Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
3/1992/1: offenes Heft
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Editorial

offenes Heft

Reisenleitner Markus
Kulturgeschichte auf der Suche nach dem Sinn. Überlegungen zum Einfluß poststrukturalistischer Theoriebildung auf moderne Kulturgeschichtsschreibung, ÖZG 3/1992/1, 7-30. [Abstract]

Kresalek Gábor
"Singend wird das Leben schön". Das stalinistische Gesellschaftsmodell im ungarischen Film (1948-1953), ÖZG 3/1992/1, 31-42. [Abstract]

Binder Harald
Die Wasserstraßenvorlage und die wirtschaftlich-politische Lage Österreichs im Jahre 1901, ÖZG 3/1992/1, 43-62. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 3/1992/1, 63-64.

Interview

Deutschlands Historiker/innen nach dem Fall der Mauer. Ein Gespräch mit Jürgen Kocka (Berlin), ÖZG 3/1992/1, 65-75.

Forum

Mitten Richard
Im Gericht die Geschichte, ÖZG 3/1992/1, 76-84.

Solidaritätserklärung, ÖZG 3/1992/1, 85-87.

Zimmermann Susan
Die Wälder hinter den Bäumen. Zum politischen Umbruch in Ungarn 1989 und seinen Folgen. Bemerkungen zu "Ist wirklich alles so einfach?" und "Verschwörungstheorien" in ÖZG 3/1991, ÖZG 3/1992/1, 88-95.

Eifert Christiane
Frauenforschung zur deutschen Nachkriegszeit, 1945-1961, ÖZG 3/1992/1, 96-98.

Kaser Karl u. Norbert Ortmayr
Die Rückkehr des Politischen. 16. Jahrestagung der "Social Sciences History Association" (SSHA) in New Orleans/USA (31. 10.-3. 11. 1991), ÖZG 3/1992/1, 99-100.

Rezensionen

Weininger Otto, Eros und Psyche (Jacques Le Rider), ÖZG 3/1992/1, 101-103.

Hauch Gabriella, Frau Biedermeier auf den Barrikaden (Michael Wettengel), ÖZG 3/1992/1, 104-106.

Kaser Karl, Südosteuropäische Geschichte und Geschichtswissenschaft (Stefan Troebst), ÖZG 3/1992/1, 107-112.

Pohl Hans, Hg., The European discovery of the world and its economic effects on pre-industrial society (Markus Cerman), ÖZG 3/1992/1, 112-114.

Schafranek Hans, Die Betrogenen. Österreicher als Opfer Stalinistischen Terrors in der Sowjetunion (Barry McLoughlin), ÖZG 3/1992/1, 114-117.

Brailsford Denis, Sport, time and society. The British at play (Otto Penz), ÖZG 3/1992/1, 117-119.

Lichtenberger-Fenz Brigitte, "...Deutscher Abstammung und Muttersprache". Österreichische Hochschulpolitik in der Ersten Republik (Heimo Gruber), ÖZG 3/1992/1, 119-122.


Editorial, ÖZG 3/1992/1, 5-6

Im Gegensatz zur bisherigen Praxis präsentiert die Redaktion der ÖZG mit der vorliegenden Ausgabe erstmals ein offenes Heft mit Beiträgen zu unterschiedlichen Themen. Seit geraumer Zeit stapeln sich die uns angebotenen Manuskripte in der Redaktion. Wir erachten dies als Erfolg und als Hinweis darauf, daß die ÖZG die kritische Phase der Plazierung eines neuen Kommunikationsorgans im Wissenschaftsbetrieb überwunden haben dürfte. Künftig soll neben den Themenheften jährlich ein offenes Heft erscheinen, in dem wir Aufsätze bringen werden, die nicht innerhalb eines vertretbaren Zeitraums in einem Themenheft erscheinen könnten.

Den Aufsatzteil dieser Nummer eröffnet ein Beitrag von Markus Reisenleitner (Wien) über die Probleme der Kulturgeschichtsschreibung im Lichte poststrukturalistischer Texttheorien. Sie definieren die Beziehung von Signifikant und Signifikat, von Zeichen und Bedeutung, als nicht ein für alle Mal fixiert, sondern als eine Relation, die im gesellschaftlichen Prozeß der Herstellung von Bedeutungen einer permanenten Reinterpretation unterworfen ist. Auch Kulturhistorie könne jeweils nur die Sinnpotentiale von kulturellen Zeichensystemen der Vergangenheit sowie deren Gebrauch und Reinterpretation im Rahmen gesellschaftlicher Machtkämpfe analysieren; niemals aber könne sie die endgültige Klärung von Bedeutungszusammenhängen für sich beanspruchen, da ihre Diskurse denselben Regeln unterworfen seien wie die Objekte ihrer Diskurse. Es gebe keinen transzendentalen Ort der Analyse. Kulturgeschichtsschreibung könne nur als Text über einen textlich konstituierten Gegenstand verstanden werden. Was sie leisten könne und worin ihr emanzipatorisches Potential bestehe, sei ihre Fähigkeit, offensichtliche (oder traditionelle) Lesarten aufzubrechen und sich dabei selbst stets der Dekonstruktion zu öffnen; Ironie und Vorläufigkeit sollten wieder ihren Platz im wissenschaftlichen Diskurs finden.

