Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
14/2003/3: Historische Medienwissenschaft


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Editorial

HISTORISCHE MEDIENWISSENSCHAFT

 

Thomas Brandstetter

Sic itur ad astra. Ein Beobachtungssystem der Astronomie im Frankreich des 18. Jahrhunderts, ÖZG 14/2003/3, 12-28. [Abstract]

 

Tobias Nanz

Blindflug. Zur Psychotechnik des Piloten und seiner Instrumente, ÖZG 14/2003/3, 29-49. [Abstract]

 

Ute Holl

Ein Gesicht ist ein Gesicht ist kein Gesicht. Anmerkungen zur Geschichtlichkeit der Physiognomie im Film, ÖZG 14/2003/3, 50-67. [Abstract]

 

Armin Schäfer

Jelinek: Teile + Zubehör, ÖZG 14/2003/3, 68-86. [Abstract]

 

Markus Krajewski

Die Kaffee-Maschine. Zur handelsmächtigen Metaphorik der Programmiersprache JAVA, ÖZG 14/2003/3, 87-103. [Abstract]

 

 

Forum

 

Hermann Rauchenschwandtner

Biopolitik, Zoopolitik und Zookratie: Diskursive Unterhandlungen und ontologische Abgründe, ÖZG 14/2003/3, 107-123.

 

Immanuel Wallerstein

Der rassistische Albatros. Die Sozialwissenschaften, Jörg Haider und der Widerstand, ÖZG 14/2003/3, 124-143.

 


 

Editorial, ÖZG 14/2003/3

 

Historische Medienwissenschaft

 

Schon in den siebziger Jahren begannen u. a. Philosophie, Philologie und Geschichte in erhöhter Intensität damit, ihre ökonomischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zu untersuchen, wobei diese Tendenz sich in den Kulturwissenschaften der neunziger Jahre reflexiv zuspitzte. Die theoretischen und geschichtlichen Debatten der 'digitalen' Gegenwart in der Wissens- und Informationsgesellschaft legen nunmehr nahe, dass auch Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur keineswegs nur empirisch vorausgesetzt werden können, sondern ihrerseits als Folge, Resultat und Effekt historiographisch beschreibbarer Transformationen von Wissensformen, Technologien, experimentellen Anordnungen und Archiven zu begreifen sind. Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur sind nicht einfach nur Bedingungen oder Gegenstände des historischen Wandels, sondern haben selbst diskursive, operationale, instrumentelle oder institutionelle Voraussetzungen, die von einer jüngeren Medienwissenschaft in einem umfassenden und zugleich spezifischen Sinn als 'Medien' bezeichnet werden.

 

Dabei lassen sich die gegenwärtigen Debatten der Medienwissenschaft kursorisch an einigen Punkten zusammenfassen, die diesem Mainstream der Geschichtswissenschaft erkenntniskritisch - aber keineswegs unhistorisch - entgegenstehen. So sind Medien in der Geschichtswissenschaft bisher zumeist als dialogische Vermittler in einer gegebenen Öffentlichkeit thematisiert worden, die Informationen von einem individuellen oder kollektiven Handlungssubjekt zu einem anderen übertragen. Dabei wurden die Konstitutions- und Konstruktionsleistungen von Medien hinsichtlich dieser modernen Individual- oder Kollektivsubjekte kaum berücksichtigt. Diese Tendenz geht oftmals mit der Anwendung einer transparenten Kommunikationsvorstellung oder -theorie einher, in der Bedeutungen, Sinngehalte oder Intentionen - und seien es historische - an einem Punkt A in ein Medium eingehen, um an einem Punkt B unverändert wieder herauszukommen. So begriffen, stellen Medien nur Mittel, Instrumente oder Werkzeuge menschlicher Kommunikationshandlungen dar und greifen ihrerseits nicht in diese Kommunikationen ein. Demgegenüber hat bereits Marc Bloch gerade hinsichtlich historischer 'Quellen' betont, dass die Informationsübertragung in der Geschichte eher mit dem Verzerrungsprinzip der stillen Post und der Nicht-Intentionalität oder Nicht-Transparenz von Dokumenten verbunden ist denn mit homogenen Sinnbildungsprozessen, seien sie synchron oder diachron. Später hat beispielsweise Michel Serres derartige Erkenntnisse - die auch zutiefst mit modernen Informationstheorien verbunden sind - in seiner Theorie des Parasiten gebündelt, nach der das Zustandekommen von sinnhafter Kommunikation sich nur durch den Ausschluss eines störenden Dritten ergeben kann; dieser Dritte aber ist die Störfunktion des Mediums.

