Eine kleine Geschichte der interkulturellen Philosophie (1996)

"Mensch, finde dich selbst.
Troll, finde dich selbst - genug." (Ibsen, Peer Gynt)

Es waren einmal Menschen, die fragten sich nach den letzten Gründen ihres Daseins. Sie lebten in einer großen Welt und gaben allen Dingen Namen. Das taten sie in ihrer Sprache, und einige erfanden auch Zeichen, um die Namen aufzuzeichnen. Das war ihre Schrift. Sie wußten nichts oder kaum etwas davon, daß andere Menschen an andern Orten dasselbe taten mit ihren Namen und mit ihren Zeichen. So glaubten die einen wie die andern, ihre Welt sei die ganze Welt. Die Namen und Zeichen der einen waren verschieden von denen der andern, aber niemand kannte den Unterschied, denn niemand verglich sie untereinander.

Das war vor langer Zeit. Immer wieder führten Erfindungen, Kriege und Handelsbeziehungen dazu, daß die einen von den andern erfuhren. Dann versuchte man auch immer wieder, die Begriffe und Weltbilder der andern in die eigene Sicht der Dinge einzuordnen. Dabei zeigten sich Unterschiede: manche lernten aus solchen Begegnungen, das Andersartige bestehen zu lassen und dabei doch im Eigenen zu leben; manche aber beharrten fest auf dem Eigenen und waren überzeugt, daß dies das einzig Wahre sei.

Wieder verging viel Zeit. Es waren nicht immer ausgeglichene Begegnungen, denn in einer bestimmten Phase dieser Geschichte waren einige den andern überlegen: Sie hatten bessere Waffen und eine Organisation, die ihnen erlaubte, den andern manche ihrer Namen und ihrer Zeichen aufzuzwingen. Man nannte das Kolonisierung oder Zivilisierung, manche sprachen auch von Entwicklung. Die Namen und die Zeichen der andern wurden nun von vielen Menschen als etwas Überholtes und Unterlegenes betrachtet. Dazu gehörten nicht nur die Namen für Naturdinge und für das Göttliche, sondern auch das, was mit einem alten Namen aus der einen Tradition als "Philosophie" bezeichnet wurde: Fragen und Behauptungen, Begriffe und Thesen über die Grundstruktur der Wirklichkeit, über deren Erkennbarkeit, über Werte und Normen. Obwohl all das unter anderen Namen auch von anderen Traditionen entwickelt worden war, wurde es nun als ein Merkmal dieser einen angesehen. Manche hielten dies für etwas Großartiges und sprachen von einer "Königin der Wissenschaften", manche sprachen von einer "Bürde", und irgendwann einmal kam die Meinung auf, es handle sich dabei einfach um ein gleichgültiges Merkmal dieser Kultur. Welche Meinung man darüber aber auch hatte: jedenfalls wurde "Philosophie" als etwas angesehen, was nur in dieser Kultur, die man nun die "abendländische", die "okzidentale" oder "westliche" nannte, erfunden und entwickelt worden sei. Da man auf den verschiedenen Reisen jedoch auch immer wieder Spuren von etwas Ähnlichem bei den Andern wahrnahm, von denen am Anfang die Rede war, gewöhnte man sich an, von einer Philosophie "im strengen Sinn" zu sprechen im Unterschied zu etwas, das dies eben nicht sei. Man nannte das beispielsweise auf Englisch einfach "philosophy" im allgemeinen und sprach von anderen, besonderen Traditionen als den "world philosophies".

So kam es dazu, daß nicht nur die Angehörigen jener Kultur, welche anfänglich die überlegenen Waffen entwickelt hatte, sondern auch Angehörige jener andern Kulturen zur Überzeugung gelangten, auf jedem Gebiet, auch auf dem der "Philosophie", gebe es im Grunde nur eine einzige Geschichte der Menschen. Daher wurde der Name "Geschichte des Denkens" oder "der Philosophie" ganz gleichbedeutend mit dem Ausdruck "Geschichte des okzidentalen Denkens". Übrigens galt das auch für solche Namen wie "Weltgeschichte", "Kunstgeschichte", "Musikgeschichte" und "Wissenschaftsgeschichte".

