Interkulturelles Lernen (1994)

Der Nutzen geographischer Kenntnisse scheint mir in der modernen Lebenswelt unbestreitbar. Jede Nachrichtensendung oder Urlaubsplanung setzt den Umgang mit bestimmten Namen, Hilfsmitteln oder Begriffen voraus, die aus der Geographie stammen: Länder- und Regionenbezeichnungen, Landkarten, Klimazonen, Städtenamen und anderes. Man muß die Universitätswissenschaft "Geographie" nicht studiert zu haben, um beinahe täglich mit einigen ihrer Begriffe und Vorstellungen konfrontiert zu sein.

Dennoch ist Geographie als Wissenschaft gewöhnlich nicht Gegenstand wissenschaftstheoretischer oder philosophischer Reflexion, und das macht meine Aufgabe schwierig, das Ergebnis vielleicht enttäuschend bescheiden. Ich gehe davon aus, daß Geographie eine Disziplin ist, die sowohl mit den von Menschen gemachten, als auch mit den natürlichen, für menschliches Handeln und Verhalten grundlegenden Bedingungen befaßt ist, daß sie also mit der Geschichts- und Sozialwissenschaft ebenso verknüpft ist wie mit der Wirtschaftswissenschaft, andererseits aber auch mit der Geologie, Geomorphologie usw. Der Hinweis darauf, es handle sich um eine "synthetische" Disziplin, ist nicht neu. Aus einer solchen Situation kann sich in wissenschaftstheoretischer Reflexion eine Reihe von Fragen ergeben, wobei die wichtigsten wohl darin liegen,

- wie eine solche Disziplin ihrem Gegenstand und ihrer Funktion angemessene Begriffe findet oder bildet,
- wie sie ihre spezifischen Theorien entwickelt und überprüft,
- welche Voraussetzungen wertender Art sie übernimmt oder weitergibt,
- wie sie die Auswahl ihrer Untersuchungsgegenstände und Daten rechtfertigt.

Als geographischer Laie will ich mich mit der Frage beschäftigen, welche Rolle Namen oder Benennungen spielen, die auch in der Geographie verwendet werden, wenngleich nicht nur hier; als Beispiele für solche Namen sollen hier "Kolumbus" (d.h. der Entdecker als Typus) in seiner Kompetenz als Benenner von angeblich Unbenanntem vorgestellt und das Problem der Fremd- oder Selbstbenennung an einem aktuellen Beispiel ("Zaïre") ausgeführt werden. Zweitens möchte ich der Frage nach (europäischen) Stereotypen zur Beschreibung fremder Lebenswelten kurz nachgehen, indem ich eine Klimatheorie des 19. Jahrhunderts skizziere.

Namen

Guanahani oder San Salvador - Kolumbus

Kolumbus soll hier stehen für den Entdecker und Benenner im allgemeinen. In vielen Zusammenhängen sind wir gewohnt, die europäische Neuzeit als ein Zeitalter der "Entdeckungen" zu sehen, in dem etwas, das zuvor nicht "bekannt" oder nicht "betreten" war, nun in den Wissens- und Handlungsbereich der (europäischen, später industrialisierten) Menschheit eingegliedert wird. In diesem Sinn betritt "Kolumbus" nicht nur Guanahani/San Salvador und viele andere, bewohnte wie unbewohnte, benannte und unbenannte Inseln und Länder, er betritt auch die Pole der Erde, benennt die Krater des Mondes und immer noch neue Gegenden des Universums. Er benennt die Bausteine der Materie wie die Organismen nach einem einheitlichen und umfassenden System; er durchschaut und benennt die Faktoren hinter den Absichten der Menschen sowohl im einzelnen - als Psychologe - als auch im Ganzen - als Geschichtsphilosoph.

