Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
18/2007/1 - Historische Wirklichkeitskonstruktion und künstlerische Gestaltung im Museum


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Editorial

Historische Wirklichkeitskonstruktion und künstlerische Gestaltung im Museum

 

Roger Fayet

Das Vokabular der Dinge, ÖZG 18/2007/1, 7-31. [Abstract]

 

Christine Braunersreuther

Fremd im Museum. Formen der Präsentationen von Migrationsgeschichte und deren Folgen, ÖZG 18/2007/1, 32-61. [Abstract]

 

Bettina Habsburg-Lothringen

Was dem "bain des Risen" folgte. Ausstellungswirklichkeiten als Weltbilder, ÖZG 18/2007/1, 62-90. [Abstract]

 

Berit Schweska

Museale Wirklichkeitskonstruktion durch Stimmungsräume. Zur Wirkungsweise des historistischen Märkischen Museums in Berlin des Architekten Ludwig Hoffmann, ÖZG 18/2007/1, 91-114. [Abstract]

 

Christian Fleck

Thematisierung der Wissenschaftsemigration, ÖZG 18/2007/1, 115-133. [Abstract]

 

 Forum

 

Heidrun Zettelbauer

Das Begehren nach musealer Repräsentation. Geschlecht und Identität in musealen Inszenierungen zum 'Gedankenjahr' 2005, ÖZG 18/2007/1, 137-153.

 

Ruth Ammann

Zeiten des Umbruchs. Die ersten Schweizerischen Geschichtstage in Bern, ÖZG 18/2007/1, 154-164.

 


 

Editorial, ÖZG 18/2007/1, 5-6

 

