Annähern und Aneignen (1993)

Das Tagungsprogramm[*] benennt Verhältnisse von Erobern und Erobertwerden als ein "neuzeitliches Syndrom", und ich kann mir vorstellen, daß dies dunkel oder zumindest unverständlich klingt. Es sollte damit aber nicht eine bloße Redensart verwendet werden.

Zunächst scheint diese Benennung unsinnig; denn es hat Eroberungszüge gegeben, seit wir von Menschen wissen. Oder schon viel früher: die Erschließung von Lebensräumen gehört zu den Verhaltensweisen von Organismen. Es dauert nur ganz kurz, bis die frische Lava eines pazifischen Vulkans den Wurzelgrund für Pflanzensamen abgibt, bis also Organismen ein neues Terrain erobern. Vieles von dem, was die Geschichtswerke des Altertums berichten, dreht sich überhaupt nur darum: daß erobert oder Eroberung abgewehrt wird.

Im angekündigten Thema meiner Einleitung zu diesem Symposion ist eine versöhnliche Alternative zur erobernden Aneignung genannt: die Annäherung. Das läßt an Begegnung, Dialog, Selbstfindung im Austausch denken. Ich bin der Auffassung, daß uns letztlich nur die Entwicklung von Fähigkeiten des Annäherns wirklich weiterkommen lassen werden, in der Begegnung der Kulturen untereinander, wie in der alltäglichen Lebenswelt. Zuerst aber müssen wir mit den Voraussetzungen des aneignenden Verhaltens ins Klare kommen, und darum werde ich mich heute doch wieder vor allem auf dieses Thema konzentrieren.

Warum also ein "neuzeitliches Syndrom"?

"Kolumbus", von dem heuer viel die Rede war, kann als Chiffre verstanden werden. Die Idee zu dieser Tagung lag darin, daß "Kolumbus" auf diese Weise verstanden werden soll. "Kolumbus" betritt nicht nur Guanahani/San Salvador, sondern auch die Pole der Erde, den Mond, er benennt die elementaren Bausteine des Universums und der Organismen, er durchschaut die Psyche und die treibenden Faktoren hinter den Absichten von Menschen ebenso wie die Kräfte, die die Geschichte formen. "Kolumbus" ist eine Chiffre für die übergeordnete Instanz. Seit Darwin sieht er sich selbst als Ergebnis einer Evolution und zeichnet seinen Stammbaum so, daß sein Zweig die anderen Zweige entweder hinter sich gelassen oder sich so weit von ihnen entfernt hat, daß er ihr Richter sein kann. Die einen sind ausgestorben - Arten, Kulturen, Rassen. Die andern sind eingeordnet in ein hierarchisches Modell - Rassen, Kulturen, Institutionen. Über alle diese Vorformen seiner selbst steht ihm und nur ihm das Urteil zu, weil er sie alle überlebt hat.

Wenn die Entdecker der frühen Neuzeit in die Geschichte schauen, dann sehen sie nicht mehr - wie die mittelalterlichen Menschen - eine von Anbeginn an gleiche Zahl und Form der Arten, über denen sie selbst eine bevorzugte Stellung einnehmen. Sie sehen aber auch noch nicht Gesetzmäßigkeiten des Prozesses, demgemäß sie selbst nur Zwischenglieder sein könnten.

Der "Kolumbus", der sich als Ergebnis und gleichzeitig Träger einer Entwicklung sieht, hat ein prekäres Verhältnis zu seinen Vorformen und Vorfahren. Er lebt nicht im Austausch mit ihnen, denn sie sind tot oder überlebt. Er sammelt aber diese toten oder lebenden Fossilien - Saurier ebenso wie Steinzeitvölker - und baut Museen, um sie anzuschauen und darin sich selbst: wie er es denn "so herrlich weit gebracht". Nichts davon will er verlieren, noch Unbekanntes will er aufspüren, aber alles hat er überwunden. "Kolumbus" muß all das Überholte erhalten, bewahren, rekonstruieren, konservieren und restaurieren, muß es immer wieder anschauen. Es ist wichtig, dies zu sehen: der neuzeitliche Eroberer weiß von vornherein, daß er nur Unterlegenes entdecken wird, nichts, was ihn wirklich in Frage stellen könnte. Das macht natürlich seine Entdeckungen nicht gefahrlos, das geht auch nicht ohne Überraschungen ab. Aber der neuzeitliche Eroberer zweifelt doch nie an seinem schließlichen Sieg. Ananke und andere göttliche Mächte konnten dem antiken Eroberer einmal gewogen, ein andermal wieder gram sein. Ihr Wirken beeinflußt den neuzeitlichen "Kolumbus" immer weniger.

Seine Bibliothek enthält einerseits die praktischen Werke, die mathematischen, biologischen, strategischen, physikalischen, allgemein: die wissenschaftlichen Reiseführer auf dem Weg des Eroberns - und andererseits die sentimentalen Werke, die Reiseführer der Fantasie. Zu den ersteren zählen in der historischen Bibliothek von Fernan Colon, dem Sohn des "ersten Admirals der indischen Länder", wie er sich nennt, sowohl die vielen Abhandlungen über geometrische und geographische Themen, als auch die "conquista de las yndias"und der "Hexenhammer"; zu den zweiteren der Roman der Rose oder der Gesang vom Cid. In der Bibliothek des Admiralssohnes überwiegen die Abhandlungen zur Geometrie, die Traktate über die Kugel.

