Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
15/2004/2: Fakten Daten Diskurse


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Editorial 

FAKTEN DATEN DISKURSE

 

Götz Aly

Die Bekämpfung der Inflation in Griechenland und die Deportation der Juden von Saloniki, ÖZG 15/2004/2, 7-29. [Abstract]

 

Christof Parnreiter

Wie die Globalisierung Bauern und Arbeiter überflüssig macht. Mexiko 1980-2000, ÖZG 15/2004/2, 31-52. [Abstract]

 

Hermann Rauchenschwandtner

Verendungen und Aufbrüche des Subjekts. Die Ästhetik der Existenz, die historische Kontingenz des Selbst und die konservative Apologie einer neuen schönen Seele, ÖZG 15/2004/2, 53-70. [Abstract]

 

Alessandro Barberi

Diskursanalyse und Historiographie. Prolegomena zu einer Archäologie der Archäologie, ÖZG 15/2004/2, 71-87. [Abstract]

 

 

Forum

 

Jon Mathieu

Zwei Staaten, ein Gebirge: schweizerische und österreichische Alpenperzeption im Vergleich (18.-20. Jahrhundert), ÖZG 15/2004/2.

 

Anita Ziegerhofer- Prettenthaler

Von der nationalen zur globalisierten Zeitgeschichte?, ÖZG 15/2004/2.

 

Susan Zimmermann

Europas desintegrative Integration, ÖZG 15/2004/2.

 

Isabel Richter

Der Traum vom Leben in der Mitte. Machbarkeitsfantasien im 19. und 20. Jahrhundert, ÖZG 15/2004/2.

 


 

Editorial, ÖZG 15/2004/2

 

Fakten Daten Diskurse

 

Dieses Heft ist das typische Produkt redaktioneller Zwänge und doch auch mehr. Ein geplantes Themenheft verzögerte sich, was uns Gelegenheit bot, einige uns in den letzten Monaten angebotene und von uns geschätzte Texte endlich erscheinen zu lassen. So entstand ein 'offenes' Heft, das nicht, wie sonst üblich, einem einzigen Rahmenthema gewidmet ist. Exemplarisch dokumentiert es die Vielfältigkeit wenn nicht Unübersichtlichkeit in den Geschichtswissenschaften und ihren historischen Nachbardisziplinen. Die Spannweite reicht von der Recherche von Fakten und Daten im Paradigma einer vornehmlich politisch und ökonomisch interessierten Zeitgeschichte bis hin zur philosophischen Frage nach dem Subjekt im rezenten Diskurs und zu den ideen- und wissenschaftsgeschichtlichen Voraus-Setzungen der Foucaultschen Archäologie des Wissens - einem Gründungstext der Diskursanalyse.

 

Nicht nur die Themen sind in höchstem Maße verschieden, auch die Materialien, an denen sie abgehandelt werden, die Methoden, mit denen die Ergebnisse erarbeitet werden, und nicht zuletzt der Tonfall und die Begriffe, in denen hier gesprochen und geschrieben wird. Wer wie Götz Aly die Finanzierung der deutschen Wehrmacht und ihres Krieges in Griechenland aus der Beraubung der deportierten Juden von Saloniki untersucht, recherchiert in knapper, nüchterner Sprache Daten, Zahlen und Fakten aus den klassischen Archiven. Freilich steht auch er in einem spezialisierten Diskurs der Forschung, auf den er sich beziehen und demgegenüber er seine These rechtfertigen und verteidigen muss. Doch insgesamt trägt er seine Untersuchung im Duktus der kriminalistischen Beweisführung vor, die Fakten und Daten zu einem Puzzle zusammenfügt, das der These höchstmögliche Plausibilität verleiht. Wer wie Christof Parnreiter nach den Auswirkungen der jüngeren und jüngsten Globalisierungsprozesse auf die Bauern und Arbeiter in Mexiko fragt, sammelt wirtschaftsstatistische Daten und setzt ökonomische und politische Theorien ein, um die komplexen Zusammenhänge zu interpretieren. Wer hingegen nach den Denkvoraussetzungen der Geschichtswissenschaft fragt, etwa danach, welche Vorstellung sich liberale, konservative und links-nietzscheanische Philosophen neuerdings vom totgesagten Subjekt machen, oder wie die mittlerweile bekannt gewordene These, Geschichte sei, da Historiker über keinen Standpunkt außerhalb der Geschichte verfügen, nur als Diskursgeschichte zu betreiben, denkmöglich wurde, der untersucht geschichtstheoretische, philosophische oder psychoanalytische Texte auf inter- und intratextuelle Zusammenhänge.

 

In den Beiträgen von Hermann Rauchenschwandtner und Alessandro Barberi erhebt sich die Sprache in die Abstraktionen und analytischen Volten ihrer primären Texte, und eben dies bereitet einem Teil der Geschichtswissenschaftler/innen erhebliche Rezeptionsschwierigkeiten. Die diskursanalytischen Historiographien sprengen die Usancen der Geschichtswissenschaften nicht nur mit ihrer Sprache und ihren Begriffen, sondern auch indem sie einige Voraussetzungen der Geschichtswissenschaft - angesichts verbreiteter Theorieabstinenz auch provozierend - in Frage stellen. Hingegen sind die innovativen Historiographien des Fakten und Daten recherchierenden Typus leicht in die Geschichtswissenschaft zu integrieren, weil sie keine besonderen begrifflichen Schwierigkeiten erzeugen und den Lesegewohnheiten des Fachpublikums und sogar noch eines weiteren Publikums vollends entsprechen. Damit ist annähernd die Herausforderung umrissen, auch angesichts der sich offenbar immer noch ausdehnenden Spannweite im Gespräch zu bleiben, und sei es nur in der neugierigen Wahrnehmung der Bewohner/innen all der anderen Zimmer im eigenen Haus.

