Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
20/2009/1: Fortschritt


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Editorial

Fortschritt

 

David Mayer

Lokomotive Zwei Neun Drei - Marxismus, Historiographie und Fortschrittsparadigma, ÖZG 20/2009/1, 13-41. [Abstract]

 

Volker Barth

Mikrogeschichte eines Weltereignisses. Semantische Strukturen und das Problem der Wahrnehmung auf der Pariser Weltausstellung von 1867, ÖZG 20/2009/1, 42-65. [Abstract]

 

Christine Resch / Heinz Steinert

Der Fortschritt der Kritischen Theorie, ÖZG 20/2009/1, 66-93. [Abstract]

 

Sándor Békési

Heimatschutz und Großstadt. Zu Tradition und Moderne in Wien um 1900, ÖZG 20/2009/1, 94-130. [Abstract]

 

Stephan M. Fischer

Geschichte als Theorie der Gelegenheiten oder der Simulationsnexus geschichtswissenschaftlicher Erklärungen, ÖZG 20/2009/1, 131-157. [Abstract]

 

Philipp Genschel / Henning Deters

Mehr Globalisierung, weniger Wohlfahrtsstaat?, ÖZG 20/2009/1, 158-180. [Abstract]

 

Gespräch

 

"Das ist wie ein künstlerischer Arbeitsprozess". Ein Gespräch mit Ulrich Raulff über die Geschichte von Ideen, geführt von Mario Wimmer, ÖZG 20/2009/1, 181-194.

 

Forum

 

Christian Dayé

Spielarten der Fortschrittsidee in der "jungen" Anthropologie. Überlegungen zu Bernd Weilers Die Ordnung des Fortschritts, ÖZG 20/2009/1, 195-208.

 

 

Verzeichnis aller Artikel des 19. Jahrgangs (2008), ÖZG 20/2009/1, 209-210.

 


 

Editorial, ÖZG 20/2009/1, 5-12.

 

Fortschritt

 

Wenn es stimmt, dass Macht und Wissen einander nicht äußerlich, sondern ineinander verwoben sind, wie Foucault1 sagte, und der Glaube an den Fortschritt mit der Aufklärung an die Stelle des Gottglaubens getreten ist, um dem "religiös entleerten Ablauf des Menschheitsschicksals einen diesseitigen und dennoch objektiven 'Sinn' zu verleihen" - wie Max Weber2 schrieb, dann wird verstehbar, warum seither so gut wie alle Wissens-Diskurse von Fortschritt reden. Aber auch, dass sie ihre eigene Rede in Zweifel ziehen müssen.

 

Schon Zeitgenossen der Aufklärung haben die grundlegenden Veränderungen in ihrer Zeit keineswegs einhellig als Fortschritt interpretiert. Es sei nur an Rousseaus Zivilisationskritik oder an Herders Skepsis gegenüber Utilitarismus und Materialismus oder an Mary Wollstonecrafts A Vindication of the Rights of Women  erinnert. Auch die literarische Romantik kann als Kritik am kapitalistischen Fortschritt gelesen werden. In Deutschland verfasste Hegel eine Geschichtsphilosophie, nach der Vernunft den Fortschritt hervorbringe. Marx hingegen mühte sich um den Nachweis, dass kapitalistische Gesellschaften nur durch Klassenkampf vorangetrieben würden und zu überwinden seien.

 

Jede Gesellschaft und jede Gesellschaftsepoche erzeugen - folgen wir wieder Foucault - ihre eigene Ordnung des Fortschritts-Diskurses. Sie bevorzugen bestimmte Techniken und Verfahren, die Wahrheit zu finden und zu dekretieren und unterdrücken andere oder schließen sie als unwahr oder unvernünftig aus. Gefährliche Wucherungen der Rede sollen eingedämmt und bestimmte Parameter für Fortschritt durchgesetzt werden.

 

Der vorliegende Band untersucht Fortschritts-Diskurse in westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaften des 19. und des 20. Jahrhunderts. Wissenschaften sind Institutionen einer hoch regulierten und spezialisierten Rede, an der Politik und Öffentlichkeit vor allem eines interessiert: Kann sie die Wahrheit des Fortschritts behaupten und durchsetzen? Kann sie Fortschritt ermöglichen oder antreiben? Dies versprechend, haben auch die Geschichts- und Sozialwissenschaften enorm expandiert.