Sprachen Römer oder Chinesen von der Welt und setzten sie mit ihrem kulturell-politischen Gefüge gleich, so wußten sie doch immer, daß es an deren Rändern und dahinter noch etwas gibt. Die Fantasmagorie der Weltchronik Hartmann Schedels, im Jahr der ersten Reise des Kolumbus in Nürnberg erschienen, kennt noch die antiken und mittelalterlichen Monster hinter den Grenzen der bekannten Welt (die Einfüßigen, die Hermaphroditen, die Kranichschnäbler usw.), denen die Neuzeit nach und nach den Garaus gemacht hat - aber durchaus nicht sofort, wie Reisende des 17. Jahrhunderts belegen, die in Venezuela den altvertrauten Typus der Menschen ohne Kopf gefunden haben wollen. Für den neuzeitlichen "Kolumbus" gibt es zwar noch weiße Flecken, es gibt unbekannte Kulturen, aber es gibt keine unaufklärbaren Geheimnisse mehr: er wird und kann "alles erklären". Damit erst wird die Welt erobert und unterworfen, angeeignet sein.

Die Eroberung der Welt nimmt in der Neuzeit eine andere Einheit an, als wir sie in den antiken Schriften vorfinden. Alexander von Makedonien begegnet nach dem Zeugnis der antiken Berichte und noch der mittelalterlichen Alexanderhistorie nicht nur und manchmal nicht in erster Linie menschlichen Gegnern. Was ihn wirklich auszeichnet, ist sein siegreicher Umgang mit Monstern: er besiegt die Seeungeheuer vor Alexandria ebenso wie den Basilisken auf dem Zug nach Indien.

Es wird zum Programm der Entmythologisierung der Geschichte zählen, mit solchen Märchen aufzuräumen, ihnen einen anderen Schrank in der Bibliothek zuzuweisen, die Ficta von den Facta zu trennen. Im Fall der erwähnten Heldentaten Alexanders hat Ibn Khaldun um 1400 mit diesem Programm den Anfang gemacht. Dieses Programm der Entfiktionalisierung wird auf vielen Gebieten durchgeführt: in der Exegese der Bibel ebenso wie in der Physik oder der Psychologie. Es läßt sich aber nur durchführen, wenn das erkennende, fühlende, handelnde Subjekt sich selbst zum Objekt erklärt und den Ausweg aus der damit entstandenen Leere durch die Postulierung einer universalen Methode zu gewinnen sucht.

Ein "Kolumbus", der dies tut, ist Descartes. Der Begründer des neuzeitlichen Rationalismus seziert das Gefühl ebenso weg wie Erfahrung und Dialog. Sein erkennendes Subjekt ist völlig einsam: es hat keine Erinnerung an gestern und keinen Entwurf für morgen, es hat nicht einmal einen Leib; niemand und nichts außer seiner Denkfunktion selbst hier und jetzt kann ihm helfen. In dieser vollständigen Reduktion will es einen Weg aus sich selbst herauslegen, um dann alles andere zu klassifizieren, zu beschreiben, um alles gesetzmäßig zu erklären. Der Name "René Descartes", ein Menschenname, der Herkunft, Weiterwirken, einen Lebenslauf bezeichnet, ist nicht einmal eine Metapher für dieses Subjekt: jeder, dem die Wörter und Sätze des "Discourse" oder der "Meditationen" durch den Kopf gehen, soll diesen Kopf verlieren und zum bloß erkennenden Subjekt werden. Öfter noch wird dieses Säurebad in der Philosophie stattfinden: in Kants transzendentalem Ich sind die Erinnerungen an die "Tierheit" zu tilgen, von der derselbe Kant doch in seiner "Anthropologie" bedauernd sagt, daß sie in uns stärker sei als die "Menschheit". Das Absehen vom wirklichen Menschen, dessen Zerlegung in Funktionen, Rollen, meßbare Anlagen oder Fähigkeiten, ist die Reise des "Kolumbus" über das Meer in die "Neue Welt", von der der xihistorische Kolumbus gar nicht wissen muß, daß es sich um dieses handelt: um eine "neue" Welt.

Die Geschichte der neuzeitlichen Philosophie Europas ist nicht hinreichend beschrieben, wenn man sie als eine Geschichte von Reisen sieht, die einen Ausgangspunkt, einen Verlauf und ein Ziel haben. Ebenso einschlägig ist dabei die Metapher der Tour, die an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt und nicht unbedingt, wie die Reise, höher hinauskommt. Es sind die beiden Figuren des Pfeils (der Aufbruch, der Fortschritt, die Reise) und des Kreises (die Rückkehr, die Katastrophe, die Tour), die sich gegenseitig ergänzen durch den Verlauf der Zeit und die unbeabsichtigen Wirkungen des jeweiligen Aufbruchs, in der Spirale (die Dialektik, die Entwicklung).