 

Wenn des Weiteren auch mit Niklas Luhmanns Systemtheorie eine Soziologie vorgeschlagen wurde, nach der nicht Menschen, sondern Kommunikationen kommunizieren, so ist gerade der geringe Rezeptionsgrad systemtheoretischer Ansätze im Rahmen der Geschichtswissenschaft ein Beispiel für die genannte Tendenz, Medien auf Kommunikationstechniken zu reduzieren und sie damit in ihrer Geschichtsmächtigkeit zu unterschätzen. Dies geht auch damit einher, dass bis dato eher jene humanwissenschaftlichen Modelle die Historiographiegeschichte durchziehen, welche die soeben skizzierte Kommunikationsvorstellung im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit wiederholen. Und so haben auch strukturale Modelle des Sprachlichen nur bescheidenste Umsetzung erfahren. Nur allzu oft wird der Mensch - im Rekurs auf die Referenzwissenschaft Anthropologie - als einziger Akteur in der Geschichte angesetzt, wenngleich kaum bestreitbar ist, dass mediale Infrastrukturen nicht nur in die menschlichen Kommunikationen eingreifen. Denn darin sind sie der bisherigen Konzeption von ökonomischen, sozialen oder kulturellen Strukturen homolog. Darüber hinaus stellen sie aber Menschenfassungen und Menschenbilder durch Medienprojektionen her. Der spezifische Einsatz einer Historischen Medienwissenschaft ist mit diesem Blick auf die medialen Bedingungen von Ökonomie, Gesellschaft sowie Kultur verbunden und beleuchtet so auch die bisherigen Modelle der Geschichtswissenschaft in den ihnen eigenen diskursiven, operationalen, instrumentellen oder institutionellen Voraussetzungen, die immer auch historische sind.

 

Dabei soll keineswegs bestritten werden, dass es der Medienwissenschaft bis dato nicht gelungen ist, ihren Gegenstand systematisch und epistemologisch zu begrenzen. Die Versuche einer Begriffsklärung sind zahlreich, stehen indes jenen der Bestimmungsversuche von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur in nichts nach. Und so hat etwa Sybille Krämer die Unterscheidung zwischen literarischen Medien, technischen Medien und Massenmedien eingeführt, neben der beispielsweise folgende - erweiterte und ebenso wenig hierarchisch angeordnete - Differenzierung möglich wäre:

 

Sprachmedien

Diskurse, Begriffe, Denksysteme, Wissensordnungen, Konversationsformen, literarische Sprachen etc.

Schriftmedien

Akten, Dokumente, Texte, Bücher, Briefe, Inschriften etc.

Bildmedien

Gemälde, Graphiken, Zeichnungen, Ikonen, Porträts, Photographien, Filme etc.

Technische Medien

Telegraph, Kinematograph, Schreibmaschine, Photoapparat, Computer, Navigationsinstrumente etc.

Massenmedien

Fernsehen, Radio, Zeitung, Internet etc.

Institutionelle

Archive, Sammlungen, Museen, Bibliotheken, Kinos

Medien

Theater etc.

 