 

Die Beiträge des Bandes untersuchen - in historisch aufsteigender Reihe - eine geradezu fortschrittstrunkene junge Anthropologie in der Mitte des 19. Jahrhunderts (Christian Dayé), die Pariser Weltausstellung im Jahr 1867 als beispiellose Inszenierung kapitalistischen Fortschritts (Volker Barth), die Geschichte des Marxismus als Theorie gesellschaftlichen Fortschritts (David Mayer), die Bewegung des Heimatschutzes im frühen 20. Jahrhundert, die Fortschritt ermöglichen, aber Zerstörung verhindern wollte (Sándor Békési); die Kritische Theorie und ihre dialektische Konzeption von Fortschritt (Christine Resch und Heinz Steinert), Simulationsmodelle für historische Veränderung (Stephan M. Fischer) sowie politikwissenschaftliche Theorien zur wirtschaftlichen Globalisierung (Philipp Genschel und Henning Deters). Immer also ist Fortschritt Objekt oder Konstrukt des untersuchten Diskurses. Bei aller Unterschiedlichkeit ist den Beiträgen gemeinsam, nicht in den alten historistischen Fehler zu verfallen, den Diskurs für eine mehr oder minder zutreffende Repräsentation  der Wirklichkeit zu halten. Sie gehen vielmehr davon aus, dass der Diskurs selber Wirklichkeit konstituiert.  Sie folgen also (implizit oder explizit) Foucaults These, dass Wissens-Diskurse bestimmte Wissens- und Macht-Ordnungen affirmieren, kritisieren oder transzendieren.

 

Wissenschaften erzeugen aber - wieder mit Foucault gesprochen - nicht nur Wahrheit, sondern auch Wahrheitseffekte für die in verschiedener Weise Betroffenen. Das historische Material wird deshalb auch daraufhin untersucht, wie Wahrheit gesellschaftlich wirksam wird, und auch, ob der Zuwachs an Wissen und Technologie umgehend in effizientere Herrschaft verwandelt wird. Dass derartige Untersuchungen nie frei von ethischen Haltungen sind, versteht sich beinahe von selbst. Man lese nur die Schlusspassagen bei Christine Resch und Heinz Steinert oder bei David Mayer. Der theoretisch-analytische Akt geht eben nicht in einer "neutralen, 'objektiven' Beschreibung auf. Vielmehr ist er selbst immer schon [...] eine gesellschaftliche Praxis."3

 

Das 19. Jahrhundert gilt gemeinhin als eines des weitgehend unbefragten Fortschrittsglaubens. Doch ist es auch das Jahrhundert, in dem Marx, Engels und andere Theoretiker nachzuweisen versuchten, dass gesellschaftlicher Fortschritt im Kapitalismus nur durch Klassenkämpfe zu erobern sei. Jede marxistisch inspirierte Geschichtswissenschaft nimmt seither an, Fortschritt sei das generalisierbare Produkt von Geschichte. Das in den letzten Jahrzehnten zu beobachtende Erkalten der politischen Leidenschaften um marxistische Theorie möchte der junge Wissenschaftshistoriker David Mayer nutzen, um diese Theorie konsequent zu historisieren. Erstens könne nun ihre Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte genauer rekonstruiert werden. Zweitens sei mitten in der aktuellen Krise des weltweiten (Finanz-)Kapitalismus die Frage zu stellen, ob die marxistische Konzeption von Fortschritt durch Historisierung und Kontextualisierung gewinnbringend zu differenzieren wäre. Mayer liefert eine Skizze der Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des Marxismus von erstaunlicher Dichte. Er fördert eine Mehrzahl von Marxismen und marxistisch inspirierten Geschichtsdebatten zu Tage. Den "pluralen Marxismus" rekonstruiert er als eine intellektuelle Praxis, in der sich der akademische Diskurs mit Politik, Aktivismus und Ideologie "kreuzten". Für das 20. Jahrhundert lasse sich nachweisen, dass marxistisches Denken zu einer vergleichenden Globalgeschichte beigetragen habe. Transnationale Perspektiven seien von Marxisten schon eingenommen worden, lange bevor Globalgeschichte en vogue war.