Der Ausgang vom Eigenen führt zu Fremdem. Dabei ist das Eigene zuerst und immer wieder zu sichern. Bei Sigmund Freud findet sich einmal der Hinweis auf die Vorsicht, die bei jedem Vorrücken angebracht ist: das vorrückende Heer muß Sicherungsplätze für Rückzug, Versorgung und Befestigung des eroberten Gebiets anlegen, muß einen Teil seiner Kräfte zurücklassen, je weiter es vorrückt. Sind diese zu gering, ist das Hinterland des Vormarsches und damit der Sinn des Ganzen gefährdet. Sind sie zu stark, so schwächt dies die Hauptmacht und bringt überdies die Gefahr der Verselbständigung des Hinterlands.

Das cartesianische Subjekt erinnert sich nicht, es läßt keine Sicherung zurück, geht ausschließlich voran (das ist nicht der historische Descartes - aber es ist dessen Idee von sich als von einem erkennenden Subjekt, und daran wäre nichts von Interesse, wenn es nicht eine attraktive Idee für die Neuorientierung in der Wissenschaft der Neuzeit gewesen wäre). Es schreitet voran, mit nichts als mit seiner Vernunft ausgestattet, und es gibt den Dingen, die ihm unterwegs begegnen, neue Namen. Es klassifiziert, benennt, erklärt die Inseln, die Völker, die Pflanzen, Kunstwerke und Gemütsregungen ganz so, als hätten sie bisher noch keine Namen gehabt. Was der historische Kolumbus tut, wenn er die Insel "San Salvador" nennt, tut Marx, wenn er von "Produktionsverhältnissen" und Freud, wenn er vom "Es" spricht. Es ist hier ein Fremdes, das bislang ohne Bewußtsein seiner selbst war und auf seinen wirklichen Namen gewartet hat. Nun wird zunehmend alles in ein absolutes Koordinatensystem eingeschrieben. Und manchmal, wie in der Kartographierung der Erde, setzt sich ein solches Koordinatensystem weitgehend unangefochten durch. Japaner bezeichnen heute ihr Land als einen Teil des "Fernen Ostens" und sprechen davon, daß Syrien im "Nahen Osten" liege, was von Japan aus gesehen natürlich unplausibel ist. Die geographischen, historischen, sozialen Koordinaten legen sich von Greenwich, Christi Geburt und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte aus um den ganzen Globus, sodaß nun jeder Ort, jede Zeit, jede Kulturleistung und Gemütsbewegung von "Kolumbus" einen endgültigen Namen, eine Stelle im System erhält. Auf der Erdkugel "unten" ist Afrika, sagt schon Comenius in seinem Orbis Sensualium Pictus.

Die Reise des neuzeitlichen Eroberers ist erfolgreich auf vielen Gebieten: der Norden ist oben, der Süden unten; die Geschichte zeigt wissenschaftlich, welche Parteinahme richtig ist; der Intelligenztest erweist die weiße Rasse als diejenige mit der höchsten Problemlösungskompetenz usw.

Der jeweilige "Kolumbus" kehrt aber von jeder seiner Reisen zurück und stößt auf Unglauben und Konkurrenz. Damit wird die Reise zur Tour: hin und zurück, immer wieder. Ein anderer "Kolumbus" bricht auf, ein anderes "Paradigma" wird als Netz über die Welt geworfen. Einmal heißt die Inselgruppe "Las Malvinas", dann wieder heißt sie "Falklands" - wie heißt sie wirklich?

Es ist das Entscheidende an diesem Prozeß der Aneignung der Welt, daß die Frage nach dem wirklichen Namen der Inseln unsinnig ist. Und das bezieht sich nicht nur auf Inseln, sondern auf alle möglichen Sachverhalte: der passendste, plausibelste Name meines Gefühls könnte "Fixierung" sein, und nicht "Liebe". Eigentlich reagiere ich als weitgehend phylogenetisch erklärter Organismus auf Lichtwellen einer bestimmten Länge, wenn ich den Sonnenaufgang genieße oder ein Gedicht lese. Der jeweilige "Kolumbus" will mir sagen, wo ich lebe: in seinem San Salvador und nicht in meinem Guanahani.

Die neuzeitlichen Namen der Dinge bestimmen sich nach dem Netzwerk, in dem sie Sinn ergeben, nach der Systematik, und letztlich danach, was man mit ihnen anfangen kann, also nach ihrer Zweckmäßigkeit.

Welchen Zweck aber verfolgt "Kolumbus", zu welchem Zweck geschieht die Reise, die alles aufklärt?

Geschichtsphilosophen haben von der Veredelung der Menschheit gesprochen und einige Philosophen und Gnostiker - wie Lessing, Herder oder Teilhard de Chardin - sogar von einer Metamorphose geträumt, in der "die Menschheit" in eine ganz neue, uns noch kaum vorstellbare Zukunft übergehen würde.

Der Zweck der Reise, des Aufstiegs, des Fortschritts wäre unter einer solchen Voraussetzung doch nur vorläufig die "Entdeckung", die Komplettierung der Beschreibung im Ausfüllen der weißen Flecken, und die Systematisierung aller Erklärungen. Diesem vorläufigen Zweck dient die Technik, die die Reise, den Fortschritt "höher, weiter, schneller" durchführen läßt.

