. Die Folgen davon werden zum Vorschein kommen; es ist ein Baum, der in den Wüsteneien still wächst. ...
S. 263: Und bliebe der Name der Jesuiten in Allem verhaßt; was durch sie der Menschheit Gutes geleistet worden, bleibt immer Ruhmwürdig (sic!) und wird gewiß den Nachkommen ersprießlich.
Auch dafür werden diese der Vorsehung danken, daß eben nicht auf jenem engen Wege Süd-Amerika christianisirt oder humanisirt worden. Freilich gingen die Jesuiten mit ihren Untergebenen anders um als die Spanier; aber vom Stande der Einfalt, in dem die meisten dieser Völker lebten, zu einer Jesuitenschule war der Sprung zu groß. Der natürliche Geist der Nationen erkrankte.

Immanuel KANT:

Es ist beachtlich, mit welcher Genauigkeit und Unnachsichtigkeit Kant sich seine Fragen stellt. Wo es ihm um den Begriff von Zwecken in der Natur geht, schreibt er:

"(Sieht man) nur auf den Gebrauch, den andere Naturwesen davon machen, ... sieht also nur auf äußere zweckmäßige Beziehungen, wie das Gras dem Vieh, wie dieses dem Menschen zu seiner Existenz nötig sei; und man sieht nicht, warum es denn nötig sei, daß Menschen existieren (welches, wenn man etwa die Neuholländer oder Feuerländer[29] in Gedanken hat, so leicht nicht zu beantworten sein möchte)..."[30]

Es ist an dieser Stelle aber auch auffallend, daß ihm doch nicht so ohne weiteres alle Menschen in den Sinn kommen, wenn er daran denkt, daß die Existenz von Menschen vielleicht überhaupt zwecklos sein könnte, sondern eben nur die Australier und die Bewohner Feuerlands. Nur wenig später schreibt er über den möglichen Daseinszweck von gewissen Tieren, bei denen sich wohl mancher schon nach diesem Zweck gefragt hat: Man könnte sagen, meint Kant,

"die Moskitomücken und andere stechende Insekten, welche die Wüsten von Amerika den Wilden so beschwerlich machen, seien so viel Stacheln der Tätigkeit für diese angehende Menschen, um die Moräste abzuleiten, und die dichten den Luftzug abhaltenden Wälder licht zu machen, und dadurch, imgleichen durch den Anbau des Bodens, ihren Aufenthalt zugleich gesünder zu machen."[31]

Was allerdings die Theorien der Zeitgenossen über die Bewohner ferner Landstriche angeht, was insbesondere Herders Schilderungen betrifft, so ist Kant sehr skeptisch:

"Jetzt ... kann man aus einer Menge von Länderbeschreibungen, wenn man will, beweisen, daß Amerikaner, Tibetaner und andere echte mongolische Völker keinen Bart haben, aber auch, wem es besser gefällt, daß sie insgesamt von Natur bärtig sind und sich diesen nur ausrupfen; daß Amerikaner und Neger eine in Geistesanlagen unter die übrigen Glieder der Menschengattung gesunkene Rasse sind, andererseits aber, nach eben so scheinbaren Nachrichten, daß sie hierin, was ihre Naturanlage betrifft, jedem andern Weltbewohner gleich zu schätzen sind, mithin dem Philosophen die Wahl bleibe, ob er Naturverschiedenheiten annehmen, oder alles nach dem Grundsatze tout comme chez nous beurteilen will, dadurch denn alle seine über eine so wankende Grundlage errichtete Systeme den Anschein baufälliger Hypothesen bekommen müssen.[32]

Daß Kant in seinen Vorlesungen über Geographie, aber auch in der Schrift über das Schöne und das Erhabene durchaus selektiv und parteiische mit seinen Quellen insbesondere zu Afrika umging, hat Firla-Forkl jüngst gezeigt.[33]

19. Jahrhundert:

Was der gebildete Deutsche um die Mitte des 19. Jahrhunderts in etwa dachte, zeigt uns wahrscheinlich der BROCKHAUS in seiner neunten Auflage:

"Amerika, das Festland der westlichen Hemisphäre, die neue Welt, der Occident unsers Erdballs im scharfen Gegensatze zu dem Orient, der dreifach gegliederten alten Welt...
Den Ausspruch, daß in A. Reichthum und Menge in den höhern Stufen der physischen Entwickelungsformen immer mehr abnimmt, bestätigt auch der einheimische Mensch; er bleibt in Zahl und Kraft noch hinter der Thierwelt zurück."[34]

Georg Wilhelm Friedrich HEGEL: Physisch und geistig ohnmächtig hat sich Amerika immer gezeigt und zeigt sich noch so.

Für Hegels Sicht der Geschichte der Menschheit ist es von ausschlaggebender Bedeutung, nicht nur die Entwicklung des Menschengeschlechts zu schildern, sondern auch jene Bedingungen zu erfassen, die einer solchen Entwicklung hinderlich sind. Darum sind seine Ausführungen über die geschichtslosen Völker und Regionen von systematischer Bedeutung. Ich übergehe hier die interessanten Texte über Afrika und beschränke mich auf Hegels Aussagen über Amerika. Ich stütze mich dabei auf verschiedene Ausgaben von Hegels postum veröffentlichter Vorlesung, weil insbesondere in den neueren Ausgaben die entsprechenden Ausführungen im Vergleich zu älteren Ausgaben deutlich kürzer und damit auch harmloser wiedergegeben sind.[35]

