Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
14/2003/4: orte des okkulten


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Editorial

ORTE DES OKKULTEN

 

Alexander C.T. Geppert / Andrea B. Braidt

Moderne Magie: Orte des Okkulten und die Epistemologie des Übersinnlichen, 1880-1930, ÖZG 14/2003/4, 7-36. [Abstract]

 

Thomas Laqueur

Cemeteries and the Decline of the Occult: From Ghosts to Memory in the Modern Age, ÖZG 14/2003/4, 37-52. [Abstract]

 

Diethard Sawicki

Spiritismus und das Okkulte in Deutschland, 1880-1930, ÖZG 14/2003/4. [Abstract]

 

Albert Kümmel / Justyna Steckiewicz

Leipzig 1877: Medienepistemologische Zugänge zu Karl Friedrich Zöllners Experimenten mit Henry Slade, ÖZG 14/2003/4. [Abstract]

 

Logie Barrow

Plebeian Spiritualism: Some Ambiguities of England’s Enlightenment, Reformation, and Urbanisation, ÖZG 14/2003/4, 96-118. [Abstract]

 

Helmut Zander

Theosophische Orte: Über Versuche, ein Geheimnis zu wahren und öffentlich zu wirken, ÖZG 14/2003/4, 119-147. [Abstract]

 

 

Gespräch

 

Peter Mulacz / Manfred Omahna / Ulrike Spring

Rationalisierung des Außersinnlichen? Zur Wissenschaftlichkeit der Parapsycholgie, ÖZG 14/2003/4, 150-159.

 

 


 

Editorial, ÖZG 14/2003/4

 

editorial:

 

orte des okkulten

 

Dass die Stadt über die fünf Sinne wahrgenommen und angeeignet wird und sich letztlich erst so sinnlich konstituiert, ist keine Neuigkeit. Wie aber steht es um den sechsten Sinn? Wie und wo übersetzen unterschiedliche Medien (im doppelten Sinne) das Meta-Physische und machen es erfahrbar? Auf welche Weise konstituiert sich das Übersinnliche im Kontext von Urbanität? Das vorliegende Heft thematisiert Repräsentationsformen und Wahrnehmungsweisen des Okkulten in der westeuropäischen Großstadt zwischen 1880 und 1930 in unterschiedlichen Kontexten und anhand verschiedener Fallstudien.

 

Häufig sind Okkultismus und Spiritismus im Zusammenhang mit 'Entmodernisierung' beschrieben und analysiert worden. Ihre Entstehung wird gemeinhin auf die Mitte des 19. Jahrhunderts datiert und als Gegenreaktion auf den vordergründigen Rationalismus, Mechanismus und Materialismus der herrschenden weltanschaulichen Strömungen seit der Aufklärung begriffen. Dem umgekehrten Argument zufolge weise sein Selbstverständnis als Geheim-'Wissenschaft' den Okkultismus im Gegensatz zur jahrtausendealten Magie oder Astrologie gerade als genuines 'Kind der Moderne' aus, in dem Züge des wissenschaftsgläubigen Zeitgeistes zu erkennen seien. Die Ursachen für Entwicklung und Popularität von Okkultismus und Spiritismus werden gewöhnlich in der Enttäuschung über die nicht eingelösten Heilsversprechungen des Industriezeitalters beziehungsweise in einem individuellen Bedürfnis nach 'persönlicher Initiation' und der Suche nach einem Ausweg aus einer unüberschaubar gewordenen, kaum mehr handhabbaren und damit als sinnlos wahrgenommenen Moderne gesehen.

 