Gerade weil auch mit derartigen Vorschlägen die Systematisierung des Medienbegriffs noch nicht zu einem Ende gelangt ist, kann das Projekt einer Historischen Medienwissenschaft mit Grundlagenforschungen verknüpft werden. Im Hinblick auf die Geschichtswissenschaften können dabei mindestens drei Forschungsfelder ausgemacht werden, die auch in den gegenwärtigen Diskussionen immer deutlicher auf einander verweisen: Erstens die Auseinandersetzung mit der spezifischen Geschichtlichkeit respektive Historizität von Medien, die eine 'Aufarbeitung' bzw. eine Re-Lektüre der bisherigen Ergebnisse von Wirtschafts-, Technik- und Kommunikationsgeschichte erfordert. Zweitens die Analyse der Medialität und d. h. auch Diskursivität von Geschichte und Geschichtsschreibung im Sinne einer Zusammenfassung jener Bereiche, in denen nach den medialen Trägern des Vergangenen ('Quellen') genauso gefragt werden kann wie nach der medialen Eingebundenheit und Codierung jeglicher Historiographie samt ihrer Repräsentationsformen. Fragen, die teilweise in der bisherigen Literatur-, Historiographie- oder auch Filmgeschichte gestellt wurden. Und drittens eine spezifisch epistemologische Zuspitzung, die in der erkenntniskritischen Überkreuzung von Mediengeschichte und (ihren) Geschichtsmedien jene Problematisierungslinien akzentuiert, die mit der Frage nach den Möglichkeitsbedingungen jeglicher - und d. h. auch der historischen - Erkenntnis verbunden sind.

 

Dieser Blick auf die Voraussetzungen wissenschaftlicher Erfahrung und Sinnbildung führt somit erneut zu einer extensiven Befragung der geschichtswissenschaftlichen Grundlagen, die dennoch empirischer Überprüfung zugänglich bleibt. Die werknahen Wissensbestände der Begriffs-, Diskurs- und Philosophiegeschichte bleiben daher im Blick auf eine kommende Historische Medienwissenschaft zu sichten, wenn etwa die Funktion von soziologischen, psychologischen oder anthropologischen, aber auch physikalischen, physiologischen oder biologischen Wissenszusammenhängen in unterschiedlichen Medien und deren Rolle in der Historiographie zur Diskussion stehen. Historische Medienwissenschaft umschreibt mithin eine reflexive Geschichtswissenschaft, deren Perspektiv- und Problematisierungslinie darin liegt, sich entlang ihrer Vollzüge sukzessive und rekurrent in den eigenen Bedingungen zu spiegeln, deren epistemologischer, technologischer, experimenteller und eben immer auch historischer Charakter im Blick auf Systematik und Historik zu analysieren bleibt.

 

Und so schlägt Thomas Brandstetter in seinem Beitrag vor, das Wissen der Astronomie im 18. Jahrhundert nicht ohne Historisierung der zu diesem Zeitpunkt auftauchenden Astronomiegeschichte zu erfassen. Diskurs- und medienanalytisch wird somit ein Herkunftsort der Wissenschaftsgeschichte als einer historiographischen Form ausgemacht, die sich zu diesem Zeitpunkt auf die Suche nach ihrem eigenen 'Ursprung' begibt. Im Rahmen dieser Zusammenführung von Wissens-, Medien- und Instrumentengeschichte wird ein - über Bourdieus Praxeologie hinausgehender - Habitusbegriff angesetzt, der als mentales Werkzeug (outillage mental) auch auf die Schule der Annales verweist, in deren Umkreis dieser Begriff bereits in den 1930er Jahren vorgeschlagen wurde, ohne indes umfassend eingesetzt worden zu sein. Im Zuge dieser Darstellung werden das Zusammenstellen eines astronomischen Datenarchivs und der gleichzeitige Einsatz von verschiedenen Instrumenten zu 'Medienrevolutionen' des 18. Jahrhunderts. Dabei handelt es sich um historische Transformationen des Numerischen und des Technischen, welche Denksysteme und Wissensformen genauso bedingen wie sie von ihnen abhängig sind. Und so übernimmt etwa das Teleskop die instrumentellen Funktionen von Zeugenschaft und Bezeugung, die dem neuzeitlichen wissenschaftlichen Diskurs seit der Inquisition eingeschrieben sind. Funktionen, die exemplarisch im Beobachtungshabitus der Astronomie nachbuchstabiert werden können, wenn Auge, Hand und Ohr sich mit Fernrohr, Mikrometer und Pendeluhr synästhetisch verschalten. Alles in allem betont dieser Beitrag, dass eine Geschichte der - nicht nur astronomischen - Sichtbarkeitsordnungen auf eine Analyse des Unsichtbaren und auf eine Deskription des Sagbaren verwiesen ist.