So verstanden ist also "Kolumbus" eine Chiffre für die übergeordnete Instanz des Benennens und Einordnens, und wir können nicht leugnen, daß der neuzeitliche "Kolumbus" weitgehend erfolgreich war. Er trifft auf ein Fremdes, das - bislang nach seiner Auffassung - ohne Bewußtsein seiner selbst und der Außenwelt war, und gibt ihm einen Namen. Zunehmend wird in der Neuzeit alles in ein globales Koordinatensystem eingefügt. Manchmal, etwa in der Kartographierung der Erde, setzt sich ein solches Koordinatensystem auch global durch - heutige Japaner bezeichnen ihr Land als Teil des Fernen Ostens und sprechen davon, daß Syrien im Nahen Osten liege, was von Japan aus gesehen wenig plausibel ist. Die geographischen, aber auch die historischen und sozialpolitischen Koordinatensysteme der gegenwärtigen Menschheit haben tendenziell in wachsendem Grad europäische Bezugspunkte: Greenwich, Christi Geburt, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte sind Beispiele dafür.

In diesem Prozeß des Entdeckens und Benennens erhält jeder Ort, jede Zeit, jede Kulturleistung, aber auch jede Gemütsbewegung ihren vom jeweiligen "Kolumbus" festgesetzten Namen und damit eine Stelle im System des Wissens. Auch was "oben" und "unten", "östlich" und "westlich" ist, wird hier festgestellt: auf der Erdkugel "unten" sei Afrika, sagt im 17. Jahrhundert der böhmische Bischof und Volksbildner Jan Amos Komensky (Comenius) in seinem illustrierten Lehrbuch über alle Dinge der sichtbaren Welt. So ist also die Entdeckungsreise des neuzeitlichen "Kolumbus" auf vielen Gebieten erfolgreich: der Norden ist oben, der Süden unten; die Analyse des historischen Prozesses zeigt nach Auffassung des marxistischen "Kolumbus" hinreichend deutlich, welche Parteinahme wissenschaftlich begründet ist; die Anthropometrie oder der Intelligenztest zeigt nach Auffassung des jeweiligen "Kolumbus" ebenso deutlich, welche Rasse die höchsten Fähigkeiten hat und mithin zur Herrschaft berufen ist.

Die Namen sind zahlreich, die dem jeweiligen "Kolumbus" hier zur Verfügung stehen, und sie werden zur Benennung von Orten ebenso verwendet wie zur Bezeichnung von lebensweltlichen Zuständen. Um bei den angeführten Beispielen zu bleiben, handelt es sich etwa um solche Namen wie: unterentwickelte oder Entwicklungsländer, primitive Völker, zivilisierte Nationen, Proletariat, Sozialistische Länder, Kulturvölker oder Herrenvölker ... Alle derartigen Namen stehen innerhalb eines theoretischen oder als Theorie formulierbaren Bezugssystems, und darin liegt auch das Problem.

Denn der jeweilige "Kolumbus" kehrt von jeder seiner Entdeckungsreisen zurück und stößt nicht nur auf Zustimmung, sondern häufig auf Konkurrenz oder Unglauben. Ein anderer "Kolumbus" wendet sich demselben Gegenstand zu und gibt ihm einen anderen Namen. Immer wieder wird ein anderes "Paradigma" als Netz über die Welt geworfen, die Namen ändern sich. Die Inselgruppe im südlichen Atlantik heißt einmal The Falklands, dann wieder Las Malvinas - wie heißt sie wirklich? Es ist das Entscheidende an diesem Prozeß der Benennung und Aneignung der Welt, daß die Frage nach dem wirklichen Namen der Inseln unsinnig ist, und daß sich dies nicht nur auf Ortsbezeichnungen wie im Fall der Inseln bezieht, sondern auf alle Sachverhalte. Es gibt immer einen "Kolumbus", der mir sagt, daß ich nicht in meinem Guanahani lebe, sondern in seinem San Salvador.

