Archäologie einer globalen Heimat (gem. m. Paolo Bianchi 1992)


Unseren schriftlichen Dialog [*]führen wir in einer multikulturellen Zeit, in einer potentiell explosiven Mischung aus Angst, Hass, Neid und Verunsicherung, die ihre Entwicklung begleitet. Indem wir in unserem Leben und Alltag interkulturelle Projekte thematisieren, fördern und realisieren, verursachen wir nicht nur, dass sich Werte, Einstellungen und Verhaltensmuster ändern, sondern auch das Andere wandelt sich. Aber auch wir selbst verändern uns andauernd. Sollte sich unser Briefwechsel nicht als kopflastige Irritation und nutzloses Gerede erweisen, so könnte er, würde er (als Papier oder auf Computerdiskette) in den Ruinen unserer Bibliotheken und Archive gefunden werden, als ein Stück Archäologie der zeitgenössischen Lebenswelt um die Jahrhundertwende gelesen werden, die sich im Jahre 2025 oder 2050 als Globalkultur konstituiert haben wird. Er würde die Sehnsuchtsperspektive nach einer menschlicheren Welt, nach einer sozialeren Heimat, kurz: nach einer Welt-Heimat dokumentieren, die Heimat nicht einfach synthetisiert, sondern gegen allen inneren Widerstand und alle äusseren Widersprüche als globalgemeinschaftliche Vision am Leben erhält. Der Prozess der Begegnung mit den Anderen, Fremden und Unbekannten, der dabei ist, sich von der Multikultur über interkulturelle Projekte hin zur Globalkultur zu entwickeln, könnte mit der Entdeckungsreise von Christoph Kolumbus verglichen werden, wobei hier weniger die Ankunft als vielmehr die Rückkehr im Mittelpunkt des Interesses steht. Kolumbus brachte die Kartoffel nach Europa. Anfangs war sie hierzulande selten und wirkte deshalb exotisch. Im Zweiten Weltkrieg galt sie als Volksgrundnahrung. Heute essen wir Kartoffeln nicht wegen ihres Nährwertes, sondern weil sie schmecken. Auch der Fremde war anfangs der exotische und primitive Eingeborene, als Flüchtling der illegale Eindringling, als Globalbürger dann gleich gültiger Einheimischer.

Paolo Bianchi: Durch die globale Kommunikation sind heute wie nie zuvor verschiedene geografische und historische Kulturen nähergerückt. Die Formel des Interkulturellen rückt in der Vordergrund. Sie benennt die Annäherungen und Mischungen, die in bewusste Dialoge zwischen den Kulturen verwandelt werden sollen. Mit Ihrem Buch "Interkulturelle Philosophie" (Passagen Verlag, Wien 1990) haben Sie die Untersuchung eines Phänomens vorgelegt und benannt, das bisher vor allem ein Defizit darstellt. Die Rede ist von einer Philosophie, die sich der Vorherrschaft eurozentrischer Konzepte der Vernunft entzieht und aussereuropäische Traditionen einbezieht, die als "Barbaren, Heiden und Exoten" stets verfemt und ausgegrenzt worden sind. Wie sieht Ihr Plädoyer für einen interkulturellen Dialog in der Philosophie aus, und was für Bedingungen müssen erfüllt werden, damit interkulturelle Philosophie praktisch zur Anwendung kommen kann? (Baden, 12. November 1991)

Begegnung mit dem Fremden

Franz Wimmer: Auf das Plädoyer für ein interkulturell orientiertes Philosophieren möchte ich später zu sprechen kommen (wenn überhaupt - das findet sich ohnehin im Buch), dafür auf einige der Bedingungen solcher Dialoge und die unterschiedlichen Verhältnisse eingehen, in denen wir zum jeweils Anderen stehen. Den drei Stereotypen, die Sie nennen, wären als allgemein abgrenzendes Stereotyp noch das des Besonderen oder Unterlegenen hinzuzufügen. Nun, all das sind Versuche, mit dem Fremden und Anderen umzugehen, die diesem letztlich ausweichen und daher für wirkliche Kommunikation nicht brauchbar sind. Sie sind in unserer Geistesgeschichte sehr wirksam, und darum muß man sie analysieren, schon um sich selbst zu verstehen.

Das Entscheidende sind solche Analysen des Kulturzentrismus aber nicht: Viel wichtiger ist es im Grunde, positive Kategorien zu entwickeln, die eine interkulturelle Praxis (in der Philosophie, in der Kunst oder wo auch immer) leiten können. Und hier denke ich, daß wir von einer Reflexion auf Verstehen (oder Mißverstehen) ausgehen könnten - wobei allerdings eine philosophisch orientierte Hermeneutik nur eines von mehreren Verhältnissen betrifft: Das hermeneutische Verhältnis zum jeweils Anderen betrifft den großen Bereich der Information, der Lektüre, der Übersetzung im weiten Sinn; in der Kunst könnte man vielleicht von "Anleihen" sprechen, von "motivischen Zitaten" etc. Das ist keine naive oder unkomplizierte Sache, aber solange wir auf dieser Ebene bleiben, braucht der eigene Seelenfrieden sich keiner Störung auszusetzen, allfällige Rätsel des Anderen sind prinzipiell durch so etwas wie ein Wörterbuch (eine Kulturgeschichte, eine Ausstellung usf.) aufzuklären.

Ein aufregendes Verhältnis zum Anderen ist dasjenige, in dem Verstehen eines Menschen (und nicht nur seiner/ihrer Wörter oder sonstigen Ausdrucksweisen) angezielt wird. Ich nenne dies das "erotische" Verhältnis. Darauf will ich im Augenblick nur hinweisen, weil es mir in der Frage nach der Begegnung mit Fremden zentral zu sein scheint. (Wenn wir weiter korrespondieren, kommen wir sicher darauf zurück.)

Das dritte Verhältnis schließlich ist jenes, das Sie im ersten Satz ansprechen: "Kulturen" seien "nähergerückt". Das stimmt und stimmt auch nicht, denn wer da näher- oder aneinanderrückt, sind immer Menschen, nicht Abstraktheiten, wie etwa Kulturen - allerdings sind es Menschen, die kultürlich sind in einer bestimmten Weise und die in diesem Näherrücken anders werden in ihrem gegenseitigen Umgang wie in ihrem Selbstverständnis, als sie vorher waren. Sie können einander ähnlicher oder auch fremder werden, das steht nicht von vornherein fest.

Bleiben wir bei Ihrem Wortbild des Näherrückens, so klingt das ein bißchen idyllisch - man könnte wohl an eine Hausbank am Feierabend denken. Tatsächlich ist aber mit dem Näherrücken auch Bedrohung gegeben - ganz deutlich sehen wir das in den momentanen Reaktionen unserer Gesellschaft auf Zuwanderer aus Ländern der Dritten (oder der ehemals Zweiten) Welt. Da verliert sich die Idylle schnell, und es zeigt sich die "Begegnung" als etwas höchst Gefährdendes. Ich nenne dieses Verhältnis, in dem wir eine andere Kultur (oder: kulturell andersartige Menschen) verstehen wollen oder müssen, ein "existentielles" Verhältnis, denn es ist alles andere als harmlos: Es stellt die Selbstverständlichkeit der Normalität in Frage.

Dies ist auch der Grund, warum es eine Unmenge von Instrumenten gibt, um diese Infragestellung der eigenen Normalität zu entschärfen: Kulturgeschichte und Ethnographie, Touristik und Religionsgeschichte und vieles andere.

Kurz noch ein Wort zur Philosophie in diesem ganzen Zusammenhang. Sie hat zwei Dinge zu tun, nämlich einerseits ihre eigene Geschichte neu zu schreiben, indem von vielen Blickwinkeln aus viele philosophische Kulturen erforscht werden - und andererseits sollte die Philosophie durchaus bei ihrem Universalitätsideal bleiben, dieses aber im globalen Dialog erst einmal praktisch verwirklichen, unabhängig von den Zäunen, die durch Religion, Ideologien und Wirtschaftsinteressen immer wieder aufgestellt werden.
(18. November 1991; im Intercity nach Klagenfurt)

Heimatgefühl und Fremdenhaß

Paolo Bianchi: Viele Fragen gehen mir beim Lesen Ihrer Antwort durch den Kopf. Ich möchte mich beschränken und deshalb nur diejenigen herauspicken, welche die Begegnung mit den Anderen thematisieren.

Gerade in unserer verwirrenden, unsicheren Welt scheinen zusehends mehr Menschen das Bedürfnis zu haben, irgendwo wirklich dazuzugehören. Heimatgefühl und das Ausschliessen und Ausgrenzen des Fremden verstärken sich. Wir fürchten uns vor dem allmählichen Verlust des materiellen Überflusses in unserem Leben. Die Angst, teilen zu müssen mit den Anderen, den Flüchtlingen, führt zu Fremdenhass und Gewalt gegen Ausländer. Statt immer über die Fremden zu diskutieren, sollte über die eigene Stadt gesprochen werden. Über den eigenen Rassismus. Über Möglichkeiten und Wege, ihn zu überwinden. Statt Migranten zu betreuen, in Lager und Heime zu stecken, sie pflegeleicht zu machen, sollte ihr Selbstbewusstsein gestärkt werden. Ziel darf nicht Integration sein, sondern Veränderung. Das heisst, es soll nicht zu unserer Aufgabe werden, die Migranten an die hiesigen Verhältnisse anzupassen, vielmehr müssen die Völker, Länder und Städte den Bedürfnissen von Minderheiten entgegenkommen. Die interkulturelle Durchmischung sollte weiter vorangetrieben werden.

