Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
11/2000/3: Im Inneren der Männlichkeit


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Editorial

Im Inneren der Männlichkeit

 

Lyman L. Johnson
Ehre und Männlichkeit im kolonialen Spanisch-Amerika, ÖZG 11/2000/3, 7-28. [Abstract]

 

Robert Nye
Die Transmission der Männlichkeiten, ÖZG 11/2000/3, 29-44. [Abstract]

 

Gert Hekma
De Sade, Männlichkeit und sexuelle Erniedrigung, ÖZG 11/2000/3, 45-58. [Abstract]

 

Gabriella Hauch
Geschlecht und Politik in der Freiheitlichen Partei Österreichs 1986 bis 2000, ÖZG 11/2000/3, 59-82. [Abstract]

 

Reinhard Sieder
Von Patriarchen und anderen Vätern. Männer in Familien nach Trennung und Scheidung, ÖZG 11/2000/3, 83-107. [Abstract]

 

Forum

 

Ute Frevert
Männer(T)Räume: Die allgemeine Wehrpflicht und ihre geschlechtergeschichtlichen Implikationen, ÖZG 11/2000/3, 111-124.

 

Alessandro Barberi u. Peter Melichar
Der Traum vom Männerraum. Kommentar zu Ute Frevert, ÖZG 11/2000/3, 125-134.

 

Peter Schöttler
Mentalitätengeschichte und Psychoanalyse: Lucien Febvres Begegnung mit Jacques Lacan 1937/38, ÖZG 11/2000/3, 135-146.

 

Till van Rahden
Vaterschaft, Männlichkeit und private Räume. Neue Perspektiven zur Geschlechtergeschichte des 19. Jahrhunderts, ÖZG 11/2000/3, 147-156.


Editorial, ÖZG 11/2000/3

Im Inneren der Männlichkeit

"Bestenfalls ein schwaches Rinnsal" nannte Martin Dinges 1998 die deutschsprachige Männergeschichtsforschung. Mehr als drei Jahre später lässt sich die Zahl explizit männergeschichtlicher Studien noch immer an einer Hand abzählen. Doch auch die deutschsprachigen Geschichtswissenschaften haben nun das Männerthema entdeckt, erste Fachtagungen sind ihm genauso gewidmet wie universitäre Lehrveranstaltungen. Mit AIM GENDER  (http://www.ruendal.de/aim/gender.html) existiert ein eigenes Internet-Forum für historische und interdisziplinäre Männerforschung.

Was also ist Männergeschichte? Diese Frage lässt sich derzeit nur ungenügend beantworten. Die Vertreter/innen der Geschlechtergeschichte meinen, historische men's studies  gehörten in ihr Terrain. Männergeschichte würde den immer mitzudenkenden zweiten Part der Geschlechterdifferenz abdecken. Die neuere Geschlechtergeschichte berücksichtige dabei hegemoniale Beziehungen innerhalb der Geschlechter genauso wie vielfältige Formen des Geschlechterüberganges. Auch wenn die Männergeschichte von manchen zu einem selbstständigen Forschungsfeld erklärt wird, haben ihre Vertreter/innen noch zu keinen klar definierten Forschungsaufgaben und -perspektiven, geschweige denn zu eigenständigen Methoden gefunden. Skeptiker/innen der Männer-Diskussion meinen überhaupt, dass hier nur eine weitere Bindestrich-Geschichte erfunden wird, deren einziges Ziel es ist, Forschungsterrain und -ressourcen zu besetzen.

Der "Mann", die "Männer", die "Männlichkeit/en", der "männliche Körper" ... - die Liste möglicher Untersuchungsobjekte der Männergeschichte ist lang. Im internationalen Vergleich hat die Geschichte der "Männlichkeit" derzeit wohl die besten Chancen. Mit ihr glaubt man nicht nur akademische Kreise, sondern angesichts der seit Jahren proklamierten Krise der Männlichkeit auch ein breiteres Publikum erreichen zu können. Für viele Männer ist es nach der "erlittenen" Emanzipation zur Gewissheit geworden, dass traditionelle Männlichkeitskonzepte nicht mehr unhinterfragt übernommen werden können. Versuche einer neuerlichen Essentialisierung des Männlichen sind bislang ebenfalls gescheitert. "Dekonstruktion" lautet deshalb das Motto für die Expedition in das Innere der Männlichkeit.