Hegel 1961, S.139f: Die Welt wird in die Alte und Neue geteilt, und zwar ist der Namen der neuen daher gekommen, weil Amerika und Australien uns erst spät bekannt geworden sind. (Lasson-Ausgabe 1930, S. 189: Aber es ist kein bloß äußerlicher Unterschied, sondern die Einteilung ist wesentlich: diese Welt ist nicht nur...) Aber diese Weltteile sind nicht nur relativ neu, sondern überhaupt neu, in Ansehung ihrer ganzen physischen und geistigen Beschaffenheit. (Lasson ebd.: ...in Ansehung ihrer ganzen eigentümlichen Beschaffenheit, physikalisch und politisch). Ihr geologisches Altertum geht uns nichts an. Ich will ihr die Ehre nicht absprechen, daß sie nicht auch gleich bei Erschaffung der Welt (Lasson ebd.:, wie man es nennen will,) dem Meere enthoben worden sei. Doch zeigt das Inselmeer zwischen Südamerika und Asien eine physische Unreife; der größte Teil der Inseln (Lasson ebd.: ruht auf Korallen und) ist so beschaffen, daß sie gleichsam nur eine Erdbedeckung für Felsen sind, die aus der bodenlosen Tiefe heraustauchen und den Charakter eines spät Entstandenen tragen. Eine nicht mindere geographische Unreife zeigt Neuholland; denn wenn man hier von den Besitzungen der Engländer aus tiefer ins Land geht, so entdeckt man ungeheure Ströme, die noch nicht dazu gekommen sind, sich ein Bett zu graben, sondern in Schilfebenen ausgehen.

Hegel betont die Uneinheitlichkeit der Neuen Welt:

Hegel 1961, S.142: "Amerika ist bekanntlich in zwei Teile getrennt, die zwar durch eine Landenge zusammenhängen, doch ohne daß diese auch einen Zusammenhang des Verkehrs vermittelte. Beide Teile sind vielmehr aufs bestimmteste geschieden."

Der Unterschied der beiden Kontinente wird nun ausgeführt, wobei besonders auffallend ist, daß Hegel die Grenze nicht etwa irgendwo in Zentralamerika verlaufen läßt, sondern Mexiko zu Südamerika zählt. Man mache sich die Mühe und werfe einen Blick in einen historischen Atlas, um zu sehen, wo die nördliche und die östliche Grenze Mexikos zu Hegels Lebzeiten verlaufen ist. Dann wird klar, daß es sich hier nicht um eine geographische, sondern um eine kulturell, religiös oder wie immer abgegrenzte Einheit handelt.

Hegel 1961, 143f: "Vergleichen wir nun Südamerika, indem wir dazu auch Mexiko rechnen, mit Nordamerika, so werden wir einen erstaunlichen Kontrast wahrnehmen.
In Nordamerika sehen wir das Gedeihen, sowohl durch ein Zunehmen von Industrie und Bevölkerung, durch bürgerliche Ordnung und eine feste Freiheit, die ganze Föderation macht nur einen Staat aus und hat ihre politischen Mittelpunkte. Dagegen beruhen in Südamerika die Republiken nur auf militärischer Gewalt, die ganze Geschichte ist ein fortdauernder Umsturz, föderierte Staaten fallen auseinander, andre verbinden sich wieder, und alle diese Veränderungen werden durch militärische Revolutionen begründet. Die näheren Unterschiede beider Teile Amerikas zeigen uns zwei entgegengesetzte Richtungen: der eine Punkt ist der politische, der andre die Religion. Südamerika ... ist katholisch, Nordamerika ... den Grundzügen nach protestantisch. Eine weitere Abweichung ist die, daß Südamerika erobert, Nordamerika aber kolonisiert worden ist.
Von der protestantischen Religion ging das Zutrauen der Individuen gegeneinander aus, das Vertrauen auf ihre Gesinnung, denn in der protestantischen Kirche sind die religiösen Werke das genze Leben, die Tätigkeit desselben überhaupt. Dagegen kann bei den Katholiken die Grundlage eines solchen Zutrauens nicht stattfinden, denn in weltlichen Angelegenheiten herrscht nur die Gewalt und freiwillige Unterworfenheit, und die Formen, die man hier Konstitutionen nennt, sind nur eine Nothilfe und schützen gegen Mißtrauen nicht."

Dies war bereits ein Vorgriff: auch in der Zeit vor der Eroberung und Besiedlung durch Europäer hat Amerika nach Hegel keine nennenswerte Stufe in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit hervorgebracht.

Hegel 1961, S.140: (Lasson, S. 191: "Die Neue Welt mag auch einst mit Europa und Afrika zusammengehangen haben. Nur ist es mit dem atlantischen Lande in der neuen Zeit so gegangen, daß es wohl eine Kultur gehabt hat, als es von den Europäern entdeckt wurde, diese aber durch den Zusammenhang mit ihnen zunichte wurde; die Unterwerfung des Landes war ihr Untergang. Von Amerika...) Von Amerika und seiner Kultur, (Lasson ebd., S. 191: wie sie) namentlich in Mexiko und Peru (Lasson: sich ausgebildet hatte), haben wir zwar Nachrichten, aber bloß die, daß dieselbe eine ganz natürliche war, die untergehen mußte, sowie der Geist sich ihr näherte."

Besonders deutlich scheint Hegel geworden zu sein, als er auf die schon im Zusammenhang mit Herder genannte These zu sprechen kam, wonach aufgrund klimatischer Bedingungen in Amerika ein niedriger Entwicklungsstand bzw. ein Niedergang von Lebensformen unausweichlich gewesen sei.

