Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
18/2007/4: Zyklische Zeit


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Editorial

Zyklische Zeit

 

Eva Kernbauer
Time goes by ... so slowly: Zyklische Zeitmodelle zu Beginn der Kunstgeschichte, ÖZG 18/2007/4, 8-38. [Abstract]

 

Werner Reichmann
"Die Gezeiten der Wirtschaft". Institutionalisierung und Methoden der Beobachtung wirtschaftlicher Zyklen in Österreich bis 1945, ÖZG 18/2007/4, 39-58. [Abstract]

 

Markus Schweiger
Wie viel Qualität braucht die Quantität? Zur Erstellung der WIFO-Konjunkturprognose und der Bedeutung von ökonometrischen Modellen, Annahmen, Interpretationen und Diskussionsprozessen, ÖZG 18/2007/4, 59-79. [Abstract]

 

Julia Casutt-Schneeberger
Der Einfluss des Konjunkturzyklus auf die Streikaktivität in Deutschland, Österreich und der Schweiz von 1901 bis 2004, ÖZG 18/2007/4, 80-100. [Abstract]

 

Karl H. Müller
Fluktuationen in der Geschichte: Ein kurzer Abschied von den langen Wellen, ÖZG 18/2007/4, 101-127. [Abstract]

 

Johanna Gehmacher
"Ein kollektiver Erziehungsroman" - Österreichische Identitätspolitik und die Lehren der Geschichte, ÖZG 18/2007/4, 128-157. [Abstract]

 


 

Editorial, ÖZG 18/2007/4, 5-7

 

In den im April 1930 abgeschlossenen Philosophischen Betrachtungen macht Ludwig Wittgenstein folgenden Eintrag: "Es ist klar daß wir im Stande sind Zeiträume als  gleich zu erkennen. Ich könnte mir z. B. die Vorgänge im Gesichtsraum begleitet  denken vom Ticken eines Metronoms oder vom Aufblitzen eines Lichts in gleichen Zeitabständen." Wittgenstein plädiert hier nicht nur dafür, "Zeit" als etwas Messbares anzusehen, sondern auch dafür, Zeiträume, Zeitabschnitte vergleichend und vergleichbar zu halten. Historiker weichen davon, wozu Wittgenstein sich im Stande sah, gewöhnlich ab. Sie behandeln Zeiträume - oder allgemein Zeit - nicht als gleich, sondern versehen sie mit Semantiken, mit unterschiedlichen Gewichten. Am Beginn der Geschichtsschreibung stand jedoch durchaus jene metronomartige Gelassenheit der Beschreibung von Handlungen und Geschehnissen im Zeitverlauf. Die sogenannten Frühlings- und Herbstannalen beschrieben über Jahrhunderte (722-481 v. u. Z.) hinweg in vollkommener zeitlicher Regelmäßigkeit den Verlauf von Geschehnissen in der chinesischen Gesellschaft. In diesem Punkt unterscheiden sie sich in erheblichem Maß von der europäischen, mittelalterlichen Tradition der Annalistik, die keineswegs einem Prinzip zeitlicher Regelmäßigkeit folgte, sondern lediglich "bedeutsame" Ereignisse (kriegerische Auseinandersetzungen, Herrscherwechsel, Naturereignisse usf.) aufzeichnete. Sie überliefern keine Informationen "Jahr für Jahr", sondern - in unterschiedlichen zeitlichen Abständen - anlassbezogen "Bedeutsames". So wie die frühe europäische Geschichtsschreibung agiert auch die moderne Geschichtswissenschaft. Sie beschäftigt sich mit (wie auch immer konstruierbar) Relevantem, nicht mit einer einem Prinzip der Gleichmäßigkeit folgenden Beschreibung von Ereignissen im Zeitverlauf. Während eine naheliegende Beschreibung der Geographie als zuständig für den (irdischen) "Raum" durchaus zutreffend sein mag, so wäre die ebenso naheliegende Beschreibung der Geschichtswissenschaften als zuständig für die "Zeit" empirisch sicher falsch.

 

Man kann Zeit nicht nur als physikalische Größe, sondern auch als eine - mit aller Vorsicht - "anthropologische Konstante" ansehen. Sie organisiert gleichsam das menschliche Leben durch Ereignisse (z. B. Geburt und Tod), durch Zyklen (Unterschiede der Licht- und Temperaturverhältnisse bei Tag und Nacht, Unterschiede der Temperatur und Witterungsverhältnisse im Jahresverlauf in äquatorfernen Regionen) und durch pfadabhängige Prozesse (weil Zustand(t-1), deshalb Zustand(t)). Diese Organisationsprinzipien sind durchgängig beobachtbar, und zwar nicht nur in unterschiedlichen Kulturen, auch wenn unterschiedliche kulturelle Praktiken ihnen Rechnung tragen, sondern auch für weitere "lebende Systeme" im Sinne von Maturana und Varela. Wir können - unter diesem Gesichtspunkt - von "natürlichen " Organisationsprinzipien sprechen. Eine Beschränkung der Zeiterfahrung auf den Menschen, wie G. J. Whitrow dies vorschlägt, ist daher wahrscheinlich zu kurz gegriffen. Whitrow meint, Tiere lebten nur in der Gegenwart.

