Aufklärung und Modernität (1993)

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Kaum eine Epochenbezeichnung in der europäischen Geschichte hat einen derart schmeichelnden Namen erhalten wie die "Aufklärung". In allen europäischen Sprachen liegt im Namen dieser geistesgeschichtlichen Epoche etwas Leuchtendes, Helles, Zukunftsfreudiges: die Engländer sprachen von "enlightenment", ganz ähnlich die Franzosen von "eclaircissement" usw.

Was war das Dunkle, das die "Aufklärer" beseitigen wollten? Wer waren diese Leute, wer waren ihre Gegner? Was erhofften sich die "Aufklärer" für sich oder für andere und was haben sie erreicht? Diese Fragen sind eigentlich viel zu weit gestellt, als daß es zulässig wäre, sich auf "die Philosophie" zu beschränken. Dennoch dazu einige grob verallgemeinernde Thesen:

1) Die "Aufklärung" richtet sich gegen jede bloße Tradition.
2) Die "Aufklärer" waren Angehörige des Bürgertums in feudalen Gesellschaften
3) Die Gegner der "Aufklärung" waren Angehörige oder Vertreter der feudalen oder klerikalen Oberschicht, in einer späteren Phase auch der sich politisch emanzipierenden arbeitenden Klasse.
4) Die "Aufklärer" wollten eine an den Wissenschaften orientierte Welt- und Gesellschaftsordnung, in der vernünftige Grundsätze, von allen Menschen einsehbar, alle Verhältnisse regeln sollten.
5) Die "Aufklärung" hat in einer beeindruckenden Zahl von Fällen Ziele erreicht, die auf eine globale Annahme wichtiger Techniken und gesellschaftlich-politischer Ziele hinausläuft.
Zu diesen Thesen nun im einzelnen:

Die Aufklärung richtet sich gegen jede bloße Tradition

Wir begegnen im englischen, französischen, deutschen, italienischen Bürgertum des 17. und 18. Jahrhunderts in deutlich zunehmendem Maß Autoren, die es sich zur Aufgabe machen, mit Aberglauben und Traditionshörigkeit abzurechnen, wo immer sie solches festzustellen glauben.

Eines der ersten Zeugnisse dafür ist das Lehrstück des englischen Lordkanzlers Francis Bacon von Verulam, das als die "Lehre von den Idolen" (oder Trugbildern) in die Literatur eingegangen ist. In seinem "Neuen Organ der Wissenschaften" hat Bacon neben anderen, in der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte wirksamen Ideen (vor allem seine Theorie des Experiments und der induktiven Erkenntnis sind hervorzuheben) eine Theorie darüber entwickelt, wie es zu Vorurteilen und Fehlurteilen beim Menschen kommt. Diese Theorie ist unter dem Namen der Idolenlehre bekannt, weil Bacon darin die Quellen für Fehlurteile in vier "idolae" sieht.

Diese "Idole" halten den menschlichen Geist befangen und verunmöglichen ihm einen direkten Zugang zur Wirklichkeit; damit ist Wissenscchaft und Forschung behindert und es ist ein wichtiges Unternehmen, diese Behinderungen der menschlichen Erkenntnis ausfindig zu machen und Methoden zu finden, sie zu neutralisieren. Was sind das für Vorurteile?

(1) Die "Vorurteile der Gattung" ("idola tribus"). Diese erste und grundlegende Form der Begrenzung des menschlichen Verstandes beruht auf Eigentümlichkeiten der menschlichen Natur. Es "geschehen alle Auffassungen der Sinne und des Verstandes nach der Natur des Menschen, nicht nach der Natur des Weltalls. Der menschliche Verstand gleicht einem Spiegel mit unebener Fläche..."

Aus dieser "menschlichen Natur" entstehen Neigungen, die der Erkenntnis der Wirklichkeit abträglich sind, wobei Bacon auf folgende hinweist:

- Menschen neigen dazu, mit demjenigen Teil der Realität zufrieden zu sein, den die Sinne zeigen. Solche Dinge wie "Luft" würden daher nicht untersucht;
- Menschen verbleiben gerne in hergebrachten oder gern geglaubten Ideen;
- Menschen lassen sich in ihrem Denken und Urteilen vom Gefühl und vom Willen leiten;
- Menschen neigen dazu, Abstraktionen für Dinge zu halten, überall einen Sinn hineinzulesen und die Natur nach der eigenen Lebenserfahrung zu interpretieren.