Hegel 1961, S.140: Physisch und geistig ohnmächtig hat sich Amerika immer gezeigt und zeigt sich noch (Lasson, S.191: jetzt) so. Denn die Eingeborenen sind, nachdem die Europäer in Amerika landeten, allmählich an dem Hauche der europäischen Tätigkeit untergegangen. (Lasson ebd., S.191: Auch an den Tieren zeigt sich dieselbe Untergeordnetheit wie bei den Menschen. Die Tierwelt weist Löwen, Tiger, Krokodile auf; aber diese haben zwar die Ähnlichkeit mit den Gestaltungen der Alten Welt, sind aber in jeder Rücksicht kleiner, schwächer, schmächtiger. Wie man versichert, sind die Tiere selbst nicht so nahrhaft wie die Lebensmittel, die aus der Alten Welt gezogen werden. Es gibt dort unermeßliche Mengen von Hornvieh; europäisches Rindfleisch aber gilt für einen Leckerbissen.
Was das Menschengeschlecht betrifft, so sind von den Nachkommen der ersten Amerikaner wenige mehr übrig, indem gegen sieben Millionen Menschen ausgerottet worden sind. Die Bewohner der westindischen Inseln sind ausgestorben. Überhaupt ist die ganze amerikanische Welt untergegangen, von den Europäern verdrängt worden. Die Stämme des nördlichen Amerika sind teils verschwunden, teils haben sie sich unter der Berührung mit den Europäern zurückgezogen. Sie verkommen, so daß man sieht, sie haben nicht die Stärke, sich den Nordamerikanern in den Freistaaten anzuschließen. Solche schwach gebildeten Völker verlieren sich in der Berührung mit höher gebildeten Völkern von intensiverer Bildung mehr und mehr. So sind in den nordamerikanischen Freistaaten ...)
In den nordamerikanischen Freistaaten sind alle Bürger europäische Abkömmlinge, mit denen sich die alten Einwohner nicht vermischen konnten, sondern zurückgedrängt wurden. (Lasson 191 Text nur bis: ...vermischen konnten.) Einige Künste haben die Eingeborenen allerdings von den Europäern angenommen, untern andren (Lasson 192: andern) die des Branntweintrinkens, die eine zerstörende Wirkung auf sie hervorbrachte. (Lasson 192: In Südamerika und Mexiko sind die Einwohner, die das Bedürfnis der Unabhängigkeit empfinden, die Kreolen, aus der Vermischung mit Spaniern und Portugiesen entstanden. Nur sie sind zu dem höhern Selbstgefühl, dem Emporstreben nach Selbständigkeit, Unabhängigkeit gekommen. Sie geben daselbst den Ton an. Es gibt, wie es scheint, nur wenig einheimische Stämme von gleichem Sinne. Man hört wohl von inländischen Völkerschaften, die sich an die neuern Bestrebungen zur Bildung selbständiger Staaten angeschlossen haben, aber es ist wahrscheinlich, daß unter ihnen die wenigsten reine Eingeborene sind. Die Engländer gebrauchen deshalb auch in Indien die Politik, zu hindern, daß sich dort Kreolen bilden, ein Volk aus Eingeborenen und europäischem Blute, das dort einheimisch wäre.)

Hegels Ausführung erinnert hier an Buffons "Histoire naturelle" (1761, Bd. 9), auf die im Zusammenhang mit Herder schon verwiesen wurde. Dort werden die Tiere der Neuen Welt beschrieben: aus allen Beobachtungen erhelle, daß die Tierarten in Amerika weniger variierten, kleiner und weniger wild seien als in der Alten Welt. Dies wird auf das im allgemeinen kühlere und feuchtere Klima zurückgeführt, wie es für einen Kontinent ganz natürlich sei, der länger als der Rest des Globus unter dem Wasser des Meeres geblieben sei. Dieselbe Degeneration zeige sich bei den eingeborenen Indianern, die lediglich ein Tier von hohem Rang darstellten, wie auch bei Haustieren aus Europa, die dazu neigten, in Amerika kleinwüchsiger und schwächlicher zu werden.[36]

Auch bei Hegel finden wir eine Schilderung der Bewohner Amerikas, doch ist diese weit weniger detailliert und in der abwertenden Tendenz durchaus verschieden von derjenigen Herders:

Hegel 1961, S. 140: "Die Inferiorität dieser Individuen in jeder Rücksicht, selbst in Hinsicht der Größe gibt sich in allem zu erkennen; nur die ganz südlichen Stämme in Patagonien sind kräftigere Naturen, aber noch ganz in dem natürlichen Zustande der Roheit und Wildheit."
(Im Süden:) Sanftmut und Trieblosigkeit, Demut und kriechende Unterwürfigkeit gegen einen Kreolen und mehr noch gegen einen Europäer sind dort der Hauptcharakter der Amerikaner, und es wird noch lange dauern, bis die Europäer dahin kommen, einiges Selbstgefühl in sie zu bringen. Die Inferiorität dieser Individuen in jeder Rücksicht, selbst in Hinsicht der Größe[37] gibt sich in allem zu erkennen... Als die Jesuiten und die katholische Geistlichkeit die Indianer an europäische Kultur und Sitten gewöhnen wollen ..., begaben sie sich unter sie und schrieben ihnen, wie Unmündigen, die Geschäfte des Tages vor, die sie sich auch, wie träge sie auch sonst waren, von der Autorität der Väter gefallen ließen.[38]

Den wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Subkontinenten in der Gegenwart sieht Hegel in der Verschiedenheit der Religion:

Hegel 1961, S. 144: Von der protestantischen Religion ging das Zutrauen der Individuen gegeneinander aus, das Vertrauen auf ihre Gesinnung, denn in der protestantischen Kirche sind die religiösen Werke das genze Leben, die Tätigkeit desselben überhaupt. Dagegen kann bei den Katholiken die Grundlage eines solchen Zutrauens nicht stattfinden, denn in weltlichen Angelegenheiten herrscht nur die Gewalt und freiwillige Unterworfenheit, und die Formen, die man hier Konstitutionen nennt, sind nur eine Nothilfe und schützen gegen Mißtrauen nicht.