Das vorliegende Heft beschäftigt sich mit der quasi immerwährenden Diskussion von KuratorInnen, KustorInnen, AusstellungsgestalterInnen, VermittlerInnen und nicht zuletzt einer medialen Öffentlichkeit über Formen der Präsentation von musealen Objekten und führt sie aus vier Blickwinkeln betrachtet weiter. Roger Fayet hinterfragt in seinem Beitrag Das Vokabular der Dinge in durchaus selbstkritischer Sicht die Rolle des/r Kurators/in. Ausgehend von der Prämisse, dass das Phänomen Ausstellung heute gemeinhin als ein Medium gilt, in dem ein/e AbsenderIn (der/die KuratorIn) an eine/n EmpfängerIn (den/die BesucherIn) bestimmte Botschaften übermittelt, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie denn diese Übermittlung möglich ist, wenn die Information primär durch nicht-sprachliche Einheiten - die "Originalobjekte" - übertragen werden soll. Eine zentrale Rolle spielt, so Fayet, die Auswahl der Objekte und ihre Anordnung im Raum. Dieses Verfahren beruht unmittelbar auf dem Wesen des Museums als eines ausgedehnten Ortes, den die BesucherInnen durchschreiten, um Dingen einen Sinn abzugewinnen. Die aus der Objektanordnung hervorgehenden Botschaften werden in ihrer Deutlichkeit verstärkt durch sekundäre Museumsdinge wie Modelle oder Rekonstruktionen sowie durch sprachliche "Wegleitungen". Bei allem vom/von der KuratorIn betriebenen Kommunikationsaufwand bleibt das Medium Ausstellung aber vergleichsweise offen: Die Rezeption einer Ausstellungssituation ist durch einen hohen Grad an Selbständigkeit und Selektion geprägt. Entsprechend groß, so die abschließende These von Roger Fayet, ist die Differenz zwischen dem, was der/die AusstellerIn mitteilen möchte, und dem, was von den BesuchernInnen verstanden wird. Christine Braunersreuther diskutiert in Fremd im Museum die "Formen der Präsentationen von Migrationsgeschichte und deren Folgen". Migration, so zitiert Braunersreuther nach diversen Lexika-Einträgen, bezeichnet qua wörtlicher Definition nichts anderes als einen Prozess des Wanderns. Für die Menschen, die den Akt der Migration bestreiten oder hinter sich haben, ist es jedoch vor allen Dingen ein emotionaler Prozess. Jean Baudrillard hat die Schwierigkeit, Erfahrungen wie diese zu dokumentieren, mit den Worten beschrieben: "Das Wissen über ein Ereignis ist nur die reduzierte Form eines Ereignisses". Seine Feststellung kommt für Migrations- Ausstellungen doppelt zum Tragen: Zum einen durch die starke individuelle Prägung von Migrationsgeschichte(n), die sich nur bedingt in einer linearen Migrationsgeschichte darstellen lassen. Zum anderen durch den geringen Dingbezug des Migrationsprozesses, der ihn im musealen Kontext, der in der Regel Objekte voraussetzt, nur schwer präsentierbar macht. Wie also könnte ein Migrationsmuseum aussehen, das sich zum Ziel setzt, Migration in ihrer Geschichte und ihrer aktuellen Realität zu präsentieren? In bisherigen Ausstellungen mit diesem Themenschwerpunkt Migration wurde - bewusst oder unbewusst - häufig auf Klischees und Stereotypen zurückgegriffen, insbesondere was das Fremd-Sein und die Beschreibung des Fremden betrifft. Bettina Habsburg-Lothringen thematisiert in ihrem Beitrag Was dem "bain des Risen" folgte. Ausstellungswirklichkeiten als Weltbilder das historische und gegenwärtige Verhältnis von Museum/Ausstellung und Wirklichkeit: die Vorstellung einer mikroskopischen Versicherung des Makrokosmos in den frühen Kunst- und Wunderkammern, die neuzeitliche Idee einer überblickbaren Wirklichkeit in der etikettenbestückten Übersichtlichkeit weiträumiger Museumssäle, das heutige Verständnis von Museen als Orten der Wirklichkeitskonstruktion und Ausstellungen als flexiblen Möglichkeitsräumen. Besonders interessiert die Tendenz, die wirklichkeitsgenerierende Macht der Institution Museen, das Museum als Spiegel von Repräsentation wissenschaftsgeschichtlicher Entwicklungen sowie gedachter Weltordnungen und Denksystemen, in Ausstellungen zum Thema zu erheben. Berit Schweskas Beitrag Museale Wirklichkeitskonstruktion durch Stimmungsräume widmet sich den historistischen Stimmungsräumen des Märkischen Museums in Berlin. Nach einem historischen Einstieg (Berlin zur Jahrhundertwende) in Bezug zu Ausschreibung, Planung und Bau des Neubaus des Berliner Stadtmuseums, des Märkischen Museums, durch den Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, thematisiert Schweska die Gesamtkonzeption als sogenanntes Stimmungsmuseum in engem Zusammenklang von Architektur und Sammlung sowie dessen Innenarchitektur und "Erfahrungsstruktur". Darauf aufbauend stellt sie abschließend ihre eigenen künstlerischen Standpunkte zur Diskussion und vergleicht von ihr in künstlerischen Arbeiten gestaltete Stimmungsräume mit dem Konzept des Märkischen Museums.

 

Christine Braunersreuther (Graz)

Karl Stocker (Graz)

 

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Abstracts, ÖZG 18/2007/1, 134-136

 

Roger Fayet: The vocabulary of things, pp. 7-31

 

The capability of things to refer to a reality beyond themselves is given to all objects which come into the sphere of human perception. However, once an object has gone through the process of becoming a museum piece, its character as a sign is entirely its own. Based on this ascertainment, the analysis of conveying meaning to museum objects often happens through the formation of analogies to the medium of language. But, in light of Saussure’s language theory, the difference between objects which function as signs and linguistic signs becomes clearly apparent. The most essential difference in this respect is that the linguistic sign connects a signifier to a signified, while the object in its concrete form always shows several signifiers. Therefore, with a thing, several significant elements accumulate to a conglomeration of signs. The one who communicates in the medium of objects sees himself therefore confronted with the difficulty of not knowing with certainty to which signs the receiver will react and consequently has to do a lot of work to make sure that his intended signs come to the attention of the receiver. The primary methods used to explain meaning are the choice of objects and their arrangement in a room for they form the basis of the essential purpose of the museum as being a spacious place where visitors can pass through in order to see a sense in the objects. These methods are supplemented by the use of secondary museum pieces such as models, replicas, reconstructions or depictions. However, since many facts can only be clearly expressed in the medium of language, it is almost always necessary to use a linguistic addition in order to clearly define the contents which should be conveyed by the things chosen. The very necessity of this can be rated as further evidence for the fundamental difference between the linguistic sign and the sign which is expressed by an object.