 

Freilich kann bestritten werden, dass noch von einer Disziplin, von einer Fach- oder Einzelwissenschaft zu reden ist. Die Herausgeber/innen dieser Zeitschrift vertreten die These von seit den 1920er Jahren immer deutlicher "polyparadigmatisch" (Albert Müller) gewordenen Geschichtswissenschaften. Um die Metapher vom Haus der Geschichte ein weiteres Mal zu verwenden: Es ist kein Miethaus mit vielen Zimmern und schon gar kein Einfamilienhaus, sondern ein belebtes Stadtviertel mit älterem, jüngerem und jüngstem Baubestand. Die Bewohner/innen all der verschieden großen Häuser bleiben bei ihrer Arbeit vorwiegend unter sich. Nur wenn sie ihre Häuser verlassen, um Feste und Versammlungen zu besuchen oder auch beim Einholen von neuem Material treffen sie ihre Nachbarn, reden miteinander, staunen oder entsetzen sich über die Differenzen, und wenn sie neugierig sind, beginnen sie ernsthaft zu diskutieren. Dieser Austausch geschieht programmatisch an dafür geeigneten kommunikativen Orten, an denen Qualitäts-Standards gelten, aber auch die Regel, dass Unterschiede sichtbar gemacht, aber kein Kriterium für den Ausschluss aus der Nachbarschaft werden sollen. Nach der Vorstellung ihrer Herausgeber/innen möchte die Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften ein solcher Ort sein.

 

Reinhard Sieder / Wien

 

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Abstracts, ÖZG 15/2004/2.

 

Götz Aly: Fighting inflation in Greece, and the deportation of the Jews of Saloniki, pp. 7-29.

 

Research on the linkage between financing the war and the deportation of Jews stands just at its beginnings. Götz Aly demonstrates how the German occupational administration in Greece, in 1942, started to fight Greek currency inflation, brought about by the Wehrmacht’s exorbitant monetary demands, by selling gold and other valuables belonging to Saloniki Jews. This operation met with some success. Arranged as it was with the Greek Ministry of Finance and the Bank of Greece, it was carried out highly secretly - only very few documentary traces were left. But they suffice to show that Hitler’s special commissioner for the economic and financial stabilization of Greece, the Viennese Hermann Neubacher, in order to fulfil his mission was accompanied by a special officer in the German Ministry of Foreign Affairs (Judenreferent). The fact that properties of Greek Jews were sold to non-Jewish Greeks, and the equivalent went to the Wehrmacht in form of paper money, the present Greek government seems to be more interested in covering up than bringing light into the operation.

 

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Christof Parnreiter: How globalization makes small and middle scale farmers and workers redundant (Mexico 1980-2000), pp. 31-52.

 

In this article I deal with processes of rural transformation, industrialization, and migration in Mexico since 1930. During the time of import substituting industrialization, the peasant sector was structurally disadvantaged vis-à-vis the urban, industrialized sector. Many of the small scale farmers found, however, job opportunities in manufacturing. On the other hand, globalization processes since the 1980s have substantially altered the situation. Ever more small and middle scale farmers and agrarian workers are made redundant in agriculture, because this sector is suffering from a tremendous crisis due to import penetration which results from free trade with the United States. Traditional manufacturing in Mexico City experiences similar problems. Export manufacturing, which is relatively capital-intensive, is generating only little value added, and that is why its capacity to create employment is minimal. As a consequence, many of the redundant-made workers are forced into migration.

 

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Hermann Rauchenschwandtner: Decline and decampment of the subject: Aesthetic of existence, historical contingency of the self and the conservative apology of a new, beautiful soul, pp. 53-70.

 

With regard to the manifold hopes and laments in relation to the end of the subject, the more positive analyses of its historical constitutions and the numerous polemics in the name of enlightenment, this article discusses recent debates about the subject. Three interweaving discourses are categorically exposed: a liberal creation of the self, Foucault’s aesthetic self-recreation and the return of a beautiful, platonic soul. The standard gauge is enlightenment: Is this upgrading of subjective faculties (liberal self-creation, self-possession and participation in an ideal beauty) a tolerable social concept, which not only accelerates a hedonistic movement, but promotes the faculties of the others? The weight of discourses distributes among a liberal project, which, however, wanted to overrule the metaphysical rests of a "true self", and the conservative claim, to banish a liberal nihilism in the name of a platonic soul.

 

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Alessandro Barberi: Discourse Analysis and Historiography: Prolegomena to an Archaeology of Archaeology, pp. 71-87.

 

Without mentioning the name of French philosopher Michel Foucault - and therefore following an anti-biographic perspective - this article tries to reveal some discursive layers of his "Archaeology of Knowledge". Especially the introduction to this masterpiece of modern historiography allows an in-depth discussion of the Annales School and Structuralism as archives of discourse analysis. In reference to - for example - Marc Bloch, Paul Veyne, Claude Lévi-Strauss or Jacques Lacan the intersecting lines of history and language in 20th century are sketched as an epistemological background of Foucault’s project. A project, which only partially was accepted by the mainstream of historians and hence did not loose its interdisciplinary complexity and its actuality since the publication in 1969. In this way - and as a contribution to historical media science - the necessity of circular historical analysis is pointed out.

 

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