Wollen wir uns darüber klarwerden, worin der Eroberungsimpuls des neuzeitlichen Bewußtseins besteht, worin also beispielsweise die kolonialistischen, rassistischen, sexistischen Herrschaftstheorien ihre Wurzel haben, so dürfte diese Frage nicht ohne eine gewisse Selbst-Verunsicherung anzugehen sein. Es scheint mir, daß es sich hier zuletzt um eine religiöse Frage handelt.

Erinnern wir uns an den Vorwurf gegenüber der jüdischen und der christlichen Religion, daß die bedenkenlose und ausschließlich auf kurzfristige Erfolge berechnete technische Ausbeutung der nichtmenschlichen Natur auf eine Maxime des ersten Buches Mosis zurückgehe. Tatsächlich haben Fortschrittsgläubige des 19. Jahrhunderts in der Maxime "Macht euch die Erde untertan!" den rationalen Kern dieser beiden Religionen in Hinsicht auf die "Natur" gesehen; daß kritische Stimmen der letzten Jahrzehnte gegen diese Maxime und damit gegen diese beiden Religionen zahlreich sind, braucht wohl nicht belegt zu werden.[1]

Wenn ich sage, es handle sich bei der Frage nach dem Zweck der "Reise" des neuzeitlichen Menschen um eine religiöse Frage, so denke ich aber nicht in erster Linie an die jüdische oder/und die christliche Religion, Ich denke an jene dualistischen Theologien, die durch mehr als tausend Jahre eine Alternative zum Weltverständnis der Bibel formuliert hatten und etwa mit dem Beginn der Neuzeit verschwunden sind. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die dualistischen Religionen Europas verschwunden sind, weil sie überflüssig wurden, weil ihre zentrale Aussage in neuer Sprache, in der Sprache der Wissenschaft Teil des allgemeinen Bewußtseins wurde. Ihre Lehren sind unter verschiedenen Namen bekannt (Manichäer, Bogumilen, Katharer usf.), die damit verbundenen sozialen und kirchlichen Einrichtungen, Kämpfe und Verfolgungen einigermaßen bekannt. Es muß zumindest auffallen, daß es diese dualistischen Religionen wirklich nicht mehr gibt. Ich nenne sie mit dem allgemeinen Namen des Manichäismus. [2]

Hinsichtlich unserer Frage nach dem Verhältnis des neuzeitlichen Menschen zu seiner Mit- und auch zu einer Umwelt, also zu den "anderen" Menschen und zur "Natur" ist der Manichäismus von außerordentlichem Interesse. Die Welt der Materie - auch der Mensch, sofern er materielles Wesen ist - ist nach manichäischer Auffassung nicht vom Gott des Lichts geschaffen, sondern von dessen ewigem und gleichrangigen Gegenspieler. Diese Materie ist für den Erkennenden, den Gnostiker, den Träger des göttlichen Funkens (und welche Bilder sonst noch gefunden werden, um auszudrücken, daß der entscheidende "Teil" des Menschen nicht materieller Natur sei) ein Mittel oder auch ein Hindernis, ein Widerstand oder ein Vehikel zur wahren Erkenntnis. Sie ist jedenfalls ohne Selbstwert.

Mir scheint der Manichäismus darum von so enormem Interesse, weil darin der Geist, der Intellekt, das Wissen allein einen Selbstwert darstellt, dem buchstäblich alles andere unterworfen ist und zwar: ohne eigenen Wert und eigenes Recht unterworfen. Dies war weder die jüdische noch die christliche Sicht der Dinge.

Führen wir uns ein gnostisches Argument unserer Tage vor Augen, so könnte klar werden, was gemeint ist. Das Argument läuft so:

1) Alle Intelligenztests belegen eine durchschnittliche Überlegenheit im Problemlösungsverhalten in der weißen gegenüber der schwarzen Bevölkerung der USA.[3]
2) Es ist absehbar, daß die Zunahme der Weltbevölkerung und die Auswirkungen der angewandten Techniken immer größere Probleme aufwerfen, deren Lösung immer schwieriger werden wird.
3) Höhere Problemlösungsfähigkeiten sind daher für die gesamte Menschheit von vitalem Interesse.
4) Daraus folgt, daß es im vitalen Interesse der gesamten Menschheit liegt, durch rassenpolitische, bildungspolitische und andere Maßnahmen den weißen Bevölkerungsteil der USA stärker zu fördern als den schwarzen.

Dies ist ein manichäisch-gnostisches Argument, dessen wichtigste Voraussetzungen im zweiten Satz enthalten sind, der allerdings eine ganz einfache Prognose auszudrücken scheint. Tatsächlich scheint mir diese Prognose zwei Voraussetzungen zu verdecken:
erstens, daß die vorausgesagten Probleme von anderen als denjenigen verursacht werden, die zu deren Lösung beitragen sollen - schon diese Voraussetzung muß zumindest differenziert werden;
zweitens, daß die Intelligenz Macht über alle Faktoren der Realität haben sollte.

