Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
15/2004/1: Bodies / Politics


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Editorial

 BODIES / POLITICS

 

Heidrun Zettelbauer

Imaginierte Körper. Geschlecht und Nation im deutschnational-völkischen Verein Südmark 1894-1918,ÖZG 15/2004/1, 9-35. [Abstract]

 

Angela Koch

Die Verletzung der Gemeinschaft. Zur Relation der Wort- und Ideengeschichte von "Vergewaltigung", ÖZG 15/2004/1, 37-56. [Abstract]

 

Barbara Baird

Disciplining the Aborting Woman: Social Work and Changing Discourses of Race, Class and Reproduction in 1950s Australia, ÖZG 15/2004/1, 57-74. [Abstract]

 

Ritva Nätkin

Women’s Agency in Finnish Population Policy 1941-1971: A Maternalist Policy, ÖZG 15/2004/1, 75-92. [Abstract]

 

Forum

 

Kirsty Robertson

"Sister Susie’s Sending Soap to Soldiers": Hygiene, Gender and Class Lines in First World War Britain, ÖZG 15/2004/1.

 

Jennifer Nelson

Feminist Utopia, Reproductive Technology, and Relationships of Difference in Contemporary American Feminism: A Readingof Octavia Butler’s Feminist Utopias, ÖZG 15/2004/1.

 

Rada Drezgic

From Social to National Issue: Abortion Debates in Serbiain the 1990s, ÖZG 15/2004/1.

 

Elke Krasny

Museum und Gender: ein schwieriges Verhältnis, ÖZG 15/2004/1.

 


 

Editorial, ÖZG 15/2004/1

 

editorial:

 

Bodies / Politics

 

Der Körper ist der Inbegriff des individuellen Selbst und gleichzeitig Schnittstelle zu dessen Umgebung, zur 'Außenwelt', zur Gesellschaft. Dass der Körper nicht ahistorische, immer gleichbleibende Natur ist, war Ausgangsthese und vielfach belegtes Resultat der Arbeiten, die das in den letzten Jahren etablierte und sehr rege Forschungsfeld 'Körpergeschichte' mitkonstituierten.1 Michel Foucault, der bereits in den 1970er Jahren eine erste Landkarte dieses Bereiches erstellte, auf die sich unzählige seither erschienene Arbeiten beziehen, hat festgestellt, dass sich die bürgerliche Moderne in Machttechnologien, die den Körper zum Ziel hatten, manifestierte sowie dass die Reinheit, Erhaltung und Leistungsfähigkeit des (bürgerlichen) Körpers Legitimation und Repräsentation des Anspruchs auf politische Macht war.2 Diese Perspektive erlaubt, die Verquickung zwischen der Formung, der Disziplinierung, der Regulierung individueller Körper und der Etablierung und Normierung von Gesellschaften in den Blick zu nehmen.

 

In unmittelbarem Zusammenhang mit normierenden und disziplinierenden Zugriffen stehen Klassifizierungen des menschlichen Körpers nach Kategorien wie 'Rasse' und Geschlecht, die die Wahrnehmung individueller Körper präformieren. Feministische Auseinandersetzungen mit den wirkmächtigen Konzepten körperlicher Geschlechterdifferenz haben die soziale Konstruiertheit eines biologisch definierten geschlechtlichen Körpers deutlich gemacht.3 Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass die gesellschaftlichen Formungen individueller Körper Geschlecht zugleich voraussetzen und herstellen. So wird auch in den Beiträgen der vorliegenden Nummer der ÖZG deutlich, dass Körperbilder immer einen geschlechtlichen Körper imaginieren.

 

Ebenfalls auf Michel Foucault geht der Hinweis zurück, dass vor allem in der menschlichen Generativität, in Fortpflanzung beziehungsweise Fortpflanzungsfähigkeit ein zentraler Ansatzpunkt disziplinierender Diskurse und Praktiken liegt, weil seit der Entwicklung der Theorie von der Vererbung eben darin die entscheidende Verbindung zwischen individuellem Verhalten und Gesellschaft gesehen wird. JedeR Einzelne hatte damit Verantwortung für das Schicksal der Gattung beziehungsweise des Kollektivs, gedacht als Nation, als Staat oder als Familie. Damit legitimierte das wie immer konzipierte Kollektiv auch die Kontrolle über die Sexualität, über die Körper der Einzelnen.4 Einige der in diesem Band der ÖZG versammelten Texte können auch als Kommentar zu dieser These gelesen werden.