 

In den 1850er und 1860er Jahren bildete sich eine neue Wissenschaft aus, die von ihren Anfängen an den Fortschritt der Menschheit belegen wollte: Anthropologie. Wie Christian Dayé referiert, hätten die 1854 entdeckten Pfahlbauten am Zürichsee bewiesen, dass auch schon vor Erfindung der Schrift beeindruckende Kulturleistungen hervorgebracht worden waren. Da die philologische Methode der Geschichtswissenschaft für die Rekonstruktion vorschriftlicher Kulturen nicht brauchbar war, konnte sich die Anthropologie mit naturwissenschaftlichen Methoden ihrer annehmen. Sie formulierte evolutionistische Stufenschemata, in die Fortschritt nicht als soziales oder ökonomisches Gesetz (wie im Marxismus), sondern als Naturgesetz  eingeschrieben schien und zur Entwicklung von 'Naturvölkern' zu 'Kulturvölkern' führte. Genuin kapitalistischen Fortschritt hingegen proklamierte eine Weltausstellung in Paris im Jahr 1867. Der Kulturhistoriker Volker Barth untersucht dies mit den Konzepten der microstoria  und der dichten Beschreibung.  Die Exponate repräsentierten den Fortschritt im jeweiligen Sektor kapitalistischer Industrie und Ingenieurskunst: Ausstellungsobjekte als Fortschritts-Indikatoren. Überdies erhob die Ausstellung den Anspruch, die Zukunft der Welt darzustellen und inszenierte einen Fortschrittsvergleich der Zivilisationen. Ob die Motive, Konzepte und Interessen der Ausstellungsmacher auch auf die Besucher übergriffen, ist eine weitere Forschungsfrage. Barths Antwort fällt negativ aus. Die Polysemie jedes ausgestellten Objekts habe die angestrebten Effekte nicht zugelassen. Die meisten Besucherinnen und Besucher suchten anderes als Belehrung. Nach Walter Benjamin wurde die Ausstellung eine "Phantasmagorie der kapitalistischen Kultur", in die man "eintritt, um sich zerstreuen zu lassen", ein Ort der "Kulturindustrie".

 

Dieser Begriff führt uns schon zum Beitrag von Christine Resch und Heinz Steinert, die die Kritik des kapitalistischen Fortschritts in den Texten der Frankfurter Schule untersuchen. Adorno und Horkheimer, die wichtigsten Autoren der Kritischen Theorie, fanden zahlreiche Belege dafür, dass kapitalistischer Fortschritt nicht der Fortschritt der Menschheit sei. Er mache das Leben vieler nicht besser, sondern elender, ja bedrohe Menschen in ihrer physischen und psychischen Ge sundheit. Herrschaft  verhindere, dass das im Kapitalismus angelegte Wachstum des gesellschaftlichen Reichtums allen zugute kommt. Technischer Fortschritt werde auch dazu genützt, Menschen in Massen zu töten. Dagegen wenden Resch und Steinert ein, dass selbst nach der Shoah und dem faschistischen Zivilisationsbruch in Deutschland Demokratie und Wohlstand neu hergestellt worden seien. Es gebe also ein gesellschaftliches Leben nach der Barbarei. Auch der kapitalistische Zyklus von Innovation, Wachstum und Zerstörung laufe weiterhin ab. Damit scheint ihnen nach der Idee des Fortschritts  auch die Idee des Untergangs  diskreditiert. Wohl aber halten sie die Dialektik der Aufklärung  und deren zentrale These: Fortschritt der Produktivkraft bedeute immer auch Fortschritt der Herrschaftsmittel, für realistischer als alle linearen Fortschritts- Modelle. Die "Dialektik der Aufklärung" halte offen, ob sich Widersprüche derart zuspitzen, dass das politisch-ökonomische System kippt; und sie räume auch die Möglichkeit ein, dass sich Kapitalismus weltweit sehr ungleichmäßig entwickle, ohne dass eindeutig von Fortschritt, Stagnation oder Verfall zu reden wäre. Um die Frage nach dem Fortschritt im Kapitalismus differenzierter stellen zu können, umreißen Resch und Steinert ein Konzept von kapitalistischen Produktionsweisen  (Plural). Sobald sich Kapitalstrategie, Arbeitsmoral, Herrschaftsregime und Kultur deutlich verändern, könne man von einer veränderten Produktionsweise sprechen, auch wenn diese Veränderung innerhalb  des Kapitalismus geschieht. Resch und Steinert plädieren dafür, die bisherigen Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise mit historischen Phasen-Begriffen (Liberalismus, Fordismus, Postfordismus bzw. Neoliberalismus) zu fassen. Ob und in welcher Hinsicht der Übergang von einer in eine andere kapitalistische Produktionsweise Fortschritt sei, wäre dann in allen vier Dimensionen (Kapitalstrategie, Arbeitsmoral, Herrschaftsregime und Kultur) zu bestimmen. Oft sei es aber dann doch kein gesamthafter Fortschritt, sondern bloß eine sektorale Veränderung. Der emphatische Fortschrittsbegriff der Kritischen Theorie könne mehr denn je nur für eines gelten: für die weltweite Überwindung von Hunger und Not.