Insbesondere die zuletzt genannte Voraussetzung ist für uns von Belang. Ich meine darin folgendes zu hören: die Intelligenz (die "Wissenschaft") hat beispielsweise nicht die Macht, eine Idealmenge von Menschen auf diesem Planeten so zu begrenzen und zu verteilen (durch klare Bevölkerungspolitik in einer allgemeinen Weltordnung), daß ein optimaler Zustand des Zusammenlebens und der Verwendung natürlicher Ressourcen gewährleistet wäre. Solange dies so ist, werden stets von einem Teil der Menschheit - wahrscheinlich von dem zahlenmäßig größeren Teil - Probleme produziert, die deren Produzenten nicht mehr lösen können. Darum braucht es die Herausbildung einer möglichst hohen intellektuellen Kompetenz, die allerdings nur einer Minderheit zukommt. Wäre dem anders, so würde vielleicht zur Lösung desselben Problems etwas anderes gemessen: etwa die emotionalen und sozialen Kompetenzen oder die Fähigkeit, berechtigte Angst zu haben.

Es handelt sich bei der Höchstschätzung des Intellekts um die Vorstellung, daß die natürlichen Bedingungen der Existenz von Menschen auf der Erde lediglich Mittel zur Erreichung eines anderen Zwecks als dieses Lebens selbst seien, mithin um eine religiöse Vorstellung. Die Wissenschaft bildet ihren Kern. Die Erde kann in dieser Gedankenwelt als ein "Raumschiff" gedacht werden, das unterwegs ist zu einem Ziel, allerdings ständig außer Kontrolle zu geraten droht. Der entscheidende Teil seiner Besatzung hat alle seine intellektuellen Kräfte aufzubieten, um es nicht schlingern oder den Kurs verlieren zu lassen. Wohin führt aber dieser Kurs, wohin geht die Reise? Sind den Kommandeuren des Raumschiffs das Ziel und die Mittel zu dessen Erreichung bekannt oder empfangen sie Weisungen von einer Zentrale, die das Ziel definiert? Da diese Fragen von einer Wissenschaft her offen bleiben, die sich mit Funktionen und Wenn-dann-Erklärungen befaßt, handelt es sich beim "Raumschiff Erde" um eine theologische Metapher. Es ist die Metapher einer manichäischen Theologie: die natürlichen Bedingungen und Entwicklungen reichen nicht aus, das Schiff auf Kurs zu halten, sie müssen von überlegenen, d.h. von intelligenten Wesen kontrolliert und korrigiert werden.

Das vordergründige Ziel der Fahrt ist klar: es ist das Überleben der Art. Dafür sind alle Errungenschaften der Technik und des Wissens einzusetzen. Aber nur vordergründig ist dies das Ziel, denn nach allem, was wir (z.B. über die nicht-technische Bevölkerungskontrolle von Populationen in einer extremen Umwelt wie dem kalifornischen Death Valley, um willkürlich irgendein Beispiel herauszugreifen) wissen, könnte der homo sapiens auf andere Weise ebenso wahrscheinlich überleben: durch einen allgemeinen Rückzug aus allen Techniken der Verarbeitung natürlicher Stoffe, die über einen primitiven Ackerbau hinausgehen. Das Szenario wäre schauerlich, aber nicht unbedingt gefährdend für die Art: ein Aussterben der Menschen in Städten und industriellen Ballungszentren, ein allgemeiner und rapider Rückgang der Bevölkerung - aber mit all dem würde nicht die Art aussterben.

Ältere Ordnungsvorstellungen werden nur noch im Museum oder im Reservat zugelassen. Wir sind gewohnt, die Anrufung des Flußgottes beim Bau einer Brücke, das Opfer an den Berggeist beim Betreten eines Stollens oder die Beschwörung des Jagdtieres vor seiner Tötung, wie andere animistische Verhaltensweisen im Umgang mit der außermenschlichen Natur, als etwas Überflüssiges und dem Fortschritt Hinderliches anzusehen. Menschen, die solche Rituale ernsthaft ausführen, d.h. denen der Fluß-, Berg- oder Tiergeist auch einmal verbieten kann, etwas durchzuführen, sind für die Verwaltung und Einrichtung des "Raumschiffs Erde" unbrauchbar. Sie sind keine Wissenden, keine Gnostiker. Sie anerkennen die Rechte nichtmenschlicher Dinge, also Rechte von Dingen oder Lebewesen, die nicht argumentieren. Die Wissenschaft hingegen kümmert sich nur um die Funktion solcher nicht-argumentierender Dinge und stellt sie in den Dienst des Intellekts. Sie hat dabei die Grenze nicht immer beim homo sapiens gezogen. Das vorhin angeführte Argument - und andere rassen-, kultur- und geschichtstheoretische Argumente - ziehen die Grenze viel enger: auch Menschen können auf solche Weise ausgegrenzt werden, daß sie nicht zur Klasse der argumentierenden Wesen zählen und damit auch keine Eigenrechte haben. Die Geschichte der "Reise" des "Kolumbus" in die neuen Welten der anderen Kulturen, der anderen Rassen bietet eine Fülle von Beispielen dafür, und von einigen wird in den kommenden Tagen die Rede sein.