Der wohlhabende Westen scheint auf jeden Fall schlecht vorbereitet auf die multikulturelle Herausforderung. Beängstigend wirkt derzeit vor allem, wie bei Politikern, Behörden und Bürgern eine zunehmend fremdenfeindliche oder gar rassistische Einstellung zu finden ist und solche Haltungen die Sprache dieser Gruppen mitprägen. Müssen wir damit rechnen, dass sich die Spirale von Fremdenangst, Fremdenhass, Rassismus und offener Gewalt wieder zu drehen beginnt? War Hoyerswerda nur ein Anfang? Ist eine massive Zunahme von offener Gewalt gegen Menschen anderer Hautfarbe, anderer Nationalität, anderer Religion und gegen Minderheiten zu erwarten? All dies zu einer Zeit, wo wir uns kompromisslos für alle Verfolgten, Unterdrückten, Benachteiligten und an den Rand Gedrängten einzusetzen hätten, wo wir nationalistische, eurozentristische und paternalistische Haltungen - gerade auch gegenüber Menschen aus aussereuropäischen Ländern - aufgeben sollten?

Die zwölf EG-Länder beschäftigen sich zwar voller Hingabe mit den Mindestnormen für die Haltung von Tieren in zoologischen Gärten; eine gemeinsame Einwanderungspolitik gibt es jedoch nicht. Von einer ganzheitlichen Asyl-, Ausländer- und Aussenwirtschaftspolitik, die im internationalen Verbund die Existenzbedingungen in der sogenannten Dritten Welt verbessern hilft, ist nicht einmal ansatzweise die Rede. (Baden, im November 1991)

Franz Wimmer: Sie gehen die Sache frontal an und nicht, wie ich es vom akademischen Diskurs her kenne, von einem möglichst abstrakten Gesichtspunkt aus. Ich nehme das Spiel an.

Zuerst frage ich nochmal zurück: Warum, glauben Sie, sollte die ansässige Mehrheit sich anpassen und nicht die zuwandernde Minderheit? Ich lese das aus Ihren Sätzen über Integration und Veränderung, und es erscheint mir illusorisch und auch nicht schlechthin nicht wünschenswert. Überhaupt glaube ich, daß da mit (moralischen) Appellen wenig auszurichten ist.

Ich schlage vor, das Syndrom erst einmal zu analysieren, das Sie bei "Politikern, Behörden und Bürgern" mit Recht konstatieren - ich möchte es nicht unbesehen als Fremdenhaß oder Rassismus bezeichen. Zunächst sollten wir uns fragen, was eigentlich gehaßt oder gefürchtet wird - ich denke, die Abneigung gilt in erster Linie den "Armen", so daß oft "Armenhaß" stehen müßte, wo man "Fremdenhaß" liest. Zumindest in Österreich ist nicht zu bemerken, daß offener Fremdenhaß sich gegen reiche Fremde (z. B. gegen US-Touristen, japanische Investoren usf.) richten würde, solange sie bloß die Wirtschaft befördern.

Dann müssen wir sehr darauf achten, in welchem Zusammenhang Fremdenhaß sich artikuliert, etwa darauf, wie diejenigen, die von einem "vollen Boot" sprechen, zu anderen Randgruppen der Gesellschaft stehen - es sind dieselben, die bei jeder Gelegenheit von "Sozialschmarotzern" reden und darauf pochen, jede/r einzelne sei ganz und ausschließlich nach der Leistung zu behandeln. Was immer Leistung ist: Da wir wissen, daß in einer so arbeitsteiligen Gesellschaft wie der unseren Leistung nicht nach der bei einer Tätigkeit aufgewendeten Energie, auch nicht nur nach der benötigten Intelligenz, Phantasie oder Menschlichkeit, ja nicht einmal nach der erzielten Wirkung gemessen und beurteilt, sondern daß sie vielmehr aufgrund eines komplexen Systems von Institutionen, Hierarchien und Interessengruppen eingestuft wird, können wir in der abwertenden Haltung gegenüber "Minderleistenden" wohl hauptsächlich eine Schutz- und Abwehrhaltung sehen.

Ferner machen wir uns immer noch viel zuwenig klar, von welcher Vielfalt die Bedingungen und Motive sind, unter denen Menschen ihre bisherige Heimat verlassen, um bei und mit uns zu leben. Auch was in den Übergangsprozessen und -zeiten (in den Auffanglagern, in der Zeit der Asyl- und Aufenthaltsanträge usw.) geschieht, wie sie dieses neue, oft sehr vorläufige und unsichere Leben erleben, das wissen wir viel zuwenig. So begegnen wird ihnen auf stereotype Weise. (Ich höre, bei Ihnen in der Schweiz gelten Ceylonesen als fleißig und sauber, Jugoslawen hingegen nicht; bei uns gibt es andere Gruppen, aber die gleiche Art von Stereotypen.)

Weiter müssen wir feststellen, daß in der Öffentlichkeit oft ein sehr unzutreffendes Bild von den Mengenverhältnissen vorherrscht. Weder ist allgemein bekannt, wo die wirklich massenhaften Flüchtlingsströme gegenwärtig stattfinden (die Zahlen in asiatischen und afrikanischen Ländern sind mit nichts in Europa auch nur im entferntesten zu vergleichen), noch gibt es bei uns irgendwelche klaren Vorstellungen darüber, wie viele Zuwanderer eine Bevölkerung wie unsere braucht und verträgt.

Schließlich müssen wir die Rolle derjenigen Leitideen analysieren, die Sie mit den Wörtern "Heimat", "Authentizität" und "Rasse" ansprechen.

Beginnen wir mit dem letzten Wort: Es war im deutschen Sprachraum verständlicherweise verpönt, hat aber überwintert oder besser: übersommert. Rassismus schien out, doch es schien nur so. Heute haben zwar die meisten Europäer keine klare Vorstellung davon, wie man eine Menschenrasse definieren könnte - und Goulds Buch "Der falsch vermessene Mensch" (bei Suhrkamp) enthält einiges zur Fraglichkeit früherer Versuche -, aber das verhindert doch keineswegs, daß abgrenzend und abfällig von "rassisch Anderen" gesprochen wird.[1]

Natürlich ist nicht jede Unterscheidung von Menschen in Rassen auch schon rassistisch in einem inhumanen Sinn. Seit Kants diesbezüglicher Schrift gibt es immer wieder Ansätze, die in diesem Punkt wertneutral bleiben wollen.

Aber wir sehen, wozu Rassenunterschiede gesucht und gebraucht werden: in der Regel, um den Angehörigen der einen Rasse Minderwertigkeit, denen einer anderen Höherwertigkeit zuzuschreiben. Viele Reaktionen auf Zuwanderer in den letzten Jahren, von Leserbriefen über Politikerschelte bis zu Politikeraussagen selbst sind mehr oder weniger offen rassistisch in dem Sinn, daß unterstellt wird, es gebe mindere und höhere Rassen. Ein besonderer Fall ist natürlich der Antisemitismus: Da gehen Rassen-, Religions- und Nationsidentität eine unheilige Allianz ein.

Dazu ein kleines, eher harmloses österreichisches Beispiel: Im Wahlgang, der zur ersten Regierung Kreisky führte, stand auf dem Plakatporträt seines Vorgängers und Gegners der markige Hinweis "Ein echter Österreicher". Nun war allgemein bekannt, daß Kreisky aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Mähren stammte, als Sozialdemokrat während der Zeit des Austrofaschismus (der sich selbst "Ständestaat" nannte) inhaftiert worden und dann nach Schweden emigriert war. Der Hinweis darauf, er sei wohl kein "echter Österreicher" bezog sich daher auf mehrere Dinge, sicher auch auf seine Familie.

Es ist klar, daß selten jemand im Klartext öffentlich rassistische Urteile fällt, aber das Einverständnis mit solchen Thesen scheint doch sehr breit zu sein.

Die Theorien selbst, die dazu entwickelt wurden (und die im deutschen Sprachraum nach 1945 kaum diskutiert wurden), sind stets voller Widersprüche geblieben. Gemeinsam ist ihnen, daß sie eine Minder- oder Höherwertigkeit in allen denkbaren Bereichen menschlicher Tätigkeit behaupten: Das bezieht sich ebenso auf intellektuelle wie auf künstlerische Fähigkeiten, aber auch auf moralische Eigenschaften. Konstant ist in diesen Theorien auch zu bemerken, daß stets die Eigenschaften des eigenen Volkes oder der eigenen Rasse als die höchstmöglichen angesehen werden. Die Wege, so etwas "wissenschaftlich" zu beweisen, waren unterschiedlich und wenig überzeugend.

So etwa galt zeitweise das Hirngewicht als Maßstab für Geisteskraft. Es ist durchaus ausreichend, darauf hinzuweisen, daß zwei literarische Genies Europas in dieser Hinsicht Extremwerte lieferten: Turgenjews Gehirn wog 2000 Gramm, während dasjenige von Anatole France gerade nur die Hälfte davon wog, nämlich 1017 Gramm (weitere Beispiele, auch zu anderen Verfahren, finden sich im schon erwähnten Buch von Gould).

Viele Wege wurden eingeschlagen, um eine These "wissenschaftlich" zu begründen, die ein politischer Agitator so formulierte: "Was nicht gute Rasse ist auf dieser Welt, ist Spreu." (Hitler in "Mein Kampf") Wer nun genau und aus welchen Gründen zur Spreu gehört, ist bei all den "wissenschaftlichen" Bemühungen nie ganz klar geworden, jedoch herrschte mehr oder weniger Einverständnis darüber, daß die "kaukasische" oder "arische" Rasse eine - nach Hitlers Meinung sogar die einzige - "gute Rasse" sei. Glaubt man das, so ist natürlich die Frage entscheidend, wer zu dieser Rasse gehört und wer nicht.