 

An der "Heimatschutz-Bewegung" untersucht der Wiener Stadt- und Kulturhistoriker Sándor Békési eine wichtige Facette des Fortschritts-Diskurses: Geht politischer Konservatismus notwendig mit ästhetischem Konservatismus einher? Und konkret auf die Wiener Moderne um 1900 bezogen: Gab es auch einen konservativen Moderne-Entwurf? Die Untersuchung belegt: Es gab einen Konservatismus der ästhetischen Avantgarde in Kunst, Literatur und Architektur; und umgekehrt: auch architektonischer Traditionalismus hatte mitunter politisch fortschrittliche, sozialreformerische Züge. Die These des Beitrags lautet denn auch, Heimatschutz drückte zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Ambivalenz der Modernisierung aus. Seine Funktion sei es gewesen, "die immanenten Verluste des Fortschritts zu thematisieren". Die primäre Stellung der Geschichtswissenschaft gegenüber ihrem Objekt sei der Status des zeitlichen Abstandes. So beginnt der gelernte Physiker und Wissenschaftstheoretiker Stephan M. Fischer seine Untersuchung über die Eigenart geschichtswissenschaftlicher Wissensproduktion. Doch nicht der zeitliche Abstand an sich, sondern die Qualität einer Veränderung in der Zeit sei das allgemeine Expla nan dum. So werde aus dem Zeitraum ein historischer Ereignisraum. Das Problem des Verstehens stelle sich, weil das historische Ereignis resp. jene Veränderung, die es impliziert, nicht umfassend wissentlich zugänglich sind. Fischer fragt deshalb, was genau Historikerinnen und Historiker über das Handeln im historischen Ereignisraum wissen können. Er konstruiert einen "Ereigniszwischenraum", der zwischen dem Anfang eines historischen Geschehens und dem Zeitpunkt seiner geschichtswissenschaftlichen Analyse liegt. An dessen Anfang bestehe ein Überschuss der Gelegenheit  seitens der Handelnden; an dessen aktuellem Ende hingegen ein Über schuss an Wissen seitens der Historikerinnen und Historiker. Die Handelnden spielen mit möglichen Verläufen, sie simulieren.  Doch nicht alle Handlungsmöglichkeiten und schon gar nicht alle Handlungsfolgen sind ihnen bekannt resp. für sie vorherzusehen. Nur einige können sie simulativ erschließen. Für die Geschichtsforschung müsse es daher zunächst darum gehen, möglichst viel Wissen über diese Simulation der historischen Akteure (Frauen und Männer, aber auch Gruppen oder Institutionen) zu erlangen. Am vorläufigen Ende des Ereigniszwischenraums verfügen der Historiker und die Historikerin über einen Wissensüberschuss, was die eingetretenen Folgen und Wirkungen des Ereignisses betrifft. So wissen sie immer mehr, als die historischen Akteure (als Frauen und Männer, als Gruppen oder Institutionen) wissen konnten. Doch zugleich mangelt es der Geschichtsforschung an Wissen über die damals gemachten Erfahrungen. Dieses Wissensdefizit sei das eigentliche geschichtswissenschaftliche Problem. Die Wissens-Defizite der historischen Akteure am einen Ende und der Historikerinnen und Historiker am anderen Ende seien nicht aufhebbar. Jedoch können die Historikerinnen und Historiker ähnliches tun wie die historischen Akteure zu ihrer Zeit: eine Simulation durchführen. Diese erfolge allerdings mit jenem Wissens-Surplus, den der Modus der Nachträglichkeit erbringt. Daraus ergebe sich, so Fischer, ein geschlossener, rückgekoppelter Simulationsnexus  der geschichtswissenschaftlichen Wissenserstellung. Schließlich diskutiert der Autor die Stellung, die Geschichtswissenschaften angesichts solcher Simulationsverfahren im Verhältnis zu den Naturwissenschaften einnehmen können. Er spricht die Debatte um Gesetze oder deren Ablehnung in der Geschichtswissenschaft an wie auch deren vorwiegend hermeneutische und semiotische Methodik. Bei aller Uneinheitlichkeit sei doch zu bemerken, dass die meisten Historikerinnen und Historiker mehrere Formen von Kausalitäten zur Kenntnis nehmen. Sie haben es mit verschiedenen Arten von Ursachen und Folgen (innere und äußere, ökonomische, politische, psychologische usf.) zu tun, aber auch mit vielfältigen Kontingenzen. Was kann der Simulationsnexus diesbezüglich erhellen? Zunächst, so Fischer, klärt er die Differenz zwischen dem Gelegenheits- und dem Wissens-Überschuss. Er macht bewusst, was der historische Akteur einerseits und was der Historiker bzw. die Historikerin andererseits (nicht) wissen kann. Während kein Weg zu einer sicheren Prognose führe, sei die auf vergangenes, historisches Handeln bezogene Simulation - das Denken offener Möglichkeitsräume - die Logik der Geschichtswissenschaften. Mag der Beitrag im thematischen Umfeld dieses Bandes allzu grundlagentheoretisch erscheinen, so ist er doch aus der Sicht des Herausgebers eine nützliche Erörterung der Grenzen und Möglichkeiten geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis. Sie scheint auch hoch relevant, wenn Fortschritt, Stagnation oder Verfall in historischer Perspektive diskutiert werden.

