Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
4/1993/3: Klios Texte
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Editorial

Klios Texte

MacHardy Karin J.
Geschichtsschreibung im Brennpunkt postmoderner Kritik, ÖZG 4/1993/3, 337-369. [Abstract]

Biti Vladimir
Geschichte als Literatur - Literatur als Geschichte. Zur gegenwärtigen Wiederaufnahme der romantisch-aufklärerischen Kontroverse um die historiographische Fiktion, ÖZG 4/1993/3, 371-396. [Abstract]

Wagner Irmgard
Tropologische Analyse eines klassischen Texts: The Education of Henry Adams, ÖZG 4/1993/3, 397-416. [Abstract]

Lüsebrink Hans-Jürgen
Synkretistische Fiktion als Gegengeschichtsschreibung. Fray Servando Teresa de Mier und die Wieder-Entdeckung Amerikas, ÖZG 4/1993/3, 417-429. [Abstract]

Bialas Wolfgang
Kritische Theorie der (Post-)Moderne? ÖZG 4/1993/3, 431-452. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 4/1993/3, 453-455.

Interview

Wir schauen in einen Spiegel und sehen einen Anderen. Ein Gespräch mit Frank Ankersmit, ÖZG 4/1993/3, 457-465.

Forum

Nagl-Docekal Herta
Läßt sich die Geschichtsphilosophie tropologisch fundieren? Kritische Anmerkungen zu Hayden White, ÖZG 4/1993/3, 466-478.

Possekel Ralf
Die Widersprüche der Geschichtswissenschaft. Überlegungen zu Jörn Rüsens Historik, ÖZG 4/1993/3, 479-491.

Silverman Hugh J.
Foucault/Derrida - Ursprünge der Geschichte, ÖZG 4/1993/3, 492-503.

Rezensionen

Crosby Alfred W., Die Früchte des weißen Mannes. Ökologischer Imperialismus 900-1900 (Erich Landsteiner), ÖZG 4/1993/3, 504-511.

Le Goff Jacques, Geschichte und Gedächtnis (Alexander Mejstrik), ÖZG 4/1993/3, 512-517.


Editorial, ÖZG 4/1993/3, 333-336

Das in den USA seit Jahren vorhandene Interesse am literarischen Charakter historiographischer Texte fügt sich neuerdings auch in Europa in die Abkehr von der Hoffnung der Moderne, alles auf vernünftig-logische Weise in Sprache bändigen zu können. Die kritische Potenz des Dekonstruktivismus steht nun - nach Philosophie und Literaturwissenschaft - auch in der Geschichtswissenschaft zur Diskussion.

Vladimir Biti diskutiert in seinem Beitrag die von Hayden White, Dominik LaCapra, Michel Foucault u.a. vertretene Auffassung, Geschichtsschreibung sei Textproduktion, und wie jede andere Art von Texten seien auch Klios Texte zeit-, standort- und ideologiegebunden. Aus diesem generellen Befund könne jedoch nicht - wie von White - geschlossen werden, es gebe keinen relevanten Unterschied zwischen literarischen und historiographischen Texten. Historiker wie LaCapra oder Geschichtsphilosophen wie Frank Ankersmit (siehe das Interview in diesem Heft) bestehen auf der Pflicht der Historiker/innen, die Lektüre der Quellentexte und die Verfassung ihrer eigenen historiographischen Texte an einen wissenschaftsspezifischen, kognitiven Anspruch zu binden. Ankersmit beharrt zudem auf der Unterscheidung zwischen den Texten auf der Objektebene, den Quellentexten, und den Texten auf der Metaebene, den historiographischen Texten. Zwischen diesen Ebenen bestehe eine epistemische Kluft, die sich aus der analytischen Haltung des Historikers gegenüber seinen Quellentexten ergebe.