 

Im Rahmen einer diskontinuierlichen Technikgeschichte behandeln auch die Ausführungen von Tobias Nanz den Bereich der Sag- und Sichtbarkeiten, wenn das luftfahrtgeschichtliche Dispositiv des Cockpits und die Relation zwischen Pilot und Instrument in diesem analysiert werden. Denn hier wird unterstrichen, dass der historische Bruch zwischen Tag- und Nachtflug nicht zuletzt damit in Verbindung steht, dass auch im 19. Jahrhundert - zum Beispiel mit Leon Foucaults berühmtem Pendel - Instrumente als Medien die Funktion übernehmen, virtuelle und d. h. medial codierte Realitäten herzustellen, die später den Sicht- und dann den Blindflug erst ermöglichen werden. Im diskurs- und mediengeschichtlichen Filigran von Lebens- und Arbeitswissenschaft, von Psychotechnik und Neurophysiologie wird so nachvollziehbar, dass Instrumente und Apparate jenen symbolischen Realitätsraum codieren, in dem die Autonomie des handelnden Piloten je schon mit dem Autopiloten verschränkt ist. Dabei hebt Nanz auch einen militärgeschichtlichen Aspekt hervor: Fluginstrumente beginnen datierbare Befehle zu geben, die keine menschliche Verarbeitung von Information mehr benötigen, sondern den Piloten in ein - fast schon kybernetisches - Reiz/Reaktionsschema einspannen, in dem er rückgekoppelt keinen Sinn mehr benötigt, um zu handeln. Historiographisch ist bemerkenswert, dass die Ausführungen vom Einstieg bis zur Landung einer buchstäblichen Flugbahn folgen, die sich auch mit einer erkenntnistheoretischen Pointe verbindet: Denn wenn Piloten von Datenwirklichkeiten nicht nur abhängig sind, sondern letztere den Blindflug erst ermöglichen, liegt die epistemologische Frage nahe, inwiefern nicht jedes Historisieren auf diese operationale Realität der Daten verwiesen ist. Eine allgemeine Geschichte der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine steht dahingehend noch genauso aus wie eine medienwissenschaftliche Geschichte der Aufmerksamkeit.

 

Das Einspannen von Subjekten in Stützvorrichtungen ist - wie im Hinblick auf das Cockpit - auch hinsichtlich des kinematographischen Apparats von Interesse. Und so wird nach Ute Holl das Auge der Kamera in seinen Mikrobewegungen zur Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Dabei analysiert diese Filmgeschichte einen Film im Film und stößt so auf den Zusammenhang zwischen Geschichten und Gesichtern im Kino. Filmische Visualität und die ihr eigene Geschichtlichkeit wird dabei diskursanalytisch und historisch im Rekurs auf mediale Infrastrukturen untersucht. Durchgängig geht es dabei um die Wechselwirkungen zwischen der eigenen (historischen) Wahrnehmungsorganisation und der Historizität von Film-Bildern, die ihrerseits historische Konstellationen des Kinos hervortreiben. Entgegen einer einfachen historischen Einordnung des Kinos als weiterem Medium natürlicher Leiblichkeit - neben und nach Ikonen, Portraits oder Photographien - wird mithin das Auftauchen des Kinematographen im 19. Jahrhundert als gesichts- und geschichtsgenerierend aufgefasst. Der Medientransfer vom Bild in die Schrift ist seit diesem Zeitpunkt zur konstitutiven Notwendigkeit jeder Filmanalyse geworden. Fast beiläufig fallen damit auch romantische Theorien des Ausdrucks, da das Kino nur über Aussagen und Signifikantenketten operiert, die erneut ein Verhältnis von Sagbarem und Sichtbarem herstellen. Dabei wird auch betont, wie der filmanalytische Diskurs und das Kino durch die Reproduktion von anthropometrischen oder ethnographischen Wissensformen an der Konstitution und Konstruktion von Kollektivsubjekten (Rasse, Klasse, Nation, Weiße, Schwarze, Frauen, Männer etc.) beteiligt war. Erst das Kino hat diskursive Differenzen zu effektiven Unterschieden in der Ordnung der Wahrnehmung gemacht und führt so schon bei Vertov zum Ende des Anthropozentrismus. Mit Jean-Luc Godard ließe sich insofern auch für die Körpergeschichte des Menschen sagen: Das Kino ist der einzige Zeuge, die einzige Spur.