Die mögliche Rolle Amerikas in der Weltgeschichte läßt Hegel offen; liest man aber das Zitat über das "Land der Zukunft" im Zusammenhang, so ist fraglich, ob Hegel an eine Zukunft dachte, wie etwa Tocqueville sie sah.

Hegel 1961, S. 147: Amerika ist somit das Land der Zukunft, in welchem sich in vor uns liegenden Zeiten, etwa im Streite von Nord- und Südamerika die weltgeschichtliche Wichtigkeit offenbaren soll; es ist ein Land der Sehnsucht für alle die, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt.

Jacob BURCKHARDT: das Königsrecht der Kultur zur Eroberung und Knechtung der Barbarei

Obwohl Burckhardt sich stets und strikte gegen eine Geschichtsphilosophie verwehrt, die in einer Abwertung fremder Lebensformen ihr negatives Zentrum hat und als "wesentliches Kennzeichen" der europäischen Kultur seiner Zeit gelegentlich "einen hohen Grad von Allempfänglichkeit" rühmt ("Wir haben Gesichtspunkte für jegliches und suchen aud dem Fremdartigsten und Schrecklichsten gerecht zu werden ..."[39]) - trotz dieser postulierten Offenheit kommt er doch zu folgender Überlegung, die an Kants Gedanken von der möglichen Zwecklosigkeit der Existenz der Feuerlandbewohner erinnert, allerdings wohl auf viel mehr Völkerschaften gemünzt ist:

"Eines wird immerhin von den meisten zugegeben: das Königsrecht der Kultur zur Eroberung und Knechtung der Barbarei, welche nun blutige innere Kämpfe und scheußliche Gebräuche aufgeben und sich den allgemeinen sittlichen Normen des Kulturstaates fügen müsse. Vor allem darf man der Barbarei ihre Gefährlichkeit, ihre mögliche Angriffskraft benehmen. Fraglich aber ist, ob man sie wirklich innerlich zivilisiert, was aus den Nachkommen von Herrschern und von überwundenen Barbaren, zumal anderer Rassen Gutes kommt, ob nicht ihr Zurückweichen und Aussterben (wie in Amerika) wünschbarer ist, ob dann der zivilisierte Mensch auf dem fremden Boden überall gedeiht. Jedenfalls darf man nicht in den Mitteln der Unterwerfung und Bändigung die bisherige Barbarei selber überbieten."[40]

20. Jahrhundert:

Houston Stewart CHAMBERLAIN: diese unseligen Peruaner, Paraguayaner u. s. w.

Chamberlains Werk, zu Ende des 19. Jahrhunderts in Wien entstanden, gehört seiner Wirkungsgeschichte nach unserem Jahrhundert an und will aus dem abgelaufenen die Lehren für die Zukunft ziehen. Ich führe daraus zu unserem Thema eine Stelle an, die sich mit der Frage befaßt, welche Art von "Rassenmischung" vorteilhaft und welche gefährlich für eine weitere Entwicklung der menschlichen Kultur wäre. Das Negativbeispiel liefert ihm hierbei Lateinamerika.

"Wie offenbar anregend und erfrischend wirkt auf die Bevölkerung Berlins (noch bis heute) die Einwanderung französischer Hugenotten, fremd genug, um das Leben durch Neues zu bereichern, freund genug, um mit ihren preussischen Wirten nicht zusammengeschraubte Bastarde, sondern charakterstarke Männer von seltener Begabung zu zeugen. Um das Entgegengesetzte zu erblicken, brauchen wir nur nach Südamerika hinüberzuschauen. Gibt es einen jammervolleren Anblick als den der südamerikanischen Mestizenstaaten? Die sogenannten Wilden von Zentralaustralien führen ein weit harmonischeres, menschenwürdigeres, sagen wir ein "heiligeres" Dasein, als diese unseligen Peruaner, Paraguayaner u. s. w., Blendlinge[41] aus zwei (und oft aus mehr) unvereinbaren Rassen, aus zwei Kulturen, denen nichts gemeinsam war, aus zwei Entwickelungsstufen, zu verschieden an Alter und Gestalt, um eine Ehe eingehen zu können, Kinder einer naturwidrigen Unzucht. Wer sich ernstlich über die Bedeutung von Rasse belehren will, kann recht viel an diesen Staaten lernen. ... Ich nehme die zwei extremen Fälle, Chile und Peru. In Chile, dem einzigen dieser Staaten, der einigen, bescheidenen Anspruch auf wahre Kultur erheben kann und der auch verhältnismässig geordnete politische Zustände aufweist, sind gegen 30 Prozent der Bewohner noch rein spanischer Herkunft, und dieses Drittel genügt schon, um die moralische Auflösung hintanzuhalten; dagegen gibt es in Peru, das bekanntlich den anderen Republiken mit dem Beispiel des totalen moralischen und materiellen Bankerotts vorangegangen ist, fast gar keine Indoeuropäer reiner Rasse mehr; mit Ausnahme der noch uncivilisierten Indianer des Innern besteht dort die gesamte Bevölkerung aus ... Kreuzungen zwischen Indianern und Spaniern, zwischen Indianern und Negern, Spaniern und Negern, weiter zwischen den verschiedenen Rassen und jenen Mestizen oder Kreuzungen der Mestizenrassen untereinander; in letzterer Zeit sind viele Tausende von Chinesen dazugekommen ... (Punkte im Text) Da sehen wir die von Virchow und Ratzel ersehnte Promiskuität am Werke, und wir sehen, was dabei herauskommt! ... Wenn nicht die enorme Macht der umgebenden Civilisation einen solchen Staat von allen Seiten künstlich unterstützte, wenn er z.B. durch einen Zufall abgeschnitten und sich selbst überlassen bliebe, er würde in kurzer Zeit in völlige Barbarei verfallen, nicht in eine menschliche, nein, in eine bestialische Barbarei."[42]

