Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
5/1994/1: Das Fremde vernichten
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Editorial

Das Fremde vernichten

Troebst Stefan
Ethnien und Nationalismen in Osteuropa. Drei Vorüberlegungen zur vergleichenden historischen Forschung, ÖZG 5/1994/1, 7-22. [Abstract]

Promitzer Christian
Demokratie als ethnisch geschlossene Veranstaltung. Politischer Pluralismus und der Zerfall Jugoslawiens, ÖZG 5/1994/1, 23-53. [Abstract]

Manoschek Walter
Opfer, Helden, Kriegsverbrecher? Österreichische Wehrmachtsgeneräle auf dem Balkan, ÖZG 5/1994/1, 54-77. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 5/1994/1, 78-79.

Replik

Komlos John
Vierundzwanzig Lektionen in geschichtswissenschaftlicher Rezension, ÖZG 5/1994/1, 80-99.

Interview

Töten mit dem Messer. Ein Gespräch mit dem Anthropologen Joel M. Halpern über Geschichte und Kulturanthropologie, über Nationalismus, Gewalt und Vergewaltigung in Ex-Jugoslawien, ÖZG 5/1994/1, 100-106.

Forum

Kaser Karl
Das Forschungsprojekt "Balkanfamilie" an der Universität Graz, ÖZG 5/1994/1, 107-109.

Ernst Wolfgang
Ernst Kantorowicz heute, ÖZG 5/1994/1, 110-112.

Rezensionen

Mesic Stipe, Wie wir Jugoslawien zerstörten (Chr. Promitzer), ÖZG 5/1994/1, 113-116.

Gaisbacher Johann u.a., Hg., Krieg in Europa (W. Manoschek), ÖZG 5/1994/1, 117-124.

Anderl Gabriele u. Walter Manoschek, Gescheiterte Flucht (J. Bunzl), ÖZG 5/1994/1, 124-126.

Todorova Maria N., Balkan Family Structure (K. Kaser), ÖZG 5/1994/1, 126-129.

Sully Melanie A., A Contemporary History of Austria (W. I. Holzer), ÖZG 5/1994/1, 129-136.

Kriedte Peter, Eine Stadt am seidenen Faden (Markus Cerman), ÖZG 5/1994/1, 136-142.


Editorial, ÖZG 5/1994/1, 5-6

Die in diesem Heft geführte Auseinandersetzung mit den Kategorien 'Ethnie', 'Nation' und 'Nationalismus' verdeutlicht, wie unpassend ein objektivistischer Zugang in den Geschichtswissenschaften, aber auch in der Ethnologie und in der Politikwissenschaft ist. Diese Schlüsselbegriffe meinen soziale Wirklichkeiten, denen Akte der Selbst- und Fremddefinition, des ausdrücklichen Bekenntnisses, der Ein- und Ausgrenzung als sie konstituierende Deutungen von Individuen und Kollektiven eingeschrieben sind. Ethnien und Nationen sind - in diesem Sinn - imaginierte Gemeinschaften. Ob eine vornationale ethnische Kollektividentität eine nationale Bewegung und darüber eine Nation hervorzubringen vermag, hängt - so Stefan Troebst in seinem programmatischen Aufsatz - davon ab, ob sie von einer politisch aktiven Elite mobilisiert werden kann. In einem solchen Prozeß der Konstituierung nationalen Bewußtseins übernimmt Historiographie die Aufgabe, mittels Narration die Deckung von 'Volk', 'Land' und 'Geschichte' herbeizuschreiben. Dies begründet die in neu entstehenden (oder renovierten) Nationalbewegungen und Nationalstaaten häufig beobachtbare Nähe von Historikern zum Zentrum der politischen Macht.

Die Transformation der postkommunistischen Staaten seit dem Ende der achtziger Jahre zeitigt offensichtlich dort die höchste Konflikt- und Gewalthaftigkeit, wo ethnische Strukturen und eine Mehrzahl von konkurrierenden Nationalismen die überkommenen Staats- und Verwaltungsgrenzen zu Streitfällen machen. Der blutige Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien und die Neubildung mehrerer nationaler Staaten auf seinem Territorium ist der uns historisch-politisch und geographisch naheliegendste Fall. Stefan Troebst weist - im Unterschied zum Mainstream der Geschichtsschreibung - auf die funktionale Rolle von Gewalt im Prozeß der Nationsbildung hin. Sie sei nicht bloß dessen Epiphänomen, sondern intensiviere die Polarisierung im Freund-Feind-Schema und produziere im Kreislauf von Leiden, Leidensgeschichte und nationalen Mythen ihre eigene Legitimation.

Den Zusammenhang von nationalen Ressentiments und der Eskalation von Gewalt beschreibt Walter Manoschek für den Einsatz österreichischer Soldaten und Generäle im Balkanfeldzug 1941 bis 1945. Die überdurchschnittlich starke Präsenz österreichischer Offiziere und Soldaten in Truppenteilen der Deutschen Wehrmacht auf dem Balkan und deren aktive Teilnahme an sogenannten Sühnemaßnahmen gegenüber der jugoslawischen Zivilbevölkerung war keineswegs zufällig. Die nationalsozialistische Führung berücksichtigte bei der Auswahl der kommandierenden Offiziere und Kader bewußt die sogenannte "Habsburger Schule" im Umgang mit den Völkern auf dem Balkan. In Tagesbefehlen zu Massenerschießungen etwa wurde an verbreitete antiserbische Ressentiments aus dem Ersten Weltkrieg und an den nach 1918 ausgeprägten deutsch-österreichischen Revanchismus gegenüber den Südslawen appelliert.