Die Namen der Dinge bestimmen sich nach dem Netzwerk, in dem sie Sinn ergeben, nach der zugrundeliegenden Systematik und letztlich danach, was man mit ihnen anfangen kann, also nach ihrer Zweckmäßigkeit. Das Entscheidende dabei aber wiederum ist die Frage danach, wer dieses "man" ist, das etwas mit diesen oder mit anderen Namen bezweckt. Wir müssen uns darüber klar sein, daß das Paradigma des europäisch-neuzeitlichen "Kolumbus" dann - aber auch nur dann - berechtigt ist, wenn es einen einzigen Prozeß der Menschengeschichte gibt, wenn dieser Prozeß (der Gang der Geschichte) eindeutig bekannt ist und überdies seinen Inbegriff in der Geschichte Europas hat.

Die Bevölkerung von Zaïre - Zaïresen?

Der Kollege, mit dem ich an der Autobahnraststätte in den Voralpen saß, unterbrach kurz seine Schilderung und fragte: "Wie sagt man eigentlich auf Deutsch zu meinem Volk?" Ich wußte es nicht und schlug vor: "die Bevölkerung von Zaïre, denn wissen Sie, wir reden selten über euch." Das befriedigte uns beide nicht, aber ich konnte weder mit Zaïrern, noch mit Zaïranern oder Zaïresen viel anfangen - die einstigen Kongolesen wären nicht nur unzutreffend gewesen, sie kamen nicht in Frage. Da mir andererseits sein Vorschlag, künftig nicht mehr von Österreichern oder Deutschen zu reden, sondern nur von der Bevölkerung dieser Länder, unbehaglich war, einigten wir uns nach längeren Vergleichen mit anderen Namen auf Zaïresen. "Aber warum habt ihr keinen Namen für uns, wie redet ihr über uns?" "Wie gesagt, wir reden eher selten über euch, und dann gibt es ja auch noch die Stammesnamen." "Ach was, ich meine nicht die Luba oder die Hessen, ich rede von Zaïresen und Deutschen."

Die Namen der Völker sind nicht unschuldig, weder ihre Selbstbezeichnungen noch die Benennung durch Fremde. Bei den Inuit (Eskimo), den Samojeden (welches Volk würde sich selbst als "Menschenfresser" bezeichnen?), den Roma und Sinti (auch Zigeuner ist ein Schimpfname) versteht sich das von selbst.

Unsere Schwierigkeiten mit den Zaïresen führten uns damals in lange Vergleiche. Die europäischen Nachbarvölker benennen wir im Deutschen auf eine Art, die an Subjektnamen denken läßt: einer ist ein Finne, ein Franzose, ein Ungar. Frauen bekommen ein -in, mit Ausnahme der Deutschen, die sind männlich und weiblich gleichlautend. Etwas weiter entlegene Völker, mit denen unsere Väter weniger zu tun hatten, enden auf -aner: Marokkaner, Tibetaner, Brasilianer. Manchmal, scheint mir, ist bei einem Wechsel dieser Ebenen auch eine Änderung der Wertschätzung beteiligt gewesen: die Tibeter klingen mir souveräner als die Tibetaner. Bei der Endung -esen schließlich denke ich nicht mehr an Individuen, sondern an eine Art von kollektivem Subjekt: bei den Ceylonesen, Vietnamesen und eben jetzt auch Zaïresen. Man kann natürlich sagen, daß in manchen Fällen die Endung sich gleichsam aus dem Landesnamen ergibt. Aber das überzeugt nicht: Japan und Taiwan klingen verhältnismäßig ähnlich. Die Japanesen - die es im Deutschen tatsächlich einmal gegeben hat -, würden wir nicht mehr in den Mund nehmen, von Taiwanesen - statt Taiwanern - sprechen wir jedoch.

Diese willkürlichen und vereinzelten Hinweise zeigen bereits, daß die Beschreibungssprache der Geographen auch dort, wo es sich scheinbar nur um Eigennamen handelt, in einer ähnlichen Lage ist wie diejenige der Geschichtswissenschaft: daß sie nämlich immer wieder eine Wahl zwischen Selbst- und Fremdbenennungen voraussetzt, die unterschiedliche Grade der Hochschätzung oder Identifizierung mit dem anderen impliziert.