Wenn ich nach der Stimmung in unserem Land urteile, so scheint die angenommene Rangfolge der "Rassen" etwa folgende zu sein: Nach wie vor rangieren "Schwarze" an unterster Position; die ostasiatischen "Gelben" scheinen derzeit nicht besonders provozierend für das allgemeine Gemüt; die "Juden" werden (auch) als eigene Rasse betrachtet und sind eher Gegenstand eines faszinierten Hasses als der Verachtung; mit "Roten", also Indios, und mit anderen "Rassen" (es sind ja im Verlauf der Geschichte eine Menge unterschieden worden) befaßt sich der Volkszorn derzeit nicht. So bleiben also die "Osteuropäer": Sind sie "rassisch anders" oder bloß "kulturell anders", oder fällt das vielleicht ohnehin zusammen?

Sprachlich sind sie großteils Slawen, neben den Magyaren und Rumänen, gehören also, bis auf die Ungarn, der indogermanischen oder indoarischen Sprachfamilie an (man muß sich immer wieder mal daran erinnern, daß "arisch" ursprünglich ein Begriff der vergleichenden Sprachforschung war).[2] Dazu kommen noch die Türken, aber auch andere, wie Kurden oder Armenier. Sie alle werden jedenfalls als kulturell anders wahrgenommen; unklar ist, ob und wieweit dieses Anderssein auch als rassische Verschiedenheit im allgemeinen Bewußtsein gilt. Den Juden und den Schwarzen gegenüber ist dies sicher der Fall.

Ich glaube aber, daß auch slawische und andere Zuwanderer einem latenten Rassismus begegnen. Das ist natürlich in Österreich - besonders in Wien - einigermaßen pikant: Schauen Sie mal in ein Wiener Telefonbuch oder fahren Sie in einer Wiener Straßenbahn und beäugen Sie Backenknochen. Man kann nicht sagen, daß der "einheimische", der "echt österreichische" Gesichtsschnitt oder Familienname besonders "germanisch" wirkt. Man kann aber offenbar recht gut sagen, wie die "Ausländer" aussehen: etwas dunkelhäutiger als die Hiesigen, und auch wenn das nicht zutrifft, sieht man doch, daß sie "aus dem Osten" kommen. Früher, so sagte mir ein armenisch-österreichischer Freund, sei einfach keine besondere Reaktion wahrnehmbar gewesen. In letzter Zeit empfindet er Feindseligkeit, wenn er in die Straßenbahn einsteigt, unausgesproche Ablehnung.

Kommt diese Haltung gegenüber dem anscheinend Fremden aus rassistischer Einstellung oder aus der Bewahrung der "Heimat" vor den kulturell Andersartigen? Was immer es ist, es führt dazu, daß Armenier, Kurden, Türken, Kroaten usw. enger zusammenrücken in der fremden Heimat und danach trachten, ihre eigene Heimat zu bewahren; es führt also tendenziell zu Ghettos. Wie werden wir mit den neuen Ghettos leben?

Dazu, und zur Heimat, eine kleine Erinnerung: Es wird sicher nicht generell als negativ empfunden, wenn Menschen Heimatgefühl entwickeln. Ein Wiener, der wahrlich viel in der Welt herumgekommen ist, sagte mir, es sei ihm ein schauderhafter Gedanke, im Alter etwa nach Hietzing (ein westlicher Bezirk Wiens) zu ziehen, das wäre ausländischer als Florida, da er doch in Döbling (ein nordwestlicher Bezirk Wiens) aufgewachsen sei. Ich meinerseits bleibe ein Pinzgauer, und Kantone in einem mentalen Sinn gibt es wohl auch bei Ihnen.

Dabei bleiben wir durchaus nicht zeitlebens in Döbling oder im Pinzgau (tatsächlich in den beiden Fällen nur zum geringen Teil). So kann es uns doch eigentlich nicht wundern, wenn Anatolier eben Anatolier bleiben, ob sie nun in Döbling, im Pinzgau oder im Engadin leben.

Mit der Heimat verbinden wir Erinnerung, Vertrautheit, Orientierung. Das hat, besonders im zeitlichen Abstand, oft nicht mehr viel mit der Wirklichkeit zu tun. Heimat ist ein Utopia, aber eins, das viele Menschen brauchen, wenn nicht alle.

Warum stört mich die Heimatsuche der anderen in einer Stadt wie Wien? Das Signal dafür kann ein Kopftuch sein, eine Geste oder die Art, wie Männer aus der Halle des Südbahnhofs unversehens einen anatolischen oder bosnischen Dorfplatz machen. In vergleichbarer Weise verwandeln Touristen ausgewählte Stellen in der Umgebung Salzburgs zu Kulissen aus dem Film "Sound of Music".[3]

Die Touristen sind aus zwei Gründen ein erträglicheres Übel: Erstens, weil sie wieder wegfahren, und zweitens, weil sie Geld bringen. Die Reihung der Gründe ist beabsichtigt, denn wenn, was besonders in den alpinen Regionen des Landes häufig ist, wohlhabende Ausländer in größter Zahl sich ansiedeln, so führt dies durchaus auch zu Spannungen; auch sie gefährden die Heimat.

Was also stört mich im Südbahnhof oder könnte jemanden dort stören? Ich schicke voraus: Es sind vor allem Arbeiter aus Südosteuropa, keine Stadtstreicher, die dort ihre Dorfplätze bilden.[4] Sie bedrohen mich nicht, sie behindern mich nicht, wollen nichts von mir. Ich verstehe ihre Sprachen nicht, ihre Rituale des Begrüßens und Debattierens sind mir fremd, sie erinnern allerdings an Szenen von Urlaubsreisen.

Und das stört mich wahrscheinlich: daß sie mir ihren Dorfplatz vor die Nase stellen, ohne daß ich gerade diese Exotik gebucht hätte. Weder kann ich in eine andere Exotik ausweichen, noch sind auch die übrigen Elemente ihrer Exotik vorhanden: das Café mit der rohen Tischplatte, die bunten Stühle, die fremdartigen Bäume ihres wirklichen Dorfes. Hier im Bahnhof - oder auch im Park, am Badeteich usf. - bieten sie mir keine wirkliche Exotik, denn die "wirkliche" Exotik, die ich bereisen, beschauen, dokumentieren kann, ist mehr auf meinen Schau-Bedarf ausgerichtet und verbirgt mir überdies eventuell vorhandene Lebensprobleme derer, die sie bewohnen. Hier, im Bahnhof, wird mir diese Schau-Seite der Fremde nicht geboten. Es ist kein aufregend malerischer Teil; sie sorgen nicht dafür, daß das Buffet bosnische Spezialitäten anbietet, und selbst wo sie dafür sorgen - am Naschmarkt, im Kebab-Haus - fehlt etwas zur wirklichen Exotik: daß ich sie verlassen kann, um in die normale Welt zurückzukehren.

Die "Heimat" der anderen, in welcher Form sie sich auch darstellt, stört mich dann, wenn ich ihr nicht ausweichen kann. Das gilt natürlich nicht nur für Gastarbeiter oder Flüchtlinge. Es erklärt auch den periodischen Widerstand gegen eine "Amerikanisierung" u. dgl. - und es erklärt (wenigstens teilweise) auch das Verhalten vieler Österreicher gegenüber der Geschichte ihres Landes, sofern dieses ein Teil des Dritten Reiches war: Damals, so geht die Sage, waren "wir", ja nicht selbstbestimmt, dieses "Reich" war ein Reich der "Deutschen", nicht das "unsrige". So reden sowohl Gegner als auch Mitläufer und sogar Parteigänger der damaligen Politik.

Die Herausbildung der Stereotype für das Fremde wie für das Eigene ist ein sehr komplexes Phänomen; es umgreift fast alle Bereiche der Persönlichkeit. Bevor ich aber dazu etwas sage und damit an dasjenige Verstehensverhältnis anknüpfe, das ich im ersten Brief zuletzt genannt habe, unterbreche ich mal, denn vielleicht habe ich an Ihren Fragen vorbeigeredet.
(Wien, im Dezember 1991)

Multikultur, Interkultur, Globalkultur

Paolo Bianchi: Indem wir aneinander vorbeireden, können wir miteinander kommunizieren. Wir tauschen Gedanken und Meinungen aus. Doch: Verstehen wir uns? Im Alltag erleben wir - auch ohne Philosophen oder Wissenschaftler zu sein - immer wieder, dass Gespräche scheitern; dass wir uns missverstanden fühlen; dass zwei über denselben Vorgang ganz Unterschiedliches berichten; dass in der Zeitung ganz andere Darstellungen eines Ereignisses gegeben werden als im Fernsehen; dass wir uns oft fragen: Leben wir eigentlich alle in der gleichen Welt?

Wir bewegen uns, wie immer wieder betont wird, unentwegt auf McLuhans global village zu, in dem jeder tendenziell mit dem anderen kommunizieren könnte, wenn er wollte - und wenn er nur wüsste, was er denn eigentlich mitzuteilen hat.

Zurück zu einem unserer Themen: Die Angst vor dem Fremden entzweit die Menschen, so auch unsere Lebenswelt. Zwischen nationalistischen Widerstandsaktionen und humanistischen Willkommenswünschen liegt eine grosse Kluft; der jeweils anderen Mentalität wird Weltfremdheit vorgeworfen.

Die neuen Rassisten versuchen, mit Gewalt die "Vorherrschaft der weissen Rasse" (Programm der nationalen und patriotischen Fronten in Europa) gleich selber durchzusetzen. Sie schiessen um sich, legen Brände und blasen zum Kampf. In der etablierten Politik feiern Raser (so die Autopartei in der Schweiz) und Rassisten Wahlerfolge. Der reaktionäre Block geht mit demagogischen Fremdenhass-Parolen auf Wählerinnen- und Wählerfang. Vor den herbstlichen Neuwahlen 91 fürs Parlament in Belgien waren Wahlplakate des rechtsextremen Vlamms Blok im Umlauf, auf denen mit Boxhandschuhen für die Selbstverteidigung gegen Fremde geworben wurde - mit Erfolg, wie der Stimmengewinn bewies.