 

Aber auch literarische oder grammatologische 'Spuren' verweisen nicht auf eine ihnen ontologisch vorgängige Geschichte. Und so analysiert Armin Schäfer eine ganze Kaskade von 'Autoren', deren Schriften in diskursgeschichtlichen Rückkopplungsschleifen fragmentarisch präsentiert werden, wodurch auch die skripturalen Voraussetzungen dieses Textes selbst vor Augen stehen. Darüber hinaus werden Diskursformen und Medientechnologien der Urheberschaft und des Autors als Teile einer 'diskontinuierlichen Nicht-Geschichte' (Burroughs) der modernen Subjektivität und ihrer Verbindung zum Anspruch auf Authentizität und Urheberschaft beschrieben. Eine derartige auf Medienwissenschaft rekurrierende Literaturgeschichte legt so im Rekurs auf die eigenen Bedingungen jede Referenzdogmatik und jeden Abbildungspositivismus ab, um sich ihrerseits dem gewählten Gegenstand anzugleichen und Subjekt wie Objekt der Analyse ins Zirkulieren zu bringen. Dabei ist hervorzuheben, dass der aus der elektronischen Musik übernommene Terminus technicus des Sampling sich auch außerhalb seines datierbaren Aufkommens im so genannten digitalen Zeitalter als tragfähige Interpretationsmatrix anbietet, um historische respektive literarhistorische Archive zu beschreiben und zu ordnen. Gerade ob der intensiven Diskussion der Autorfunktion Elfriede Jelinek und ihrem Verhältnis zu Sprachlegos wird dabei einsichtig, dass eine solche Methode auch im Bereich der Geschlechtergeschichte noch auf ihre Anwendung wartet. Des Weiteren handelt es sich hier aber auch um eine Geschichte des Zitierens, das in seiner Funktion als Schnittstelle von Texten mit Links im Internet vergleichbar wird. Unabhängig von jeder Spurensicherung wird so das Zitat nicht mehr auf einen repräsentationslogischen Begriff historistischer Wahrheit bezogen, sondern zeigt sich als Wahrheitstechnologie in deren eigener Geschichte. Und so sind auch die literarischen Sprachen als Medien zu begreifen.

 

Markus Krajewski erweitert diesen Umstand, wenn er eine medienwissenschaftliche Diskursgeschichte nach dem linguistic turn anbietet und ausgehend von der Programmiersprache JAVA einem Metapherneffekt in der Wirtschaftsgeschichte des Kaffees nachgeht, ohne diese zur determinierenden Voraussetzung von jener zu machen. Die einfache Erkenntnis, dass Programmiersprachen eine Geschichte haben, wird durch den markanten Verweis auf den dezidiert informatischen Programmcharakter von Geschichte umgedreht. Denn die Geschichte (hier jene der Java-Bohne im 16. Jahrhundert) ist nicht nur eine Voraussetzung, sondern immer auch selbstreferentieller und autopoietischer Effekt der Medien, seien diese nun Handelsschiffe oder Computer. Die Geschichte der Ökonomie wird so entlang von Regelkreisen als Protokybernetik lesbar und Handelsnetze verbinden sich mit den Netzwerken von Computern. Dennoch macht Krajewski sich nicht auf die Suche nach den ökonomischen Voraussetzungen des Internet und seiner Browser. Vielmehr fallen diese im Informationszeitalter mit einer diskursiven und medialen Geschichtsökonomie zusammen, die noch die retrospektiv gerichteten Formen der Wirtschaftsgeschichte ausgehend von Programmiersprachen durchzieht. Es findet sich kein Mensch am Ursprung der Geschichte, sondern informatische und d. h. informationstheoretische Sprachstrukturen zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt. Der sozialgeschichtliche Grundbegriff 'Arbeit' wird hier exemplarisch durch den mediengeschichtlichen der 'Datenverarbeitung' und d. h. vor allem durch den der 'Information' ersetzt, wenn wirtschaftsgeschichtlicher Handel zu medientheoretischer Übertragung wird. Geschichte wird Programm, Programm wird zu Geschichte.