Alle vorindustriellen Kulturen kennen Rituale, die Eigenrechte solcher Dinge voraussetzen, die nicht argumentieren. Hingegen ist die neuzeitliche Wissenschaft darauf aus, solche Rituale zu reduzieren oder überhaupt abzuschaffen. Es steht in einem engen Zusammenhang damit, wenn mit der Abkehr von "abergläubischen" oder "animistischen" Praktiken auch derjenige Bereich der Welt neu bestimmt - und zwar unterschiedlich eng bestimmt - wird, der die überhaupt möglichen Diskurs- und Argumentationspartner umfaßt. Ein besonders auffallender Sachverhalt in diesem Prozeß ist die Verwendung des Ausdrucks "anthropomorph".

In derjenigen Richtung der Geschichtsphilosophie, die wir gewöhnlich als "positivistisch" bezeichnen, ist die Tendenz, sogenannte "Anthropomorphismen" zu vermeiden, am deutlichsten wahrnehmbar. Die Gedankenrichtung verläuft dabei stets nach einem Schema, das wir bei Auguste Comte immer noch am besten nachlesen.

Der erste Schritt besteht in der Feststellung, daß nachweisbare, überprüfbare, wissenschaftlich verwertbare Ursachen für beobachtete Sachverhalte ausschließlich im Sinn der "causa efficiens" vorliegen, daß also zum Zweck der Erkenntnis der Realität - um welche Realität immer es sich auch handelt - Wirkursachen und deren Gesetzmäßigkeiten aufzusuchen sind.

Der zweite Schritt bei Comte liegt in seiner Feststellung, daß die tatsächlichen Ursachen für viele Phänomene den Menschen der Vergangenheit und Gegenwart unbekannt sind, trotzdem aber das Verlangen besteht, auch in dieser Situation ein diagnostisches, auf die Gegenwart bezogenes, und ein prognostisches Wissen um diese Phänomene zu haben, sodaß zukunftsbezogenes Handeln auf der Grundlage dieses Wissens möglich wird. Ebendies war ja auch das Ziel des rituellen "Wissens" gewesen, das nun Aberglaube wurde und durch Tatsachenwissen ersetzt werden sollte.

Nun stellt Comte fest, was in der Diskussion um die Berechtigung teleologischer Erklärungen natürlicher Phänomene schon früher festgestellt worden war, daß die Erklärungsmuster, sofern sie nicht den Bedingungen der modernen Wissenschaftlichkeit entsprechen, "anthropomorph" seien. Belege dafür finden sich unschwer: ein Gott läßt die Erde beben zur Warnung oder Strafe; ein höheres Wesen hat die Klimazonen und die Bodenschätze verteilt zum Wohle der Menschen usw. Der Hinweis auf den Zorn des kleinen Kindes gegen die Tischkante, die ihm "wehtut", fehlt in diesem Zusammenhang selten. Die ganze "Natur" wird in den vorneuzeitlichen Wissensformen anthropomorph gesehen und erklärt.

Comte hat, wie man gelegentlich liest, die Soziologie als Wissenschaft begründet. Das kann so verstanden werden, daß seine Kritik der anthropomorphen Erklärungen und sein entsprechender Plan einer wissenschaftlichen Erklärungsform sich auch auf die Idee bezieht, die Menschen sich von sich selbst und ihrer Gesellschaft machen, das heißt: daß die Kritik auch besagt, es sei falsch, menschliches Verhalten und menschliche Verhältnisse "anthropomorph" zu beschreiben und zu erklären.

Dies ruft den Einwand der Philologen hervor, die natürlich zu Recht betonen, daß "ánthropos" und "morphé" nichts anderes im Griechischen bedeuten als "Mensch" und "Form", sodaß eine "anthropomorphe", eine "menschenförmige" Erklärung menschlicher Verhältnisse das einzig Angemessene sein müsse. Mit dem etymologischen Hinweis ist hier aber gar nichts gewonnen, denn der Anspruch, der mit der Kritik am Anthropomorphen erhoben wird, geht ja nicht auf ein Verkennen des Menschlichen, sondern darauf, den Menschen aus seinen wirklichen und nicht aus seinen eingebildeten - erhofften, befürchteten - Motiven und Anlagen heraus zu erklären.

Es ist unnötig, die Weiterungen und einzelnen Stationen des Streits darum, was die wahre Wissenschaft vom Menschen sei, auszuführen. Ich möchte nur einen Gedanken etwas weiterführen, der den Gegenstand einer solchen Wissenschaft selbst betrifft, also die Frage: wer ist ein Mensch?

Um die Frage nicht allzu naiv klingen zu lassen, möchte ich auf eine Diskussion verweisen, die in den Bereich der angewandten Ethik fällt: die Auseinandersetzung um die Euthanasie. Ist das Leben eines von Menschen gezeugten Lebewesens in jedem Fall schützenswert, lautet die Frage. Sie ist so nicht deutlich genug formuliert, denn ich denke nicht an die Frage des Verbots von Selbsttötung, sondern nur an den Schutz des Lebens durch andere, dazu befähigte Menschen. Ich denke auch nicht - obwohl das hierhergehören würde - an die Frage, ab welchem Zeitpunkt oder Entwicklungsstadium etwas als ein Mensch angesehen werden muß; ich denke nur an den Fall von bereits eindeutig selbständigen Lebewesen - geborenen Menschen -, deren Lebensrecht aus irgendeinem Grund jemandem fraglich erscheint, also an die fragliche Berechtigung der Fremdtötung aufgrund übergeordneter Rechte anderer Menschen.