Gerade in diesen Tagen ist in unserer Nachbarschaft ein neuer Staat entstanden, dessen Name in den österreichischen Medien bislang meist mit Tschechien, anfangs vereinzelt auch mit Tschechei angegeben wurde. Nun waren diese beiden Ausdrücke auch schon früher in der österreichischen Umgangssprache geläufig (zur Bezeichnung der CSSR und später der CSFR), hatten aber unterschiedliche Konnotation: Tschechien wurde nicht in den westlichen Bundesländern Österreichs verwendet, sondern in den an die CSFR angrenzenden Landesteilen - und es hatte, nach meinem Eindruck, eine abfällige Komponente. Die Entscheidung für diese Wortform dürfte ihren Grund wohl in den Parallelbildungen für die Nachfolgestaaten Jugoslawiens (und schon für dieses selbst) gehabt haben, doch wird es mir noch lange schwerfallen, Tschechien für einen glücklichen Ausdruck zu halten.

Kommt es darauf an? In Humanwissenschaften kommt es darauf an. Den Sternen, Elementen und selbst den Tieren ist es gleichgültig, wie über sie gesprochen wird. Bei der Benennung von Naturdingen kann es höchstens vorkommen, daß man damit Menschen schmeichelt (das Mare Copernicum auf dem Mond, das Element Germanium etc. - oder Menschen beleidigt - etwa, wenn Wirbelstürme stets Frauennamen trugen), aber sie selbst reden nicht und sind auch nicht stolz oder verbittert. Zumindest faßt die neuzeitliche Wissenschaft ihren Gegenstand so auf - die älteren Kosmologien hatten durchaus gmeeint, daß es die "richtigen" Namen der Dinge gebe.

Die Gegenstände der Humanwissenschaften jedoch sprechen selbst über sich und über andere. Es ist daher auch von Bedeutung, wie die Wissenschaft über sie spricht. Im Fall von Länder- oder Völkernamen gibt es theoretisch drei Möglichkeiten.


* Eine Möglichkeit besteht darin, in der Beschreibungssprache stets die Selbstbezeichnungen zu übernehmen. Es ist klar, daß dies eine Parteinahme darstellt. Im Fall der Kurden in der Türkei etwa könnte ich mich auch auf die staatlich-offizielle Selbstbezeichnung berufen und von Bergtürken sprechen. In realen politischen Auseinandersetzungen sind solche Namen nichts Neutrales, sondern zumindest Codes, an denen die eine oder die andere Partei erkannt werden kann. Wenn es nur "Bergtürken" und keine "Kurden" in der Türkei gibt, so gibt es auch keine entsprechende Minderheit, deren Rechte zu verteidigen wären.


* Eine zweite theoretische Möglichkeit bestünde in der entgegengesetzten Strategie, nämlich darin, die Selbstbenennungen gänzlich zu vernachlässigen und rein "wissenschaftliche" Namen einzuführen. So könnte man beispielsweise von einer Insel zwischen 80deg. und 82deg. östlicher Länge und zwischen dem sechsten und dem zehnten nördlichen Breitengrad sprechen und würde damit sowohl Ceylon als auch Sri Lanka vermeiden. Für alle reinen Ortsangaben ließe sich diese allerdings umständliche Sprechweise wohl durchführen und auch für das Eingangsbeispiel wäre eine Lösung gefunden: nicht mehr von benennbaren Völkern zu sprechen, sondern von "Bevölkerungen" einer abgrenzbaren Region. Den Tatsachen allerdings würde ein solches Vorgehen nicht gerecht, etwa nicht der Tatsache, daß Somalier in Kenya leben oder Türken in Berlin.