 

Die Beiträge dieses Bandes schreiben sich mithin entlang ihrer Reihenfolge in die Erkenntnisbestände von Wissenschafts-, Technik-, Film-, Literatur- und Wirtschaftsgeschichte ein, ohne deren dezidierte Verlängerung oder prinzipielle Ablehnung anzustreben. Vielmehr überkreuzen sich die unterschiedlichen Linien dieser Texte in einem Problematisierungsraum, dessen methodische Systematisierung zur Zeit nur kursorisch erfolgen kann. Denn alle lagern sich an den Ecken eines epistemologischen Quadrats an, das durch Diskurse oder Wissensformen, durch Operationen oder Technologien, durch Instrumente oder experimentelle Apparaturen und durch Archive oder Institutionen gebildet wird. Die Mitte dieses Quadrats stellt eine Leerstelle, eine Lücke dar, die auf allgemeinster Ebene das erkenntniskritische Problem jeder wissenschaftlichen Repräsentation markiert. Ihr Name ist Medium.

 

So heterogen die Beiträge mithin hinsichtlich der zeitlichen, räumlichen oder thematischen Ausrichtung auf den ersten Blick auch scheinen mögen, so klar führen sie diese programmatische Struktur vor Augen, in der Geschichtsmedien und Mediengeschichten sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten überlappen. Damit wird ein Forschungsfeld aus Interferenzen und Störungen abgesteckt, das gerade angesichts historischer Analysen zur Ausgangskonstellation einer kommenden Historischen Medienwissenschaft wird, sofern sie mit einer breiten Historisierung der spezifisch historischen Wissenschaftlichkeit zusammenfällt und dabei mit poetologischem Nachdruck den Namen der Geschichtswissenschaft an seine Wissenschaftsgeschichte bindet. Dieser Band schlägt eine solche Ausrichtung vor, wenn die Beiträge auf divergente Art und Weise das skizzierte epistemologische Feld in unterschiedlichen Richtungen durchlaufen. Denn erstens wird hier durchgehend nach den medialen und historischen Bedingungen von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Subjektivierungen, kinematographischen Bildern, literarischen Autoren oder Programmiersprachen gefragt, ohne das soeben angedeutete Repräsentationsproblem zu umgehen. Und zweitens folgen alle Ausführungen einer spezifischen Rekurrenz und Reflexivität des Historischen, wenn nach den Sternen in der Astronomiegeschichte gefragt wird, die Geschichte des Cockpits im Blindflug an uns vorüberzieht, das Auge der Kamera dabei Gesichter und Geschichte schneidet, der Urheber eines Textes sich in der Dichte seiner Gegenstände verliert und das Rauschen des Meeres im Kanal zu stören beginnt.

 

Alessandro Barberi / Wolfgang Pircher

 

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Abstracts, ÖZG 14/2003/3, 104-106.

 

Thomas Brandstetter: Sic itur ad astra. An Observational System in 18th Century French Astronomy, pp. 12-28.

 

The article invokes the notion of an »observational system" to examine the practices and discourses of astronomy in late 18th Century France. It will be shown that the specific functions of this technical artefact were not a priori determined, but were shaped by different disciplinary, institutional, and technical conditions. However, the perception of these conditions had already been discursively constructed in contemporary narratives, such as Jean-Sylvain Bailly’s Histoire de l’astronomie ancienne (1781) and his Histoire de l’astronomie moderne (1785). The structure of this historical knowledge about astronomy corresponds to the institutional organisation of the observational process as described in the plans to reform the Paris observatory. It will be pointed out that a hierarchical opposition between the astronomer interpreting the data, and the observer, who merely wrote down the dates and positions of the celestial objects, was thought to provide the reliability and continuity deemed necessary for the creation of a lasting dépôt of numbers. These requirements decisively shaped the perception and uses of the telescope, which was invariably seen in connection with the quadrant and the micrometer. Thus the article emphasizes that the function of the telescope was not to provide visual images, but to deliver numbers indicating the exact position of celestial objects.

 

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Tobias Nanz: Blind Flight. Psychotechnics of the Pilot and his Instruments, pp. 29-49.