Diese Frage wird zumeist heute an klinischen Fällen diskutiert, in denen die "Menschenförmigkeit" eines von Menschen gezeugten Lebewesens nicht oder nur noch in wenigen animalischen Funktionen erkennbar ist. Ich möchte aber an einen anderen Komplex von Fällen erinnern und dazu den späteren Wiener Philosophieprofessor Jodl zitieren, der in seiner Arbeit über die "Culturgeschichtsschreibung" (1878) feststellt:

"Was einst Aberglaube, Inquisition, Hexenprocesse, Fürstenlaunen und Cabinetskriege an Opfern von Menschenleben erheischten, verlangt heute ebenso gebieterisch, nur in stärkerem Maasse, in grösserer Zahl die moderne liberale Civilisation; aus andern Gründen freilich, aber die Thatsache bleibt doch bestehen."

Im Klartext heißt das: nicht nur der Aberglaube der Phöniker oder Azteken, nicht nur der Fanatismus der Inquisition, genauso die "moderne Civilisation" fordert und erhält Menschenopfer.

Ich verstehe diese Aussage als einen Beitrag zur Euthanasiedebatte. Die "Inquisition, Hexenprocesse" etc. sind nach dem Verständnis ihrer Verfechter - und, wie man wohl annehmen kann, zuweilen auch ihrer Opfer - Säuberungsaktionen, bei denen Menschen letztlich nicht geschadet, sondern genützt wird. Die "Hexe" oder der "Hexer" hat nach Meinung einiger neuzeitlicher Theologen keine bessere Chance als den Tod auf dem Scheiterhaufen. Das Wort des Inquisitors und Kommandanten im Vernichtungskrieg gegen die Albigenser, das vor der Einnahme von Beziers an die Soldaten ausgegeben wurde: "Tötet sie alle; Gott wird die Seinen erkennen" ist ebenso gleichzeitig grausam - denn es tötet auch "Unschuldige", d.h. "Rechtgläubige" - wie barmherzig - denn es schafft die Krankheit des Unglaubens mit Sicherheit aus der Welt. Und den getöteten "Unschuldigen" widerfährt letztlich kein Unheil, denn "Gott" wird sie "erkennen" und damit werden sie gerettet sein. Das Zuendeführen eines einmal begonnenen Lebens für sich allein hat keinen Wert vor der Ordnung der Vorsehung. Häretiker, Hexen usw. können nicht nur, sie sollen beseitigt werden, und zwar auch in ihrem eigenen Interesse, das sie nicht kennen.

Was Jodl nun der "modernen liberalen Civilisation" zuschreibt, ist von ganz ähnlicher Qualität. Es ist das "Königsrecht", die "Barbarei" auszurotten, wie Jacob Burckhardt sich etwa zur gleichen Zeit ausgedrückt hat. Denken wir das zu Ende, so sind wir schnell an dem Punkt, daß es "lebensunwertes Leben" gibt - und zwar nicht nur bei Insekten oder Mikroben, sondern bei Lebewesen der Art homo sapiens. Was ihr Recht auf Leben verwirkt, ist die Art, wie sie es führen. Wenn sie nicht zivilisierbar sind, ist es besser - "eher wünschenswert", sagt Burckhardt -, daß sie verschwinden. Andernfalls werden sie stets "die Zivilisation" behindern. Diese aber ist ebenso nicht nur das höchste, sondern das absolut bevorrechtigte Ziel, wie es für die Inquisitoren das Reich Gottes war.

Die Argumentationen über Recht oder Unrecht in den Kolonialkriegen liefern eine Überfülle an Belegen für dieses Dogma: es gebe dem Gang der Geschichte gegenüber kein Recht, keine Instanz, und dieser Gang der Geschichte sei bekannt.

Menschen sind also unter dieser Annahme nicht gleich Menschen in ihrem Lebensrecht. Um das zu erhärten, wird seit geraumer Zeit die Wissenschaft eingesetzt, die nicht "anthropomorphe" Erklärungen für dasjenige sucht, was Natur und Menschheit treibt, sondern auf gemessenen Tatsachen fußende Gesetzmäßigkeiten. Es genügt an dieser Stelle, auf die mehr oder weniger durchgebildeten und verbreiteten Theorien über die Verschiedenheit der Fähigkeiten, Anlagen, über die verschiedene Wertigkeit von Menschen hinzuweisen, die unterschiedlichen Rassen angehören.

Wir haben, scheint es, einen langen Weg gemacht und es ist nicht klar, ob die Abweichungen nur scheinbar waren: was hat die Religionsgeschichte Europas mit den Entdeckungsreisen, der Reflexion des Descartes, mit der methodischen Ablehnung anthropomorpher und teleologischer Erklärungen und mit Rassentheorien zu tun?

