Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
2/1991/4: Orte der Erinnerung

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Editorial

Orte der Erinnerung

Weber-Felber Ulrike u. Severin Heinisch
Ausstellungen. Zur Geschichte eines Mediums, ÖZG 2/1991/4, 7-24. [Abstract]

Ernst Wolfgang
Das historische Museum. Über die Kunst, die Unausstellbarkeit der Vergangenheit dennoch zu zeigen, ÖZG 2/1991/4, 25-43. [Abstract]

Schmid Georg
Die Internationale der Bilder. Essai über die Bildquellenkunde: das Exempel der Französischen Revolution, ÖZG 2/1991/4, 45-78. [Abstract]

Unfried Berthold
Gedächtnis und Geschichte. Pierre Nora und die lieux de mémoire, ÖZG 2/1991/4, 79-98. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 2/1991/4, 100-102.

Forum

Ludwig Andreas
Das Deutsche Historische Museum in Berlin. Was lange wächst, wird endlich vorläufig, ÖZG 2/1991/4, 102-106.

Fliedl Gottfried u.a.
"Den Toten zur Ehr - den Lebenden zur Lehr?", ÖZG 2/1991/4, 107-110.

Minkkinen Aimo
Lenins letztes Museum? Finnland dokumentiert sein Verhältnis zu Lenin, ÖZG 2/1991/4, 111-114.

Budak Neven
Gedächtnisorte verbrennen, ÖZG 2/1991/4, 115-117.

Rainer M. János
Demokratievorstellungen in der Ungarischen Revolution 1956, ÖZG 2/1991/4, 118-125.

Rezensionen

Imhof Arthur E., Geschichte sehen (G. Schmid), ÖZG 2/1991/4, 127-129.

Brix Emil u. Patrick Werkner, Hg., Die Wiener Moderne (J. Le Rider), ÖZG 2/1991/4, 129-131.

Hösch Edgar, Geschichte der Balkanländer (S. Troebst), ÖZG 2/1991/4, 131-132.

Teichova Alice, Wirtschaftsgeschichte der Tschechoslowakei (R. Luft), ÖZG 2/1991/4, 133-136.

Sabean David Warren, Property, Production, and Family in Neckarhausen (P. Becker), ÖZG 2/1991/4, 136-139.

Keyserlingk Robert H., Austria in World War II (M. Gehler), ÖZG 2/1991/4, 140-141.


Editorial, ÖZG 2/1991/4, 5-6

Historikerinnen und Historiker beginnen sich zu fragen, wie und warum sie selbst am Gedächtnis einer Gesellschaft mitproduzieren. Pierre Nora hat dafür den Begriff lieux de mémoire geprägt. Wenn sich Geschichtswissenschaft mit 'Gedächtnisorten' beschäftigt, destruiert sie Geschichtsmythen, betreibt sie Kritik. Noras bevorzugte Orte der Erinnerung sind die der französischen Nation, er entmythisiert die Mythen und Stereotypen der grand nation. Wie Berthold Unfried in seinem Beitrag berichtet, erhält damit das 'Ereignis' - von den Annales im Kampf gegen eine positivistische 'Ereignisgeschichte' verabschiedet - als symbolische Inszenierung und Re-Inszenierung, als Element kollektiver Geschichte, neues Gewicht. In einem von Unfried geführten Interview kommt "Monsieur la mémoire", Pierre Nora, auch selbst zu Wort.

Die Transformation von lebendiger Vergangenheit und Tradition in Geschichte vollzieht sich unter anderem durch Musealisierung. Ulrike Weber-Felber und Severin Heinisch verfolgen die Metamorphosen des Mediums Ausstellung von den ersten öffentlichen Präsentationen von Kunstwerken im 18. Jahrhundert über die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts bis zum Boom historischer Ausstellungen in den letzten Jahren. Aber läßt sich Vergangenes, gegen den Eigen-Sinn des Wortes, in Ausstellungen vergegenwärtigen? Dies fragt Wolfgang Ernst, Museologe in Leipzig. Geschichte sei eine genuin literarische Konstruktion, an Erzählung gebunden. Im Museum liefen die ausgestellten Bilder und Gegenstände den erklärenden Texten (die an den Bildern und Objekten angebracht sind, und/oder in den Köpfen der Betrachter entstehen) hinterher. In der elektronisch-massenmedial dominierten Gegenwart wirke das historische Museum wie ein "Findling der Aufklärung". Das Museum könne Geschichte nur allegorisieren und damit in ihrer Unausstellbarkeit zum Thema machen. Sowohl für das Museum als auch für die Denkmäler der Erinnerung an Genozid, Krieg und Terror erscheint die künstlerische oder die künstliche Verdichtung die einzige Möglichkeit, die Nicht-Sagbarkeit auszudrücken (Lyotard). Und nur durch die Visualisierung von Sprachmetaphern könne aus- und dargestellt werden, was ansonsten der narrativen Abstraktion der Geschichtsschreibung vorbehalten bleibe. Eine unmediatisierte Historio-Vision sei ein unerfüllbarer Traum.

