Von Anfang und Ende, Ursprung und Ziel (1995)

Die Gliederung der Zeit und des Raumes ist eine grundlegende Tätigkeit des Denkens. Fast unbewußt habe ich jetzt ein "und" zwischen Raum-Zeit gesetzt. Könnte ich denn anders?

Ein philosophisches Wörterbuch definiert mir den "Raum" als "das, was allen Erlebnissen gemeinsam ist, die unter Mitwirkung der Sinnesorgane zustandekommen"; und die "Zeit" als "die vom menschlichen Bewußtsein innerlich wahrgenommene Form der Veränderung: des Entstehens, Werdens, Fließens, Vergehens in der Welt bzw. dieses selbst samt allen davon betroffenen Inhalten".

Äußerlich ist der "Raum", innerlich die "Zeit". Ich lese in Kants "Kritik der reinen Vernunft" nach, deren erstes Kapitel von diesen beiden Begriffen handelt, und finde: "daß es zwei reine Formen sinnlicher Anschauung, als Prinzipien der Erkenntnis a priori gebe, nämlich Raum und Zeit ..." Auch hier also wieder Raum und Zeit. Wie ist das gedacht?

"Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unseres Gemüts) stellen wir uns Gegenstände als außer uns, und diese insgesamt im Raume dar. Der innere Sinn, vermittelst dessen das Gemüt sich selbst, oder seinen inneren Zustand anschauet, gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst, als einem Objekt; allein es ist doch eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandes allein möglich ist, so, daß alles, was zu den innern Bestimmungen gehört, in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird."

Wir messen die Zeit mit Uhren, den Raum mit dem Meterstab. Geht es anders?

"Entfernungen mißt man in Nordgrönland in sinik, in ,Schlaf", das heißt nach der Zahl der Übernachtungen, die eine Reise dauert. Das ist keine eigentliche Entfernung, denn mit dem Wetter und der Jahreszeit kann sich die Zahl der sinik ändern. Das Wort ist auch kein Zeitbegriff. Ich bin mit meiner Mutter bei heraufziehendem Sturm in einem Rutsch von Force Bay nach Iita gereist, eine Strecke, auf der man zweimal hätte übernachten müssen.
Sinik sind keine Distanz und keine Anzahl von Tagen oder Stunden. Es ist ein räumliches und zeitliches Phänomen, ein raumzeitlicher Begriff, er beschreibt die Vereinigung aus Raum, Bewegung und Zeit, die für die Eskimos selbstverständlich ist, sich jedoch mit keiner europäischen Alltagssprache einfangen läßt.
Die europäische Distanz, das Pariser Urmeter, ist etwas anderes. Ein Begriff für Umformer, aus deren Sicht die erste und wichtigste Aufgabe darin besteht, die Welt umzumodeln. Für Ingenieure, Militärstrategen, Propheten. Und Kartenzeichner. Wie mich.
Das metrische System ist mir erst im Herbst 1983 bei dem Landvermesserkurs an der Dänischen Technischen Hochschule richtig in Fleisch und Blut übergegangen. Wir vermaßen den Dyrehave. Mit Topoliten, Meßband, Normalverteilung, Äquidistanz und stochastischen Variablen, bei Regenwetter und mit Bleistiftstummeln, die dauernd gespitzt werden mußten. Und durch Abschreiten. Wir hatten einen Lehrer, der immer wiederholte, das A und O der Landvermessung sei, daß der Geodät seine Schrittlänge kenne.
Ich kannte meine eigenen Schritte in sinik. Wenn wir hinter dem Schlitten herliefen, weil der Himmel schwarz war vor sich aufstauenden Explosionen, wußte ich, daß sich der Zeitraum um uns um die Hälfte der sinik reduzierte, die galt, wenn wir uns über gleichmäßiges Neueis ziehen ließen. Bei Nebel verdoppelten, bei Schneesturm verzehnfachten sie sich.
Im Dyrehave übersetzte ich mir meine sinik in Meter."