Der Männlichkeitsbegriff ist in der Geschichtsforschung wie in den gender studies  aber auch deshalb modern geworden, weil er ein Eigenes der Männerforschung signalisiert. Die Konstruktion der Männlichkeit, die Aneignung, Einverleibung und Verkörperlichung des Maskulinen an der Schnittstelle von Sozialem, Kulturellem und Natürlichem würde geschlechterspezifisch vor sich gehen. Wie Männer männlich/maskulin werden, wie sie soziale und kulturelle Männlichkeitsformen in die Psyche und den Körper einschreiben und als "natürlich" empfinden - kurz wie die Naturalisierung der Geschlechteridentität vor sich geht -, gehört noch immer zu den ungelösten Problemen der Geschlechterforschung. Dieses Defizit wiegt umso schwerer, als sich durch Androgynität, Transgender und Queer die Grenzen der Heteronormalität immer mehr auflösen, ohne dass dabei jedoch auch die Geschlechterdifferenz verschwindet.

Der vorliegende Band versucht die Konstruktion und Einverleibung des Maskulinen an recht unterschiedlicher Beispielen zu beleuchten. Gendering,  das zeigen die meisten Beiträge, geschah und geschieht performativ und gehört zu jener Konstruktionsart, die Ian Hacking als "interaktiv" beschrieben hat: Soziale und kulturelle Männlichkeitsformen werden demnach nicht in passive Objekte eingeschrieben, sondern treffen auf selbstbewusste Akteure, die sich ihrer Geschlechterzugehörigkeit versichern, diese performativ aneignen und damit interaktiv die Männlichkeitsdefinition verändern.

Lyman L. Jonsohn zeigt, wie Handwerker und Tagwerker im Buenos Aires des 18. Jahrhunderts eine bestimmte Form von Ehrkultur entwickelten und ihre persönliche Ehre unter Einsatz des Lebens verteidigten. In Anlehnung an Pierre Bourdieus Konzept des männlichen Habitus geht Robert Nye der Frage nach, wie im Laufe der Neuzeit die Verkörperlichung des Männlichen durch Erbschaftsstrategien, soziale Reproduktion und Soziabilität beeinflusst und weitergegeben wurde. Gert Hekma sieht de Sades Leben und Werk im Zeichen der körperlich-sexuellen Erniedrigung und charakterisiert den Marquis als Antitypus des Maskulinen, der im 19. und 20. Jahrhundert nicht in die vorherrschenden Männerbilder integrierbar war. Ute Frevert betrachtet den Männerraum des Militärs im 19. Jahrhundert als eine Schule der Männlichkeit, in der Uniformität und Hegemonie genauso einverleibt wurden wie Differenzerfahrungen. Im Kommentar zu ihrem Beitrag weisen Alessandro Barberi und Peter Melichar auf die Gefahren der Essentialisierung hin und bezweifeln, dass Männerräume auch automatisch Männlichkeitsräume waren. Männerbündische Soziabilität und bestimmte männliche Kommunikationsformen spielen für Gabriella Hauch auch in der FPÖ in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine herausragende Rolle. Angesichts autoritärem männlichen Machtstrebens wird hier Geschlechterpolitik zu einer inhaltsleeren Etikette. Reinhard Sieder zeigt schließlich, wie ein über die Zeiten zentraler Bestandteil der Männlichkeit, die patriarchale Vaterschaft, in modernen Beziehungskulturen und "Fortsetzungsfamilien" durch neue Verständigungs- und Handlungspraktiken abgelöst wird.

Franz X. Eder / Wien

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Abstracts, ÖZG 11/2000/3, 108-110.

Lyman Johnson: Honor and the Construction of Masculinity in Colonial Spanish America, ÖZG 11/2000/3, 7-29.