Ich persönlich plädiere für die Anerkennung der multikulturellen Gesellschaft, ohne diese als einen modernen Garten Eden harmonischer Vielfalt verklären zu wollen. Zutreffend schreibt der frührere 68er und heutige Frankfurter Multikultur-Stadtrat Daniel Cohn-Bendit:

Die multikulturelle Gesellschaft ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt und kennt Wanderungsgewinner ebenso wie Modernisierungsverlierer; sie hat die Tendenz, in eine Vielfalt von Gruppen und Gemeinschaften auseinanderzustreben und ihren Zusammenhalt sowie die Verbindlichkeit ihrer Werte einzubüssen. ("Die Zeit", Nr. 48/1991).

Ein Weg wäre, ein motivreiches Tuch zu weben, auf dem die allgemeine Konfusion sichtbar wird und die Notwendigkeit der Besinnung auf jene Werte, welche die unterschiedlichen Kulturen zu einer globalgesellschaftlichen Identität verbinden sollen. Die vieldiskutierte Idee eines Multikulturalismus, von Kritikern oft als Ideal oder Illusion abgetan, erscheint je länger, je stärker als die Beschreibung und Benennung einer Gesellschaft im Übergang, im Durchgang zu etwas gänzlich Neuem. Die multikulturelle Gesellschaft markiert demnach keinen Ziel- oder gar Endpunkt. Im Gegenteil: Sie steht für einen Neuanfang, der uns zu einer Flexibilisierung der Lebensformen, zu einer Neubestimmung von Lebensqualität, zu einer Humanisierung der Lebenswelt führen sollte (und wird). Herausforderungen und Aufgaben ganz neuer Art stellen sich, es wird spannungsreicher und spannender. Wird sie sich, um mit dem deutsch-chilenischen 68er-Bewegten Gaston Salvatore zu sprechen, als Pause zwischen zwei Zügen eines Spiels herausstellen, dem wir nicht entkommen werden?

Die Absichten Europas, sich in der Zusammenarbeit von gleichgesinnten Staaten nach dem Motto "Das Boot ist voll" gegen den Migrationsdruck zu schützen, diskriminiert einmal mehr Bewerber aus aussereuropäischen Ländern, die oft Opfer europäischer Aussenwirtschaftspolitik sind und in deren Ländern die Menschenrechte immer wieder verletzt werden, so dass ihnen die Chance vereitelt wird, bei uns Arbeit zu suchen - und Zuflucht. Und wenn Aussereuropäer in der Westwelt Einlass finden und Arbeitsbewilligungen erhalten dürfen, dann nur "hochqualifizierte Spezialisten", also genau diejenigen, auf die ihr eigenes Land am meisten angewiesen wäre. Die koloniale Ausblutung wird wider besseres Wissen ungehemmt fortgesetzt.

Der Reichtum der Reichen wird heute nicht zuletzt durch den Tausch von Logistik, Maschinen, Waffen und Chemikalien gegen Rohstoffe und (Luxus-)Nahrungsmittel aus den Ländern der Ärmeren und Ärmsten erwirtschaftet. Die inzwischen weitgehend an die Export- und Importbedürfnisse der Reichen angepassten Ökonomien der Entwicklungsländer und die auf diesen Tausch eingerichteten Ökonomien der Indstrieländer sind die Schauplätze einer gigantischen, "Weltwirtschaftssystem" genannten Materialschlacht. (Peter Cornelius Mayer-Tasch im Zürcher "Tages-Anzeiger" vom 3. August 1991)

Die Hoffnungen auf einen Ausgleich zwischen der Verschwendungsspirale der Reichen und der Verelendungsspirale der Armen der Weltgesellschaft lösen sich in Smog auf, da immer noch keine Anzeichen bestehen, dass die Reichen von Wachstums-, Wohlstands- und Fortschrittsmustern Abschied nehmen wollen. Die Unfähigkeit der Industriestaaten, ausser an Wachstumsraten (was nicht zuletzt auch Verschwendung von Energie und Rohstoffen bedeutet) an nichts anderes denken zu können, wird uns früher oder später einen zugleich ökonomischen und ökologischen Bankrott bescheren. Abzusehen sind ausserdem globale Konfliktsituationen, die sich aus Problemen der Überbevölkerung, der Umwelt oder des Nahrungsmangels ergeben.

Ich erkenne oder spüre den von Ihnen angesprochenen "erotischen" Moment zum Anderen (noch) nicht. Dies wird sich vielleicht ändern. Was ich jedoch spüre, wenn ich mich mit anderen Kontinenten und Kulturen, mit Afrika und den Yorubas, mit Australien und den Aborigines, mit Brasilien und den Amazonas-Indianern etc. auseinandersetze, ist eine grosse Affinität, die mich innerlich berührt, aber auch bedrückt. Ich frage mich immer wieder: Wie kommt das?

Die neuesten Forschungen von Linguisten, Genetikern und Molekularbiologen führen zu einem "gemeinsamen Stammbaum" der Menschheit. Die These lautet: Von Afrika aus wurden zunächst Asien und dann die übrigen Kontinente besiedelt. Alle Völker der Welt sind Kinder ein und derselben afrikanischen Eva. Diese Ur-Frau und ihre Sippe sollen vor etwa 150 000 Jahren in Ostafrika gelebt haben. Die verschiedenen menschlichen Rassen entstanden folglich nicht aus einer multiregionalen Entwicklung unterschiedlicher Frühmenschen zu heutigen Erdenbürgern. Konsequenz: Alle Menschen sind Brüder und Schwestern, und die herkömmlichen Rasseneinteilungen nach Hautfarben sind falsch. Alle sind aus demselben Holz geschnitzt. Der Genetiker Luigi Luca Cavalli-Sforza von der Stanford University in Kalifornien erklärt in einem "Zeit"-Gespräch (Nr. 7/1992):

Keine menschliche Gruppe ist biologisch rein, wie es ein Stamm von Labormäusen sein kann. Nimmt man ein Mäusepaar und erlaubt seinen Nachkommen, sich zwanzig Generationen lang nur zwischen Brüdern und Schwestern fortzupflanzen, erhält man eine "reine Rasse". Das gibt es nicht bei Menschen. Es gibt immer einen bestimmten Grad an Mischung. [...] So seltsam es erscheinen mag: Weisse, Schwarze oder Gelbe bilden keine Rassen. Biologisch ist eine Rasse eine Gruppe von Individuen, die sich genetisch sehr nahe sind. Und die phänotypischen Merkmale - wie Haut- und Haarfarbe, Grösse und Gesichtsform - reichen für sich genommen nicht aus, eine menschliche Gruppe ausreichend zu charakterisieren. So können eng verwandte Völker aus Individuen unterschiedlicher Hautfarbe bestehen. Manche Indoeuropäer etwa, die angeblich zur weissen Rasse gehören, haben eine ebenso dunkle Haut wie die schwärzesten Afrikaner. Wo die Sonne brennt, finden wir schwarze Völker, so einfach ist das. Tatsächlich erzählt die Hautfarbe die Geschichte des Klimas und nicht der Völker. [...] Der Ausdruck "afrikanische Eva" ist ambivalent. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass wir alle von einer einzigen Frau abstammen. Es ist wahrscheinlicher, dass viele andere Frauen gleichzeitig lebten, ihr Geschlecht jedoch ausgestorben ist. Wie auch immer, der afrikanische Ursprung des modernen Menschen gilt als erwiesen. [...] Kulturelle Unterschiede sind schwer zu begreifen und werden als bedrohlich empfunden. Deshalb flüchten sich manche in den Gedanken, dass ihre angebliche Rasse anderen überlegen ist. Eine solche Haltung ist die bittere Frucht von Unwissen und Angst, die beide nicht so bald verschwinden werden. Ausserdem: wie wertvoll wissenschaftliche Argumente auch sein mögen, ich fürchte, dass der Rassismus noch gefährliche Gelegenheiten finden wird, sein hässliches Gesicht zu zeigen.

Erlauben Sie mir, dass ich unseren Briefwechsel mit zwei Fragenkomplexen fortführe, die in meinen Augen von brennendem Interesse für die Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert sind:


* Die westliche Kultur ist in den 90er Jahren auf der Suche nach einer neuen Definition von Geschichte, die keine Hierarchievorstellungen, keine Idee von Mainstream und Peripherie beinhaltet, und nach einer neuen, globalen Bedeutung von Zivilisation, die das geradlinige, eurozentrische Modell ersetzt. Beim Dämmern der Postmoderne wurde sichtbar, dass die Geschichte über kein inhärentes Ziel verfügt, dass es in keinerlei Weise gerechtfertigt war und ist, wie die westliche Zivilisation den Rest der Welt ins Schlepptau genommen hat, um ihn zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen. Kant und Hegel lieferten die nötige Philosophie, um die europäisch-kolonialistische Vorherrschaft zu rechtfertigen. Interkulturelle Dialoge in der Philosophie etablieren zu wollen, wie sie von Ihnen propagiert werden, hiesse Neuland zu betreten. Was trägt Ihre "Interkulturelle Philosophie" dazu bei, dass die bisherigen Unterlassungen nicht wiederholt werden, dass der Austausch zwischen den Kulturen wirklich gelingt?