Nachdem sich nun gewisse Denkweisen aus der einen Kultur über die ganze Erde verbreitet hatten - beispielsweise zählten die meisten Menschen die Jahre nach der Geburt eines Religionsstifters aus der einen Kultur; alle maßen mit demselben Maß die Zeit und auch die Entfernungen; alle benannten ihre politischen Verhältnisse mit Begriffen aus der einen Kultur, alle behandelten Krankheiten und vermittelten Informationen einander auf dieselbe Weise und zunehmend sogar in derselben Sprache, und so weiter -, trat ein seltsamer Zustand in der Philosophie ein. In der einen Kultur, die sich so wirksam verbreitet hatte, waren viele Richtungen des Denkens entstanden (wie das auch in einigen andern Kulturen der Fall war), deren jeweilige Vertreter allesamt überzeugt waren, die einzig richtige Denkweise gefunden zu haben. Diese suchten sie dann auch mit allen Mitteln zu verbreiten, aber keine war überall erfolgreich. Gemeinsam war jedoch den meisten dieser Denker, daß sie in den Traditionen der andern Kulturen nichts wirklich Ernstzunehmendes sahen. Sie nahmen sie wahr, wie man seltene Tiere in einem Zoo wahrnimmt. Das wäre für sich noch nicht seltsam gewesen, denn man verhielt sich in vielen Bereichen so, nicht nur in der Philosophie.

Das Seltsame in dieser Phase der Geschichte war, daß immer mehr Leute das Gefühl hatten, die Wahrheit könne nicht nur in einer Tradition liegen. Diese Leute begannen damit, daß sie darüber nachdachten, was denn alles an den Denkformen und Weltbildern der verbreitetsten Kultur doch vielleicht nicht allgemeingültig, sondern eben bloß kulturell bedingt sei. Weil man mit dieser Kultur auch einen geographischen Ort namens Europa verband, sprachen sie von einem "eurozentrischen" Denken. Es gab Leute innerhalb wie außerhalb dieses Erdteils, die daran Anstoß nahmen und nach einem andern Weg suchten. Sie hatten praktisch wie theoretisch nicht allzuviele Möglichkeiten, wie überhaupt die möglichen Wege in dieser Frage sich bei näherem Zusehen reduzierten.

Ein Weg lag darin, den Allgemeinheitsanspruch, den die "Philosophen" bisher immer erhoben hatten, zu verwerfen, und statt dessen das Eigene zu propagieren. Alle möglichen Regionen artikulierten jetzt ihre unterschiedlichen Weltbilder und beharrten darauf, sie seien etwas ganz Besonderes, sie seien insbesondere für Menschen ihrer jeweiligen Kultur das einzig Verbindliche. Das war jedoch nicht ohne weiteres möglich, weil es inzwischen dazu gekommen war, daß Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Tradition in vielen Fällen eng beieinander lebten oder doch häufig miteinander zu tun hatten - und auch sich oft ähnlich verhielten. Doch gab es kritische Bereiche. Da war dann gelegentlich sogar von einem "Zusammenprall der Kulturen" die Rede und die Vorstellung bildete sich heraus, daß ein "Zentrismus" gar nicht so schlecht wäre, wenn nur eben statt des einen viele "Zentren" entstünden. Allerdings gab es da auch immer gewisse Grenzen des Tragbaren, weswegen man Wörter wie "Fundamentalismus" erfand.

Ein anderer Weg lag darin, die Verschiedenheiten möglichst zu ignorieren und weiter darauf zu bauen, daß die eine, verbindliche Denkweise bereits einmal - nur einmal - in der Vergangenheit entwickelt worden sei. Damit schien das Problem nicht mehr ein methodologisches, sondern ein pädagogisches oder politisches zu sein, und das sollte die Sache vereinfachen. Eine Schwierigkeit lag dabei jedoch stets in dem Umstand, daß man sicher sein wollte, über die Begrenztheiten der eigenen Kultur hinausgekommen zu sein. Man behalf sich mit dem tröstlichen Gedanken, daß in dieser eigenen Kultur derart wirksame Mittel und Methoden von Kritik und Selbstkritik entwickelt worden seien, daß in einer Gebundenheit an diese Kultur von den meisten, die sich Philosophen nannten, kein ernsthaftes Problem gesehen wurde. Von dieser höheren Warte aus konnte man so durchaus die eigenartigen Ideen anderer Traditionen interessant und gelegentlich sogar den eigenen vergleichbar finden.