 

Das Gespräch, das Mario Wimmer mit dem Ideen- und Kulturhistoriker Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs und Herausgeber der Zeitschrift für Ideengeschichte,  geführt hat, kreist um die Frage, wie in der ideengeschichtlichen Arbeitsweise Neues entdeckt - und also Wissens-Fortschritt erzeugt werden kann. Von der Idee als einer überraschenden Verbindung von zwei Dingen, die so noch nicht verbunden wurden, vom Modus der Nachträglichkeit, von flüchtigen Einfällen und Konzepten der Dauer ist hier die Rede. Auch von transzendentalen Ideen, die größer seien als der einzelne Mensch, immer wieder hervortreten und zu einer historischen Macht werden können. Der Beruf des Ideen-Historikers (wohl auch der Ideen-Historikerin) sei es, so Volker Ullrich, zu beschreiben, wie die Ideen aufgenommen und abgewandelt, übersetzt und überliefert, immer wieder in neuer Weise kontextualisiert worden sind.

 

'Globalisierung' ist ein populäres Schlagwort, das sowohl für rezente Wirtschaftsprozesse als auch für gesellschaftspolitische Krisen und auch Ängste steht. Der wirtschafts- und politikwissenschaftliche Diskurs ist sich jedoch in hohem Maße uneinig über das unter diesem Titel diskutierte Phänomen und seine Auswirkungen. Philipp Genschel und Henning Deters, Politikwissenschaftler an der Jacobs University Bremen und an der Universität Bremen, ordnen den Diskurs, der in den 1990er Jahren nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten begann, in drei Diskursstränge:

Der erste, die Globalisierungstheorie,  argumentiert, die Internationalisierung der Wirtschaft habe die nationalen Politiken insofern geschwächt, als sie die Eingriffsmöglichkeiten nationaler Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik reduzierte. Den Versuchen nationaler Politik, steuernd, regulierend oder umverteilend einzugreifen, entzögen sich globalisierte Wirtschaftsunternehmen durch Absiedlung von Betrieben in weniger regulierte Gebiete in Osteuropa und auf anderen Kontinenten. Ab den 1980er und 1990er Jahren sei Globalisierungsangst zum "allgemeinen Krisengefühl" geworden. Die Globalisierungstheorie  hielt (und hält) die Globalisierungsangst in weiten Teilen der Bevölkerung für durchaus berechtigt. Immerhin stehe der Fortbestand des Wohlfahrtsstaates in Frage. Der globale Markt zwinge die nationalen Regierungen zu marktkonformer Politik. Die Sozialstaatlichkeit werde dem Ziel internationaler Wettbewerbsfähigkeit untergeordnet, wenn nicht geopfert.