* Wir werden, weil die beiden "reinen" Möglichkeiten nicht durchführbar sind, weiter bei einem gemischten Verfahren bleiben müssen, einerseits also Selbstbenennungen, andererseits solche Namen verwenden, die sich in der Geographie als Wissenschaft "eingebürgert" haben. Hierbei aber sind die Gesichtspunkte zu überdenken, unter denen Wertungen und auch neue "Einbürgerungen" stattfinden. Wissenschaft steht im Dienst von Menschen und es wäre kurzsichtig, diesen Dienst ausschließlich in den Informationen zu sehen, die sie liefert. Sie trägt nolens volens auch zur Orientierung im Handeln bei. Geographie, zumindest soweit sie sich auf die von Menschen bewohnte und gestaltete Erde bezieht, steht ebenso im Dienst der Handlungsorientierung wie andere Humanwissenschaften.

Stereotype

Ich bin der Rolle von Stereotypen zur Beschreibung fremdkultureller, insbesondere außereuropäischer Sachverhalte in anderem Zusammenhang näher nachgegangen (Wimmer 1990), wobei die Termini Barbaren, Exoten und Heiden brauchbar erschienen. Es handelt sich bei dem Blick "nach außen" meist auch um einen Blick "von oben", wofür die theoretischen Konzepte, die zur Erklärung der beobachteten und benannten Sachverhalte entwickelt werden, zahlreiche Belege liefern. Die Geschichtstheorien der europäischen Neuzeit erklären nicht nur die Geschichte menschlicher Gesellschaften bzw. der Menschheit als einer gedachten Einheit, sondern ebenso geographische Voraussetzungen, regionale Besonderheiten und Entwicklungen im allgemeinen. Eine offenkundige Brücke zwischen der Geographie und der Geschichte wollen hierbei jene Theorien schlagen, die das "Klima" in den Mittelpunkt stellen.

Verschiedene Klimate - unterschiedliche Völker

Die Erklärung wesentlicher Unterschiede zivilisatorischer und geschichtlicher Entwicklung durch jeweilige regionale Klimabedingungen geht in der europäischen Tradition auf antike Autoren zurück, insbesondere auf die Mediziner von Kos, von denen Hippokrates der berühmteste ist. Unter den Geschichtsphilosophen der europäischen Neuzeit sind in in diesem Zusammenhang vor allem Charles de Montesquieu und Johann Gottfried Herder zu nennen, die beide im Zeitalter der Aufklärung gelebt und umfassende Theorien über den Gang der menschlichen Geschichte entwickelt haben. Ich möchte hier als Beispiel jedoch einen Theoretiker des 19. Jahrhunderts kurz vorstellen, weil uns seine "wissenschaftlichere" Zugangsweise zu der Thematik einen Eindruck davon verschaffen kann, welcher Art diese Theorien sind und zu welchen Argumenten sie verwendet werden können.

Die Klimatheorie von H. T. Buckle

Henry Thomas Buckles Hauptwerk, die "Geschichte der Civilisation in England", erschien zuerst 1857-61 in englischer, 1870 auch in deutscher Sprache. Er ist also ein Zeitgenosse von Charles Darwin. Ausführlich geht Buckle auf die Unterschiede zwischen den Völkern ein, die er auf die Bedingungen von "Klima, Nahrung, Boden und die Naturerscheinung im Ganzen" zurückführt, welche dort vorherrschen, wo die jeweiligen Völker sich ursprünglich entwickelt haben. Hingegen lehnt Buckle vorgebliche "Racenunterschiede" als Erklärungsgrund für die Verschiedenheiten ab: sie seien "nichts als Hypothesen". In seiner Erklärung der menschlichen Geschichte will er sich auf die "gegenwärtige Naturwissenschaft" stützen und kommt dabei zu folgenden Ergebnissen.

Entsprechend der klimatischen und sonstigen natürlichen Bedingungen häufen die Völker Reichtum an, was unabdingbar für ihre Entwicklung ist, "denn ohne Reichthum kann es keine Musse und ohne Musse keine Wissenschaft geben". Zunächst ist dieser Prozeß "ganz und gar von der natürlichen Beschaffenheit seines Landes bestimmt", ab einer gewissen Stufe kommen dann "andere Ursachen ins Spiel". Die "Energie und Regelmässigkeit der Arbeit" wird jedoch in zweifacher Weise "gänzlich von dem Einfluss des Klima`s abhängen."