Diese erste Form von "Idolen" sei allen Menschen gemeinsam - es handelt sich also nicht um etwas wie "Ideologien" im modernen Sinn, sondern um die menschennatürlichen Bedingungen von Wahrnehmung und Denken. Durch ein methodisches Vorgehen sind diese Begrenzungen zumindest teilweise aufzuheben. Um dafür ein modernes Beispiel zu geben: Menschen können ultraviolette Lichtstrahlen nicht "sehen", wohl aber mit Hilfe von Instrumenten messen und mithin "wahrnehmen".

(2) Vorurteile des Standpunkts ("idola specus"). Hier denkt Bacon an die Vorstellungswelt des Einzelmenschen. Jeder "hat eine besondere Höhle oder Grotte, welche das natürliche Licht bricht und verdirbt..." Damit sind also individuelle Beschränktheiten angesprochen, deren Gründe in der je eigentümlichen Natur, in der Erziehung und im Umgang mit anderen Menschen, in den bestimmten Büchern, die jemand gelesen hat, bei den Autoritäten, die jemand verehrt, in der Unterschiedlichkeit der gewonnenen Eindrücke und ähnlichen Dingen liegen, die für jeden einzelnen Menschen verschieden sind.

(3) Vorurteile der Gesellschaft ("idola fori"). Damit spricht Bacon die kollektiven oder kulturellen Voreingenommenheiten an. Diese Art von Vorurteilen ergibt sich aus dem Verkehr der Menschen untereinander, aus der Sprache, die sie sprechen und aus den Gebräuchen und Gesetzen, die sie befolgen. "... die Menschen gesellen sich zueinander vermittels der Rede; aber die Worte werden den Dingen nach der Auffassung der Menge beigelegt; deshalb behinderts die schlechte und törichte Beilegung der Namen den Geist in merkwürdiger Weise."

Bacon verweist hier insbesondere auf Wörter für Nichtexistierendes, wie z.B. Glück (fortuna), Erster Beweger=Gott (primum mobile) u.ä. Solche Wörter führen zu endlosen Streitigkeiten, wobei es sich eben nicht nur um private Meinungen handelt, sondern um eine Vorstellungswelt, die das jeweilige Kollektiv zusammenhält. Es ist dasjenige, was am ehesten mit unserem Begriff von Glaubenssystemen und Ideologien zusammenstimmt.

(4) Vorurteile der Bühne ("idola theatri") nennt Bacon jene Vorstellungen, die wir aus den verschiedenen Lehrsystemen und Schulen übernehmen. Sie sind "in der Seele des Menschen aus den mancherlei Lehrsätzen der Philosophie und auch aus verkehrten Regeln der Beweise eingedrungen..." Es geht dabei nicht nur um die Philosophie, sondern auch um "manche Prinzipien und Lehrsätze der besonderen Wissenschaften, die durch Herkommen, Leichtgläubigkeit und Nachlässigkeit Geltung erlangt haben."

In diesem Zusammenhang betont Bacon, daß die Systeme der Philosophie schließlich lediglich menschliche Schöpfungen sind, und unterscheidet drei Typen falscher Philosophie:

a) "Sophistische" Philosophie habe beispielsweise Aristoteles betrieben, indem er die Naturphilosophie durch seine "Dialektik" verdorben habe;
b) "Empirische" Philosophie, die allgemeine Aussagen macht, sich dabei aber lediglich auf einige wenige und noch dazu dunkle Beobachtungen stützt. Gilberts Werk "De magnete" dient Bacon als Beispiel dafür.
c) "Abergläubische" Philosophie ist durch die Einführung theologischer Betrachtungen gekennzeichnet. Darunter fallen sowohl Platon und die antiken Pythagoreer, als auch die zeitgenössischen Astronomen, sofern sie in ihrer Hochschätzung der Mathematik sich die Welt in geometrischer Weise als Schöpfung Gottes erklären.

Bacons Frage bezog sich auf den Einfluß der menschlichen Kultur und des Willens auf den Verstand. Der erste wichtige Schritt ist die Erkenntnis von den Behinderungen, die sich daraus ergeben, dann aber soll man den Idolen "mit festem und feierlichem Entschluß" entsagen und zur Einfachheit und Naivität zurückfinden: "Zu dem Reiche des Menschen, das in den Wissenschaften gegründet wird, darf kein anderer Eingang sein, als zu dem Himmelreiche, in welches nur in Kindesgestalt einzutreten ist."