Oswald SPENGLER: daß der Indianerboden seine Macht an ihnen bewiesen hat

Spengler gebraucht "Amerika" ganz selbstverständlich für die "USA". Das wird klar, wenn er von den "Amerikanern" spricht:

",Die Amerikaner` sind nicht aus Europa eingewandert; der Name des florentinischen Geographen Amerigo Vespucci bezeichnet heute zunächst einen Erdteil, aber außerdem ein echtes Volk, das durch die seelische Erschütterung von 1775 und vor allem durch den Sezessionskrieg von 1861-65 seine Eigenart erhalten hat."[43]

Ein Volk, eine "Rasse" oder eine Kultur kann nach Spengler auch gar nicht auswandern. Die "Landschaft" bildet die Einheiten der Menschen. Noch einmal begegnen wir hier der Degenerierungsthese:

"Eine Rasse hat Wurzeln. Rasse und Landschaft gehören zusammen. Wo eine Pflanze wurzelt, da stirbt sie auch. Es hat wohl einen Sinn, nach der Heimat einer Rasse zu fragen, aber man sollte wissen, daß dort, wo die Heimat ist, eine Rasse mit ganz wesentlichen Zügen des Leibes und der Seele auch bleibt. Ist sie dort nicht zu finden, so ist sie nirgends mehr. Eine Rasse wandert nicht. Die Menschen wandern ... Nicht Engländer und Deutsche sind nach Amerika ausgewandert, sondern diese Menschen sind als Engländer und Deutsche gewandert; als Yankees sind ihre Urenkel jetzt dort, und es ist seit langem kein Geheimnis mehr, daß der Indianerboden seine Macht an ihnen bewiesen hat: sie werden von Generation zu Generation der ausgerotteten Bevölkerung ähnlicher. Gould und Baxter haben gezeigt, daß Weiße aller Stämme, Indianer und Neger dieselbe durchschnittliche Körpergröße und Wachstumszeit erhalten und zwar so schnell, daß jung eingewanderte Iren (mit einer sehr langen Wachstumszeit) die Macht der Landschaft noch an sich selbst erfahren."[44]

Schlußbemerkung

Es wäre ziemlich nutzlos, die Aufmerksamkeit auf Texte zu lenken wie die eben referierten, wenn diese Texte ohne Einfluß auf das spätere oder noch das gegenwärtige Denken geblieben wären. Das ist aber nicht der Fall. Darum ist es nicht ein bloß von akademischem Interesse, sich zu vergegenwärtigen, woran deutsche Philosphen dachten, wenn sie an (Latein)Amerika dachten. Bei allen informations- und zeitbedingten Besonderheiten läßt sich doch der allgemeine Schluß aus der Lektüre ziehen, daß Philosophen in dieser Hinsicht wenig kritischer in ihren Assoziationen und Wertungen waren (und sind?) als andere Zeitgenossen, was vorsichtig machen muß, wenn die Philosophie als Beantworterin von Lebens- und Sinnfragen auftritt.

Zweitens war mir bei der Lektüre überraschend, wie wenig entlegen alle diese Texte sind, und wie häufig sie überlesen, überschlagen, als nicht so wichtig eingestuft werden. Es sind Gewohnheiten des Lesens und Interpretierens, die da zu reformieren oder zumindest kritisch zu bedenken sind: die Gewohnheit etwa, abfällige Bemerkungen über nichteuropäische oder nichtchristliche Kulturen aus der Zeitgebundenheit erklären zu wollen.


Anmerkungen: [*] Zuerst in: Lateinamerika-Studien, Aspekte Nr. 14, Wien. 1992, S. 1-14. Hier in veränderter Fassung.

[1] Gerbi (Anm.3, S. IX)

[2] Letzteres betrifft insbesondere die Editionen von Hegels Philosophie der Geschichte, s.u.

[3]Sehr umfangreiches Material zum Thema findet sich bei: Antonello Gerbi: La Disputa del Nuevo Mundo. Historia de una polemica 1750-1900. México: Fondo de Cultura Económica, 1982. (zuerst italienisch; auch in englischer Sprache zugänglich: The Dispute of the New World. The History of a Polemic, 1750-1900. Pittsburgh: UPP, 1973). Doch lohnt eine neuerliche Lektüre bei diesem Thema immer noch; ihr Ertrag kann immerhin darin bestehen, zu erkennen, wie wenig entlegen und wie wenig beachtet die Texte sind, in denen sich massive und wenig reflektierte Vorurteile über "Amerika" finden.

[4] Dieser Sprachgebrauch ist üblich in der Literatur um 1800; vgl. etwa folgende Titel:

Christoph Gottlieb von Murr, "Nachrichten von versch. Ländern des spanischen Amerika". Halle: Hendel 1809-11; E.A. Sörgel, "Geschichte und Geographie des spanischen Amerika". Ronneburg: lit. Comt. 1821; F.A. Rocca, "Entstehung und Darstellung der Revolution im spanischen Amerika". Pesth: Müller 1817.