Nach LaCapras Auffassung wurzelt die Bedeutung des Textes nicht in den diskursiven Praktiken (wie bei Foucault), sondern in der vorausliegenden Erfahrung eines Geschehens selbst, auf das sich der Text bezieht. Damit wird die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug eines Textes - bei White irrelevant geworden - wieder gestellt. Die historische Wahrheit eines Textes liegt in seiner Perspektivität. Kein Autor repräsentiert alle möglichen Perspektiven auf das von ihm besprochene Objekt. Seine Herkunft, seine Bildung, seine Leseerfahrung, seine wissenschaftliche Sozialisation und seine alltäglichen Beziehungen bestimmen die ihm mögliche Perspektive. Daraus folgt für LaCapra (in Differenz zu Hayden White und Paul de Man), daß es unsinnig sei, der Historiographie ihren rhetorischen Charakter vorzuwerfen. Es gebe keine Wahrheit der Historie außerhalb der Geschichte.

Der rhetorische Charakter der Historiographie ergibt sich aber nicht nur - so lesen wir bei Vladimir Biti weiter - aus der Perspektivität des Blicks 'zurück', sondern auch aus dem imaginierten Dialog der Historiker/innen mit ihren künftigen Leser/inne/n, die sie überzeugen, beeindrucken, belehren oder bekehren wollen. Die rhetorische Überzeugungskraft des Textes konstituiert sich ebenfalls nur innerhalb der Geschichte. - Dies belegt in diesem Heft Hans-Jürgen Lüsebrinks Analyse der Texte des mexikanischen Dominikanerpaters Fray Servando, der zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine Gegengeschichtsschreibung entwarf, die sich gegen die europäische, insbesondere spanische Geschichtsschreibung und gegen den von ihr legitimierten Herrschafts- und Missionsanspruch Spaniens in Mexiko richtete. - Der historiographische Text, so läßt sich daran erkennen, wird innerhalb der Geschichte produziert, und er wirkt nur innerhalb der Geschichte. Er ist also auf diese doppelte Weise historisch kontingent.

Daraus hat LaCapra im Anschluß an White und an Derrida den methodischen Vorschlag entwickelt, Historiker/innen sollten die von ihnen zu interpretierenden Texte so weit in ihrer Gestalt auflösen (dekonstruieren), bis ihre Gestaltung erkennbar wird. Eine Form oder ein Schritt der Dekonstruktion ist die Identifikation der sprachlichen Bilder (Tropen), wie sie schon im 18. Jahrhundert von Giambattista Vico und in den 1970er Jahren von Hayden White vorgeschlagen worden ist. Irmgard Wagner wendet in ihrem Beitrag das Verfahren der tropologischen Analyse an Henry Adams Education, einem klassischen Text der US-amerikanischen Geschichtsschreibung, an. Dabei zeigt sich, daß die tropologische Analyse vor allem dann fruchtbar ist, wenn es gelingt, den Wechsel zwischen verschiedenen Tropen in einem Werk als Indikator für einen Einstellungs- oder Erfahrungswechsel des Autors zu deuten.

Hayden White begründet die tropologische Analyse anders als LaCapra und anders als Vico. Er schlägt sie als eine strukturalistische Methode vor, um - unterhalb der bewußten Motive der Historiker/innen - einer angenommenen, vorrationalen Tiefenstruktur ihrer Sprachbilder auf die Spur zu kommen. Im Unterschied zu Vico, LaCapra oder Ankersmit sieht White in den Tropen der Historiker/innen nicht den sprachlichen Ausdruck ihres wissenschaftlichen Denkens, sondern dessen präkognitives und vorrationales, rein poetisches Fundament. Herta Nagl-Docekal kritisiert in ihrem Beitrag dieses Konzept einer 'Meta-Geschichte', in dem die nach ästhetischen und/oder moralischen Gesichtspunkten gewählten Tropen als ein Gefängnis des historischen Denkens erscheinen.