Die internationale Wirtschaftskrise und der durch sie beschleunigte Zusammenbruch der 'realsozialistischen' Ökonomien begünstigte allerorts die Konjunktur der Nationalismen. Alte und neue politische Eliten benützen den nationalen Populismus, um sich an der Macht zu halten. Ein Großteil der Intellektuellen liefert die ideologische Legitimation. Auch in Jugoslawien erfolgt die politische Wende zur postkommunistischen Gesellschaft weniger im Paradigma eines ökonomischen und politischen Systemwechsels als unter dem der Nationenbildung. Christian Promitzer beschreibt den Aufstieg nationaler Populismen in den neuen Staaten unter dem Deckmantel der Demokratisierung. Dadurch sei die Reform der jugoslawischen Föderation durch integrative, bundesweite politische Parteien schon in der Phase des Umbruchs unmöglich geworden.

Die klassische Trias von Volk, Land und Geschichte ist in diesem ethnisch durchmischten Raum nicht zur Deckung zu bringen. Die Spirale sich steigernder und verstetigender Gewalt verhindert bislang politische und ökonomische Konfliktlösungen. Als Ultima ratio erscheinen den Beteiligten die Mittel des Bevölkerungstransfers, der ethnischen Säuberung und schließlich des Genozids - die Vernichtung des Fremden.

Gerhard Baumgartner, Reinhard Sieder

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Abstracts, ÖZG 5/1994/1, 78-79

Stefan Troebst: Tasks and aims of comparative historical research concerning Eastern European ethnic structures and nationalisms

Since questions of ethnicity, national identity and nationalist movements are very much en vogue in all human sciences, and since some of the disciplines involved are definitely newcomers when it comes to the equally recently discovered regions of Eastern Europe, the author suggests a unified strategy for these endeavours in order to prevent the - unfortunately not so infrequent - rediscovery of the wheel, in which such uncoordinated efforts often result. According to him all European regions other than Western Europe - no matter whether they are part of Central-, Eastern-, Southeastern-Europe or even part of the former USSR - exhibit similar structures of ethnic diversity, national elites and national conflicts, which for historical reasons differ greatly from their Western European counterparts. The traditional approach of nationalist historiography and of dealing with these problems within the time-honoured framework of majority-versus-minority conflicts should according to the author be abandoned. With Ernest Gellner and against Anthony Smith he suggests to first set up a catalogue of ethnic groups in this region. Since these ethnic groups serve as a kind of "dormant national movements" which in the course of events are - or are not - being kissed alive by nationally active elites, the author pleads for a comparative survey of different national elites active in this region and the respective ethnic groups they try to mobilize. A further suggestion of his is to give the topic of violence more systematic consideration, especially the manifold ways in which violence can influence - and indeed has influenced - processes of nationalisation.
ÖZG 5/1994/1, 7-22
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Christian Promitzer: Democracy as an ethnically closed event. Political pluralism and the disintegration of Yugoslavia

The article describes how the system-crisis in Yugoslavia led to the first multi-party elections in the different republics and in its last consequence to the disintegration of the state. The Serbian communists around Slobodan Milosevic were the first to blame the other non-Serbian peoples for this crisis. This in turn fostered the election of nationalistic leaders in the other republics and finally resulted in war because of the incompatibility of the different national aspirations. The author also depicts the further political development in the different Yugoslav republics under the circumstances of nationalism, multi-party systems and the war. As an underlying reason for the disintegration of the multi-ethnic Yugoslav federation and the outburst of nationalist populism the author emphasizes, among other things, the existence of an atomized society, characterized by collective submissiveness during the communist and pre-communist era, the lack of urbanisation, of civil society structures and the total absence of Vergangenheitsbewältigung, a coming to terms with the past, mainly concerning the wide-spread massacres between 1941 and 1945.
ÖZG 5/1994/1, 23-53
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Walter Manoschek: Victims, Heroes, War-criminals?

Questions concerning the involvement of single members and whole units of the German Wehrmacht, the regular German army, in war crimes during the Second World War still constitute a social taboo in Austrian public debate. Historical research has hardly at all dealt with the topic. Members of the Wehrmacht are alternatively described as victims of Hitler's politics or stylized into patriotic defenders of the fatherland. During the Second World War the Balkans constituted a military arena in which officers and privates of Austrian origin serving in the Wehrmacht were - for historical reasons - strongly overrepresented. Taking the examples of the Wehrmacht generals Franz Böhme and Walter Hinghofer - both Austrians - the author analyses in this article how Austrian generals and divisions consisting in their majority of Austrian soldiers carried out a criminal occupation policy in Serbia, a policy which - in the autumn of 1941 alone - cost the lives of tens of thousands of civilians.
ÖZG 5/1994/1, 54-77
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