Die gegenwärtige Historiographie dominieren vor allem sozial- und ideengeschichtliche Zugänge, die sich auf eng umrissene Fallstudien zu berühmt gewordenen Medienstars und -skandalen wie diejenigen um Karl Friedrich Zöllner (1834-1882), das sächsische "Blumenmedium" Anna Rothe oder die Fotografien der sogenannten Cottingley fairies (1920/21) beschränken, die spiritistischen Denksysteme und Entwürfe herausragender 'Theoretiker' wie etwa Carl du Prel (1839-1899) in einen geisteshistorischen Zusammenhang stellen oder die Geschichte einzelner okkulter Gruppierungen und deren charismatischer Führerfiguren wie Georg von Langsdorff (1822-1921), Fritz Krebs (1832-1905) oder Joseph Weißenberg (1855-1941) herausarbeiten. Die quantitative Marginalität dieser Gruppen und ihre vermeintliche gesellschaftliche Randstellung darf nicht den Blick für ihre gesellschaftliche Reichweite verstellen. Die von ihnen aufgeworfenen Fragen nach dem Wissbaren und der Sinneswahrnehmung, der Grenze zwischen Leben und Tod, einem Weiterleben im Jenseits sowie nach Religiosität und Spiritualität im Alltag waren alles andere als obskur, irrelevant und peripher - und sind es in der Tat auch heute nicht.

 

In einer immer wieder zitierten Wendung hat James Webb bereits Anfang der 1970er Jahre pointiert von einem okkulten "Underground of Europe" gesprochen. Doch diese Raummetapher ist nur partiell zutreffend: Obwohl man sich der Tatsache durchaus bewusst ist, dass sich Endzeitsekten und spiritistische Zirkel neben ausgeprägten ländlichen Traditionen überproportional in industriellen Ballungszentren wie Sachsen, Schlesien und dem Ruhrgebiet, vor allem aber in Großstädten wie Leipzig, Hamburg, Breslau, Wien und Berlin ausbreiteten, haben explizit geographische Aspekte bisher eher wenig Beachtung gefunden. Dieser Band rückt den urbanen Raum und dessen Orte des Okkulten nunmehr ins Zentrum des Interesses. Indem es eine räumliche Dimension in die Geschichte von Okkultismus und Spiritismus einzuziehen versucht, begreift sich dieses Heft der ÖZG als Versuch, die schon länger, jüngst jedoch immer deutlicher zu vernehmende Forderung nach einer Verräumlichung der Geschichtswissenschaft auf einem überschaubaren Feld in historiographische Praxis umzusetzen. Der Titel Orte des Okkulten steht somit für eine doppelte, allen Beiträgen gemeinsame Pointe: Ziel ist es, die Historisierung des Übersinnlichen mit einer räumlich-topographisch ausgerichteten Sichtweise zu verknüpfen. Dieser Zugang lässt sich letztlich auf die epistemologische Fragestellung nach dem Konnex von Wissen und Raum fokussieren.

 

Die hier vorgelegten Texte beschäftigen sich mit diesem Schauplatz aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Während die ersten drei Hauptaufsätze (Geppert/Braidt, Laqueur, Sawicki) jeweils verschiedene Aspekte innerhalb des Themenfeldes eher breit und aus einer Außenperspektive abdecken, widmen sich die drei darauffolgenden Texte (Kümmel/Steckiewicz, Barrow, Zander) konkreten Fallstudien und detaillierten Innenansichten. Ein Interview mit Peter Mulacz, dem Vizepräsidenten und Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzbereiche der Wissenschaften (Mulacz/Omahna/Spring) ergänzt den Band.

 

Mit Ausnahme des Beitrags von Helmut Zander wurden erste Fassungen aller Aufsätze auf dem Workshop Die okkulte Stadt: Orte des Übersinnlichen zur Diskussion gestellt, der am 18. und 19. April 2002 am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien stattfand und von den sieben IFK_Junior Fellows des akademischen Jahres 2001/02 - Andrea B. Braidt, Deborah Broderson, Alexander C.T. Geppert, Jonathan Koehler, Manfred Omahna, Ulrike Spring und Georg Vasold - gemeinsam konzipiert und organisiert wurde. Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle herzlich für die produktive Kooperation gedankt. Ebenso möchten wir dem IFK unseren Dank aussprechen. Dem Staff des IFK, insbesondere Daniela Losenicky, danken wir für tatkräftige Unterstützung. Für wertvolle Kritik, Anregungen und Kommentare sind wir zuletzt Lucian Hölscher, Thomas Laqueur, Diethard Sawicki, Helmut Zander und Alexander Mejstrik zu großem Dank verpflichtet. Selbst ohne die merkliche Beteiligung übersinnlicher Kräfte kann Wissenschaft mitunter sogar Spaß machen.