Klima und Arbeitskraft

"Zuerst liegt die Betrachtung sehr nahe, dass die Menschen bei starker Hitze nicht aufgelegt und gewissermaassen unfähig zu der Thätigkeit und zu dem Fleisse sind, welche sie in einem mildern Klima bereitwillig anwenden würden. Die andre Bemerkung ... ist, dass die Arbeit von dem Klima nicht nur durch Entnervung oder Kräftigung des Arbeiters beeinflusst wird, sondern auch durch die Wirkung, die es auf die Regelmässigkeit seiner Lebensweise ausübt."

Sowohl im hohen Norden, als auch in den südlichen Ländern würden "die arbeitenden Klassen ... zu unordentlichen Gewohnheiten geneigter", weil sie, entweder aufgrund von Hitze und Trockenheit oder wegen der Kälte und Dunkelheit ihre Arbeit immer wieder unterbrechen.

Neben diesen allgemeinen Bedingungen findet Buckle aber noch wesentliche Unterschiede darin, in welchem Grad jeweils die Bedingungen des Bodens oder die Bedingungen der Technik und der Kultur im allgemeinen das Leben eines Volkes bestimmen. Dies zeigt er vor allem im Vergleich asiatischer und europäischer Völker: erstere sind, ebenso wie die Völker Afrikas und Südamerikas, vorrangig von der Beschaffenheit des Bodens bestimmt geblieben, während die europäischen Völker durch ihre technischen Entwicklungen mehr und mehr davon unabhängig geworden seien.

Verteilung des Reichtums

Für die vollständige Beschreibung der Lebensweisen der Völker ist es nach Buckle unerläßlich, die konkrete Verteilung der Güter zu erfassen und sie naturgesetzlich zu erklären. Er will zeigen, "dass die Vertheilung des Reichthums ebensowohl wie seine Hervorbringung gänzlich unter natürlichen Gesetzen steht und dass diese Gesetze noch dazu so wirksam sind, dass sie eine grosse Mehrheit der Bewohner des schönsten Theils der Erde ununterbrochen in einem Zustande dauernder und unüberwindlicher Armuth gehalten haben." Diese bemerkenswerte These von einer naturgesetzlich bedingten Massenarmut im "schönsten Theil" der Erde will Buckle nun sorgfältig beweisen - und er ist in diesem Bemühen zum Pionier des Einsatzes von statistischen Massendaten in der Geschichtsschreibung geworden.

Zunächst stellt er fest, daß in jeder Gesellschaft sich "zwei Klassen" herausbilden: "eine die arbeitet und eine die nicht arbeitet, und diese wird die gescheitere, jene die zahlreichere sein." Wenn nun aufgrund klimatischer oder technischer Veränderungen die Fruchtbarkeit und damit auch die arbeitende Bevölkerung zunimmt, so wird aufgrund des damit ansteigenden Angebots an Arbeitskräften der Arbeitslohn sinken und in der Folge durch Verelendung die Bevölkerung wieder zurückgehen. In welchem Ausmaß derartige Prozesse verlaufen, welche Herrschaftsformen sich dabei etablieren, hängt jedoch wesentlich davon ab, wie ein Volk seine Nahrungsmittel produziert.

Versorgung mit Nahrungsmitteln

Hierin zeigen sich nun entscheidende Unterschiede, denn die Nahrungsmittel sind einerseits nicht überall auf der Erde leicht zu beschaffen, andererseits sind auch nicht überall dieselben Nahrungsmittel notwendig: "Wenn die Menschen in einem heissen Klima leben, lässt sich ihre thierische Wärme leichter erhalten als wenn sie in einem kalten leben ... Da nun die Bewohner heisser Gegenden in ihrem natürlichen und gewöhnlichen Zustande weniger Nahrung verzehren als die Bewohner kalter Gegenden, so folgt nothwendig unter sonst gleichen Verhältnissen eine raschere Zunahme der Bevölkerung in heissen als in kalten Gegenden."