Was Bacon hier also analysieren wollte, sind die Gründe dafür, warum Menschen über ein und dieselbe Sache unterschiedliche Meinungen haben. Das Gegenbild davon kennen wir nicht aus der menschlichen Geschichte, wir können uns allerdings vorstellen, daß irgendwo oder irgendwann einmal alles so eindeutig erkannt und so klar und gerecht geregelt sein wird, daß verschiedene Meinungen über eine Sache einfach nicht mehr vorkommen.

Diese heile Welt hat wieder ein Engländer geschildert, allerdings erst später: Jonathan Swift in der vierten Reise des Schiffsarztes Gulliver, der Reise zu den Pferden. Die Pferde, die Gulliver bei dieser Reise kennenlernt, haben deshalb keine Streitigkeiten untereinander, weil sie alles nach vernünftigen Grundsätzen regeln und weil sie in Dingen, die sie nicht vollständig erkennen, überhaupt nicht auf einer Meinung beharren. Ihre Lebensansichten, ihr Weltbild ist lernbar und jederzeit mit der eigenen Erfahrung zu überprüfen. Eine ganz ähnliche Tendenz verfolgt der ungemein erfolgreiche Briefroman des vielgereisten französischen Gerichtspräsidenten Charles de Montesquieu, die "Persischen Briefe".

In der realen Gesellschaft und Geschichte finden sich aber weder die Swift'schen Pferde, noch die vorurteilslosen Perser, noch all die anderen Figuren, die die Phantasie der Aufklärer uns vorführt, um ein unverbildetes, ganz natürliches und edles Menschentum darzustellen: Rousseaus "edle Wilde" (die als Idee natürlich schon viel früher da sind), Winckelmanns, Lessings, Schillers "edle Griechen".

Die Aufklärer waren Angehörige des Bürgertums in feudalen Gesellschaften

Die "Aufklärung" ist eine originär bürgerliche Angelegenheit und zwar in einer Phase, in der das europäische Bürgertum sich wirtschaftlich, politisch und ideologisch von den feudal-mittelalterlichen Strukturen emanzipiert. Wo entweder diese Emanzipationsbewegung schwach ist - wie in Spanien - oder der Feudalismus nicht gesellschaftsbestimmend wird - wie in den englischen Kolonien in Nordamerika - finden wir den Typus des "Aufklärers" nicht oder nur in wenig ausgeprägter Form. Eines der Hauptwerke der europäischen "Aufklärung" ist die von Diderot und d'Alembert herausgegebene "Enzyklopädie". Sie unterscheidet sich etwa von ihrem spanischen Gegenstück, dem "Teatro Critico" des Benediktinermönches Feijoo in einer Weise, die meine These illustrieren kann.

Die "Enzyklopädie" ist das Werk einer Gruppe von Autoren, Einzelwissenschaftlern, Philosophen, Literaten. Diese Gruppe ist keineswegs homogen, es finden Spaltungen und Kontroversen jeder Schärfe statt. Trotz des zeitweisen Erscheinungsverbots und verschiedener Erschwerungen der Verbreitung wird das Werk zum erfolgreichsten und finanziell größten Unternehmen des 18. Jahrhunderts. Voltaire, ein sehr gevifter Geschäftsmann, hat dies genau nachgerechnet und etwa herausgefunden, daß die "Enzyklopädie" einen größeren Umsatz erzielte als die damals bedeutendste Institution des Kolonialismus, die holländische Ostindien-Kompanie.

Feijoos "Teatro Critico" ist eine Ein-Mann-Arbeit, die in zahlreichen einzelnen Untersuchungen sich nicht nur an der "Enzyklopädie" orientiert, sondern auch in der methodologischen Orientierung im Anschluß an den Wissenschaftsbegriff Bacons ein neues Weltbild innerhalb des Katholizismus vertritt. Verglichen mit der "Enzyklopädie" ist der Verbreitungsgrad des "Teatro Critico" bescheiden, allerdings werden insbesondere die historischen und anthropologischen Artikel in den spanischen Überseekolonien eifrig gelesen, man findet darin Anhaltspunkte für die Idee staatlicher Unabhängigkeit.