[5] Auch dieser Ausdruck ist um 1800 üblich, könnte sogar etwas älter sein, z.B.:

K. Mar. de la Condamine: "relation abrégée d'un voyage fait dans l'intérieur de l'Amerique méridionale". (zuerst Paris 1745) Strasbourg: König 1778; Fel. von Azara: "Reise in Südamerika in den Jahren 1781-1801", (a.d.Frz.) Leipzig: Hinrichs 1810; "Der Freiheitskampf im spanischen Südamerika", v.e. südamerikan. Officier. Hamburg: Hoffmann & Co., 1818

6 Zur Geschichte dieses Ausdrucks vgl. den Beitrag von Martina Kaller, "Lateinamerika. Eine Definition.", in: Conceptus Nr. 56, Jg. XXII (1988), S. 119-24.

[7]Diese Gleichsetzung der USA mit "Amerika" ist überraschend früh festzustellen. So erschien 1820 als Übersetzung aus dem Englischen Heinrich Marcus Brackenridges "Reise nach Südamerika auf Befehl der amerikanischen Regierung in den Jahren 1817-18", Leipzig: Göschen 1820. Vgl. auch Spengler (Untergang des Abendlandes, ed.1963, S. 779): ... hat der zweite Begriff der Nation als schriftsprachlicher Einheit im Laufe des 19. Jahrhunderts die österreichische vernichtet und die amerikanische vielleicht geschaffen.

[8]Joh. Amos Comenii: Orbis Sensualium Pictus Quadrilinguis etc., Leutschoviae: Sam. Brewer, 1685, Reprint Prag

[9]Leibniz wird nach verschiedenen seiner Schriften zitiert.

[10]Brucker, Jakob: Institutiones Historiae Philosophiae, Lipsiae, 1756 (2.Aufl.)

[11]Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Wiesbaden: Löwit, o.J.; ders.: Paraguay. Republik der Jesuiten daselbst. in: Adrastea. Begebenheiten und Charaktere des achtzehnten Jahrhunderts. Hg. von Johann von Müller. Wien: Grund 1813, S. 259-263 ( = Werke. Zur Philosophie und Geschichte, 10. Theil)

[12](Kant, Rezensionen zu Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, A 154; ed. Weischedel, Studienausgabe Bd.VI, S. 801); ders.: Kritik der Urteilskraft.

[13]"Die Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte sind die einzige Arbeit Hegels, die es zu einer Art von Popularität gebracht hat." (G. Lasson, Vorwort zur ersten Auflage der "Ph. d. Weltgeschichte", 1917, zit. in Vorwort zur 2.Auflage 1920, abgedr. in 3. Aufl. 1930, unveränd. Nachdruck 1944, sämtliche: Leipzig, Meiner)

Ich zitiere nach folgenden Ausgaben:

Georg Lasson: Die Vernunft in der Geschichte (Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte, Bd.1), Leipzig: Meiner 1917, 1920, 1930, (unveränd. Nachdruck 1944) Abschnitt: "Der Naturzusammenhang oder die geographische Grundlage der Weltgeschichte - Die Neue Welt, S. 189-200 d. 3. Auflage)

Johannes Hoffmeister: identischer Titel, Hamburg: Meiner 1955, 1968, 1970. Identischer Abschnittstitel, S. 198-210

Theodor Litt: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. M.e.Einf. v. Th.L.; (Text nach F. Brunstäd), Stuttgart: reclam 1961. Abschnitt: Geographische Grundlage der Weltgeschichte - Die Neue Welt, S. 139 - 147

Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Frankfurt: Suhrkamp 1970. Abschnitt: "Geographische Grundlage der Weltgeschichte - Die Neue Welt", S.107 - 114.

[14]Burckhardt, Jacob: Weltgeschichtliche Betrachtungen, o.O.: Neske o.J.

[15]Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts. München: Bruckmann 1940.

[**] [Anmerkung 1996: Vgl. dazu Franz M. Wimmer: "Weltsichten", in: Südwind. Das entwicklungspolitische Magazin Österreichs, Wien, Nr. 5, 1994, S. 20-22]

[16] Leibniz an Hiob Ludolf, Braunschweig 5. (15.) Sept. 1691: ... de Sinensibus, Americanis, Cafribus, quid dicam non habeo, usque adeo illi toto sermonis de dicam corporis habitu a nostris dissident. (Leibniz, Allgem.polit. u. histor. Schriftwechsel, Bd.7 (1964), S. 366)

[17] Leibniz an Justus Schrader, Hannover, 1.H. Sept. 1695: "Praeclare denique observas opificum et rusticorum conditionem hactenus meliorem esse quam literatorum quod laboribus suis corporis vigorem conservant. Et barbaros Americae prae omnibus nostris hominibus robore et firma sanitate gaudere constat, sed praestat tamen fortasse aliqua corporei bona jactura redimere solidas notitias, quibus mens perficitur. Nam quod subjicis opifices illos versari circa experimenta perpetua et realitates non diffiteor; sed cum pleroque non nisi eadem versent et animum non intendant, minus quidem spiritus dissipant sed tamen et minus perficiunt mentem, adeoque animalis magis naturae quam hominis functiones exercent spectantque potius quam observant." (Leibniz, Allgem.polit. u. histor. Schriftwechsel, Bd.11 (1982), S. 667)

[18]Leibniz, Nouveaux Essais, Livre I, Chap. 2 (Theoph.:) ... "les sauvages Americains pour approuver leurs coustumes pleines d'une cruauté qui passe meme celle des bètes." in: Philosophische Schriften, Bd. 6, 1962, S. 93