Doch nicht nur die quantitative Seite sei hier zu beachten: die Nahrungsmittel der Bewohner kälterer Gegenden seien "auch theurer, d.h. schwerer zu erlangen". Der Grund dafür liegt nach Buckle darin, daß die Luft in kalten Klimaten dichter sei, der Mensch daher bei jedem Atemzug mehr Sauerstoff aufnehme und deswegen auch entsprechend mehr Kohlenstoff brauche als in heißen Klimaten. Die Nahrung nördlicher Völker sei darum stets reicher an Kohlenstoff als diejenige der Tropenbewohner. "Der Zusammenhang zwischen dieser Thatsache und unserem Gegenstande ist höchst merkwürdig; nach einem allgemeinen Gesetz, welches uns unbekannt, ist stark mit Kohlenstoff geschwängerte Nahrung theurer als die, worin sich verhältnissmässig wenig Kohlenstoff findet."

Auswirkungen der Naturbedingungen auf die Gesellschaft

Die Schlußfolgerungen sind nun relativ einfach zu ziehen: der Arbeitslohn sinkt, wenn die arbeitende Bevölkerung zunimmt; wo die Nahrungsmittel leicht zu gewinnen sind, wird dies in stärkerem Maß der Fall sein, also "können wir sagen, in heissen Gegenden ist immer eine starke Tendenz zu niedrigem Arbeitslohn und in kalten zu hohem."Buckle zeigt die Gültigkeit seiner These vor allem an Beispielen Asiens und Amerikas: in Indien könne schon aufgrund solcher Gesetzmäßigkeiten nichts anderes als ein despotisches System, eine entsprechende Religion und die "Gewohnheit zahmer knechtischer Unterwerfung" entstehen; auf ähnliche Weise läßt sich die altägyptische Gesellschaft erklären, die so despotisch organisiert war, daß "ungeheure und doch so nutzlose Bauwerke" aufgeführt wurden, "welche gedankenlose Beobachter als einen Beweis von Civilisation bewundern", nämlich die Pyramiden. "In der neuen Welt" schließlich "wirkt die Natur in weit höherm Maasse, als in der alten, ihre Kräfte sind überwältigender (...)"

Das Studium der altamerikanischen Gesellschaften soll daher insbesondere Aufschluß geben können über die Wirkung der Naturbdingungen auf Gesellschaft und Geschichte des Menschen. Doch gibt es auch hier noch Abstufungen; am unteren Ende der Entwicklungsmöglichkeiten sieht Buckle "Brasilien". "Nirgends findet sich ein so schmerzlicher Widerspruch zwischen der Größe der Aussenwelt und der Kleinheit der geistigen Welt als hier. Eingeschüchtert durch den ungleichen Kampf hat der Menschengeist nicht nur nicht fortschreiten können, ohne Hülfe von aussen würde er sogar unfehlbar zurückgegangen sein. Denn selbst jetzt sieht man trotz aller Verbesserungen, die fortdauernd von Europa eingeführt werden, keine Zeichen wirklichen Fortschritts (...)"

Buckle stellt sich, wie andere Klimatheoretiker, gegen die zu seiner Zeit verbreiteten Rassentheorien, aber eine "wissenschaftliche Rechtfertigung für den zeitgenössischen Kolonialismus liefert seine Theorie durchaus.

Literatur

Bitterli, Urs (Hg.): Die Entdeckung und Eroberung der Welt. Dokumente und Berichte. 2 Bde. München 1986

Kohl, Karl-Heinz (Hg.): Mythen der Neuen Welt. Zur Entdeckungsgeschichte Lateinamerikas. Berlin 1982

Stein, Gerd (Hg.): Ethnoliterarische Lesebüche. 3 Bde. Frankfurt/Main 1984

Wimmer, F. und E. Waniek (Hg.): Mit Eroberungen leben. Mittelungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst, Wien 48 (1993) H. 1-2