Einigen schien aber weder der erste noch der zweite Weg überzeugend. Sie hatten den Eindruck, daß die Pflege des jeweils Eigenen und Besonderen der Situation nicht ganz entsprach, da man ja in vielen Lebensbereichen auf dem ganzen Planeten ähnliche Verhaltensweisen und Techniken verwendete. Am zweiten Weg störte sie, daß dessen Vertreter offenbar nicht gewillt waren, sich ernsthaft mit ganz anderen Denkweisen auseinanderzusetzen, ganz so, als hätten sie oder ihre Vorfahren dies schon einmal getan und dabei alles, außer der eigenen Tradition, ein für allemal als irreführend oder als Sackgasse erkannt. Manche hatten dies ja auch offen ausgesprochen und sogar, wie man sagte, "spekulativ systematisch begründet" oder die eigene Überlegenheit mit fragwürdigen Theorien über klimatische Bedingungen oder rassische Verschiedenheiten "wissenschaftlich begründet"; andere waren zwar nicht so weit gegangen, verhielten sich jedoch genauso, indem sie bei ihren Diskussionen die fremden Traditionen einfach ignorierten.

Beides fanden diese Leute ungenügend - sie nannten das zweitere immer noch "Eurozentrismus" oder sogar "Logozentrismus", bei ersterem sprachen sie von "Ethnophilosophie" und gingen so weit, diesen Ausdruck, der ursprünglich für kollektive, anonyme Denkweisen insbesondere afrikanischer Traditionen geprägt worden war, auf alle möglichen kulturell abgegrenzten Gruppen anzuwenden. Aber was wollten sie denn sonst? Vielleicht wollten sie ja dasselbe wie all die andern Philosophen, nämlich zu Erkenntnissen kommen, die ganz allgemein gelten und einsichtig sein sollten? Jedenfalls schien es nicht auszureichen, daß sie sich nur immer über die Borniertheiten und Zentrismen ihrer eigenen oder einer fremden, dominanten Kultur erhitzten.

Da es sich anfangs um wenige Leute handelte, die dieses Ungenügen spürten, und diese noch dazu aus ganz unterschiedlichen Traditionen mit unterschiedlichen Denkweisen stammten, hatten es die andern eine Zeitlang nicht allzu schwer, sie zu ignorieren oder ihnen zumindest eine ernsthafte Beschäftigung mit "der Philosophie" abzusprechen. Zwar hatten die Unzufriedenen sich untereinander auf verschiedene Namen für ihre Vorgangsweise geeinigt - sie sprachen etwa von "interkultureller Philosophie" oder auch von einem "Polylog", sie suchten nach "Überlappungen" diverser Art usf. -, aber wirkliche Erfolge hatten sie damit noch nicht. Die "Ethnophilosophen" sprachen ihnen etwas ab, das sie "Authentizität" oder auch "kulturelle Identität" nannten; die "Euro-" oder "Logozentriker" hielten ihnen vor, daß sie gar nichts Neues zu dem brächten, was ohnedies schon in der klassischen Tradition gedacht worden sei, mit der sie sich nur eben nicht ausreichend befaßt hätten. Auch bemerkten viele, daß es sich bei solchen Ausdrücken wie "interkulturelle Philosophie" keineswegs um klar definierte Begriffe handelte, die von allen, die sie verwendeten, gleich verstanden worden wären: die einen verstanden darunter Vergleiche zwischen Fragestellungen und Theorien verschiedener Traditionen; andere bemühten sich unter diesem Titel, Denkweisen zu rekonstruieren, die bislang nicht als "philosophisch" eingestuft worden waren; wieder andere meinten damit eine neue Form des Philosophierens, von der sie noch nicht genau sagen konnten, zu welchen Ergebnissen sie führen würde.