 

Auch die Geschichtswissenschaften orientieren sich an diesen "natürlichen" Organisationsprinzipien. Auch sie behandeln:

* Zeitpunkt, als Ereignis, als Ursprung, als Endpunkt usf., (mit dem Problem des Zeitpunktes beschäftigte sich ÖZG 1999/3);

* Zeitpfeil, als gerichtete Zeit mit entropischen Prozessen, als pfadabhängiger, in der Zeit verlaufender Prozess (damit beschäftigte sich ÖZG 2002/3);

* Zyklische Zeit, im Hinblick auf das im großen wie im kleinen Maßstab Wiederkehrende (damit beschäftigt sich das vorliegende Heft).

 

Zusätzlich fügen sie eine ausschließlich kulturelle Dimension hinzu: sie behandeln

* Zeiträume als Epochen und Zeit als "Dauer" (damit könnten sich weitere Ausgaben dieser Zeitschrift beschäftigen).

 

Die Rede von der "ewigen Wiederkehr des Gleichen" (Nietzsche) regte - wohl ebenso wie Alltagserfahrungen - das Geschichtsdenken, die Konzeptionen der Geschichtswissenschaften an. Die empirische Einlösung erfolgte zuerst im Rahmen jener Wirtschaftsgeschichte, die sich von der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sich formierenden und stark anwachsenden Konjunkturforschung inspirieren ließ. Tatsächlich ließen sich unterschiedlich ausgedehnte Konjunkturzyklen (nach Kuznet, Kitchin, Juglar, Kontratjew) historisch-empirisch beschreiben, und es entstand auf diesem Weg eine allerdings begrenzte Möglichkeit, aus historischen und jeweils gegenwärtigen Daten für die Zukunft zu extrapolieren und Prognosen anzustellen.

 

Auf der Makro-Ebene einer allgemeinen Menschheits- bzw. Weltgeschichte war es vor allem Oswald Spengler, der in Der Untergang des Abendlandes so etwas wie eine Zyklen-Theorie der Kulturen entwarf. Spengler, der in den "zünftigen" Geschichtswissenschaften nie besonders geschätzt wurde, jedoch eine erhebliche Breitenwirkung entfaltete (Wittgenstein etwa meinte bekanntlich in den Vermischten Bemerkungen, Spengler habe ihn beeinflusst), arbeitet mit typischen Zyklenbildern und Zyklenmetaphern: Frühling, Sommer, Herbst und Winter einer Kultur, etwa oder Vorzeit, Kulturzeit und Zivilisation, wobei die Phase der Zivilisation jene vor dem "Untergang" einer Kultur darstellt.

 

Im Jahr 1929 notiert Wittgenstein: "Man kann natürlich sagen: ich sehe nicht die Vergangenheit sondern nur ein B i l d der Vergangenheit." Tatsächlich gilt dies nicht nur für den Erinnernden oder für die Rezipienten von Historiographie, sondern auch für die Geschichtswissenschaften selbst. Es bleibt ein andauerndes Thema, dass Historikerinnen und Historiker das Bild der Vergangenheit nicht bloß "sehen", sondern zeichnen oder konstruieren und dass sie dabei Zeit prozessieren. Theodor Lessing hat unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges bereits nachdrücklich auf die Konstruktionsleistung von Historikern hingewiesen: "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" und "Logificatio post eventum", sind hier die beiden Schlagworte. Dies gilt auch dann, wenn sich die Geschichtswissenschaften ihres typischen Mix an empirischen Verfahren bedienen.

 

Dieses Heft der ÖZG versucht, in durchaus unterschiedlicher Weise der Frage nach den Vorstellungen von zyklischer Zeit nachzugehen. Eva Kernbauer untersucht die Zyklen-Metaphern in der Auseinandersetzung um Kunst und Kunstgeschichte vor allem im 18. Jahrhundert. Julia Casutt-Schneeberger untersucht Streiks in drei Ländern im Lichte der ökonomischen Konjunkturzyklen. Mit der Geschichte der Erforschung der ökonomischen Konjunkturen in Österreich beschäftigt sich Werner Reichmann, Markus Schweiger untersucht - angelehnt an den Ansatz der Laborstudien - in einer Fallstudie den Modus der Erstellung von Konjunkturprognosen. Karl H. Müller plädiert dagegen für eine Wende in der Untersuchung langer, mittlerer und kurzer Konjunkturzyklen mit Hilfe neuerer Varianten des Netzwerkparadigmas. Johanna Gehmacher schließlich greift ein in dieser Zeitschrift immer wieder behandeltes Thema unter neuen Gesichtspunkten auf: das Problem der österreichischen Identität.