Hayden White betrachtet die Ironie als jene Trope, in der wir unsere Skepsis darüber auszudrücken vermögen, daß Wahrheit angemessen in Sprache zu fassen wäre. Der niederländische Geschichtsphilosoph Frank Ankersmit hingegen hält das Paradoxon für die Trope der Postmoderne. Es stelle sprach-logisch Unvereinbares nebeneinander und verweise so unerbittlich auf die Wirklichkeiten, die sich dem Logozentrismus der Moderne nicht fügen. Das Paradoxon sei insbesondere jene Trope, in der sich - etwa in der Mentalitäts- und Alltagsgeschichte - am ehesten über die widersprüchlichen historischen Erfahrungen sprechen lasse; und das Interesse an Erfahrungen sei in einer umbrüchigen Welt besonders groß. Allerdings stelle sich die Frage, wie die Erfahrungen der Subjekte in die Texte einer der Wahrheitsfindung verpflichteten Geschichtswissenschaft aufgenommen werden könnten. Diesem Problem widmet sich auch Ralf Possekel in seiner kritischen Auseinandersetzung mit Jörn Rüsen, der in seiner Historik das Problem der historischen Erfahrung als Differenz von Absicht und Wirkung in der Zeit faßt und in der "narrativen Erklärung" die adäquate Aussageform über Erfahrungen in systemischen Veränderungen gefunden zu haben meint.

Das didaktische Projekt der modernen Historiographie war (und ist) es, durch die forschende Beschäftigung mit der Vergangenheit Identität zu stiften. Frank Ankersmit hält dem entgegen, daß geschichtswissenschaftliche Forschung keineswegs Identität sichere, sondern - anders als das 'naive' historische Bewußtsein im Alltag - unausgesetzte Zersplitterung bedeute; ein 'Ursprung' im Sinne eines Anfangs, aus dem sich Identität und Sicherheit gewinnen ließen, sei nicht zu finden, vielmehr eine Proliferation der Ursprünge. Zu diesem Schluß gelangten zuvor schon Heidegger, Foucault und Derrida, wie Hugh J. Silverman in seinem Beitrag zeigt.

Der Streit um den Textcharakter der Historie ist - wie jeder wissenschaftliche Streit - immer auch ein Streit um die Stellung des einzelnen Forschers im Feld der Geschichtswissenschaft und um die Reputation der gesamten Zunft in der Konkurrenz der Wissenschaften. Karin MacHardy untersucht den Stil und die Logik der Argumente, die dabei benutzt werden. Die Abgrenzung der Exponenten erscheint ihr zuweilen künstlich und überdeterminiert; der häufige Gebrauch von Invektiven, Wertungen und binären Oppositionen diene dazu, den Gegner zu diskreditieren und das eigene symbolische Kapital im Feld der Wissenschaft zu erhöhen. Wolfgang Bialas beginnt seinen Aufsatz über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Postmoderne ganz in der von MacHardy beschriebenen Logik. Entgegen anderen Analytikern der Postmoderne (wie Wolfgang Welsch) behauptet er - Postmoderne und Posthistoire gleichsetzend - die Postmoderne verkünde nicht nur das Ende der großen Metaerzählungen, sondern auch das Ende der Geschichte und verliere sich in "tiefgeistelnde Sprachspiele", anstatt sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Umso spannender ist es dann zu lesen, wie sich der von Bialas unternommene Versuch, die Kritische Theorie neu zu bestimmen, und zentrale Thesen postmoderner Autor/inn/en keineswegs immer auszuschließen scheinen.