Guilds, cofradías and other formal and informal institutions that played a central role in the lives of manual workers in pre industrial societies have long been studied as economic and social arenas. These structures were also crucibles within which masculine identity was forged and the rough values of everyday masculine culture were enforced. Young men entered apprenticeships or more directly entered employment in less skilled occupations in their teens. Their work environments, housing and social lives were controlled by older men who enforced the behaviours and attitudes of dominant masculine culture while passing on skills. Central to this masculine value system was a heightened sensitivity to shame and insult. The essay examines plebeian understandings of masculinity in late colonial Buenos Aires. Between 1780 and 1810 the workforce of this fast growing commercial centre was transformed by European immigration and the African slave trade. Ethnic diversity challenged Spanish colonial presumptions about hierarchy while a housing shortage and fluid employment patterns created a plebeian environment of casual relationships that generated provocation to violence.

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Robert Nye: Transmission of Masculinities, ÖZG 11/2000/3, 29-44.

The paper analyses some of the ways that masculinity is transmitted down the generations, according to the theory of Pierre Bourdieu that gender traits are "embodied" in individuals through a number of disciplinary, largely unconscious, mechanisms. The author first attempts to define the role which the notion of embodiment plays in Bourdieu's work and compares it to the ways in which other theorists, notably Michel Foucault and Norbert Elias, have used the concept in their work. The author is particularly concerned with inheritance practices and attempts to show how, since the sixteenth century, character and competence have been defined and incarnated in individuals in ways that reflected the historical situation and prospects of family and class. Finally, the paper discusses male sociability and the ways in which clubs, professional groups, and other all-male organisations provided the settings for the inculcation of masculine qualities which assumed the nature of embodied traits natural to men.
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Gert Hekma: De Sade, Masculinity and Sexual Humiliation, ÖZG 11/2000/3, 45-58.

During the eighteenth century, new ideals, theories and practices of masculinity and sexuality developed in the countries of Northwestern Europe. This article discusses these ideals mainly using the example of the life and the works of Marquis de Sade (1740-1814). While old ideals of Christian or noble masculinity demanded chastity or restraint and new enlightened ideals demanded vigour and control, de Sade's perspective stressing sexual humiliation was in stark conflict with both the old and new ideas on male honour, masturbation and same-sexual acts. The article discusses de Sade´s life and some of his works before reviewing his philosophy and his views on masculinity and sexuality. It ends with the importance of de Sade's work for the ideas and the culture of enlightenment.
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Gabriella Hauch, Gender and Politics in the Austrian Freedom Party (FPÖ) 1986-2000, ÖZG 11/2000/3, 59-82.

The author bases her gender specific analysis of the party politics of the Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) and of the staging of the party's public appearances since the beginning of Jörg Haiders chairmanship in 1986 on two assumptions. She defines the FPÖ as a (national- or right-wing-) populist party and she focuses on situations of crisis as a common denominator in the development of populism and gender relations. Populist politics, just like gender relations, result and produce crises on different social levels, which are characteristic for the situation of Austrian society at the turn of the 21st century. The FPÖ is by tradition a male party, which has become apparent in the recruitment strategies for its leading elites in male student corporations and the populist content of its politics, which concentrated on male-orientated topics such as hate of foreigners and public security. At the national elections this resulted in a voter-gender gap of 11 %. This means, that it were Austrian women, who in recent years prevented the FPÖ to become the largest party in Austria. The FPÖ tried to react with a variety of strategies: on the personal level women acquired in leading positions, and on the political level the FPÖ made the crucial specifically female contradiction, namely to integrate jobs and family-work, one of the focal points of their campaigns. By doing so they tried, even by recurring to countless contradictory arguments and demands, to maximize their female votes at all cost, which is one of the major characteristics of populism.
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Reinhard Sieder, On patriarchs and other kinds of fathers. Men living in families after divorce and separation, ÖZG 11/2000/3, 83-107.

The article formulates descriptive and explanatory hypotheses about the dynamic and interactive process of "fatherwork" in first families and remarriage families, particularly after transitions caused by separation, divorce, further births, the rebuilding of relations and families. In contrast to the majority of older sociological and psychological works on "step-families" which described them as deficient, deviant or pathogenic, the author stresses competent and successful communication as well as conflicts and difficulties. Presenting a single case study he argues that "fatherwork" can get more conscious, active and flexible within remarriage families and the so called "binuclear family system", i.e. the social system created by dense communication and interaction of two remarriage families of former spouses or partners.
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