* In Ihrem Buch "Interkulturelle Philosophie" kommt die von Alexander King geäusserte These zur Sprache, dass sich die Menschheit in Richtung einer globalen Kultur entwickelt. Sie selbst haben unsere zeitgenössische "Kultürlichkeit" damit gekennzeichnet, dass wir in einer global sich vereinheitlichenden Welt leben. Wie sieht der gegenwärtige Beginn einer globalen Menschheitskultur aus? Der Lebensstil des "Nordens" ist sicherlich nicht globalisierungsfähig und kann aus ökologischen Gründen nicht weltweit verbreitet werden. Wenn Sie von Welt- bzw. Globalkultur reden, heisst das, dass es eine Einheit in der unübersehbaren Vielgestaltigkeit der Kulturen und Religionen gibt? Und wenn eine solche Einheit existiert, auf welche Weise kommt sie zum Vorschein, auf welche Weise kann sie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch erreicht werden? Der Begriff Globalkultur impliziert doch, dass notwendigerweise eine Besinnung auf jene Werte stattfinden muss, welche die unterschiedlichen Kulturen zu einer globalgesellschaftlichen Identität verbinden sollen. Der Begriff Globalkultur impliziert weiter, dass ein für alle Menschen gemeinsamer Glaube gefunden werden muss; ein Glaube, der im Unterschied zu allen geschichtlichen bekannten Religionen die verschiedenen Kulturen, Rassen und Völker nicht trennen, sondern vereinigen könnte. Kann es überhaupt solche Werte und einen solchen Glauben geben?
(Baden, im Februar 1992)

Menschenpflichten statt Menschenrechte

Franz Wimmer: Es ist natürlich immer leichter zu sagen, was für Denkformen, Voreinstellungen, Begriffe eine interkulturelle Philosophie behindern, als zu sagen, worin deren konkrete Gestalt und Zielsetzung bestehen würde. Doch muß ich, wenn ich zum ersten, zu den Hindernissen einer interkulturellen Philosophie spreche, wohl auch sagen, was ich vom zweiten denke. Im Buch habe ich den Schwerpunkt auf die Kritik an der Voraussetzung gelegt, europäisches Denken und Philosophieren sei die Normalgestalt des Denkens überhaupt - und habe die These damit verknüpft, daß es eine solche Normalgestalt gar nicht gibt. Wie verträgt sich das aber mit der anderen These, die Sie jetzt von mir zitieren, daß wir in einer Zeit globaler Vereinheitlichung leben? Keine der beiden Thesen will ich aufgeben - und ich hoffe, das so begründen zu können, daß Sie es nicht nur auf Sturheit zurückführen.

Interkulturelle Philosophie wird es nur dann und nur in dem Maß geben, als zwei Bedingungen dafür erfüllt sind:
a) Es muß eine Notwendigkeit der Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft auch in philosophischen Fragen bestehen, und
b) es muß die Notwendigkeit vorliegen, kulturelle Differenzen als solche anzuerkennen und nicht einzuebnen.

Der Zwang zur Kommunikation zeigt sich in unserer geschichtlichen Situation in den globalen Tendenzen zur Zusammenarbeit auf technischen, politischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen Gebieten. Daraus resultieren Theorien über den Menschen und seine Gesellschaftsfähigkeit, seine Geschichte, die eine jeweils umfassende Einheit postulieren. Es entsteht das Bewußtsein, in einer prinzipiell gleichförmigen Welt zu leben, einer Welt, deren wesentliche Bezugspunkte des Wertens, Beschreibens und Erklärens der Wirklichkeit für alle Menschen zunehmend einheitlicher werden: das Bewußtsein einer globalen Kultur. Früher vorherrschende und heute immer noch auftretende regionale, nationale oder ideologische Unterschiede werden in dieser Sicht mehr und mehr abzubauen sein, und dies geschieht auch. Ein Beispiel dafür können wir in der Theorie der Menschenrechte sehen.

Die These, daß Menschen als Individuen gewisse Grundrechte haben, die ihnen nicht abgesprochen werden dürfen, ist theoretisch über nationale, kulturelle oder religiöse Grenzen hinweg weithin anerkannt. Wenn auch die Inhalte von Menschenrechtskatalogen zuweilen deutlich voneinander abweichen und ihre Gültigkeit in den bestehenden Machtgebilden, den heutigen Staaten, sehr unterschiedlich ist, so läßt sich doch sagen, daß die Idee dahinter ziemlich global anerkannt ist; zumindest in dem Sinn, daß gegen diese Idee als solche kaum ein öffentliches Argument vorgetragen wird - dies erklärt die relative Wirksamkeit des Öffentlichmachens von Verletzungen der Menschenrechte, wie es Organisationen wie Amnesty International praktizieren.

Das angesprochene Beispiel zeigt aber auch noch etwas anderes: Es sind negative Bestimmungen, was mit der Idee von Menschenrechten gegeben ist. Dies oder jenes soll einem Menschen nicht angetan, soll nicht verboten sein usw. Das heißt: Ein den Menschenrechten entsprechender Katalog von Pflichten ergibt sich nur aus einer Liste von Verboten. Ein darüber hinausgehender Katalog von Menschenpflichten aber, der positive Gebote oder Orientierungen für das Verhalten aller Menschen regeln würde, fehlt. Dies aber ist genau der Bereich, den alle früheren Kulturen, Religionen, Weltanschauungen geregelt haben: die Pflichten der einzelnen sich selbst, ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt gegenüber. Keineswegs in allen traditionellen Kulturen ist die Idee von Menschenrechten entfaltet, wohl aber überall die von Menschenpflichten. Die moderne Menschheit jedoch lebt in diesem Widerspruch, als verbindliche Regeln des Verhaltens nur Verbote, negative Normen rechtfertigen zu können, nicht aber Gebote. Nun scheint es aber unmöglich, ohne Zielvorgaben, Motivationen, Orientierungen - was alles in Geboten formuliert werden kann -, ohne selbst- oder fremdgegebene Pflichten zu leben. Schon wer von Verantwortung spricht, spricht von einer Pflicht. Daß es Pflichten praktisch in diesem Sinn jederzeit gibt, kann man nicht leugnen, woher ihre Überzeugungskraft oder Einsichtigkeit aber gewonnen wird, ist nicht die Realität globaler Vernunft.

Die Idee eines allgemeinen Katalogs von Menschenpflichten drängt sich in einer Zeit auf, in der von Auswirkungen der Entscheidungen weniger Menschen noch entfernteste Zeitgenossen und vielleicht sogar viele spätere Generationen betroffen sein können. So plausibel und dringend ein solcher Katalog aber auch erscheint: Es gibt ihn nicht. Der Grund liegt darin, daß die Pflichten - was ein Mensch sein und tun soll - immer noch und immer wieder aus traditionellen, ethnischen, religiösen, regionalen, nationalen Quellen gewonnen werden: in der fortbestehenden Differenz von Lebensformen.

In dieser Spannung zwischen Differenz und Einheit kann, muß aber nicht interkulturelle Philosophie entstehen. Sie wird ihr Zentrum darin haben, daß im Fortbestehen der Differenz eine Offenheit im gegenseitigen Geben und Nehmen entsteht. Sie muß aber nicht entstehen, wie ein wichtiger Abschnitt aus der Geschichte Europas, dessen Neuzeit, beweist: Ihr wesentliches Merkmal hinsichtlich der Begegnung mit fremden Kulturen bestand nicht in einer tatsächlichen gegenseitigen Kommunikation, sondern im - streckenweise erfolgreichen - Bemühen um Vereinnahmung und Beseitigung. Aus vielen Texten des europäischen 19. Jahrhunderts spricht die aufrichtige Überzeugung, daß die nicht europäisierbaren Elemente fremder Kulturen nichts weiter als ein Müllbeseitigungsproblem auf dem Weg der fortschreitenden Menschheit darstellten.

In einer Entdeckungs- und Eroberungsgeschichte, die sich über Jahrhunderte hinzieht, hat die europäische Kultur ein immer vollständigeres Bild der Erde in räumlicher wie in zeitlicher Hinsicht hervorgebracht. Wir können heute nicht nur die entferntesten Winkel des Planeten benennen - und bereisen, wir haben sie nicht nur verfügbar in Beschreibungen, Statistiken und Hochrechnungen, wir können auch in einer viel weiter ausgreifenden Weise, als Herder dies vor 200 Jahren versuchte, die Position unseres Planeten im Weltall bestimmen.

Wie der Raum hat sich auch die historische Zeit ins Unvorstellbare ausgeweitet und strukturiert. Zeiträume, die wir Vorgeschichte nennen, sind gewaltig und weiten sich stetig aus; gelegentlich füllt sich die Leere dieser Zeiten mit lebendigen Wesen, wie es in beeindruckender Weise mit den Sauriern geschah. Kannten unsere Großeltern noch kaum einen Namen für diese Lebensformen, so sind sie in der Kinderwelt einiger Gesellschaften heute so gegenwärtig, wie es früher einmal die Römer gewesen sein mögen.

Was die Kenntnisse vom Menschen und seinen Möglichkeiten, seinen Formen des Wissens und Glaubens, des Fühlens, Gestaltens und Ausdrückens von Gedanken, was also unser Wissen um uns selbst angeht, so ist es in ebenso eindrucksvoller Weise explodiert wie das geografische, astronomische, paläontologische oder historische Wissen. Die unübersehbare Vielfalt von beobachteten und erschlossenen Lebensformen, Zivilisationen oder Kulturen macht den eigenen kleinen Alltag, die eigenen engen Lebensumstände, Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Freuden zu etwas beinahe zufällig Gewordenem in einem unendlichen Raum von Möglichkeiten.