[19]Leibniz an Kurfürstin Sophie und Herzog Anton Ulrich, London 1694: "Que les pays les plus steriles donnent souvent des bonnes marchandises et que de mème les Estats mal gouvernés peuvent fournir quelque bonne coustume, qu'il y a quelquels reglemens admirables en Dannemarc, et qu'il y en a mème parmy les sauvages de l'Amerique." (Leibniz, Allgem.polit. u. histor. Schriftwechsel, Bd.10 (1979), S. 21)

[20]Leibniz, Allgem.polit. u. histor. Schriftwechsel, Bd.13 (1987), S. 545: "En Amerique encor il y a une difference merveilleuse entre les Galibis ou Caribes par exemple, qui ont beaucoup de valeur, et méme de l'esprit, et entre ceux de Paraguay qui semblent entre des enfans ou des écoliers toute leur vie. Cela n'empeche pas que tous les hommes qui habitent ce globe ne soyent tous d'une méme race, qui a esté alterée par les differens climats, comme nous voyons que les bestes et les plantes changent de naturel et deviennent meilleurs ou dégenerent." (An Joh. Gabriel Sparwenfeld, Hannover 29. Januar (8.Februar) 1697)

[21] In den Nouveaux Essais, Livre III, Chap. 6 (Theoph.) lesen wir: "... si on s'arretoit à l'exterieur on trouveroit encore en parlant physiquement des differences qui pourroient passer pour specifiques. Aussi se trouva-t-il un voyageur qui crut que les Negres, les Chinois, et enfin les Americains n'etoient pas d'une meme race entr'eux ni avec les peuples que nous ressemblent. Mais comme on connoit l'interieur essentiel de l'homme, c'est à dire la raison, qui demeure dans le meme homme, et se trouve dans tous les hommes ...: Nous n'avons aucun sujet de juger qu'il y ait parmi les hommes selon la verité de l'interieur, une difference specifique essentielle, au lieu qu'il s'en trouve entre l'homme et la bète... "in: Philosophische Schriften, Bd. 6, 1962, S. 326

[22]Leibniz: Gedancken zum Entwurff der teutschen Kriegsverfassung (1. Hälfte 1681) "Spanier solten Leute aus America in ihr land versezen, solches wieder mit menschen anzufüllen. Sonderlich Mestechos welche aus Spanier und Americaner vermischung erzeiget; als welche in America zu keinen Aemtern kommen, und daher der neu ankommenden Spanier feinde seyn." (in: Politische Schriften, 2.Bd., 1963, S. 593)

[23

24

25] Brucker, Jakob: Institutiones Historiae Philosophiae, Lipsiae, 1756 (2.Aufl.) S. 884:" In Africa enim et America tam detestabilis ubique superstitio regnat, ut non modo philosophiam omnem, sed et usum rationis eiurasse videantur. Inter Americae gentes tamen nonnulla deprehenduntur, qui castiores de Deo sensus, et naturalem quandam honestatem servant, duce ratione ad eam cognitionem perducti; quae tamen philosophos non faciunt, sed tantum homines rationis usu non carentes. Quae vero nuper Canadiensibus philosophumena non nemo tribuit (Anm.: DE HONTAN dialog.), ea in quandam Christianae religionis ignominiam Huronibus supposita recte videtur."

[26] Herder, Johann Gottfried:Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit , 2.Teil, 6.Buch, Kap.6:"Soll man einen gewissen Haupt- und mittlern Charakter der Amerikaner angeben, so scheints Gutherzigkeit und kindliche Unschuld zu sein, die auch ihre alten Einrichtungen, ihre Geschicklichkeiten und wenigen Künste, am meisten ihr erstes Betragen gegen die Europäer beweisen. Aus einem barbarischen Lande entsprossen und ununterstützt von irgendeiner Beihilfe der kultivierten Welt, gingen sie selbst, so weit sie kamen, und liefern auch hier in ihren schwachen Anfängen der Kultur ein sehr lehrreiches Gemälde der Menschheit."

[27]In Band 9 von Buffons "Histoire naturelle" (1761), wo die Tiere der Neuen Welt behandelt werden, stellt der Autor fest, aus allen Beobachtungen erhelle, daß die Tierarten in Amerika weniger variierten, kleiner und weniger wild seien als in der Alten Welt. Dies wird auf das im allgemeinen kühlere und feuchtere Klima zurückgeführt, wie es für einen Kontinent ganz natürlich sei, der länger als der Rest des Globus unter dem Wasser des Meeres geblieben sei. Dieselbe Degeneration zeige sich bei den eingeborenen Indianern, die lediglich ein Tier von hohem Rang darstellten, wie auch bei Haustieren aus Europa, die dazu neigten, in Amerika kleinwüchsiger und schwächlicher zu werden. (Vgl. Echeverria 1968, S. 7f) Im Jahre 1761 erschienen auch "Peter Kalm's Travels in North America", in denen die Degenerations-These Buffons untermauert wurde; dieselbe Tendenz verfolgten eine Reihe von französischen Autoren wie z.B. De Pauw, "Recherches philosophiques sur les Américains", Berlin 1768, das sehr kontrovers war und bis 1799 insgesamt 11 Auflagen erlebte; dazu kamen 9 Auflagen von De Pauws "Défense des Recherches etc.". De Pauw, der am Hofe Friedrichs II. lebte und die Einwanderungspolitik des Preußenkönigs unterstützte, hielt die Entdeckung Amerikas für das wichtigste und zugleich das verheerendste Ereignis der Weltgeschichte. Eine zweite ähnliche Entdeckung und damit verbundene Entvölkerung zivilisierter Staaten würde die menschliche Kultur schwerlich überstehen.