Der zweite Diskursstrang, von den Autoren Globalisierungs-Skepsis  genannt, zieht die Globalisierungstheorie in Zweifel. Die Krise der europäischen Wohlfahrtsstaaten habe ihre Ursache in nationaler Politik. Entgegen den Prognosen der Globalisierungstheorie seien die Wohlfahrtsstaaten bisher gar nicht nennenswert geschrumpft. Die destruktive Wirkung der Globalisierung auf den Sozialstaat werde von der Globalisierungstheorie überschätzt.

Der dritte und jüngste Diskursstrang kehrt die Globalisierungstheorie um - ist also revisionistisch  - und behauptet, die Globalisierung sei nicht die Ursache der Krise der Wohlfahrtsstaaten, sondern deren Lösung. Globalisierung der Wirtschaft sei der "Ausweg aus einer (von den nationalen Regierungen der Sozialstaaten, RS) selbst geschaffenen Sackgasse". Die Regierungen unterwürfen sich zögerlich, aber doch der globalen Marktdisziplin und reduzierten die wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen und Institutionen auf ein wirtschaftlich leistbares Maß.

 

Genschel und Deters rekonstruieren diese drei Diskursstränge vor dem Hintergrund empirischen Materials. Sie konstatieren empirische Mängel, Widersprüche und theoretische Konflikte innerhalb und zwischen den drei Diskurssträngen und gelangen zu folgender Einschätzung: In den letzten Jahren habe sich - entgegen der Globalisierungs-Skepsis - herausgestellt, dass die Globalisierung der Wirtschaft die Möglichkeiten nationaler Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Tat erheblich eingeschränkt hat. Wie diese Einschränkung zu bewerten ist, könne allerdings nicht empirisch entschieden werden, sondern sei ein Problem der politischen Interpretation. Auffällig sei zudem, dass sich alle drei Diskursstränge nahezu ausschließlich mit den Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung auf die OECD-Staaten beschäftigen. Dadurch werde übersehen, dass die wahrscheinlich folgenreichste Entwicklung der letzten zehn Jahre nicht in Einschränkungen der europäischen und nordamerikanischen Wohlfahrtsdemokratien bestand, sondern im Aufstieg von Transformationsökonomien in Asien (China und Indien), in Osteuropa (Russland, Slowakei, Estland) oder auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Dubai und Abu Dhabi). Überdies werde im Globalisierungsdiskurs nur die mögliche Deflation, nicht aber die Inflation als Folge der Globalisierung bedacht. Die jüngste Explosion der Erdöl- und Nahrungsmittelpreise infolge der starken Nachfrage vor allem in China und Indien hätte aber die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in den entwickelten Wohlfahrtsstaaten Westeuropas und Nordamerikas nachhaltiger beeinflusst als die Niedriglohnkonkurrenz. Folgen wir dieser Analyse, zeigen die politikwissenschaftlichen Diagnosen und Erklärungen der fortgesetzten und beschleunigten Mondialisierung der Wirtschaft eine doch erstaunlich eurozentristische, ironisch formuliert: ungenügend 'globalisierte' Perspektive.

 

Reinhard Sieder / Wien

 

 

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Abstracts, ÖZG 20/2009/1

 

David Mayer

Lokomotive Zwei Neun Drei - Marxismus, Historiographie und Fortschrittsparadigma, pp. 13-41

 

Marxism and the idea of 'progress' have been closely interrelated in the course of the last 150 years. I argue that this relation was, however, less clear-cut and one-dimensional than those refl ected in critical appraisals hitherto of the notion of 'progress' in Marx and the many sorts of Marxism. After some refl ections on the possibility of historicizing Marxism in the aftermath of '1989', the paper goes on to present some elements of the multifaceted approach to 'progress' in the thought of Karl Marx himself, including some remarks on related topics (e. g. his interpretation of non-European regions). The genesis of Marxism - defi ned as any intellectual and political practice with reference to Marx - and the different attitudes of Marxist intellectuals towards 'progress' are then discussed. In contrast with the standard vision, in which 'Marxism' is depicted as being irremediably interlaced with a teleological concept of history, the narratives of 'progress' and Eurocentric distortions, this article de monstrates how different conjunctures of Marxist thought led to diverse ways of using the concept of 'progress'.