Die Gegner der Aufklärung waren Angehörige oder Vertreter der feudalen oder klerikalen Oberschicht, in einer späteren Phase auch der sich politisch emanzipierenden arbeitenden Klasse.

Im sogenannten einfachen Volk gab es immer Mißtrauen und Ablehnung gegenüber der "Aufklärung". Als dessen Wortführer sind die schreibenden Theologen - in herausragender Weise bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts Jesuiten, gleichzeitig und später aber auch andere Orden, auf evangelischer Seite Pietisten - zu nennen. Der Traditionalismus (den wir nach einer amerikanischen Wortbildung vom Beginn des 20. Jahrhunderts heute "Fundamentalismus" nennen) hat sich bis heute gehalten und ist mit der Betonung von regionalen, nationalen und konfessionellen Dogmen eng verknüpft.

Die Problematik können wir uns an der unterschiedlichen Zugangsweise zum Wissen über fremde Kulturen und über deren Geschichte klarmachen, wobei die alten Kulturen des Mittelmeerraums und die fernöstlichen Kulturen, insbesondere diejenige Chinas sehr aufschlußreich sind.

Eine der Bewegungen, in denen "Aufklärer" sich organisiert haben, sind die sogenannten Geheimgesellschaften, Freimaurer, Illuminaten und ähnliche mehr.

Die Freimaurer behaupteten selbst in einer Tradition zu stehen, allerdings in einer vernünftigen, einer solchen, die die Geheimnisse der nichtmenschlichen und der menschlichen Natur auf methodische Weise und im Hinblick auf das Allgemeine zu erforschen suchte. Eine Tradition, die schon bei den Erbauern der ägyptischen Pyramiden entwickelt gewesen und seither immer wieder weitergegeben worden sei: von Meistern der Architektur, der Heilkunst, der Staatslehre, der Mathematik, des Bergbaus und der Astronomie. In allem suchten sie nach allgemeingültigen Maßstäben, nach der "Humanität" anstelle der "Konfessionalität" oder der "Nationalität".

Das Dilemma der "Aufklärung" unter dieser Zielsetzung und in dieser Tradition hat Goethe im "Wilhelm Meister" eindrucksvoll geschildert. Wilhelm, der auf einer Lebensreise zu sich selbst viele Um- und Irrwege geht, kommt gegen Ende der Reise und des Romans dahinter, daß er durchgehend gelenkt war, wo er ganz nach eigenen Eindrücken und Gefühlen zu entscheiden geglaubt hatte: von der "Turmgesellschaft", deren Mentor an den "Sarastro" in der Mozart'schen "Zauberflöte" erinnert.

Die Auseinandersetzung um die Bewertung der Nachrichten über "China" bietet ein vergleichbares Beispiel. Als Gottfried Wilhelm Leibniz seine "Novissima Sinica" schrieb, war der dritte Kaiser der Mandschu-Dynastie, Kangxi, seit etwa 35 Jahren an der Regierung (er sollte übrigens etwa so lange Kaiser bleiben, wie Franz Joseph I., der in unseren Breiten damit für Generationen zu einem Synonym für "den Kaiser" überhaupt geworden ist). Am Hof des Kaisers Kangxi bekleideten Europäer (Jesuiten) höchste Staatsämter, und von ihnen kamen sehr vorteilhafte Beschreibungen des chinesischen Staatswesens, der Organisation von Wissenschaft und Kult, des Unterrichts, der allgemeinen Moralität und ähnlichem mehr.

Nicht nur Leibniz, auch Christian Wolff, Voltaire und Jacques Turgot stimmten darin überein, daß dieses ferne Land zum Vorbild für europäische Reformen dienen könne und müsse, daß deren natürliche Weisheit in Fragen der Moral und Politik höher stehe als die der europäischen christlichen Tradition.

Die Aufklärer wollten eine an den Wissenschaften orientierte Welt und Gesellschaftsordnung, in der vernünftige Grundsätze, von allen Menschen einsehbar, alle Verhältnisse regeln sollten.

Eine der wesentlichen Voraussetzungen der europäischen Aufklärung in materieller Hinsicht ist die wachsende Verfügbarkeit von Daten aus dem Natur- und Menschenleben aus aller Welt.