 

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Christine Braunersreuther: Being alien in a museum. Different ways of presenting migration-history and their consequences, pp. 32-61

 

The need to (re)present migration-history in museums and exhibitions is now, after a long period of ignoring this phenomen and its historical and social impact, widely accepted in most central European countries. Migration as a subject entered the artistic scene a long time ago and now slowly finds its way into the Museums of History. In some countries ideas for Migration-Museums grow or have already been developed into precise concepts. But the question how migration should be presented is controversially disputed within curators and academics. One reason for this may be migration- history itself, as it is rather elusory because of always being in motion - in many respects: First of all, migration is not a historical phenomen, migration processes are still happening. Second, migration is defined as movement, forced to change place by definition, and that’s why it is not easy to catch. On top of this, migration-processes are mostly affected by emotion. Baudrillard described the inconvenience with the documentation of experiences like those as follows: "The knowledge of an occasion is just the reduced form of an occasion." (Baudrillard, Strategien) Based on a museological picture of the change-processes like discontextualisation and alienation, which happen to things on their way into a museum or an exhibition, the article reflects possibilities and strategies of the presentation of migration and its history. The review of exhibitions which have already been presented does not only analyse the objectbased content, but also the role of the museum as an institution in society.

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Bettina Habsburg-Lothringen: Exhibition Realities as World Pictures, pp. 62-90

 

The present contribution is devoted to the question of the relation between historical and contemporary museum exhibitions and the realities to which they refer, and the understanding and visible expression of this relation: the notion of a microscopic assurance of the macrocosm in the early chambers of art and wonders, the modern idea of a representable and surveyable reality in the clarity provided by labels of spacious museum halls, doubt in the possibility of comprehensive documentation and reproduction and the consequences of this insight up to the present. Particular attention is paid to the correspondence between the models of exhibiting outlined in series and the changing systems of thought as well as the connection between (further) developing presentation concepts and an understanding of science and the museum as well as the self-conception of the responsible collectors, researchers and custodians in the course of the last centuries.

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Berit Schweska: Museum constructions of reality due to Stimmungsräume, pp. 91-114

 

The notion of Stimmungsraum is firmly established in the field of art as well as in the one of museum`s science. This was already the case before the discussions of scenographic stage forms and immersion in the field of exhibition design started. Nevertheless there are in its different disciplines major differences in dealing with the creation of a Stimmungsraum as well as in its effects. In this article, the artist Berit Schweska, who often creates her art pieces as emotionally impressive places, takes over a historical idea and compares it to the idea of an immersive construct. The theme of her historical analysis is the Märkische Museum in Berlin. In a short introduction the article describes the design method of the architect and planning department surveyor Ludwig Hoffmann. Between 1898 and 1904 he conceived the Märkische Museum on his own. Its main focus will be the overall plan of the so called Stimmungsmuseum, a museum having a close connection between its architecture and collection. Following this line, the focus lays also on the museums interior design and "Erfahrungsstruktur", built upon a labyrinth structured museum tour, and its effect. This is followed by the self-analyses of the architect and his didactical approach as well as by voices of the time. Images and thoughts to younger pieces of work of Berit Schweska will show that the artists Stimmungsräume do not have a lot in common with the ones of Ludwig Hoffmann, especially in terms of his historical and historicist approach. Far away from a collection of history loaded objects in pseudo-historical rooms, she is dealing with emotionally loaded places without any allusion and specific time references.

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Christian Fleck: Approaching the intellectual emigration, pp. 115-133

 

The paper tries to systematize the literature about intellectuals, scholars, and scientists who were forced out of their native countries by the Nazi in the 1930s. By using a two dimensional analytic scheme the paper distinguishes on the subject dimension between contributions focusing on individuals, small groups, scientific disciplines, and ethno-religious communities, or collectives defined by their nation-state. The second dimensions differentiate between several aggregates, ranging from "ego", "she/he", "we", "ours", "they", "and (they) all" The author demonstrates that the publications did not show a trajectory of progress.

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