 

Barbara Bairds Aufsatz führt in das Australien der 1950er Jahre. Die Autorin analysiert eine 1956 am Melbourne Royal Women’s Hospital durchgeführte sozialwissenschaftliche Studie über illegal durchgeführte Schwangerschaftsabbrüche bei weißen Frauen und deutet den sich darin abzeichnenden Wandel von der Kriminalisierung zur Medikalisierung der Abtreibung als Ausdruck eines Bevölkerungskonzeptes, das für einen neuen "Australian way of life" stand. Ebenfalls um Abtreibung kreist der Text von Rada Drezgic, der sich mit den Debatten um die gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs im Serbien der 1990er Jahre beschäftigt. Drezgic zeigt, wie Abtreibung zu einer negativen Metapher für ein sozialistisches Geschlechtermodell wurde, anhand der konzeptive Vorstellungen von Geschlecht und Nation beziehungsweise Individuum und Gesellschaft abgehandelt wurden. Der Aufsatz von Ritva Nätkin fragt nach den Wurzeln des Wohlfahrtsstaates im bevölkerungsarmen Finnland, in dem Frauen als Reproduzentinnen ebenso wie als Arbeitskräfte in der Produktion gebraucht wurden. Anhand von vier Sozialpolitikerinnen rekonstruiert Nätkin verschiedene Diskursstränge einer maternalistisch-nationalistischen Bevölkerungspolitik in den Jahren 1941 bis 1971. Einen anderen Aspekt des Generativen tangiert schließlich Jennifer Nelsons Auseinandersetzung mit US-amerikanischen Sciencefiction-Texten der 1970er Jahre, die zwar in eine andere Textgattung und Zeitdimension weisen, aber von Nelson dazu genutzt werden, gesellschaftliche Konzepte des US-Feminismus zu beschreiben.

 

Von einer ganz anderen Perspektive kommt das Verhältnis von 'Körper' und 'Politik' in den Blick, wenn die Körpermetaphorik politischer Diskurse thematisiert wird. Dies betrifft sowohl die Bezeichnungsformen spezifischer kommunaler Organisationsformen - etwa im Begriff der 'Körperschaft' - als auch Vorstellungen eines Gemeinwesens, eines Staates oder eines 'Volkes' als 'Körper', die - Ernst Kantorowicz5 folgend - auf die mittelalterliche Theorie von den zwei Körpern des Königs zurückgeführt werden können. Zwischen Konzepten des individuellen Körpers und dem metaphorischen Körper eines Gemeinwesens bestehen komplexe Verweisstrukturen, die es in je spezifischen historischen Kontexten zu analysieren gilt. So zeigt etwa Heidrun Zettelbauer, wie in deutschnationalen Diskursen um 1900 der weibliche Körper als ein die Grenze der Nation definierender 'Volks-Körper' wahrgenommen und funktionalisiert wurde. Angela Kochs Untersuchung zu Wort- und Ideengeschichte von Vergewaltigung macht deutlich, dass die damit angesprochenen Gewaltverhältnisse nicht ohne die explizite Thematisierung von Konzepten der nationalen Gemeinschaft analysiert werden können. Ihre These von der Ineinssetzung von Kollektiv und weiblichem Körper verdeutlicht Koch u. a. anhand Friedrich Schillers Drama Die Verschwörung des Fiesco zu Genua aus dem Jahre 1783. Kirsty Robertson zeigt mit einer Untersuchung von Anzeigen für Hygieneartikel in den populären Illustrated London News der Jahre 1915 und 1916, wie spezifische Hygienediskurse im Ersten Weltkrieg zugleich auf die individuellen Körper britischer Soldaten wie auch auf die Wiederherstellung Großbritanniens als spezifischen Gesellschaftskörper zielten.

 

Die Herausgeberinnen verbinden mit diesem Schwerpunktheft die Hoffnung, die Aufmerksamkeit der Leser und Leserinnen auch auf geographische Räume zu lenken, die in der österreichischen historiographischen Debatte häufig ausgeblendet oder zumindest marginalisiert werden. Vor allem aber verweisen die hier versammelten Beiträge aus unserer Sicht darauf, dass erst vor dem Hintergrund historisch spezifischer Diskurse über die individuellen Körper die politische Körpermetaphorik differenziert analysier- und interpretierbar wird, dass aber umgekehrt auch die disziplinierenden und normierenden Diskurse um den Körper nicht ohne ihre Bezüge zu Konzepten und Bildern jener politischen 'Körper', in denen sie situiert sind, untersucht werden können.

 

Johanna Gehmacher / Wien

Gabriella Hauch / Linz

Maria Mesner / Wien

 

 

Anmerkungen

 

1          Vgl. dazu beispielsweise die Literaturangaben in Maren Lorenz, Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte, Tübingen 2000.