Das Normale gibt es nicht

Es gibt aber nicht nur eine Geschichte der menschlichen Lebensformen, die so vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten belegt, daß einem davon schwindlig werden kann - ähnlich wie dem Kopernikaner schwindlig wird, der auf einem bekannten frühneuzeitlichen Stich den Kopf durch das Firmament, durch die bisherige Grenze seines Glassturzes steckt und die unendlichen Welten da draußen entdeckt -, es gibt auch eine Geschichte der Kunst, der Seele, der Religionen, der Philosophien. In allem herrscht Vielfalt vor, und die gelegentlichen Versuche, eine letztlich doch allem zugrunde liegende große Einheit zu entdecken, wie sie beispielsweise Hegel oder Marx unternommen haben, bleiben, so eindrucksvoll sie auch sind, stets hinter der Fülle und Erzeugungskraft der Wirklichkeit zurück. Vergegenwärtigt man sich das, so scheint es für den traditionellen Ritus, für Religion und Weltanschauung, für die Geborgenheit in irgendeiner Klassik der Kunst, der Musik, der Dichtung oder auch der Staatsform keinen Platz mehr zu geben. Das Normale gibt es nicht.

Aber so leben wir nicht. In den geringsten wie in weiter reichenden Handlungen tun wir das Normale oder glauben doch wenigstens an die Möglichkeit einer Normalität. Darin unterscheiden sich Konservative nicht von Revolutionären: Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, daß sie einander vorhalten, die jeweilige Normalität des anderen sei bloß angemaßt.

Eben läutet eine Kirchenglocke hier in der Nähe. Es ist Sonntag, ein Gottesdienst wird gefeiert, ich weiß nicht, wie. Der Ton der Glocke ist deutlich, die Welt, in der dies stattfindet, fast so weit weg wie ein Schlangentanz in Neumexiko. Auf engem Raum, in immer größeren Städten leben Menschen ganz verschiedener Religionen, Kulturen zusammen. In ein und demselben Menschen geschieht das: Als Arzt und Naturwissenschaftler kann er die Theorie voraussetzen, daß das Leben - auch sein eigenes - das Ergebnis eines evolutionären Prozesses ist, in sich wahrscheinlich folgerichtig nach Gesetzen, die wir zu entdecken hoffen, aber ohne ein Ziel oder einen Sinn, der über es hinausweisen würde. Jetzt eben, am Sonntagvormittag, kann er den Ritus praktizieren, der in einer Umwelt entstanden ist und deren Bilder und Vorstellungen weiterträgt, die in allen Dingen das Wirken eines rächenden oder auch eines liebenden Gottes sah. Es kann, und im Moment klingt mir das einfach paradox, Kulturwissenschaftler, Ethnologen, Psychologen und Physiker geben, die gläubige Christen sind.

Wenn es die Normalität in Wirklichkeit nicht gibt, so müssen wir doch ständig so tun, als gäbe es sie, und das ist der tiefere Grund dafür, daß die Moden - der Kleider, der Urlaubsziele, der Tänze, des Kunstbetriebs usf. - rhythmisch wechseln. Sie sind serielle Normalität. Es geht gar nicht anders.

Nietzsche hat in einer seiner (nur damals?) "Unzeitgemäßen Betrachtungen" darauf hingewiesen, daß historische Bildung, in allzu hohem Grad angeeignet, handlungsunfähig macht. In einem Sketch von Dieter Hildebrandt war kürzlich von jemandem die Rede, der seit Jahren die Wohnung nicht mehr verläßt und dies mit dem vernünftig klingenden Satz begründet, man müsse voll informiert sein, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Vollinformation, ein Grenzwert jenseits individueller Aufnahmefähigkeit - und manchmal schon absehbar jenseits jeder Aufnahmefähigkeit, auch der kollektiven, wenn auch die Archivierungs- und Dokumentationsfähigkeiten noch darüber hinwegtäuschen können - strebt dieser Zeitgenosse durch mannigfache Vernetzung mit verschiedensten Datenbanken und Medien an, erledigt auch den Rest des Lebens - Einkauf, Finanzamt u. dgl. - via Modem und kommt somit nicht mehr unter Menschen. Handeln, Gesellschaft findet in der Satire nicht mehr direkt statt, und die bei solchem Bemühen um Vollständigkeit wahrscheinlich produzierten Mengen an Dokumentation führen zu nichts weiter als einem Recyclingproblem für eventuelle Erben.

Orientierung des Lebens kann aber nicht in einer bloß quantitativen Ausweitung von Information gefunden werden; nicht einmal dann, wenn diese Information selbst geschaffen wird. Ein ähnlicher Rückzug in die Klause wie bei Hildebrandt wurde auch von Jean Paul geschildert, dessen Schulmeisterlein alle Werke, von denen er durch den Katalog der Buchmesse erfährt, in seiner Kammer in Auersthal noch einmal schafft. Auch er verfällt auf skurrile Methoden, auch er nimmt am wirklichen Spiel der Kräfte nicht teil. Zwar nimmt er nicht nur auf, sondern schafft sich die gedachte literarische Gegenwart selbst, indem er sie schreibt, dennoch ist der Rückzug oder Ausstieg der beiden wenig verschieden. In äußerlicher Privatheit und Isolation anerkennen sie das Autoritative der Quellen, die sie nutzen - die wirkliche, die normale Welt des Messekatalogs oder der Nachrichtennetze. Das ist eine reale, gelebte Orientierung, die für viele Zwecke und in den meisten Situationen als ausreichend empfunden wird. Die tägliche Zeitung und andere Medien, der Kulturbetrieb, die dominierenden Schulen in den Wissenschaften, all das ist für praktische Zwecke des Alltags Orientierung genug: für das Gespräch am Stammtisch ebenso wie für den Kommentar zu einer neuen Kunstrichtung, für die Abgabe des Stimmzettels am Wahltag oder die Personalentscheidung einer Akademie. Normalität reproduziert Normalität.

Ich bin von der Überlegung ausgegangen, daß ein Teil unseres Wissens um die Welt im Gegensatz zu dem ptolemäischen Alltag steht, in dem wir leben. Der Alltag ist ptolemäisch, sofern er als das Zentrum schlechthin erlebt wird. Alle alten Religionen waren oder sind in diesem Sinne ptolemäisch: Sie haben ihre Stifter, mit denen die Gläubigen sich in einer sehr intimen Weise verbunden fühlen können, in einer Intimität, die zuweilen diejenige der wirklichen Mitmenschenwelt übersteigt; sie haben ihre Glaubenssätze, die nicht nur als Probleme, sondern als Sicherheiten erlebt werden; sie haben ihre Riten und Rhythmen, die es erlauben, die verrinnende Zeit und die Gleich-Gültigkeit von Situationen in einer Ordnung zu erleben; sie haben einen Kosmos von Werten und Geboten. Sie haben heute aber auch alle gemeinsam, daß sie voneinander in all diesen Punkten, in denen sie konkurrieren, wissen. Die alten Religionen sind Orientierungswege geschlossener Kulturen gewesen, und diese gibt es nicht mehr.

Derjenige, der einerseits einer traditionellen Religion verpflichtet ist, andererseits in der Vorstellungswelt moderner Wissenschaften lebt, befindet sich im Dilemma, sich immer wieder entscheiden zu müssen, was den Vorrang hat. Es gibt einen Ausweg aus dieser Situation, der darin besteht, einen begrenzten - vielleicht den authentischen - Kopernikanismus im Denken zu praktizieren. Ich meine damit den Gedanken, daß zwar die bekannte, vertraute Normalität nicht das Zentrum der Welt überhaupt ist (wie die Erde nicht das Zentrum des Sonnensystems ist), daß es aber ein Zentrum des Ganzen doch gibt. Die ersten Kopernikaner haben unsere Sonne oder unsere Galaxis gewiß nicht als bloß irgendeine Formation in einem System ohne Zentrum angesehen. In der Erklärung der menschlichen Geschichte haben sowohl der philosophierende Dichter Herder als auch der philosophierende Theologe Hegel diesen moderat kopernikanischen Weg eingeschlagen. Fast alle mir bekannten Ansätze der Religions-, Kunst- und Staatsgeschichte gehen ihn ebenfalls.

Religionen der Zukunft

Sie haben in Ihrem letzten Brief die Unterscheidung erwähnt, die ich bezüglich der Wahrnehmungsstereotype fremder Kulturen in der Geistesgeschichte Europas vorgeschlagen habe; ich belegte sie mit den Begriffen Barbaren, Exoten und Heiden. Es scheint mir jetzt am Platz, einiges dazu zu sagen.

Die Barbaren befinden sich außerhalb der wahren Kultur in einem streng ptolemäischen Verständnis. In der Religionsgeschichte belegt das Vorkommen dieses Stereotyps ein Ausdruck wie "Außerhalb der Kirche kein Heil", der ja durchaus wörtlich genommen worden ist.[5]

Exoten sind draußen in einem Sinn, der vom jeweiligen Grad des Kopernikanismus und Relativismus abhängt, den eine Gesellschaft zu praktizieren in der Lage ist. Man kann sich beliebige Settings für dieses Verhältnis zum Fremden ausdenken, die Literatur der Science Fiction ist voll davon. In der "Star Wars"-Saga sind die Bewohner der Galaxien, der Sonnen- und anderen kosmischen Systeme untereinander zwar verschieden und fremd, aber bloß in einer Weise des Andersseins, als gegenseitige Exoten, und selbst mit manchen Barbaren, wie den Ewoks, ist gelegentlich Verständigung möglich, wenn auch nur mehr mit Hilfe künstlicher Intelligenz. Zudem gibt es in dieser Saga immer noch den Anspruch der Normalität, der Superstruktur entweder in Gestalt des "Imperiums" oder der "Allianz". Das exotisierende Verhältnis zum Fremden kann sich im religiös-weltanschaulichen Bereich entweder in Form eines Eklektizismus äußern - dem entsprechen in "Star Wars" die Beziehungen zwischen den verschiedenen "Kulturen und Rassen", wie es in einer aufschlußreichen Szene heißt -; dann liegt dem etwa ein Satz wie folgender zugrunde: "In vielen Religionen findet sich Gutes, das zu bewahren und zu vereinen ist." Oder in Form eines Synkretismus, dem etwa der Satz zugrunde liegt: "Alle oder doch viele Religionen sind wahr."