Es schien von Lebenserfahrungen abzuhängen, ob jemand Fragestellungen und Begriffe dieser Unzufriedenen ernst nahm oder nicht. Als sie sich das klargemacht hatten, begannen sie mit dem Versuch, solche Lebenserfahrungen möglichst genau zu beschreiben. Das stellte sich jedoch als ziemlich schwierig heraus, weil sie sich nach ihrem eigenen Anspruch nicht auf Begriffe verlassen konnten, die bereits in einer wissenschaftlichen oder philosophischen Tradition etabliert gewesen wären. Sie konnten das nicht, weil sie ja eben bezweifelten, daß in dieser oder jener Vergangenheit bereits das zu finden sei, was sie suchten. Daher entwickelten sie auch neue Formen des gemeinsamen Gesprächs, wobei es ihnen nicht leichtfiel, sich von den Gewohnheiten ihrer akademischen Herkunft und Umgebung zu lösen. Sie waren überdies auf Schritt und Tritt mit sprachlichen Schwierigkeiten konfrontiert: Nicht nur waren ihre Muttersprachen verschieden, sie mußten auch immer wieder von Grund auf anfangen, ihre Begriffe zu klären, wenn sie sich in einer gemeinsamen Sprache unterhielten. Und da sie zur Auffassung gekommen waren, daß sie zwischen diesen Sprachen und ihren Ausdrucksmöglichkeiten besser keine Rangfolge annehmen sollten, wenn sie nicht wieder in eine zentristische Falle gehen wollten, war dies ein schwieriges Unterfangen.

Eines aber half ihnen bei ihren Unternehmungen: es fehlte nicht an Themen, die ihnen am Herzen lagen. Anfangs waren es oft noch Themen, die sie aus ihren Ausbildungsgängen mitgenommen hatten - etwa die Frage, ob logische Gesetze universell gelten. Es kamen dann aber bald andere Fragen dazu, die sowohl drängend als auch ungelöst waren, insbesondere ethische und solche Fragen, die mit Rechtsgrundsätzen zu tun hatten. Daß sie beinahe ständig auf Schwierigkeiten des gegenseitigen Verstehens stießen, spielte keine geringe Rolle. Auch beschäftigten sie sich dauernd mit den stillschweigenden Voraussetzungen, die aus ihrem jeweiligen religiösen Hintergrund kamen.

So waren, aus dem heutigen Rückblick des Jahres 2096, die Anfänge dessen, was damals noch etwas unbeholfen "interkulturelle Philosophie" genannt wurde und jetzt Weltphilosophie heißt, eher bescheiden. Sie waren dennoch ein Versuch, sich selbst - nicht genug zu finden.

Ausgewählte Literatur zum Thema:

Herra, Rafael Angel: "Kritik der Globalphilosophie". In: Wimmer, Franz Martin (Hg.): Vier Fragen zur Philosophie in Afrika, Asien und Lateinamerika
Wien: Passagen Verlag (1988) S. 13-34.

Holenstein, Elmar: "Human Equality and Intra- as well as Intercultural Diversity". In: The Monist, Bd. 78 , Heft 1, (1995) S. 65-79.

--: "Vergleichende Kulturphilosophie. Chinesische Bilder, japanische Beispiele, schweizerische Verhältnisse". In: Mall, Ram Adhar und Dieter Lohmar (Hg.): Philosophische Grundlagen der Interkulturalität
Amsterdam: Rodopi (1993) S. 123-146.
(= Studien zur interkulturellen Philosophie, Bd. 1)

Mall, Ram Adhar:"Zur interkulturellen Theorie der Vernunft - Ein Paradigmenwechsel". In: Fulda, Hans Friedrich und Rolf-Peter Horstmann (Hg.): Vernunftbegriff in der Moderne. Stuttgarter Hegel-Kongreß 1993
Stuttgart: Klett-Cotta (1994) S. 750-774.

--: Philosophie im Vergleich der Kulturen. Interkulturelle Philosophie - eine neue Orientierung
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (1995)

Senghaas, Dieter: Geokultur: Wirklichkeit oder Fiktion? Drei Abhandlungen über den "Zusammenprall der Zivilisationen"
Bern: Arbeitspapiere der Schweizerischen Friedensstiftung Nr. 21 (1995)

--: "Die Wirklichkeiten der Kulturkämpfe". In: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Bd. 23 , Heft 2, (1995) S. 197-212.

Waldenfels, Bernhard: "Verschränkung von Heimwelt und Fremdwelt". In: Mall, Ram Adhar und Dieter Lohmar (Hg.): Philosophische Grundlagen der Interkulturalität
Amsterdam: Rodopi (1993) S. 53-66.
(= Studien zur interkulturellen Philosophie, Bd. 1)

Wiredu, Kwasi: "The Need for conceptual Decolonization in African Philosophy". In: Wiredu, Kwasi: Conceptual Decolonization in African Philosophy. Four Essays.
Ibadan, Nigeria: Hope Publ. (1995) S. 22-32.