Soweit der (literarische) Bericht einer Grönländerin in dem Roman von Peter Høeg "Fräulein Smillas Gespür für Schnee". (München, Hanser Verlag 1994, S. 326)

Wir dürfen nicht meinen, daß immer dasselbe gemeint sei, wenn von "Zeit", von "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" die Rede ist, oder gar von der "Geschichte". Mit "keiner europäischen Alltagssprache", sagt Smilla, läßt sich "einfangen", was das sinik in Nordgrönland ist. Vielleicht auch nicht mit einer afrikanischen oder einer ostasiatischen Sprache. Vielleicht bietet jede Sprache ihre besonderen Möglichkeiten, über "Zeit" zu sprechen, und keine bietet alle. Vielleicht ist es daher unmöglich, endgültig (und in jede Sprache übersetzbar) zu sagen, was "Zeit" denn wirklich ist.

Es bleibt uns aber, um über die Sache "Zeit" nachzudenken, als Ausgangspunkt wieder nur die jeweils eigene Sprache - allerdings kann ein Blick auf andere nicht schaden, wenn wir nicht das Eigene für allgemeinverständlicher oder allgemeingültiger halten wollen, als es ist.

Verdeutlichen wir uns die einfachen Wörter, die im Deutschen zur Verfügung stehen, wenn die Zeit gegliedert und übersichtlich gemacht, wenn der Punkt der Gegenwart benannt und eingeordnet werden soll.

Ein solches einfaches Wort ist "Anfang".
In der deutschen Sprache der Gegenwart hat dieses Wort mehrere Anwendungs- oder Bedeutungsfelder. Wenn wir vom Anfang eines Geschehens oder Prozesses sprechen, etwa dem der Menschheitsgeschichte, so stellt sich das Gemeinte nicht mehr einfach dar. Es ist dann nicht mehr ganz klar, was wir damit meinen. Der "Anfang" könnte den "ersten Teil eines Zeitabschnitts" bezeichnen, oder auch das erste Stadium, den Beginn einer "Entwicklung", oder den "Ursprung" von etwas, das später noch oder sogar heute noch existiert. Manchmal kann mit diesem Wort der "Beginn einer räumlichen Gegebenheit" und nichts sonst gemeint sein. In jedem dieser Fälle ist ein anderes Bild angesprochen.

Wenn man etwa sagt, der "Anfang" der "Menschheit" liege in "Afrika", so haben wir dem Wortlaut nach zunächst nichts als eine räumliche und zeitliche Gegebenheit benannt. Dies ist dann nicht eine solche Idee, wie wir sie im Griechischen der Philosophen oder des Neuen Testaments als "arché" wiederfinden ("Im Anfang [en arché] war das Wort"), denn damit ist nicht bloß ein Beginn gemeint, sondern eine Grundlage, ein Ursprung von allem Späteren. Und doch klingt auch die Bedeutung von arché gelegentlich mit, etwa in einem Satz wie dem folgenden, dem man im Diskurs um das afrikanische Erbe der Philosophie durchaus begegnen kann: Wenn der Anfang der Menschheit in Afrika liegt, so liegt in Afrika auch der Anfang menschlicher Kultur und Weisheit - und dies gelte bis heute. Welche Folgerungen aus derartigen Verwendungen des Wortes "Anfang" gezogen werden, hängt nicht von bloß räumlich-zeitlichen Gegebenheiten ab, sondern von der Bewertung des Gegenwärtigen und, mehr noch, von Postulaten über das Zukünftige oder über das, was zukünftig sein oder nicht sein soll.

Der "Anfang", wenn heute in emanzipatorischer Absicht vom Weg der Menschheit "Out of Africa" gesprochen wird, ist mehr als nur ein Beginn. Fragen schließen sich an, wie: was haben "wir" von dorther mitgenommen, was ist prägend geblieben? Im Sinn einer Erinnerung, eines kulturellen oder geistigen Erbes hat aber die Rede von einem "Anfang" der Menschheit in Afrika - oder irgendwo sonst - schlechterdings keinen Sinn.