Wird die zukünftige Menschheit Religionen oder eine Religion haben? Wenn ja, von welchem Inhalt, in welcher Form? Werden es synkretistische Zusammensetzungen oder eklektische Synthesen der alten Religionen sein? So verstehe ich die Schlußfrage Ihres letzten Briefes.

Ich betrachte Religionen als Orientierungssysteme von Gesellschaften, die Mittel dafür bereitstellen, in einer intimen Sicherheit zu leben. Das kann sowohl die Sicherheit der Hoffnung (auf Erlösung oder Seligkeit - der Himmel des Christentums, das Nirwana des Buddhismus) als auch die Sicherheit der Angst vor wesentlichem Scheitern (die Hölle des Christentums, die niedrige Wiedergeburt im Hinduismus) sein. Die Religionsgeschichte bietet ausreichend Beispiele für das konstante Vorhandensein wie für die inhaltliche Variabilität dieses Strebens nach intimer Sicherheit. Auch die Formen des geistigen Umgangs damit umspannen eine große Weite: von logischen Analysen bis zur Entrückung finden wir alle möglichen psychischen Akte methodisch entwickelt vor. Desgleichen sind die Formen der Organisation des Ritus und der Tradierung sehr vielfältig. Alle anderen Merkmale, außer der Vermittlung von Sicherheit jedoch - also Glaubenslehren mit der Herausbildung theologischer Diskurse, Ritualisierung von Lebenssituationen und -abschnitten, Institutionalisierung usf. -, sind nur Weiterbildungen jeweils bestimmter Versuche, intime Sicherheit zu erlangen. Ich glaube, daß die künftige Menschheit Religion(en) in diesem Sinn haben und hervorbringen wird.

Wenn die Religionen der Zukunft eklektisch sein werden, wie das in der Vergangenheit und Gegenwart schon zuweilen der Fall ist, so liegt alles Entscheidende darin, wer mit welchen Gründen zu bestimmen hat, was genau das jeweils Gute, Richtige, Übernehmenswerte an den verschiedenen Religionen sein soll. Eklektiker geben sich stets liberal. Sie erklären vielleicht, daß Buddha, Konfuzius, Jesus und Mohammed allesamt gleicherweise edle und große Menschen gewesen seien, die jeweils etwas ganz Tiefes am Menschen erfaßt hätten, was nun in eine höhere, tolerantere Einheit zu bringen sei. Eine solche Auswahl und Zusammenschau mag einem rechtgläubigen Katholiken oder Schiiten schon viel zu indifferent und relativistisch erscheinen, jemand anderem als die Eröffnung neuer, hoffnungsvoller Intimität. Die Reaktion der ersteren trifft genauer den zentralen Punkt des Eklektizismus, denn es wird dabei nie nur irgendwie, auf sozusagen naturwüchsige Weise synthetisiert und ausgewählt, sondern nach einer neuen Ordnung von Dogmen und Werten. Auch die altvertrauten Religionen enthielten stets eklektisch integrierte Elemente aus unterschiedlichen Quellen und Traditionen; man denke an die Rolle der jüdischen Bibel im Islam oder an diejenige der griechischen Philosophie bei christlichen Kirchenlehrern. Wenn also die Religionen der Zukunft eklektisch sein werden, so werden sie damit neue Religionen sein - und ich halte es nicht für wahrscheinlich, daß es sich um eine einzige handeln wird, wenngleich dies in den programmatischen Schriften zumindest einiger neuer eklektisch religiöser Gruppen heute zu lesen ist, die behaupten, die wahren, guten und edlen Grundsätze aller großen Religionsstifter der bisherigen Geschichte zu vereinen und damit die eine Religion der Menschheit zu schaffen.

Synkretistisches Denken

Daß es sich um eine einzige und einheitliche Religion handeln würde, ist schon darum unwahrscheinlich, weil es in der eingangs erwähnten, widersprüchlichen Situation immer wieder zu synkretistischen Praktiken kommen wird. Ich halte die technisch-wissenschaftliche Revolution der Neuzeit nicht für umkehrbar, wenn sie auch keineswegs das Ende der Geschichte, sondern im späteren Rückblick wahrscheinlich eine Episode darstellen wird, die von ihren Urhebern in ihrer Einzigartigkeit maßlos überschätzt worden ist. Was da entstanden ist, wird zwar nicht rückgängig gemacht, es wird aber in so vielfältiger Weise weitergeführt werden, daß die entstehende Kultur Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten mit mehreren der bisherigen Hochkulturen aufweisen wird. Für am wahrscheinlichsten halte ich, daß ein synkretistisches Denken Platz greift, das die technisch-wissenschaftliche Denkform für die Lösung vorhandener und stets neu geschaffener Lebensprobleme einsetzt, das aber in den Sinnfragen des Lebens auf Denkformen zurück- oder ausgreift, die mit den Methoden der Wissenschaft wenig oder gar nicht begründet werden können.

In dieser synkretistischen Spannung wird sich auch eine neue Art des Philosophierens entwickeln, das einerseits auf der Grundlage weltumspannender Informations- und Dokumentationsnetze die bisherigen Beschränkungen innerhalb einer Kultur überwunden hat, anderseits jedoch in einer neuen Weise provinziell und eigenbrötlerisch sein wird. Die Rede vom Provinzialismus wird allerdings ihre bisherige Bedeutung verlieren, sobald das Bewußtsein davon geprägt ist, daß es zwar für die technischen, wirtschaftlichen und politischen Belange Machtzentren, Metropolen gibt, nicht aber vergleichbare Metropolen für die Fragen der Orientierung im Leben.

(Wien, im März 1992)

America nowhere / Japan now here?

Paolo Bianchi: An dieser Stelle möchte ich gerne den Versuch einer Zwischenbilanz wagen, bevor wir den Dialog weiterführen, da angerissene Themen, so zum Beispiel derjenige vom "erotischen" Moment zum Anderen, bis anhin nicht diskutiert wurden. Auffallend ist, dass das Leben als solches immer stärker in den Mittelpunkt unserer Diskussion rückt. Ich spreche von der Flexibilisierung der Lebensformen, von der Neubestimmung von Lebensqualität und von der Humanisierung der Lebenswelt. Sie sprechen in Ihrem Schlusssatz von Sinnfragen der Orientierung im Leben.

Ich erinnere mich an unser spontanes Treffen vor wenigen Wochen in einem Wiener Café. Sie erzählten von ihrem Japan-Aufenthalt. Ein wahrlich sonderbares Land in unseren Augen. In Japan gibt es keine Süd-Bronx wie in New York, kein South Central wie in Los Angeles und vor allem keine Obdachlosenprobleme, keine Drogenszene, fast keine Kriminalität und nur eine geringe Migration. Und doch ist Japan kein Paradies auf Erden: Die Japaner schuften sich zu Tode (im Schnitt 2100 Stunden pro Jahr, etwa 500 mehr als die Amerikaner und 300 Stunden mehr als die Westeuropäer), hausen in "Kaninchenställen" und pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsplatz in Zügen und Autobussen, in denen ein Gedränge herrscht wie bei einem Viehtransport. Heute lese ich in der Zeitung, dass in Japan ein Fünfjahresplan 1992-1996 ausgearbeitet worden ist, der eine Steigerung der Lebensqualität postuliert.

Während die Japaner unter ihrer Käseglocke aufräumen, besitzt die unsere im Gegensatz dazu emmentalergrosse Löcher, die sich nicht mehr stopfen lassen. Denn wer im eigenen Land nicht überleben kann, wer keine menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen vorfindet, wer politisch verfolgt wird, wer von Krieg und Hungersnöten oder Umweltkatastrophen bedroht wird, der macht sich auf den Weg in die Zentren des Wohlstands, um sich zu holen, was auch ihm gebührt: ein Stück lebenswertes Leben. Die Habenichtse fordern von den Habenden. Massen sind in Bewegung geraten. Von Süden nach Norden, vom Osten in den Westen. Das Problem der Migration, dieser heutigen Spielart der Völkerwanderung, wird zur zentralen sozialen Frage an der Schwelle zum 21. Jahrhundert.

Entwickeln unsere Politiker Pläne, um mit diesem Problem umzugehen? Die Empfehlungen von Fachkräften für Flüchtlingsfragen lesen sich unglaublich dümmlich: Um interkulturelle Begegnungen und Erfahrungen zu machen, müsse man auf den Fremden zugehen, ihn ansprechen, zu einen Tee einladen, mit ihm reden. Der Schweizer Journalist und Filmemacher Kurt Gloor probierte es aus:

Marktgasse, Langenthal. Eine asiatisch aussehende Frau kommt auf mich zu. Ob ich sie zu einem Kaffee oder Tee einladen dürfte? Sie bleibt stehen und sagt: "Fuck yourself!" Ich gehe auf eine türkisch aussehende Frau mit einem Kopftuch zu und frage sie, ob ich ihr mit ihren schweren Einkaufstaschen behilflich sein kann. Und ob ich sie zu einem Tee einladen dürfte. Die Frau flieht, von Panik ergriffen.