 

From the beginnings of aviation until the end of World War II, the status of the pilot has radically changed by the increasing technological refinement of flight instruments. The article focuses on the appearance of blind flight and particularly on the design of the user interface, i.e. the interaction between the pilot and his instruments. Therefore blind flight cannot be characterised as the outcome of a continuous history of technological progress, and should - instead - be described by analysing the relationship between the history of natural sciences, life sciences and technological sciences. In consequence the article deals with the dispositive of the cockpit and reveals the structural connections between the instruments in laboratories and the instruments in flight simulators. This relationship became explicit in the psychotechnical experiments during the first half of the 20th Century: The flight simulator training gave rise to a new type of pilot who is optimally adapted to the instruments, that have taken over the primary command in the aircraft. Finally the central question deals with the differences between contact flight and blind flight.

 

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Ute Holl: A Face is a Face is not a Face. Remarks about the Historicity of Physiognomy in Film, pp. 50-67.

 

The article looks at the historicity of close-up portraiture in film. It argues, that not only style and composition, but, equally, the use of mediality and the materiality of the filmic process produce the specific impact "a face" may have historically. Thus, the article sketches outlines for a media-based historiography. Setting out from Béla Balázs’ writings on physiognomy and film, as well as from Dziga Vertov’s experiments on the analysis of facial expression and Deleuze’s concepts of face and space, the article argues, that any phenomenological interpretation of the face has to take into account the long history of physiognomy as a science. This includes all the discursive strategies that have applied physiognomy in the field of neurology, criminology or eugenics. Photography and cinematography have introduced new forms of visibility, and, along with this, new structures of meaning of the face. To prove the hypothesis, a close analysis of John Cassavetes’ film Faces and Ingmar Bergmans film Persona show that their cinematic representation of the facial close-up not only deals with the social politics of their time but, equally, with the media-history of physiognomy that has structured the perception and "reading" of faces. Through their different processes of modulating the media basis of cinematic images, it becomes clear that cinema produces its own forms of historical meaning.

 

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Armin Schäfer: Jelinek: Parts and Accessories, pp. 68-103.

 

Elfriede Jelinek has detached German literature from the concept of traditional

authorship by introducing cut-up and fold-in operations and the use of text-recycling or computer programs. Therefore, her style is often described as 'pop literature'. This article shows that sampling, as a technique of mixing diverse materials such as comic, crime or traditional fiction, is a dominant strategy in her work. Although we find well known forerunners, such as Goethe or Thomas Mann who have produced remakes or pastiches, Jelinek does not follow them. In contrast, she analyses the mechanisms of quotation, authorship and individual style in the computer age.

 

Sampling as a technique of contemporary electronic music could be used as a framework for media-history of literature in general. Jelinek’s sampling of texts is more and more developing into a method of discourse analysis. Moreover, the new discourse network of sampling generates a poetological principle that connects sentences through contiguity. Yet, the looseness of sampled texts should not be mistaken for arbitrariness, randomness, or chaos: there is multiplicity and manifoldness instead of unity, juxtaposition instead of sentences fitting into each other, and there are parts instead of wholes.

 

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Markus Krajewski: The Coffee Machine. Trading Power and Metaphor of the Programming Language JAVA, pp. 87-103.

 

This paper focuses on the coffee metaphor of the programming language JAVA under the perspective of economical historiography. What historical implications and managerial consequences does this comprehensive metaphoric provide? In opposition to more mathematical computer languages, such as C, every so called object orientated programming language necessarily needs a metaphorical description in order to make its encoded objects readable, operable, and executable. The main thesis proposes that the chosen metaphor of coffee is by no means arbitrary. Instead, the coffee metaphor is selected with great care because it is meant to be both a marketing strategy and an economical itinerary of dissemination.

 

Proof of this thesis is given by an historiographical analogy between the genealogy of JAVA developed by Sun Microsystems (1995) and the introduction of coffee in Europe accomplished by the Dutch Verenigde Oostindische Compagnie (1616). The enormous profits which result from the coffee trade in the 17th Century as well as its logistic and economic basis served Sun as historical model. In pursuing these goals Sun relies on the internet as a network of trade for which JAVA is intended to be the dominating programming language of e-commerce.

 

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