Es ist unübersehbar, wie die Entwicklung allgemeinster Ordnungsbegriffe hier ein ganz neues Abstraktionsniveau erreicht, wie es in keiner früheren Stufe menschlicher Weltbeschreibung gegeben war.

Der schwedische Naturforscher Linnaeus klassifiziert die Pflanzen nach einem Kriterium, das offenkundig für alle neu bekannt werdenden Pflanzen ebenso einschlägig ist, wie für die aus Europa vertrauten: nach den charakteristischen Formen der pflanzlichen Geschlechtsorgane, also der Fortpflanzung. Das "Systema Naturae", im Jahr 1735 zuerst erschienen, behandelte aber nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Mineralien und die Tiere, ab der 12. Auflage im Jahr 1766 auch den "homo sapiens" nach diesem "künstlichen" Verfahren der Klassifikation.

Wenn Linné dem noch ein "natürliches" Klassifikationssystem entsprechen läßt, das nach "Ähnlichkeiten" konstruiert ist, so entspricht dies der zweiten geistesgeschichtlichen Linie, die sich in Fragen der Natur- und Kulturbeschreibung bis in unsere Tage gehalten hat. Johann Wolfgang Goethe und Oswald Spengler sind zwei Namen, die für diese Tendenz angeführt werden können. Das Programm der "Aufklärer" drückt sich jedoch deutlich im "künstlichen" System aus: die unterschiedlichen Blickweisen der Völker, die gewachsenen Ausdrucksformen werden aufgegeben zugunsten eines abstrakten Schemas, in das alle konkreten Lebensformen einzuordnen sind. Wir leben heute ganz selbstverständlich in dieser Vorstellungswelt, damals aber war sie neu.

Auf allen möglichen Gebieten hat sich Vergleichbares abgespielt wie bei Linné: ein einheitliches Maßsystem wurde entworfen, das für Flüssigkeiten ebenso wie für Längen- und Raummaße anwendbar sein sollte; die vielen Orientierungspunkte der damaligen Schiffahrt wurden in einem einheitlichen Gradnetz überflüssig gemacht; Theorien wurden entworfen, um das Entstehen von Religionen, Staatsformen, Gebräuchen und Gefühlen zu erklären - und all das immer für "die Menschheit".

Wenn allerdings formuliert wurde: "Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!" so war die "ganze Welt" in Wirklichkeit doch immer nur als ein Teil der Welt gedacht. "Die Menschheit" bezeichnet um 1800 in den meisten Fällen nicht die Gesamtheit der Art homo sapiens, sondern eine qualitative Eigenschaft, von der man annimmt, daß sie uns von der "Tierheit" unterscheidet. Objektivität ist etwas, das "die Aufklärer" für sich in Anspruch nehmen, ein Anspruch, dem sie auch genügen wollen. Sie verfallen allerdings in diesem Bemühen, keine lokale Tradition, keine persönlichen Vorlieben und Vorurteile gelten zu lassen, leicht auch in einen dogmatischen Ton, wenn sie Allgemeingültigkeit für ihre Thesen beanspruchen.

Das vernunftgemäße Moralgesetz, das Immanuel Kant suchte, sollte mit derselben, wenn nicht einer noch zwingenderen Stringenz bewiesen werden können wie ein Gesetz der Physik. Er nannte darum seine Gebotsstruktur "kategorisch". Alle seine vielen Versuche aber, diesem Moralgesetz einen Inhalt zu geben, schlugen entweder fehl oder waren in Formulierungen gehalten, die jeden Gebrauch, also auch Mißbrauch einschlossen.

Was bedeutet es in der Situation eines Arbeitskampfes, etwa eines Streiks, daß man sich so verhalten müsse, daß "die Maximen" des eigenen Handelns "jederzeit zu einem allgemeinen Gesetz gemacht" werden könnten? Wer beurteilt das "Reich der Zwecke" in einer solchen Auseinandersetzung: die streikenden Arbeiter, die zugegebenermaßen ihre eigenen Zwecke verfolgen - oder die Unternehmer, die allgemeine Wirtschaftsinteressen zu wahren behaupten?