 

Alexander C.T. Geppert / Essen, Andrea B. Braidt / Wien

 

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Abstracts, ÖZG 14/2003/4, 148-149.

 

Alexander C.T. Geppert, Andrea B. Braidt: Modern Magic: Sites of the Occult and the Epistemology of the Supernatural, 1880-1930, pp. 7-36

 

This article serves as a thematic, conceptual and historiographical introduction to the entire volume. A brief presentation of its three central questions (the representation of the supernatural in the media, the contingent boundary between the sensuous and the extrasensory, and the spatial conditions of the occult in an urban context) is followed by an epistemological examination of four heuristical concepts (occultism and science, spiritism and belief, mysticism and experience, esotericism and knowledge) and a discussion of the volume’s four leitmotifs (religion versus science, personae versus networks, this world versus the next, metropole versus province). Rather than insisting on an analysis of the occult and its urban sites in the context of modernity, a more productive approach explores questions of the epistemology of the occult.

 

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Thomas Laqueur: Cemeteries and the Decline of the Occult: From Ghosts to Memory in the Modern Age, pp. 37-52

 

New places for the dead - cemeteries - were from the start understood as places of memory in which the undead and sleepless dead, ghosts and spirits did not abide. Anxieties about the public health problems of old burial grounds were born of a new interest to separate the dead from the living; memory replaced the corpse as the placeholder for the deceased; a secular geography replaced a sacred one. The essay ends with the speculation that the popularity of the occult in late nineteenth century Europe might have been a response to the novel segregation of the dead.

 

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Diethard Sawicki: Spiritism and the Occult in Germany, 1880-1930, pp. 53-71

 

The article presents an overview of the place of spiritualism and the occult in German society and culture between the late 19th and early 20th centuries. The history of concepts like occult sciences and occultism is sketched out, as well as the specific interplay between discourses, practices, and media in the field of the occult. The second half of the article discusses the significance of urban spaces for the occult. The author distinguishes between an ontological and constructivist interpretation of space and relates both to the problem of urbanity and the occult.

 

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Albert Kümmel, Justyna Steckiewicz: Leipzig 1877: The Media Epistemological Implications of Karl Friedrich Zöllner’s Experiments with Henry Slade, pp. 72-95

 

The essay revisits the notorious experiments carried out by the founder of German astrophysics, Karl Friedrich Zöllner, and the well-known American juggler and occult medium, Henry Slade. It explores the epistemological space these experiments adopted in a threefold manner: first, by interpreting Zöllner’s discourse in terms of witchcraft; second, by uncovering the Slade experiments as meta-experiments following an episteme of disturbance and miracle; third, by showing how the knot experiments, meant to provide empirical evidence of the existence of a four-dimensional space, can be linked to the practice of magic in popular culture.

 

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Logie Barrow: Plebeian Spiritualism: Some Ambiguities of England’s Enlightenment, Reformation, and Urbanisation, pp. 96-118

 

It is superficial to speak of the occult as 'post-Enlightenment.' The moderate Enlightenment had a basis in Newtonian physics which no 'radical Enlightenment' ever claimed. The ambiguities of this physics fed occult activities into the 20th century. English plebeian spiritualists saw themselves as extending materialism into superfine or 'imponderable' regions. Qualities conventionally associated with the 'female' assumed a crucial role. Thus spiritualism restored the feminine to a centrality that it had not had in England since the death of the last Mary-substitute, Queen Elizabeth (1603). This restoration flourished most in newly industrialised areas of Northern England where, coincidentally or not, the impact of the 16th century Reformation had been notably superficial.

 

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Helmut Zander: Theosophical Sites: Making Private Secrets Public, pp. 119-147

 

Theosophical Societies formed lodges in most of the larger towns in Germany in the years around 1900. Their houses were on the one hand open to the public, since theosophists tried to attract people by lectures or by inviting them to use their libraries; on the other hand, the societies needed closed rooms for their arcane rites, especially for Masonic ceremonies. This article supports two arguments: First, the sensualistic rites served as a form of compensation, especially significant for protestant Christians; second, the lodges protected 'occult' activities that were not accepted in the mainstream culture of bourgeois citizens in Germany before the First World War.

 

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