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Volker Barth

Mikrogeschichte eines Weltereignisses Semantische Strukturen und das Problem der Wahrnehmung auf der Pariser Weltausstellung von 1867, pp. 42-65

 

Universal exhibitions are almost exclusively described as representations of an outside reality. The authenticity of the exhibits and the relation between the display and the real thing are considered in order to investigate the political aims and ambitions of the organisers. However, records written by spectators show that visitors to exhibitions were more likely to evaluate the objects according to other criteria. Here exhibitions reveal themselves as events that were not judged in the fi rst place for their capacity to represent but for their ability to create. Visitors used them to develop pleasing mental images in accordance with their own individual and hedonistic motives. In this sense, the exhibitions point towards an evolving imaginary inside the viewer. This article focuses on the Paris Universal Exhibition of 1867 to explore what the spectators made of what they saw. Moreover, the aim is to analyse exhibitions like this as independent imaginary worlds, which serve as starting points for creative cultural acts that had little to do with the 'realness' of the display.

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Christine Resch / Heinz Steinert

Der Fortschritt der Kritischen Theorie, pp. 66-93

 

Critical Theory in the 1940s contributed a signifi cant modifi cation of the classic idea of 'progress' by arguing that development of the means of production implies development of the means of domination at the same time. This does not (against Habermas) necessarily lead into hopeless historical pessimism, but to a minimalist idea of progress: avoid the self-destruction of humanity and stop hunger and fear. The potential of the other radical implication of Critical Theory, namely that progress = liberation cannot necessarily be expected from a new mode of production. That there can be new modes of production inside a capitalist structure, is not fully realized by Horkheimer/Adorno due to their limited model of the development of capitalism: from "liberalism" to "monopoly capitalism". Post-war developments had to be "explained away" as new forms of domination of the same old capitalism. Assuming that capitalism moved through the phases of Industrialism to Fordism to Neo-liberalism provides a better framework for Critical Theory and its idea of 'progress'.

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Sándor Békési

Heimatschutz und Großstadt. Zu Tradition und Moderne in Wien um 1900, pp. 94-130

 

Heimatschutz (literally: protection of the homeland) was described for a long time merely as a form of reactionary antimodernism and as a romantic aestheticism. At the same time the relationship between homeland protection and the metropolis has hardly been investigated. This article presents a new view of the history of early Heimatschutz in Vienna around 1900 with regard to its urban programme and activities. When listing their positions, it is important to distinguish between a reactionary, nationalistic variation and a reform-minded liberal conservatism within the movement. In Vienna, various Heimat organisations had their own offi ces, but only the liberal-conservative approach paid any attention to the city itself. And its criticism agreed in many points with the mainstream or even with the avantgarde of urban planning, architecture and historic preservation at that time. The protagonists included prominent fi gures from culture and science. Their aim was both to preserve the old city and to reshape the recent city. Finally, Viennese Heimatschutz formed a specifi c transition zone between tradition and modernity. It can be considered as a third way between one-sided economic modernization and aesthetical, romantic escapism.

 

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Stephan M. Fischer

Geschichte als Theorie der Gelegenheiten oder der Simulationsnexus geschichtswissenschaftlicher Erklärungen, pp. 131-157

 

Justifi cation of knowledge and the method of explanation are questions central to the philosophy of science. Well known problems occur if the attempt is made to develop a methodologically unifi ed approach that encompasses both physics and history. These problems arise from the differentiation between explanation and understanding in science. In this paper, I introduce a concept of explanation in historical scholarship in order to address these problems. To do so, I outline an understanding of explanations based on the concept of simulating a certain historical space of events (Ereignisraum) as well as the opportunities, historical actors could have found within that space to act. Therefore, I argue that the way historical knowledge is produced can be understood as a closed circle of simulations.

 

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Philipp Genschel / Henning Deters

Mehr Globalisierung, weniger Wohlfahrtsstaat?, pp. 158-180

 

There are basically three stories about the globalisation-welfare state nexus. The fi rst story argues that globalisation is the cause of the chronic crisis of the welfare state (globalization theory). The second maintains that whatever the cause of the welfare state crisis, globalisation is not part of it (globalization sceptics). The third story holds that globalisation, far from causing the welfare state’s troubles, is a consequence of these troubles and part of their solution (revisionism). The paper reviews each of these stories and traces their intellectual origins.

 

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