Was, schließlich, hat "Kolumbus" mit all dem zu tun?

Ich will die Sache noch einmal an der Praxis des Benennens verdeutlichen. Die Insel, auf der der historische Kolumbus zuerst landet, bekommt von ihm einen Namen (und dasselbe passiert noch ungezählte Male mit Bergen, Pflanzen, Tieren, Völkern, menschlichen Vorstellungen und Leidenschaften usf.). Den Dingen einen Namen zu geben, war der Auftrag Adams nach dem Bericht der Genesis. Sie sind damit abgegrenzt und eingeordnet. Die Dinge wehren sich nicht, sie sprechen nicht über sich selbst. Es ist zwar ein Unterschied in der Gewohnheit, ob ein Objekt als Namen "San Salvador" oder "N 12" bekommt - die erstere Praxis verweist auf ein theologisches Weltbild, die zweitere vielleicht auf ein positivistisches -, aber in jedem Fall bleibt gleich: die entdeckten und zu erobernden Dinge benennen sich nicht selbst. Und dies gilt eben nach der Auffassung der neuzeitlichen Wissenschaft nicht nur für Inseln, Sterne, Mineralien, Pflanzen und Tiere, sondern auch für alle Menschen, soweit sie sich in einem anderem als dem durch das jeweilige Wissenschaftsparadigma bestimmten Modell verstehen. Dieses wiederum ist von der Grundvoraussetzung her berechtigt, daß dieses Paradigma die bisher höchste Stufe eines Prozesses darstellt, den man den Gang der Geschichte nennt. Das Entscheidende an diesem Prozeß ist es, daß darin eine Verobjektivierung der Realität in dem Sinn stattfindet, daß erlebte Qualitäten - das eigene Empfinden, die Interpretation von Erfahrung als sinn- und bedeutungsvoll - nur mehr als vorwissenschaftlicher Rückstand aus mythologischer Zeit zu betrachten seien. Es gibt den Prozeß, er verläuft gesetzmäßig auf ein Ziel hin, aber das Ziel ist immer ausständig und vor allem: der Zielsetzende bleibt unbekannt. Die Zielsicherheit des Gangs der Geschichte rechtfertigt jedes Opfer, die "Zivilisation", die "Kultur" oder die "Herrenrasse" steht im Dienst dieses Prozessen und gewinnt daraus jedes Recht. Unterwegs zum Ziel der Geschichte - d. h. immer - sind die Möglichkeiten auszubauen, die Materie zu beherrschen. Dabei wird alles zur Materie, auch das eigene Bewußtsein. Wenn man dies theologisch und nicht im Sprachgebrauch der neuzeitlichen Wissenschaft formulieren wollte, so käme wohl ein Dualismus heraus: es gibt einen sinnstiftenden, guten Gott, aber er hat wenig oder nichts mit der Welt zu tun - die Welt mit allem, was darin ist, wurde von einem Demiurgen gemacht, dessen Pläne nur wenn-dann-Sätze enthalten: wenn Atmosphäre einer bestimmten Zusammensetzung gegeben ist, bilden sich Aminosäuren; wenn demokratische Institutionen vorherrschen, steigt das durchschnittliche Wohlbefinden usw. Der gute Gott der vorneuzeitlichen Teleologie hatte die Metalle, die Bestien, die gerechten wie die ungerechten Könige usw. zu dem Zweck geschaffen, damit daraus etwas Gutes werde. Der Demiurg hat die Welt zwar rätselhaft, aber nach erkennbaren Kausalgesetzen eingerichtet, und die Erkenntnis dieser Gesetze wird uns befähigen, erfolgreicher als zuvor den Weg der Geschichte zu verfolgen. Einen Weg allerdings, dessen Ziel wir entweder nicht kennen oder das es gar nicht gibt. Wenn darin das aneignende und erobernde Verhalten der neuzeitlichen Wissenschaft seinen Kern hat - in der erfolgreichen Beschreibung einer sinnlosen Welt -, so werden wir gut daran tun, die Möglichkeiten des Dialogs und der Begegnung zu entwickeln. Dazu aber sind diejenigen Denkformen in unserer wie in anderen Kulturen lebendig zu halten, die den Normalitätsanspruch der Totalerklärung nicht erhoben haben oder nicht erheben wollten.

[*] Text des Eröffnungsvortrags zu dem Symposium "Mit Eroberungen leben" am IWK, Wien (1992). Zuerst in: Wimmer, Franz M. und Eva Waniek (Hg.): Mit Eroberungen leben.Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst, Wien. H. 1-2, 1993, S. 5-10.

[1]Ich möchte nicht von einer "jüdisch-christlichen" Tradition sprechen, denn das verdeckt zuviele Unterschiede, aber darauf einzugehen, ist hier nicht der Ort.

[2]Dies ist zwar religionsgeschichtlich ungenau, doch hat auch die späte Auseinandersetzung (um 1700) diesen Ausdruck verwendet und etwa von einem "Manichaeismus ante Manichaeos" gesprochen.

[3]Dieser erste Satz des Arguments ist umstritten und soll hier nicht als gültig behauptet werden; er wird aber vertreten, und mir kommt es auf die weiteren Schritte des Arguments an.