Gábor Kresalek (Budapest) beschreibt in seinem Beitrag die Art und Weise, wie im stalinistischen Ungarn Filme produziert und den Ansprüchen der herrschenden Ideologie angepaßt wurden. Die besondere Kontrollierbarkeit des geschriebenen Wortes habe bewirkt, daß dabei dem Filmdrehbuch - also dem geschriebenen Wort - die Schlüsselrolle zufiel. Die über diese Filme transportierte Vorstellung von Gesellschaft habe den Schablonen stalinistischer Wirklichkeitskonstruktion entsprochen. Abweichendes, nonkonformistisches Verhalten sei auf die Rollen von Außenseitern und Staatsfeinden beschränkt worden.

Harald Binder (Bern) beschäftigt sich mit einem gigantischen wirtschaftspolitischen Luftschloß "Kakaniens", der sogenannten Wasserstraßenvorlage des Jahres 1901. Die österreichische Reichshälfte der Donaumonarchie sollte durch ein großzügiges Kanalnetz verbunden werden. Binder nimmt die Tatsache, daß dieses Vorhaben zwar im Reichsrat ausführlich diskutiert, aber nicht realisiert wurde, zum Anlaß, um das Zustandekommen des Entwurfs sowie seine Behandlung und Instrumentalisierung in den parlamentarischen Gremien zu untersuchen. Er zeigt, daß es sich hierbei nicht um einen bewußten Versuch der Regierung handelte, die Infrastruktur für eine erfolgreiche Industrialisierung zu verbessern, wie die bisherige Interpretation lautet, sondern um einen politischen Prozeß, in dem die Mandatare der regionalen, nationalen und wirtschaftlichen Interessensgruppen im Reichstag um Einfluß und Anerkennung kämpften. Politik als Diskurs ohne Realisierung seiner Ideen, sozusagen.

Im Interview mit dem Sozialhistoriker Jürgen Kocka (Berlin) kommen zunächst die Entstehung der "historischen Sozialwissenschaft" in den 1970er Jahren und die seither geführten Auseinandersetzungen um politische Geschichte, Alltagsgeschichte, historische Frauenforschung und Kulturgeschichte zur Sprache. Kocka unterstützt die Forderung nach Einführung der Kategorie Geschlecht in die Geschichtswissenschaften und plädiert für eine kulturwissenschaftlich erweiterte Sozialgeschichte, beharrt jedoch auf deren materialistischer Fundierung. Anschließend berichtet er über den laufenden Prozeß und die Probleme der Evaluation und Rekonstitution der Geschichtswissenschaften in der ehemaligen DDR.

Erich Landsteiner

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Abstracts, ÖZG 3/1992/1, 63-64

Markus Reisenleitner: Cultural History in Search of Its Meaning

Reviewing the widening of meaning of the term 'culture' during the last two centuries, the author argues for a new approach to cultural history, regarding the culture of a society not as a separate body of moral and intellectual activities but as a whole way of life, as a mode of interpreting experience. In such an understanding the object of cultural history is the symbolical order underlying the human potential of making experiences. The basis of this symbolical order are signs, which constitute the fundamental material of culture. The meanings ascribed to these signs are salient but secondary, coming only into existence through and being modified by the use of material signs. The historian can open up the potential of the cultural discourses of the past because the symbolical order does not produce a single, coherent, transparent and uniform system of meaning; rather it has to be regarded as the site of power-struggles over the production of socially significant meanings in the context of social relations. That ist why cultural history has to include the history of the reception of cultural expressions and is thus germane to understanding dispositions of power in the past because it can shed light on processes of marginalisation and domination.
ÖZG 3/1992/1, 7-30
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Gábor Kresalek: "In Singing, life becomes beautiful." The Stalinist Model of Society in the Hungarian Film (1948-1953)

During the 1950s there was no room for the discussion of the sphere of private life within the Stalinist societies of Eastern Europe. Public debate was dominated by the rule of the Party. The collectivist ideas of the era where promoted by the Stalinist films of the time. Helped by soviet film-functionaries, Hungarian film-production tried hard to copy the soviet model. The controllability of highly bureaucraticized procedure resulted in the film script acquiring the central role in Stalinist film-making. Society itself was portrayed in a highly schematic way, leaving no room for the presentation of individual, nonconformist behaviour, which was reserved for the roles of either the outcasts of society or the public enemy.
ÖZG 3/1992/1, 31-42
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Harald Binder: The "Wasserstraßenvorlage" (bill on waterways) and the economic and political situation in Austria 1901

In 1901 the Austrian Reichsrat passed a draft bill to construct a number of inland waterways with a total length over 1700 kilometres. The bill was the result of the activity of a specific group of interests and the outcome of a long-lasting debate within the Austrian parliamentary representation. The author reconstructs the debate as well as the attitudes of the different factions within the context of nationalist struggles and parliamentary obstruction in the Habsburg monarchy. In the decisive vote, however, the electoral behaviour was also diverse within each faction. The bill was part of a more general economic investment programme of Koerber's government. In spite of the extensive political struggles, the waterways were never constructed.
ÖZG 3/1992/1, 43-62
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