 

Albert Müller (Wien)

 

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Abstracts, ÖZG 18/2007/4, 157-159

 

Eva Kernbauer: Time goes by ... so slowly. Cyclical Models of Time at the Beginning of Art History, pp. 8-38

 

The article studies models of time and history in the historiography of art and culture since the 16th century on the basis of theoretical comments made by a large number of authors from the 17th and 18th century in particular. Here special attention is paid to cyclical models of time - in the sense of rise and decline. Whereas Vasari still worked along a model of progress, his thought is also informed by the concern that the perfection attained could be followed by decline. In the 17th century the progression model was replaced by various cyclical models which seemed better able to do justice to the developments observed in art and culture. Only with the invention of the museum did time appear to have been brought to a stillstand.

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Werner Reichmann: "The Seasons of the Economy". Institutionalization and Methods of Observing Business Cycles in Austria up to 1945, pp. 39-58

 

The article address to related themes: the establishment of business cycle research in interwar Austria and the general development of methods for studying business cycles in the 20th century. The author offers an account of the history of the business cycle research and the founding of the Austrian Institute for Business Cycle Research. Here the role played by Ludwig von Mises and Friedrich A. von Hayek is highlighted and the importance of Hayek who was the first director of the Institute of Business Cycle Research. After Hayek accepted an offer from the London School of Economics in 1931, Oskar Morgenstern became head of the institute. In 1938 he accepted an invitation to Princeton. After the annexation of Austria to Nazi Germany in 1938 the institute became a division of the German Institute for Business Research.

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Markus Schweiger: How much Quality does Quantity Need? The Compilation of the WIFO business cycle forecast and the importance of econometric models, assumptions, interpretations, and discussion processes, pp. 59-79

 

The article deals with the compilation of annual business and business cycle forecasts at the Austrian Institute for Business Research (WIFO). WIFO regularly gathers and generates data that are used as variables in an econometric model on the basis of which the predicted growth rate of the Austrian economy can be specified in percentiles of the gross domestic product. The compilation of a business forecast not only has a quantitative component but also a qualitative one. The article studies the qualitative component on the basis of extensive expert interviews, allowing the dimension of tacit knowledge to be reconstructed on the basis of process of negotiation. The qualitative aspects of business forecaste appear to be technical and social necessities.

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Julia Cassutt-Schneeberger: The Influence of Business Cycles on Strike Activity in Austria, Germany, and Switzerland 1901-2004, pp. 80-100

 

Labour disputes might serve as indicators of socio-economic development, because strike measures such as frequency or days not worked reflect not only the overall economic and political conditions, but inform also about ongoing conflicts in the relationship between capital and labour. The availability of comparable and well documented data on strikes suggests the use of a quantitative approach to these issues. There is a body of literature analysing the strike history of German speaking countries. However, these studies are largely of qualitative nature or restricted to particular economies. The contribution of this paper is the analysis of labour conflicts from a cross-country perspective, concentrating on the strike history of Austria, Germany, and Switzerland from 1901-2004. The method utilised in this paper is spectral analysis. This approach allows to examine the cyclical structure of the strike series as well as its interrelationship with the business cycle in the countries under consideration. The main findings are that most of the fluctuation in strike activity is dominated by short cycles of 3-5 years, particularly in the second half of the last century. In addition, there is evidence that the 3-5 years business cycles had an impact on strike activity at least in Germany and Austria for the extraordinary growth period until the 1970s.

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Karl H. Müller: Fluctuations in History. A Short Departure from the Long Waves, pp. 101-127

 

The article reconstructs the important influence of cycle theories on the explanation of processes in business and society after Kondratieff and Schumpeter. So-called long waves are discussed on the basis of five major innovations with network character in the realm of infrastructure (railways, electrification, roads, airports, Internet). Here the author claims that various networks do not just inform each other but also that it is necessary to take a look at the connections of large, medium-sized and small innovations. For this task the perspective of long waves is not sufficient and it is thus unsuitable. Instead the article backs an alternative perspective, namely one that is based on fluctuation and networks.

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Johanna Gehmacher: "A Collective Educational Novel" - Austrian Identity Policy and The Lessons of History, pp. 128-156

 

Johanna Gehmacher uses publications that have appeared on the occasion of the anniversary of the Republic since 1965 along with other sources to draw the image of Austria’s constantly changing identity policy. She bases her observations on Renata Saslecl’s theory of the fantasmatic roots of social identity discourses and the fact these are not definitive, but continuous and ongoing. Her focus is on the question of the different interpretations over the course of time and within the political spectrum. Gehmacher conforms with Felix Kreissler’s theory of Austria’s development as a collective educational nation. In light of very recent developments she argues that the very concept of identity must be called into question.

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