Ulrike Döcker, Reinhard Sieder

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Abstracts, ÖZG 4/1993/3, 453-455

Karin MacHardy: Historiography in the Focus of Postmodernist Criticism

The paper elaborates on some of the ways historians attempt to preserve distinctions from academics in other disciplines by reviewing the changing methodological orientations within the historical profession. It particularly illuminates the rhetorical strategies designed to uphold and reinforce the divisions within the intellectual field, which serve to enhance symbolic capital at the expense of an 'other', and to reproduce existing hierarchies. Discourse strategies, such as insults and binary oppositions, which many scholars have employed in the recent debates over postmodernism in North America, reflect powerstruggles within the field of cultural production over the control of a specific category of signs (or meanings) regarding the preservation or overthrow of dominant definitions of 'reality'. The most common strategy to enhance distinctions and discredit the 'other' in the contest over textual approaches has been the posturing of the protagonists around paired concepts, especially the ideological dichotomies of 'conservative/radical' and of 'new/old'.
ÖZG 4/1993/3, 337-369
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Vladimir Biti: History as Literature - Literature as History

The debate was revived through the methodological problems created by the anti-Enlightenment turn historiography took in the late seventies with the emergence of such schools as the Italian microstoria, the English oral or case history and the German Geschichte von unten. The loose relativism of these schools threatened the traditional hierarchy, which prefers documents, deeds and protocols - because of their "transparency" - over the "intransparency" of literary texts. Hayden White as well as Dominick LaCapra emphasize the rhetorical-textual character of all documents. Both agree that - if the text constitutes the actual space of classificatory systems in a given culture - historiography should not occupy itself with a narration of events, but rather with an interpretation of historical texts. But whereas White comes to a pantextualist conclusion LaCapra argues in the tradition of Derrida that the "institution" which directs the reading should be extended beyond a "discursive practice" á la Foucault, in this case beyond the historiographic practice. Where the neo-Romanticist White seems to free the present from all responsibility for the past - by completely dissolving the text of the past in the context of the present - LaCapra, in the tradition of the Enlightenment, tries to burden the present with the responsibility for the past, by trying to dissolve the context of the present completely in the text of the past.
ÖZG 4/1993/3, 371-396
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Irmgard Wagner: Tropological Analysis of a Classical Text: The Education of Henry Adams

Continuing the discussion of the American historiographical classic initiated by Hayden White, the tropological analysis explores the constitution of American identity in Henry Adams' text. The concept "Washington" serves as text-structuring paradigm. The tropological vicissitudes of "Washington" reveal central areas of problematization, such as national (dis)unity in the context of the Civil War, or the (un)governability of a modern nation driven by the forces of energy ("Chicago") and capital ("New York").
ÖZG 4/1993/3, 397-416
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Hans-Jürgen Lüsebrink: Syncretistic Fiction as Counter-Historiography

Oeuvre and biography of the Mexican author Fray Servando Teresa de Mier, an early protagonist of Mexican independence, are of twofold interest for an analysis of the relationship between fiction and historiography. On the one hand, Fray Servando's historiographical oeuvre (especially his Historia de la Revolución de Nueva España, 1813) constituted a radical counter concept to colonial historiography based on its syncretistic historical myths. De Mier's re-discovery of a - basically culturally and religiously motivated - autochthonous history of the Latin-American continent - which originally met with the fiercest opposition from the Spanish inquisition - on the other hand acquired an unbelievably explosive political moment and grew into one of the fundamental legitimizations of the Mexican independence movement.
ÖZG 4/1993/3, 417-429
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Wolfgang Bialas: For a Critical Theory of (Post-)Modernism?

At the outset the plausibility of Postmodernism as a seismographical metaphorisation of crisis-like problem-situations is being reconstructed by means of social contextualisation. The anti-Enlightenment image of Postmodernism in this context is due to its interpretative blending of the Enlightenment with the subject substitution of social planerism. In the face of a progressive continuity of history postmodernist historiography maintains die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. By comparing Jürgen Habermas' theory of communication with Hayden White's tropology, functional equivalents are finally being established, which are of crucial importance to all problems concerning the theoretical anchoring of critical historical sciences. By realising a joint criticism-of-rationalism and a sociology-of-knowledge argumentation postmodernist philosophy of history thus merges with an image of Critical Theory shifting its terrain.
ÖZG 4/1993/3, 431-452
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