2          Vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt am Main 1992 (11977) (= Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit, erster Band), 150 f.

3          Vgl. Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt am Main 1997.

4          Vgl. ebd., 21.

5              Vgl. Ernst Kantorowicz, The King’s Two Bodies. A Study in Mediaeval Political Theology. Princeton, NJ1957.

 

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Abstracts, ÖZG 15/2004/1, 148-149.

 

Heidrun Zettelbauer: Imagined Bodies. Gender and Nation in the Ethnic German-Nationalist Südmark Association 1894-1918, pp. 9-35.

 

Due to the conception of women as 'physical reproducers' of the imagined community called nation, the german-nationalist discourse around 1900 discussed the 'beauty', the 'otherness', the 'motherhood', the 'healthiness' and 'illness' of the female body. The aim of the german-nationalist conceptions of the female body was a dissociation from people of other nations as well as an exclusion of those social groups who were considered as posing a threat to the nation from within. Imaginations of female body served to establish a national and gendered division of labour and to invent a historical 'Germanic' tradition. The female body was functionalized as a metaphor for the "Volks-Körper", leading to its image of being the 'border of the nation'. German-nationalist body-conceptions rejected women’s efforts for political participation and authorized the oppression of self-determined behaviour of women. Female activists of the Südmark had to face these powerful images in nearly every sphere of life. However, german-nationalist female politicians and activists made use of the ambivalences of the national body conceptions to develop their own strategies of political behaviour.

 

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Angela Koch: Breaching the Community. On the Relation of the History of the Word and Idea of "Rape", pp. 37-56.

 

The German term "Vergewaltigung" (rape and violation) conflates women’s bodies and the communal body. Its use as a term for sexual violence constantly reproduces this relationship.

The etymology of "Vergewaltigung" shows that the word has always had the connotation of creating community through violence against others. The explicit sexual meaning arose only at the turn of the 19th to the 20th century. Thus, the history of the idea of rape/violation reveals that rape is not a violent deed which is directed against the sexual and personal rights of the woman or girl affected. Rather rape is considered as a crime against female reproductive functions which belong to society. Of special importance is that rape is only acknowledged as a criminal act when the culprit is an outsider, foreigner or stranger. This perception is exemplified by Schiller’s The Conspiracy of Fiesco at Genoa. In this tragedy, the raped woman is a metaphor for the violation of the raped bourgeois community. In German law, the term "Vergewaltigung" was installed at the same time that a change of the concept of rape to a crime against the personal liberty of women took place in 1973. Yet the notion of community still persists, as the example of the "Toros trial" in Bremenin 2001 demonstrates. In this case, the two rapists were proved not guilty, because the woman was convicted as a lesbian (her communal reproductivity being severely limited), an alcohol addict and a person who dared to speak openly about the harm being done to her.

 

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Barbara Baird: Disciplining the Aborting Woman: Social Work and Changing Discourses of Race, Class and Reproduction in 1950s Australia, pp. 57-74.

 

In this article Barbara Baird examines in detail a report on women suffering post-abortion complications who were admitted to a large public hospital in Australiain 1956. The 1950s were a period of massive population growth in Australia, fuelled significantly by migration, when the whiteness of an Anglo-dominated population and culture was put under stress by non-Anglo European migrants and by new discourses of racial assimilation. Examination of the report, written by a member of the hospital’s social work department, enables consideration of the place of women having abortions in the changing social and discursive environments of post-war Australia. Baird reads the report as an early sign of an increase in the surveillance and regulation of women having abortions in a period when reform of the criminal law relating to abortion was still a decade away. She argues that understanding the logic of the report depends on consideration of the racialised meanings of changing discourses of reproduction and femininity.

 

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Ritva Nätkin: Women’s Agency in Finnish Population Policy 1941-1971: A Maternalist Policy, pp. 75-92.

 

The article discusses the agency of four influential women in conjunction with Finnish population policies represented by the Population and Family Welfare Federation in Finland(founded 1941). The policies pursued by Rakel Jalas (1892-1955), a doctor of medicine and MP for the National Coalition Party, Elsa Enäjärvi-Haavio (1901-1951), academic researcher and activist, Martta Salmela-Järvinen (1892-1987), a writer, activist and MP for the Social Democratic Party, and Leena Valvanne (1920-) a midwife and trade union activist, can be characterized as maternalist. The Finnish Abortion Law (in 1971) is interpreted as an expression of the change of the era and the emphasis of the Finnish women’s movement.

 

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