Es ist also häufig tatsächlich dann von einem "Ursprung" die Rede, wenn von "Anfang" gesprochen wird. Im "Ursprung" ist etwas grundgelegt, was dauert. Es ist ein sonderbarer und erklärungsbedürftiger Umstand, daß in unserer Zeit der "Ursprung" immer noch gedacht wird, auch wenn scheinbar nur von wissenschaftlich wertneutralen Anfängen gesprochen wird.

In ähnlicher Weise unterschiedlich wie beim "Anfang" sind die Verwendungen des Wortes "Ende".
Als Vorläufer dieses Wortes führt das Wörterbuch ein "enti" an, das wir noch in Mundarten kennen, und dies habe bedeutet: das, was vor einem liegt. Das Ende ist dann das noch Ausständige. Die drei Bedeutungen im gegenwärtigen Deutsch laufen darauf hinaus: das "letzte Stadium" in zeitlicher Hinsicht, der "Ort, wo etwas aufhört" in räumlicher, und der (eigene) "Tod" in existentieller.

Von einem "Ende der Geschichte" ist aber noch in anderem Sinn die Rede - im Sinn einer Erfüllung, Vollendung, einer Überwindung von Vorläufigem. Etwas, ein Geschehen, ein Zustand oder Prozeß, sei zu seinem Ende gekommen, ein "períodos" habe sich ereignet, ein Übergang. Vom nunmehr erreichten, so lange bloß jenseitigen Ufer, blicken wir am Ende zurück, hinüber. Ein solches "Ende" ist aber bereits als "Ziel" gedacht; von hier aus auf den "Anfang" zu schauen, bedeutet, einen "Ursprung" zu denken, von dem aus "Entwicklung" stattfand.

Wer einen "Ursprung" denkt, kennt auch ein "Ziel". Und er kennt den "kairós", den "rechten Augenblick". Die Griechen stellten diesen Gott als einen jungen Mann in vollem Lauf dar, dessen Hinterkopf kahl ist. Will man ihn fassen, so gelingt das nur an der Stirnlocke; ist sie vorüber, so ist der Augenblick vertan und kommt nicht wieder.

Ein Ursprung, nicht nur ein Anfang wird dort angenommen, wo ein Volk, ein Staat, eine Kultur, eine Religion entstanden ist. Wir nennen den Bericht darüber einen Mythos. Er spricht vom Goldenen Zeitalter, von der Urhorde, vom Paradies, von der Heimat.

Wenn der Mythos den Ursprung benennt, wie heißt dann das Ziel? Es gibt viele Namen: Hochkultur, Selbstverwirklichung, wahrer Kommunismus, Paradies, Utopie, Weltordnung oder Lebensaufgabe. Der jeweilige Mythos vom Ursprung verweist schon auf das jeweilige Ziel.

Wird ein Ursprung gedacht, so ist damit nicht nur gemeint, daß etwas angefangen hat, zu bestimmter Zeit und an bestimmtem Ort, sondern daß in diesem Anfang schon die wesentlichen Züge der späteren Entwicklung angelegt waren. Nur wer den Ursprung kennt, weiß auch, was ein Abweg, eine Behinderung, ein Entwicklungsschritt, eine Verzögerung war. Der Ursprung läßt die Einheit einer Entwicklung denken, weitgehend unabhängig von jeder deutlichen Kenntnis dessen, was tatsächlich geschehen ist. Vom Ursprung her werden Ereignisse, Personen, Denkweisen überschaubar, von hier aus erhalten sie einen Sinn, eine Richtung. Wer handeln will, muß Ursprünge und Ziele denken, nicht bloß Anfänge und Enden.

Nun sind wir vielleicht doch unvermerkt wieder bei den Nordgrönländern mit dem Raum-Zeit-Maß des sinik angelangt. Denn wenn ich richtig verstehe, liegt Smillas Problem mit dem Stunden- und Metermaß genau darin, daß die erlebte Zeit, der erlebte Raum damit nicht erfaßt wird.