Georg Schmid behandelt in seinem Essay die Bilder, die man (sich) über die Französische Revolution in Filmen machen kann. Wie wirken Bilder und Filme als symbolische Gedächtnisorte? Die Spezifika des Gegenstandes verlangen nach einer adäquaten Methode. Schmid findet sie in der Semiologie, die, für historische und historisierende Bilder engagiert, zu Semiohistorie (auch Imagologie) wird. Ihre zentrale Prämisse ist, worauf freilich schon Johann G. Droysen hingewiesen hat: alle Historie übersetzt Vergangenheit in Sprache. Semiohistorie versucht, die Bildersprache der Historie zu entschlüsseln.

Daß die Inszenierung öffentlicher Orte der Erinnerung nicht nur in Frankreich ein Mittel zur Beförderung von Nationalbewußtsein ist, zeigt Andreas Ludwig mit dem Streit um das Deutsche Historische Museum, das auf Wunsch der Regierung als 'Kathedrale der Erinnerung' neu gebaut werden soll. Bertrand Perz u.a. referieren die jüngsten Diskussionen um die Neugestaltung des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen.

In Osteuropa sind die Erinnerungen an die Verbrechen des Stalinismus noch zu 'heiß', um sie mit 'kaltem' analytischem Blick zu bewerten. Die Symbole der gestürzten Regime werden hier nicht musealisiert sondern eliminiert. Man stürzt die Statuen Lenins, sein Leichnam soll endlich begraben werden. Nur im finnischen Tampere, wo Lenin den Finnen ihre Unabhängigkeit versprochen hat, erfreut sich ein Lenin-Museum als Ort der aktiven Erinnerung wachsender Besucherzahlen, berichtet Aimo Minkkinen.

Orten der Erinnerung eignet häufig eine religiöse Feierlichkeit. Diese Rückbindung (religio) an physisch-räumliche und symbolische Orte der Erinnerung wird in Kriegen gewaltsam zerstört. Das ist in diesen Tagen die Wirklichkeit Kroatiens. Neven Budak (Zagreb) beschreibt die Zerstörung kroatischer Städte und Dörfer, die, von den Menschenopfern nicht zu sprechen, auch eine Zerstörung von Denkmälern ist.

János M. Rainer fragt nach den Demokratievorstellungen in der Ungarischen Revolution 1956 und nimmt damit das Generalthema des letzten Heftes (ÖZG 1991/3) wieder auf.

Reinhard Sieder, Wien

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Abstracts, ÖZG 2/1991/4, 100-102

Ulrike Weber-Felber and Severin Heinisch: Exhibitions. On the history of a medium

The authors concentrate on the historical development of exhibitions and their changing characteristics from their beginnings in the 17th and 18th centuries till today. One main argument is the fact that exhibitions, first integrated in museums, have become a medium of their own. The world exhibitions were the first to present historical topics, with an emphasis, however, on commercial subjects and products. Till our days, there is a tension between the educational function of exhibitions, with partly encyclopedic character, and a mere presentation of art. Exhibitions organize their material in order to transfer a certain knowledge and meaning. Thus, there can be a conflict between scientific aims and the total and didactic organization of an (historical) exhibition.
ÖZG 2/1991/4, 7-24
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Wolfgang Ernst: The historical museum. The art to show the absent past

This article puts the question whether historical events or history as such can be shown in a museum, i. e. can be reconstructed in a visualized way. The author denies the possibility of doing so in a straightforward way, claiming that one cannot portray the past, because the character of the exhibited sources itself is an image of the past. There is just a possibility to present allegories of the past. In order to express what cannot be said artificial and/or artistic comprehension can be used. This is particularly suggested in dealing with genozide, war and terror. The author mentions evidence mainly from German museums. He refers to the debate on the "German Historical Museum" and describes examples of museums and memorials about German contemporary history situated in the Federal Republic and the former GDR. Especially memorials in former Nazi concentration camps are dealt with and analysed.
ÖZG 2/1991/4, 25-43
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Georg Schmid: The Internationale of Pictures. An essay on semio-history

The essay deals with a concept in historical research, referred to as semio-history and imagology. The author attempts to develop a certain theoretical basis and a methodology to analyse visual sources for historical research, based on the assumption of a common international ability to decode pictures. He presents his arguments by describing and analysing films situated in the time of the French Revolution (among these films by Scola, Tavernier, and Wajda). On this basis, he refers to methodological issues of the current debate in semio-history, putting forward the necessity of an interdisciplinary approach.
ÖZG 2/1991/4, 45-78
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Berthold Unfried: Memory and History. Pierre Nora and the lieux de mémoire

The article gives an outline of the concept of the lieux de mémoire and presents an interview with its main exponent, the French historian Pierre Nora. Nora distinguishes 'historical memory' and 'collective memory', the first of which is the result of scholarly work done by academic historians. Nora's historiographic approach tries to reconstruct collective memory by the study of the 'places of memory' (i. e. topographical, symbolic and functional places). Nora attempts to analyse the memory of the nation and of the republic of France dealing with symbols, myths and stereotypes which give access to national consciousness. The author suggests the application of this concept to the symbolic topics of Austrian history and historiography.
ÖZG 2/1991/4, 79-98
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