[28]Paraguay. Republik der Jesuiten daselbst. in: Adrastea. Begebenheiten und Charaktere des achtzehnten Jahrhunderts. Hg. von Johann von Müller. Wien: Grund 1813, S. 259-263 ( = Werke. Zur Philosophie und Geschichte, 10. Theil)

[29]Erst der Ethnologe und Missionar Martin Gusinde hat die letzte Generation der sogenannten "Feuerland-Indiander" gründlich kennengelernt und gegen langandauernde Vorurteile eine komplexe Sprache und Kultur unter ihnen beschrieben. Er war der Auffassung , daß sie "als Angehörige der sogenannten Urvölker zu den ältesten heute erreichbaren Menschengruppen gehören ... Die in jenem Volk ruhenden uralten Menschheitswerte zu heben und zu bergen, das war mein Ziel." (Zit. nach: Andreas Wolfers: "Feuerland. Das Vermächtnis der Schnee-Indianer", in: GEO 1995, H. 3, S. 151.)

[30]Kant, Kritik der Urteilskraft, B 300; "Neuholland" sei, so sagt noch der Brockhaus von 1843 ff, das Festland von Australien.

[31]Kant, Kritik der Urteilskraft, B 301-302

[32]Kant, Rezensionen zu Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, A 154; ed. Weischedel, Studienausgabe Bd.VI, S. 801

[33]Firla, Monika: "Kants Bild von den Khoi-Khoin (Südafrika)". In: Tribus, Bd. 43 (1994) S. 60-94; dies.: "Kants Theorie vom 'Nationalcharakter' der Afrikaner in seinen 'Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen' von 1764". (1996) 12 Seiten, (unveröff. Manuskript); Firla-Forkl, Monika: "Philosophie und Ethnographie. Kants Verhältnis zu Kultur und Geschichte Afrikas". In: Wunsch, Cornelia: (Hg.): XXV. Deutscher Orientalistentag. Stuttgart: Steiner (1994) S. 432-442.

[34]Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon. Leipzig: Brockhaus Bd.1, 1843, S. 284, 290

[35]Den Ausgangstext bildet: Hegel, G.W.F.: Philosophie der Geschichte. Stuttgart, reclam 1961, Einführung von Theodor Litt (Textfassung: F. Brundstäd). Im folgenden: Hegel 1961. Wichtige Abweichungen anderer Ausgaben werden durch Hervorhebungen und Kurzverweise auf die in Anm. 13 angegebenen Textfassungen deutlich gemacht.

[36]Vgl. Durand Echeverria: Mirage in the West. A History of the French Image of American Society to 1815. Princeton, N.J.: Princeton UP, 1957, S. 7f.

[37]Im Jahre 1761 erschienen auch "Peter Kalm's Travels in North America", in denen die Degenerations-These Buffons untermauert wurde; dieselbe Tendenz verfolgten eine Reihe von französischen Autoren wie z.B. De Pauw, "Recherches philosophiques sur les Américains", Berlin 1768, das sehr kontrovers war und bis 1799 insgesamt 11 Auflagen erlebte; dazu kamen 9 Auflagen von De Pauws "Défense des Recherches etc.". De Pauw, der am Hofe Friedrichs II. lebte und die Einwanderungspolitik des Preußenkönigs unterstützte, hielt die Entdeckung Amerikas für das wichtigste und zugleich das verheerendste Ereignis der Weltgeschichte. Eine zweite ähnliche Entdeckung und damit verbundene Entvölkerung zivilisierter Staaten würde die menschliche Kultur schwerlich überstehen.

[38]Die aristotelische Vorstellung von ganzen Völkern, die "von Natur Sklaven" seien, findet sich immer wieder in der europäischen Darstellung nichteuropäischer Kulturen, und die Einwohner Amerikas werden regelmäßig hierunter subsumiert. Eine beinahe wörtlich aristotelische Formulierung dieser Idee hat der britische Autor James Anthony Frounde in seiner "History of England" (1865-70) gegeben, wenn er im Zusammenhang mit der britischen Herrschaft in Irland schreibt: "the ignorant and the selfish may be and are justly compelled for their own advantage to obey a rule which rescues them from their natural weakness ... and those who cannot prescribe a law to themselves, if they desire to be free must be content to accept direction from others." Und: "on the whole, and as a rule, superior strength is the equivalent of superior merit." (Zit. nach Hugh A. MacDougall: Racial Myth in English History. Trojans, Teutons, and Anglo-Saxons. Montreal: Harvest House, 1982, S.99)

[39]Burckhardt, Jacob: Gesammelte Werke, Darmstadt 1962, Bd. 4, S. 152.

[40]Burckhardt, Jacob: Weltgeschichtliche Betrachtungen, o.O.: Neske o.J., S. 63.

[41] Der Ausdruck "Blendling" findet sich bereits bei Kant in der Schrift "Von den verschiedenen Rassen der Menschheit (1775)", wo er über "halbschlächtige Kinder oder Blendlinge (Mulatten)" spricht. (Ed. Weischedel, Studienausgabe Bd.VI, S.13). Der Ausdruck kommt auch vor in der Schrift Kants"über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie" (A 113).

[42]Chamberlain 1940, S.286f.

[43]Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, 2 Bde., 1918, zit. nach der Ausg. München: dtv 3.Aufl. 1975: Bd.2, S.754.

[44]Spengler 1975, Bd.2, S.696.