Endlich habe ich Glück. Ein Jugoslawe ist bereit für einen Kaffee. Nach zehn Minuten will er mir sein altes Auto verkaufen. Fast alles sei neu daran: das Stereoradio/Kassettengerät, die Reifen, der Panoramarückspiegel, die Bremsen und die Zündkerzen. Ich erkläre ihm, dass ich schon ein Auto habe und kein anderes brauche. Er meint, ein Auto könne man immer brauchen. Ich kriege ihn nicht mehr los, er will meine Adresse. Und er beginnt mir auf die Nerven zu gehen, und wie! Ich muss schliesslich einsehen, dass auch ein Ausländer das Recht darauf hat, ein Arschloch zu sein. (Aus: NZZ-Folio, Juni 1992)

Interkulturelle Begegnung wünscht sich nicht Menschenfreunde als eine Art modifizierte Tierfreunde und auch keinen Umarmungskitsch. Wer vom Fremden nur fasziniert sei, sagt der Psychoanalytiker Mario Erdheim, könne unbewusst viel dazu beitragen, es gerade zu zerstören. Auf den bewussten Umgang und die bewusste Auseinandersetzung kommt es folglich an. Es ist an der Zeit, völkerverständigende Voraussetzungen für einen zeitgemässen interkulturellen Dialog zu begründen. Längerfristige Perspektiven, Strategien und Optionen hinsichtlich der Kommunikation und des Umgangs mit anderen Kulturen sind gefordert (vgl. meinen ersten Ansatz hierzu in: Kunstforum, Bd. 118, S. 81 ff.). Sie plädieren Ihrerseits für die Erstellung eines allgemeinen Katalogs von Menschenpflichten statt Menschenrechten, von Geboten statt Verboten, von Positivem statt Negativem. Braucht es solche Leitplanken auf dem Weg in die Zukunft? Und wer sagt uns, dass sich unsere Ideen nicht als blosser missionarischer Eifer erweisen werden, wie ihn die Entdecker und Eroberer Amerikas vor 500 Jahren an den Tag gelegt haben?

Ein doppelter Blick auf unsere Gegenwart sei erlaubt: einer von unserem Hier und Jetzt aus und einer rückwärts aus der Zukunft des Jahres 2025 oder 2050 aus.

Unser Zeitalter erfährt grosse Veränderungen. Alles verflüchtigt sich, ist im Fluss. Wir begegnen diesen Wandlungen, Um- und Neugestaltungen mit Rat- und Orientierungslosigkeit. Die atemlose Suche nach Sinn und Rückhalt bleibt ergebnislos, denn Übergänge und Unterschiede, Verschiebungen und Begegnungen bestimmen die heutigen Zeit- und Zivilisationsprozesse. Das Flüchtige und Transitorische des heutigen Zeitgeschehens macht uns unseren unablässigen Übergang zum Anderen bewusst, so auch unsere Angst vor dem Anderen, Fremden und Unbekannten. Und so scheint das grosse Zusammenwachsen über alle Gegensätze und Grenzen hinweg unausweichlich und unaufhaltsam zu sein. Manche jedoch suchen ihr Heil in ethnischer und regionaler Selbstbesinnung. Gedächtnis und Erinnerung werden zum ideologischen Programm. Der Ortlosigkeit des Individuums und der Weltlosigkeit der Zeit wird mit Rücksichtslosigkeit und Vorteilnahme geantwortet. Eine schizophrene Welt derzeit also.

Stellen wir uns vor, wir lebten im Jahr 2025 oder 2050. Wir leben und erleben die Pluralität und den Widerstreit der Wirklichkeit. Verschiedene Wirklichkeiten, die einander überschneiden und ergänzen, aber auch bestreiten oder verdrängen, gehören zu unserem Erfahrungsalltag. Wir erfahren unsere Umwelt als Mitwelt, das Universum als Multiversum, unsere Wirklichkeit als vielfältiges, bewegliches, schwebendes, transitorisches und hybrides Ganzes. Wir leben nicht in einem Zeitalter des universellen Verständnisses auf dieser Welt, denn wir sind permanent Widersprüchen ausgesetzt, die wir weder aufheben noch aushalten, sondern akzeptieren. Hierfür setzen wir im Alltag Energien frei, die Komplexität und Verschiebung, Widerstand und Differenz nicht planieren, sondern zulassen. Wir sind "multiple Subjekte" (Wilhelm Schmid), die das Andersdenken und Andersleben bereits verinnerlicht haben, so dass wir nicht Subjekte der Identität, sondern der Alterität, des Andersseins sind, also den Anderen, ohne mit ihm eins zu sein, in uns verkörpern.

Als ich mir zu Hause am Schreibtisch vor dem Computer Gedanken machte, wo sich eine solche globale Gesellschaftsvision etablieren könnte, dachte ich zuerst einmal an die USA, an Nordamerika, wo die multikulturelle Gesellschaft schlicht ein Faktum ist. Doch bald kamen mir Zweifel. Ich erinnerte mich an unser Café-Gespräch. Amerikas Wirtschaftsfeind, Amerikas Atomversuchsland, Amerikas Kehrseite rüttelte sich ins Bewusstsein: Japan.

In Japan wird das in früheren Epochen Gestaltete - ohne einen Hauch des Musealen - immerfort lebendig praktiziert. Jede tradierte Form trägt so viel Kraft in sich, dass auch die Gegenwart als Zeitlosigkeit erfahren wird. In Wien beeindruckte mich sehr, wie Sie von der eigenartig selbstverständlichen Präsenz von Ungleichzeitigem im heutigen Japan sprachen, vom Nebeneinander westlicher und fernöstlicher zivilisatorischer Errungenschaften und von der behenden Einbindung fremder Kulturwerte ins Eigene.

Wo liegt der Ort und wer sind die Menschen, die multiple Gesichtspunkte zulassen, die synkretistisch denken, die ihre Schizophrenie als Multiphrenie (Vielgespaltenheit) ausleben, die ihre Vision nicht auf Vorteil-, sondern auf Rücksichtnahme bauen (Retrovision). In Amerika, in Japan, nirgendwo (nowhere) oder hier und jetzt (now here)? Die Anderen, wir, niemand oder alle?
(Baden, im Juni 1992)

[*] Ein Briefwechsel mit Paolo Bianchi, Zürich. Die unterschiedliche Schreibweise von "ss" bzw. "ß" entsprechend den damaligen Konventionen wurde hier beibehalten. Veröffentlicht zuerst in: America nowhere. Eine Nomadologie der Neunziger. Hg. v. Horst G. Haberl, Werner Krause und Peter Strasser. Graz: Droschl 1992, S. 69-92; wiederveröffentlicht in: ARTIS, ARTIS. Zeitschrift für moderne Kunst. Zürich. 44 Jg., November 1992, S. 38-45 und Dezember 1992, S. 22-29

[1] [Anmerkung 1996: Zu rassistischen Vorstellungen innerhalb der (deutschen) Kulturphilosophie vgl. auch meinen Aufsatz "Rassismus und Kulturphilosophie" 1989]

[2] [Anmerkung 1996: Der schweizer Anthroposoph und Sprachforscher Alois Wadler zitiert in seinem Buch "Der Turm von Babel. Urgemeinschaft der Sprachen" (Basel: Geering 1935) Max Müller mit dem Satz: "Für mich ist ein Forscher der Völkerkunde, der von arischer Rasse, arischem Blut, arischen Augen und Haaren spricht, ein ebenso großer Sünder wie ein Sprachforscher, der von einem langschädligen Wörterbuch oder einer breitschädligen Grammatik spricht. Es ist schlimmer als die babylonische Wirrnis, geradezu ein Betrug. Wenn ich von Ariern spreche, so meine ich weder Blut, noch Haare, noch Schädel, ich meine damit einfach diejenigen, die eine arische Sprache sprechen." (hier: 180f)]

[3] [Anmerkung 1996: Diese Anspielung scheint nur Menschen verständlich zu sein, die längere Zeit in Salzburg gelebt haben. Es gibt (wunderschöne) Orte in dieser Stadt und deren Umgebung, wie z. B. den Schloßteich von Leopoldskron, an denen sich seltsame Szenen regelmäßig ereignen (oder ereigneten? - ich spreche aus der Anschauung der 1970er Jahre): ohne verkehrstechnisch ersichtlichen Grund sind an schmalen Straßen kleine Parkplätze angelegt, an denen regelmäßig Busse halten, deren Insassen nur aussteigen, um eine Kulisse zu fotografieren, die sie längst kennen, und wieder eilig weiterzufahren - zur nächsten Station des Films.]

[4] [Anmerkung 1996: Die "Dorfplätze" sind nach den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien verschwunden. 1992 gab es "Jugoslawien" zumindest noch in einigen Gasthäusern Wiens: die serbische Wirtin, die kroatische Kellnerin, den bosnischen Gast; inzwischen haben sie sich getrennt.]

[5] [Anmerkung 1996: Wo der "Katechismus der katholischen Kirche" (München: Oldenbourg 1993) auf diesen Satz zu sprechen kommt, zeigt sich schon in der gewundenen Ausdrucksweise die angedeutete Verlegenheit: 846 (S. 252): "Wie ist diese von den Kirchenvätern oft wiederholte Aussage zu verstehen? Positiv formuliert, besagt sie, daß alles Heil durch die Kirche, die sein Leib ist, von Christus dem Haupt herkommt. ... "Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die sehr wohl wissen, daß die katholische Kirche von Gott durch Jesus Christus als eine notwendige gegründet wurde, jedoch nicht in sie eintreten oder in ihr ausharren wollten".
847 (S. 252): Diese Feststellung bezieht sich nicht auf solche, die ohne ihre Schuld Christus und seine Kirche nicht kennen ..." Man muß sich hier sicher fragen, was es überhaupt heißen könnte, daß jemand "weiß", daß die Kirche "als eine notwendige gegründet" sei und doch "nicht in sie eintreten" will.]