Eine der berühmt gewordenen Folgerungen Kants aus der kategorischen Gültigkeit des von ihm entdeckten Moralgesetzes ist die Formel, daß ein Mensch "nie nur zu fremdem Zweck" gebraucht werden dürfe. Kann ein Kantianer Sklaven besitzen? Oder anders: kann sich ein Sklavenhalter noch auf Kant berufen? Leider ja. Denn es sind hinreichend viele Theorien darüber entwickelt worden, daß nicht alle Menschen Menschen auf gleicher Stufe sind, daß einige natürlicherweise zeitlebens Kinder und unmündig bleiben, andere hingegen nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet seien, erstere zu lenken - zu deren Wohl, aber natürlich nicht zum eigenen Schaden.

So konnte jederzeit nicht nur in kolonialistischer, sondern auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht und schließlich auch im Verhältnis der Geschlechter die aufklärerische Vernunft gebraucht werden, um die Interessen des jeweils herrschenden Teiles der Menschheit gegenüber den Beherrschten zu rechtfertigen.

Die Aufklärung hat in einer beeindruckenden Zahl von Fällen Ziele erreicht, die auf eine globale Annahme wichtiger Techniken und gesellschaftlichpolitischer Ziele hinausläuft.

Stellen wir zunächst fest, daß wesentliche Ziele der Aufklärer nicht erreicht worden sind. In der kritischen Aufarbeitung von Denkformen, von Institutionen, von geltenden Rechtsauffassungen war die Aufklärung nur teilweise erfolgreich, und wo sie es war, da traten statt der interessefreien, autonomen Vernunft wiederum schichten-, klassen- und national oder konfessionell bedingte Denkweisen an deren Stelle.

Die Vereinbarkeit der "wissenschaftlichen" Denkform mit weitestgehenden Methoden der Unterdrückung und Ausbeutung bis hin zum Genocid ist historisches Faktum geworden. Der "aufgeklärte" Mensch, der sich nicht mehr vor einem strafenden Gott zu fürchten braucht, war doch imstande, seine egoistischen Triebe mit seiner autonomen Vernunft in Einklang zu bringen. Ein Aufklärer, der dies mit ungewöhnlicher Schärfe beizeiten gesehen hat, ist der Marquis de Sade.

Die Aufklärung hat aber nicht einmal ein Verschwinden dessen bewirkt, was sie als Aberglauben durchschaut hatte. Der Unterschied zwischen den Autoritätsgläubigen unserer Zeit zu denen des 17. Jahrhunderts besteht darin, daß heute so gut wie alle interessierten Menschen lesen können und daß für die entsprechenden Bereiche von der Astrologie über die Esoterik und Parapsychologie bis hin zur Theologie so etwas wie "wissenschaftliche" Ausdrucksweisen und Kommunikationsformen entwickelt worden sind. Diese bemerkenswerte Fähigkeit zur Mimikry, also zur Nachahmung und Nachbildung von wissenschaftlichen Verfahren hatten die Aufklärer wohl nicht erwartet, wenngleich es auch bei ihren eigenen Debatten untereinander häufig darum ging, was noch, was nicht mehr Wissenschaft sei.

In zwei wesentlichen Punkten also können wir das Programm der "Aufklärer" als gescheitert ansehen:

* im Ausräumen der Glaubenssysteme und "Vorurteile" einerseits und

* im Etablieren einer rein vernunftmäßig begründeten und argumentierten Weltsicht und Gesellschaftsordnung andererseits.

Worin liegen nun die Erfolge? Die allgemeine Volksbildung, die allgemeinen Begriffssysteme der Naturwissenschaft, die weitgehende Verwissenschaftlichung der Technik, der Medizin, auch der Wirtschaft und Politik sind als Folgen der Aufklärung nicht zu leugnen. All das bildet die Grundlage für die mit der Expansion europäisch-neuzeitlicher Wirtschafts- und Gesellschaftsformen begonnene Globalisierung.

Es ist jedoch, innerhalb wie außerhalb europäischer Gesellschaften, festzustellen, daß die Kraft von Traditionen und gegenseitigen Vorurteilen ungebrochen ist. Wenn sie heute oft in "wissenschaftlichen" Formen auftritt, so sind sie darum nicht weniger abergläubisch und borniert, als sie es in ihrer vormodernen, konfessionell-metaphysischen Form waren.


[*] Zuerst in: mitbestimmung. zeitschrift für demokratisierung der arbeitswelt. (1993), H. 6, S. 7-13